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Die Sündflut

Ernst Barlach: Die Sündflut - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Sündflut
authorErnst Barlach
year1924
firstpub1924
publisherPaul Cassirer
addressBerlin
titleDie Sündflut
pages114
created20080703
sendergerd.bouillon@t-online.de
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59 Dritter Teil

61 1.

Wüste. Der Bettler. Eine Meute wilder Kinder mit tierischen Gebärden und Wolfsgeheul schwärmt um ihn, sie schnappen nach ihm, schlagen ihn; indem er geduldig still hält, mißhandeln sie ihn. Die Engel kommen und stellen sich zu seinen Seiten, worauf die Meute auseinanderstiebt.

1. Engel: Wir kennen dich in jeder Gestalt.

2. Engel: Wir finden dich an jedem Ort.

Bettler: Es ist kein Heil bei den Menschen.

Engel (schweigen).

Bettler: Mein Werk höhnt meiner selbst.

Engel (schweigen).

Man hört von ferne heulen.

Bettler: Es ist nicht mehr meine Stimme, sie geifern gegen mich, sie wüten gegen meinen Willen – sprecht.

1. Engel: Sie kennen deinen Willen nicht.

2. Engel: Sie sehen nicht, sie hören nicht.

1. Engel: Ihre Seele weiß nichts von dir.

Bettler: Von Wem weiß ihre Seele aber, Wen sehen sie, Wen hören sie?

Engel (schweigen).

Bettler: Ich erliege unter der Last meines Grimms, ich ergrimme gegen mein Werk und ergrimme gegen mich selbst.

Engel (verhüllen ihre Gesichter).

Bettler: Fort mit den Menschen, damit ich Frieden 62 finde, fort mit euch, zurück in die Reiche der lichtgeborenen Riesen, badet den Erdendunst von euch in der Kraft des göttlichen Glühens! Laßt mich meines Werkes ohne euch walten.

Engel ab. Der buckelige Aussätzige.

Aussätziger: Hinter mir heults wie Wut, vor mir ist keine Hoffnung – ich fluche dem, der mich in diese wütende Welt gebracht. (er schlägt verzweifelt mit den Fäusten um sich und berührt dabei den Bettler, der zurücktritt.)

Warum schlägst du nicht wieder! (schlägt sich selbst ins Gesicht.) Schäm dich, daß du bist, daß du Prügel haben mußt für dein Dasein. Wär ich nicht, so müßte die Welt nicht verflucht werden.

Bettler: Deinetwegen ist die Welt verflucht?

Aussätziger: Meinetwegen? Ja, meinetwegen! Wie kann eine Welt taugen, wenn nur ein Einziger in ihr verdammt ist und verdirbt! Hinter mir mit Geheul jagen sie mich und verfluchen mich und nennen mich böse – und böse bin ich weil sie mich jagen und verfluchen – und verlachen – und verhöhnen! Und vor mir, was ist da vor mir? Ich atme Luft ohne Hoffnung und werde hoffnungslose Luft atmen, bis der Atem still steht. Dann werden noch die Schakale, die mich fressen, gegen einander lachen und sprechen: was für einen prächtigen Buckel er hat, sonst ist es ein Werk ohne Wert! Hä, wie ihnen mein Buckel schmecken wird. Ein Lumpenhund selbst für Schakale, das bin ich. – Du, du elender Bettelmann, kannst doch hinter dich schauen und wünschen, deine Jugend kehrte zurück, 63 nun – möchtest du nicht wieder jung sein wie einst, oder gäbe es auf der Welt zwei von meiner Sorte? Sagst du nichts, bist einer wie ich? Komm, wir wollen zu zweien fluchen, mach Fäuste: verflucht ist der Gott, der die Guten gut und die Bösen böse gemacht hat! Oho, sagst wieder nichts? Bist bange, daß er böse wird? So hast du noch was zu verlieren, worum dir bangt? Was könnte das sein – und was hätte ich am Ende auch noch zu fürchten, daß ich ihm schmeicheln möchte? Oho, ich habs, ja, so ist es, ich habe auch noch was zu verlieren. (stellt sich breitbeinig auf.) Ich – ich habe Ekel vor ihm – nicht vor mir, wie ich sonst dachte – vor ihm, der an mir schuld ist. Ich speie ihn an, ich breche mich aus über ihm! (zum Bettler) Und damit ich nicht ins Leere lange, so sei du mir gut für ihn, ersetz ihn mir, nimm das für ihn! (er schlägt den Bettler.) So sei Er geprügelt, so ins Gesäß gestrampelt, so gezaust. Und zum Schluß laß dir noch ein bißchen schäbigen Aussatz ins Gesicht schmieren, damit Er weiß wie ichs mit Ihm meine!

