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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 4
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
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III

Ein galantes Abenteuer

Im Alter von zweiundzwanzig Jahren erwartete Raimund Eudeline – ein hübscher Bursche und wie alle unsre jungen Leute von heutzutage auf seine Kleidung sorgfältig bedacht – sein erstes galantes Abenteuer. In der Tat, seinen Beziehungen zu Geneviève, die ein so klägliches Ende genommen hatten, konnte man diese Bezeichnung nicht geben, ebensowenig wie den flüchtigen Liebschaften mit einigen Fräuleins aus dem Stadtviertel. Aber das Stelldichein mit Frau Valfon war der Beginn seines Weltlebens, die Morgenröte einer Verführerlaufbahn. Da diese einstmals schöne Frau, die seine zwanzig Jahre und seine goldenen Locken sofort geblendet hatten, ihn seit Monaten bei sich empfing, wäre Raimund ohne die lächerliche Schüchternheit seines Alters schon langst Herr der Festung gewesen.

Woher rührt diese Schüchternheit eines jungen, intelligenten und schönen Mannes in Gegenwart der Frauen, jene unbesiegbare Befangenheit im Sichbewegen und Sprechen, die bis zur Plumpheit gehen kann, an die die Frau nie recht glauben will? Sie ist vor allem eine Neurose, eine Neurose mit zahlreichen und verwickelten Ursachen, deren gewöhnlichste jedoch der Mangel an Geld, besser gesagt, die Ungewohntheit des Geldes ist. Wie oft hätte Raimund, wenn er mehr Geld in der Tasche, wenn er in einem Winkel von Paris die luxuriöse Wohnung gehabt hätte, in der man eine Geliebte empfangen kann, mehr Kühnheit gezeigt, wie oft hätte er die flüchtige Gelegenheit erfaßt, statt ihr auszuweichen und die Augen zu schließen, um sie nicht zu sehen.

Diesmal mußte er nachgeben, da Frau Valfon eine förmliche Zusammenkunft bestimmte: »Punkt drei Uhr vor der Tür von Saints-Gervais et Protais. Ich werde bis zur Speisestunde frei sein.«

Sofort überkam ihn die Unruhe, die trostlose Sorge: Wohin sie führen?

Er dachte zuerst an das Zimmer Antonins auf der Place Royale, aber die gepflasterten Korridore dort waren so alt, die Einrichtung so bescheiden, und dann die Meßgewandstickerin – was für eine Nachbarschaft für eine Ministersfrau! Nun erinnerte er sich an ein möbliertes Hotel im selben Stadtviertel, das eine ehemalige Chansonnettensängerin hielt; sie lebte zurzeit mit einem ihrer Mieter, einem Schüler der Ecole Centrale und Freunde Antonins. Dieser junge Mann hatte die Brüder Eudeline bereits mehrmals eingeladen, bei seiner Geliebten zu speisen, und Raimund hatte von dem Hotel und der Bedienung einen um so günstigeren Eindruck erhalten, als das Haus zwei Eingänge, vom Boulevard Bon Marché und von der Rue Amelot aus, besaß.

»Und das Geld?«

Das war der zweite angstvolle Aufschrei seines Herzens. Für die Soiree im Auswärtigen Amt, das Kostüm, die Schuhe, Handschuhe, Wagen hatte er die Schubladen der Mama und die Börse des Bruders umgekehrt. Von dieser Seite gab es keine Hilfe mehr. Am Morgen nach dem Feste auf dem Quai d'Orsay dachte er darüber nach und wälzte sich schlaflos auf dem kleinen Eisenbett in seiner Dachkammer, als der Name Alexis, des ehemaligen Rechnungsführers seines Vaters, den er als Kassierer im Verein der Studenten untergebracht hatte, ihm plötzlich durch den Kopf fuhr. Die Uhr im Palais Mazarin, die alle Gewohnheiten des Stadtviertels, den Laden »Zur Wunderlampe« mit inbegriffen, regelte, schlug zehn. Er kleidete sich rasch an, denn jetzt war er sicher, die notwendigen paar Louisdor aufzutreiben.

In der Rue des Ecoles Nr. 41, in einem jener riesigen, aus zwei Hauptgebäuden bestehenden Häuser, die alle nach demselben Muster gebaut sind und bei denen der falsche Marmor eine so große Rolle spielt, hat der »Verein der Pariser Studenten« die fünf Stockwerke auf der Hofseite inne. Er trug Sorge, die Scheidewände aller dieser bürgerlichen Wohnungen, die gleichförmig aus einem creme Salon mit einer rosa Decke, einigen Schlafzimmern, einer Toilette und einem Badezimmer mit schreienden Malereien und Verzierungen aus Pappmasse bestehen, niederzureißen und an ihrer Stelle juristische, pharmazeutische, medizinische Bibliotheken, ein Zimmer für den Rechnungsführer, sogar eine Kaltwasserkur und einen Fechtsaal einzurichten. Der Verein ist seither gewachsen; aber im Jahre 1887, an dem kalten Vormittage, als Raimund das von dem weißen Nachtreif schlüpfrige und spiegelnde Trottoir der Rue des Ecoles hinaufstieg, hatte der »V. d. P. St.« wohl das von uns geschilderte Aussehen.

