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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 5
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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IV

Anonyme Briefe

»Wenn Claudius Jacquand gerne wissen möchte, wohin die kleine Telegraphistin, der er seinen Namen geben will, fast täglich von fünf bis sechs nach dem Amte geht, mag er sich unter einem Tor auf die Lauer stellen und den Eingang des Hauptamtes bewachen. Er wird sich sehr gut unterhalten.«

Der junge Jacquand stand in einem eleganten Erdgeschoß der Rue Cambon, das sein Vater, der Lyoner Senator, während der Session mit ihm teilte, lehnte die Stirn an die Fensterscheibe seines Ankleidezimmers und zerdrückte den anonymen Brief in der Hand. Seit dem Balle im Ministerium und seiner Begegnung mit Dina wurde er mit derlei Briefen, die alle eine verstellte Handschrift und Kopfleisten der Modemagazine aufwiesen, überschüttet; aber – er wußte selbst nicht, warum – keiner hatte solchen Eindruck auf ihn gemacht wie dieser. Er las ihn immer wieder durch.

›Nein, ich werde ihr nicht auflauern, ich werde mich nicht in den Hinterhalt stellen,‹ dachte er bei sich. ›Ich werde ganz einfach ins Hauptamt gehen, nach Fräulein Eudeline fragen und ihr sagen – mein Gott, ich werde ihr sagen, daß nach einer Stunde der Verwirrung, des Schwindels die Vernunft wieder zurückgekehrt ist und einen Glückstraum vernichtete, der sich allzu schwer verwirklichen ließe. Ich müßte mich mit meinem Vater überwerfen, Stürme aushalten, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Zu ihrem, zu meinem Glück werde ich sie beschwören, mir mein Wort zurückzugeben. Ja, so werde ich es machen.‹

Nachdem Claudius diesen Entschluß gefaßt hatte, fühlte er sich leichter; es kam ihm auch vor, daß er fester auf seinen langen Beinen stehe, und er beeilte sich, seine Toilette zu beenden, um ausgehen zu können. Der Unglückliche vergaß die zahllosen Entschlüsse, die er seit achtundvierzig Stunden gefaßt und alle wieder fallen gelassen hatte. Er war nämlich nicht einer von jenen äußerlich ruhigen und entschlossenen Menschen, deren beständiges Pendeln von allzu wohlerwogenen Urteilen oder von einer geistigen Doppelsichtigkeit herzurühren scheint, die dem Geiste stets wenigstens zwei gleichzeitige Anschauungsweisen gibt. Die Unentschlossenheit dieses Lyonesers mit der verzückten Stirn, den hervorspringenden fanatischen Augen, den Anfällen von Ungestüm, auf die zermalmende Betäubung folgte, war das Ergebnis der außerordentlichen Beweglichkeit, die das Unglück seines Lebens bildete.

Als er sich nach seinem unbesonnenen Streich im Ministerpalais – dem Bruche mit Florence, der Verlobung mit Dina – allein sah, als er der bezaubernden Behexung der blauen Augen und der goldenen Flechten entrückt war, ergriff ihn Furcht und Staunen über seine Kühnheit. Gewiß, nicht deswegen, weil Fräulein Marquès ihm am Herzen lag. Dieses schöne, instinktiv sinnliche Mädchen, dessen ganzes Leben in der Rue de la Paix verstrich, das einen Lieferanten nur verließ, um bei einem andern einzutreten oder in irgendeiner eleganten Bar zu speisen, das weder schöne Bilder noch Musik liebte, das an nichts glaubte als an sich selbst, an seine Toilette und seine Schönheit, diese Person konnte eine Frau für die Parade und die Galerie sein, nie aber eine nach seinem Geschmacke.

Das Unglück war nur, daß er sich durch den Bruch auch mit Frau Valfon, dieser guten Frau, dieser wertvollen Freundin, und mit Valfon überwarf, der sich rühmte, unerbittlichen Groll nachzutragen. Von Valfon erwartete sein Vater, Tony Jacquand, nach der Unterzeichnung des Ehekontraktes die Ernennung zum Marineminister. Wie würde er den Mut haben, diesem schrecklichen Vater, besonders seinem Gelächter, seinen spöttischen Reden entgegenzutreten? Denn Tony, wie er in der lustigen Welt hieß, wurde nie böse. Er war ein alter Geck, dessen Frau vor Kummer gestorben war, ein wütender Schwelger und Lebemann, noch sehr stramm, sehr jugendlich; er färbte seinen Bart und war siebzig Jahre alt geworden, ohne je eine andre Krankheit gehabt zu haben, als den tüchtigen Schnupfen, den er sich bei der Einweihung der Statue geholt hatte, und der ihn nun seit vierzehn Tagen in Lyon festhielt. Claudius erwartete ihn jeden Augenblick in der Rue Cambon, und wenn er an die Enttäuschung bei der Ankunft dachte, zog er es noch vor, dem Zorne und der Verachtung Dinas entgegenzutreten.

Sie hatte ihn sehr eingehend über alles unterrichtet, und so erschien er gegen elf Uhr im Haupttelegraphenamte, gerade als Fräulein Eudeline, nachdem sie in der Garderobe ihr Arbeitskostüm angelegt hatte, sich vor ihrem Apparat niederließ. Alles, was er ihr zu sagen hatte, war vorbereitet, denn er mißtraute seiner Erregung. Allein etwas beruhigte ihn; das war die Arbeitstracht der kleinen Telegraphistin, die von ihrer Erscheinung als Watteauschäferin so verschieden war und ihm sicherlich eine Enttäuschung bereiten mußte, durch die seine Aufgabe erleichtert wurde.

