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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 3
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
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II

Nach dem Ball

Vor dem großen, mit ganz weißem, knisterndem Reif bedeckten und von den hohen Lampenträgern des großen offenen Gitters, den schräg aufgestellten Illuminationskörpern und den ruhig flammenden Fenstern der Vorderseite wie vom hellen Sonnenlicht beleuchteten Hof des Ministeriums warteten noch längs des Kais einige Equipagen.

Von Zeit zu Zeit stieg eilig und frostzitternd ein Schatten die riesige Freitreppe herab, die von zwei unter ihren mit Schloßen bestreuten Mänteln unbeweglich dastehenden Reitern bewacht wurde. Hinter diesem Gaste, den man jedesmal für den letzten halten konnte, fiel die gewichtige Glastür mit derselben Schwere zu, mit der die Lakaien auf die Vorzimmerbänke niedersanken, um auf ihnen ihren unterbrochenen Schlaf fortzusetzen. Durch die Flucht der beleuchteten, einsamen Salons tönte jedoch noch stoßweiße lauter Gesang oder Klavierspiel, das letzte Echo des Festes, das sich aus dem Erdgeschoß in den ersten Stock geflüchtet hatte.

Auf der riesigen, mit Palmen und Rosen geschmückten, gleich einem Treibhause warmen und durchdufteten Treppe, die die beiden Empfangsräume miteinander verband, erteilte ein Watteauschäfer, Herr Wilkie Marquès, der Privatsekretär des Ministers, zwei Herren in schwarzem Frack verschiedene Auskünfte. Der eine von ihnen war ein Zeichner des »Graphic«, und der andre machte sich in einem Reporternotizbuch hastige Notizen. Die beiden Herren hatten der Einweihung einer Statue Jacquards in Lyon beigewohnt und waren daher zu spät gekommen, um das Menuett mit anzusehen, trotzdem dasselbe zweimal getanzt wurde – zum erstenmal in den Salons im Erdgeschoß, zum zweitenmal für die Zuschauer im ersten Stockwerk.

»Der hübscheste Moment des Abends, derjenige, den Sie im »Graphic« bringen sollten,« sagte der Privatsekretär, ein bartloses, dünnes Herrchen mit einem Altjungfernkopf, in überlegenem Tone zu dem Zeichner des englischen Blattes, einem Koloß, der ihn mit dem ganzen Oberleib überragte, während der Reporter unbedeutend aussah, »der hübscheste Moment war also der, als die beiden Quadrillen, die Marquisen- und Schäferinnen-Quadrille, jede aus vier Paaren bestehend, diese Treppe hinanstiegen, gefolgt von Hoboen und Violinen, die das Mozartsche Menuett spielten. Jedes Paar stieg, mit rhythmischen Gebärden und Schritten nach und nach zum Vorschein kommend, hinauf, und nach der Ansicht aller waren diese Bewegungen, diese Musik, das Schillern des Atlas unter den Kronleuchtern, das Perlmutter der Degengriffe, die Vergoldung der Hirtenstäbe, die Bänder, Hütchen, Haarschleifen das Entzückendste, was man je sehen konnte.«

»Einige Namen, wenn ich bitten darf,« bat der Reporter.

Der Sekretär steckte die Nase in eine der großen, gelben Rosen, die die Rampe schmückten, und antwortete:

»Die Marquisen-Quadrille führte meine Schwester Florence, die Stieftochter des Ministers, und ihr Bräutigam, Claudius Jacquard, der Sohn des Senators und Lyoner Großfabrikanten. Sie müssen ihn bei der Einweihung, von der Sie kommen, gesehen haben. Unser Fest wurde ja zum Teile zu Ehren des jungen Paares gegeben. In derselben Quadrille befand sich Fräulein Nadia Dejarine, die Tochter des russischen Generals und ehemaligen Polizeipräfekten von Petersburg. In der Schäferinnen-Quadrille: Helene Molin de L'Huis, Tochter des Ackerbauministers, im letzten Augenblick ersetzt durch Fräulein Dina ***, einem neuen Stern am Pariser Himmel. Ich hatte die Ehre, ihr Babinet mit dem Hirtenstab zu sein.«

Er kniff das Auge zusammen und verzog seine trockenen Lippen, um den Ausdruck »Babinet mit dem Hirtenstab« hervorzuheben. Das Auswärtige Amt hört nicht oft Worte dieses Schlages!

»In der Schäferinnen-Quadrille wären noch zu nennen: Jeannine Briant, die Nichte Marc Javels, des früheren und künftigen Ministers, dann Octavie Roumestan, die Tochter des großen konservativen Leitartiklers. Wer denn noch? Lassen Sie mich nachdenken –«

Ehe er sich noch besonnen hatte, brach auf einem Pleyel-Klavier im Nebensalon ein Harpeggienlauf mit ganzem Pedal los, während gleichzeitig eine Frauenstimme mit einem hellen Ton, besser gesagt mit einem Schrei aus voller Kehle die schöne Kantilene von Banville anstimmte:

»Ah! Quand la mort que rien ne saurait apaiser
Nous prendra tous les deux dans un dernier baiser –«

Nach dem Ah! des Einsatzes zerbrach und versickerte alles in einem blitzschnellen, keuchenden Diminuendo, bei dem die Stimme erstarb, nur mehr ein die fallenden Noten beschleunigender Hauch war.

»Frau Valfon, die Gattin des Ministers, meine Mutter,« antwortete der junge Schäfer ganz leise auf die stumme Frage des Reporters. »Sie hat während des Abends mehrmals gesungen,« fügte er in leicht persiflierendem Tone hinzu, »aber sie hat noch Dampfkraft genug in sich und läßt sie zum Abschluß frei –«

»Ich bitte jetzt um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen,« murmelte der ungeheure Zeichner des »Graphic«. Er sank, von dieser letzten musikalischen Lawine gleichsam zermalmt, in seinem Album zusammen. Der Reporter, der den ganzen Tag über dieselben Fährten verfolgt hatte, schien ebenfalls nicht leichtfüßig zu sein.

