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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 8
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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VII

Memoiren eines Geheimagenten

In seinem großen Kabinett auf dem Quai d'Orsay, wo trotz des bereits eingetretenen Frühlings hinter einem fächerförmigen Funkenfänger ein großes Holzfeuer flammte, stand der Minister des Auswärtigen bei eintretender Dämmerung vor dem gold-rosigen Himmel und kaute an einer erloschenen Zigarre, während er sinnend und ärgerlich seinen weißen Schnurrbart drehte.

»Eine gute Sitzung, Valfon? Ist das Ministerium noch nicht abgemäht?«

Der junge Wilkie Marquès, der wie ein Windstoß zur Tür hereingefahren war, bekam keine Antwort. Um sich Haltung zu geben, nahm er von dem Schreibtisch des Ministers die zur Unterzeichnung bestimmten Briefe und las sie mit der größten Aufmerksamkeit durch. Dann sagte er, als werde er von einer plötzlichen Idee unterbrochen:

»Sapperment, heute abend ist Diner in der englischen Botschaft – ich kann nicht dabei sein.«

»Warum?« fragte Valfon, ohne sich umzudrehen, mit trockener Stimme.

»Weil ich mich morgen schlage. Ich muß mir Zeugen suchen, mir bei Ayat, bei Gastine die Hand geschmeidig machen.«

Der Minister, der im Zimmer auf und ab schritt, blieb plötzlich stehen.

»Vergiß nicht, daß du meinem Kabinett angehörst – ich stehe mit der Presse gut – mache mir keine Geschichten.«

Wilkie erzählte rasch, um was es sich handelte.

Er hatte Florence versprochen, ihre Heirat wieder zurechtzuflicken, und da es mit Sanftmut nicht ging, wollte er Gewalt anwenden.

»Mit wem schlägst du dich?«

»Mit Claudius – mit wem denn sonst? Er hat alle meine Kombinationen zerstört. Glücklicherweise kommt er von Lyon zurück, seinem Vater geht es besser.«

»Und du glaubst, daß du den großen Lyoneser dazu bringen wirst?« murmelte Valfon, an seiner Zigarre kauend.

»Täusche dich nicht, das ist eine kampflustige Rasse. Die Rhone bei Lyon ist von ihren Gletschern nicht weit entfernt! Kalt und nebelig, aber doch reißend; Lyon ist sozusagen Genf, scheinheilig, aber tapfer – kurz, wir werden sehen.«

Der diensttuende Türsteher öffnete die Tür.

»Der Herr ist da.«

»Lassen Sie ihn eintreten, zünden Sie aber nicht an.«

Der Minister winkte seinem Stiefsohne, der hinter der Tür verschwand, während der Angemeldete durch die andre eintrat.

Im Halbdunkel zeichnete sich die Silhouette eines dicken Mannes in einem Samtrock, weichem Hut, mit einem rotgeschwollenen Gesicht und einem schwarzen, struppigen Bart ab.

»Nun, Mauglas?« fragte Valfon unbeweglich aus seinem finsteren Winkel heraus.

Der Polizist trat einen Schritt näher.

»Gemäß Ihren Befehlen, Herr Minister, bin ich der gnädigen Frau bis zum Standplatz in der Rue de Bourgogne gefolgt, wo sie einen Wagen nahm, der sie über die Kais bis zur Spitze des Boulevards Saint-Germain führte; dort stieg die gnädige Frau aus und trat in das Haus ein, wo sich das Kaffeehaus befindet. Dort wohnt seit einigen Tagen der junge Raimund Eudeline. Bei ihm im vierten Stock hat die gnädige Frau die zwei Stunden, die sie abwesend war, verbracht. Mehr haben der Herr Minister nicht von mir zu wissen verlangt. Aber es ist dort ein sehr gemütlicher Hausbesorger, ein ehemaliges Mitglied der Kommune, der leicht auszuforschen ist.«

»Danke; ich weiß, was ich wissen wollte,« murmelte Valfon.

Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr Mauglas, weniger zuckersüß, in einem übellaunigen Tone fort:

»Sie haben mir versprochen, beim russischen Botschafter ein Wort für mich einzulegen; nachdem Sie mich auf offener Tribüne so roh im Stiche ließen, wäre das, scheint's, doch nur Gerechtigkeit.«

»Ich habe für Sie gesprochen, Mauglas, aber der Botschafter schien mir sehr kalt zu sein; in seinen Augen haben Sie als Angeber keine Daseinsberechtigung mehr. Er bedauert das, denn er hält Sie für sehr klug und hält gewisse Ihrer Berichte für wahre Musterstücke.«

Mauglas zerdrückte seinen Filzhut zwischen seinen haarigen Händen.

»Da soll man seine Haut für diese Kamele zu Markte tragen!«

»Ei, bezahlt ist sie ja worden,« lachte Valfon höhnisch. »Übrigens hindert Sie ja jetzt nichts, sich einen Beamten, einen jungen Treiber anzustellen, den Sie auf Kundschaft ausschicken können. Hören Sie, wir haben heute abend ein diplomatisches Diner – soll ich noch einmal mit Herrn von Karamanoff sprechen?«

»Sie werden mich verbinden, Herr Minister,« sagte Mauglas, indem er sich zum Gehen anschickte und dabei seinen Kopf so rasch und plötzlich neigte, daß er sich beinahe den Nacken verrenkte.

Als Valfon in dem aschgrauen Dunkel, das das Zimmer überflutete, wieder allein war, ergriff er seinen Hut sowie die ungeheure Ministertasche, die den ganzen Tisch einnahm, und verschwand wie Marquès durch die portierenverhängte Tür, die zu den Privatzimmern führte.

»Ist das gnädige Fräulein drin?« fragte er, indem er hocherhobenen Hauptes und gebieterisch in das Zimmer seiner Stieftochter eintrat. Die überall brennenden und reflektierenden Kerzen schienen es gleichsam in eine erleuchtete Trauerkapelle zu verwandeln. Vor einer großen, mit einem hellen Atlaskleide drapierten Gliederpuppe kauerte eine Rockschneiderin, eifrig beschäftigt, eine Blumengarnitur zu befestigen. Die Kammerfrau, die ihr mit hocherhobener Lampe, mit Zwirn und Nadel zwischen den Zähnen, leuchtete, konnte auf die Frage des Ministers nicht antworten, sondern deutete bloß auf das Ankleidezimmer; als er ihr den Rücken drehte, indem er sich nach dieser Richtung wandte, wechselte sie mit der Probiermamsell ein verständnisvolles Lächeln.

Nachdem Valfon der Form wegen angeklopft hatte, schob er sich wie ein geschmeidiges, kurzbeiniges Wiesel durch die halb offen stehende Tür und näherte sich Florence auf den Fußspitzen. In einem langen, flatternden Frisiermantel, das Haar in schweren Flechten ausgebreitet, um die Tinktur, die es leicht vergoldete, trocknen zu lassen, saß das üppige junge Mädchen mit den nackten, perlmutterglänzenden, rosigen Armen vor dem Putztisch. Ein Roman lag aufgeschlagen vor ihr; sie polierte sich die Nägel und las beim Lichte einer Lampe und in dem spiegelnden Glanz der hell lackierten Wandfüllungen.

»Guten Tag, meine Flo . . . Tag, Tag, Flo-Flo,« stammelte Valfon, und seine feuchten, greisenhaften Lippen, sein ganzes Gesicht vergrub sich in das schöne, offene Haar.

Gleichzeitig wagte er, seinen freien Arm, seine zitternde, brennende Hand nach dem harten Eise eines jungen Busens auszustrecken. Die Stieftochter drehte sich sofort um und stieß ihn heftig zurück. Tasche und Hut fielen auf den Teppich nieder; der Minister bot ein lächerliches Bild. Während des nun folgenden Augenblicks der Verwirrung lief Florence zur Tür, um sie zu schließen, dann kehrte sie zornig und ärgerlich zu ihm zurück.