Gerade das Gegenteil davon trat ein.

Als Dina in ihrem langen, schwarzen Kittel, der ihre Gestalt größer, den Kopf noch kleiner, den Teint rosiger und die schweren Flechten noch leuchtender, goldiger erscheinen ließ, im Treppenhause erschien, suchte der geblendete Claudius nach Gedanken und Worten. Diese jugendliche Anmut hatte nicht ihresgleichen, und daneben erschien die Schäferin von neulich wie eine Auslagepuppe. Während er sich an das Geländer lehnen mußte, da ihn ein Zittern schüttelte, sagte sie mit ihrer ruhigsten Stimme:

»Ich war überzeugt, daß Sie heute kommen würden, ich hatte ja Unsre Liebe Frau von Fourvières so innig darum gebeten. Als man mich rief, war ich gar nicht überrascht.«

Sie stand über das Geländer gebeugt, ganz dicht neben ihm, ohne sich um die Leute zu kümmern, die die große Treppe des Amtes hinauf und hinab stiegen, und erzählte ihm den seltsamen Einfall Wilkie Marquès', den Heiratsantrag, von dem sie bedroht ward. Frau Eudeline hatte es auf sich genommen, sie davon zu benachrichtigen, noch ehe Raimund mit ihr davon gesprochen hatte.

»Selbstverständlich, lieber Claudius, habe ich von Ihren Plänen nichts laut werden lassen, da Sie zuerst Ihren Vater verständigen wollen. Ich gehorchte Ihrem Wunsche, obwohl es mich viel kostete, denn Herr Wilkie drängt auf meine Antwort; ich muß sie ihm so rasch als möglich geben.«

»Ja, lieben Sie denn diesen Wilkie – kennen Sie ihn denn gar?« fragte Claudius, dessen blasser Lyoneser Teint plötzlich von einer eifersüchtigen Röte gefärbt ward.

Ein Lächeln verschönerte die Antwort Dinas. Ob sie in diesen Herrn verliebt war? Oh, gewiß nicht, aber er war der beste, der älteste Freund ihres Bruders, und sein Antrag mußte ihr schmeicheln, um so mehr, als er sich nicht versteckte, mit seiner Mutter kommen wollte, um seine Werbung anzubringen.

»Dieser Mensch versteckt sich immer,« sagte Claudius, indem er während des Sprechens in unterdrückter Wut das Geländer mit seiner langen, hell behandschuhten Hand schüttelte. »Er ist ein Ungeheuer von Verderbtheit, ein Ekel von einem Menschen und rühmt sich dessen noch. Was will er von Ihnen? Was steckt hinter diesem Heiratsantrag? Ich weiß es nicht, aber ich bin im voraus überzeugt, daß es irgendeine Gemeinheit ist.«

»Sagen Sie, was soll ich ihm antworten?« fragte sie noch immer lächelnd und ruhig.

Ach, wußte er denn selbst, was sie antworten sollte? Ja, sie in die Arme nehmen, davontragen, so wie sie dastand – dieses Kleinod, dieses Feenweibchen in ihre goldenen Flechten und ihre schwarze Bluse einpacken, mit ihr davonlaufen wie ein Dieb, das war sein einziger Gedanke, das war das Gefühl, das ihn überkam, als er sie zum erstenmal sah, und das er nun beim Wiedersehen mit ihr von neuem empfand. Es war ein unwiderstehlicher Impuls, ein Schwindel der Seele und der Sinne. Aber wie konnte er dies in schicklichen Worten erklären, obendrein auf einer Treppe, vor so viel Leuten, so viel neugierigen Blicken, die im Vorübergehen lauerten? Er drückte sich daher schlecht aus, aber Worte bedeuten bei der wahren Liebe so wenig. Von allem, was er vorbereitet hatte, sagte er nichts, vergaß sogar den anonymen Brief, und während er gekommen war, sein Wort zurückzunehmen, verpfändete er es feierlicher denn je.

Was seinen Vater betraf, so wollte er ihm eine lange Depesche schicken, und am nächsten Tage gleich nach Eintreffen der Antwort, die übrigens an seinen Gefühlen nichts ändern würde, wollte er sie Dina zur selben Stunde hierherbringen.

»Nicht hierher, das geht nicht,« sagte das junge Mädchen lebhaft. »Wenn ich Sie zwei Tage nacheinander empfangen wollte, würde das Aufsehen erregen. Man ist hier im Hause sehr spießbürgerlich. Gerade vorhin ging der Abteilungschef an uns vorüber, und an dem Blick, den er auf Ihre hellen Handschuhe warf, sah ich, daß das ganze Amt in Aufruhr geraten wird.«

»Kann ich Sie beim Ausgang erwarten?«

»Das wäre noch gefährlicher. Nein, schicken Sie die Antwort rekommandiert an den Portier hierher; er wird sie sofort in die Garderobe hinaufbringen und in meinen Beutel legen.«

Ein heftiges Klingeln verkündigte das Ende der zehn Minuten dauernden Pause, die den Telegraphistinnen von Stunde zu Stunde gewährt wird.

»Wann werden wir uns wiedersehen?« murmelte Claudius schüchtern, während eine kleine Hand sich aus einer weißen Manschette ihm entgegenstreckte.

