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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 15
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
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XIV

Ein Schwächling

Auf hoher See. Meerenge von Bonifacio.

Das ist meine Beichte. Ich schreibe sie für Dich, mein Antonin, für Dich allein, und sie kostet meinem Stolz ein großes Opfer, erleichtert mich aber auch. Ich will nicht in der Maske eines Heuchlers, gleich einem Helden umjubelt, fortgehen, während ich im Grunde nur ein Feigling bin. Dir wenigstens, dessen Zärtlichkeit mir immer verzeihen konnte, Dir wage ich alles zu sagen. Du sollst die Wahrheit kennen.

»Ein Feigling« ist vielleicht zu stark ausgedrückt. Mauglas war ein Feigling, aber wenn ich auch vor allen meinen Pflichten zurückschreckte, so bin ich nie so wie er zu niedrigen Taten herabgesunken. Sagen wir, ich bin ein Schwächling, eine Wucherpflanze, und diese Schwäche hat noch die Entschuldigung, daß sie sich vom Todestage unsers Vaters herschreibt. Jene tragische Erschütterung, die für Kinder zu heftig war, rief bei Dir Sprechschwierigkeiten hervor, bei mir nichts Auffälliges, aber eine Zerrüttung des Organismus. Worin sie besteht, weiß ich noch immer nicht. Bis dahin ein sehr guter Student, stolz auf meine Erfolge, war ich fortan nur noch ein mittelmäßiger Schüler, so fleißig wie früher, wenn möglich noch hochmütiger, aber alle Anstrengungen führten zu nichts. War meine Willenskraft geschwächt worden? Wahrscheinlich. Auf jeden Fall scheint mir, daß von diesem Tage an nur die Oberfläche von mir lebte; darunter war alles leer, unterminiert wie die Tiefen, die das Meer da drüben, uns gegenüber in dem glänzenden Schwarz der Basaltfelsen, unter den weißen Häusern von Bonifacio gräbt. Trotzdem hat mir meine Gymnasialzeit eine köstliche Erinnerung hinterlassen, weil das Leben dort geregelt, die Arbeit, sogar die Erholungsstunden obligatorisch waren. Geh rechts, geh links, sagte man mir, und ich gehorchte mit Entzücken, genoß die Freude, in Reih' und Glied zu marschieren. Ich erinnere mich, als die andern Schüler die Schule mit Freuden zu verlassen schienen, machte es mir Vergnügen, daß ich noch ein paar Monate dort verbringen konnte, um mich auf die Ecole Normale vorzubereiten. Außer den Wonnen des automatenhaften Lebens schob dieser verlängerte Aufenthalt im Gymnasium jene schreckliche Verantwortlichkeit hinaus, die mein Vater mir im Sterben hinterlassen hatte.

Die Aussicht auf diese Pflicht war meine beständige Sorge, und dabei hatte ich die Überzeugung, daß ich sie nicht erfüllen konnte. Oh, was für ein Grauen hat der »Hamlet« in meinem Geiste zurückgelassen! Wie liebte, wie beklagte ich diesen armen Prinzen! . . . Hamlet und »die von ihrem Stein erdrückte Karyatide«, die wunderbare kleine Marmorstatue von Rudin, die ich immer auf dem Schreibtisch Marc Javels bewunderte, die ihm wie ein Fetisch in die zahllosen Ministerien folgte, wo Pierre Izoard und ich ihn aufstöberten. Ja, der schmerzliche Ausdruck dieser Frauengestalt unter dem ungeheuern, harten Monolith, der ihren Rücken zermalmte, und das verzweifelte Lächeln des Prinzen von Dänemark – das waren die zwei furchtbaren Symbole, die während meiner ganzen Jugend meine künftige Lebensaufgabe darstellten. Du siehst, ich hatte die väterliche Erbschaft ernst genommen. Warum gelang es mir nicht besser, da doch der gute Wille da war? Wir gaben die Schuld dem abscheulichen Handwerkszeug, der Schwierigkeit, eine Familie mit Latein und Philosophie zu ernähren – o nein, der Arbeiter selbst, seine Arme waren zu schwach. Aber das wollte mein Stolz bis zuletzt nicht zugeben.

