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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 9
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
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VIII

Ein Ehrenhandel

»Fräulein Eudeline, es ist jemand unten, der Sie sprechen will.«

Als die Aufseherin diese Worte in den Lärm des Arbeitssaales hineinrief, fuhren alle die über die Apparate gebeugten Köpfe mit den gewundenen Chignons und den verschiedenartigen Löckchen mit demselben neugierigen Ruck empor, und während Dina mit vor Vergnügen zitternden Händen vor dem Hinausgehen ihre Lade schloß, hörte sie, wie es an allen Tischen ringsum flüsterte: »Die gelben Handschuhe, die gelben Handschuhe!« Das war eine Anspielung auf jenen gewissen Besuch, der im Haupttelegraphenamte noch immer berühmt war.

Ach ja, sie wartete wirklich auf den Besucher mit den hellen Handschuhen! Tags zuvor hatte ihr eine Depesche aus Lyon die Ankunft Claudius' und seinen Besuch in der Rue de Grenelle für denselben Tag gegen vier Uhr angemeldet. Dem Vater ging es besser, er wünschte sie kennen zu lernen und würde sie aufsuchen, sobald er wiederhergestellt war.

Bis sechs Uhr wartete sie vergeblich vor dem Ausgang, dann entschloß sie sich, ein Briefchen in die Rue Cambon zu schicken, auf das keine Antwort kam. Man kann sich daher die Freude des kleinen Aschenbrödels bei dem Ruf der Aufseherin: »Es ist jemand unten, der Sie sprechen will« und ihre Enttäuschung vorstellen, als sie am Fuß der Treppe statt der langen, schwankenden Gestalt ihres Lyoner Freundes den kleinen, weichen Hut Antonins und seinen Zwilchanzug sah.

»Wie, du bist es!« rief sie und sah in ihrem schwarzen Kittel ganz blaß aus.

Er war befangen, wußte nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte, und stammelte:

»Ja, ich fahre nach London, der – die – Dingsda – und ich wollte dir einen Kuß geben, dir auch sagen, daß, wenn du Geld brauchst – Raimund, der mir zur Bezahlung seiner Möbel zuerst Wechsel gab, zog es vor, sofort bar mit mir zu ordnen – ich wollte nicht, da wurde er zornig – und jetzt habe ich da Überschüsse, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Mama will nichts mehr von mir annehmen, denn Raimund würde böse werden, jetzt, wo er diesen Verleger hat, der ihm alles vorschießt, was er will. Da habe ich gedacht, daß du vielleicht – schließlich, nicht wahr? – der – die –«

Dina, deren Gedanken und Blick weit abwesend waren, dankte ihrem lieben Antonin, aber auch sie brauchte kein Geld.

»Weißt du, was ich dann in diesem Falle tun werde?« sagte Antonin nach einer Minute des Nachdenkens. »Die fünftausend Franken, die unser Vater für den Bau schuldig war, die werde ich endlich Herrn Izoard zurückgeben. Ich glaube, daß Raimund mir deswegen nicht böse sein wird.«

»O nein,« meinte die Schwester noch immer zerstreut.

Dann setzte sie lebhaft, mit erregter Stimme hinzu:

»Toni, erweise mir einen Gefallen –«

Ihre kleinen, fieberheißen Hände hielten seine Hand wie ein Werkzeug.

»Gehe in die Rue Cambon Nummer sechs – frage, ob Herr Claudius Jacquand auch wirklich in Paris ist.«

»Jacquand, der reiche Senator von Lyon?«

»Nein, sein Sohn.«

Antonin schob zögernd seine dicke Unterlippe vor.

»Ich gehe, wohin du willst, Didine, aber ich möchte nur gern wissen, ob das Haus, in das du mich schickst, nichts mit – schließlich, nicht wahr? – der – Dingsda – mit dem zu tun hat, was Mama so unruhig macht.«

Die blauen Augen des Kindes wurden dunkler und richteten sich entschlossen auf ihn.

»Gewiß, Brüderchen, es steckt dahinter ein Geheimnis, das ich bewahren mußte, was es mich auch kostete, da es nicht mir allein gehört; aber du siehst, diese Medaille,« – Dina zog ein Medaillon, das an einer dünnen, goldenen Kette hing, zwischen ihrem Arbeitskittel und dem weißen Kragen hervor – »die ist die Ursache von allem, die da könnte meinen Roman unterschreiben; denn ein Roman ist es. Aber wie kann etwas schlecht sein, dessen Urheberin Unsre Liebe Frau von Fourvières selber ist?«

»Ich gehe unverzüglich in die Rue Cambon, Schwesterchen,« sagte der brave Junge mit seiner gewöhnlichen Aussprache und seinem himmlischen Lächeln.

