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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 6
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
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V

Der Einzug

An einem sonnigen Vormittage beendete Antonin die Einrichtung des großen Bruders am Boulevard Saint-Germain. Raimund sollte kurz vor Mittag mit Frau Eudeline kommen; sie würde ihm die Wohnung zeigen, die ganze Pracht – den Balkon, die wie ein Spiegel zwischen den Kais glänzende Seine, den Horizont aus Himmel und Wasser – eingehend erklären und dann fragen:

»Rate mal, wo wir sind? Für wen sind diese Vorhänge, diese Möbel, dieses Klavier bestimmt?«

Auf den glücklichen Aufschrei, der Raimund dann entschlüpfen würde, warteten seit vierzehn Tagen alle wie im Fieber.

Toni saß mit seinen Tapezierernägeln zwischen den Zähnen auf einer Doppelleiter in dem schmalen Ankleidezimmer, das er von oben bis unten mit einer bunten, geblümten Genueser Leinwand ausschlug, und verzierte sein Gespräch mit Dina mit Hammerschlägen und verschiedenen »der – die – Dingsda«. Dina war emsig beschäftigt, Vorhänge zu säumen. Sie war so winzig, daß sie zwischen der Flut der rings um die Leiter ausgebreiteten rosa Leinwand verschwand. Infolge des Widerscheins des strahlenden, tanzenden Flusses, der die Scheiben ganz erfüllte, hätte man meinen können, in einer Schiffskajüte zu sein, und zwar ganz im Vorderteile; denn das Haus bildete die Ecke des Kais an der Spitze des Boulevards, und alle Räume verengten sich nach rückwärts.

»Sag mal, Brüderchen,« ertönte nach einer Pause die Stimme Dinas unter den Behängen hervor, »bist du mit diesen russischen Revolutionären oft zusammengekommen, als du vor drei oder vier Jahren in London wohntest?«

Die jungen Leute sprachen so wie ganz Paris an diesem Vormittage von der schrecklichen Affäre Dejarine.

»Oh, sehr selten, Schwesterchen,« antwortete Toni, draufloshämmernd. »Ich wohnte ganz außerhalb von London, in einer ehemaligen Tuchfabrik am Ufer der Themse. Ein Teil des Flusses ging unter meinem Hause durch und kam in einer Kaskade wieder zum Vorschein; alles bei uns tanzte. Ich hatte sehr wenige Leute, gerade genug zum Beaufsichtigen meiner Dynamomaschinen und zum Besuch der Kunden; ich fand daher, als die schönen Tage kamen, kaum einmal im Monat Zeit, im Fabrikwagen durch die großen Wiesen der Londoner Bannmeile zu fahren, auf deren Grün die Annoncen, die Affichen sich so drollig flach am Boden ausbreiten.«

Aber seine Stimme wurde von der Arbeit übertönt. Er verstummte und begann erst nach einer Weile wieder zu reden.

Oh, diese englischen Häuser, die so gastfreundlich und bequem sind, wenn man einmal drin ist – wie abschreckend und unzugänglich erschienen sie von außen dem Pariser Arbeiter, mit ihren zu festen Verschlußvorrichtungen, ihren guillotineartigen Fenstern. An dieses verschlossene, strenge Aussehen des englischen »Home« hatte er sich nie gewöhnen können. Bei Sophie Castagnozoff sah es ganz anders aus. Er kam gewöhnlich zu ihrer Empfangsstunde, wenn die weit offenstehende Tür einen kläglichen Zug von Aussätzigen und Elenden erscheinen ließ.

»Erwarte mich im Hydepark, ich suche dich nach meiner Sprechstunde auf!« rief ihm die gute Casta zu. Auf einer der Bänke des ungeheuern Square, dem Pariser Bois de Boulogne, nur im Herzen der Stadt, traf Antonin fünf oder sechs russische Flüchtlinge. Manchmal lagen sie in den Wiesen neben krätzigen und mit Ungeziefer bedeckten Vagabunden, deren Bison- und Flußpferdrücken aus dem hohen Grase auftauchten. Nur eine hölzerne Schranke oder ein ganz niedriges Gitter trennte sie von der Reihe der prunkvollen Landauer, Kaleschen, Reiter und Amazonen, ohne daß je ein Blick aus diesen Equipagen auf die am Rasen liegenden wilden Tiere fiel, ohne daß eines dieser wilden Tiere seinen Schlummer unterbrach, um diese luxuriösen Gespanne und Livreen mit Neid zu betrachten.

»Armer Toni, wovon konntest du denn mit diesen Wütenden reden?«

»Ja, siehst du, Schwesterchen, ich sagte zu ihnen: ›Wenn es böse Leute auf der Welt gibt, so ist das nicht ein Grund, ebenfalls böse zu sein.‹ Daraufhin ermangelte Herr Lupniak nie zu antworten –«

»Wer? Lupniak? Der Mörder? Der Mann, dem man den Tod des Generals zuschreibt?«

»Jawohl. Oh, er ist kein Wilder, im Gegenteil, ein sehr wohlerzogener Mann, ein ehemaliger Artillerieoffizier, aber einer jener unerbittlichen Theoretiker, für den – schließlich, nicht wahr? – ein Menschenleben nicht dasselbe – dieselbe – die – Dingsda – Mir warf er vor, daß ich ein schrecklicher Egoist sei –«

Das Schwesterchen fuhr wütend aus der rosa Leinwandflut empor.