2.

Rauher Bergwald, geschlagene Stämme, Wind saust im Laub.

Sem mit der Axt arbeitet am Holz. Wenn er nicht schlägt, hört man von hinten den Schall einer zweiten und dritten Axt. Awah kommt.

Awah (stellt sich vor ihn und läßt ihr Gewand im Winde wehen): Wie schön ist es, Sem, wenn so die Frische um die gekühlten Glieder strömt. Ihr mit euren roten Nasen alle, und euren blauen Fingern – hör auf zu hacken, Sem, und horch, wie der Wind im Walde weht.

Sem: Wenn mein Beil aufhört zu bellen, so beißt es in Noahs Ohren: faule Söhne – und gleich kommt er gegangen. – – Wärest du nicht, Awah, so wärmte ich mich weit weg an der Sonne und meine Augen sollten mir den Weg weisen, wo ich meine weiße Nase wieder fände. So aber, weil du da bist, sind meine Augen zufrieden, Awah. (er setzt sich und sieht sie an.)

Awah: Die schönen Engel hatten keine roten Nasen – fühle, Sem, wie warm meine Hände sind. (sie nimmt seine Hände.) Die Engel waren anzurühren wie glattes Elfenbein, du und Japhet und Ham habt haarige Haut. Wie schön mag Gott anzufassen sein, vielleicht darf ich ihn auch streicheln, Sem, meinst du, daß ich das darf?

Sem: Warum nicht, Awah – leg deine Hände auch auf meine kalten Backen und streich mir über Stirn und Augen, denk, ich wäre Gott, und er erlaubte es dir. 65

Awah (tut es): Deine Backen sind weich und deine Stirn ist glatt, Sem.

Sem: Denk an Gott, Awah, denk, er säße hier wo ich sitze und erlaubte dir, ihn zu kosen, so viel du wolltest.

Awah: Ich habe Gott sehr lieb.

Sem: Ich auch, Awah, wir haben ihn beide sehr lieb. Ich weiß mehr von ihm als mein Vater und alle Anderen. Hör zu, ich will dir erzählen. Aber nun ist es genug, daß deine Hände mich pflegen, genug für heute; wenn ich Gott wäre, so müßtest du mir danken, weil ich aber Sem bin, so danke ich dir. Also hör.

Awah (setzt sich neben ihn)

Sem: Gott ist nicht überall und Gott ist auch nicht Alles, wie Vater Noah sagt. Er verbirgt sich hinter Allem, und in Allem sind schmale Spalten, durch die er scheint, scheint und blitzt. Ganz dünne, feine Spalten, so dünn, daß man sie nie wieder findet, wenn man nur einmal den Kopf wendet.

Awah: Hast du ihn gesehen, Sem?

Sem (nickt)

Awah: Wie sah er aus, Sem, sage mir, Sem, wie sah er aus.

Sem: Er sieht aus wie nichts, was es sonst gibt, wie kann ich es also sagen, Awah. Aber, wenn du willst, so will ich mich besinnen, nur mußt du mir Zeit geben, bis ich es sagen kann; frag ein ander Mal wieder. Ich seh ihn oft durch die Spalten, aber es ist so seltsam geschwind, daß 66 es klafft und wieder keine Fuge zu finden ist – seltsam Awah.

Noah mit einer Stange treibt den buckeligen Aussätzigen und den verstümmelten Hirten vor sich her.

Noah: Taugenichtse, Tagediebe, fort mit euch in eure verfluchten Reiche!

Hirt (hebt flehend beide Armstümpfe hoch, Noah erkennt ihn).

Noah: Du – ohne deine geopferten Hände, du bist es? Calan hat dich geschlagen, nicht ich; Gott hat es zugelassen, nicht ich. Warum suchst du mich heim?