In jenem Teile der Rue Cambon, dem die Garten des Justizministeriums durch einen breiten Raum von Luft und Licht ein freundliches Aussehen geben, unter der Toreinfahrt von Nummer sechs, wo die Jacquands, Vater und Sohn, den ganzen ersten Stock und das Erdgeschoß bewohnten, stand ein majestätischer Haushofmeister und sprach lebhaft inmitten einer Gruppe von Bedienten in weißen Schürzen und wollenen Westen. Während Toni neben ihnen vorbeiging, hörte er ein paar Worte, die ihn der Mühe des Fragens überhoben.

»Wir haben noch keine Nachrichten von Herrn Claudius,« antwortete das imposante Faktotum einem schmeichlerischen, ausgehungerten Reporter. Der Journalist, der sich in Muße Notizen machte, setzte seine Nachforschungen fort.

»Um wieviel Uhr findet das Duell statt?«

»Um neun Uhr,« antwortete der Haushofmeister. »Jetzt ist es elf; ich wundere mich, daß ich noch keine Nachricht habe, trotzdem der Arzt unsers Herrn Claudius, Doktor Hurpar, mir versprochen hatte –«

»Doktor Hurpar, sagen Sie?«

Der Reporter stellte, um bequemer schreiben zu können, den Fuß auf einen Eckstein im Winkel der Tür. Antonin näherte sich ihm.

»Weiß man, mit wem Claudius Jacquand sich schlägt?«

»Aus welcher Welt kommen Sie?« fragte jener, ohne den Kopf zu heben. »Selbstverständlich mit Wilkie Marquès.«

Die Augen des armen Jungen mit den Albinowimpern rollten ganz verstört umher.

»Nicht möglich – Wilkie – der – die – Dingsda –«

Er wollte sagen: »Wilkie, der Freund meines Bruders, Wilkie, der in Didine verliebt ist.« Aber die Worte kamen ihm ja nie rechtzeitig, und der Journalist konnte, während er zuhörte, glauben, daß er es mit einem jener aufgeregten Menschen, jener halben Narren zu tun habe, die die fieberhafte Flut der großen Städte mit sich wälzt.

Zwei- oder dreimal war die ganze Dienerschaft durch Wagen, die laut lärmend in die Rue Cambon einbogen, unnützerweise aufgeregt worden.

»Da ist meine Depesche,« sagte endlich der Haushofmeister, als er einen Telegraphenboten mit dem verhängnisvollen blauen Papier in der Hand erscheinen sah.

In der Tat, es war die Depesche des Arztes, die den verhängnisvollen Ausgang des Kampfes in jener abgekürzten Misch- oder Negersprache meldete, zu der sich die meisten Leute verpflichtet halten, wenn sie sich des Telegraphen bedienen, und zwar mehr dem Brauch entsprechend als aus Sparsamkeit.

»Tiefe Wunde rechte Leistengegend, Schenkelader berührend. Prognose sehr ernst. Vater benachrichtigen. Nicht transportabel.«

Der Sohn eines Senators, ein so reicher junger Mann! Eine bestürzte Stille entstand, die der Reporter benutzte, um die Depesche abzuschreiben. Auf den Bäumen des Gartens gegenüber schrien sich die Krähen heiser.

Toni kehrte mit gepreßtem Herzen zu Didine zurück.

Sie trippelte, ganz Unruhe und Ungeduld, reizend in ihrem Jäckchen, ihrer kleinen, einfachen Mütze, aufgeregt auf dem Asphalttrottoir vor dem Haupttelegraphenamt umher.

»Ich weiß, ich weiß,« sagte sie, ohne ihm Zeit zum Stammeln zu lassen. »Das Telegramm ist, von Choisy kommend, bei uns durchgegangen – ich wartete auf dich, um zu erfahren, wo sie sich geschlagen haben und wo man ihn gelassen hat, da er nicht transportabel ist.«

»Ich werde dich begleiten, Didine. Du kannst nicht allein hingehen.«

»Und deine Reise?«

»Oh, meine Reise–«

Er machte jene sorglose Bewegung mit den Schultern, mit der er alles auf viel später verschob, was nur ihn selbst und seine eignen Interessen betraf.

»Also komm,« sagte sie, indem sie sich aufgeregt an seinen Arm hing.

In Choisy-le-Roi, der ersten Station auf der Linie Orleans, gab man ihnen nur sehr unbestimmte Auskünfte. Das Duell hatte am andern Ufer der Seine, in einem Garten, einem Privatbesitz stattgefunden. Auch der Apotheker wußte nicht viel mehr; da er die Menge doppeltchlorsaures Eisen, die man von ihm verlangt hatte, nicht liefern konnte, mußte er zu seinem Kollegen nach Maisons-Alfort schicken. Endlich, als der vor Hunger vergehende Antonin bei dem Schwesterchen durchsetzte, daß sie in eine Schenke am Ufer eintraten, um einen Bissen Brot zu essen, verschaffte ihnen der Zufall, der hier in Form der weißen, riesigen Mütze eines Morbihaner Mädchens die Funktionen einer Amme und eines Kellners verrichtete, alle Auskünfte, deren sie bedurften.