Das waren die beiden letzten Überzieher in der Garderobe. Offenbar um sich dessen zu vergewissern, geleitete der Privatsekretär die Herren bis an die Veranda, und in seinem Jäckchen und seiner bebänderten Hose vor Frost zitternd, sagte er, während in der Ferne aus den blassen Nebeln der Seine ein Angelusläuten herüberzitterte:

»Meine Herren, Sie sind glücklich, daß Sie jetzt ein wenig der Ruhe pflegen können.«

Der Reporter huschte wie eine Ratte davon, ohne zu antworten, während der Zeichner vom »Graphic«, der einen Augenblick stehen geblieben war, um sich eine Zigarre anzuzünden, welche ebenso riesenhaft war wie er selbst, sich verblüfft umdrehte.

»Aber Sie werden doch nicht um diese Stunde arbeiten?«

»Warum denn nicht? Der Minister ist bereits an seinem Schreibtisch – ich muß ihm sehr rasch folgen – wir werden Bismarck etwas zu schaffen geben.«

Der junge Diplomat deutete auf seinen Flitterstaat und fügte hinzu:

»Ein Watteauschäfer, der Bismarck zu schaffen gibt – mir scheint, das ist genug à la Choiseul, Pompadour und Alt-Frankreich.«

Er grüßte mit den Fingerspitzen seines fein behandschuhten Affenhändchens und rief, indem er die ungeheure Vorhalle durchschritt, über die Schulter hinweg:

»Es ist niemand mehr da, Granvarlet.«

In den stillen Salons mit den funkelnden Parketten, wo noch ein zusammengesetzter Geruch von Reispuder, Trüffeln, Treibhausblumen schwebte, wo Fetzen von Tüll, Goldpapier, Schellen, Fähnchen unter all den Abfällen eines prunkvollen Kotillons umherlagen, warfen die hohen, irisierenden, leuchtenden Spiegel im Vorübergehen die altmodische Silhouette eines jungen Schäfers zurück, der bei der Vorstellung von dem tüchtigen Schlafe, den er bis nächsten Mittag machen würde, freudig kleine Kreuzsprünge machte und laut vor sich hinlachte, während er dachte: ›Großartig, die denken nun, daß ich Bismarck etwas zu schaffen geben werde!‹ Mittlerweile verzog auf dem einsamen, mit weißem Reif bedeckten Kai der Zeichner des »Graphic« sein dickes Gesicht in ironische Falten und wiederholte laut lachend:

»Großartig, der bildet sich ein, ich glaube wirklich, daß er Bismarck etwas zu schaffen geben wird!«

Im ersten Stockwerk blieb der Privatsekretär vor einem Büfett stehen, das eben abgetragen wurde, und trank einen steifen Grog; dann trat er in den kleinen Salon, in dem eine Frau, von der man nichts sah als das Gesicht mit den langgeschlitzten, schweren Augen, den schönen, ermüdeten Zügen und dem gleich einer Moscheemauer kunstvoll gekräuselten Ausschnitt des Kleides, an einem großen Pleyel-Klavier saß und sang, besser gesagt, mit den Händen auf den Tasten träumte.

»Wo ist Valfon?« fragte der junge Mann halblaut.

Es erfolgte keine Antwort.

»Und Florence, ist sie schon zu Bett?« fuhr er fort, indem er mit seinen neugierigen Augen forschend den japanischen Perlenvorhang betrachtete, der den Salon vom Nebenraum schied.

Die Sängerin lächelte zerstreut.

»Florence? Ich weiß nicht. Hör zu –« fuhr sie mit Leidenschaft fort, und gleichzeitig einen zitternden Akkord anschlagend, sang sie mit voller Kraft:

»Ah! Quand la mort que rien ne saurait apaiser –«

Dann blieb sie mit bebenden Lidern in Verzückung sitzen.

Der junge Wilkie, den jede übertriebene Kundgebung mißtrauisch machte, sagte absichtlich sehr kalt:

»Das ist etwas Neues, liebe Mutter, ich kenne es nicht.«

»Man hat mir das Lied heute abend gebracht, ich bin ganz vernarrt darin.«

»Sehr schick,« murmelte der junge Mann, noch immer lauernd.

Was sie nicht sagte, was sie weder ihrem Sohne noch sonst jemand gestehen konnte, war, daß sie gerade vorhin, auf demselben Platze und bei demselben aufregenden Vorspiel, das endgültige Ja ausgesprochen, die Zusammenkunft bestimmt hatte. Diese nun wohl schon zum zehntenmal angestimmten Töne beschworen das Bild eines jungen Maskeradenedelmannes herauf, der sich über sie beugte, mit seinem leidenschaftlichen Atem ihre Schultern streifte und endlich das Versprechen erhielt, das sie ihm mit ihrer Person machte.

»Ah! Quand la mort que rien –«

Im Hintergrund des langgestreckten Raumes, den Wilkie betrat, indem er den klirrenden Perlenvorhang plötzlich wie ein Einbrecher hob, saß, von Spieltischen geschützt, der Herr des Hauses auf einem niedrigen Diwan dicht an seine Stieftochter geschmiegt.

Der Minister des Auswärtigen, ein verkleinerter Abklatsch seines Vaters, des Tragöden Valfon, so wie wir ihn wenigstens kannten, mit dem krausen Mulattenkopf, dem weißen, herabhängenden Schnurrbart, zu dem bei dem Sohne noch ein gemeines Maul kam, verschwand unter den Paniers und Falbeln des Fräulein Marquès. Sie war mit achtzehn Jahren ebenso groß und fast ebenso entwickelt wie ihre Mutter. Der Privatsekretär, der beim Eintreten nur seine Schwester gesehen hatte, blieb ganz betroffen stehen, als er neben dem Rosenstrauß und den gepuderten Locken Florences den wolligen Kopf des Stiefvaters erblickte. Den verderbten jungen Mann überraschte nicht diese vertrauliche Haltung, sondern der Umstand, daß seine Mutter, obwohl sie die beiden allein in dem Gemach wußte, sich nicht unruhiger zeigte, sondern gegen alle ihre Gewohnheiten gleichgültig und fern an ihrem Klavier sitzen blieb.