»Höre, Valfon,« sagte sie mit plötzlich verändertem Gesicht und Ton. »Fange noch ein einziges Mal wieder an, und ich lasse die Gendarmen holen. Du widerst mich nachgerade an.«

Der Minister lag auf den Knien und las noch immer sehr ruhig die Papiere auf, die seiner Tasche entfallen waren. Dann stand er geschmeidig wie ein Clown auf und sagte mit seiner foppenden Miene:

»Gut, rufe die Gendarmen; wenn sie da sind, werde ich die Gelegenheit benutzen, um deine Mutter nach Saint-Lazare zu schicken. Da sind einige Briefe von ihr, die mir das Recht dazu geben – sieh sie an.«

Ja, das war das malvenfarbene Briefpapier Frau Valfons, ihre kindliche Schrift und die sentimentale Devise »In allen Augenblicken meines Lebens«, die sie einer berühmten Liebenden entlehnte. Aber Fräulein von Lespinasse hatte selbst in ihren feurigsten Ergüssen, insoweit wir sie wenigstens kennen, nie die leidenschaftliche Lyrik erreicht, die in diesen in die Hand des Gatten gefallenen vertraulichen Blättern bebte. Eines nach dem andern breitete er auf dem Marmor des Putztisches aus, indem er dem verblüfften, entsetzten jungen Mädchen gewisse Stellen bezeichnete.

Florence hatte eine Ahnung gehabt, daß ihre Mutter einen Flirt unterhalte, denn ihre Freundinnen, die eine freiere Sprache und auch einen lebhafteren Geist als sie besaßen, lachten darüber in ihrer Gegenwart, nannten die Namen von Freunden ihres Bruders, von Raimund Eudeline, auch von andern, aber all das war sehr unbestimmt. Außerdem stellte das Wort »Flirt« in dieser friedlichen Phantasie nichts andres vor als eine angenehme, geistreiche Galanterie, weit entfernt von dem, was ihr elender Stiefvater ihr nun einzuflüstern versuchte, indem er ihr Bruchstücke von Briefen gleich dem folgenden vorlas.

»Warum bin ich so traurig, mein Engel, wenn ich nicht mehr in deinen Armen liege? Warum bin ich so traurig nach all dem Glück, das du mir geschenkt hast? . . .«

»Ich danke deinen zwanzig Jahren, die mir das Leben kredenzen, oh, mein schönes, blondes, zartes Kind; aber wenn du mich nicht mehr lieben wirst, mögen sie mir auch den Tod kredenzen, ich will ihn aus deinem Munde trinken . . .«

Und die, die das alles geschrieben hatte, war ihre Mutter, ihre Mutter!

Valfon schien durch die lebendigen Beweise seiner ganz neuen Schmach nicht besonders erregt zu sein; aber wie hatte er sich diese Beweise verschafft? Die meisten Briefe waren nicht kuvertiert, nicht einmal gefaltet; manche waren sogar nicht beendet. Man hätte meinen können, daß Gewissensbisse, ein Zögern die Absendung im letzten Moment verhindert hatten. Aber wie war dann der Gatte in den Besitz dieser gefährlichen Waffen geraten?

Eine plötzliche Angst bemächtigte sich der armen Florence; sie zitterte für ihre Mutter, denn sie begriff, daß sie in den Händen dieses bösen Mannes war. Das goldene Licht in ihren schönen Augen erblich, ihre langen, schweren Wimpern flatterten wie die Flügel eines sterbenden Vogels. Valfon hatte Mitleid mit ihr, jenes oberflächliche Mitleid, das man für ein zu zartes, zu harmloses Wesen empfindet. Er brachte die Briefe wieder in Ordnung und sagte ganz leise, während sein grauer Schnurrbart sich sträubte:

»Ja, Kleine, ich bin ein alter Wolf, du darfst meinen Zähnen nicht trauen.«

Und noch leiser hauchte er ihr den blutschänderischen Schimpf ins Haar:

»Vor allem mache dich schön, sehr schön. Der neue Botschafter, ein ehemaliger Vizekönig von Indien, bringt uns eine ganze Herde von jungen Misses mit, die anmutig sind wie Antilopen; sie sollen vor Eifersucht platzen.«

Er ergriff mit beiden Händen das schöne Haar, stürzte sich darüber wie ein wildes Tier und lief mit langen, goldenen Fäden zwischen den Zähnen davon.

Florence hatte nur noch einen Gedanken – sich rasch anzukleiden, aufs Geratewohl, trotz des Geschreis der Probiermamsell in ihr Kleid zu fahren und sich rasch zu ihrer Mutter zu begeben, die schon ganz fertig war, bereit, in den Wagen zu steigen.

Frau Valfon sah in ihrem silberdurchwirkten Atlaskleide jung und strahlend aus; sie trug fünf Reihen ungeheurer Perlen um den Hals und Halbhandschuhe, um die Juwelen sehen zu lassen, mit denen ihre Finger belastet waren. In der vornehmen Judenschaft von Bordeaux waren die Diamanten der schönen Marquès legendenhaft. Wegen der Spielschulden Valfons waren sie oft versetzt gewesen, aber seit er ein Staatsmann geworden war und in den geheimen Fonds wühlte, hatte er alles von »da unten« zurückgezogen, wie Frau Valfon sich euphemistisch ausdrückte, und die Pariser Pfandleihanstalten kannten diese Wunder nicht.

Kaum trat die Tochter ein, so flog ihr der Blick der Mutter angstvoll entgegen. ›Was gibt es?‹

Frau Valfon hatte das Schreckliche, von dem sie unter sich nie oder fast nie sprachen, stets vor Augen, und ihr Herz erzitterte, wenn sich die Brauen ihres Kindes auch nur im geringsten zusammenzogen.

Florence trat näher, wollte sagen, was vorgefallen war, hielt aber beim ersten Wort verlegen inne, trotzdem sie allein im Zimmer waren. Von Zeit zu Zeit schritt die riesige Zizi, die alte Mulattin Frau Valfons, schweigend durchs Zimmer, las eine Pappschachtel auf, löschte eine Kerze aus – aber die Gegenwart Zizis brachte das junge Mädchen nicht in Verlegenheit, während sie bei dem Gedanken, daß sie zu ihrer Mutter sagen sollte: »Ich weiß, daß du einen Liebhaber hast«, vor Scham fast starb.

Trotzdem mußte sie sie benachrichtigen, damit sie auf ihrer Hut sei. Plötzlich fing sie an zu sprechen, zwang sich zu sprechen.

»Rasch, Mama – wo hebst du die Briefe auf, die du empfängst, die du schreibst?«

»Dort in meinem englischen Möbel.«

Frau Valfon, die bereits, ohne zu wissen, warum, unruhig geworden war, zeigte auf einen entzückenden kleinen Ecksekretär mit einer Menge von Etageren und Laden, einem jener Möbel, wie sie nur in London fabriziert werden, und die eigens für Paketbootkajüten bestimmt zu sein scheinen.

»Hast du den Schlüssel bei dir?« fragte Florence.

»Gewiß, immer.«

Die Mutter löste von dem Öhr ihres Fächers – man trug sie in diesem Jahr längs des Rockes herabfallend – einen winzigen goldenen Schlüssel, der sie nie verließ, da sie ihn bald an ihrem Armband, bald an ihrer Uhr befestigte. Dann entnahm sie dem Sekretär eine kleine Mappe aus weißem Maroquinleder, die sie zuerst sehr rasch, dann Blatt für Blatt und immer mehr erblassend durchflog.

»Suche nicht,« sagte Florence mit leiser Stimme. »Er hat deine Briefe. Ich habe sie eben bei ihm gesehen.«

»Der Elende – also mit einem Doppelschlüssel!«

»Arme Mama, du setzt also deine Briefe zuerst im Konzept auf?«

»Du weißt, ich bin keine Französin,« stammelte die Mutter verwirrt. »Ich finde meine Worte nicht so rasch wie die andern. Wenn ich einen Brief absenden soll, muß ich immer drei oder vier schreiben.«

In Wirklichkeit fand die arme Frau trotz ihres Bemühens nie etwas, was edel und poetisch genug war, um als Antwort auf die schönen, sentimentalen Phrasen ihres Raimund zu dienen. Nachdem sie seit langen Jahren vom Louis-le-Grand her gewohnt war, den Freund ihres Sohnes unter die großen Geister des Gymnasiums zu zählen, gehörte er jetzt in ihren Augen zu der genialen Klasse der Literaten, und wenn sie ihm schrieb, verbesserte sie sich mehrmals, wobei sie immer verabsäumte, die nicht abgesandten Blätter verschwinden zu lassen. Auf diese Weise hatte Valfon sie eines Tages, als er die Laden seiner Frau durchsuchte, in die Hand bekommen; er tat das jetzt häufig, seit die Kammer sich mit dem Gesetz Naquet und der Scheidungsfrage beschäftigte.