Dina schien nachzudenken, gerade lange genug, um ihre schönen klaren Augen zu ihm zu erheben, dann sagte sie:

»Sie wissen doch, daß die Marc Javels mich für Montag eingeladen haben. Kommen Sie denn nicht auch auf den Ball?«

Die Stirn des Lyonesers verdüsterte sich. Bei den Marc Javels – was für eine Idee war das! Erstens wurden dort Männer nicht zugelassen, denn es war ein Mädchenball zu Ehren des Geburtstages ihrer Nichte. Aber er beschwor sie, nicht hinzugehen, mit diesen Leuten keine Bekanntschaft zu schließen. Sie hatte ja gar keine Ahnung von diesen jungen Weltdamen, von den Reden, die sie miteinander führten. So habe diese Nadia Dejarine, deren Vater eben einen so kläglichen Tod gefunden hatte, eine Ausdrucksweise wie ein Stallknecht. Zwischen ihr und der Nichte Marc Javels fand ein Wettkampf mit abscheulichen Worten statt.

»Dina, ich bitte Sie, gehen Sie nicht hin. Ich wäre zu unglücklich darüber.«

Seine Stimme hatte vor Aufregung, vor Eile einen keuchenden Klang; seine immer ehrerbietigen Bewegungen wurden zärtlich, schmerzlich, flehend und hüllten sie aus der Ferne ganz ein.

»Wenn Sie mich so bitten, müssen Sie glauben, ein Recht dazu zu haben,« sagte das junge Mädchen mit ernster Anmut.

Dann fuhr sie mit den Spitzen ihrer Fingerchen über Claudius' Hand.

»Ich werde also nicht zu den Marc Javels gehen; aber was für Geschichten und Geheimnisse wird es da wieder mit Mama geben!«

Bisher hatte zwischen dieser Mutter und dieser Tochter nie ein Geheimnis bestanden. Frau Eudeline, die so lange von ihren Knaben getrennt gewesen war und bei ihren Verwandten in der Provinz, die sie aus Mitleid bei sich behielten, niemand gehabt hatte als ihre kleine, schon damals sehr kluge und verständige Dina, waren diese abendlichen geflüsterten Geheimnisse auf den Kissen in dem großen Bette, das ihnen aus dem Faubourg du Temple nach Cherbourg, von Cherbourg in den Hinterladen der »Wunderlampe« gefolgt war, zu einer köstlichen Gewohnheit geworden. Aber seit einigen Tagen war das Geplauder weniger vertraulich, und die Mutter fühlte, daß die Tochter ihr etwas verbarg. Da Dina sich gegen einen derartig schmeichelhaften Heiratsantrag so kalt verhielt, daß sie Bedenkzeit verlangte, während jede andre sofort eingewilligt hätte, mußte ihr Herz anderweitig vergeben sein. Aber was kann man aus einem Kinde herausbekommen, das selbst seiner Mutter mißtraut? Die Brüder würden nichts durchsetzen, denn der eine war zu gebieterisch, der andre zu schwach. Es blieb also nur das Tantchen übrig, das gute Tantchen, das eigens von London zurückgekommen zu sein schien, um ihrer alten Freundin aus der Verlegenheit zu helfen.

Daran dachte Frau Eudeline unter ihren langen, sentimentalen Schmachtlocken am Abend desselben Tages, an dem Claudius sich unter dem Eindrucke des letzten anonymen Briefes zu einem energischen Entschluß aufraffte, und so begab sie sich ins Parlament. Sie rechnete darauf, Geneviève allein in der kleinen Wohnung zu finden, deren unter dem Dache befindliche Fenster auf einen der inneren Höfe des Palais Bourbon gingen. Unglücklicherweise befand sich aber Vater Izoard bei seiner Tochter.

Das Mädchen saß neben dem weit offenen Fenster und betrachtete schwermütig diesen Horizont aus Dächern und Dachtraufen, die sich im Profil von dem bereiften Himmel abzeichneten. Die Krähen schrien, während der alte Stenograph, mit etwas gezwungener Heiterkeit trällernd, die Hängelampe anzündete. Vater und Tochter schienen voneinander weit entfernt zu sein und sprachen nicht miteinander, als hätte dieses Zwielicht, diese doppelte Beleuchtung sie in verschiedene Räume eingeschlossen. Als daher Frau Eudeline erschien, stieß der mitteilsame Marseiller einen zwanglosen, echt südlichen Freudenschrei aus.

›Welches Pech, daß ich nicht mit ihr reden kann,‹ dachte die Mutter, während sie sich neben Geneviève niedersetzte, und unwillkürlich gab sie ihrem Gedanken ganz laut Ausdruck:

»Haben Sie denn heute Sitzung gehabt, Herr Izoard? Wie früh sie zu Ende war!«

»Stellen Sie sich vor, sie ist nicht zu Ende. Diese schreckliche Affäre Dejarine hat der Regierung eine Interpellation eingetragen, die alles auf den Kopf stellte. Ich kam nur herauf, um meinem Töchterchen zu sagen, daß sie sich allein zu Tische setzen muß, denn unsre Redner sind mit dem Durchsehen der Korrekturen so saumselig.«

Er machte ein paar Schritte, indem er an seinem langen Barte riß, was bei ihm stets ein Zeichen großer Ratlosigkeit war. Dann deutete er plötzlich auf Geneviève und sagte:

»Mama Eudeline, ich vertraue sie Ihnen an, ich rechne auf Sie, daß Sie sie mir ein bißchen aufheitern. Sagen Sie, ist das vernünftig? Seit ihrer Rückkehr aus London macht das Kind so ein Gesicht – bald aus diesem, bald aus einem andern Grunde –, so sagt man wenigstens dem alten Vater vor. Heute scheint's, ist es die Geschichte mit dem Dejarine – sie fürchtet, daß unsre arme Casta dabei kompromittiert ist. Warum denn? Sie ist ja gar nicht in Paris –«

»Das wissen wir nicht,« sagte Geneviève lebhaft, »Lupniak versteckt sich sicherlich, man hat ihn im Verdacht, einer der Hauptakteure des Dramas zu sein. Freilich beschäftigt sich die liebe Sophie nicht mehr mit der Politik, und ihr Geist hat sich so erweitert, daß sie von Nächstenliebe, von allgemeinem Mitleid träumt – die Welt kennt die Spitäler, die sie gegründet hatte, ihre Kliniken für kranke Kinder –, aber ich weiß, sie ist für die Bravour ihrer revolutionären Kameraden so feurig, so leidenschaftlich begeistert, daß ich jeden Augenblick zittere, sie ankommen zu sehen.«

»In der Tat, ich verstehe, daß dich das quält,« meinte Frau Eudeline mitleidig.

Aber Vater Izoard blinzelte mit seinen kleinen Steinkohlenaugen und hauchte der alten Freundin zu:

»Nur eine Mama kann wissen, was in den Schädelchen dieser kleinen Mädchen vorgeht.«

»Ich bitte Sie, fragen Sie das meinige aus, ja?« schienen diese Worte zu bedeuten, und so faßte die alte Freundin sie auch auf, denn kaum war der Stenograph fortgegangen und sie mit Geneviève allein, so murmelte sie:

»Die Mamas wissen auch nicht mehr als die andern; zum Beweis dafür möchte ich dich herzlich bitten –«

Sie zögerte, und siehe, die matte Haut Genevièves rötete sich in heimlicher Angst. Vielleicht Raimund? Aber Frau Eudeline, ganz in ihren Gedanken aufgehend, achtete nicht darauf.

»Mein Dinachen macht mir Sorge. Wenn du mir helfen wolltest, sie auszuforschen –«

Geneviève fuhr zusammen. Was lag ihr an Dina? Das war nicht der Name, den sie von den Lippen der Mutter erwartete.

»Ihre Tochter ist noch ein Kind, und sie macht Ihnen Sorge, sagen Sie?«

»Oh, schreckliche Sorge!«

Frau Eudeline begann nun, das Abenteuer ihres kleinen Aschenbrödels zu erzählen, wenigstens dasjenige, das sie kannte. Die arme Mutter schilderte die Befürchtungen, die sie überkamen, als sie sie eine so gute Partie verschmähen sah.

»Sie hat vielleicht recht, daß sie sie verschmäht,« versetzte das Mädchen ernsthaft. »Ich habe meinen Vater öfter sagen hören, daß diese Valfons, diese Marquès recht abscheuliche Leute seien. Wer weiß, ob Ihre kleine Dina nicht von einem Instinkt der Würde und Ehrenhaftigkeit geleitet wird.«

In der gewöhnlich so ruhigen und tiefen Stimme Genevièves zitterte eine dumpfe Empörung, die in ihren Augen und auf ihren Wangen loderte.

»Es ist eigentlich ein schlechtes Gefühl, das mich dazu treibt, diese Leute zu verleumden,« verbesserte sie sich plötzlich etwas verlegen. »Aber können Sie verlangen, daß ich zwischen ihnen und Ihrem Kinde, einer so offenen, geraden Natur, schwanke?«

»Du glaubst also nicht, daß sie ihn abweist, weil ihr Herz vielleicht für einen andern gesprochen hat?«

Frau Eudeline sprach diese einfachen Worte in girrendem Tone, wie den Refrain einer alten Romanze.

»Sie würde es Ihnen gestanden haben.«

»Meinst du?«

»Aber gewiß.«

Die Mutter lächelte außer sich vor Freude und sah den Himmel offen.

»Ach, Tantchen, Tantchen, wenn du wüßtest, wie wohl du mir tust. Es ist so traurig, jemand zu mißtrauen, den man liebt. Wenn ich bedenke, daß mein Dinachen, das seit seiner Geburt neben mir schläft, dessen Leben immer einen Teil des meinigen bildete, mir jetzt fremd ist! Ich fürchte, daß sie mir etwas verbirgt.«

»Wer hat Ihnen das Recht gegeben, etwas zu fürchten?« fragte Geneviève, indem sie sich erhob, um das Fenster zu schließen, denn der Abend war gekommen.

Unten, unter der Galerie des Hofes, ertönte das Geräusch von Waffen und der abgemessene Schritt der abgelösten Wache.

»Wer mir das Recht dazu gab?«

Frau Eudeline zog aus einer jener unauffindbaren Kleidertaschen, die so unbequem sind, daß die Frauen immer darauf zu sitzen scheinen, zwei oder drei Briefe ohne Unterschrift, von der Art, wie Claudius sie an diesem Morgen erhalten hatte.

»Sind Sie auch sicher, daß Dina jeden Tag in ihr Amt geht?« stand in einem dieser Briefe. »Durch die Gunst eines Abteilungschefs oder einer Aufseherin ist nichts leichter als eine falsche Eintragung beim Fortgehen wie beim Kommen des Personals. Also – – «

Ein zweites Briefchen machte Frau Eudeline darauf aufmerksam, daß ihre Tochter mit einer Verspätung von einer Stunde oder drei Viertelstunden aus dem Amte zurückkehre. Es wäre interessant, zu erfahren, wo die Kleine diese Zeit zubringe –

»Das ist eine Schmach,« murmelte die arme Frau, während Geneviève sich der Lampe näherte, um diese Schändlichkeiten zu entziffern.

