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Die Sündflut

Ernst Barlach: Die Sündflut - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Sündflut
authorErnst Barlach
year1924
firstpub1924
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDie Sündflut
pages114
created20080703
sendergerd.bouillon@t-online.de
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73 Vierter Teil

75 1.

Wüste, der vornehme Reisende, gekleidet wie im ersten Teil, und Noah begegnen einander.

Reisender (im Vorübergehen): Eil' – eil', Noah, eil' – hast du keine Kamele?

Noah (stillstehend): Ich bin ein armer Mann – nein, ich besitze kein Tier, das mir diente – – ich gehe meines Weges wie mein Atem es zuläßt. Auch du tauchst deine Sohlen in den Staub. Aber da du mich eilen heißt, so will ich nur fragen, ob man weiter durch Dürre und Staub bis ins tiefe Land wandert – immer noch verdorrte Weiden, immer noch verdurstendes Vieh?

Reisender (nickt, kommt zurück, legt die Hand auf Noahs Schulter und zieht ihn zum sitzen nieder): Immer noch, aber eil' dich, eil' dich, nachdem wir zusammen ein Stündchen gerastet haben.

Noah: Calan, heißt es, ist weit und breit der Mächtigste im Land – hast du von Calan gehört?

Reisender (nickt): Was willst du von ihm – er ist gewiß mächtig und stark.

Noah: Ich muß seine Hilfe heischen. Es ist meines feindlichen Nachbars Tochter, die ich für meinen Sohn freien will – hilft er, und hilft er schnell, so kann Japhets Pein enden, ehe es zu spät ist.

Reisender: Es sind schlimme Leute, Noah, ich kenne sie – Japhet ist es, dem das Leben ohne Zebid zu 76 Leide ist? Er hat doch eine Frau, schön und von edlem Stamm. – Zebid? Nein, Noah, Zebid wird dir Kind und Kindeskinder verderben. Gottlos ist sie, gottvergessen; sie erfrecht sich, ohne Gott zu gedeihen.

Noah: Vielleicht wurde sie ohne ihre Schuld schlecht – kann sie dafür, daß ihre Speise Fraß war und feistes Verderben ansetzte? Japhet kann nicht anders, und er er kann nicht anders aus lauter gutem Herzen.

Reisender: Kehr um, Noah, kehr eilends um und laß die Gottlosen bei einander. Geh ins Gebirge zurück und halte Japhet zu Gehorsam und Ehrbarkeit an.

Noah: Japhet ohne Frau? Da gibts kein Anhalten – was kann Japhets gutes Herz dafür, daß es eine gottlose Frau verlangt? Gott hat ihm sein Herz gegeben.

Reisender: Nimm ihn in Zucht und er wird zufrieden sein.

Noah: Ich habe drei Söhne und nur zwei Frauen für sie, eine schlechte Aussicht auf eine gute Zucht im Hause, edler Herr. Wir brauchen von den gottlosen Töchtern des Landes. Sie werden zu Grunde gehen, wenn ich mich nicht eile. (steht auf) Gott kann ihr Herz wenden, wenn er will, da er meinen Söhnen ein Unvermögen geschaffen hat ohne Frauen zu leben.

Reisender: Eile heim, Noah, und trotze nicht. Deine Augen sehen die harte Dürre der Erde, dein Ohr weiß nichts von dem Saufen ihrer gespaltenen Tiefen. Du vertrocknest im heißen Atem, aber du spürst nicht das Zittern und Wühlen der Meere im brechenden Busen des 77 Grundes – schon haben die Winde des Himmels ihren feurigen Hauch fast verkeucht und zerfließen in Funken schwül und faul, sie sind erstorben in Furcht vor den brüllenden Finsternissen, die über die Welt verhängt sind. Eile heim, Noah, und danke Gott mit Gehorsam, aber vermische dich nicht mit den Gottlosen, wer mit Bösen haust, dessen Zelte blähen sich vom Schlechten wie schwangere Bäuche.

Noah: O Herr, nein, sage ich; Gott ist auch der Herr des Bösen, er kann es knechten und aus Widerstand Gehorsam machen.

Reisender: Kann er das, Noah?

Noah: Gott, der das Gute will, könnte das Böse nicht bändigen? Nein, Herr, so gottlos darf man nicht denken, ich will eilen.