»Arme Mama,« seufzte Florence.

Die Mutter schüttelte den Kopf.

»Oh, ich – er hat mir alles Leid angetan, das er mir antun konnte, ich fürchte ihn nicht mehr – aber an dich denke ich – für dich fürchte ich. Bedenke doch, wenn ich nicht mehr da sein würde, um dich zu verteidigen!«

»Wenn du nicht mehr da wärest, hätte ich auch keinen Grund mehr, da zu sein,« sagte das junge Mädchen, indem es sich in die Arme der Mutter warf.

Ein lebhaftes Klopfen ertönte, und Valfon befahl, ohne einzutreten, mit seiner süßlichen, gebieterischen Stimme:

»Vorwärts, meine Damen, wir speisen heute abend in England – das ist nicht wie in Paris; man muß pünktlich erscheinen.«

Während des Sprechens forschte er in den Zügen seiner Frau. Wußte sie etwas? War sie gewarnt worden?

In dem Wechsel von Schatten und Licht in diesem großen Zimmer, in dem zunehmenden Abend, ließ sich in dem gepuderten, von Spitzen eingehüllten Gesicht schwer etwas erkennen. Aber draußen, als der Ministerwagen über die Kais, über die Konkordienbrücke rollte, wo um die gelblichen Flammen der Reflektoren noch heller Tag war, fiel ihm die ruhige Heiterkeit der beiden Frauen, der Glanz ihrer Augen auf, die so durchsichtig waren wie ihre Diamanten. Florence hatte sicherlich keine Zeit gehabt, mit ihrer Mutter zu sprechen. Wie sehr eine Weltdame auch ihre Nerven beherrschen mag, wenn sie einem Staatsdiner beiwohnen soll, so würde eine so ernste Erklärung doch sicherlich mehr Spuren hinterlassen haben. Als der Landauer jedoch den Konkordienplatz nach der Richtung des Faubourg Saint-Honoré und des Botschaftshotels durchkreuzte, sagte der Minister ganz laut: »Sieh da, Raimund Eudeline,« und beugte sich hinaus, um zu sehen, in welcher Gesellschaft der junge Mann sich befand. Da schien es ihm, daß das Gesicht seiner Frau plötzlich gezuckt hatte und erblaßt war.

*

Raimund spazierte vor dem Gitter der Kammer und erwartete seinen Beschützer, Marc Javel, als er aus dem Auswärtigen Amt Mauglas herauskommen sah. Dieser trug strohfarbene Handschuhe und einen weichen Hut und war trotz seines Abenteuers noch immer der alte, unverschämt, zottig, dickwangig, mit der Haltung eines Vorstadtsängers.

»Ah, mein junger Freund, ich habe die Ehre,« sprach er Raimund frech an. »Wie geht es in Morangis? Was macht Fräulein Geneviève?«

Raimund hatte große Lust, nicht zu antworten, da er sich einer so schlechten Gesellschaft schämte und vor dieser Berührung einen körperlichen Widerwillen empfand. Aber was läßt sich machen, wenn ein Mensch einen mit dieser Unbefangenheit anspricht und sein zynischer, verächtlicher Blick einen auf sein Niveau herabzieht! Raimund versuchte, den Elenden durch einen förmlichen Gruß und die Erklärung des Zweckes seiner Anwesenheit fernzuhalten.

»Ich kenne Ihren Marc Javel sehr gut,« meinte Mauglas spaßhaft, indem er seine kleine Hartholzpfeife anzündete. »Soll ich Sie ihm empfehlen?«

Der junge Mann dankte; er stehe schon so lange auf Wache, daß seine Beine es nicht mehr aushielten und er es daher vorziehe, die Sache auf den nächsten Tag zu verschieben.

»Dann sind Sie meine Beute, junger Mann,« sagte der andre, der auf dieser unschuldigen Stirn deutlich den lebhaften Wunsch sah, sich seiner zu entledigen.

Rasch schob er den Arm unter den seinigen.

»Abgemacht, abgemacht! Ich führe Sie zum Speisen. Schlagen Sie es mir nicht ab; Sie tun ein Werk der Nächstenliebe.«

Er sprach die letzten Worte in nicht gespielter, zugleich zurückgehaltener und mitteilsamer Erregung.

Raimund ließ es geschehen, und wütend über seine Schwäche, redete er sich mit der Dummheit und Eitelkeit seines Alters ein, daß er einer Regung des Mitleids, der Großmut nachgebe.

»Welches Recht hätte ich, einen Unglücklichen zu demütigen, der ohnehin so niedergedrückt ist? Ich bin nicht sein Richter – und dann hat er so viel Talent – tausend Franken für den Bogen in der ›Revue‹ . . .« Außerdem ging der Tag zur Neige, und es nahte jene unentschiedene Dämmerung, die den Gewissensvergleichen, den Zugeständnissen feiger Seelen so günstig ist.

Mit dem Restaurant in den Champs-Elysées, wohin Mauglas seine Beute führte – wie kam es, daß das Wort »Beute« das Ohr Raimunds nicht verletzt hatte? –, ist ein während der schönen Jahreszeit sehr besuchtes Konzertlokal verbunden, das diese ganze Seite der Avenue Gabriel mit seinem Lärm und seinem Licht, mit einer brausenden Menge unter den Zweigen belebt. Da die Jahreszeit dem Aufenthalt im Freien noch nicht günstig war, sah man von dem in Dunkel und Schweigen gehüllten Restaurant nur ein paar Extrazimmer, deren trübes Licht in das Laub hinausschimmerte.

Der Eifer, mit dem sich die Kellner um den Neuangekommenen bemühten, das Lächeln der Dame hinter der Kasse, der kleine, von Wachskerzen mit Lichtschirmen beleuchtete Tisch im Hintergrund einer glasgedeckten, einsamen Galerie, eine Fleischbrühe, wie man sie nur noch in der Provinz findet, und der vorzügliche rauchende Kabeljau wie in den Londoner oder Amsterdamer Schenken – alles wies auf den Stammgast, den Feinschmecker, den Stolz der alten Pariser Gasthäuser hin, wo man noch zu essen versteht.

»Ach ja, mein Leckermaul war mein Unglück,« sagte Mauglas, indem er einen Schluck Champagner, einen frischen, noch nicht moussierenden Traubenwein, in die Gläser füllte. »Ich habe gar zu früh erfahren, was gut ist, und konnte es nicht mehr entbehren. Höre die Geschichte an, Kleiner, es ist der Mühe wert – es ist die Beichte eines Geheimagenten.«

Raimund sah ihn entsetzt an. Der Unglückliche gestand also seine Schmach! Um ihm diese Beichte abzulegen, hatte er ihn hierher zum Essen geführt! Zu welchem Zweck? War es Reue, das menschliche Bedürfnis, sich durch eine Aussprache zu erleichtern?

Zweifellos fand die jugendliche Eitelkeit des Beichtigers in dieser Annahme ihre Rechnung. Aber welch ein seltsamer Büßer war das, der mit einer Serviette unterm Kinn, mit so fettglänzenden Lippen und einem so prächtigen Appetit sein Sündenbekenntnis ablegte! Wie konnte man annehmen, daß mit diesen Ergüssen die Reue irgend etwas zu tun hatte?