In einem als Kassenzimmer dienenden Raume im Zwischengeschoß machte der Saaldiener eben Feuer. Der junge Eudeline war sehr überrascht, daß Herr Alexis noch nicht gekommen sei.

»Oh, er kommt heute überhaupt nicht und wahrscheinlich auch morgen nicht. Er verheiratet eine Nichte in Burgund.«

Das Leben verleiht manchmal solchen winzigen Unannehmlichkeiten die Bedeutung von Katastrophen, und die Worte, die diese Katastrophen zusammenfassen – auf der Bühne nennt man das »Situationsworte« –, fallen schwer und zermalmend wie Steine herab.

Raimund wurde dadurch eine Minute lang vernichtet; er hörte nur das Knistern des Feuers und das Summen der Stimme des Dieners, der seinen albernen, unheilverkündenden Satz wiederholte.

Von wem sollte er dieses Geld verlangen? Vielleicht von einem der »lieben Kameraden«, einem der dreiunddreißig Komiteemitglieder? Ja, aber von diesem Komitee hing seine Präsidentschaft ab, und wenn er sich als einen Hungerleider, einen Borger hinstellte, lief er Gefahr, dieselbe preiszugeben. So stieg er aufs Geratewohl in die zu dieser Zeit frostigen und einsamen Bibliothekzimmer hinauf; die Scheiben waren, da nicht geheizt wurde, mit Reif überzogen. Nur in der Apotheke flammte ein Koksfeuer, und daneben saß, mit einem Kodex auf dem Schoße, in den Händen einen ungeheuern, warmen Laib Brot, ein armer Teufel, irgendein ausländischer, rumänischer oder walachischer Student mit hohlen Wangen und gierigen Augen, der voll Seligkeit gierig las, aß und sich wärmte. Sollte er etwa von dem da die drei Louisdor verlangen?

Eudeline machte geräuschlos die Tür wieder zu, und einen Augenblick von seinen selbstsüchtigen Sorgen abgelenkt, dachte er beim Hinuntersteigen, daß dieser in so vieler Hinsicht lächerliche und prahlerische Verein, diese künstliche Brutstätte kleiner Deputierter und Embryo-Staatsmänner, auch seine guten Seiten hatte, deren er sich nicht rühmte, daß er Mitleid, großmütige Brüderlichkeit übte.

Außer dem Saaldiener und der Hausmeisterin bildet ein kleiner Groom oder Laufjunge, der keinen andern Namen führte als »der Bursch« und gewöhnlich nach seiner ersten Ablöhnung verschwindet, die ganze Dienerschaft des Hauses.

»Schnell, Bursch, trage diesen Brief zu Herrn Marquès ins Auswärtige Amt,« sagte Raimund, indem er dem kleinen Diener ein Briefchen übergab, das er auf dem Schreibtisch des Rechnungsführers geschrieben hatte. Dann wartete er ängstlich auf Antwort.

Seit die jungen Leute sich kannten, war es immer der Arme von den beiden, der dem andern Geld borgte; denn dieser Egoist von Marquès erklärte schon auf dem Gymnasium voll Zynismus: »Ich leihe mir Geld, wenn ich kann, aber einem andern borge ich nie etwas.«

Die Verblüffung Raimunds war daher groß und noch größer sein Jubel, als der Bursch die folgende Antwort vom Quai d'Orsay zurückbrachte:

»Drei Louisdor, mein Lieber? Hier sind fünf, aber danken Sie mir nicht, denn ich habe etwas von Ihnen zu erbitten, was viel kostbarer und seltener ist als eine Geldgefälligkeit. Heute abend um neun Uhr erwarte ich Sie im Rauchzimmer des ›,V. d. P. St.‹. Ich soll dort mit ein paar von den Dreiunddreißig zusammentreffen, die sich gleich mir für Ihre Präsidentschaft bemühen, dann werde ich Ihnen die Bitte meines Herzens vortragen.«

Worin konnte diese Bitte bestehen? Raimund dachte keinen Augenblick daran, sondern gab sich ganz dem unruhigen Rausch des ersten Stelldicheins, dem Gedanken an die Einrichtung des Zimmers, die dem Kutscher zu erteilenden Anweisungen hin.

Kurz vor drei Uhr hielt sein Wagen vor Saints-Gervais et Protais, einer alten Kirche im Stadtviertel Hotel de Ville. Es war zu dieser Zeit Mode, hinzugehen, um sich die wunderschöne kirchliche Musik Allegris und Palestrinas anzuhören, die der beste Chor von Paris dort aufführte. Eine große Weltdame wie Frau Valfon, die mitten am Tage die erhöhte Treppe dieser entlegenen Kirche hinanstieg, kam offenbar nur zu einer jener musikalischen Darbietungen der bevorstehenden heiligen Woche, und ihre Anwesenheit konnte keinen Verdacht erregen.

Er öffnete rasch den Schlag. Sie stieg zu ihm ein, sagte ganz leise »Guten Tag«, ergriff mit ihrem hellbehandschuhten Händchen eine seiner Hände, drückte sie unter ihrem Schleier an die Lippen und rührte sich nicht mehr. So blieben sie lange Zeit aneinandergeschmiegt sitzen, ohne zu sprechen, während die elastischen, schnellen Räder des Wagens sie dahintrugen.