In der Tat war es im vertrauten Kreise der Valfons jedermann bekannt, daß der Kummer dieses Frauenlebens die lebhafte Zärtlichkeit war, die ihr Gatte für ihre Tochter empfand. Sie hatte sie ganz jung, in ihrer ersten Ehe mit ihrem Vetter, dem Portugiesen Marquès, bekommen, der mitten auf der Börse von Bordeaux am Schlage gestorben war. Wie es häufig geschieht, entwickelte sich dieser Kummer aus etwas, was zuerst eine große Freude war. Wie oft war Frau Valfon, wenn sie sah, wie ihr Gatte, der Erwählte des allgemeinen Stimmrechts, der gefürchtete, feine Politiker, sich mit den Marquèsschen Kindern Florence und Wilkie, die er seine »Bälge« nannte, auf dem Teppich des Schlafzimmers wälzte, über diese Vorliebe für ganz kleine Kinder, den angeborenen Vaterinstinkt dieses unerbittlichen Menschen in Verzückung geraten! Aber als Florence, frühreif wie alle Früchte des Südens, vierzehn oder fünfzehn Jahre alt wurde, erschrak die Mutter, die sie im selben Alter bekommen hatte, über die beunruhigenden Freiheiten, die sich der Stiefvater mit ihr herausnahm, und gab ihm das zu verstehen. Valfon, ein Komödiant von Geburt, obwohl Szene und Repertoire sich bei ihm geändert hatten, spielte den Empörten und ereiferte sich, indem er mit seinem langsamen Tribünenschritt auf und ab ging. Er – dieses Kind? Wem würde man das einreden? Nein, der Verzicht auf eine einzige dieser keuschen, reinen Liebkosungen würde das Eingeständnis der Schuld aller bedeuten. Und dann, wenn Florence zu ihrer Mutter kommen und sagen würde: Valfon schmollt mit mir, Valfon ist böse – warum? Was habe ich getan? Würde die Mutter es wagen, ihr zu antworten? Hieße es nicht diesen jungen Geist beunruhigen, wenn man ihn auch nur stutzig machen wollte? Daraufhin setzte er, vielleicht von seiner eignen Lüge verlockt, sein gefährliches Spiel fort und nahm sich mit seiner dicken »Flo-Flo« die zärtlichsten, vertraulichsten Freiheiten heraus, besonders wenn die Mutter anwesend war.

Nun entstand in dieser unglücklichen Frau eine Hölle, eine innere Wunde, die ihre ganze Brust erfüllte, die sie mit sich in die Welt trug, die sie verbrannte und ihre Augen, ihre Schultern aushöhlte, ohne ihr jedoch einen Schrei, eine Klage zu entreißen.

Bei wem sollte sie sich übrigens beklagen! Bei ihrem Gatten? – darauf hatte sie verzichtet. Und ihr Sohn lachte bloß über ihren Argwohn, sobald sie das erste Wort zu sprechen versuchte. Trotzdem wußte er besser wie jeder andre, was er davon zu denken hatte. Allein mit seiner berufsmäßigen Verderbtheit fand er an diesem Gang der Ereignisse ein gewisses Vergnügen, das Vergnügen des Zuschauers. Ganz abgesehen davon benahm sich Valfon reizend gegen ihn, brachte ihn in seinem Kabinett unter, weihte ihn in die Geschäfte ein, kurz, war väterlich gegen ihn. Und da sollte er sich wegen der Manie einer eifersüchtigen, durch das Herannahen des Alters verbitterten Frau mit seinem Gönner überwerfen! Der Junge riß, eine Pirouette schlagend, aus und ließ die arme Frau in noch größerer Bestürzung zurück.

Freilich lockte es sie, der Tochter ihren Kummer anzuvertrauen, aber Florence war sehr jung, sehr unschuldig. Man hätte alles betonen, sich der Gefahr aussetzen müssen, diese Unschuld zu beunruhigen, wie ihr heuchlerischer Gatte sich ausdrückte. Sie scheute vor dem furchtbaren Geständnis zurück, und das Kind fuhr fort, nichts zu verstehen. Es war ein herrliches, etwas träges und schwerfälliges Geschöpf mit blendender Hautfarbe, den Kuhaugen starker Esser und schönen weißen, auseinanderstehenden spitzigen Zähnen. Als ganz kleines Kind nannte Valfon sie »die Tochter des Werwolfs«, und der Name patzte sehr gut für dieses unbewußt sinnliche kleine Mädchen, das bereits Juwelen, Parfüm, kostbare Stoffe liebte und allerlei Gelüste hatte. Als sie aufwuchs, wurde die Neigung zu einem vergoldeten Wohlleben durch den sie umgebenden Luxus nur noch gesteigert, und wenn trotz der Verderbtheit des Bruders, der heuchlerischen Zärtlichkeit eines Valfon nichts Unreines an ihr war, so mußte eben eine geheime Kraft der Unschuld über der hübschen Florence wachen – jener unsichtbare, beschützende Schleier, der junge Mädchen inmitten aller Besudelungen rein erhält.

Die offizielle Welt war Zeugin dieses Familiendramas, das, wie die Valfons glaubten, allen verborgen blieb, und verfolgte es mit großem Interesse. Wenn die Familie – die beiden Frauen voran, hinter ihnen das Schleichergesicht des Ministers – in einem Salon, in einem Theater erschien, so belauerte man ihr geringstes Lächeln, ihre unbedeutendste Bewegung, und leitete daraus Symptome und Vorhersagungen ab. Während nach der Ansicht gewisser Leute alles schon längst vollzogen war, bildeten sich andre im Gegenteil ein, daß Valfon, dieser raffinierte Genüßling, absichtlich an der Grenze seines Wunsches bleibe. Alle bewunderten die Lebenskraft dieses kleinen, alten Mannes, den die Leidenschaft, statt ihn von seinem politischen Ehrgeiz abzulenken, zu einem Übermaß von Schlauheit und Tätigkeit trieb.