Ehe die Eltern Mauglas' sich nach Morangis zurückzogen, wo Raimund sie kennen lernte, hatten sie in Saint-Lô in der Normandie ein Fuhrmannsgasthaus am Rande der großen Landstraße gehalten. Gewisse Ragouts, die die Mutter Mauglas kochte, ihre Krebssuppe und gedämpfte Schleie verschafften dem Hause den Ruf eines großen Gasthofes, und der alte Mauglas, ein Zuckerbäckermeister, hatte in seinen mit gebratenem Speck durchspickten normannischen Krapfen nicht seinesgleichen. Während der schönen Jahreszeit veranstalteten die Bürger der Umgebung Ausflüge zu den Mauglas, um dort zu schmausen, und jeden Sonntag zur Mittagsstunde erschien der alte Denizan, der älteste Gerichtsvollzieher der Stadt, mit seiner Violine und seinen zwei Töchtern. Das waren gesegnete Tage für den kleinen Mauglas. Er brachte diese Sonntage damit zu, sich mit Fräulein Rosa und Fräulein Pulcheria im Stroh des Dachbodens zu wälzen und dann dem schönen Spiel des Herrn Denizan, den Brahmsschen Walzern, den Masurkas von Chopin, zuzuhören. Der Kleine merkte sie sich, ging sie während der ganzen Woche wieder durch und trällerte sie, während er ganz allein auf den Feldern umherging, von früh bis abend vor sich hin, bis er beinahe weinte.

Er war ein dickköpfiger, schwerfälliger Junge von frühreifer Intelligenz, aber von einer Trägheit, die nichts erschüttern konnte. Da er leicht fror und ein Feinschmecker war, saß er stundenlang in der Küche, schäumte die Töpfe ab, kostete von der ersten Suppe und betrachtete vertieft den Bratspieß, der inmitten des guten Geruches der Brühen und Braten seine Kette abhaspelte. Dennoch setzte Herr Denizan es durch, daß die Mutter, die es bisher für das einfachste gehalten hatte, ihren dicken Bäckerjungen an ihren Schürzenbändern zu behalten, ihn ins Gymnasium von Saint-Lô schickte und nach den Erfolgen, die der Junge in der Klasse errang, seine Studien in Paris als Zögling eines großen Lyzeums beendigen ließ. In den Ferien kam er wieder mit Fräulein Rosa zusammen, die in Frische und Gesundheit blühte; aber da sie ganz jung ihrer Mutter beraubt wurde, ohne Erziehung, ohne Aufsicht aufwuchs, konnte sie mit siebzehn Jahren kaum lesen und ließ sich im Stroh herumstoßen, geradeso wie mit zwölf Jahren. Die ältere Schwester, Fräulein Pulcheria, verriet sehr lebhafte Vorliebe für die Husaren und gab jedes Jahr einem Offizier des in Saint-Lô stationierten Zwölferregiments einen neuen Beweis davon. Als der Krieg von 1870 diese hübschen Husaren mit der Wespentaille zerstreute, nahm einer der Schreiber Herrn Denizans den leeren Platz des Offiziers von den Zwölfern bei seiner Tochter ein; allein da er weniger gewissenhaft war, brannte er mit ihr durch, indem er auch die Kanzleikasse mitnahm. Der junge Mauglas, der damals in Paris war, ließ sich zu den Freischärlern von Chabaud-Molard anwerben, führte während der ganzen Zeit der Belagerung ein Zigeuner- und Robinsonleben in den verlassenen Villen, den großen vereinsamten Parks der Pariser Bannmeile, plünderte die Hühnerhöfe, trank guten gestohlenen Wein und genoß jenen köstlichen Rausch der Gefahr, der die Umgebung vergrößert und den geringsten Episoden etwas Erhebendes und Interessantes verleiht.

Ach, wie flach und farblos erschien ihm das Leben, als er, nachdem Paris sich ergeben und die Barrieren sich geöffnet hatten, wieder in der großen Küche der väterlichen Herberge stand und die Erzählungen seiner Alten von dem während seiner Abwesenheit erlittenen Elend anhören mußte. Das Fuhrmannsgeschäft ging nicht mehr, Straßen und Wege waren vorüberziehenden, ungeordneten Truppen überlassen, algerischen Heuschrecken, die alles, sogar die Fenstervorhänge, verzehrten. Zweimal hatten einquartierte Soldaten Feuer an das Gasthaus gelegt. In Saint-Lô bei den Denizans ging es noch kläglicher zu. Den Vater hatte der Verrat der älteren Tochter tödlich getroffen, die Kanzlei wurde verkauft, zu niedrigem Preise vom Verein der Gerichtsvollzieher angekauft, und der kleinen Rosa blieben nur die Einrichtung ihrer Mädchenstube und ein paar Rollen Goldstücke, die sie in einer Schublade aufbewahrte. Von dort nahm sie mit geschlossenen Augen heraus, was sie brauchte, ohne je etwas wieder hineinzulegen.

»Das Pech ist, sie ist guter Hoffnung,« sagte die Mutter Mauglas.

»Und von dir, behauptet sie,« fügte der Vater hinzu.

»Das wäre nicht unmöglich,« antwortete der Sohn, ohne sich im mindesten aufzuregen.

Und da Rosa ein hübsches Mädchen war, da sie sechs- oder siebentausend Franken Bargeld besaß, glaubte er ein treffliches Geschäft zu machen, indem er sie heiratete und sich mit ihr in Montmartre, in einer Dachstube der Rue Lepic, niederließ.

*

Mauglas wurde an dieser Stelle seiner Erzählung durch die Klänge eines Orchesters im Dunkel der benachbarten Büsche unterbrochen. Er glaubte anfangs, daß im Konzertsaal eine Probe stattfinde. Aber ein Kellner klärte ihn auf.

»O nein, es werden noch keine Proben abgehalten. Was Sie da hören, ist die Gardekapelle, die gegenüber in den Gärten der englischen Botschaft spielt.«

›Freilich, heute abend ist Empfang . . . bei diesem diplomatischen Diner wird sogar von mir die Rede sein,‹ dachte Mauglas bei sich.

Dann wandte er sich plötzlich zu Raimund:

»Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Ich brauche Ihnen nur noch zu erklären, wie und warum ich in die Bude kam.«

Raimund verstand ihn nicht.

»Nun ja, die Bude, die Bude, die Polizei. – Wir wohnten beinahe zwei Jahre in Paris, im Quartier Latin; Rosa hatte mir vor der Abreise ein paar entzückende Zwillinge geschenkt, die die Großeltern anfangs zu sich nahmen, mir aber bald samt der Amme brachten, denn auf dem Lande ging es nicht mehr, und alles starb Hungers. Ich hatte also genug Münder zu ernähren! . . . Dazu kam noch, daß Pulcheria, die Schwester meiner Frau, die ihr Gemeindeschreiber sitzen gelassen hatte, uns ins Haus fiel; sie besaß keinen Heller, kein Hemd, aber Laster und Dummheiten genug, um damit das ganze Stadtviertel zu beschenken. Sie war wie ihre Schwester ein hübsches, kräftiges Mädchen mit viel Haar und brachte ihre Nächte in den Schenken zu, wo man sie unter dem Namen ›die Normannin‹ kannte. Da sie frech genug war, mich als Bürgen auszugeben, mußte ich sie fortwährend auf dem Sittenamt abholen; dann verschwand sie eines Abends, indem sie die Garderobe meiner Frau mitnahm. Die saß nun beinahe einen Monat lang ganz blank da und wagte sich im Unterrock und Nachtjacke nicht mehr auf die Straße . . .

»Die siebentausend Franken von der Kanzlei waren längst fort. Um das Haus zu ernähren, hatte ich meine Uhr, meine Anhängsel, meine Manschettenknöpfe verkauft, dann kamen das Silber, meine Partituren, die Violine des alten Denizan an die Reihe. Ein paar Zeitungen nahmen mir Manuskripte, Biographien großer Musiker, ab, aber sie zahlten so schlecht, und ich schrieb so langsam! Ja, dieses Trödeln bei der Arbeit, dies Bedürfnis, jedes Wort eines Satzes mit Glaspapier zu polieren, war immer meine Schwäche. Denn ich finde den Ausdruck nie scharf, nie glänzend genug. Dazu kommt noch jene Manie der Kürze, der Konzentration, die bei der Jugend ziemlich selten ist, die Manie des Vaters Wolf, des alten Freundes Goethes. Er behauptete, daß jeder Gedanke, jede Formel, mochte sie noch so fein und verwickelt sein, auf einem Fingernagel Platz haben müsse, sonst habe sie ihren richtigen Ausdruck nicht gefunden. Für einen Mann, der nur von seiner Feder per Zeile lebt und eine Menge andrer davon erhalten muß, ist dieses Suchen nach Kürzungen, nach Einschränkung der Zeilen eine sonderbare Manie.