Reisender: Was hat Gott mit dem Bösen zu tun, nicht er ist der Schöpfer des Bösen – soll es besser werden, so mögen sie sehen, woher sie es bekommen haben.

Noah: Du sprichst fast wie Calan, der gottlos ist – Gott kann das Böse verderben, er kann es auch verbessern.

Reisender: Willst du ihn meistern – willst du deine Maße in seine Hände legen? Geh heim, geh heim, Noah, geh heim!

Noah: Wenn er das Böse nicht knechten und zum Guten lenken wollte, ach Herr . . .

Reisender: Was dann, Noah, was dann?

Noah: Ach Herr, es würde klingen, wie wenn Calan 78 es sagte – Calan, der Gottes Feind ist – nein, ich kann es nicht sagen.

Reisender: Was sagt Calan, Gottes Feind?

Noah: Er sagt, das Gute kommt aus Gottes Güte und das Böse kommt aus Gottes Bosheit – wenn Gott nur gut wäre und nichts als gut, so wäre auch Gottes Bosheit nicht böse und alles Böse wäre gut.

Reisender: Hörst du die wölfischen Kinder heulen in der Wüste? Das ist das Gebell des Bösen gegen das Gute. Es schlummert noch in der Stimme der Zebid, aber es wird einmal erwachen und schrecklich bellen aus dem Munde deiner Kindeskinder – geh heim, Noah.

Noah: Was Gott zu Wölfen werden läßt, das bellt und beißt und heult mit Recht. (er blickt bestürzt um sich und schlägt sich auf den Mund) Wer wars, der das sprach – Worte, die mir wie Hornisse in die Ohren stechen! (er schlägt die Hände an die Ohren und stürzt davon).

Reisender: Auch du, Noah, fängst an zu faulen? – Pfuscherei, Pfuscherei, schreit die Welt mir entgegen – sieh, wie du mich fehlgeschaffen hast, heult sie mich an. Ich fürchte, ich werde wenig Freude an dir und deinen Kindern finden.

79 2.

Bergwald, man sieht im Hintergrunde die Arche ragen. Noah und Japhet arbeiten.

Noah: Einträchtig miteinander traben Reh und Fuchs und Löw und Luchs und alles vierbeinige Getier um unsern Bau. Sieh, Japhet, sicher sind sie auf der Flucht vor der Flut und Gottes Geist scheucht sie zu uns, daß wir sie bewahren.

Japhet: Ja, Vater, und schon fliegen Vögel, Raben und Tauben und das ganze Himmelsgezücht ab und zu und teilt sich ehrlich in die engen Winkel. Keins macht sich mausig mit Kreischen oder Piepen oder Schnattern; bauen tun sie wo wir bauen, Kammern in unsere Kammern und hängen Böden unter unsere Böden – alles gesammelt voll Gesäme, sauber gelesen, und gehäuft voll Fraß. Man sieht, sie wollen lange bei uns bleiben, Vater.

Noah: Sollen, Japhet – sollen bleiben. Gott gibt ihnen das Maß für ihr Müssen. Die Zeichen mehren sich, die Zeit reift.

Japhet: Die Zeit reift – gestern ging ich bis auf den Talgrund und ging weiter als ich wollte, nach Calan auszuschauen, und schauerte vor Sehnsucht nach Zebid. Da hörte ich zwei eilige Wanderer miteinander reden und der eine keuchte, daß der andere kaum zu Worte kam. Ich hörte aber doch, unten im Lande wühlen sich die Maulwürfe und Hamster und das Erdgewürm aus der Tiefe eilig 80 zu Tausenden an den Tag und wimmelt alles feucht durcheinander und zerfleischt sich um jeden Finger hoch von Boden. Ja, die Zeit reift. Ob Zebid wirklich kommt, Vater?

Noah (seufzt): Sie kommt, Japhet, ach Japhet, daß das nicht anders sein sollte! Calan hat es mir zugesagt und, Japhet, wie hat Calan dabei gegrinst, als er versprach, sie mit Gewalt, wenn es nicht anders ginge, willig zu machen.

Japhet: Sie wird herzlich zufrieden sein, wenn sie sieht, daß die Flut kommt und wird über der Flut alles von früher vergessen.

Noah: Traurig, traurig.

Awah, Ahire (scheltend).