Obwohl sie die ältere war, schien sie erregter zu sein als er. Sie war eine von jenen Weltdamen, bei denen die fortwährende Sorge um ihre Schönheit die Stelle der Tugend vertritt, so wie bei gewissen berühmten Sängerinnen die Furcht um den Verlust der Stimme. In Wirklichkeit hatte die schöne Marquès trotz eines Lebens voll Versuchungen und Vergnügungen, bei dem die Liebe den ganzen Raum einzunehmen schien, ihr Herz nur einmal verschenkt – an den schlauen Valfon. Das war so lange her, daß ihr in dieser Stunde ihre ganze Leidenschaft neu und naiv erschien, und sie nicht zu lügen glaubte, als sie ihrem jungen Geliebten schwor, daß sie vor ihm nie einen andern geliebt hätte. Was Raimund betraf, so sah er sie von der Seite mit neugieriger, unruhiger Bewunderung an. Er staunte über ihr jugendliches Aussehen, da ihn die Worte seiner Mutter seit dem Morgen beunruhigten: »Wie alt ist denn eigentlich diese Frau?«

Das hatte er sich noch nie gefragt. Vor allem aus dem Grunde, weil ein ganz junger Mann, der in der Welt lebt, mag er noch so verliebt sein, sich mit der Wirkung, die er selbst macht, mit seinem Spiegelbilde – die Spiegel sind nie groß genug –, mit seiner Persönlichkeit, die er sucht und verfolgt, ehe sie sich noch betätigt, zu sehr beschäftigt und von seiner ersten Eroberung zu sehr geblendet ist, um gut beobachten zu können. Außerdem, wie soll man das Alter einer Weltdame bestimmen, die alle Hilfsquellen der Toilette und der Kunst besitzt, alle Verwandlungen des Kopfputzes und der Frisur ins Werk setzt? Wie wenige Männer unterscheiden das Wahre vom Falschen, wie wenige wundern sich, venezianische Reflexe auf einem matt brünetten Teint zu sehen, statt jener perlmutterweißen, von Sommersprossen besäten Haut, jenem besonderen Duft, der die Haut der in Frankreich gewöhnlich so häßlichen roten Frauen kennzeichnet? Und wenn erfahrene, reife Männer sich dadurch täuschen lassen, wie hätte da der zwanzigjährige Raimund klar sehen können?

Der Wagen hielt vor dem Eingange der Rue Amelot, vor dem ein Hoteldiener wartete. Durch einen dunkeln Korridor führte er das Paar bis zu der Schreibstube, die eine mit grünen Pflanzen geschmückte Glaswand vom Treppenhause des Zwischengeschosses schied. Eine Frau sang, sich auf dem Klavier begleitend, ein deutsches Lied.

»›Der Zwerg‹, von Schubert, ich erkenne es,« murmelte Frau Valfon. »In Frankreich wird es nicht gesungen.«

Sie sprach mit sicherer Stimme, aber Raimund fühlte, wie sie an seinem Arme zitterte, und diese Erregung verursachte ihm Vergnügen, da er sich männlicher, mehr als Beschützer vorkam. Während sie auf das ihnen bezeichnete Zimmer zuschritten, wurde eine Tür plötzlich aufgerissen und wieder geschlossen, jemand rief nach dem Kellner, und sie erblickten ein paar bis an den Rand volle Champagnergläser sowie den breiten Rücken eines Mannes, der in einem gelben Hemde, in Hosenträgern am Tische saß.

»Wir haben Nachbarn,« sagte der junge Mann lebhaft, heiter, um die Aufregung des neben dem seinen klopfenden Herzens zu beruhigen.

Sie antwortete nicht und atmete erst auf, als sie in ihrem Zimmer angelangt waren und den Schlüssel zweimal im Schlosse umgedreht hatten. Es war ein großes, bequem eingerichtetes Zimmer mit einem Alkoven, Vorhängen und Tapeten mit goldenen Knöpfen. Die Fenster gingen auf den Hof, der als Offizin diente und von einem Glasdach mit einem schmalen Zinkrahmen bedeckt war.

›Für den Fall einer Überraschung ist dieses Glasdach sehr bequem,‹ dachte Raimund, behielt aber diese wenig heldenmütige Betrachtung für sich. Im Kamin brannte ein Holzfeuer, auf dem mit einem gestickten Tuche bedeckten Tischchen befand sich eine kleine, aus Sandwiches und Amontillado bestehende Vesper.

»Und jetzt sag mir alles, was du gelitten hast.«

Sie hat sich in einem sehr niedrigen Lehnstuhl neben dem Kamin niedergelassen. Ihr Hals ist unbedeckt, die malvenfarbige Bluse weit aufgeknöpft, das Haar hängt in schweren Wellen herab. Er sitzt zu ihren Füßen auf dem Teppich und hebt seine lockige Stirn, sein hübsches, vom Wiederschein der Flamme und einem Gläschen Portwein ganz rosiges Gesicht zu der Geliebten empor. Tags zuvor hat sie ihm ihr Leben, das lange Martyrium zwischen ihrem Gatten und ihrer Tochter geschildert; heute soll er ihr von dem seinigen erzählen. Aber dieses arme Schülerleben ist recht traurig und kläglich; um es interessant zu machen, muß man es ausschmücken, mit einem Roman umkleiden.

Und das tut er!