»Du bist die erste und einzige, die sie zu Gesicht bekommt – diese anonymen Briefe verbittern mir das Leben. Wenn mein Kind jetzt nach Hause kommt, wenn sie weggeht, sehen meine Augen sofort auf die Uhr. Keine Falte ihres Kleides, keine Locke ihres Haares, die ich nicht beobachte; schläft sie, so belauere ich ihren Schlaf und ihre Träume: stehe auf, um ihre Kleider zu durchsuchen, und da ich nie etwas finde, gerate ich in Verzweiflung, statt daß mich das beruhigen sollte – ich sage mir, daß sie eben geschickter ist als ich. Du weißt, in unserm Boot – wie Herr Mauglas zu sagen pflegte – ist man für das Gefühl und für das Sedativwasser.«

Sie umschlang das große, schöne Mädchen mit beiden Armen und rief in einem Ausbruch selbstsüchtiger Zärtlichkeit:

»Mein liebes Kind, du bist ja so vernünftig; meine Kinder haben dir immer viel mehr gehorcht als ihrer Mutter – hilf mir mein Dinachen wiederfinden. Ich kann es nicht mehr.«

Oh, das sanfte, herzzerreißende Lächeln des Mädchens, der schmerzlich ironische Ton, in dem die Antwort erfolgte!

»Es ist wahr, ich bin sehr vernünftig, ich bin es immer, sogar zu sehr; ein bißchen Leichtsinn hätte zweifellos besser für mich getaugt. Nun, ich werde auch diesmal die Vernünftige sein, und wenn Ihr Kind eines Rates bedarf, werde ich ihn geben. Aber vor allem –« sie hielt der Mutter die anonymen Briefe mit einer Gebärde des Widerwillens hin –, »vor allem müssen Sie diese Abscheulichkeiten verbrennen, Ihre Augen, Ihre Gedanken nicht mehr davon beschmutzen lassen. Ich stelle mir vor, daß auch mein Vater solche Beschuldigungen gegen die Ehre seiner Tochter erhalten könnte; er würde daran sterben, er würde jemand umbringen.«

Ein fröhliches Geklingel, jugendliches Gelächter und wirbelnde blonde Locken – es war Dina, die ihre Mutter abholte und beiden um den Hals fiel, indem sie wegen ihres späten Kommens um Entschuldigung bat. Aber wer war schuld? Herr Raimund. Sie hatte ihn im Geschäft getroffen, im Begriffe, eine Toilette zu machen, die das ganze Haus auf den Kopf stellte, weil er auswärts speisen wollte. Nein, man kann sich gar nicht vorstellen, was für einen Platz ein junger Mann heutzutage braucht, um sich anzukleiden, wie verwickelt eine Männertoilette heutzutage ist. Stiefelhölzer, damit die Schuhe nicht entstellt werden, Hosenspanner, damit die Beinkleider keine Knie bekommen! Kein Mensch hatte je von solcher Eleganz gehört. Aber vor allem mußte man sehen, was für ein Gesicht Antonin zu diesem Raffinement machte; besonders die Stiefelhölzer und die Strumpfbänder für die seidenen Strümpfe ließen ihn die Augen aufreißen. Gewiß, in seiner Werkstätte kannte man all diese Erfindungen nicht.

»Dein Bruder speist also jeden Abend außer Hause?« fragte Geneviève, die sich zwang, über dieses Geplapper zu lächeln.

Frau Eudeline warnte die Tochter mit einem Augenblinzeln, nicht gar zu boshaft zu sein, aber die Kleine war einmal im Gang und ließ sich nicht mehr aufhalten.

»Raimund? Er kennt nichts Höheres, als bei diesen Rastaquouères zu speisen, die ihm berittene Estafetten schicken. Oh, ich habe es ihm gesagt –«

»Das dachte ich mir,« unterbrach sie die Mutter; »als ich dich so hochrot ankommen sah, wußte ich gleich, daß du von einem Streit mit deinem Bruder kommst. Tantchen müßte dich schelten, du bist nicht gerecht gegen Raimund. Machst du Toni dieselben Vorwürfe, wenn er nicht zu Hause ißt?«

Die Kleine war so empört, daß sie einen Augenblick fast erstickte; aber sie faßte sich rasch.

»Toni – Vorwürfe? Mein Gott, warum denn? Wenn er nicht mit uns ißt, so hält ihn nur die Arbeit in der Werkstätte zurück, irgendein dringender Auftrag, der ihn nicht hindern wird, das Geschäft zu schließen oder, wie an diesem Abend, zu kommen, um die letzten Vorbereitungen zum Einzug des Kronprinzen zu überwachen.«

Der Name »Kronprinz«, den die Kleine manchmal dem großen Bruder beilegte, brachte das Tantchen zum Lächeln.

»Wann also findet der Einzug statt?« fragte sie.

»Ohne Zweifel nächsten Sonntag; wir müssen noch ein paar Vorhänge fertig machen,« antwortete Frau Eudeline, indem sie ihre Tochter anblickte.

Dina schüttelte mit widerspenstiger Miene den Kopf.

»Ich weiß nicht, ob ich Zeit dazu haben werde.«

»Aber gewiß wirst du Zeit dazu haben, kleiner Dämon,« meinte das Tantchen, indem sie sie um den Hals faßte. »Ich werde dir sogar helfen, wenn es sein muß. Hör mal, soll ich dich morgen aus dem Amt abholen, damit wir abends zusammen sind?«

Dina schien verlegen zu werden.