Die plötzliche Nachricht von der Heirat Florences mit dem Sohne Jacquands wirkte verblüffend. Man witterte anfangs irgendeine Erfindung des Erzschelms. Achtung, die Karte wird nicht gestochen! Aber als das Gerücht sich bestätigte, als die lange, lässige Silhouette des jungen Claudius in Begleitung Florences und ihrer Mutter in der Valfonschen Opernloge erschien, als der Minister selbst die nahe bevorstehende Hochzeit ankündigte, ohne daß sich in dem Verhältnis der drei scheinbar etwas geändert hatte, begannen die, die der Sache am sichersten gewesen waren, an dem, was sie erst gestern behauptet hatten, zu zweifeln. Mit jener entzückenden Begeisterung, die den Meinungen der großen Gesellschaft etwas Wirres und Kindisches verleiht, wollte bald niemand mehr von dieser zweifelhaften Geschichte etwas hören; sie wurde endgültig abgetan, und doch war sie nie so interessant gewesen wie jetzt.

Valfon, über die bevorstehende Heirat Florences verzweifelt, sah in der »Combinazione« solche Vorteile, daß er wahnsinnig gewesen wäre, wenn er sich nicht darein ergeben hätte. In der Tat, wenn er sich auch in seiner Eigenschaft als Konseilspräsident verpflichtet hatte, Tony Jacquand, dem reichen Lyoner Seidenfabrikanten, am Tage nach der Unterzeichnung des Ehekontraktes das seit einem Monat verfügbare Marine-Ministerium zu geben, so hatte Vater Jacquand als Gegenleistung versprochen, die Schulden des Ministers zu zahlen, der, ehe die Liebe sein ganzes Herz gefangennahm, ein ebenso unglücklicher wie wütender Spieler gewesen war. Außerdem sollte er ihm das Kapital für eine große Zeitung geben. Das ist für einen, der in der Politik wie in der Literatur groß und stark bleiben will, ein unerläßliches Mittel. Der berühmteste und praktischeste Schriftsteller unsrer Zeit, Victor Hugo, war der erste, der dies begriff.

Diese Kraft, eine Zeitung, hatte Valfon bisher gefehlt. Während seiner häufigen Amtswechsel hatte er über die Regierungsblätter, über all die Schmarotzerfedern der geheimen Fonds vollauf verfügt, aber ein eignes Blatt, das ihm während der schwierigen Zeiten, der Zeit der Ungnade und des Feierns, dienen sollte, die blinde, zu jeder Stunde geladene Waffe, die sollte er unter den Hochzeitsgeschenken seiner Stieftochter, unter den flandrischen und englischen Spitzen finden. Allein das Verhängnis wollte, daß diese Gelegenheit sich darbot, als seine Frau, von einem ungefährlichen Flirt mit dem hübschen, blonden, jungen Freunde Wilkies abgelenkt, sich nicht mehr eifersüchtig zeigte, als Florence, die sich so lange stumpf und stumm verhalten hatte, bei den Schmeicheleien und Liebkosungen ihres Stiefvaters zu erzittern begann. Hätte denn dieser Claudius Jacquand seine Werbung nicht um zwei oder drei Monate verzögern können!

Wer sich von dem wütenden Ärger, in dem der Minister des Auswärtigen seit einiger Zeit lebte, eine Vorstellung machen wollte, der mußte den »Officiel« aus dieser Zeit durchblättern und in der äußeren Politik Frankreichs, die gewöhnlich so vorsichtig ist, daß sie furchtsam erscheint, die Tollheiten und die Nervenabspannung beobachten, die das Resultat des geheimen Kummers Valfons waren. Besonders in dieser Nacht, während des Balles, der zu Ehren des so artig verkleideten Brautpaares gegeben wurde, war der Konseilspräsident in einer Laune wie ein Wildschwein, das sich über alles stürzt, was sich ihm naht. Die Großen wie die Kleinen zogen sich bei der geringsten Berührung einen derben Hieb mit dem Rüssel oder der Klaue zu; seine Frau hingegen strahlte, wie gewöhnlich im Gegensatz zu ihm, indem sie ihre Gäste mit einem schmachtenden und wohlwollenden Lächeln empfing oder verabschiedete.

»Ja, was geht denn bei uns vor?« dachte der junge Wilkie, als er Florence und den Minister trotz der Nähe seiner Mutter in dieser vertraulichen Stellung überraschte. Er hustete, um sie zu warnen, dann trat er näher und sagte:

»Schwesterchen, der ›Graphic‹ wird ein schönes Bild von dir als Marquise bringen; ich habe von dir und von Claudius eine Photographie gegeben. Du führst mit deinem Bräutigam das Menuett an. Dem Reporter gegenüber, der da war, legte ich auf das Wort ›dein Bräutigam‹ Nachdruck.«

»Er ist es nicht mehr –«

Das schöne junge Mädchen hob den Kopf, und jetzt erst bemerkte ihr Bruder, daß sie weinte.

»Was ist denn geschehen, Flochen?« stammelte er.

Die Antwort bildete der helle Aufschrei Frau Valfons in dem ersten Salon hinter den zitternden Perlen.

»Ah! Quand la mort que rien ne saurait apaiser
Nous prendra tous les deux dans un –
«

Sie vermochte nicht zu Ende zu singen. Der Minister sprang, toll vor Wut, auf und schrie mit geballten Fäusten, allen Anstand plötzlich vergessend:

»Donnerwetter! Wirst du endlich einmal still sein?«

Florence und Wilkie sahen sich erbleichend an; sie hatten ihn noch nie ihre Mutter mit solcher Roheit behandeln gesehen. Diese kam vor Empörung zitternd zum Vorschein.

»Die Dienerschaft ist noch auf, man hat dich gehört,« sagte sie kalt.

Er schämte sich seiner Heftigkeit, besonders in Gegenwart der Kinder, und versuchte zu scherzen, ohne auf den falschen Klang zu achten, den dieser schnelle Tonwechsel hervorrief.

»Ich habe so laut gerufen, um deinen Alt zu übertönen – wir brauchen dich hier. Frage doch Florence, was geschehen ist.«

Sie sah ihre Tochter an.