»Einmal, als ich in einem radikalen Blatte, für das ich zuerst schrieb, eine ziemlich wütende Schilderung des Präsidenten der Republik veröffentlicht hatte, suchte ich Valfon, den damaligen Direktor der Sicherheitspolizei, im Ministerium des Innern auf, um ihn zu bitten, das Blatt nicht für meine Ungeschicklichkeit verantwortlich zu machen. Er lachte mir ins Gesicht, sagte, daß ich naiv sei, daß diese Leute sich über mich lustig machen; ich hätte ein großes Talent, das ich nicht auszunutzen verstünde, behauptete er, und wenn ich ernst werden, ein für allemal aus der Patsche herauskommen wollte, würde er mir selbst eine leichte, einträgliche Stellung verschaffen, die mich in den Stand setzen würde, der Regierung durch Mitteilungen über den wahren Stand der öffentlichen Meinung ungeheure Dienste zu leisten.

»›Denken Sie nach,‹ sagte er, ›und wenn meine Worte Sie überzeugt haben, so suchen Sie in meinem Namen Herrn Leboucart, den Polizeipräfekten, auf. Er wird Ihnen sagen, was Sie zu tun haben.‹

»Ich fragte der Form wegen meine Frau um Rat, und sie antwortete:

»›Lieber Freund, tue, was du willst, aber von dem Schriftstellerberuf, den du ergriffen hast, verstehst du nicht viel. Du verdienst fast nichts, und wir sind acht bis zehn Personen bei Tisch; unter diesen Bedingungen wird es dir schwer werden, dich durchzuschlagen.‹

»Freilich, in meinem Hause war immer freier Tisch für eine Menge von Schlemmern und Schleckern, deren Faulheit der meinen schmeichelte. Diese brachten wieder andre herbei, und bis nach Montmartre hinauf wurden die Suppen der Mutter Mauglas berühmt. Ja, von einer Mahlzeit zur andern das Tischtuch nicht wegnehmen, mit dem Ellbogen auf der Tischplatte dazusitzen und zu klatschen – ein solches faules, leckerhaftes Leben liebte meine Frau über alles. Mein Gehalt als Spitzel – man bot mir siebenhundert Franken monatlich – würde mir gestattet haben, dieses Leben bis ins Unendliche fortzusetzen. Auf den ersten Blick bot der Beruf keine Schwierigkeiten und ließ sich in zwei Worte zusammenfassen: zuhören und berichten. Überall, wo ich mich befand, im Kaffeehaus, im Klub, in den Salons, mußte ich nur die Ohren spitzen, die Gespräche, die Unterhaltungen im Fluge erhaschen und einen kurzen Bericht darüber erstatten, den der Chef durch die Arbeiten mehrerer meiner Journalistenkollegen kontrollierte. Viele von ihnen, versicherte mir Leboucart, lebten von demselben Berufe und glaubten weder herabzusinken noch sich bloßzustellen, indem sie ehrenhaft einer ehrenhaften Regierung dienten. Ich zögerte einige Zeit, aber am Letzten eines gar zu schweren Monats lieh mir Leboucart tausend Franken, die ich zurückgeben sollte, wann und wie ich wollte. Jetzt war ich gefangen.

»In der ›Bude‹ hatten meine Berichte Erfolg, weil sie kurz waren – der Nagel des Vaters Wolf – und ich nichts ausschmückte. Die Arbeit unterhielt mich. Zuerst bekam ich den Auftrag, die Sozialistenkongresse in Gent, Lugano, die Internationale in Genf zu überwachen. Ich benutzte das, um Museen, feenhafte Gegenden zu besuchen, die ich nie anders als im Traume gesehen hatte. Waren meine Notizen einmal gemacht, mein Bericht abgeschickt, so arbeitete ich für eigne Rechnung. In meinem Gasthauszimmer, mit der von wildem Wein umschlungenen Schwelle, beim offenen Fenster, das auf das grelle Blau des mit schneeweißen Villen besetzten Luganer Sees hinausging, schrieb ich mein erstes Kapitel über die ›Psychologie des Orchesters‹, das die ›Revue‹ veröffentlichte und das mich sofort bekannt machte. Junger Mann, ich lese in Ihren Augen, was Sie sich denken: Und die Reue?

»Auf Ehre, im Anfang ließ die Reue mich ziemlich in Ruhe. Als ich in Holland den Vorträgen Karl Marx', Bakunins und einer Menge andrer spanischer, italienischer, selbst französischer Schwätzer beiwohnen mußte, deren politisch-soziale Ideen ich aufschrieb, während ich mir dabei die intimen Unterströmungen des Kongresses, die Nebenbuhlerschaften, die Kleinlichkeiten notierte – als die Freunde von Mazzini, von Garibaldi in Genua, in Mailand mir von ihren Plänen erzählten, mir das revolutionäre Italien auslieferten und ich diese Geständnisse hohen Orts mitteilte, geriet mein Gewissen gar nicht in Unruhe. Erst später bei gewissen individuellen Fragen wurde der Beruf hart, insbesondere durch die Schuld meines Chefs, des finsteren Leboucart, der nur von Streit, Verschwörungen und Bestrafung träumte, der mich aus einem Spitzel in einen Agent provcateur verwandeln wollte.

»Ach, der Schurke, was für eine Füsillade, was für eine Kanonade hätte es von einem Ende Frankreichs zum andern gegeben, wenn ich ihm gehorcht haben würde! Jeder meiner Berichte bot Gelegenheit zu Szenen, wobei er mich Tropf, Dummkopf nannte, zu verabschieden drohte; ich hätte ihn gern beim Wort genommen, wenn ich nicht meine ganze, zahlreiche Familie hinter mir geschleppt hätte, die mehr als je in Verwirrung war. Meine Schwägerin Pulcheria war mit ihrem neuen Geliebten zurückgekommen – diesmal war es ein spanischer Tänzer, der die Drehkrankheit hatte wie die jungen Schafe und nichts als Walzer, Derwischtänze ausführen konnte; dann wurden unsre kleinen Zwillinge krank, starben alle beide im Zwischenraum von wenigen Stunden, meine Frau kam nach dieser Erschütterung ins Bett und blieb wie stumpfsinnig anderthalb Jahre unbeweglich liegen. Das hinderte nicht, daß der Tisch bei uns immer gedeckt war und für die Freunde selbst in meiner Abwesenheit Schmausereien veranstaltet wurden. Man kam, um die Kranke zu pflegen, zu zerstreuen. Wie sollte ich, wenn ich meine Stelle verlor, das Haus auf diesem Fuß aufrechterhalten? Ich war also genötigt, die Schimpfereien Leboucarts zu ertragen. Trotzdem empörte ich mich schließlich. Wissen Sie, was der Kerl wollte? Daß ich mich als Kandidaten bei der Abgeordnetenwahl von Var aufstellen lassen sollte, unter dem Vorwand, daß ich auf meinen Reisen die Achtung der republikanischen Kaffeehäuser von Draguignan gewonnen hätte! Die Polizei würde die Kosten meiner Kandidatur tragen, bestreiten, und während der ganzen Dauer des Mandates sollte mein Gehalt verdoppelt werden. Da Leboucart sah, daß ich hartnäckig bei meiner Weigerung blieb, wurde er gereizt. ›Was geniert Sie?‹ sagte er zu mir. ›Sie werden in der Kammer nicht der einzige sein, der von uns Gehalt bezieht.‹ – War das wahr? Benutzte er da nicht eine jener Künste, deren seinesgleichen sich bedienen, um ihr Personal anzuwerben? Auf jeden Fall weigerte ich mich unbedingt und erklärte, daß ich nur die Literatur liebe; nachdem ich bereits unter den gegenwärtigen Umständen kaum Zeit fände, alle vier, fünf Jahre einen Band zu veröffentlichen, müßte ich, wenn ich das Mandat annehmen würde, ganz aufs Schreiben verzichten.