»Ich – ich weiß nie genau, wann es aus ist – diese Extraarbeiten –«

»Wir würden den ganzen Abend arbeiten und vor meiner Abreise nach London wieder einmal so gut plaudern wie einst.«

»Habe keine Angst, Tantchen, die Gelegenheit dazu wird sich schon finden –«

Dina ergriff die kurze, volle Hand der Freundin und drückte sie schmeichelnd an ihre gesenkte Wange. Die beiden andern Frauen wechselten über sie hinweg einen bedeutungsvollen Blick.

›Habe ich dir es nicht gesagt?‹

›In der Tat, da muß etwas dahinterstecken. Aber seien Sie ohne Sorge, ich werde es erfahren, sie wird es mir sagen.‹

Die Nacht, die diesem Besuche im Palais Bourbon folgte, erschien Dina schrecklich lang. Während sie, das Gesicht zur Mauer gekehrt, neben ihrer Mutter hinter dem Wandschirm lag und sich trotz des Feuers, das ihre Adern schwellte, trotz des Fiebers, das unter ihren geschlossenen Lidern glühte, unbeweglich verhalten mußte, fragte sie sich, wie die Antwort ausfallen werde, und ob Claudius im Falle einer Weigerung den Mut haben würde, sein Wort zu halten. Was sie vor allem betrübte, war der schüchterne Versuch, den Frau Eudeline machte, ehe sie einschlummerte:

»Du schläfst, Dinachen? Du willst nicht ein bißchen mit Mama plaudern?«

Dann kam ein langer Seufzer und Schweigen. Ach, wenn sie sich in die Arme der Mutter werfen und ihr alles hätte sagen können! Aber nein, Claudius forderte Geheimhaltung und Warten, wieder Warten!

Am Morgen beim Aufstehen war ihr erster Gedanke ein inniges Gebet zu Unsrer Lieben Frau von Fourvières, deren Bildnis sie nie verließ. Dieser Tag mußte für das Glück aller – denn sie vereinigte ihr Schicksal mit dem der Ihrigen – entscheidend sein. Als sie daher im Haupttelegraphenamt anlangte und in die Garderobe trat, wo die Angestellten ihre Mäntel und Hüte lassen und den langen, schwarzen Arbeitskittel anziehen, zitterten ihre Hände, während sie ihren Beutel an den Rechen hängte. In diesem schwarzen Perkalsack sollte sie ja die gute oder schlechte Antwort Claudius' finden.

Dieser Gedanke beunruhigte sie während der ganzen, glücklicherweise mit Arbeit überhäuften Zeit. Sie fieberte von der schlaflosen Nacht, ihre Wangen und ihre Augen brannten, und so zog sie jeden Augenblick an der Schnur der Ventilation. Aber draußen wehte ein scharfer Wind, Schloßen, Regen und Graupeln spritzten bis in die Mitte des Saales, und empörte Rufe aus allen Ecken zwangen die Aufseherin, das Fenster zu schließen, bis Dina es in einem Anfall von Entnervung fast unwillkürlich wieder öffnete.

»Na, der kleinen Eudeline muß aber heiß sein,« murmelten ihre Apparatnachbarinnen, und der Abteilungschef, der mit kleinen Schritten, die Hände auf dem Rücken gefaltet, die Runde machte, warf im Vorübergehen hin:

»Der große junge Mann mit den hellen Handschuhen wird ihr so heiß gemacht haben.«

Dem Abteilungschef gefiel Fräulein Dina sehr gut, und seit gestern ärgerten ihn diese hellen Handschuhe ganz sonderbar. Übrigens sprach alles im Amte von dem eleganten, geheimnisvollen Besucher, und während der zehn Minuten, die die Damen jede Stunde in der Garderobe zubrachten – die einen, um zu häkeln, die andern, um vor dem Spiegel etwas an ihrer Frisur oder Kleidung zu richten –, war nur von dem großen jungen Mann die Rede.

»Wer kann es sein?«

»Ein Vetter, ein Bräutigam?«

»Sie brennen ja, meine Damen,« sagte die Kleine, indem sie sich zwang, trotz der Traurigkeit, die ihr Herz zerriß, heiter zu scheinen. Die Antwort war noch nicht da. Um drei Uhr noch immer nichts. Trotzdem war ihr Vertrauen zu Unsrer Lieben Frau von Fourvières so groß, daß sie nicht verzweifeln konnte. Endlich, während der letzten Pause vor Schluß, fühlte ihre Hand unter dem Stoff ein Kuvert. Aber alles ringsum, bis zu dem eifersüchtigen Abteilungschef, belauerte sie, und so konnte sie nur – ach, mit welcher Ungeduld und welchem Zittern! – den Brief in die Tasche stecken und bis zum Amtsschluß dort aufbewahren.

