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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 14
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
correctorreuters@abc.de
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XIII

Ein Held

Es war am Anfang des Frühlings, einige Monate nach der letzten Reise Antonins nach Paris. Der brave Junge hatte, umgeben von seinen Dynamomaschinen, dem gelben Nebel der Themse und dem Geräusch des Wassers unter seiner zitternden Fabrik, Monate voll erbitterter Arbeit und unerschütterlicher Illusionen verbracht. Trotz der schlechten Nummer, die er bei der Konskription gezogen hatte, schrieben Pariser Freunde mit großer Sicherheit, daß er kraft seiner Gebrechen, seines Stotterns, seiner Augenschwäche frei werden würde. Zuletzt hatte er selbst daran geglaubt, bis heute morgen . . . Oh, der schreckliche, regnerische, finstere Aprilmorgen, als er aus dem Revisionsrate zurückkam, in den Laden der Damen Eudeline eintrat und ihnen verzweifelt zurief: »Tauglich, meine Lieben!«

Entschieden, wenn der Glückshändler, von dem ich euch erzählte, an diesem Tage an dem Laden »Zur Wunderlampe« vorübergegangen wäre, so hätte er auch diesmal nicht den Wunsch empfunden, sich dort niederzulassen. Hinter den hohen, von Regen triefenden Scheiben, wo die blauen, grünen und rosa Lämpchen gleich Stücken eines zerbrochenen Regenbogens funkelten, nahm es sich gar traurig aus, wie die Mama zusammengebrochen hinter dem Ladentische saß und ihren Kummer mit Sedativwasserkompressen einlullte, während Toni ihr gegenübersaß und voll Entsetzen daran dachte, daß er nun fünf Jahre in der Marineinfanterie dienen müsse. Dort hatte ihn seine schlechte Nummer eingereiht. Dinachen aber hatte bei dem Gedanken, daß sie so lange fern von diesem Bruder leben müßte, den sie vergötterte, dem sie ihr ganzes Herz vertraute, einen Zornanfall bekommen, von dem sie noch zitterte. O Gott, was sollte ohne das gute, warme Herz Tonis, ohne all die Zärtlichkeit, die Hilfe, die aus seinen kleinen, wimperlosen Augen strahlte, aus ihnen werden? – Dazu kam noch, daß sie von ihrem Claudius seit einem Monat keine Nachricht mehr hatte, nichts von ihm wußte, als daß er nicht mehr im Engadin wohnte. Das liebe Dinachen! Es gehörte viel Mut und Vertrauen zu ihren Medaillen dazu, um sie zu zwingen, am Leben wieder Gefallen zu finden und trotz all dieser Trauer, dieses finsteren Himmels, dieser kotigen Straßen so wie jeden andern Tag ins Amt zu gehen. Während sie vor dem Spiegel den Hut aufsetzte und die Handschuhe anzog, hörte sie, wie die Zeitungsverkäufer auf der Straße schrien:

»Verlangt den ›Matin‹, Fall des Ministeriums, letzte Augenblicke des Kabinetts Valfon!«

Der Fall des Ministeriums ließ sie gleichgültig, aber was für ein gespensterhaftes Menuett, was für einen unvergeßlichen Abend beschwor der Name Valfon für sie herauf! Oh, die Marquisen und die Schäferinnen, der funkelnde Atlas und die Hirtenstäbe, die schöne Florence Marquès, die so geheimnisvoll verschwand, die an jenem Wintertag, an dem so viel Schnee fiel, auf einem mit weißen Rosen überschütteten Wagen von weißen Pferden davongetragen ward! Sie schüttelte ihre blonden Locken, um diese Gespenster zu verjagen, und schob ihren Beutel unter den Arm.

»Auf Wiedersehen, Mama. Kommst du mit, Toni?«

Nein, Toni hatte keine Zeit, sie zu begleiten. Er mußte für das Londoner Haus Kunden besuchen, für das Pariser Apparate bestellen, dann bei seinem Chef, Herrn Esprit, essen, einen Augenblick zum Bruder hinaufgehen, um ihm die böse Nachricht mitzuteilen – das war mehr, als er tun konnte.

Die Kleine blieb mit der Hand auf der Klinke stehen.