Ach, diese Ironie des Lebens! Wenn ich bedenke, wie ich bei uns, in unsrer ganzen Umgebung, in Deiner Fabrik, lieber Antonin, in den Bureaus des Kriegsministeriums, wohin Herr Esprit mich führte, um mir eine rasche Überfahrt zu verschaffen, kurz, überall beglückwünscht, ermutigt wurde. »Das ist eine schöne Tat, junger Mann . . .«

Eine schöne Tat? . . . Ich riß einfach aus. Verantwortlichkeiten, Pflichten, Lasten, die für die schwache Karyatide zu schwer sind – ich entschlüpfte euch allen! Ich floh vor der Familie, die ich nicht erhalten konnte, vor der Ehe, der Frau, dem Kinde. Denn Geneviève wird bald Mutter sein, und im voraus sah ich die Augen Pierre Izoards auf mich gerichtet: »Heirate meine Tochter, oder ich töte dich!« Auch vor dieser doppelten Drohung ergriff ich die Flucht. Ich fühlte mich dieser doch so einfachen Sache nicht gewachsen und fürchtete sie beinahe wie den Tod. Ein Heim, einen eignen Herd bauen, Kinder erziehen, ihnen ein Beispiel geben, ihnen eine Laufbahn wählen – vor all dem habe ich Furcht, vor all dem weiche ich zurück. Wenn Du wüßtest, wie viele junge Leute es gibt, die so sind wie ich!

Mein Plan, an Deiner Stelle Soldat zu werden, schreibt sich von Deiner letzten Reise nach Paris zum Revisionsrat her. Nach so vielen unfruchtbaren Anstrengungen in der Literatur, in der Medizin, in der Politik dachte ich, daß ich wenigstens zu etwas gut sein würde. Als ich zum ersten Male mit Tantchen davon sprach, sagte sie bloß: »Armer Junge!« – kein Wort über sich selbst oder über ihr Kind. Was dachte sie sich, als sie mich fliehen sah? Bewunderte auch sie mich? Glaubte sie an die Erhabenheit meiner Aufopferung? Ich zweifle daran – sie kennt meine Schwäche besser als jede andre und hat mich vom ersten Tage an nur deswegen geliebt. Sie ist viel mehr Mutter als Weib und Geliebte, ich war für sie immer ihr »armer Junge«. Da sie fühlte, daß ich nicht die Kraft hatte, meine Aufgabe zu erfüllen, wollte sie mir helfen und opferte sich bis zu Ende für mich. O Brüderchen, ich bitte Dich, verlasse sie nicht; Dir vertraue ich sie an. In kurzer Zeit wird die unglaubliche Heirat unsers kleinen Aschenbrödels Dir die Sorge um den Haushalt erleichtern; wenn Dina Frau Claudius Jacquand ist, wird sie unsre Mutter nicht hinter dem Ladentisch sitzen lassen. Dann denke an das gute, großmütige Mädchen, beschäftige Dich mit ihr und mit dem Kinde. Erinnere Dich, daß sie aus mir einen Mann zu machen versuchte und daß es ihr selbst um den Preis aller ihrer Anstrengungen nicht gelang. Vielleicht wird es Euch beiden gelingen, Euch mit dem Kleinen, den sie zur Welt bringen soll.

Ich schreibe auf meinem Tornister, auf dem Vorderdeck des »Irawaddy«, bei einem Essigwetter, wie die Leute es nennen. Wundere Dich also nicht, wenn meine Sätze und Grundstriche durcheinander geraten. Durch den Einfluß des Senators Tony Jacquand, Deines Chefs, Herrn Esprit, wurde es mir unter andern Begünstigungen auch gestattet, mich nicht im Depot von Toulon aufhalten zu müssen, sondern geradeaus nach Kotschinchina zu fahren, wo mein fünftes Bataillon liegt. Dort drüben werde ich das Automatenleben führen, das ich so liebe: eins, zwei, eins, zwei – rechts, links – rechts, links! Ich werde nicht einmal die Verantwortlichkeit haben, die der Korporalstreifen verleiht. Die Einförmigkeit der Tage wird die neue Umgebung mildern – riesige Pflanzen, nach Moschus duftende Flüsse und der fortwährende Reiz der Gefahr . . .

Da wir von Gefahr reden: mein Bettnachbar, ein Soldat der Fremdenlegion, zeigt mir in den furchtbaren Engwegen von Bonifacio, in die wir eben einfahren, auf den Felsen, die sich ganz dicht neben uns über die Oberfläche des Wassers erheben, einen weißen, flachen, von einem Kreuz überragten Grabstein. Hier ging während des Krimkriegs die »Sémillante« mit Mann und Maus, mit einer Besatzung von tausend Mann unter. Man fand alle tot auf diesem Lavezziinselchen, in Haufen, in Bündeln aneinandergeklammert, und begrub sie an derselben Stelle, wo sie gescheitert waren. Das sind Tote, die man nicht besucht, Gräber, deren Blumenschmuck nicht oft erneuert werden mag. Trotzdem ist dieser kleine Père Lachaise mitten auf dem Meere verlockend, man muß dort gut schlafen können . . . Es ist keine Gefahr, daß man dort die Föderierten niederschießt, daß man sich dort betrinkt und niedermetzelt wie auf den Friedhöfen von Paris.