»Was gibt es denn?«

Florence wollte sprechen:

»Meine Verlobung – aus – zurückgegangen –«

Ihre Stimme wurde von einem Schluchzen unterbrochen. Die Mutter setzte sich sofort neben sie auf dem Diwan nieder und ergriff ihre Hände; ihr Schmerz rührte sie, aber sie konnte nicht daran glauben – es war bloß irgendeine Kinderei, sie hatten sich gewiß über irgendeinen Aberglauben, eine religiöse Frage gestritten; es war gewiß nichts Ernstliches.

»Doch, doch – es ist sehr ernst.«

Die unglückliche Marquise in ihrer Coiffüre Louis XV. betupfte, purpurrot vor Tränen, mit dem Taschentuche ihre Wangen und verdarb ihre Schminke und ihre Schönpflästerchen.

»Aber warum sprichst du mit Claudius über Religion, da du doch seine Manie kennst?« sagte Frau Valfon, die an diesem Abend so glücklich war, daß der Kummer irgendeiner geliebten Person ihr nicht zulässig erschien.

»Es ist also wahr, die Bigotterie hat mit euerm Zank etwas zu tun?« fragte der Minister lebhaft.

»Es ist noch etwas andres, aber das ist die Hauptsache.«

Er brach in ein zynisches Gelächter aus, das all die gemeinen Züge seines Gesichts faltete und furchte.

»Das ist zu stark – woher kommt denn dieser große Tölpel, daß er noch an diese Dummheiten glaubt? In Frankreich gibt es nur noch zwei Katholiken – ihn und dann noch einen andern, der schon längst tot ist.«

Wilkie begrüßte den Witz des Stiefvaters wie einen alten Bekannten und sagte, nachdem er sich genügend ausgelacht hatte:

»Höre, Valfon, täusche dich nur nicht, die kommende Generation ist gläubig und mystisch veranlagt –«

»Möglich,« meinte der Minister achselzuckend. »Auf jeden Fall weiß ich nicht, was dieser Claudius Jacquand eigentlich will. Um ihm ein Vergnügen zu machen, habe ich in die kirchliche Eheschließung gewilligt, was alle meine Wähler von Belleville aufbringen wird – was will er denn noch?«

Das junge Mädchen, von der Nähe der Mutter beruhigt, antwortete einfach, ohne besondere Aufregung:

»Er will eine andre Frau, er hat mir das nicht verheimlicht.«

»Du bist verrückt!«

»Nein, Mama, ich nicht, aber er ist plötzlich in diese kleine Dina, die Schwester Raimunds, toll verliebt.«

»Sapperment, das kann ernst werden,« murmelte der Sekretär zwischen den Zähnen.

»Warum kann das ernst werden?« fragte Valfon in mürrischem Ton.

»Ei, weil die Kleine mit ihrem Schäferinnenhütchen uns heute abend während der zwei Menuette alle verzaubert hat. Der alte Dejarine, Marc Javel, der dicke Numa, alle sind sie Feuer und Flamme. Ich war der Kavalier der Kleinen, kenne sie besser als jeder andre und kann mich nicht wundern, daß Claudius aus der Ferne und so blitzschnell Feuer gefangen hat.«

Valfon stand mit unbeweglichem Gesicht vor dem Diwan, auf dem Florence und ihre Mutter saßen, und biß wütend an seinen Nägeln; das war das einzige Zeichen innerer Aufregung bei dem Manne, der sich immer beherrschte.

»Hör mal, Flo-Flo,« sagte er plötzlich. »Was ist eigentlich zwischen euch vorgegangen?«

»Was vorgegangen ist?« sagte das junge Mädchen mit halbgeschlossenen Augen, indem sie das künstliche Gebäude ihrer Coiffüre auf die nackte Schulter ihrer Mutter drückte, die Elfenbeinstäbe eines kleinen, sehr fein gearbeiteten indischen Fächers bei jedem Worte mißhandelte und ihn nervös auf und zu klappte, so daß es wie Kastagnettengeräusch klang. »Kaum war Fräulein Eudeline im Kostüm von Helene de L´Huis angekommen, so war Claudius nicht mehr derselbe. Er wurde zerstreut, mürrisch und spähte fortwährend zu der kleinen Liliputschäferin hinüber; in der Pause während der zwei Menuette hielt er es nicht aus, und Raimund mußte ihn seiner Schwester vorstellen. Sie haben zweimal miteinander Walzer getanzt, dann führte er sie zum Büfett, wohin ich ihnen folgte. Oh, sie achteten gar nicht auf mich. Ich sah, wie die kleine Zwergin sich zierte und an ihrem Sorbett nippte, während sie miteinander von der Wirksamkeit des Gebetes sprachen. Ich sage euch doch, daß die Religion etwas mit unserm Bruch zu tun hatte; sie sprachen die ganze Zeit über von nichts anderm. Die Kleine ist in der Theologie sehr beschlagen, und dazu die geweihten Medaillen, die auf ihrem bloßen Halse klapperten. Ich bekam diese Geschichte satt und teilte Herrn Jacquand mit, daß alles zwischen uns aus wäre, wenn er noch einmal mit der jungen Telegraphistin tanzen würde. Er antwortete, daß er leider für die nächste »Berline« mit ihr engagiert sei. ›Nun, dann machen Sie es rückgängig,‹ sagte ich und sah ihm nach, wie er auf seine Tänzerin zuschritt, während das Orchester zu spielen anfing. Es sah aus, als überlege er es sich, als zögere er –«

»Er zögert immer, das ist schon so seine Natur,« sagte Wilkie.

»Meine nicht!« rief Florence zornig.

Sie richtete sich dabei auf, und ihr Gesicht flammte bei der beleidigenden Erinnerung.

»Er hat trotzdem die Berline mit ihr getanzt.«

Eine Flut nervöser Tränen hinderte sie, fortzufahren, und der kleine Fächer fiel mit allen seinen elfenbeinernen Stäben auf den Teppich nieder. Frau Valfon wurde von der Aufregung der Tochter erschüttert, obwohl sie an ganz andre Dinge dachte, und ergriff mit unbestimmten Trostworten ihre Hand.