»Du, ein Egoist?«

»Ach ja, es ist etwas Wahres an der Beschuldigung,« meinte Toni hoch oben auf seiner Leiter. »Mein Traum von irdischem Glück ist ein wenig beschränkt. Wenn ich fühle, daß ihr, du, Mama, der Bruder, selbst Tantchen, alles habt, was ihr braucht, wenn ich glaube, daß ihr glücklich seid, so verlange ich mir nichts mehr. Ich bin wie unsre Mutter, als wir klein waren – wenn sie uns einmal alle drei ins Bett gesteckt hatte, war ihr Tag zu Ende; dann erst schlief sie ruhig.«

»Das ist es eben, dieser Lupniak kannte dich nicht. Sophie hätte dich nie einen Egoisten genannt.«

»Oh, sie ist eine Heilige . . . alles, was in der Welt leidet, tut ihr weh, sie würde sich nicht ausruhen, bis – schließlich, nicht wahr? – der – die –«

»Ja, bis sie die ganze Menschheit ins Bett gesteckt haben wird,« ergänzte die Kleine lebhaft. »Weißt du, für mich wäre das zu schön,« fuhr sie fort, indem sie mit aller Macht drauflosstichelte. »Wenn ich könnte, würde ich mich damit begnügen, ein Egoist nach deiner Art zu sein, ein Egoist, der sich sein ganzes Leben geopfert hat, der sich darein ergab, nichts zu sein als ein Arbeiter, nichts von all dem zu lernen, was man den älteren Bruder lehrte –«

»Der arme Raimund, was hat ihm das bisher genutzt? Er liebt uns so sehr, gibt sich so viel Mühe, uns zu Hilfe zu kommen. Ja, ja, Dina, ich schwöre es dir, er gibt sich sehr viel Mühe – oh, ich weiß es wohl, du siehst ihn nicht im rechten Lichte, ihr versteht einander nicht.«

Dina lächelte spöttisch.

»Es ist wahr, ich bin weniger gut als du und Mama. Heute bin ich ganz wütend, weil ich Vorhänge säumen muß, statt in Morangis mit Geneviève den schönen Sonntag zu verbringen. Das liebe Tantchen hat gestern den ganzen Abend hier bei mir genäht; der Gedanke, daß sie für Raimund arbeite, erfüllte sie mit Feuer. Höre mal, soll ich dir etwas sagen? Mein Zorn gegen ihn rührt hauptsächlich von seiner Gleichgültigkeit gegen Geneviève her. Damals auf dem Balle habe ich die gesehen, die er ihr vorzieht.«

»Du irrst dich, Didine, er zieht ihr niemand vor, nur –«

Da Toni jetzt mit dem Benageln seines Plafonds fertig war, stieg er von der Leiter herab und setzte sich auf die untere Staffel, um der Schwester zu erklären, warum Raimund auf Geneviève verzichte: weil er sich bei all seiner Verantwortlichkeit für die Familie nicht für berechtigt hielt, sie zu lieben, zu heiraten.

»Du sprichst von Opfer, mein Kind, er hat uns seine Liebe geopfert, das mußt du dir vor Augen halten. Denn dieses Mißtrauen zwischen euch beiden quält mich; es könnte für die Mama ein großer Kummer werden, wenn ich nicht mehr da bin, wenn ich meiner Militärpflicht genügen muß – ohnehin habe ich so viel Sorgen mit dem Gelde –«

»Sei ruhig, mein Toni, du bist noch nicht fort, und bis dahin wird sich sicherlich noch etwas ereignen.«

Als der Kleinen diese unvorsichtigen Worte entschlüpften, sah Antonin, von ihrem stürmischen Ton betroffen, sie neugierig an.

»Was gibt es denn, eine Erbschaft?«

Ach, wenn Dina reden könnte, wenn sie nicht versprochen hätte! . . . Sie errötet und stammelt:

»Nein, es gibt nichts, außer, daß Raimund jetzt, nachdem er eingerichtet ist –«

Aber da ist ja Raimund. Er erscheint mit Mama Eudeline, und es folgen nun ein paar köstliche, dem Programm entsprechende Minuten, nur mit der Variante, daß, nachdem die Wohnung Stück für Stück besichtigt worden ist und Frau Eudeline ihren Sohn fragt: »Rate mal, wo wir sind?« die kleine Dina wider Willen ruft:

»Als ob du es ihm nicht vom ersten Tage an verraten hättest!«

Dann fangen alle mit feuchten Augen zu lachen an, was nicht vorher im Programm stand.

Freilich, er wußte es schon lange zuvor, aber was man ihm da zeigte, überstieg alle seine Voraussetzungen! Wie konnte man annehmen, daß Antonin bei den Tapeten und den Möbeln diesen zarten, sicheren Geschmack entwickeln würde? Denn diese Wanduhr war antik, jener Schrank dort ein seltenes Stück. Sogar das Klavier stammte aus einer guten Fabrik, und wie angenehm war die Lage der Wohnung! Raimund öffnete ein Fenster und machte ein paar Schritte auf den Balkon, indem er die Arme bewegte, als halte er eine Rede. Der frische Morgenwind hob seine blonden Locken und vergrößerte prächtig seine Stirn. Unten rollte die Pferdebahn dahin, und die Pfeifen der Remorköre an den Ufern lärmten, während die Sonntagsglocken dazu läuteten.

»Du hast mir ein wahres Sprungbrett unter die Füße gelegt, Brüderchen,« sagte er, indem er Antonin bei den Schultern faßte. »Du wirst sehen, was ich jetzt –«

Er sprach sich nicht näher aus – wozu auch? Hatten denn nicht alle Vertrauen zu ihrem Ältesten? Bald würde er Präsident des »V. d. P. St.« werden – das versicherte man überall –, und dann würde es ihm nicht an Gelegenheiten fehlen, zu reden, sich ins rechte Licht zu setzen. Das war der erste Schritt zur Politik, zum Deputierten. Jetzt, da er die richtigen Werkzeuge in die Hände bekam, war alles möglich.

»Vor allem, liebe Mutter,« – er war in das Arbeitszimmer zurückgekehrt und stützte sich stehend mit dem Ellbogen auf den Kamin, schon ganz wie zu Hause, als ob er seine Klienten empfange – »vor allem kündige ich dir einen lieben Besuch an, den ich seit einigen Tagen hinausschiebe; denn diesen Besuch, der uns beiden gilt, hätten wir im Laden nicht anständig empfangen können.«

Alle sahen ihn erstaunt an.

»Wer ist das?« fragte Frau Eudeline.