Der Sturm, der seit heute früh ging, hat plötzlich nachgelassen, aber das Meer ist unruhig; ungeheure Wellen unter einem blauschwarzen, unbeweglichen Himmel, ohne einen Luftzug. Von Zeit zu Zeit richtet sich das Schiff kerzengerade in die Höhe, so daß man glauben könnte, daß die im Vorderteil ausgestreckten Deckpassagiere bis zu den Schaukelstühlen der Passagiere erster Klasse hinabgleiten werden . . .

Stelle Dir vor, Brüderchen, gerade vorhin, während einer jener kurzen Visionen, da das ganze Schiff sich emporhob und von einem Ende bis zum andern sichtbar war, glaubte ich auf dem Achterdeck in einer Gruppe schwarz verschleierter Nonnen die Silhouette Frau Valfons zu sehen, und in noch größerer Nähe, mitten unter Krankenwärtern mit weißen, mit dem blauen Kreuz versehenen Armbinden, mit Kalmückennasen, die mich an Lupniak erinnern, das viereckige, ölige Gesicht unsrer Doktorin. Sie trug ihre goldene Brille und einen kleinen, mit gelben Blumen geputzten Hut. Was Sophie anbetrifft, bin ich meiner Sache sicher. Ich erinnere mich, daß ich einige Zeit vor meiner Abreise von Paris einen Artikel in der Zeitung las, der die bevorstehende Abreise der Expedition der Doktorin Castagnozoff nach Bombay ankündigte. Unter den Missionskinderlehrern wurde auch die über den Tod ihrer Tochter verzweifelte Frau Valfon genannt. Auch der von demselben Trauerfall betroffene ehemalige Minister des Auswärtigen wollte sich einschiffen, um sich den kranken Kindern zu weihen, und es bedurfte der Anstrengungen aller seiner Freunde, um ihn daran zu verhindern. Sie deuteten auf die Dienste hin, die er dem Lande noch leisten könne, auf unsern Mangel an Staatsmännern, an Politikern, und schließlich auf die wirklich allzu klerikale Seite eines wohl menschenfreundlichen, aber unter dem Schutze Dom Boscos gegründeten Werkes. Das wäre nicht der richtige Platz für einen Großmeister der Freimaurer. Der Artikel belustigte mich; ich erkannte die scheinheilige, grimassenschneiderische Sprache des ehemaligen Redakteurs des »Galoubet«. Aber das ist gleich, der Tartüff der Großloge mit seinem Antiklerikalismus geht nach. Die Uhr Marc Javels geht viel richtiger. Erinnerst Du Dich an die Zeit, da unser Vater starb? Der Marc Javel jener Epoche ging nicht in die Kirche, aber bei dem Begräbnis der armen Florence Marqués, während Valfon auf dem kleinen Platz hinter der Klothildenkirche auf und ab spazierte, sah ich, wie jener sich Stirn und Knie auf den Fliesen des Chors wund rieb. Neben ihm befand sich der verderbte junge Mann, der reizende Wilkie, der ebenfalls mit der Zeit geht und weiß, daß die wissenschaftliche Republik August Comtes sich überdauert hat. Ach, Pierre Izoard hatte recht: der Schlaueste von allen ist Marc Javel. Diese menschliche Ankerboje, dem Spiel der Winde und der Strömung preisgegeben, dient zu nichts und niemand, schenkt aber allen die Illusion, die er uns so lange verlieh, nämlich, daß man sich an ihn anklammern könne. Er wird es sicherlich weiter bringen als alle andern; denn da er nichts Höheres in sich hat, die Beredsamkeit eines Geschäftsreisenden, die Kenntnisse eines guten Provinzklubpräsidenten besitzt, verdunkelt er niemand und repräsentiert doch sehr gut. Außerdem kann Marc Javel nicht Latein, und das ist vielleicht das Geheimnis seiner Kraft.

Toni, Tantchen, ich bitte Euch, laßt mein Kind nicht Latein lernen, laßt es keine klassischen Studien machen. Indem mein Vater das Gegenteil für seinen Sohn erbat, brachte er mich ins Unglück . . .

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