Hirt (blickt auf seine Arme): Sie bluten nicht mehr, aber mit Schmerzen und Schrecken schleppe ich mich zu meinen Brüdern. (zeigt gegen die Bergwand) Bis hinter die Berge muß ich ziehen. (weist auf den Aussätzigen) Ihn fand ich unterwegs, er soll bei mir sein und Nahrung finden und Freundschaft.

Noah: Deine Brüder werden ihn verjagen. Es hilft nicht, ich habe nichts mit euch zu schaffen, fort mit euch, Calan hat es getan und Gott hat es zugelassen, nicht ich.

Aussätziger: Wenn einst ein Größerer Gott an Nase und Ohren schändet, dann laß es lieber nicht zu, Noah, laß es nicht zu. Laß lieber deine eigenen Nasen und Ohren und gib dich gerne drein, wenn Gott nur heil bleibt. (zeigt auf den Hirten) Er ist Gottes Kind und du hast es nicht gehindert, daß Calan ihn schlug. Er wird dich bei Gott verklagen, wird sagen: er hat es nicht gehindert – Noah heißt der Mann, Noah, der Gottes Knecht ist. 67

Noah: Schrei nicht so laut – und fort mit euch, ich habe nichts mit euch zu schaffen.

Hirt: Ach, die Wunden, ach, die Schmerzen, ich schäme mich meiner Wunden und Schmerzen, ich schäme mich, daß ich so geschändet bin.

Noah: Fort mit euch, es sind Gottes Werke, an die ihr euch mit euren Worten wagt.

Awah: Sind das Gottes Werke?

Noah: Gottes eigene Werke, Awah, sieh nicht hin.

Awah: Gottes Werke sind grausig, wenn das Gottes Werke sind.

Sem: Sieh hin, Awah; ich möchte solche Werke nicht getan haben.

Noah: Fort mit euch in eure verfluchten Reiche (er treibt sie fort, zu Sem und Awah) Betet zu Gott, so befällt euch kein Aussatz, dient ihm, so behaltet ihr eure Hände, fürchtet ihn, so bleibt ihr verschont, liebt ihn.

Awah: Ich kann ihn nicht lieben, wenn das seine Werke sind.

Sem: Ich auch nicht, Awah, er ist ein harter Herr.

Noah: Wir wollen bauen, Sem. Ham mit den Stieren holt die behauenen Balken, – – nein, sie haben nichts gesehen und begriffen die beiden. Wenn die Flut kommt und die Völker auf die Berge flüchten, wo wir bauen – wir haben keinen Platz als für uns und unsere Tiere! (zu Awah) Sie sind es nicht wert zu leben, Awah, wir allein sind es wert, du mit uns. 68

Awah: Er war schön und hatte keine Hände – Japhet ist häßlich und hat Hände.

Noah: Hätte er gebetet, so hätte er seine Hände behalten.

Awah: Ich habe auch nicht gebetet und habe meine Hände doch behalten.

Noah: Liebe Japhet, Awah, das ist Gottes Wille.

Awah: Japhet, nein, Japhet nicht; keiner ist von euch so schön wie er ohne seine Hände – und Gott liebt ihn nicht?

Sem: Er ist ein harter Herr, Awah, er gibt keine Hände wieder.

Awah: Ich will Japhets Frau nicht sein, ich will nicht, daß Japhet noch einmal seine schmutzigen Hände auf mich legt – hilf mir, Sem, ich will viel lieber deine Frau sein.

Sem: Hörst du, Vater, sie will lieber meine Frau werden.

Noah: Ach, Kinder, uns alle wird die Flut verschlingen, wenn wir nicht bauen.

Sem: Ich will nur bauen, wenn du mir Awah gibst. Sonst bringe ich sie auf die andere Seite der Berge und warte, ob die Flut dorthin reicht, oder was sie sonst tut. Und Japhet wird sich nicht lange besinnen und sich bei dem Volk der dicken Zebid untertun – aber gewiß nicht bauen. Es wäre am besten, du gäbest ihm die Zebid und ich verspreche dir, daß du staunst, wie seine Hände sich bei Tage für das schwimmende Haus rühren, wenn sie sich bei Nacht auf der Zebid ausruhen können. 69

Noah: Die große Heidin, die mit den Knechten ihres Vaters vor hölzernen Götzen tanzt und ihre jungen Brüder vor der Zeit verdirbt?