Ein heftiges Klingeln verkündigt stets die Ablösung im Dienst. Gleich darauf flattert aus den drei Frauensälen im ersten Stock – Paris, Bannmeile, Provinz – ein ganzer lärmender Schwarm von Mützchen, Mänteln und Beuteln, der die breite Treppe ausfüllt. Diese kreuzen sich mit den Mützen, Beuteln und Mänteln der ablösenden Damen, die im Vorübergehen mit forschenden Blicken und ironischem Lächeln begrüßt werden. Dina, die flinker und lebhafter war, hatte sich wie immer durch die Menge gedrängt, und da sie als die erste im Freien war, beeilte sie sich, in die Cité Vaneau zu gelangen. Das war damals ein ganz neues, einsames Gäßchen mit einer Reihe hoher, leerer Häuser und vom Sturm geschüttelter Schilder. Nachdem sie ein paar rasche Blicke um sich geworfen hatte, konnte sie endlich den Brief aus der Tasche ziehen und mit fieberzitternden Händen lesen:

»Mein Vater hat mir nicht geantwortet, mein Vater ist nicht gekommen und wird gewiß nie kommen. Ich erhalte die Nachricht, daß er sehr krank ist – eine Lungenentzündung, in seinem Alter fast hoffnungslos. Ich reise sofort hin. Mein Herz ist voll von ihm und von Ihnen. Ich werde noch vor Tagesanbruch in Lyon ankommen, hoffentlich rechtzeitig genug, um ihn zu umarmen. Werde ich ihm sagen können, daß ich Sie liebe, daß Sie meine reine Braut vor Gott sind? Gestern abend hat man ihm die lange Depesche nicht vorgelesen, in der ich ihm meine Liebe zu Ihnen und unsre vor dem heiligen Bilde der Madonna von Fourvières eingegangene Verlobung mitteilte. Diese Depesche hätte ihm wehgetan; ich darf daher nicht bedauern, daß er nichts von ihr weiß. Möchten Sie es glauben, daß in diesem entkräfteten, umdüsterten Geist nur noch der Ehrgeiz lebendig ist? Während seiner Fieberreden spricht er nur von den Valfons und dem Marineministerium. Diese Hoffnung wird sein letzter Atemzug sein; Sie begreifen also, daß ich sie ihm nicht rauben kann und daß ich Sie anflehe, für ihn gerade so zu beten wie für Ihren treuen und Sie leidenschaftlich liebenden

Claudius Jacquand.«

Als Dina den Brief gelesen, nochmals gelesen und unter dem Handschuh in ihrer hohlen, warmen kleinen Hand verborgen hatte, dachte sie inbrünstig: ›O ja, armer Freund, ich werde für deinen Vater beten!‹ Und mit flinkem, festem Schritt, den Schleier über die Augen gezogen, den schwarzen Beutel am Arme, schlug sie die Richtung nach der Saint-Sulpice-Kirche ein. Das war die Kirche, in die sie am liebsten ging. Diese Gewohnheit, zu einem kurzen Gebet, einem Gelübde in eine Kirche zu treten, hatte sie in der Provinz während der langen, müßigen Tage an der Seite Frau Eudelines angenommen und in Paris beibehalten; nach der Aufregung und dem Lärm im Amte, dem Geräusch der Straßen gewährte es ihr ein unaussprechliches Behagen, sich in einem kindlichen Gebet zu wiegen und danach in der Stille und Ruhe der hohen Schiffe, dem Halbdunkel der Kapelle zu träumen. Das war ein köstliches Asyl für die Phantasie eines jungen Mädchens; es gab kein besseres, wohin sie sich flüchten, von wo aus sie ihren Aufschwung nehmen konnte, ohne Gefahr zu laufen, sich die Flügel zu verletzen oder zu zerbrechen.

Von den langen, zwei- oder dreimal wöchentlich unternommenen Betstationen in Saint-Sulpice sprach Dina niemals zu Hause, denn eine zarte Scham und Befangenheit hielt sie davon ab; im Amt ebensowenig. Sie würde das Gelächter, die Scherze der Kolleginnen zu sehr gefürchtet haben. Dennoch hatte man bemerkt, daß sie nach dem Amt immer als erste fortging, ohne jemandes Begleitung abzuwarten, und zwar so rasch, daß man sie nicht mehr sah, kaum daß sie draußen war. Um daraus allerlei Eskapaden abzuleiten, brauchte es der Undurchdringlichkeit eines anonymen Briefes. Seit einigen Tagen ließ jede Morgen- und Abendpost diese Art verlogener und feiger Korrespondenzen sowohl bei Claudius Jacquand wie bei Frau Eudeline nur so hereinregnen.

»Mag er sich unter einem Tore auf die Lauer stellen und den Eingang des Hauptamtes bewachen; er wird sich sehr gut unterhalten.«

Wie oft hatte sich der arme Verliebte vorgenommen, sich nicht auf die Lauer zu legen und nicht zu spähen, da er dies ihrer wunderbaren Liebe zu unwürdig fand! Und siehe, jetzt trabte er Dina auf den Fersen nach, indem er ihr längs der Häuser der Rue de Grenelle aus der Ferne folgte. Er hatte also gelogen? Die Reise nach Lyon, die Krankheit seines Vaters war eine Lüge? Nein, alles war vollständig wahr. Allein der eifersüchtige Argwohn, stärker als die Angst des Sohnes, hatte ihn wieder ergriffen, als er seine Antwort brachte. Der Gedanke, daß Dina in einer Stunde fortgehen, daß vielleicht irgend jemand sie erwarten könne, kurz, das furchtbare Gift, das er seit zwei Tagen in sich trug, goß Feuer in seine Adern. Er hatte noch zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des Zuges nach Lyon; so würde er wenigstens mit einer Andeutung, mit einem Fingerzeig fortreisen und nicht von furchtbaren Zweifeln verzehrt, gequält werden.

Croix-Rouge, die Rue du Vieux-Colombier . . .