»Stellen Sie sich nur vor, vor einer Stunde hatten sich vier Herren, die aus einem offenen Landauer ausstiegen, an demselben Tisch ein tüchtiges Frühstück auftragen lassen. Sie kamen von Pompadour, von gegenüber, von Lassus, wo einer von ihnen, ein kleiner Herr, glattrasiert wie ein Priester, eben einem seiner Freunde den Säbel in den Leib gerannt hatte. Der Kleine da schien sogar über seine böse Tat sehr froh zu sein, und die ganze Zeit über tat er nichts als lachen, indem er sein Glas in die Höhe hob und damit anstieß –«

Dina lachte nicht. Stumm und zitternd, die Zähne über ihrem tiefen Kummer zusammenbeißend, ging sie seit einer Weile, auf den Arm Antonins gestützt, der sie führte, beinahe trug. Sie überschritten die Brücke von Choisy und betraten die Landstraße von Villeneuve-Saint-George. Sie wird von alten Ulmen beschattet, deren unterer Teil mit einem dichten grünen Filz überzogen ist. In der Ebene bildete das Sickerwasser der nahen Seine da und dort kleine Seen, Teiche mit gerundeten Ufern, die unter sich durch lange Kanäle verbunden waren, an deren Rand ungeheure Weiden zu kauern schienen. Schwärme von Zugvögeln kreisten schreiend über dem stehenden Wasser, das einen traurigen, verschleierten Himmel widerspiegelte. Hinter den Bäumen flogen Eisenbahnzüge vorüber, und auf der Straße in der Richtung nach Paris wanderten vereinzelte Fußgänger erschöpft und ängstlich dahin.

»Siehst du, Toni,« seufzte plötzlich das Kind mit verzweifeltem Ton, »was mir das Herz zerreißt, ist, daß alles durch mich kam, daß ich die Ursache dieses großen Unglücks bin.«

Er sah sie entsetzt an.

»Du, Schwesterchen?«

»Ja, ich – seit zwei Stunden denke ich nach, zerbreche ich mir den Kopf. Was uns die Magd von der Heiterkeit dieses Banditen erzählt hat, ließ mir schließlich ein Licht aufgehen. Jetzt verstehe ich, sehe ich klar, und du wirst es auch verstehen.«

Mit wenigen bestimmten, blitzschnellen Worten, mit jener hellsehenden Intuition, die die Liebe der Frau verleiht, erklärte sie ihm den ganzen Plan Wilkies zur Verhinderung ihrer Heirat. Er hielt bei ihrer Mutter auf ein Jahr, auf anderthalb Jahre hinaus um ihre Hand an, machte derart jeden Schritt Claudius' unmöglich und würde später, um sich seines Versprechens zu entledigen, tausenderlei Mittel gefunden haben. Aber ihre Heirat mit Claudius beruhte ja auf einem Wunder; das konnte Wilkie nicht wissen. Er konnte nicht wissen, daß die plötzliche Übereinstimmung zweier Wesen, die sich nie gesehen hatten, diese in einer Ballnacht getauschten ewigen Schwüre nur die Folge einer hohen göttlichen Einmischung sein konnten – die Unsrer Lieben Frau von Fourvières, deren Bildnis das junge Mädchen, die kleine Götzenanbeterin, wie Vater Izoard sie nannte, nie verließ. Was also konnte gegen eine solche Macht aufkommen? Da der Elende nun sah, daß seine Falle durchschaut und nur noch Rache möglich war, erinnerte er sich, daß er in ein paar Händeln eine verhängnisvoll glückliche Hand gehabt hatte. Diesmal war sein Gegner das harmloseste, sanfteste Wesen von der Welt, eine brave, ernste Seele, einer, der über einen Degen, eine Pistole wie ein gefährliches, albernes Kinderspielzeug lächelte. Der arme Claudius! Sie meinte ihn zu hören, wie er mit einem nachsichtigen, mitleidigen Lächeln zu seinen Zeugen sagte: »Ihr glaubt also wirklich, daß ich mich schlagen muß?« Sie stellte ihn sich vor, wie er an diesem Morgen in Pompadour einen letzten Blick auf die Straße warf, auf der sie nun einhergingen, ehe er in dieses Haus trat, dessen rote, unregelmäßige, von den Baumwipfeln und den Stangen einer hohen Schaukel überragte Dächer vor ihnen auftauchten. Nach der weißen, zierlichen Fassade des Hotels mit den gestickten Vorhängen, den rosa Vorhanghaltern und dem Schilde »Pavillon Pompadour« sah man im Erdgeschoß riesige Salons für Hochzeiten und Festmahlzeiten, dann einen ländlichen Gasthof, Ställe, Dachböden, Schuppen, rastende Karren, während andre, abgespannte Karren inmitten der aufgeregt umherrennenden Hennen die Deichsel in die Luft streckten. Ein dicker, ganz in weiße Leinwand gekleideter Hotelier, der richtige Wirt aus den alten Ritterromanen, lief Antonin und seiner Schwester in einem kühlen, fliesenbelegten Korridor entgegen. Im Hintergrund ließen bunte Scheiben zitterndes Laub sehen. Der Mann sprach halblaut, in einem gekünstelten, gesammelten Ton, denn seit dem Morgen wiederholte er mit derselben Betonung immer wieder dieselben Phrasen.