»Es ist doch sonderbar, daß auch ich Raimund nicht besuchen kann, weil er gewisse Personen bei sich empfängt – ich, die sich so viel Mühe gegeben hat, seine Vorhänge zu nähen, sein ganzes Ankleidezimmer zu drapieren. Und nun darf ich es mir nicht einmal ansehen!«

Ein heiterer Blitz zuckte durch ihre blauen Augen.

»Du hast wohl diese hübschen Damen bei ihm getroffen, was, Brüderchen? Sind sie wenigstens nett?«

»Dina!« rief Mama Eudeline mit drohender Stimme.

Aber die Tür hatte sich schon geschlossen, und der kleine runde Hut samt dem Beutel wanderte bereits dem Haupttelegraphenamt zu.

»Der Fall des Ministeriums . . . letzte Nachrichten vom Kabinett Valfon!« schrien die abscheulichen Zeitungsverkäufer, und die kleine Telegraphistin dachte, während sie in dem feinen Regen die breite, mit Tümpeln bedeckte Fahrbahn des Boulevard Saint-Germain überschritt:

»Ich weiß einen, der den Fall des Ministeriums wünschte, der sehr glücklich sein muß, weil er nun Genugtuung finden und die Valfons, die Marc Javels bestraft sehen wird, die ihn behandelten, als ob es im Staatsdienst gar zu viele brave Leute gäbe.«

Und siehe, auf demselben Trottoir wie die Kleine kam aus der Richtung des Palais Bourbon der, an den sie eben dachte. Dina erkannte ihn an seiner kurzen, massigen Gestalt, an der breiten Husarenhose, die er allein seit langer Zeit trug, an diesem langen weißen Bart, der in dem damaligen Paris nur in dem des Malers Meissonier einen Nebenbuhler besaß. Nun, Pierre Izoard sieht an diesem Morgen sonderbar aus, aber der Fall des Ministeriums hat mit seiner Aufregung, die keine freudige zu sein scheint, nichts zu tun. Er schreitet mit wütenden Gebärden, einer gewalttätigen Miene einher, wie sie Dina an ihm noch nie bemerkt hat. Ohne sie zu sehen, ohne stehenzubleiben, geht er an ihr vorüber, und die Leute drehen sich nach dem herumfuchtelnden und laut sprechenden kleinen Manne um. Was ist dem Vater Genevièves widerfahren? Vielleicht ist es das Ende der Session, das herannaht, und zugleich mit ihm der Augenblick, da der alte Stenograph sein Amt verlassen, aus dem Palais Bourbon fort muß, wo er seit mehr als zwanzig Jahren hauste . . . Wie doch alles sich verändert, wie voll von Krümmungen, von Überraschungen das Leben ist! Dina erinnert sich an die schönen Sonntagabende, die sie mit dem Tantchen in der kleinen Wohnung im Sullyhofe verbrachte. Konnte man sich ein behaglicheres, wärmeres Heim, ein innigeres Zusammenleben als das des alten Vaters und seines Töchterchens vorstellen? Wenn man sie jetzt besuchte und ausnahmsweise alle beide zu Hause traf, fühlte man, daß sie befangen, einander fremd waren, und wurde rasch von ihrem Unbehagen angesteckt. Warum? Ist das ein Gesetz des Lebens? Ist es vom Schicksal bestimmt, daß wir uns mit dem Alter verwandeln, düsterer, herber werden, oder sind wir Opfer der Umstände?

Unter solchen Philosophien ist die kleine Telegraphistin an der Ecke der Rue de Grenelle fast gegenüber dem Haupttelegraphenamte angelangt. Vor dem Eingang hält eine Equipage, und der Amtsdiener steht ehrerbietig mit der goldbortierten Mütze in der Hand vor dem Schlag. Als er Fräulein Eudeline herankommen sieht, signalisiert er sie einem sehr langen, sehr mageren, gefärbten alten Herrn mit allzu schwarzem Bart und Augenbrauen und allzu glänzenden Augen. Er springt sofort aus dem Coupé, macht dem jungen Mädchen einen Schritt entgegen, betrachtet sie einen Augenblick aufmerksam, wie ein tüchtiger Seidenweber ein Stück Seide untersucht, dann schnalzt er ein paarmal mit Kennermiene mit der Zunge und stellt sich vor.