»Laß sie doch ausreden,« brummte der Minister.

»Oh, das ist alles,« murmelte das junge Mädchen. »Wollt ihr glauben, daß Claudius so unverschämt war, mich dann zum Kotillon aufzufordern, den wir miteinander tanzen sollten! Ich schützte ein Unwohlsein vor, ließ ihm aber den Vorwand, sich neben mir niederzusetzen und den Versuch zu machen, meine Verzeihung zu erlangen. Allein er kehrte zu seiner Telegraphistin zurück, und sie tanzten bis zum Morgen miteinander. Glaubt ihr, daß das ein Imstichelassen ist?«

Einen Augenblick herrschte ein ängstliches Stillschweigen. In dem Schauer der Dämmerung, die die Scheiben und die Lichter weißlich färbte, in dem dumpfen Dröhnen, das sich in dem zum Leben erwachenden Paris erhob, während nebenan die verstohlenen Schritte der Diener ertönten, die Kronleuchter, die man auslöschte, klirrten, da und dort eine Dille platzte und in der Tiefe eines Spiegels eine ersterbende Flamme aufzuckte, saßen und standen diese vier an Gedanken und in ihren Trachten so verschiedenen Personen – dieser Schäfer und diese Marquise aus der Zeit Louis XV., dieser Minister der dritten Republik im schwarzen Frack mit dem Großkreuz eines russischen Ordens um den Hals – in einer Ecke des kleinen Spielsalons beisammen, betrachteten einander ängstlich und ließen einander nur die Hälfte ihrer Gedanken sehen.

Während dieses Balles, der bereits wie ein Traum erschien, hatten so viele Ereignisse mit ihnen gespielt. Die Violinen des Mozartschen Menuettes trugen auf ihren korrekten, fast feierlichen Takten Illusionen und Hoffnungen hinweg, aber sie ließen auch manche zurück. Die großen Augen Florences waren in großen, glänzenden Hochmutstränen gebadet; die ihrer Mutter blitzten in einer uneingestehbaren Freude, und Valfon dachte trotz allem, was er durch die zurückgegangene Heirat seiner Stieftochter verlor, mit Wonne daran, daß sie nicht fortgehen würde, daß er sie noch auf seinen Knien, an seiner Brust würde halten können. Es war daher kein ganz echter Zorn, was seinen Schnurrbart verzog, als er seiner Frau vorwarf, daß sie mit ihrer übertriebenen Vorliebe für diese Bettlerfamilie die Ursache des ganzen Unglücks sei.

»Diese – diese – wie heißen sie nur? – Ja, diese Eudelines. Du hast uns zuerst den Sohn ins Haus gebracht, diesen Friseurkopf, der mit seinem Brenneisen eine gute Partie machen will. Nach dem Bruder kam nun die Schwester, die kleine Dina, die ich ebenfalls für eine großartige Schwindlerin halte.«

Frau Valfon widersprach tapfer.

»Schweig – von der Schwester will ich nicht reden, ich habe sie nur einmal gesehen, ich kannte sie nicht, aber Raimund, dieser herrliche Mensch, dieser Märtyrer der Familie, schön wie ein zwanzigjähriger Jesus, er, der für sein ganzes Leben ans Kreuz geheftet ist, er ist zu herrlich, er steht viel zu hoch über deinem kränklichen Egoismus. Von ihm sprich nicht, ich verbiete es dir.«

Das von der durchwachten Nacht hervorgerufene Fieber, Liebe, Empörung, der eben erhaltene Schimpf, der in einer sichtbaren Runzel auf ihrer Stirn zurückblieb, all das vereinigte sich, um diese ehemals so schöne Frau mit den prachtvollen Schultern und Armen zu erregen, zu verwandeln. Für ein paar Sekunden bekam ihr Gesicht die früheren reinen Linien wieder. Sie war derartig gereizt, daß sie, wenn die Kinder nicht zugegen gewesen wären, ihrem Gatten, diesem Bösewicht, diesem Schelm, durch den sie so viel gelitten, zugeschrien haben würde: »Ja, der, von dem du sprichst, ist schön, und ich liebe ihn; heute abend, hier daneben habe ich mich ihm versprochen, hörst du, hörst du – und dann, rede nur, versuche nur zu reden, ich werde dir schon zu antworten wissen.«

Der Gatte verstand dies so wohl und sah einen derartigen Zornausbruch voraus, daß er nicht weiter in sie drängte.

»Nun, wenn ich bei der Sache eine Zeitung verliere, so verliert der alte Jacquand ein Ministerium; denn nach dem Schimpf, den sein Sohn uns antut, kann er doch nicht annehmen, daß ich ihn in die Marine nehmen werde.

»Oh, Claudius liegt nichts daran, daß sein Vater Minister wird, er müßte da selbst nach Lyon gehen und die Fabriken überwachen.«

Florence, die bereits ein wenig getröstet vor dem Spiegel stand, sprach ruhig über ihr Mißgeschick, indem sie die Blumen aus dem Haar zog. Ihr Stiefvater umfaßte mit jener zweideutigen Zärtlichkeit, die sein ganzes Benehmen gegen sie kennzeichnete, ihre Taille.

»Geh schlafen, geh schlafen, meine Florence; die Sache ist noch nicht aus. Was für ein Tölpel auch dein Lyoner sein mag, so wird er verstehen, daß man ein Fräulein Habenichts nicht zu heiraten braucht, da es so leicht ist, sie zur Geliebten zu machen.«

Florence schüttelte den Kopf.