»Ach, mein Herr, meine Dame, was für ein schreckliches Unglück! Aber wie konnte man das ahnen? Nicht wahr, da Herr Wilkie schon so lange Zeit Ausflüge hierher macht und immer ein, zwei Zimmer bestellt, konnte ich es ihm doch nicht abschlagen, als er sagte, daß das Duell im Garten stattfinden würde, und daß ich ihm die Allee, wo die Schaukel steht, rechen lassen solle. Ich schickte also einen Gärtner hinaus, um die Allee herrichten zu lassen, dann gingen alle, meine Frau, meine Kellner ins Haus hinein, um die Herren nicht zu stören. Unglücklicherweise hatte es in der Nacht geregnet, und der Rasen, die Erde glitt einem unter den Füßen fort. Das können Sie selbst sehen; nach einem Augenblick war es nicht mehr möglich, sich draußen zu schlagen. So machten wir denn einen Saal im Erdgeschoß auf, den größten, wo fünfhundert Personen speisen können, der aber fast nie benutzt wird. Dort haben sie ein paar Minuten lang miteinander gekämpft, und zuletzt fiel der Große mit einer Wunde im Unterleib nieder. Die Wunde blutete sehr stark und machte auf dem Parkett einen großen dunkeln Fleck, den man wohl schwer wegbringen wird.«

Im Verlaufe seiner Erzählung zeigte der Mann mit der weißen Mütze seinen Besuchern von der Schwelle aus die ganz zertretene Allee zwischen dem Boskett und der Schaukel, wo das Duell angefangen hatte.

»Und der Verwundete – wo ist er? Wo hat man ihn hingelegt?«

Dina zwang sich zu dieser Frage, um zu sich zu kommen und ihre Stimme, ihr Herz, die schwach wurden, zu festigen.

»Der Verwundete, meine Gnädige? Oh, im großen Saal. Der Doktor bestand darauf, ihn nicht transportieren zu lassen. Wir haben ein Bett neben dem Klavier aufgestellt. Wenn der Herr und die Gnädige einen Blick hinwerfen wollen – es ist niemand bei ihm als eine Krankenschwester und ein Lyoner Arzt, der den Herrn Jacquand zum Duell begleitete.«

Antonin sprach den Namen Hurpar aus.

»Ganz richtig,« sagte der Wirt. »Dieser Doktor Hurpar muß ein Freund der Familie sein, denn er hat in ›Pompadour‹ zwei Zimmer bestellt, eines für den Vater, der kommen soll, und das andre für ihn selbst.«

Das kleine Aschenbrödel wechselte die Farbe.

»Der Vater? Der Vater soll kommen?«

»In zwei Stunden wird er hier sein.«

Mit dieser Versicherung öffnete der Mann majestätisch die Tür seines Salons, in dem fünfhundert Personen speisen konnten.

Der ungeheure Raum mit den geschlossenen Schalterläden machte einen ergreifenden Eindruck. Bänke und Tische häuften sich in wirrem Durcheinander zwischen dem weißlackierten, vergoldeten Getäfel auf. In dieser für ordinäre Feste bestimmten Umgebung stand zwischen einem Wandschirm, der eine Art Alkoven bildete, und dem mit Watte und Flaschen bedeckten Deckel des Klaviers ein Gurtbett. Beim Nähertreten erkannte man in dem Halbdunkel eine breite, bleiche Stirn, schwere, vom Schweiß eines fieberhaften Schlafes bedeckte Lider, und unter dem Gekräusel eines seidigen jungen Bartes zwei bleiche, halboffene Lippen, die sich fortwährend ganz leise im Delirium bewegten. Der Arzt saß im Halbschlaf auf einem Sessel; die weiße Haube einer Krankenschwester von Saint-Vincent de Paul bewegte sich geschäftig umher, während ihre Flügel leicht rauschten und der dicke Rosenkranz leise klirrte.

Bei dem Geräusch der aufgehenden Tür, dem Flüstern der sich nähernden Stimmen hatte der Arzt den Kopf gehoben; aber kaum erschien die feine Silhouette des jungen Mädchens, so fuhr er zusammen, als hätte er sie erkannt, und ging ihr rasch entgegen.

»Fräulein Eudeline, nicht wahr?«

Er hatte einen herzensguten Blick, seine Stimme einen warmen, teilnehmenden Klang. Dina antwortete, um nicht in Schluchzen auszubrechen, nur durch ein Zeichen.