Diese guten, ergebenen, zärtlichen Geschöpfe, Mama Eudeline, Antonin, Dina, häufen sich zu einem blinden und tauben Moloch an, der »Familie« heißt, dem Raimund sein Blut, sein Fleisch, das feinste Gold eines Gehirns hingibt. Der kleine Laden »Zur Wunderlampe«, dieses strahlende, so warm und behaglich auswattierte Nestchen, ist die dunkle Höhle, in deren Hintergrund der Moloch haust, in der das Blut seines Opfers Tag und Nacht raucht.

Nichtsdestoweniger ist er der erste, der zugibt, daß von diesen Wesen, die ihn zerreißen, die sich von seinem Marke nähren, kein einziges wirklich schlecht ist. So ist sein Bruder Antonin, den Wilkie einigemal mit ihm traf, dessen moralischer Verfall alle in Verzweiflung bringt, dieser Bruder, der nichts andres werden konnte als ein Arbeiter, und zwar der Pariser Arbeiter mit all seinen häßlichen Angewohnheiten, seinen Mängeln, trotzdem ein guter Junge, ein gutes Herz, wie es heißt.

Auch er, Raimund, ist trotz dieser Lügen kein schlechter Mensch, sondern eines jener kindischen Wesen, die altern, ohne zu reifen, und insbesondere in Gegenwart der Frau nichts sind als Eitelkeit.

Frau Valfon beugt sich über ihn, atmet seinen Hauch, die Flamme seiner Augen ein und murmelt jeden Augenblick:

»Armes Herz! Liebes Herz!«

Oder sie flüstert ihm schweratmend zu:

»Gott, was für einen schönen Roman man daraus machen könnte!«

Als jedoch der sentimentale Teil des Romans an die Reihe kommt, als Raimund erzählt, wie er den Seinigen auch die Liebe dieses herrlichen jungen Mädchens opfert, das Frau Valfon einmal im Sprechzimmer des Gymnasiums Louis-le-Grand sah – in der Erzählung wird Geneviève eine junge Dame aus sehr großer Familie, Vater Izoard ein alter provenzalischer Marquis, etwa ein Adelsmarschall aus dem Süden, eine Metamorphose, mit der Vater Izoard nicht gerade zufrieden wäre –, da gerät Frau Valfon angesichts einer so großmütigen Entsagung außer sich, faßt den schönen, blonden Kopf in beide Hände und haucht ganz leise auf seine Lippen:

»Komm, komm, mag wenigstens meine Liebe dich trösten.«

Im Zimmer herrscht fast Nacht, das bleiche Dunkel eines Londoner Nebeltages. Die schweren Fenstervorhänge, die eine schamhafte leidenschaftliche Hand aus den Vorhanghaltern gelöst hat, fallen bis zur Erde. Das Holz im Kamin flammt und knistert, ein Blitz läuft über den Teppich; von diesem Schein geleitet, nähert sich eine weiße, duftige Gestalt dem Bette, wo der zitternde Liebhaber mit ausgebreiteten Armen hofft und fleht.

Aber draußen auf dem Korridor ertönen eilige Schritte und eine vor Schreck erstickte Stimme haucht im Vorübergehen zur Tür herein:

»Gnädige Frau, gnädige Frau, Ihr Mann ist da!«

Die Liebenden haben sich einen Augenblick angesehen; ihre Pupillen phosphoreszieren; der dunkle Alkoven wird davon ganz erleuchtet.

»Mein Mann! Rette dich!« murmelte eine ersterbende Stimme.

Die Frau weiß selbst nicht, daß sie spricht. Fast gleich darauf ist sie vom Bette herabgeglitten, sammelt tastend ihre Röcke und wirft sie in ein Toilettenkabinett, in das sie sich einschließt, während Raimund, dem das Zinkdach einfällt, zum Fenster stürzt.

Er ist bereit, es zu öffnen, als das Getöse einer nebenan eingebrochenen Tür, gefolgt von dem Aufschrei einer Frau, seine Gebärde und seinen Sprung aufhalten. Offenbar sind sie es nicht, die man warnen wollte, das Drama spielt sich neben ihnen ab. Aber die so dicht nebeneinander liegenden Zimmer, die Gleichheit der Lage – es ist furchtbar! Mit gepreßtem Herzen horcht er, wie hinter der Mauer Möbel herumgestoßen werden und dann ein furchtbarer Kampf stattfindet; kein Wort ist zu vernehmen, nichts als Atemzüge, und der letzte, längste, der tiefste wird von dem schweren Fall eines Körpers begleitet, der nach dem Worte Dantes »fällt, wie ein toter Körper fällt«.

Gleichzeitig wird dicht daneben ein Fenster geöffnet, ein Mann steigt heraus und tritt auf das Dach gegenüber dem Hause, indem er, beide Hände an die Traufen, die Simse klammernd, längs der schmalen Einfassung einhergeht. Das ist zweifellos der Liebhaber, der sich rettet, die andre Treppe zu erreichen versucht.

