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Die Sünde des Abbé Mouret

Emile Zola: Die Sünde des Abbé Mouret - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEmil Zola
titleDie Sünde des Abbé Mouret
publisherkurt Wolff Verlag A.-G.
seriesDie Rougon-Macquart
volumeDer fünfte Band
printrun1. ?10. Tausend
year1922
translatorAlastair
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080224
projectid6acf10cc
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Erstes Buch

1

Die Teusin lehnte beim Hereinkommen Besen und Staubwedel an den Altar. Sie hatte sich mit dem Einweichen der Halbjahreswäsche aufgehalten. Zum Angelusläuten durchquerte sie die Kirche, hinkte in der Eile stärker und stieß gegen die Bänke. Neben dem Beichtstuhl hing der Strick vom Gewölbe nieder, seine kahle Schäbigkeit lief in einen starken, abgegriffenen Knoten aus. Mit aller Kraft und in gleichmäßigem Zug hing sie sich an ihn, dann ließ sie sich mitschwingen, wogte in ihren Röcken hin und her, mit verrutschter Haube, das breite Gesicht blutbedrängt. Nachdem sie ihre Haube mit einem leichten Klaps zurechtgeschoben hatte, ging die Teusin außer Atem zurück, um vor dem Altar zu fegen. Hier setzte sich der Staub jeden Tag hartnäckig fest, zwischen den schlechtgefügten Dielen der Estrade. Mürrisch und erbost stöberte der Besen in den Ecken. Dann nahm sie die Decke von der Altarplatte und bemerkte geärgert, daß das große Übertuch, an zwanzig Stellen bereits ausgebessert, gerade in der Mitte neu durchgewetzt sei; das doppeltgefaltete Untertuch war ebenfalls so dünn und fadenscheinig, daß man den im bemalten Altarholzwerk eingelassenen geweihten Stein sehen konnte. Sie entstaubte das alte, vergilbte Leinenzeug und fuhr heftig mit dem Federbesen am Altaraufbau entlang, gegen den sie die liturgischen Tafeln aufrichtete.

Hierauf bestieg sie einen Stuhl und entfernte die gelbkattunenen Schutzhüllen vom Kruzifix und den zwei Armleuchtern. Das Kupfer erwies sich fleckgetrübt.

»Ja, ja,« brummelte die Teusin vor sich hin, »die können das Putzen schon vertragen. Mit Tripel müßten sie bearbeitet werden.« Dann machte sie sich auf den Weg nach der Sakristei, hinkend und fast auf einem Bein, unter Gliederverrenkungen und einem Gestolper zum Steinerweichen, holte das Meßbuch, legte es geschlossen auf das Pult zur Seite der Epistel, die Schnittfläche der Altarmitte zugekehrt. Zwei Kerzen wurden entzündet. Indem sie ihr Kehrzeug fortschaffte, ließ sie den Blick ringsum wandern, um sich zu versichern, daß der Haushalt des lieben Gottes wohlbestellt sei. Die Kirche schlief; einzig der Glockenstrick neben dem Beichtstuhl schwang noch von der Wölbung zum Steinboden nieder in biegsamer Längsbewegung.

Gerade betrat der Abbé Mouret die Sakristei, ein kleines kaltes Zimmer, das nur ein Gang vom Eßzimmer trennte.

»Guten Tag, Herr Pfarrer,« sagte die Teusin, ihre Geräte abstellend. »Ah, heut' morgen haben Sie Faulpelz gespielt! Wissen Sie, daß es schon Viertel nach sechs ist?« Und ohne dem lächelnden jungen Geistlichen Zeit zur Antwort zu lassen, fuhr sie fort: »Ich muß mit Ihnen zanken. Wieder ein Loch in der Decke. Das ist Unvernunft! Wir haben nur eine zum Auswechseln, und seit drei Tagen verderb' ich mir die Augen beim Stopfen, und der arme Jesus wird nackt und bloß sein, wenn Sie so weitermachen.«

Immer noch lächelte der Abbé Mouret. Fröhlich sagte er: »Jesus benötigt gar nicht so viel Wäsche, gute Teuse; ihm ist allzeit warm, und ein fürstlicher Empfang ist immer ihm bereitet, wenn man ihn innig liebt.« Dann fragte er, zu einem kleinen Röhrbrunnen gehend:

»Ist meine Schwester schon auf? Ich habe sie noch nicht gesehen.«

»Fräulein Desiderata ist schon längst unten,« antwortete die Dienerin, vor einem alten Küchenkasten kniend, der die geweihten Kleider barg. »Sie ist schon bei ihren Hühnern und Stallhasen ... gestern erwartete sie Kücken, die nicht auskriechen wollten. Die Aufregung können Sie sich denken!« Sie unterbrach sich mit der Frage: »Das goldene Meßgewand, nicht wahr?«

Der Priester, der sich, ein Gebet auf den Lippen, die Hände gewaschen hatte, nickte zustimmend mit dem Kopf. Die Pfarrei besaß nur drei Meßgewänder, ein violettes, ein schwarzes und eines aus Goldstoff. Des letzteren bediente man sich auch an den Tagen, wo weiß, rot oder grün vorgeschrieben war; so gelangte es zu außerordentlichem Ansehen, und die Teusin nahm es voller Sorgfalt aus dem mit blauem Papier belegten Gefach, wohin es nach jeder Zeremonie gebreitet wurde, legte es auf den Kasten und entfernte vorsichtig die schützenden Leinenstreifen von den Stickereien. Ein Goldlamm schlummerte auf goldenem Kreuz, von breitem Goldgestrahl umgeben. Das in den Falten berstende Gewebe franste in kleinen Büscheln aus. Die erhaben gestickten Verzierungen zergingen und lösten sich auf. Im Haus gab es seinethalben eine ständige Besorgnis, ängstliche Fürsorglichkeit angesichts dieser fortschreitenden Auflösung. Fast täglich mußte der Pfarrer es anlegen. Und wie es ersetzen, wie die drei Gewänder beschaffen, deren Amt es versah, wenn die letzten Goldfäden zerschlissen sein würden!

Die Teusin breitete über das Meßgewand die Stola hin, Manipel, Gürtel, Chorhemd und Achseltuch. Aber ihr Mundwerk stand nicht still trotz eifriger Bemühungen, die Manipel kreuzweise über die Stola zu legen und die Gürtelschnur in so kunstvollen Windungen anzuordnen, daß sich das gesegnete Zeichen des hochheiligen Namens Maria bildete. »Diese Gürtelschnur taugt nicht mehr viel,« murmelte sie. »Sie sollten sich entschließen, eine neue zu kaufen, Herr Pfarrer. Wenn ich Hanf hätte, könnt' ich Ihnen sogar selbst eine weben.«

Der Abbé Mouret gab keine Antwort. Auf einem kleinen Tisch stellte er den Kelch bereit, einen großen alten Kelch aus vergoldetem Silber mit Bronzefuß, dem rohhölzernen Schranke entnommen, der geweihte Gefäße und Linnen, heilige Öle, Meßbücher, Kerzenhalter und Kreuze barg. Über den Kelch legte er ein frisches Reinigungstuch, stellte auf das Tuch den Hostienteller aus vergoldetem Silber, der eine Hostie enthielt, und verhüllte diese mit kleiner leinener Kelchdecke. Als er den Kelch verschleierte, mit in zwei Falten gepreßtem Goldstoff, dem gleichen, aus dem das Meßgewand bestand, rief die Teusin:

»Halt, es ist kein Meßtuch im Beutel. .. Gestern abend habe ich alle Reinigungstücher sowie die Kelchdecken und die gebrauchten Meßtücher mitgenommen, um sie zu waschen, für sich, versteht sich, nicht mit der anderen Wäsche ... Ich vergaß zu sagen, Herr Pfarrer; gerade habe ich die Lauge angesetzt. Sie ist schön kräftig; besser als das letztemal.«

Und während der Priester ein Meßtuch in den Beutel gleiten ließ und auf die Umhüllung den Beutel tat, den ein goldumgebenes Goldherz schmückte, fing sie aufgeregt wieder an:

»Dabei fällt mir ein, bald hätte ich's vergessen, dieser Bengel von Vinzenz ist nicht gekommen. Wollen Sie, daß ich die Messe bediene, Herr Pfarrer?«

Streng sah sie der junge Priester an.

»Ach! Das wäre keine Sünde,« fuhr sie fort mit gutmütigem Lächeln. »Einmal habe ich sie schon bedient, die Messe, zur Zeit von Herrn Caffin. Ich bediene sie doch sicher besser als Schlingel, die ein Heidengelächter loslassen wegen einer Fliege, die in der Kirche summt ... Gehen Sie mir, wenn ich auch eine Haube trage, sechzig Jahre alt bin und turmdick, so habe ich doch mehr Hochachtung vor dem lieben Gott als diese Lausebengels, die ich neulich wieder hinter dem Altar beim Bockspringen ertappte.«

Der Priester sah sie immer noch an und schüttelte abweisend den Kopf.