»Er lebt, Fräulein, er lebt,« fuhr der Arzt fort, »aber seit heute früh neun Uhr, seit er dort niedergefallen ist,« – er deutete auf den dunkeln Fleck, der sich auf dem Fußboden gebildet hatte – »hat er noch nicht das Bewußtsein erlangt – kein Blick, keine Bewegung. Vielleicht versuchen Sie, sich ihm verständlich zu machen. Ich weiß, was Sie ihm waren. Gestern abend, sehr spät, als ich sein Zimmer verließ, schrieb er Ihnen – zweifellos ein Lebewohl für den Fall eines Unglücks. Er hat seinen Brief nicht abgesandt – irgendein Aberglaube mag ihn zurückgehalten haben. Wir Lyoneser sind nun einmal so.«

Das junge Mädchen ließ den Doktor reden und näherte sich, am ganzen Körper zitternd, dem Bette. Auf der Decke lag eine lange, regungslose, bleiche, schweißtriefende, brennende Hand; sie ergriff sie, beugte sich darüber und rief ganz leise, ganz dicht neben ihm:

»Claude, ich bin es – ich bin da, bei Ihnen – öffnen Sie die Augen – antworten Sie Ihrer Freundin.«

Der Verwundete machte einen Ruck, gleichsam eine Anstrengung seines ganzen Wesens, bloß um einen schwachen Beweis von Bewußtsein zu geben, das Lid ein wenig zu heben; aber es gelang ihm kaum, und der trübe Blick verschleierte sich abermals, nachdem in einem Winkel der Pupille ein kurzes, flackerndes Flämmchen erschienen war, das bald erlosch. Jetzt brachen die Tränen der Verzweiflung, die die arme Kleine seit dem Morgen zurückdrängte, hervor, ergossen sich auf die teure, fieberheiße Hand, und ihre Tränen, ihre Küsse mit diesem Todesschweiß vermischend, sank sie am Fuß des Bettes von der stolzen Höhe ihres Traumes vor dem bißchen zusammen, das davon übriggeblieben war.

*

Während das kleine Aschenbrödel in der düsteren, vorstädtischen Karawanserei kniet und sich der Verzweiflung hingibt, ist man in der »Wunderlampe« um Dina besorgt und wartet, nach der Uhr des Instituts spähend, angstvoll ihre Rückkehr ab. Eine regenanzeigende, rotglühende Abendsonne läßt die gebahnten Regale aufglänzen und die »Leuchtkäfer« auf der Vorderseite funkeln. Frau Eudeline hat einen Haufen von Leihbibliotheksbüchern vor sich liegen, die sie mit zerstreuten Fingern öffnet und schließt, während ihre Brille als Lesezeichen zwischen den Seiten liegt. Jeden Augenblick beugt sie sich auf die Straße hinaus. Mein Gott, wie spät Didine heute kommt! Da ziehen schon die Fräuleins aus der Gemeindeschule mit ihren kleinen Absätzen klappernd vorüber; die langen Sanziolocken hängen golden über die Schultern, und unterm Arm tragen sie einen Zeichenkarton, der dem Beutel der Kleinen ähnelt – aber Didine benimmt sich auf der Straße viel ernsthafter, und ihr Frätzchen versteht, wenn es sein muß, die Leute fernzuhalten.

Indem Madame Eudeline ihre Augen und ihren Geist derart umherschweifen läßt, heimst sie nur trübe Gedanken und sehr viel Langeweile ein; die Bücher trösten sie wenigstens, wiegen sie mit ihren alten Romanzen ein, und so vertieft sie sich wieder in die »Gefängnisstunden der Madame Lafarge«, in die »Erinnerungen von Reine Garde«, einer der plebejischen Musen, die Lamartine in die Literatur eingeführt hat.

Die Türklingel ertönt – Didine?

Nein. Die Eintretende ist größer, ruhiger, bewegt sich auch langsamer, und ihr bleiches Gesicht neigt sich, als sei das Haar zu schwer für diesen Kopf.

»Wie, du bist es, Tantchen? Schnell, liebe Tochter, setze dich neben mich, damit ich dich ansehe; man sieht ja gar nichts mehr.«

Und in der Freude, das liebe, treue Geschöpf, das sie beinahe wie ihre Kinder liebt, ans Herz drücken zu können, bemerkt Frau Eudeline gar nicht, daß Geneviève es vermeidet, sie anzusehen, daß ihre schönen, grauen Augen unter den langen, wie ein Vorhang gesenkten Wimpern sich verstecken. Besonders wenn jene sie »meine Tochter« nennt, sieht das Mädchen befangen aus. Dieses Wort erinnert sie an ihre falsche, traurige Stellung, an das, was sie sein könnte und ach, nicht ist . . . Immer lügen, hier wie bei dem alten Vater, immer Vorwände für ihr Ausbleiben erfinden . . .!

Es ist wahr, sie könnte sich nachmittags eine Stunde freimachen und sie bei Madame Eudeline verbringen, aber das Landleben macht einen so faul. Wenn das Frühstück vorbei ist, wenn der Vater seine Siesta gehalten, seine Runde im Garten gemacht, wenn Tantchen ihn auf der Landstraße bis zum Freiheitsbaum begleitet hat, bleibt gerade noch Zeit, einen Brief zu schreiben, ihre Handarbeit vorzunehmen, und schon läutet es vom alten Glockenturm den Abendsegen.