»Wie, du errätst es nicht?«

Und unter allgemeiner Verblüffung sprach er: »Frau Valfon, die Gemahlin des Ministers des Auswärtigen, wird kommen und um die Hand Fräulein Dinas für ihren Sohn Wilkie anhalten. – Nun, das hast du ja eigentlich erwartet.«

Die Mutter senkte ganz verstört die Augen und schien auf dem Boden eine Antwort zu suchen, die sie nicht bloßstellen würde.

»Gewiß, ich wußte es, du hast es mir ja gesagt, aber ich nahm nicht an – ich dachte nicht – kurz, daß es so schnell kommen würde.«

»Oh, es wird auch nicht sofort sein,« antwortete Raimund lebhaft. »Du hast es doch Dina ordentlich erklärt? Sie ist zu jung, und Wilkie befindet sich noch nicht in einer gefestigten Position, aber er ist so – so verliebt – es gibt kein andres Wort dafür –, er will sich daher als erster einschreiben, aus Furcht, daß jemand sie ihm rauben kann.«

Antonin, der zum erstenmal von diesem Heiratsantrag reden hörte, machte ein bestürztes, komisch erstauntes Gesicht. Dinas Lippen waren ein wenig erblaßt, aber ihre Miene blieb ruhig, und sie schien ihre Antwort vorbereitet zu haben, so ruhig und fest sprach sie:

»Mein lieber Raimund, danke Frau Valfon für die Ehre, die sie mir erweisen will, aber jeder Besuch hier wäre unnütz, denn mein Entschluß steht unwiderruflich fest. Ich hatte Mama gebeten, dir das mitzuteilen.«

»Sie hat es mir auch mitgeteilt,« – die Stimme Raimunds sowie seine Hände zitterten – »aber ich hielt das für die Laune eines kleinen Mädchens, die das geringste Nachdenken erschüttern würde. Bedenke doch, was diese Heirat für dich bedeuten wird, in welche Gesellschaft du eintreten wirst –«

Dina hob stolz das Köpfchen.

»Gerade zu dieser Gesellschaft will ich nicht gehören. Ich habe mich einmal in ihr befunden, und das genügt mir. Wenn man hört, wie die Frauen, die jungen Mädchen untereinander reden, überkommt einen der Ekel. Im Haupttelegraphenamt, wo wir doch genug freche Dinger haben, sah ich nie – hörst du wohl, nie! – etwas Ähnliches wie diese Nadia, die Tochter des Generals, oder ihre schöne Freundin, die Nichte Marc Javels.«

Raimund war mit zwei Schritten dicht vor ihr.

»Du wirst also auch dorthin nicht gehen?«

»Gewiß nicht.«

»Nun, das ist ja nett,« sagte Raimund ganz leise, wie vernichtet.

»Was soll ich machen?« fuhr die Kleine mit ihrer entschiedenen Miene fort. »Ich bin wohl im Faubourg du Temple geboren, aber in der Provinz erzogen worden, und diese Pariser Gesellschaft macht mir angst. Ich bin überzeugt, daß Antonin und Mama im Grunde meiner Meinung sind, und wenn Tantchen hier wäre –«

Frau Eudeline schüttelte ihre Schmachtlocken und dachte: ›Gewiß, wenn ich nur sicher wäre, daß sie auch alles sagt, was sie sich denkt!‹ Und Toni murmelte, zu Raimund gewendet:

»Es ist wahr, Brüderchen, wenn ich eine Frau zu wählen hätte, würde ich sie mir nicht aus der – die – Dingsda –«

Raimund zuckte mit den Achseln:

»Ist das dein letztes Wort?« fragte er, indem er sich zu seiner Schwester herabbeugte. »Du wirst also den Antrag meines Freundes Wilkie nicht annehmen, weder in einem halben Jahre noch in einem Jahre?«

»Niemals.«

»Nimm dich in acht, mein Kind,« murmelte Raimund, und man merkte, daß er durch diese erkünstelte Sanftmut seinen Zorn zügelte. »Ehe du dich zu einem entschiedenen Nein entschließt – weißt du auch, was du tust?«

»Ich glaube wohl.«

»Ich glaube es nicht!«

Er machte eine Pause, eine ungeheure Pause, wie auf dem Theater, dann sagte er sehr ernsthaft:

»Damit machst du ganz einfach meiner Präsidentschaft den Garaus.«

Sie machte eine Gebärde vollständiger Gleichgültigkeit:

»Na, das –«

»Daran liegt dir ebensowenig wie an meinem Freunde, willst du sagen? Aber es ist nicht ganz dasselbe – ich habe keine Präsidentschaft zum Ersatz, während du dich zweifellos anderweitig versorgt hast; das gnädige Fräulein hat wahrscheinlich schon seine Wahl getroffen?«

Er lief im Zimmer umher, das für seine Wut zu klein war, und plötzlich erhob er die Faust drohend gegen die Zimmerdecke:

»Oh, die Familie, die Familie!«

Dina, von diesen beleidigenden Anspielungen gereizt, fragte, höhnisch lachend, was die Familie ihm getan habe.

»Sie ist mein Ruin – sie verzehrt mich bis auf die Knochen.«

»Die arme Familie, wenn sie nur dich hätte, wovon sie sich nähren könnte, so wäre sie sehr mager –«

»Dina!« rief die Mutter tief betrübt. Aber er unterbrach sie:

»Laß sie nur; laß sie nur ich wäre neugierig, zu sehen –« Er wandte sich wieder der Schwester zu. »Du findest also, daß ich nicht genug für euch getan habe, daß ich euch nicht genug von meinem Fleische, von meinem Blute gegeben habe?«

»Dein Fleisch und dein Blut – ich habe nie etwas davon gekostet. Und was die andern betrifft, so weiß ich nicht . . . ich kann nur sagen, daß du alle möglichen Berufe versucht hast, ohne bei einem zu bleiben. Du wolltest in die Ecole Normale eintreten, Jus studieren, nach Indo-China gehen –«

Antonin streckte bestürzt, verzweifelt aus der Ferne die Arme aus:

»Dina, ich bitte dich!«

Aber welcher Zügel konnte die Kleine zurückhalten, wenn sie einmal in Wut geriet? Die Einmischung des Bruders reizte sie nur noch mehr und diente neuen verletzenden Worten zum Vorwand. Was wären sie ohne Antonin? Dort stand der, der für alle gelitten, der alle genährt, gekleidet, beherbergt hatte, dort stand die wahre Stütze der Familie. Er, Raimund, war nur die Titularstütze!