»Daraufhin geriet der Chef in einen furchtbaren Zorn, und ich wäre stellenlos auf der Straße gestanden, wenn nicht Valfon, der ebenso unerbittlich wie Leboucart ist, aber mit gutem Recht alles fürchtet, was eine Feder in der Hand hält, mir einen vorteilhaften Posten zum Ersatz des verlorenen angeboten hätte. Der neue Petersburger Polizeiminister, General Dejarine, hatte ihn bei der Durchreise durch Paris um einen geschickten, erprobten Agenten gebeten, der die nach Paris geflüchteten russischen Revolutionäre überwachen konnte. Valfon gab mir einen Brief an den General, den ich in Genf aufsuchen sollte. Er hatte dort das ganze Hotel Beauséjour gemietet. Ich brachte dort achtundvierzig Stunden zu, bewohnte ganz allein für mich sechs große Zimmer im zweiten Stockwerk. Es war mir verboten, auszugehen oder mit wem immer zu sprechen, aber Zigarren, Champagner und Kümmel hatte ich genug bis zum Platzen. Der dicke, sinnliche, schlaue Dejarine mit den seidenweichen Gebärden und dem treulosen Blick übergab mir ein Paket Photographien, welche die Hauptfiguren der revolutionären Partei darstellten. Mit diesen sollte ich mich assimilieren und sie fortwährend im Auge behalten. Mit großer Intelligenz gab er mir Erklärungen zu den Notizen, die er über das Leben, die Sitten, den Charakter dieser Männer und Frauen gesammelt hatte, deutete mir ihren Aufenthaltsort und ihre Schlupfwinkel an und nannte mir die Namen von zwei der wildesten Nihilisten, die seit langer Zeit bearbeitet wurden und nun nahe daran waren, in den Dienst der Petersburger ›Bude‹ zu treten. Er überließ es meiner Schlauheit, die Sache abzuschließen und ebenso die Mittel zu finden, zu diesen Leuten zu dringen, mich mit einigen zu verbinden, ohne Verdacht zu erregen. Das gelang mir in der Tat, und obwohl ich reichlich bezahlt wurde – ich bekam fünfzehnhundert Franken monatlich außer den Kosten für Wagen und Porto –, so kann ich sagen, daß ich mein Geld nicht gestohlen habe, wenigstens nicht in den ersten Jahren. Ich kannte alle Führer der Emigranten, Lavroff, Popoff, ich hatte Einladungen zu den Soireen im Palais Czartoryski auf der Insel Saint-Louis, das man im Verdacht hatte, ein nihilistischer Mittelpunkt zu sein; ich habe nie etwas entdecken können. Drei Monate hintereinander frühstückte ich in einer Milchhalle hinter dem Pantheon mit Sonja Perowska und Jessa Hefmann, die beide kurz darauf in Petersburg oder Moskau – ich weiß nicht mehr, wo – gehängt wurden . . . Werden Sie nicht blaß, junger Mann, ich war es nicht, der sie verhaften ließ; ich begnügte mich damit, ihre Anwesenheit sowie die Orte, die sie besuchten, zu signalisieren, aber um ihre Unterhaltungen, ihre Pläne zu verraten, fehlte mir die Kenntnis der russischen Sprache, besser gesagt, der Schlüssel zu dem gewissen Jargon, dessen sich die Flüchtlinge untereinander bedienten.

»Als meine Frau starb und ich meine Alten in dem Häuschen neben dem der Izoards unterbrachte, hätte mein zufälliges Zusammentreffen mit Sophie Castagnozoff für die Landsleute des guten, dicken Mädchens gefährlich werden können. Sie kannte alle ihre Entschlüsse, ohne ihre Ideen vollständig zu teilen. Ich und meine Schriften hatten, ich weiß nicht, warum, Sophiens Gunst gefunden. Ich fühlte, daß sie mir vertraute und bereit war, mir alles zu sagen. Zuerst lehrte sie mich, mutmaßlich zum Zwecke vergleichender Geheimsprachstudien, jenen Jargon, ohne den man die Partei unmöglich kennen lernen kann. Plötzlich zog sie sich ohne Grund und Erklärung zurück, wurde ganz verschlossen, und ich erfuhr nichts mehr von ihr. Geschah das aus Eifersucht auf Fräulein Geneviève, in die ich einige Zeit verliebt war, oder war es dieser schönen, stolzen Dame gelungen, ihr die Antipathie mitzuteilen, die sie für mich empfand? Auf jeden Fall, nachdem einmal eine Haussuchung bei Casta stattgefunden hatte, um einen von ihr verborgenen Anarchisten zu suchen, redete man ihr ein, daß ich sie denunziert hätte. Obwohl ich nun in dem Viertel Saint-Marcel, dem sogenannten Kleinrußland, nicht gerade entlarvt war, so hatte man ein Auge auf mich, wie man sagt; ich wurde selbst mehr belauert, als ich die andern belauerte; meine alten Eltern wurden sogar in ihrer Ruhe bedroht, und ich mußte ihnen fern von Morangis ein andres Asyl suchen. Mittlerweile fand im Petersburger Polizeiministerium ein Wechsel statt. Der neue Minister Bernoff, ein Wilder, kam nach Paris, schickte mich ins Hotel Bristol und gab mir Befehl, ihm binnen acht Tagen eine geheime russische Druckerei zu entdecken, die in Saint-Ouen arbeitete. Ich suchte, fand nichts und wurde auf die roheste Art von dem Minister abgesetzt. Er hatte kein Gefühl für die Feinheiten der französischen Sprache, mit denen ich meine Berichte schmückte, behandelte mich wie einen richtigen ›Muschik‹ und hätte mich sicherlich ohne die Verwendung Dejarines hinausgeworfen. Als der General sich daher mit seiner Tochter in Paris niederließ, stellte ich mich, da ich den Haß der Flüchtlinge gegen ihn kannte, ihm vollständig zur Verfügung. Aber er war eines jener gleichzeitig fatalistischen und zugleich skeptischen Wesen, die an die Gefahr nicht glauben. Meine Vorsichtsmaßregeln brachten ihn zum Lachen; er fuhr fort, in allen niedrigen Schenken herumzulumpen, trotzdem die Internationale in Paris und London förmliche Befehle bezüglich seiner Person hatte ergehen lassen. Ich hielt mich für verpflichtet, unsern Minister des Auswärtigen zu benachrichtigen. Ein guter Einfall! Sie wissen, mit welcher Ungezwungenheit Valfon, dieser Lügner und Verräter, mich über Bord warf, wie er behauptete, daß er mich mit der Sorge für die Sicherheit des Generals betraut hatte und mich für seinen Tod verantwortlich machte. Ich habe nur noch ein Mittel, um mich aus der Affäre zu ziehen. Dieses Mittel, glaube ich, können Sie mir verschaffen – Aber Achtung, da kommen Leute – gehen wir, wir werden draußen weiterreden.«

Ein Paar hatte sich an einem Nebentische unter der Veranda niedergelassen, die von den Gästen an diesem Abend den heißen Extrazimmern vorgezogen wurde. Als Mauglas, frech seine breiten Schultern aufrichtend, an den Gästen vorüberging, flüsterte der Mann, eine lange, gebeugte Gestalt mit einem kupferigen, katzenhaften Levantinerkopf, im Frack und flatternder weißer Krawatte, der großen, gemalten Puppe mit dem Wergkopf, die sich ihm gegenüber fächelte, ein paar Worte zu.

»Das ist Barnes, der Deputierte von Vaucluse,« sagte Mauglas laut, damit man ihn hören könnte. »Er stellt sich, als erkennte er mich nicht, und das ist wirklich nicht nett von ihm, denn als er die häßliche Affäre im Palais-Royal hatte, beauftragte mich der Chef, bei allen Krämern der Galerie eine Untersuchung anzustellen, und wenn es mir daran gelegen gewesen wäre, Leboucart, der ihn durchaus schuldig wissen wollte, einen Gefallen zu tun . . .! Aber die Untersuchung war günstig für ihn, und ich konnte nicht lügen . . . Ach, dieser Mensch, der vor mir schluchzte und meine Knie umschlang . . . was für Versprechungen er mir machte, diese Schwüre ewiger Dankbarkeit . . . Sehen Sie, nicht einmal den Hut zieht er vor mir.«

Er lächelte der Dame bei der Kasse zu und zündete seine englische Pfeife an dem silbernen Feuerzeug an, das der Laufbursche ihm anbot, während Raimund, der wenig rauchte, eine schreckliche Havannazigarre in Angriff nahm. Sie machte seine von dem frischen Champagner und den eben gehörten Geständnissen ohnehin umnebelten Gedanken vollends wirr.