Ahire: Sprich zu ihr, Noah; mich hört sie nicht, sie lacht auf mein Schelten und schüttelt sich in einer Tollheit von Lust – sieh, sie geht wie schaukelnd auf schwingendem Boden.

Awah: Schon in der Nacht erwachte ich und mein Herz taumelte.

Schöner als alle Engel ist der tanzende Klang, das immer gleiche Neue, der ewige Gesang. (sie ahmt die Bewegung von Wellen mit den Händen nach).

Ich sehe wie es klingt, ich höre wie es schwingt, das Ende wiegt den Anfang in den Armen.

Schwere schleicht auf leisen Füßen, hört ein Wort und wirft den Schwall der ewig leichten Herrlichkeit ans Herz – es spielen Wort und Welle, heben heilige Gewalten auf und nieder – die ewige Herrlichkeit steht auf und vergeht, 81 die ewige Heiligkeit rauscht und entsteht. Es schwillt – es droht, es dröhnt, es schweigt – es schwillt, es schweigt – es droht, es dröhnt . . .

Man hört Brausen starker Winde.

Noah: Die Zeit ist reif, Winde tragen die Flut heran.

Ham und Sem kommen gelaufen.

Japhet: Der Sturm hat gekalbt und Gebrüll auf die Berge geworfen.

Sem: Das Gestein wimmert und winselt.

Sie klammern sich aneinander, der Sturm heult.

Noah: Befehlt euch in Gottes Hut, habt Herz, Kinder, vertraut auf Gott.

Pause.

Sem: Das Haus steht, seht es steht, der Wind ging an ihm vorüber und es rührte sich kein Stück im Gefüge – – und hört doch, wie es im Wald von brechenden Stämmen schreit.

Noah: Gott hat gebaut – geht ins Haus, Kinder, und bergt die Frauen.

Ham: Der Sturm hat mir die Stimme in den Bauch hinein gestopft, meine Füße wollten sich im Boden verkriechen.

Sem: Faß mich, Awah, versuch zu stehen, geh Schritt für Schritt. Der Himmel ist geborsten und seine Fetzen schlottern uns um die Ohren, Alles im Kopf wirbelt mir durcheinander.

Ham: Geh voraus, Sem, schweig still, Sem; wer weiß, 82 was solche blindwütigen Winde für Einfälle haben – spuck nicht aus, wenn der Himmel hustet. Geh voraus, es hat sich übernommen und versucht es schon mit weniger Wut.

Ham und Sem ab mit Awah und Ahire.

Noah (schaut umher, aufatmend): Herr, du gehst schrecklich ins Gericht. Höre es fernhin fahren, Japhet. Halte mich grade, Japhet, meine Knie brechen.

Japhet: Es war wie eine Posaune und die alte Zeit fiel um.

Calans Stimme: da steht das Haus, sieh, Zebid, ein Bau wie eine Burg.

Calan und Zebid.

Noah: Gott hat den Bäumen befohlen, sich unter unsern Händen zu Balken zu biegen und in Bretter zu brechen, Calan; ja, und hat dem Bauch des Hauses geboten, daß er sich nach seinem Willen zu unserm Bedarf weitete, und den Wänden, daß sie mächtig wurden, die Herde des Herrn zu hüten. Seid willkommen, Calan, hab Dank, Calan. (zu Zebid.) Kind, dort sollst du mit uns in Gottes Schirm und Schatten wohnen. (er ergreift Japhets und Zebids Hände) So soll es denn sein, faßt eure Hände und habt euch lieb.

Zebid (tritt zurück): Calan hat mir gesagt, Ham hätte seine Frau verstoßen und begehrte mich für sie, nichts von Japhet.

Calan (lachend): Japhet, Japhet, Japhet war gemeint, ich habe mich nur versprochen. Selbstverständlich Japhet. 83

Noah: Nur von Japhet war die Rede; Japhet hat seine Frau von sich getan; Japhet hat dich mit Hoffen und herzlicher Qual verdient.

Zebid: Mich zu verdienen muß einer anders sein als Japhet, seht doch, wie steht er da, – Japhet!

Japhet: Weißt du nicht mehr, Zebid, was du in der Vollmondnacht, als ich dich auf dem Wege fand, sagtest? Wir zogen uns an den Händen lange hin und her; wenn ich dich haben wollte, sagtest du, so müßte ichs gegen deinen Willen schaffen, dann sollte es gut sein. So ist es gekommen, nun laß es gut sein, wie es gekommen ist.