Kaum war das Wort heraus, so erschrak sie über die Ungeheuerlichkeit desselben und machte gleichsam einen Satz, um es zurückzuziehen. Hätte der älteste Bruder ihr in diesem Augenblick die Arme geöffnet, so wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte ihn um Verzeihung gebeten. Aber der Streich war gefallen. Er, der Gott, der Buddha, ward einem solchen Schimpf ausgesetzt, und von dieser kleinen Rotznase!

»Meine Liebe, das ist zu geistreich für dich,« sagte er, indem er mit gekrümmtem Zeigefinger ihr Kinn emporhob. »Dieses giftige Wort hat man dir eingeflüstert, von selbst hättest du es nicht gefunden.«

Die Mutter schluchzte, und Antonin flehte mit gefalteten Händen:

»Kinder, Kinder, Dina, du bist nicht gerecht! Verzeih ihr, Raimund; du kennst ja ihren Jähzorn, sie hat Papas Krankheit geerbt.«

Raimund fuhr auf ihn los wie ein Hund auf eine Wespe.

»Du, laß uns in Ruhe; ich habe genug von deinen Grimassen, du falscher Christus, du Scheinheiliger, von deinen Wohltaten, die mir zuwider sind. Nimm deine Möbel zurück, behalte deine Wohnung, ich kehre in meine Dachkammer in die Rue de Seine zurück.«

»Aber diese Dachkammer bezahlt er ja auch!« schleuderte ihm Dina ins Gesicht.

»Didine, du bist boshaft!« schrie Toni, umschlang seinen Bruder mit den Armen, drückte ihn an sich und schmeichelte:

»Du wirst nicht fortgehen, Raimundchen; ich habe dir ja nichts getan, daß du mir diesen Schmerz verursachen solltest. Es ist so gut, wenn alle beisammen sind, man fühlt sich so wohl. Erstens ist es kein großes Verdienst von mir, wenn ich dich einrichte; ich wußte ja, daß es uns allen zum Nutzen gereichen würde. Gott, Gott, wenn ich an die Freude Mamas heute früh denke, und jetzt ist sie ganz verzweifelt! Vorwärts, Didine, gib deine Hand, gib ihm dein Händchen. Siehst du, Mama, er bleibt, er bleibt. Ja, ja, sag nicht nein, Raimundchen – so ist es gut, sie sind versöhnt.«

Ein schweres Stillschweigen entstand, dann sagte der Älteste beruhigt, aber entschlossen:

»Gut, ich bleibe, aber unter einer Bedingung –«

»Alles, was du willst.«

Raimund dachte eine Sekunde nach, dann sagte er:

»Trotz allem, was hier gesprochen wurde, bin ich das Oberhaupt der Familie, und als solches verlange ich, respektiert zu werden. Ich will eine Aufstellung aller Auslagen, die du für mich gemacht hast.«

»Die Quittungen sind in dieser Lade,« sagte der jüngere Bruder freudig, »alles ist bezahlt und in Ordnung.«

Raimund blätterte in dem Bündel Rechnungen und sprach im ernsthaftesten Ton:

»Noch vor morgen wirst du von mir einen Wechsel auf drei oder sechs Monate erhalten. – Ich bestehe darauf, ich fordere es,« fügte er hinzu, um jede Erörterung abzuschneiden.

Frau Eudeline, die sich die Wangen wischte, unterstützte diese Idee ihres Ältesten:

»Er hat recht, ein Wechsel ist anständiger.«

Sie war bereits beruhigt, denn sie sah, daß ihre Kinder wieder einig und Raimund mit seinem Bruder quitt war, da er ihm einen Wechsel geben wollte. Wie schade nur, daß man den Tag nicht zusammen verbringen konnte! Aber Raimund mußte sich mit seiner Wahl beschäftigen.

»Ich habe noch den Rest der Bibliothek herüberzuschaffen und einen ganzen Notenkasten zu ordnen,« sagte Toni, indem er seinen Bruder mit seinen unruhigen, treuen Hundeaugen ansah. »Oh, es hat nicht viel zu bedeuten, um so mehr, als ich mir von Frau Alcide, der Verwalterin, die deine Wirtschaft besorgen wird, helfen lasse. Aber da du fortgehst, lasse mir deinen Schlüssel da; beim Nachhausekommen wirst du ihn unter der Matte finden.«

»Vor allem irre dich nicht und komme nicht in die ›Wunderlampe‹ zum Übernachten!« rief die Schwester lachend.

Raimund fragte, ob sie von dem kleinen Zimmer sofort Besitz ergreifen werde.

»O nein, noch nicht, ich fühle mich in Mamas großem Bett hinter unserm Wandschirm viel zu wohl.«

Das Mädchen sagte das mit einer so naiven, so rührenden Anmut, daß Frau Eudeline davon ganz bewegt und über gewisse Zweifel beruhigt ward, die durch den Entschluß ihres Kindes in ihr entstanden waren.

Raimund hatte vor allem nötig, allein zu sein, um sich zu sammeln, zu fassen. Er fühlte sich in seinem Stolz tief verletzt, kam sich wie herabgesetzt, verkleinert vor und empfand das Bedürfnis, sich rasch in jene gute, zärtliche, wunderbare Wärme einzuhüllen, deren ihn seine Familie so plötzlich beraubt hatte.

Er dachte zuerst an seine Freunde, die Izoards, die seit zwei Tagen aufs Land gezogen waren. Dort war er sicher, einen begeisterten Empfang, ein williges Ohr für seinen Kummer, seine Klagen zu finden. Da Dina sich weigerte, zu Marc Javel zu gehen, konnte er mit dem alten Stenographen einen förmlichen Besuch bei dem Gläubiger seines Vaters verabreden.