»Aber am Abend bin ich doch hier,« meinte die Mutter naiv, »da kannst du immer sicher sein, mich zu treffen.«

»Oh, ich weiß wohl, aber Casta ist seit einigen Wochen in Paris.«

Geneviève, die sich noch nicht ans Lügen gewöhnt hat, wird beim Erwähnen ihrer Freundin ganz rot; denn nicht bei Sophie Castagnozoff bringt sie ihre Abende und ihre Nächte zu. Der Beweggrund, den sie angibt, die stundenlangen Diskussionen mit der Russin auf der einsamen, düsteren Chaussee des Boulevard Montparnasse oder in Morangis, wo sie sich in den grünen Feldern voll Tau und Mondstrahlen die Stiefelchen naß machen, nehmen sich so wahrscheinlich aus, die Träume dieser zwei jungen Anhängerinnen Tolstois sind so großmütig, so beredt, daß Frau Eudeline nur eine Besorgnis hat.

»Ich beschwöre dich, liebes Kind, diese Gründungen von Spitälern, von Kliniken für mutterlose Kinder sind ja gewiß herrlich; in deinem Alter nimmt einem das den Kopf ein, bringen einen solche Dinge in Begeisterung, aber denke doch an deinen Vater, der nur dich hat! Wenn er sich auch den Bart streicht und sagt: ›Geh, mein Kind, du bist frei,‹ so sagt er damit doch ebensowenig die Wahrheit wie Dina, wenn ich sie frage: ›Didinchen, was fehlt dir?‹ und sie mir antwortet: ›Aber gar nichts.‹ Denn du mußt wissen, ich habe aus meiner kleinen Geheimnisvollen noch immer nichts herausgebracht. Ich stehe nicht weiter als an dem Tage, an dem du mit ihr gesprochen hast.«

Wider Willen nahm das Tantchen eine verdrossene Miene an.

»Wirklich?«

Diese Gespräche über Dina wurden ihr unerträglich, waren eine jener Ursachen, die sie das Haus meiden ließen. Vor allem fühlte sie sich des ihr erwiesenen Vertrauens unwürdig, und es erschien ihr als eine zu arge Heuchelei von ihrer Seite, dem jungen Mädchen mit versteckten Worten Lehren über Anstand, über Würde zu geben, wie man von ihr verlangte. Aber wie hätte sie sich dem entziehen können? Angesichts der zärtlichen Klagen Frau Eudelines blieb ihr nichts übrig, als schuldbewußt zu schweigen.

»Ja, siehst du, Geneviève, man kann sich so ein Herzeleid gar nicht vorstellen. Sein Kind neben sich, dicht neben sich zu haben, so ein kleines Mädchen, das einen nie verlassen hat, auf das Klopfen ihrer Adern zu horchen und sich zu sagen: Sie hat etwas, wovon ich nichts weiß! Besonders des Nachts in unserm Zimmer ist es so schrecklich; denn die Kleine wollte durchaus nicht den Hängeboden Raimunds nehmen. Manchmal sehe ich beim Licht der Nachtlampe, daß sie unbeweglich mit offenen Augen daliegt. ›Schläfst du, Didine?‹ – ›Nein, Mama.‹ – ›Woran denkst du?‹ – ›An nichts.‹ Oh, diese Antworten, die jedem Gespräch im Zweifel, im Nichts ein Ende machen; dieses Nichts, das so viel bedeutet!«

Tantchen schüttelte lächelnd den Kopf, und im Tone ihrer Antwort lag wohl ein wenig schmerzliches Bedauern und Neid.

»Ach, ich bitte Sie, Mama Eudeline, die Träumereien, denen sich ein kleines Mädchen hingeben kann, das nie anderswo als bei der Mama unter geweihten Buchszweiglein, Rosenkränzen und Medaillen geschlafen hat, können wohl nicht sehr gefährlich sein.«

In diesem Augenblick klingelte es mehrmals hintereinander. Es war noch nicht Didine, aber Kunden, die bedient werden mußten. Der letzte war sehr begriffsstutzig, und Frau Eudeline mußte ihm lange die Vorteile der »Leuchtkäfer« vor allen andern Glühlichtlampen erklären. Endlich stürzte ein großer, blonder junger Mann mit verstörtem Gesicht herein.

»Raimund!« schrie die Mutter auf.

Sie ließ die in Unordnung geratenen Etageren, den Kunden mit der auseinandergenommenen Lampe in der Hand stehen und stürzte außer sich auf ihren Jungen zu.

Aus welchen feinen und festen Ringen besteht jene Kette sozialer Formeln, deren die Menschen sich nur zu entledigen suchen, um sich daraus andre, noch lästigere zu schmieden? Warum empfand Raimund, so oft er mit seiner Mutter und seiner Geliebten zusammen war, eine so grausame Verlegenheit?