Aber warum hat Raimund, als der Mann fast in der Höhe seiner Augen vor ihm vorübergeht, das Gefühl, daß er dieses Gesicht schon einmal gesehen hat? Wo ist er diesen harten, blauen Augen, diesen fanatischen blauen Augen, die nur durch die Dicke einer Fensterscheibe von ihm getrennt sind, deren ironischer Blick ihn im Vorübergehen zu befragen, ebenfalls zu erkennen scheint, schon begegnet? Er hat noch nicht die Zeit gehabt, sich zu erinnern, da ist das Dach schon leer, die Erscheinung verschwunden; aber das düstere Drama, das sie hinterläßt, dauert fort.

Hinter der Scheidewand wird etwas Schweres geschleppt und eine Stimme befiehlt:

»Aufs Bett – tragt ihn aufs Bett!«

Das Holz, die Matratze krachen unter einem ungeheuern Gewicht, aus dem Hintergrunde des Ganges inmitten des Getrappels zahlreicher Füße ertönen feierliche oder rasche Schritte.

»Der Kommissar – der Totenbeschauer,« flüstert es.

Während Raimund, das Ohr an die Mauer gedrückt, in kaltem Schweiß gebadet, auf alle diese Geräusche lauscht, stellt er sich das Zimmer vor, das er eben vorhin im Vorübergehen erblickt hatte. Es ist jetzt von Schweigen und Grauen wie vergrößert, ein Kruzifix und zwei brennende Kerzen stehen zu Häupten des Bettes auf dem Tischchen, auf dem die Champagnergläser funkelten, und in den Kissen liegt lang ausgestreckt mit ausgebreiteten Armen, mit offener, blutender Brust, der Mann mit den Hosenträgern, in dem safrangelben Hemd.

»Solch ein Schreck!« murmelt es dicht neben ihm.

Raimund dreht sich um. Es ist Frau Valfon, die ebenfalls horcht.

»Daneben ist ein Toter – haben Sie es gehört?« fragt sie mit entsetztem Gesicht, und solange in dem Nebenzimmer das geringste Geräusch von geschobenen Möbeln, von gedämpften Schritten andauert, tauschen sie weder ein Wort noch ein Lächeln mehr.

Allein alles verstummt nach und nach, und hinter der Scheidewand breitet sich die Totenstille in kalten, geheimnisvollen Wogen aus. Selbst der Korridor scheint einsam zu sein. In ihrem eignen, von der Dunkelheit überzogenen Zimmer behält nur der Spiegel ein wenig Licht zurück. Frau Valfon tritt maschinenmäßig an ihn heran, um ihr Haar zu ordnen. Diese so vertrauliche, elegante weibliche Gebärde erinnert den Liebhaber an seine Rolle; er streckt die Arme aus und will sie umfassen, aber sie entzieht sich ihm und fleht:

»Nein, nein, nicht heute, nicht hier, ich fürchte mich zu sehr!«

Und er selbst, der ganz entkräftet, bis ins innerste Herz erstarrt ist, hat nichts dagegen, aus dem unseligen Hotel zu fliehen.

*

Wilkie Marquès hatte den Komiteemitgliedern für diesen Abend eine Zusammenkunft im Rauchzimmer des Vereins gegeben – auch Raimund sollte hinkommen –, und schon lange vor neun Uhr hatte er sich für die Kandidatur seines Freundes ins Zeug zu legen begonnen.

Das Rauchzimmer befand sich zu jener Zeit im Zwischenstockwerk der Rue des Ecoles. Das kleine Zimmer hatte Tapeten aus Rohleinen mit einer Kante aus rotem Adrianopel, und darauf hingen in schwarzen Holzrahmen einige vom Ministerium der schönen Künste geschenkte Lithographien, die romantische Szenen darstellten.

Ein paar hinkende, zerbrochene Stühle standen ungleich längs der Wände. Auf dem Kamin, als Gegenstück zu der Büste Chevreuls, befand sich ein Gefäß mit Spiritus, in dem ein Stück von der Haut des Levantiners Pranzini schwamm. Die Nase des ersten Studenten von Frankreich war durch die an ihr angeriebenen Zündhölzchen verunstaltet; zum Glück für ihn verliert die Universitätsjugend seit einiger Zeit die Lust am Rauchen, und das Rauchzimmer war vor allem ein Ort für freie Diskussionen. Jetzt, im Augenblick der Präsidentenwahl, waren diese Diskussionen sehr lebhaft; die Wahl findet gewöhnlich im Januar statt, aber in diesem Jahre hatte infolge innerer Streitigkeiten zwischen dem Präsidenten und der schrecklichen »K. i. O.«, der Kommission für die innere Ordnung, die plötzliche Demission des Titularpräsidenten die Wahlen um mehrere Monate beschleunigt.

Marquès, der ehemalige Präsident des Vereins, war durch seine Stellung als Privatsekretär im Auswärtigen Amte, seine Verwandtschaft mit dem Minister die wichtigste Person des Hauses. Alle diese jungen Leute beneideten ihn, schmeichelten ihm und ahmten seine kalte Suada, sein tonloses Gelächter und seine feierliche Haltung nach, ohne zu bemerken, daß er selbst nur ein blasser Abklatsch seines Gönners war. Wenn man ihn, mit den Händen auf dem Rücken, mit jenem ruhigen Schritt sehr kleiner Männer, die sich ein wichtiges Ansehen geben wollen, in dem engen Zimmer auf und ab schreiten, seine kurzen, perfiden Sätze von sich geben sah, so glaubte man Valfon vor sich zu haben, wenn er auf der Tribüne eine seiner foppenden Ministerreden hielt.