Die Hartnäckigkeit dieses kleinen Mädchens war doch sehr seltsam. Was verbarg sich dahinter? In welche abscheuliche Lage gegenüber Wilkie, Frau Valfon, dem Minister würde sie ihn bringen? Alle diese Sorgen hämmerten ihm im Kopfe, während der Orleanser Zug ihn nach Morangis und zum Freiheitsbaum am Kreuzwege führte.

Als der Klopfer dröhnend gegen die Tür des alten Jagdhauses fiel, stieg ein Schwarm Tauben von dem blauen Dache in die Höhe, und die Stimme des alten Vater Izoard ertönte aus dem Hintergrund des Gartens:

»Sieh da, Raimund, so ein Pech! Ich wette, du wolltest den Tag mit uns verbringen, und nun ist Geneviève bis zum Abend mit Freunden aus der Provinz fort, und ich speise in Paris. Ein großes Festessen zu Ehren meiner Ernennung zum Chef der Kammerstenographen. Nun, tritt ein, wir können noch einen Moment plaudern, ehe ich mich anziehe; mein Töchterchen hat alles vorbereitet.«

Der noch feuchte Garten bewahrte im Schatten den winterlichen Frost, aber überall, wohin die Sonne fiel, knospte der Frühling auf den dünnen Zweigen und durchduftete die Hecken und den Rasen.

»Guten Tag, Flieder, ich grüße euch, Maiblumen!« hätte Raimund gern all diesen schönen Frühlingsdüften, die ihn an die Sonntage seiner Jugend erinnerten, zugerufen; aber wie hätten die Kirschbäume in der Allee, der Flieder am Rande des Zaunes in diesem großen jungen Mann, dessen fahlblonde Locken bis an ihre Zweige reichten, den netten, blonden kleinen Jungen, den ehemaligen Schüler des Tantchens wiedererkannt?

Er, der den Trost eines befreundeten Winkels suchte, empfand daher, als er sich unter der Laube niedersetzte, den Eindruck von Einsamkeit und Verlassenheit, und das Herz preßte sich ihm zusammen, als lege er sich entmutigt in einem Graben der Landstraße nieder.

»Stimmt etwas nicht, Junge? Was fehlt dir?« fragte plötzlich Vater Izoard, dessen kleine schwarze Augen ihn seit seinem Eintritt spähend beobachteten.

Raimund bemühte sich, nicht gerührt zu werden, und antwortete einfach:

»Man hat mir eben den Star gestochen, und das tut weh – das fehlt mir.«

Der Alte schob seine ungeheuern Augenbrauen in die Höhe.

»Den Star – dir?«

»Ja, Herr Izoard, jetzt weiß ich, daß ich mein Leben verfehlt habe, daß die Aufgabe, die mir mein Vater beim Sterben anvertraute, mein Stolz, mein Mut, daß ich unfähig war, zu – zu –«

Die Tränen erstickten ihn, und er mußte innehalten.

»Ja, wer hat dir denn das alles gesagt, armes Kind?«

Der alte Vater war ebenso gerührt wie er und versuchte ihn zu trösten, vor allem davon zu überzeugen, daß die Seinigen ihn als das Oberhaupt der Familie liebten und achteten. Selbst in den besten Familien gab es solche Stürme, die aber weder der Autorität noch der Zuneigung schadeten.

Jawohl, Victor Eudeline hatte sich in seine blinde Ehrfurcht vor Latein und Griechisch verrannt. Es wäre besser gewesen, wenn Raimund so wie sein Bruder bei Esprit Cornat eingetreten wäre; dort hätte er das Brot des Hauses und seinen Titel, die Stütze der Familie, wacker verdient. Aber wessen Schuld war es, wenn das nicht der Fall war? Wer durfte ihm das zum Vorwurf machen?

»Alle Welt, Herr Izoard,« sagte der junge Mann, mit einer wütenden Bewegung seine Tränen trocknend. »Weil ich nun selbst fühle, daß ich meiner Pflicht nicht entspreche, weil ich furchtbare Dinge anhören mußte, die ich nicht mehr hören will, bin ich zu Ihnen, zu meinem ältesten Freunde, gekommen. Ich bitte Sie, mich zu Marc Javel zu begleiten. Erinnern Sie sich noch, wie Sie mich im Gymnasium abholten, um ihn immer in einem andern Ministerium aufzusuchen? Wir werden die Jagd wieder von vorn beginnen. Er muß mir eine Anstellung finden, wo immer, was immer, damit ich den Meinigen zu essen geben und meinen Bruder von einem Posten entheben kann, auf dem er schon zu lange und vor seiner Zeit steht.«

Pierre Izoard, der neben ihm auf der runden Bank der Laube saß, drückte ihn kräftig an sich.

»Umarme mich, du bist ein guter Junge.«

Raimund wurde durch diese Umarmung noch gerührter.

»Ach, lieber Freund, wenn Sie wüßten, wie man mich gekränkt hat,« murmelte er. »Zu sehen, daß meine Mutter, meine Mutter an mir zweifelte!«

Das war eine dicke, aber fast unwillkürliche Lüge, die er in der Aufregung aussprach.

»Ja, das Leben ist nicht heiter, aber jeder hat sein Päckchen, wenn dich das trösten kann,« antwortete der alte Mann.

Er hatte den ungeheuern Strohhut, den er zu Ehren des ersten Frühlingssonntags aufgesetzt hatte, tief in die Augen gezogen und schritt nun rund herum um die Laube.