»Für einen Beobachter von Menschen ist es doch ein schöner Beruf, mein lieber Raimund . . .«

Mauglas zog seinen jungen Gefährten in die Nacht der Champs-Elysées hinaus, indem er seinen eisenbeschlagenen Stock heftig auf den Boden stieß.

»Ja, ich kenne Geschichten, ja, ich könnte welche aus diesem Asphalt herauslocken, wenn ich wollte! Ich verhehle Ihnen auch nicht: abgesehen von dem Gehalt, das mir ein behagliches Leben, einen guten Tisch und Muße für meine schriftstellerischen Mosaikarbeiten verschafft, täte es mir auch leid um meine Beschäftigung, wenn ich ganz und gar darauf verzichten müßte, und darum frage ich Sie: Wüßten Sie unter Ihren Bekannten im Verein oder anderswo einen bedürftigen oder auch nur nach Wohlleben lüsternen Kameraden, der für fünfhundert, sechshundert Franken monatlich einwilligen würde, ein paar Stunden unter den russischen Flüchtlingen zuzubringen und das, was er hören würde, ohne Auslegungen oder Ausschmückungen zu notieren? Die Verantwortlichkeit würde ich tragen; ich mache den Bericht, unterzeichne ihn auf der Präfektur mit meiner Chiffre. Ich vermeide damit nur, mich in den Kreisen zu zeigen, in denen ich entlarvt bin.«

Trotz seiner großen Jugend und des Champagnerrauschs konnte Raimund Eudeline nicht umhin, zu denken: ›Also dahin wollte er hinaus – darauf spielt er seit zwei Stunden an!‹

»Es tut mir leid, Herr Mauglas,« begann er ganz laut in sicherem Tone, »aber soviel ich auch nachdenke, niemand in meiner Umgebung scheint mir fähig oder auch nur geneigt zu sein . . .«

Er hielt inne, fühlte, daß er im Dunkeln errötete, und bildete sich ein, daß man das sehe – warum errötete er? Welcher Hintergedanke machte ihn plötzlich befangen? Woher kam diese plötzliche Angst vor Mauglas, die Lust, ihm zu entschlüpfen, weit von ihm fort zu fliehen? Der andre, dieser Schlaukopf, ahnte das sicherlich und antwortete mit der größten Ruhe:

»Ja, ich weiß, auf den ersten Blick kommt einem die Sache nicht recht bequem vor – aber wenn man es bedenkt, ein Beruf ohne Beschwerden, ohne Verantwortlichkeit, der einem sechshundert Franken monatlich einträgt . . . Sie werden schon sehen, junger Mann, Sie werden nachdenken . . . Sie haben ja meine Adresse . . .«

Sie schritten längs des Trottoirs der Avenue Gabriel, längs der Reihe der grünen Gärten dahin. Die dazugehörigen Paläste haben gleich denen in den Champs-Elysées ihren Haupteingang vom Faubourg Saint-Honoré aus. Während sie an einem efeubewachsenen Gitter vorbeikamen, drangen durch die rauschenden, schwarzen Zweige, aus denen die Lichter eines vornehmen Festes glänzten, Frauenstimmen und das Trillern einer Gitarre zu ihnen hinaus.

»Das ist wohl die englische Botschaft?« fragte Raimund.

Der Polizeispion blieb stehen und sah hin.

»O nein, die Botschaft ist weiter oben – übrigens klingt die Gitarre, die wir da hören, durchaus nicht nach der Gardekapelle.«

Es war wohl die englische Botschaft, aber durch den dicken Vorhang des Efeus konnten sie nicht die Freitreppe des Palais Borghese, die hohen, weit offenen Glastüren und die wenigen in den vertraulichen Kreis der diplomatischen Versammlung zugelassenen Frauen erblicken, deren elegante Silhouetten sich in der Reihe der ungeheuern, funkelnden, an diesem Abend fast leeren Salons abzeichneten. Hier hatte die schöne Pauline ihrem Bruder und den hübschen Obersten des ersten Kaiserreichs gar oft die Honneurs gemacht.

Das automatenhafte, feierliche Diner, dessen einförmige, offizielle Gespräche die Gardekapelle mit Märschen und sentimentalen Walzern unterbrochen und vorteilhaft ersetzt hatte, war zu Ende, und nachdem Lady Rawenswood, ihre Tochter und die eingeladenen Damen sich in die Salons begeben hatten, waren die Männer an der unordentlichen Tafel allein geblieben, um zu rauchen und zu trinken. Zigarrenkistchen, die offen auf den Läufern aus indischer, silbergestickter Seide standen, und wunderlich geformte Likörflaschen mischten sich mit massiven, glänzenden Hufeisen, die unter den sieben brennenden Armen eines hohen Kandelabers aus Sandelholz ausgebreitet waren. Diese ganze exotische Ausschmückung wirkte der Banalität des offiziellen Mahles entgegen, das der ehemalige Vizekönig von Indien, der nun der Rangordnung gemäß vor einigen Wochen englischer Botschafter in Paris geworden war, dem Minister des Auswärtigen und dem ganzen diplomatischen Korps gab.

Valfon hatte seinen Sessel an den des russischen Botschafters herangeschoben, und während sie mit leiser Stimme, mit der sentenziösen Mimik, den wichtigen Kopfbewegungen hoher Würdenträger miteinander plauderten, bildete die Zigarre im Winkel seines gemeinen Mundes, seine pöbelhafte Art, daran zu kauen, den lebendigen Gegensatz zu der patrizierhaften Anmut und der dünnen Zigarette seines Nachbars. Etwas weiterhin, inmitten schwarzer, mit Bändern und Silberplatten geschmückter Fräcke, saß der Nunzius, ein Gesicht von der gelblichen Farbe geschnitzten Elfenbeins, eine lange, aszetische Gestalt in einer lila Soutane mit ganz kleinen Knöpfen. Er hörte den salbungsvollen Phrasen Marc Javels zu, der ausnahmsweise wegen seiner Nichte Jeannine eingeladen worden war. Diese war die Freundin Miß Frida Rawenswoods seit ihrer Ankunft in Paris. Man sprach damals von der wahrscheinlichen Neubesetzung des französischen Botschafterpostens beim Vatikan, und Marc Javel dachte sich, daß er, wenn das Marineministerium ihm entschlüpfte, gern die Regierung der Republik beim Heiligen Stuhl vertreten würde, um so mehr, als der radikale Deputierte seit einigen Monaten sichtbarlich seine Brüder Freimaurer vernachlässigte und sich an diesem Abend in vielen Punkten mit dem Nunzius in Übereinstimmung befand.

In ihrer Nähe erzählten sich ein paar junge Attachés lachend ganz leise eine Äußerung Frau Valfons, der Ministerin. Als Lord Rawenswood ihr vor dem Diner die Salons des Palastes Borghese zeigte, sagte er, auf ein grünseidenes Ruhebett deutend, das seit dem ersten Kaiserreich hier geblieben war: »Wenn dieses Ruhebett wollte, könnte es gar manches über die Sitten der schönen Pauline erzählen.« Auf das hin antwortete Frau Valfon, die aller geschichtlichen Kenntnisse entbehrte und glaubte, daß »die schöne Pauline« der Spitzname irgendeiner Hetäre, einer Zeitgenossin Cora Pearls und Marguerite Bellangers sei, in pikiertem Ton: »Frauen wie ich, Herr Botschafter, interessieren sich nicht für die Abenteuer dieser Art von Personen . . .« Der Lord Botschafter besaß den Takt, zu schweigen, aber man kann sich denken, daß die Antwort der armen Frau in dem komischen Repertoire dieser jungen Herren zu den Vorräten von Heiterkeit und tollem Gelächter gelegt wurde, mit denen die legitimen Gattinnen gewisser Regenten sie bereits so gefällig versorgt hatten.