»Ein rechtes Nest, dieses Dorf,« schalt sie. »Nicht einmal hundertfünfzig Seelen. An manchen Tagen, so wie heute, ist nicht ein Mensch im ganzen Artaud aufzutreiben. Bis zu den Wickelkindern ist alles in den Weinbergen! Wenn ich nur wüßte, was da wohl viel zu tun ist in den Weinbergen! Disteldürre Weinstöcke, die in Kieseln wachsen! Ein Land für Wölfe, meilenweit von jeder Straße! Wenn nicht ein Engel herabsteigt zum Messedienen, Herr Pfarrer, bleibe nur ich Ihnen übrig, auf mein Wort! Oder eines der Kaninchen von Fräulein Desiderata, mit Verlaub.«

Gerade in diesem Augenblick aber öffnete Vinzenz, der jüngere Brichet, die Sakristeitüre. Sein rotes Borstenhaar, seine kleinen, grau schillernden Augen waren der Teuse ein Ärgernis.

»Oh, du Spitzbube!« rief sie. »Wetten könnte ich, daß er geradewegs von irgendeiner Untat kommt ... So eil' dich, Strick, da der Herr Pfarrer ja Angst hat, ich könnte den lieben Gott verschandeln!«

Als er den Jungen sah, hatte der Abbé Mouret das Achseltuch genommen, küßte das Kreuz in der Mitte und legte es sich einen Augenblick auf den Kopf, dann, es auf den Kragen seiner Sutane zurückschlagend, schlang er und band die Schnüre, die rechte über die linke. Darauf zog er das Chorhemd, Symbol der Reinheit, an, mit dem rechten Arm zuerst. Vinzenz, hingekauert, kroch um ihn herum, ordnete das Chorhemd zurecht und gab acht, daß es überall gleichmäßig, zwei Finger breit von der Erde, hänge. Sodann reichte er dem Priester die Gürtelschnur, der sich fest damit die Lenden gürtete, um dadurch die Stricke zu versinnbildlichen, die den Erlöser fesselten auf seinem Leidenswege.

Eifersüchtig, gekränkt, stand die Teusin da und versuchte sich still zu verhalten; die Zunge brannte ihr aber dermaßen, daß sie gleich wieder loslegte: »Bruder Archangias war da ... nicht ein einziges Kind wird heute wohl zur Schule kommen. Wie ein Windstoß ist er auf und davon, um im Weinberg diese Brut bei den Ohren zu nehmen... Es wäre gut, wenn Sie mit ihm sprächen – ich glaube, er hat Ihnen etwas zu sagen.«

Der Abbé Mouret gebot ihr Schweigen mit der Hand. Er hatte die Lippen zum Reden nicht mehr aufgetan. Nun sprach er die vorgeschriebenen Gebete beim Anlegen der Armbinde, die er küßte, bevor er sie an seinen linken Arm streifte, unterhalb des Ellenbogens, zum Zeichen des Bemühens um gute Werke und beim Kreuzen der seine Würde und Machtvollkommenheit darstellenden Stola über der Brust, nachdem er auch diese geküßt hatte. Die Teuse mußte Vinzenz beim Befestigen des Meßgewandes behilflich sein; sie zog es mittels dünner Schnüre zusammen, um ein Rückwärtsgleiten zu verhindern.

»Heilige Jungfrau! Ich hab' die Kännchen vergessen,« stotterte sie, zum Schrank hastend. »Da, geh her, schnell, Bub!«

Vinzenz füllte die Kännchen, grobe Glasgefäße, währenddem sie sich beeilte, ein sauberes Wischtuch aus einer Schublade zu nehmen. Der Abbé Mouret, den Kelch in der linken Hand bei der Verkröpfung haltend, die Finger der rechten Hand auf dem Beutel, neigte sich tief, ohne das Barett abzunehmen, vor einem Christus aus schwarzem Holz, der neben dem Küchenkasten hing. Der Junge beugte sich ebenfalls; dann, vorausgehend, die mit dem Reinigungstuch zugedeckten Krüge tragend, trat er heraus aus der Sakristei, gefolgt von dem Priester, der gesenkten Blickes in tiefer Andacht schritt.

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