»Glaubst du etwa, daß ich keinen Kummer habe? Weißt du, in wessen Gesellschaft Geneviève in diesem Augenblicke ist? Ich versprach ihr, es niemand zu sagen, aber dir, besonders nach all dem, was ich eben hörte, nachdem du mir einen ganz neuen Raimund gezeigt hast, muß ich es doch sagen . . . Nun, mein Töchterchen spaziert in den Wäldern mit Sophie Castagnozoff, die heute früh von London ankam. Ich glaubte anfangs, daß sie dem Lupniak zu Hilfe komme, der, wie es heißt, in diese abscheuliche Affäre Dejarine verwickelt ist. Aber nein, Lupniak ist, scheint's, geschützt, läuft keine Gefahr. Sophie aber kommt, um meine Tochter abzuholen, um sie daran zu erinnern, daß sie sich verpflichtet habe, mit ihr zusammen in Anglo-Indien eine Filiale jener Stiftung für kranke Kinder zu errichten, die die Doktorin jenseits des Kanals errichtet hat. Du weißt, Geneviève hat sich in London wieder an die Medizin gemacht, um sich der Stiftung ihrer Freundin zu widmen. Sie verhehlte es mir nicht, forderte sogar die dreißigtausend Franken, die ihr von ihrer Mitgift blieben, um damit die ersten Kosten der Filiale zu bestreiten. Was dann geschah, was für ein Wechsel in ihren Plänen und Ideen entstand, weiß ich nicht, aber sie kam eines Tages zurück und hatte die Reise nach Indien und die verlassenen Kinder aufgegeben. Du kannst dir denken, daß ich zufrieden war, denn wenn man auch ein alter Achtundvierziger mit humanitären und philantropischen Ideen ist, die so groß sind wie die Rhone zwischen Beaucaire und Tarascon – wenn man nur eine Tochter hat, wenn die alles ist, was einem in der Welt bleibt, so erscheint einem eine Stiftung für verlassene Väter interessanter als eine für kleine Würmer in demselben Fall! Aber man darf auf nichts sicher rechnen. Da kommt diese Sophie heute früh an, und während des Frühstücks teilt mir Geneviève mit, daß sie alle beide vor Ende dieses Monats auf dem Wege nach Kalkutta sein werden. Du verstehst, ich vermag nichts dagegen einzuwenden, Geneviève steht in ihrem fünfundzwanzigsten Jahre, und freie Herrin ihrer Handlungen war sie übrigens immer. Ich habe sie ohne Religion, aber in den Prinzipien einer strengen Moral erzogen; sie wußte, einen Fehler würde ich ihr nie verzeihen, und sie hat nie einen begangen, wird nie einen begehen. Mögen also die beiden, sie und ihre Freundin, an ihre Aufgabe gehen; ich sehe mit Stolz, daß mein Kind, meinen Ideen und denen meiner Meister getreu, ihre Schönheit und ihre Jugend der Linderung des menschlichen Elends widmet! Trotzdem ist mir das Herz recht schwer, und der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wie ich heute abend auf die Toaste aller meiner Kollegen werde Antwort geben können!«

»In der Tat, Sie haben ein sehr schönes Avancement gemacht,« sagte Raimund, in der Allee neben ihm herschreitend.

Pierre Izoard schob den Arm unter den des jungen Mannes und zog ihn heftig mit sich.

»Ich bitte dich, sprich nicht davon! Ich bin wütend auf mich selbst, ich hätte es ablehnen sollen. Ach, ich weiß ja, warum sie mich ernannt haben. Ich bin ein alter Brummbär der Republik, eine von jenen alten Bärenmützen, die den ordensgeschmückten dickbäuchigen kaiserlichen Marschällen die Wahrheit ins Gesicht sagten – ich weiß zu viel, ich habe zu viel gesehen, da wollen sie mich knebeln. Die Republik ist hin, alle diese Leute wollen reich sein; in den Bureaus, in den Korridoren stinkt es nach Geld, und man kann keinen Schritt tun, ohne irgendwo hineinzutreten. Wenn du aber glaubst, daß ich mir ein Blatt vor den Mund nehme – du wirst schon sehen, wenn wir Marc Javel aufsuchen, nächsten Donnerstag, ist es dir recht? – dann ist Sitzung, und ich spreche lieber mit ihm in der Kammer als in seiner eignen Wohnung. Da wirst du schon sehen, was für Sachen ich ihm über Gambetta und die andern sage – darum bin ich Chef der Kammerstenographen geworden.«

Im Nebengarten, jenseits der mit roten Ziegeln gekrönten Mauer, erklang eine Glocke.

Raimund fuhr zusammen. Waren die ehemaligen Nachbarn wieder zurückgekehrt?

»Die alten Mauglas? Du scherzest. Diese Frechheit würden sie nicht besitzen.«

Der Marseiller pflanzte sich, als er das Erstaunen seines jungen Freundes sah, vor ihm in der Allee auf und verschränkte die Arme über seinem langen Barte.

»Nein, wirklich, du glaubst also noch immer an die Unschuld dieses Mauglas?«

Das war zwischen ihnen ein alter Streit, den die letzten Ereignisse verjüngten und auffrischten.

»Aber, Herr Izoard,« versetzte der junge Eudeline, nicht imstande, ein nachsichtiges Lächeln zu unterdrücken. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich auf dem Balle im Auswärtigen Amt einen Teil der Nacht mit Paul Mauglas verplaudert habe, daß er intim mit dem Minister verkehrte, am Souper, am Kotillon, an allem teilnahm?«

Das Gesicht des Alten flammte auf.

»Was beweist das? Kreuzdonnerwetter, außer daß Valfon, Marquès und alle diese Leute dasselbe Gesindel sind, dieselbe Politik mit schmutzigen Händen treiben – sie bekommen einander nicht überdrüssig, außer wenn die Geschichte schief geht. Hast du denn die Zeitungen nicht gelesen? Weißt du denn nicht, daß Valfon auf offener Kammertribüne Mauglas einen Polizeispion im Dienste des Ministeriums des Innern nannte? Ich schwöre dir, bei dem nächsten Balle im Auswärtigen Amt wird er nicht sein, beim Souper sowenig wie beim Kotillon.«

Der alte Vater, der besonders auf dem Lande ein eifriger Leser politischer Blätter war, zog eine Zeitung aus seiner Gartenjoppe und las Raimund mit tiefer Stimme den betreffenden Artikel vor. Darin stand der volle Name des schlauen »Spitzels der französischen Polizei« – das waren die eignen Worte des Ministers auf der Tribüne –, der während des Pariser Aufenthaltes des Generals Dejarine seiner Person beigegeben war und ihn von den gegen ihn geplanten verbrecherischen Anschlägen benachrichtigt hatte.