Was er sich an diesem Abend vorgenommen hatte, war weniger das Lob seines Kandidaten als das Herabsetzen der beiden andern, von denen der eine, der frühere Präsident, wiedergewählt werden sollte.

Marquès bewies den »lieben Kameraden« mit seinem trockenen Stimmchen, wie unrecht sie hatten, den Abgang dieses Herrn zu bedauern, den man nach seiner dreimonatigen Präsidentschaft beurteilen konnte, der trotz seiner anmaßlichen Reden, seines philosophischen Gewäschs über »die moderne Seele, die geistige Regeneration«, nur dazu da war, um Bekanntschaften zu machen, im Elysée zu dinieren und sich eine gute Stelle zu ergattern. Und die Art und Weise, wie er die Kapitalien verwaltete, diese Unordnung, diese Verschwendung!

Bei diesem Punkte erhob sich aus allen Winkeln des Rauchzimmers Zustimmung, und man rief Zahlen durcheinander, wie: Einhundertundfünfzig Franken für Besen und Flederwische in drei Monaten!« Irgend jemand wies auch darauf hin, daß dies der dritte Präsident sei, der aus der literarischen Sektion hervorgegangen war, und daß die juristische Sektion, zu der Raimund Eudeline gehörte, an die Reihe kommen wolle. Was den andern Gegner betraf, so war Marquès mit ihm rasch fertig. Er war der Bibliothekar des Komitees, alle kannten ihn, und die Art und Weise, wie er seine Bibliotheken verwaltete, gab einen Vorgeschmack von dem, was seine Präsidentschaft sein würde. Er stammte aus dem Süden, aus dem unteren Süden, war ein Lebemann, tat mit aller Welt vertraulich, duzte jedermann, strebte nach leicht zu erringender Popularität, und man konnte sich gut vorstellen, wie er mit dem Bureaudiener Brüderschaft trank. Wenn auch niemand so gut wie er die »lieben Kameraden« aus Belgien oder Schweden auf dem Bahnhof begrüßen, die Marseillaise anstimmen, das Banner schwingen konnte, so fehlte es ihm doch unglücklicherweise an Haltung, und er würde bei den Diners im Elysée, an der Spitze einer Tafel eine traurige Figur machen. Unterhaltlich, das war er, aber nicht ernst zu nehmen.

Wie gut kannte Marquès alle diese Herrchen, deren große Barette aus Moiréseide, wie sie die Pariser Studenten seit kurzem trugen, eine korrekte, majestätische Form erkünsteln, geradeso wie die schwarzen Überzieher und die ungeheuern Krawatten á la Royer-Collard! Wie gut wußte er mit ihnen zu sprechen, um das Vertrauen, die Bewunderung in ihnen zu töten! Ein Präsident, der nicht ernst zu nehmen war! Er brauchte, um sich die Verachtung vorzustellen, mit der sie ihn behandeln würden, nur den Ausdruck ihrer bubenhaften und schulmeisterlichen, von vorzeitigen Runzeln, von den Nägeln der Erfahrung und des Ränkespiels durchzogenen, durchfurchten Gesichter anzusehen. Er brauchte nur zu sehen, wie ihre Stirnen sich falteten, während sie einander die Berichte abstatteten, mit denen die Kommission, die Subkommission, die Gegenkommission sie beauftragt hatten. Je jünger sie waren, desto mehr Majestät entwickelten sie, desto mehr beugten sich ihre schwächlichen Gestalten unter dem Gewicht der erdrückenden Verantwortlichkeit, über die die furchtbare »K. i. O« jeden Augenblick Rechenschaft von ihnen verlangen konnte. Ach, Chamontin war nicht ernst zu nehmen! . . .

Gerade als die ganze Versammlung diesen Schrei der Empörung ausstieß, trat Raimund ein und erkannte an der Wärme der Begrüßung seine guten Aussichten für die Wahl. Alle Hände streckten sich ihm entgegen, kein einziger der »lieben Kameraden« hielt sich abseits. Sogar die Büste Chevreuls lächelte heiter, und seine Nase schien ihm zu Ehren weißer zu werden.

»Nun, schöner Oswald, ist man zufrieden? War es wirklich ein galantes Abenteuer?«

Wilkie fuhr in diesem leichtfertigen Ton nicht fort, sondern sagte, ohne sich die Befangenheit, die Unruhe des schönen Oswald erklären zu können:

»Entschuldigen Sie, ich stelle mich dumm, aber ich liebe das in Gesellschaft zu tun, im Grunde wird mein Geist von ganz andern, ernsten Dingen in Anspruch genommen.«

Er umfaßte ihn mit einer Zärtlichkeit, die bei ihm nicht gewöhnlich war.