»Da sieht man, daß du ihn nicht kennst.«

»Sie hat recht, Valfon,« sagte Wilkie, der damit beschäftigt war, den Fächer Florences in Ordnung zu bringen. »Claudius ist ein Einfaltspinsel, der sich in dieser Welt für verloren und in jener Welt für verdammt halten würde, wenn er einem hübschen Mädchen aus einem andern als einem guten Beweggrunde den Hof machen würde. Ich bin überzeugt, wenn er in Dina wirklich verliebt ist, so wird er bei ihrer Mutter um sie anhalten. Freilich wird das Zeit brauchen, denn der Junge ist ein immerwährender Pendel; das rührt von seiner langen Figur her. Wenn meiner lieben Florence also etwas daran liegt, so erkläre ich,« – er näherte der Schwester sein kleines, welkes, boshaftes Gesicht, das durch den leuchtenden Atlas des Kostüms noch älter erschien – »so übernehme ich es, die Versöhnung mit Claudius herbeizuführen, ehe er noch den geringsten Schritt unternimmt, und die Verlobung ebenso leicht wieder zurechtzuflicken wie diesen Fächer.«

Sie ergriff den Schmuckgegenstand, dessen einzelne Stücke sehr geschickt wieder instand gesetzt zu sein schienen.

»Wie wirst du das machen?«

»Das ist mein Geheimnis, das ich niemand anvertrauen werde als unsrer Mutter. Sie wird uns helfen, wenn der Augenblick gekommen ist. Hörst du, Mama?«

»Was denn?« fragte Frau Valfon, die wieder in ihren Traum versunken war.

Der Minister, der seine Gattin vollkommen durchschaute, rief hohnlachend mit seiner falschen Stimme:

»Ihr seht doch, daß die arme Mutter uns nicht mehr zuhört. Sie fällt fast um vor Schläfrigkeit. Gehen wir zu Bett, Kinder.«

*

Während sie sich auf ihre Zimmer begaben, in jene prunkvollen oder koketten Zimmer des Ministerpalais, denen ein verständiger, von Wilkie, dem Künstler der Familie, überwachter Tapezier ihr früheres Hotelgarniaussehen genommen hatte – schlief die kleine Dina, die höchst unschuldige Ursache aller dieser Erregung, an der Seite ihrer Mutter hinter dem Wandschirm im Hintergrunde des Ladens »Zur Wunderlampe«. Vielleicht stellte sie sich auch nur schlafend.

Frau Eudeline hätte die Kleine gern zum Reden gebracht und sie um Einzelheiten über den Ball gefragt, – aber das Kind sank vor Schläfrigkeit um. Alten Leuten wird es schwer, wieder einzuschlafen, wenn eine gewisse Stunde vorüber ist, und so kostete es die arme Mutter schreckliche Mühe, in dem Halbdunkel der Nachtlampe unbeweglich liegen zu bleiben, während sie auf den unmerklichen Atem der Tochter an ihrer Seite und die nervösen Schritte Raimunds in dem kleinen oberen Zimmer lauschte.

Obwohl beinahe eine Stunde verstrichen war, seit er seine Schwester nach Hause gebracht hatte, konnte er sich nicht entschließen, sich zu Bett zu legen. Halb entkleidet schritt er unter der Zimmerdecke auf und ab, die so niedrig war, daß sein gepudertes Haar sie streifte; dann blieb er stehen und betrachtete mitleidvoll das eiserne Bett, den Schrank und den Tisch aus Fichtenholz, die drei ungleichen Stühle. Ach, diese Gegensätze unsers Pariser Lebens, die – ob nun Diamanten oder Flitter – unter den Kronleuchtern so glänzen und dann bei der Rückkehr in das Dunkel der Sorgen des häuslichen Elends erlöschen! Was für böse Gedanken können sie in dem Geiste eines jungen Burschen erwecken, der keinen Heller, nichts als einen schwarzen Frack und ein paar schöne Bekanntschaften besitzt, wenn er beim Verlassen eines eleganten Festes am Morgen sein armselig möbliertes Zimmer und die schmutzige Familienwohnung wiederfindet! Was für wilde Träumereien von sozialer Wiedervergeltung mittels Petroleums, mittels Dynamits entstehen, wenn der Junge schlecht ist und seine Betrübnis sich in Neid verwandelt! Und wie viele Stunden werden in nagenden Qualen, in unfruchtbaren, eiteln Träumereien verloren, wenn er ein mittelmäßiger Geist, ein Schwächling ist!

Raimund stand mit hocherhobener Lampe vor dem mit juristischen Büchern bedeckten Tische, auf dem Frau Valfon in einem anspruchsvollen Plüschrahmen im Ballkleid mit der ganzen Pracht ihrer Augen und Schultern strahlte, und blähte sich vor Stolz bei dem Gedanken, daß diese Frau, die Gattin eines Staatsmannes, eine der Frauen, mit denen Europa sich beschäftigt, vor einem kurzen Augenblick an ihrem Klavier saß, ihm ganz leise ihr intimes Leben, ihre Herzensnot erzählte und ihm ins Ohr flüsterte:

»Liebe mich, tröste mich –«

Während sie sprach, begleitete der wiegende Rhythmus eines fernen Walzers die Geständnisse dieser tiefen, etwas verschleierten Stimme. Allerlei Leute, Deputierte, Minister, Diplomaten in grünen und roten Krawatten traten heran, berühmte Köpfe neigten sich, und fremdartig klingende Stimmen dankten ihr für ihr Fest; aber sie drehte sich nicht um und antwortete kaum. Eine ihrer Hände lag auf dem Klavier, die andre preßte die spitzigen, aus einer gestickten Manschette hervorschauenden Finger – die Finger, die sie mit der ganzen blinden Kraft ihrer Nerven krampfhaft drückte, ohne sich darum zu kümmern, ob jemand sie sah.

Oh, der hämische Blick des buckligen Deputierten, eines Freundes des Ministers, der Frau Valfon zu dem Erfolge ihres Menuetts beglückwünschte, dieser Blick voll schlüpfriger Ironie und Mißgunst, der dem Buge des schönen, nackten Frauenarmes bis zu jener liebkosenden Gebärde folgte! Was hätte der nicht gegeben, um an Stelle Raimunds zu sein, um gleich ihm die Huldigung einer solchen Leidenschaft zu empfinden, selbst um den Preis des Elends, um den Preis dieser abscheulichen Mansarde!