Die Dame, über die man so spottete, bemerkte es gar nicht und hatte gar keine Lust zu lachen. Sie saß in einem Winkel des Salons, mitten unter all diesen ihr zumeist unbekannten Diplomatenfrauen – lauter stolzen, kosmopolitischen Gesichtern, einer Musterkarte der ganzen weiblichen Aristokratie Europas – und war blind und taub gegen alles, was um sie vorging. Ihre Augen starrten auf die Tür, durch die die Männer zurückkehren sollten, vor allem ihr Gatte, von dem sie angstvoll eine Auskunft erwartete. Der Abend war schwül; ein feuchter, warmer Hauch, den der Garten heraufsandte, ließ die Flammen der Kronleuchter flackern, und in dem diskreten Geflüster der Fächer, in dem fernen, ununterbrochenen Rollen der Wagen erhob sich aus der Tiefe des Salons eine klare Stimme. Es war die Stimme eines ganz jungen Mädchens, das, von der Gitarre begleitet, eine alte schottische Ballade sang.

Zu jeder andern Zeit hätte sich Frau Valfon mit der girrenden Sentimentalität der Frauen ihres Alters gar leicht dem Zauber der alten Romanze hingegeben, die die frühlingshafte Anmut dieses Mädchens verjüngte; aber seit sie in der Verwirrung der Tischgespräche einen gewissen Satz gehört hatte, existierte für sie nichts mehr als diese paar Worte, deren schmerzliches Dunkel nur Valfon erhellen konnte.

Endlich öffneten sich die beiden Flügel der Tür des Speisesaales, und in dem riesigen, weißgoldenen Salon verbreitete sich der Lärm von Gelächter und Männerstimmen. Ehe der Minister, der mit Lord Rawenswood an der Spitze ging, die gebieterisch vornehme Gebärde vollenden konnte, welche auf die Damen bei seinem Eintritt Eindruck machen sollte, klammerte sich ein Arm leidenschaftlich, mit unwiderstehlicher Gewalt an den seinen an, und Frau Valfon fragte ganz leise, indem sie das magere Männchen schüttelte und ihm seinen Effekt verdarb:

»Das Duell, von dem Marc Javel bei Tische sprach . . . das Duell, das morgen stattfinden soll . . .«

Der Komödiant lächelte für die Zuschauer, trotzdem er eher Lust hatte, zu beißen, und versuchte seine Frau zu beruhigen, indem er ganz leise sagte:

»Höre, Lola, beherrsche dich; du siehst wie eine Tierbändigerin aus. Nun ja, dein Sohn schlägt sich morgen.«

»Mit wem?«

»Mit Claudius Jacquand – du weißt ganz gut, aus welchem Grunde.«

Sie unterdrückte einen zornigen Aufschrei.

»Wegen seiner Schwester? Aber Florence denkt ja gar nicht mehr an diese Heirat, und wenn ich ihr sagen würde, daß Wilkie . . . Höre, Valfon, das ist doch nicht ernsthaft zu nehmen?«

Ihre Augen in dem erblaßten Gesichte glühten.

»Du wirst an den Polizeipräfekten telephonieren – das Duell darf nicht stattfinden.«

Der Minister brach in sein gewöhnliches böses Lachen aus.

»Verzeihung, meine Liebe, ich habe nicht dieselben Gründe wie du, zu wünschen, daß das große Vermögen dieser Lyoneser der Familie Eudeline zufällt. Tu, was du willst, ich mische mich nicht hinein.«

Er benutzte die Unruhe, in die der Name Eudeline sie versetzte, um sich von ihr loszumachen und gleich den übrigen Gästen an ein ganz mit Orchideen geschmücktes Erkerfenster am Ende des Saales zu treten, durch dessen runde Scheiben man die Beleuchtung im Garten sah. Dort auf dem grünen Ruhebette der schönen Pauline saß eine ganz weiß gekleidete Blondine mit nackten Armen und griechisch frisiertem Haar, leicht zurückgelehnt, so daß die durchbrochenen Strümpfe unter den übereinander verschränkten Moirébändern zweier kleiner Kothurne sichtbar waren. Sie begleitete sich mit der Gitarre und beschwor durch ihre blauen Augen, ihren Blumenmund eines der hübschesten Modelle der Frau Vigée-Lebrun herauf. Auf einigen im Halbkreis umherstehenden Sesseln befand sich ein entzückendes jugendliches Publikum in hellen Kleidern und mit unschuldigen Augen.

»Ich sehe meine Nichte nicht,« sagte Marc Javel zu dem Minister, dessen Blicke überall umherschweiften und ebenfalls unruhig etwas zu suchen schienen.

»Jeannine ist eben mit Florence in den Garten gegangen,« murmelte Frau Valfon, die hinter ihnen stand.

Die kleine, schlanke Jeannine hatte sich an den Arm ihrer üppigen Freundin gehängt, und so gingen die jungen Mädchen, dicht aneinandergeschmiegt, in dem unbestimmten Schein der in Girlanden rings um die Wiesen aufgehängten Lampions und der bunten Laternen inmitten der unbeweglichen Büsche einher. Der Wind wehte nicht mehr; durch die schwere Luft dröhnte das ferne Grollen des Gewitters, des ersten in diesem Jahre. Die beiden Freundinnen blieben zuerst in der Nähe der Freitreppe, dann wagten sie sich nach und nach etwas weiter hinaus, drangen in das Dunkel der Alleen und setzten sich auf einer Bank im Hintergrund neben dem Gitter nieder.

»Ah, es regnet –«

Jeannine Briant hatte auf ihrem nackten Arm einen Tropfen gespürt. Florence seufzte.

»Nein, das war ein Tropfen aus meinem Auge. Dieses Kind hat mich mit seiner unschuldigen Stimme und seinen klaren Augen ganz erschüttert. Wenn ich bedenke, daß ich nie so unschuldig war, nie diese Seelenfrische kannte. Oh, lache nicht – wenn du wüßtest, wie ich dieses Schreckliche, in dem ich lebe, satt habe, wie ich mich dessen schäme.«

»Es dauert also noch immer an, armes Kind?«

»Ja, noch immer – dieser Mann ist wahnsinnig, und sein Wahnsinn kennt keinen Zügel mehr. Erst heute abend bei diesem Diner – ach, es ist zu gemein, es ist besser, ich schweige.«

Eine Stille folgte, die nur das dumpfe, näherkommende Grollen des Gewitters und der gleichförmige Lärm der Wagen auf der Avenue des Champs-Elysées unterbrach.

»An deiner Stelle würde ich meinen Bruder benachrichtigen,« hob Jeannine wieder an.

»Meinen Bruder! Kennst du denn die jungen Leute von heute nicht? Er braucht Valfon, er würde lieber selbst die Hand dazu reichen. Nein, die einzige Rettung für mich wäre eine Heirat gewesen. Das Schicksal wollte es nicht, und was wird jetzt mit mir geschehen? Er wird seinen Willen durchsetzen, das ist sicher, denn er kennt keine Rücksichten, aber ich hebe mir für diesen Elenden eine Überraschung auf. Erinnerst du dich an den Kurs, den wir bei Fräulein Audouy in der Rue du Vac, hinter dem Missionsgarten besuchten?«

»Ob ich mich daran erinnere – deine Mutter holte uns immer ab und geriet in Verzückung über die Stimmen der jungen, zum Martyrium bestimmten Priester, die man in ihrer Kapelle singen hörte. Deine Mutter war zu jener Zeit sehr romantisch.«

»Sie ist es noch immer. Ändert man sich denn, liebe Jeannine? Bin ich nicht noch immer das dicke, naive Ding, das Fräulein Audouy mitten in der Religionsgeschichtsstunde ganz ernsthaft fragte, ob die Heilige, die, um dem Sieger Schande zu machen, nicht in seinem Triumphzug mitgehen zu müssen, sich Haare, Nase und Ohren abschnitt, auch wirklich hübsch, sehr hübsch gewesen sei?«

»Um Gottes willen, Florence, schweig, du erschreckst mich!«

Schritte, die vorsichtig näher kamen, ließen den Kies der Allee aufknirschen. Das Gespräch der jungen Freundinnen wurde plötzlich unterbrochen.

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