Mit raschen Schritten, den Kopf unter ihrem blauen Seidenentoutcas, der der Reihe nach von der Sonne verbrannt wurde oder von Schloßen troff, hoch erhoben, ging die Kleine geradeaus vor sich hin, auf ein bestimmtes Ziel los, das nicht ihre Wohnung war. Zwei- oder dreimal führten die langen Beine des Lyonesers ihn dicht auf ihre Fersen; dann überschritt er die Straße oder blieb vor einem der Läden mit frommen Gegenständen, Rosenkränzen, Heiligenbildern stehen, mit denen dieser Stadtteil überfüllt ist. Plötzlich, als er sich in der Mitte der Rue Saint-Sulpice umdreht, schaut er vergeblich nach rechts, links, vorwärts, rückwärts – er sieht nicht mehr die lebhafte, schlanke Silhouette, die eben vorhin auf der andern Seite der Straße auf dem längs der alten, schwarzen Mauern der Kirche sich hinziehenden Trottoir dahineilte. Als er eine Menge Leute durch die kleinen Türen aus und ein gehen sieht, kommt ihm der Gedanke, daß sie vielleicht dort verschwunden sei. Diese seltsame kleine Katholikin hatte ihm ja auf dem eleganten Feste von ihrer Vorliebe für Unsre Liebe Frau von Fourvières erzählt, deren Medaille sie um den Hals trug. Um sich darüber zu vergewissern, stieg er vier oder fünf Stufen hinan, stieß die Tür auf und wurde nun von einer so großen, außerordentlichen Bewegung ergriffen, daß er einige Minuten den Beweggrund vergaß, der ihn hergeführt hatte.

Von der Tiefe des mit Gold und Feuer gleich einer asiatischen Tiara besäten Chores an war das große Mittelschiff in einer sternenhellen Lilienweiße gebadet, die von den aneinandergereihten Musselin- und Tüllkleidern, den weißen Schleiern, den weißen Bändern, Arm- und Kopfbinden der Konfirmanden und den Chorhemden des großen Seminars aufstieg, das in Reihen von zweihundert jungen Priestern hinter den Gruppen der Kinder saß. All das zusammen bildete eine Schlagwelle, einen weißen, beweglichen Fluß, der von dem zu den hohen Fenstern hereinfallenden Licht regenbogenförmig bestrahlt, von der Musik der Orgel und den kistallhellen Kinderstimmen in dem Duft des Weihrauchs und der weißen Fliedertrauben auf dem Hochaltare gewiegt wurde.

Während dieses Tages hatte von der Morgendämmerung an die erste Kommunion, dann nachmittags die Konfirmation und Erneuerung der Gelübde stattgefunden; so erzählte ihm eine alte, aufgeregte Großmutter mit kleinen, wimperlosen, vor Freude glänzenden und überströmenden Augen. Die unteren Teile der Kirche waren mit Erscheinungen dieser Art, mit zarten, mehr oder minder jungen weiblichen Wesen gefüllt; aber alle besaßen dieselbe gebeugte, betende Haltung, alle diese Körper neigten und spannten sich, um die Flügel zu einem neuen Aufschwung zu öffnen, oder lagen schmachtend und matt wie am Ende eines Tages voll erschöpfender Ergießungen und Verzückungen über die Betstühle geneigt.

Wenn man vom Saint-Sulpice-Platze kommt, von einem jener Kreuzwege des linken Ufers, der von dem Pfeifen und Klingeln der Omnibusse, dem Lärm gemeiner Wirtshausgesellschaften widerhallt, wo unanständige Lieder und Gelächter kreisen – wenn man aus der niedersinkenden Nacht tritt, die durch den Sturm, der die Hälfte des Wasserbassins auf den asphaltierten Platz ausschüttet, noch trauriger gemacht wird und gleichsam ein Abbild all des Abschaums, all des Kotes der um den Tempel schäumenden Stadt darstellt –, so ist der Gegensatz zu diesem Kirchenschiffe sehr groß. Dieses ungeheure Schiff mit den weißen Segeln hat zu seiner Verteidigung nichts als Blumen und Hymnen. Eine Minute lang empfand der Lyoneser diesen Aufeinanderprall, diesen Wirbel von entgegengesetzten Eindrücken; aber als sie wieder an Ort und Stelle waren, fühlte er eine köstliche Ruhe, und in seinem Geiste sangen die Verse des Dichters:

»Sieh, welche Rächer sich wappnen zu deinem Streit,
Nur Frauen, kleine Kinder, o ewige Gerechtigkeit!«

Die Orgel und die Kinderstimmen setzten ihren leisen, einwiegenden Gesang, die weiße Schlagwelle ihr geheimnisvolles Strömen fort. Plötzlich bemerkte Claudius unter den andern knienden Gestalten eine kleine Frauengestalt, die er an dem schweren, goldenen, gewundenen Zopf auf dem weißen, gesenkten Nacken erkannte. Dina, das war Dina! Erst jetzt, als er sie in Gebet und Tränen versunken sah, erinnerte er sich, daß er sie in seinem Briefe gebeten hatte, für seinen dem Tode nahen Vater zu beten. Hierher war sie also so geradeswegs so schnell gegangen, während er ihr aus der Ferne folgte, während sein abscheulicher Verdacht schändlich hinter ihr her keuchte! Ach, jetzt konnte er fortreisen, jetzt trug er das Bild des jungen Mädchens, von aller Angst geläutert, strahlend und rein auf seinem Herzen, auf seiner Brust, wie ein kostbares Amulett, und nichts konnte ihn davon trennen.

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