»Ist es nicht ein Wunder, wenn man jetzt Geneviève hier trifft?« sagte Frau Eudeline zu ihrem Sohn, um sich selbst die Befangenheit zu erklären, die, wie sie fühlte, zwischen den beiden herrschte. »Stelle dir vor, sie wäre nicht einmal gekommen, wenn Antonin nicht abreisen hätte sollen. Aber es geschieht ihr recht, sie hat ihn nicht mehr gesehen, ihren Antonin, sie hat ihm nicht Adieu sagen können. Er ist fort, und zwar ganz böse – oh, nicht gegen Tantchen, aber gegen mich, weil ich mich weigerte, sein Geld anzunehmen. Der arme Junge!«

Sie wandte sich stolz zu Geneviève:

»Gesteh, es ist nett, wie die zwei Jungen sich um die Ehre streiten, ihre alte Mutter zu erhalten!«

O heilige, mütterliche Einfalt! Wie verzweifelt wäre die arme Frau gewesen, wenn sie die Demütigung hätte ahnen können, die sie ihrem vielgeliebten Sohne bereitete, indem sie vor Geneviève von dem Gelde sprach, das von ihr kam! In der Tat, die dreißigtausend Franken, die er geschworen hatte nicht zu berühren, waren bereits in Angriff genommen; der Stachel seiner Eitelkeit, das Bedürfnis, dieses großartige Erstgeburtsrecht zu betonen, schließlich seine persönlichen Bedürfnisse hatten ihn meineidig gemacht. Aber da Geneviève die Geldlade nie öffnete, rechnete er darauf, ihr nichts gestehen zu müssen, bis ihn ein gelungenes Buch, ein Theaterstück in den Stand setzen würde, das herausgenommene Geld zu ersetzen. Wie um die arme Mutter für ihre Indiskretion büßen zu lassen, fiel er daher in einen harten, brutalen Ton. als er die Frage an sie richtete:

»Wo ist Didine? Noch nicht zurück?«

»Nein, liebes Kind, sie hat sich wohl im Amt verspätet, wahrscheinlich irgendeine Rede im Senat oder in der Kammer.«

Raimund, der nervös auf der Längsseite des Ladens umherwanderte, blieb vor dem Ladentische stehen, wo Frau Eudeline an der Seite Genevièves wieder Platz genommen hatte.

»Ich komme aus dem Amt – sie ist schon vor zwölf Uhr fortgegangen.«

»Vor zwölf Uhr?«

Die arme Mutter fiel Tantchen schluchzend um den Hals.

»Habe ich dir nicht gesagt, daß dieses Kind uns etwas Schreckliches verbirgt!«

»Etwas Schreckliches ist der Tod Claudius Jacquands allerdings,« sprach die Stütze der Familie feierlich.

»Claudius Jacquands?« wiederholte Frau Eudeline verständnislos.

»Ja, der Mann, den sie dir zum Schwiegersohn bestimmte – nun, er ist tot, so gut wie tot.«

Ein paar blitzschnelle Worte ließen nun vor der Mutter das ganze Feenmärchen des neuen Aschenbrödels vorüberziehen – angefangen vor der Soiree im Auswärtigen Amt, den im Namen Unsrer Lieben Frau von Fourvières getauschten Schwüren, bis zu dem tragischen Duell, dessen Einzelheiten die Abendblätter erzählten.

»Oh, dieser Wilkie,« schloß Raimund mit der unwillkürlichen Ehrerbietung, die man in seinem Alter für alle Sieger empfindet. »Fünf Zoll Eisen in die Weichen, Peritonitis und Tod,– genau das, was er sich vorgenommen hatte!«

Bei diesen Worten ertönte ein neues Klingeln an der Tür, und plötzlich erschien Dina, gefolgt von Antonin, der allen ein diskretes, mitleidiges und gutmutiges »Pst!« zuflüsterte, während die Kleine steif aufgerichtet, mühsam unter dem Schleier das Schluchzen unterdrückend, durch den Laden schritt.

Die Mutter erhob sich sofort, um ihr nachzugehen.

»Mama, ich bitte dich,« flehte der jüngere Sohn.

»Ich weiß, ich weiß,« murmelte die gute Frau, und während sie hinter die Glaswand trat, faltete ein schwermütiges Lächeln ihr graues Gesicht.

»Ich habe schon so viel derartiges erlebt, so viel –«

Die beiden Brüder und Geneviève beratschlagten neben dem Zahltisch in dem halbdunkeln Laden. Niemand dachte daran, anzuzünden.

»Ist er denn tot?« fragte der älteste mit leiser Stimme, nachdem Toni die Erzählung ihres traurigen Besuches in Pompadour beendet hatte.

»Noch nicht ganz, aber beinahe,« flüsterten die dicken Lippen des jüngeren leise. »Wer weiß, vielleicht geht es heute nacht zu Ende.«

Der älteste Bruder deutete in den Hintergrund, aus dem ein herzzerreißendes Klagen ertönte.