»Furchtbar,« murmelte Raimund vernichtet. Bisher hatte er sich geweigert, es zu glauben, aber nach solchen Behauptungen – in welchem Zustand mußte sich der Unglückliche in diesem Augenblick befinden!

»Oh, darüber zerbrich dir nicht den Kopf!« rief der Alte mit seiner natürlichen Stimme. »Er wird sich hauptsächlich ärgern, daß er seine Stelle verliert. Was für eine Demütigung kann einen Menschen treffen, wenn er einmal so tief herabsteigt? Nachdem sein Stolz tot ist, kann ihm nichts das Leben zurückgeben.«

Sie legten ein paar Schritte schweigend zurück. Gelächter und das Getrappel von Kinderfüßen hinter der Mauer erinnerten sie an die ehemaligen Schmausereien des Nachbars.

»Zum Essen! Kommt, zum Essen!
's gibt Schinken – daß ihr's wißt!«

»Sagen Sie mir nur, Herr Izoard,« fragte Raimund geängstigt, »wie hat ein so weitausschauender Geist, eine so feine Intelligenz sich bis zu diesem Punkte erniedrigen können?«

»Wer weiß das, mein armes Kind? Durch Schwäche, durch Feigheit – manchmal ist es auch ein böser Treibstachel, manchmal sogar die Verirrung eines schönen Gefühls – ja, mein Junge, eines schönen Gefühls. Höre mal, ich glaube, daß ich dir noch nie das Abenteuer erzählt habe, das ich im Klub Barbès im Jahre 1848 hatte.«

Er hielt inne und horchte in die Ferne, in den kalten, stahlblauen Himmel hinaus, wo die Glocken von Morangis vier Uhr und den Vespergruß läuteten. Der alte Stenograph dachte plötzlich an seinen Frack, seine weiße Pikeeweste, die majestätische Musselinkrawatte, die ihn da oben, auf seinem Bette ausgebreitet, erwarteten, und Raimund wurde an diesem Tage das Abenteuer im Klub Barbès entzogen. Aber er hatte es schon so viele Male gehört, sollte es noch so oft hören . . .

Sein Tag war verdorben, da er ihn auf dem Lande mit Geneviève und ihrem Vater zu verbringen gedacht hatte; trotzdem kehrte er weniger verzweifelt nach Paris zurück.

Es tut so wohl, sich in Klagen zu ergehen, wenn man leidet, so wohl, sich beklagen zu lassen, besonders wenn es sich um diese verräterischen, brennenden Hochmutswunden handelt, die man nur seinem Kopfkissen anvertrauen möchte, in das man beißt, um das Stöhnen zu ersticken. Ist einmal die erste Scham überwunden, so gewährt das Sprechen, das Aufdecken dieser Wunden eine Erleichterung, die ebenso süß ist wie die Rache. Bloß weil Raimund zu dem armen, alten Manne gesagt hatte: »Das haben sie mir getan,« weil er über seine eigne Betrübnis in Rührung geraten war, indem er sie übertrieb, fand er wieder Gefallen am Leben, und als er aus dem Zug stieg, war sein erster Gedanke Frau Valfon, die Sonntags empfing.

Sie hatten sich seit der Zusammenkunft im Hotel Beaumarchais, jener düsteren, blutbefleckten Zusammenkunft, nicht wiedergesehen, allein fast täglich schrieb sie ihm seither feurige, leidenschaftliche Briefe. Der Schreck über das Drama, das sich so in ihrer Nähe abgespielt, in das sie hätten verwickelt werden können, hallte in ihr noch immer nach, und am Schlusse schrieb sie stets mit Sehnsucht und Ungeduld von der Wohnung, die ihr schöner, lieber Junge ihr verhieß.

»O mein Raimund, beeile dich, unser kleines Heim einzurichten!«

Welche Freude, daß er ihr endlich antworten konnte:

»Das Nest ist bereit und erwartet dich.«

Im voraus stellte er sich vor, was für ein hübscher Schauer über den weißen, runden Nacken laufen würde, wenn er zwischen zwei Besuchern hinter den Lehnstuhl seiner Freundin schlüpfen und ihr ganz leise die Adresse und die Nummer des Asyls zuflüstern würde.

*

»Mein Herr, mein Herr, wohin gehen Sie?« Er hatte bereits einen Teil des Vorzimmers im Ministerpalais durchschritten und mußte nun zurückkommen, um sich auf dem Tisch des Portiers einzuschreiben. Die gnädige Frau war leidend und empfing nicht.

»Oh, leidend, das ist nur so eine Redeweise!«

So rief der junge Marquès, der, fahl wie ein Clown, mit zuckenden Nasenflügeln die Handschuhe überstreifend, aus der Tür trat. Dann stieg er am Arm des Freundes, der überrascht war, ihn an einem Sonntag im Ministerium zu treffen, die ungeheure Freitreppe herab.

»Die Gnädige ist nicht mehr leidend als ich – bloß eine schreckliche Szene – meine Schwester ließ mich holen. Na, das gäbe ein hübsches Stück, so eine Ministerfamilie! – Richtig, Freund Raimund, an welchem Tage möchte Frau Eudeline meine Mutter empfangen? – Sie wissen schon, wozu.«

Sie standen am Rande des Trottoirs an der Ecke der Konkordienbrücke und des Kais. Es war eine köstliche Stunde; die Gaslaternen auf den Abhängen des Trocadero schimmerten durch den lila Nebel, und die bunten Lichter der Schiffe kreuzten sich blitzschnell auf dem Ufer.