»Gehen wir jetzt, wenn es Ihnen recht ist. Ich fühle mich in diesem Liliputparlament nicht behaglich.«

Während sie nebeneinander die Rue des Ecoles hinabgingen, fuhr er fort:

»Es gibt nichts so Wertvolles als die persönliche Gegenwart; falls man sie nicht mißbraucht – nach all dem, was sie von mir zu hören bekamen, haben sie Sie jetzt noch gesehen; lassen wir diesen guten Eindruck zurück. Meiner Ansicht nach ist Ihre Sache gewonnen, in vierzehn Tagen sind Sie Präsident des ›V. d. P. St.‹, besonders wenn Sie es nicht versäumen, bei allen Komiteemitgliedern Ihre Karte abzugeben. Das ist bisher noch nie geschehen, aber es schmeckt nach der Akademie, und die paar Besuche werden dem letzten Schwanken ein Ende machen. Wohlverstanden, gehen Sie nicht in die Wohnung selbst: Sie könnten sie in Verlegenheit bringen. Die meisten dieser jungen Leute leben zu Hause in sehr prekären Umständen. Derselbe, den wir im Verein sich brüsten sehen, der von seinem Londoner Schneider und seinen Zylindern von den größten Lieferanten spricht, würde rot werden, wenn man ihn dabei überraschte, wie er am Tische von Mama und Papa im fünften Stock gekochte Gemüse ißt oder in einem Dienstbotenzimmer über seinem Kodex büffelt.«

»Mein Zimmer ist auch derart,« sagte Raimund. Er schämte sich plötzlich, daß Marquès einmal bei ihm gewesen war.

»Oh, das Ihrige, mein Lieber, ist das Paradies oder liegt wenigstens ganz in der Nachbarschaft davon –«

Marquès blieb stehen und stützte sich auf den Arm seines Freundes, als bedrücke ihn das Geständnis, das er vorbereitet.

»Gut, daß es schon dunkel wird, wenn ich rot werde, wird man mich nicht sehen. Ich will mich lieber sofort erklären, als meine unzusammenhängenden Reden fortsetzen. Mein lieber Raimund, ich liebe Ihre Schwester, ich liebe sie von dem ersten Tage an, als wir ihr – erinnern Sie sich? – begegneten, wie sie, mit ihrem Pelzmützchen auf dem Kopfe, ihre Tasche unter dem Arme, aus dem Amt zurückkam. So hat sie sich mir ins Auge, ins Herz geschmeichelt und will nicht mehr heraus. Nichtsdestoweniger habe ich versucht, mich dieser fixen Idee zu entreißen, die mich in meinem Leben beengen, hindern könnte; aber neulich, während des Balles, als ich die Begeisterung sah, die die Anmut dieses Kindes erregte, bekam ich Angst, daß man sie mir nehmen könne, und schwur mir, mit Ihnen zu reden.«

Die Zeit, die der sehr erregte Raimund sich nahm, ehe er antwortete, kam Wilkie endlos vor; er befürchtete eine Verlobung zwischen Dina und Claudius, wurde aber sofort beruhigt.

»Mein lieber Wilkie, Sie wissen, daß meine Schwester kein Vermögen besitzt.«

»Ich auch nicht,« gestand der andre lachend. »Mein Plan wird daher vor acht oder zehn Monaten nicht zu verwirklichen sein; dann wird Valfon mich beim Rechnungshof oder beim Staatsrat untergebracht haben, wenn ich nicht schon die Leitung des großen Blattes übernommen habe, zu dem Claudius Jacquand, mein künftiger Schwager, mir das Kapital geben soll. Sie wissen, sein Vater ist sehr reich, und er selbst besitzt ein beträchtliches persönliches Vermögen, aus dem ich das Geld für meine Unternehmungen, welcher Art immer sie sein mögen, werde schöpfen können. Ich kann Ihnen also beteuern, mein Lieber, daß Ihre Schwester, wenn sie mich zum Manne haben will, nicht im Elend leben wird, und daß ich fest entschlossen bin, meinen Anteil an der schweren Last zu nehmen, die Sie schon so lange so mutig tragen. Und jetzt sagen Sie mir: Glauben Sie, daß ich Aussicht habe, die Hand Fräulein Dinas zu erlangen, wenn ich sie so lange vorher begehre? Denn ich gedenke mit meiner Mutter zu Ihnen zu kommen, und zwar so rasch als möglich, um sicher zu sein, daß man mir mein Glück nicht stehlen wird.«

Die beiden Freunde bogen um die Ecke der Rue de Seine, und als Raimund das Schaufenster der »Wunderlampe« in der Ferne durch die Nacht flammen sah, erinnerte er sich an die Worte Dinas: »Mit diesem Schilde aus ›Tausendundeine Nacht‹ muß man auf alle Wunder gefaßt sein.« In der Tat – war das, was diesem kleinen Mädchen und folglich ihnen allen geschah, nicht ein Wunder? Ach, wie gern hätte er Wilkie an die Brust gedrückt, wenn er sich nicht zurückgehalten hätte, mit welchem dankbaren, freudigen Entzücken würde er seine Werbung aufgenommen haben. Aber eine eitle Vorsicht ließ ihn zögern; er wußte, daß er in wenigen Tagen eine hübsche Wohnung haben würde, wo er Wilkie und seine Mutter viel bequemer empfangen konnte, als in diesem allen offenstehenden Laden. Zum großen Erstaunen Marquès', der, ohne etwas merken zu lassen, Besseres erhoffte, versprach er daher mit Ruhe, seiner Mutter die Werbung mitzuteilen und sofort zu antworten.