»Hat er ihr geschrieben?« fragte er. »Hinterläßt er ein Testament?«

»Ich glaube nicht.«

Eine böse Freude schwebte um den blonden Schnurrbart des älteren Bruders. Gewiß, er hätte nichts dagegen gehabt, wenn seine Schwester durch eine großartige Heirat, durch die auch die Familie etwas abbekommen hätte, reich geworden wäre. Aber er fühlte, daß in diesem kleinen Wesen so viel Verachtung, so viel Empörung steckte. Während seine Mutter und der jüngere Bruder den Willen des Vaters Eudeline, der dem ältesten Sohne seine Macht übertragen hatte, ehrten, brachte sie allein einen Geist der Unabhängigkeit in die Familie, der durch das ungeheure Vermögen noch zunehmen und erbitterter werden würde. Daher triumphierte Raimunds Stolz heimlich trotz seiner scheinbar mitleidigen, unbestimmten Worte.

»Wie dunkel es bei uns ist, Kinder,« sagte Frau Eudeline, indem sie aus dem Hinterladen hervortrat.

Antonin stand auf, um die elektrische Beleuchtung aufzudrehen; freilich, die Nacht war gekommen, ohne daß jemand darauf geachtet hatte – das Auslagefenster der »Wunderlampe« leuchtete sofort bis zum gegenüberliegenden Trottoir auf, und im Innern empfanden diese so plötzlich aus dem Dunkel herausgerissenen Wesen, die einander doch liebten, gleichsam Überraschung und Befangenheit, als hätten sie einander ihre Gedanken verraten. Die geblendeten Blicke mieden einander blinzelnd, mit zuckenden Lidern.

»Und Dina?« fragte Raimund, ein zärtliches Interesse heuchelnd.

Obwohl die Mutter jetzt beruhigt war, da sie das Geheimnis ihrer Tochter kannte, glaubte sie in demselben betrübten Ton antworten zu müssen:

»Die arme Dina ist ganz gebrochen; sie legt sich nieder und bittet, sie zu entschuldigen. Ich werde mich an ihr Bett setzen. Toni wird ja, wenn er nicht sofort abreist, wohl so gut sein, bis zum Geschäftsschluß im Laden zu sitzen. Nicht wahr, du wirst das tun?«

Ob er es wollte, der brave Junge, und mit welcher Begeisterung! War doch sein Gepäck seit dem Morgen aufgegeben, und jetzt konnte er nur dem – schließlich, nicht wahr? – der – Dingsda – man erwies ihm einen wahren Gefallen, wenn man ihn bleiben ließ.

Als Tantchen diese wirren Erklärungen, dieses freudige Gekläff eines guten, dicken Hundes hörte, während die armen, wimperlosen Augen von einem zum andern gingen, wie um alle diese entgegengesetzten Gefühle zu einer einzigen, vertraulichen Harmonie zu vereinigen, wurde ihr mütterliches Herz ganz gerührt.

Zweifellos bemerkte der älteste Eudeline auf dem schönen, blassen Gesicht der Freundin jenes teilnahmvolle, bewundernde Lächeln, durch das seine Eifersucht bereits früher gelitten hatte; denn erfaßte den jüngeren Bruder bei der Schulter und zog ihn an sich, wie um ihn durch seine hohe Gestalt und sein hübsches Gesicht zu erdrücken.

»Gib mir einen Kuß, Kleiner, und reise morgen glücklich,« sagte er. »Ich gehe nach Hause, um zu arbeiten. Jetzt muß ich ja doppelt in den Ofen schieben; außer dem Brot für das Haus muß ich noch die Mitgift für das Schwesterchen verdienen. Ich maße mir nicht an, ihr die fünf- oder sechshunderttausend Franken jährlicher Revenuen wieder einzubringen, die sie verloren hat, aber trotzdem hoffe ich, ihr ein Glück in bescheidenem Wohlstand zu erobern.«

Seine Stimme zitterte, sein ausgestreckter Arm bot sich zum Bürgen der Zukunft an.

»Was sagt ihr, ah, was sagt ihr!« rief Frau Eudeline den beiden andern zu, indem sie ihre alten Locken schüttelte.

»Und ich, Raimund? Wirst du mir nicht erlauben, dir bei der Verheiratung Didines zu helfen?« fragte der jüngere Bruder schüchtern.

»Wenn du willst,« antwortete der ältere, indem er die Stirn des Kleinen, der sich zu ihm emporreckte und ihn so unschuldig bat, mit den Lippen streifte. »Aber wie wirst du das machen, armer Junge, da doch dein Militärdienst herannaht? Wo wirst du einen Augenblick Zeit finden, um dich mit dieser Mitgift zu beschäftigen? Ich denke täglich an deine Aushebung und nehme mir vor, bei Marc Javel eine Audienz zu nehmen, um mit ihm über deine Angelegenheit zu sprechen.«

»Wirklich, wirklich, du denkst daran? Oh, wie gut du bist!«

Und während Antonin vor Dankbarkeit beinahe weinte, sagte Frau Eudeline ganz leise zu Geneviève:

»Wenn mein armer Mann uns dort, wo er ist, jetzt sieht, wie glücklich muß er da sein! Er hat uns ein wirkliches Familienoberhaupt hinterlassen.«

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