Zebid: O, wie habt ihr mich eingehürdet. (zu Japhet) Wenn du verstehst, mich festzuhalten, so soll es gelten. Versuch es, Japhet, ich habe es auf Ham abgesehen.

Calan: Versuch es, Japhet.

Noah: Versuch es nicht, Japhet, sage nein, Japhet. Solche Gesetze, die Zebid gelten läßt, bringen keinen Frieden, bringen keine Freiheit, keine Freude.

Calan: Sie befolgt Gesetze, die ihr Freude bringen und ihre Art Frieden und Freiheit dazu. Kein Weibergut sonst, keine Erbrechte, nichts als die ganze Zebid mitsamt ihren Gesetzen habe ich euch verschafft. Versuch es, Japhet.

Japhet: Du wirst mir einst danken, Zebid, du verdankst mir schon das Leben. Und dankst du nicht heute, so dankst du morgen. Ich habe dich vor der Flut bewahrt und das Verderben hinter dir angehalten. Du sollst atmen, Zebid, wenn aller Atem auf der weiten Erde still steht, 84 frei, froh und friedlich atmen! Da siehst du, wer ich bin, und du, was du heute nicht weißt, wirst du morgen wissen und freudig darüber weinen. Komm zur Mutter mit mir. (faßt sie und führt sie ab).

Calan: Womit, Noah, meinst du, wird sie ihm danken?

Noah (schüttelt den Kopf): Es ist nun soweit, Calan, die Zeit ist reif – heute noch bedecken wir das Haus und, Calan, du weißt wohl, daß die Zeit reif ist.

Calan: Meinst du darum, weil die Mäuse und Maulwürfe in ihren Löchern versaufen? Wir sind keine Mäuse, Noah, ich nicht.

Noah: Dein Gott, denkst du, wird die Flut verscheuchen, oder hast du auch Balken und Bretter zugerichtet? Vergiß nicht, Calan, daß Awah es war, Awah, ohne Warnung und Belehrung, deren Geist entrückt wurde und die Flut schaute. Die Tiere des Waldes sammeln sich um das Haus, die Vögel des Himmels setzen sich in gemessener Zahl, wie Gott ihnen eingab, in meine Kammern. Die Zeit ist erfüllt und das Land in der Tiefe ist vollgesogen und reif zum Ausgießen seines Schoßes. Gott ist am Werk.

Calan: Und du und deine Söhne und ihre Weiber seid einzig wert zu leben – oder wie steht es damit, geht das an zu glauben?

Noah: Wie wir sind, Calan, so will uns Gott erhalten – wie Gott will, denke ich, so gut sind wir, nicht besser und nicht böser.

Calan: Auch ich, wie ich bin, so bin ich geschaffen und nun sage mir, Noah, wer hat meiner Beschaffenheit 85 befohlen, sich wie Aussatz unheilbar an mich zu setzen, wer, wenn nicht Gott? Wenn nicht deiner, so doch Einer. Einer war es, Noah, und ich bleibe der Sohn dieses Einen.

Noah: Wir wollen nicht rechten, Calan, da du heute mein Gast bist. Deiner oder meiner, wir werden sehen.

Calan: Kein Gast, Noah, ich bin der ich sagte, das ich sein wollte: stärker als Er und ich habe dir gezeigt, daß ich stärker bin.

Noah: Nicht rechten, Calan, wir werden sehen, wer der Starke ist, du oder Er.

Calan: Meine Knechte sind gehorsam; wenn die Flut steigt, sammeln sie sich um dein Haus, wie ich befahl, so gut wie Er den Tieren befohlen. Wenn Er am Werke ist, bin ichs nicht weniger, hat Er Wasser in seiner Hand, so habe ich Feuer in der meinen. Dein Haus wird brennen, Noah, mein Werk wird seines überwinden. Einer wird sein, der waltet, nicht deiner, sterben wir, so sterben wir durch den Einen nicht durch Ihn.

Chus kommt erschöpft und stürzt.

Chus: Töte mich nicht, Herr, ich sterbe ohne Schwert.

Calan: Fürchte dich nicht, Chus, sprich.