Die Mutter, die von ihrem Bett hinter dem Wandschirm alle seine Schritte überwacht, hört, wie er tastend hinabgeht, um seine Wasserflasche in der Küche zu füllen, und fragt halblaut:

»Du legst dich also noch nicht nieder, mein Schatz?«

»Du siehst doch, daß du auch noch nicht schläfst, Mama. Und Dina?«

»Oh, die ist wie ein Stein ins Bett gefallen. Sie hat wohl viel getanzt?«

»Die ganze Nacht. Das war übrigens zu erwarten, ihr Menuett war ein Triumph.«

Die Mütter wissen nie etwas oder wenigstens nie genug.

»Kleine Duckmäuserin,« flüsterte Frau Eudeline, »sie hat mir gar nichts davon erzählt. Ich fand sogar, daß sie beim Niederlegen ein sorgenvolles Gesicht machte.«

Raimund näherte sich dem Wandschirm.

»Weißt du auch gewiß, daß sie schläft?« fragte er ganz leise. »Nun, dann höre: Deine Tochter, die Schäferin, hat alle in die Tasche ihres Schürzchens gesteckt; du kannst dir gar keinen Begriff davon machen. Von allen Seiten hörte ich: ›Woher kommt denn dieses Kleinod?‹ Sogar Marc Javel –«

»Unser Marc Javel?«

»Ja, unser Marc Javel, der von den Valfons nicht mehr weicht, weil im Kabinett das Marineministerium frei ist und er es zu erlangen hofft. Auf den hat deine Tochter ebenfalls einen riesigen Eindruck gemacht. Sie muß auf den Ball kommen, den er zum Geburtstag seiner Nichte Jeannine geben soll. Du kannst dir wohl denken, daß ich in deinem und meinem Namen zugesagt habe. Marc Javel kann uns sehr nützlich sein. Er ist ein so herzlicher, so gefälliger Mensch! Man macht sich doch ganz falsche Vorstellungen von den Leuten. So zum Beispiel Herr Mauglas, der Schriftsteller – erinnerst du dich? Wenn man auf die Leute hören wollte, so war dies ein Polizist, der den Auftrag hatte, die russischen Flüchtlinge in Paris zu beobachten. Es gab dafür Beweise. Als Antonin von London zurückkam, war er seiner Sache ganz sicher. Nun, nichts daran ist wahr. Ich habe Mauglas heute abend auf dem Balle getroffen; er war sehr umgeben, sehr gefeiert, und alle sprachen über seine letzte Studie über die Korinthischen Tänze in der ›Revue‹. Wenn der Mann wie ein Polizeispitzel aussieht, so will ich Hans heißen! Er hat uns wunderbare Dinge über den Ursprung des Menuetts erzählt, und ich war sehr stolz, ihn dort wieder zu treffen.«

Auch Frau Eudeline hinter ihrem Wandschirm ist sehr stolz und sehr zufrieden bei dem Gedanken, daß Raimund und Dina all diese feinen Leute kennen. Was für eine Freude wäre es für den armen Vater, wenn er sehen könnte, wie seine Kinder sich in der Pariser Gesellschaft bewegen! Ganz aufgeregt durch diese mütterlichen Hoffnungen, die Aussichten auf die glänzende Zukunft, die sich ihren Kindern öffnet, wälzt sich die gute Dame hin und her, so daß das Eisenbett kracht, über dessen Kopfende die gipserne Madonna mit der ersten Kommuniontafel der Tochter und den an der Wand hängenden großen, geweihten Rosenkränzen wacht. Mit einem Male sagt sie, den Mund dicht an den Wandschirm haltend, mit gedämpfter Stimme:

»Und von dir, Raimundchen, von deinen Erfolgen sprichst du nichts? Du hast doch gewiß welche gehabt. Bist du glücklich?«

»Über alles, Mutter,« sagte Raimund ganz leise mit Nachdruck.

»Du verdienst es, du bist so gut, so schön.«

Sie kann ihn nicht sehen, aber sie stellt sich ihren hübschen blonden Jungen in der kurzen Hose, den Schnallenschuhen und der Haarschleife vor. Die Wasserflasche, die er in der Hand hält, läßt seine Stellung etwas spießbürgerlich erscheinen, aber daran denkt die Mutter nicht.

»Ja, siehst du, Mama, vor allem ist sie gut und schön. Ach, wenn du sie kennen würdest!«

»Du hast recht, auf ihrem Gesicht liegt ein Ausdruck von Güte. Ich sehe sie mir täglich an, während ich dein Zimmer mache. Nur ihr Alter kann ich mir nicht recht erklären, denn schließlich ist Wilkie ja zweiundzwanzig Jahre alt, gerade so alt wie du. Freilich habe ich als altes Mädchen geheiratet und sie als ganz junges, sagst du.«

»Als ein Kind, Mutter, ein kleines Kind, mit dem der erste Mann wie mit einer Puppe spielte und dem der andre nichts als Leiden bereitete. Oh, der Elende! Er soll nur nicht versuchen, wieder anzufangen; jetzt wird sie jemand haben, der sie verteidigt.«

Frau Eudeline erschrickt einen Augenblick.

»Nimm dich in acht, mein Schatz, dieser Valfon ist ein schrecklicher Mensch.«

»Ich fürchte ihn nicht – seit zwei Jahren fechte ich täglich eine Stunde im Verein. Übrigens, beruhige dich,« fügt er hinzu, als er den erschreckten Seufzer der armen Mutter hört, »Valfon ist ebenso feig als boshaft; er gilt für sehr stark, man nimmt ihn bei allen Ehrenhändeln als Schiedsrichter, aber er schlägt sich niemals. Und jetzt gute Nacht, liebe Mama, besser gesagt, guten Tag. Ich gehe schlafen.«

Glücklicherweise hat Raimund seine Lampe nicht herabgebracht, und der unbestimmte Schein der noch vom Wandschirm verborgenen Nachtlampe läßt Frau Eudeline nicht sehen, wie um die halb offenen Lippen der kleinen Dina ein leichtes Lächeln schwebt. Mit geschlossenen Augen, rhythmisch im Schlafe atmend, hat sie kein einziges von ihren Worten verloren.

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