Sem: Dann bleibt Awah bei uns in unseren Zelten und nach der Flut fände Zebid ohnehin wenig Freude mehr an ertrunkenen Knechten und stinkenden Brüdern.

Noah: Wo mag Ham bleiben, Ham soll euch sagen, was ihr für Bursche seid, du und Japhet – Ham, Ham!

Sem: Und sieh, Vater, da die dicke Zebid sich wegen Japhet beim Tanzen und täglicher Tollheit nicht stören lassen wird, so könnte Calan, wenn du ihn bätest . . .

Noah (unruhig hin und her): Ham, Ham!

Sem: Ham, Ham!

Ham (von hinten): Wartet ich komme.

Ham, Sem spricht mit ihm.

Noah: Calan, Calan? (händeringend) Calan soll ich bitten, daß er uns die Heidin und gräuliche Götzendienerin mit ihrer wütenden Wollust zutreibt? Die uns all unsere fromme Zufriedenheit in Fleisch und Verderben ersticken wird! Was sagst du, Ham, Ham, was sagst du?

Ham: Zebid, Vater, will ich dir sagen, hat nur einen Fehler – nicht, daß sie eine so große Heidin ist, das wollten wir ihr bald abgewöhnen, denn sie hat mir oft gesagt, ihr Gott wäre im Grunde nicht besser als sonst einer.

Noah: Dir hat sie das gesagt, was hattest du mit ihr zu tun?

Ham: Ach, das ist lange her, so lange, daß ich es fast vergessen habe. Es kommt auch gar nicht darauf an. Sie 70 war immer etwas kurzluftig und brauchte jemand, der sie ins Lachen brachte, denn dann wurde ihr wieder wohl – und ich war damals ein ordentlicher Spaßvogel, siehst du.

Noah: Aber was für einen Fehler hat sie in deinen Augen?

Ham: Ein prachtvoller Bau – das ist wahr – solche Schenkel!

Noah: Aber sag ihren Fehler, Ham, ihren Fehler!

Ham(reibt die Stirn): Ihr Fehler, sagte ich etwas von ihrem Fehler? Nein, Fehler hat sie nicht, gar nicht, ganz und gar nicht – – ach so, das war's, was ich meinte, aber schließlich geht es mich nichts an, was für Fehler sie hat; wenn Japhet sie haben will, so wird er es ja selbst merken, warum soll ich ihn scheu machen.

Noah (verzweifelt): Die Flut, die Flut, und ihr steht da und redet hin und her vom Bau der Zebid.

Ham: Ich kanns nicht helfen – ein prachtvoller Bau. Fürchten tu ich nur, die Flut kommt gar nicht und wir sind vor lauter Wasserscheu arme Leute geworden. Und Calan ist weit und breit der Mächtigste im Lande –

Japhet steht seit einiger Zeit im Hintergrunde.

Noah: Ich muß manchmal daran verzagen, ob ihr wert seid zu überleben. Awah, Kind, die Welt ist winziger als Nichts und Gott ist Alles. Kommt, kommt, macht es mit eurer Mutter aus, sprecht mit ihr über das Alles, aber laßt mich bei dem Werk nicht im Stich. Wir müssen bauen!

Sem: Ich baue nur für Awah.

Ham: Und ich will mein Teil auch tun. Kommt die 71 Flut, so ist es immer noch lustiger, die dicke Zebid ist bei uns, als daß wir miteinander allein im Trocknen hocken. Kommt die Flut nicht, so werden wir alle Calans Knechte, darum laßt seine Gönnerschaft gegen uns nicht taub werden – machen wir uns mit Bitten bei ihm zu tun. Gelegenheit macht gnädig. Eine Handhabe, sage ich; Calan hat einen Sack voll Anschläge und ist nur um eine Handhabe verlegen.

Noah: Eine Handhabe?

Ham: Ja, eine Handhabe. Bringt er uns die Zebid im Guten oder Bösen – es gibt mit ihrer Sippe Freundschaft oder Feindschaft, und welches von beiden – Calans Finger verlangen danach, Calan weiß damit seine Anschläge zu handhaben.

Japhet (hervortretend und einen Freudensprung machend) Und ich will auch mein Teil tun, wahrhaftig, und Zebid soll bezeugen, ob ich mein Wort halte. (umarmt Awah) Ach, Awah, wie freue ich mich, daß ich Zebid haben soll!

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