Chus (ohne Atem): Da du reistest in der Nacht, verkehrte der Fluß seinen Lauf. Morgens, als wir erwachten, spaltete sich der Grund gegen Norden und zerriß das Tal bis zu den Bergen, eine Wand von Wasser stieg aus der Tiefe, teilte sich wie durch den Streich eines Schwertes, warf sich nieder und zerbrach. Ich sterbe, Herr, nicht vor 86 Mühsal, nicht von verlorener Kraft, ich sterbe vor Grausen, mein Herz ist mit Keulen erschlagen, meine Ohren voll nichts als (er hält sich die Ohren zu) – – sie schreien, sie schreien und das Wasser schwemmt in ihre atmenden Seelen. Töte mich, Herr, daß ichs nicht länger erleide.

Calan (reißt ihm die Hände von den Ohren) Wo sind die Knechte, Chus?

Chus: Sie sind wohl daran, Alle still; hören nicht und sehen nicht, ihre Leiber wiegen in den Wirbeln und tauchen auf und nieder.

Calan: Die Herden, Chus, wo sind die Herden hingeraten?

Chus: Alles treibt wie grasend mit vollen Bäuchen im Wasser, ihre Beine schlottern und die Köpfe mit offenen Mäulern hängen fußwärts. Alle Stimmen sind verstummt, nur aus meinen Ohren wollen sie nicht weichen – töte mich, Herr, töte!

Calan: Wohin haben sich die Nachbarn geflüchtet?

Chus: Alles Fleisch, Mensch und Vieh, alles ist ohne Lust, ohne Laut, einzig meine Ohren tragen den Jammer des Tals in sich – alles Fleisch ist verdorben, Herr, frage nicht mehr, töte mich.

Calan: Du lügst, Chus, nichts ist verloren, Viele sind gerettet und warten auf Hilfe. Auf, Chus, lebe, gehorche.

Chus (stößt mit dem Fuß nach ihm): Ich habe lange genug gehorcht, jetzt ist es an dir zu gehorchen, töte mich, Bettelmann, Habenichts, töte mich, Hungerleider, Almosenbeißer! 87

Calan (mit starker Stimme): Wer sagst du, bin ich, du Knecht, wer – – Chus?

Chus (steht auf): Töte mich nicht Herr, deine Stimme ist stark und schön, deine Stimme wird ihr Geschrei aus meinen Ohren drängen. Du bist Calan, der Herr, und ich bin Chus, dein Knecht. Aber, Herr, ich bin das Letzte, was von all deinem Reichtum geblieben ist. Du bist ein armer Mann, aber ich bin Chus, dein Knecht.

Sem und Ham und Japhet kommen zögernd näher, weiter zurück Ahire, Zebid, Awah.

Noah: Die Zeit ist reif, die Zeit ist reif.

Calan (kehrt sich heftig nach ihm um): Die Zeit ist reif? Die Zeit ist faul, wo sich ein Gott damit quälen muß, seiner Welt Atem in Wasser zu verwandeln. Ein schönes Geschäft für einen Herrn! Awah, du bist zwischen ihnen allen wie ein Samenkorn, vom Wind aus den seligen Bereichen in die verfluchten Bereiche geweht. Keim der Freiheit, Keim der Freude, verflucht sei der Friede Noahs und aller Knechte. (zu Chus): Komm, Chus, mein Kind, zeige mir, was meine Ohren nicht glauben können, sehen muß ich, sehen. (will gehen).

Chus (schaudert, langsam mit dem Finger deutend): Sieh! Bis zum Rand des Himmels, leidlos, lautlos, leblos, träge in schlammiger Flut, die geblähten Leiber ans Licht wölbend, Bauch an Bauch gedrängt treibt die tote Menschheit und das tote Getier, Kamele, Kühe, Schafe, Stiere und Kälber, ein fleischiger Teppich stinkender Fäulnis über der Tiefe.

Calan: Ich will es sehen, komm Kind, komm, Chus. 88

Chus (schüttelt sich): Ich habe das Grausen in Augen und Ohren.

Calan: Es mag schlimm sein, zurückzusehen, laß uns vorwärts schauen. (zu Noah) Was steht ihr faulen Knechte da, geht ans Werk! Gott wird seinem Bau befehlen, sich zu bedachen. Hebt die Hände, schafft und schwitzt und vollendet, daß wir erleben wie ihr schwimmt, wenn die Flut ihren Weg herauffindet!

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