»Entschuldigen Sie, ich glaube wirklich, daß wir Frau Valfon einen unnützen Schritt ersparen müssen,« sagte Raimund, über die Begegnung sehr verlegen. »Ich habe Ihnen gesagt, daß meine Schwester ein wenig zögert; diese Ungewißheit, die nichts Persönliches gegen Sie oder andre enthält, hat sich in einen wirklichen Widerstand verwandelt – nur die Geduld kann ihn besiegen.«

Wilkies wutverzerrtes Vipergesichtchen schrumpfte immer mehr zusammen.

»Meine Geduld ist zu Ende, mein Junge,« antwortete er mit abgehackter Stimme. »Geben Sie acht.«

Dann setzte er plötzlich hinzu:

»Begleiten Sie mich in die Avenue d'Antin?«

»Danke, nein, ich speise auf diesem Ufer.«

»Um so schlimmer. Wir wären sonst bei Gastine eingetreten, ich hätte Ihnen meine letzte Scheibe gezeigt und Sie gebeten, Claudius Jacquand zu sagen, daß er noch vor acht Tagen eine Kugel in den Weichen haben wird, einen von jenen Schüssen, von denen man nicht aufkommt.«

»Claudius Jacquand?« wiederholte Raimund verständnislos. »Eine Kugel in den Weichen?«

Wilkie lachte höhnisch.

»Kennen Sie Claudius vielleicht gar nicht? Nun, Sie werden schon bekannt mit ihm werden. – Was Sie anbetrifft, lieber Präsident, sind Sie Ihrer Wahl ganz sicher? Nun, ich zweifle daran. Adieu.«

Er verschwand in der bunten Menge auf der Brücke, und Raimund, von der drohenden Miene seines Freundes, seinem leisen, grellen Lachen verfolgt, blieb lange auf demselben Fleck stehen.

Was hatte damit dieser Claudius Jacquand zu tun, den er nur von einigen Menuettfiguren kannte, die sie zusammen eingeübt hatten? Er war nicht einmal der Kavalier Dinas gewesen, denn sie hatte ja mit Wilkie getanzt. Was bedeutete also dieser Zorn?

›Ich werde Frau Valfon poste restante ein Briefchen schreiben und um eine baldige Zusammenkunft bitten,‹ dachte er. ›Sie wird mich sofort über alles aufklären.‹

Der Abend sank herab. Er kam auf die Idee, in einem Restaurant zu essen und dort seinen Brief zu schreiben. Müde Schatten, Kinder, die man an der Hand fortzog, streiften längs des Kais in der schweren, grauen Dämmerung eines Sonntagabends an ihm vorüber. Er schritt lange aus und erkannte zuletzt an dem Flammen aller Stockwerke den berühmten »Silbernen Turm«, der Pierre Izoard und den Feinschmeckern des linken Seineufers so teuer war.

Im unteren Salon waren nur einige Tische besetzt.

Auf dem Tisch, auf dem er sich servieren ließ, lag ein illustriertes Blatt, das die Photographie des ehemaligen russischen Polizeiministers und die des angeblichen Mörders, des geheimnisvollen Lupniak enthielt, der seit einer Woche die Sicherheitspolizei auf den Beinen hielt. Beim Anblick des letzteren Porträts fühlte Raimund, daß er erbleichte.

Diese scharfen Augen, diese Hakennase, diese tierischen Kinnbacken mit den auseinanderstehenden Hauern – ja, das war der Mann, der längs des Daches im Hotel Beaumarchais dahinglitt, dessen Blick, während er den seinen kreuzte, zu bedeuten schien: ›Wir begegnen uns nur unter tragischen Umständen, junger Mann. Erinnern Sie sich an das Sprechzimmer im Louis-le-Grand?‹ Die Identität der Persönlichkeit schien ihm jetzt bewiesen, und während er ganz aufgeregt das Zeitungsblatt betrachtete, meinte er wieder am Fenster des Hotelzimmers zu stehen. Er zitterte noch, als er Frau Valfon die Stunde und Adresse der neuen Zusammenkunft angab.

Nach dem Essen begab er sich in das Rauchzimmer des Vereins, um zu sehen, ob Wilkie wirklich einen Gegenfeldzug einleitete. Alle Studenten waren noch mit dem Abenteuer Mauglas' beschäftigt. Er rühmte sich, ihn zu kennen, pries die literarischen Berichte des Schriftstellers und suchte nach Beweggründen für sein niedriges Vorgehen. Er fand welche und tolstoisierte den ganzen Abend vor der Büste Chevreuls und der Lithographie Victor Cousins, hätte aber besser daran getan, seine Betrachtungen für sich zu behalten, denn verschiedene Komiteemitglieder und folglich seine Wähler, Söhne von Advokaten und Notaren, die für das väterliche Amt bestimmt waren, wurden über seine Theorien empört.

Gegen zehn Uhr fühlte er plötzlich die Ermüdung des für ihn so langen und schweren Tages. Instinktmäßig ging er in die Rue de Seine, in sein gewohntes Nachtquartier, und erst bei der Biegung des Boulevards, als er aus der Ferne den geschlossenen Laden seiner Mutter sah, dachte er an seine neue Wohnung. Er legte den Weg zu Fuß zurück, zählte genau seine vier Stockwerke und fand den Schlüssel an der vorher ausgemachten Stelle. Sein Schlüssel, sein Zimmer – wie schön ihm das klang! Welchen geheimen, tiefen Quellen der Freiheit menschlicher Individualität mögen diese köstlichen Kindereien entspringen!

Er trat ganz geradeswegs ein und tastete sich ohne Licht vorwärts, als hätte er seit zwanzig Jahren hier gewohnt. Als er in seinem Zimmer ankam und ein Zündhölzchen anrieb, ertönte ein leichtes Geräusch. Im Winkel des Fensters richtete sich ein Schatten, eine lange Silhouette auf, die der weiße Widerschein des Mondes abzeichnete.

»Wer ist da?« rief er ganz laut, indem er sich der unbeweglichen Gestalt näherte, die plötzlich lebendig wurde.

»Ich bin es – Geneviève,« murmelte eine Stimme, die so unbestimmt und träumerisch war wie die Nacht selbst.

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