Ein scharfer Wind pfiff über die wenigen Passanten des einsamen, dunkeln Kais. Die jungen Leute schritten nach der Richtung des Invalidendomes. Durch ihren langsamen, ruhigen, von Haltepausen unterbrochenen Spazierschritt war ihnen schließlich kalt geworden, und einer von ihnen schlug vor, ein paar Minuten in das noch offene Café d'Orsay zu treten, um sich zu erwärmen. Kaum saßen sie, so zog das Gespräch am Nebentische, an dem einige Dragoneroffiziere um einen alten Oberst saßen, ihre Aufmerksamkeit auf sich.

»Ich habe den General Dejarine in der Krim gekannt. Er war damals so wie ich Kavallerieleutnant und Kavallerieordonnanzoffizier eines Korpschefs. Während der zwei Waffenstillstände tranken wir mit dem schlechten Kantinenchampagner auf das Wohl unsrer Geliebten. Er machte mir den Eindruck eines sehr feurigen, sehr leidenschaftlichen Menschen, eines jener Männer, die, wann immer sie auch sterben mögen, sicherlich in der Haut eines jungen Heldenliebhabers enden.«

Einer der Offiziere, den Wilkie kannte, da er mehrmals im selben Kaffeehaus mit ihm gefrühstückt hatte, und der in seiner Nähe saß, schob ihm zur Erklärung ein Abendblatt zu, das auf dem Marmortisch lag. In demselben befand sich ein Bericht über den Tod des Generals Dejarine, des ehemaligen Petersburger Polizeipräfekten, den ein Ehemann aus der Dumasschen Schule am selben Tage auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt und ermordet hatte.

»Wo ist das geschehen? Weiß man es?« fragte Raimund, der plötzlich sehr unruhig wurde.

Wilkie schob ihm nun ebenfalls die Zeitung hin.

»Da lesen Sie, in einem möblierten Hotel ganz in der Nähe der Bastille.«

Er selbst setzte das Gespräch mit den Offizieren fort.

»Als der arme General das letztemal im Auswärtigen Amte war, brachte er mehr als eine Stunde in meinem Zimmer zu, um mir von seinem Abenteuer zu erzählen, wahrscheinlich von dem, das ihm jetzt den Tod brachte. Sie war eine große, schöne Person, eine Probiermamsell in einem Geschäfte in der Rue de la Paix, die jeden Morgen auf der Linie Bastille-Madeleine fuhr. Der Mann, ein Zeichner bei einem Bronzehändler in Marais, brachte seine Frau zum Omnibus, der General stieg auf halbem Wege ein und setzte sich neben die Schöne, die er bis zu ihrem Geschäft begleitete. So ging es drei Wochen lang; jeden Morgen mußte er bei der Temperatur, die wir haben, vor der Omnibushaltestelle stehen, bis zu dem Tage, wo er ins Ministerium kam und uns ankündigte, daß er endlich das langersehnte Stelldichein durchgesetzt habe. Wie aufgeregt er war! Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte zu ihm sagen: ›Nehmen Sie sich in acht, Herr General.‹ Aber ich gestehe, ich fürchtete weniger die Vendetta eines Ehemannes als einen plötzlichen Blutandrang, einen Schlaganfall, bei diesem gedrungenen Halse, diesem roten Gesichte –«

Die Offiziere und ihr Oberst waren aufgestanden und hatten sich Wilkie genähert, dem sie stehend zuhörten, während Raimund, den Kopf in der Zeitung verbergend, nachdachte. Daß das Drama, von dem sie sprachen, sein Drama, daß Dejarine der starke Mann war, den man dicht neben ihm getötet hatte, daran zweifelte er nicht. Aber der andre, der Flüchtling auf dem Zinkdache, wer war das? Zweifellos der Ehemann. Allein warum verbarg er sich, da er doch das Gesetz, die Gendarmen für sich hatte? Und dann dieses Gesicht, das er schon irgendwo gesehen hatte, dieser ironische Blick – in welchem Winkel seines Gedächtnisses würde er sie wiederfinden?

Wie zur Antwort auf seine stumme Frage erhob sich aus der Nebengruppe eine Stimme:

»Meine Herren, mir fällt besonders eines auf, womit das Blatt sich gar nicht beschäftigt: daß man von dem Gatten, dem Mörder nichts mehr reden hört. Angesichts einer Persönlichkeit, wie der des Generals, eines ehemaligen russischen Polizeiministers, ist jede Annahme erlaubt, und dieses Verschwinden kommt mir geheimnisvoll vor. Warum hat dieser zur Aufnahme des Tatbestandes herbeigerufene Polizeikommissar das Hotel nicht sofort schließen lassen und alle darin befindlichen Personen verhört?

Raimund fühlte, wie ihn ein retrospektiver Schreck erbleichen ließ, und drückte sich tiefer hinter seine Zeitung. Er stellte sich vor, was geschehen wäre, wenn er in jenem entlegenen Stadtviertel genötigt gewesen wäre, seinen Namen und den der ihn begleitenden Frau anzugeben. Eine Ministersfrau, die dieser Schande ausgesetzt, der Verschwiegenheit eines niedrigen Polizisten preisgegeben war! Das ganze Grauen des Geschehenen verschwand vor dem, was hätte geschehen können. Nein, ein solches Abenteuer würde er nie mehr wagen, und solange er nicht ein eignes Zimmer, eine Wohnung ganz für sich hatte, würde er sich nie wieder in so gefährliche galante Abenteuer einlassen.

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