»Ich bin der Papa, Fräulein . . . Tony Jacquand, Senator aus Lyon . . . Claudius ist in Paris und wünscht Sie zu sehen. Ich gestehe, ich begreife ihn, besonders seit fünf Minuten. Kommen Sie rasch, ich fahre mit Ihnen in die Rue Cambon.«

Im Telegraphenamt ertönte das Geklingel der Ablösung im Dienst. Ein Gewimmel von Angestellten beiderlei Geschlechts drängte und kreuzte sich unter dem Tor; jeder, der vorüberging, besonders die Frauen, betrachteten neugierig die kleine Eudeline, die ein Senator im Wagen abholte. Bis in den späten Abend herrschte infolge dieses Besuches in den Arbeitssälen, dem Waschzimmer, der Garderobe große Aufregung.

Eine andre als Dina hätte Angst bekommen, wenn sie an der Seite dieses alten Lebemanns mit den dunkeln Augen, dessen lange Beine den ganzen Platz einnahmen, allein im Wagen gesessen hätte. Aber die kleine Götzenanbeterin hatte ihre Schutzgötter bei sich und strahlte vor naiver Freude.

»Oh, Herr Jacquand, ich bitte Sie, sagen Sie mir, wie es ihm geht,« wandte sie sich sofort zu dem alten Tony.

Das klang so offen, so rein, daß das Herz des Vaters gerührt ward.

»Besser, viel besser, liebes Kind,« antwortete er spontan. »Ich halte ihn für gerettet.«

Allein gleich darauf verbesserte er sich mißtrauisch:

»Aber ich sage Ihnen gleich: bis die Genesung vollständig ist, wird es noch ein, anderthalb, zwei Jahre dauern. Ihr werdet zwei Jahre warten müssen, ehe ihr heiratet. Hören Sie, Kleine?«

Zehn Jahre, wenn er wollte – unter der Bedingung, daß sie von Zeit zu Zeit solch eine köstliche Zusammenkunft haben konnten.

Als sie in der Rue Cambon anlangten, sah sie ihn, mit einem Reiseplaid über den Knien, den Arm auf die Lehne des Fauteuils gestützt, in einer Fensteröffnung sitzen. Die beiden großen Fichten auf der andern Seite der Straße ließen ihn blasser erscheinen. Er kam ihr magerer vor, Stirn und Augen sahen größer aus und besaßen jenen ergebenen Zug, mit dem langes Leiden junge Gesichter stempelt. Als er sie erblickte, klatschte er in die Hände und rief atemlos vor Freude:

»Vater, Vater, wie herzig sie ist!«

Mit einem Satze lag sie vor ihm auf den Knien und drückte, schmiegte sich an seinen Fauteuil, während Tony Jacquand sich bei dem andern Fenster an einem mit Zeitungen bedeckten Tisch niederließ.

»Die Blätter sind heute sehr unterhaltlich,« sagte er mit seinem schleppenden, breiten Lyoner Akzent zu den Liebenden. »Ich werde hier eine Stunde lang lesen; ihr habt also eine Stunde Zeit, um euch eure Dummheiten zu erzählen. Dann werde ich das Fräulein in ihr Amt zurückführen und Frau Eudeline meinen Besuch abstatten.«

»Aber ihr wißt, erst in zwei Jahren,« fügte er hinzu, indem er sich mit drohend erhobenem Finger nach ihnen umwandte.

»Ja, Vater, in zwei Jahren.«

Und nun kümmerten sie sich nicht mehr umeinander. Der ehemalige Lyoner Seidenweber buchstabierte seine Zeitung laut vor sich hin, um das Gelesene besser zu verstehen, die jungen Leute flüsterten sich, dicht aneinandergeschmiegt, die hübschen Nichtigkeiten zu, die sie einander zu sagen hatten, und es entspann sich zwischen ihnen ein Dialog über Politik und Liebe, ähnlich dem Gezwitscher der Sperlinge und Amseln im Garten unter ihren Fenstern, das mit dem Geschrei der Zeitungsverkäufer auf der Straße abwechselte:

»Der Fall des Ministeriums – der letzte Tag des Kabinetts Valfon!«

*

Dieser Lärm durchzog Paris seit dem frühen Morgen und erfüllte es mit seinem Echo in allen Stadtteilen, in allen Stockwerken. Während des Frühstücks bei Esprit Cornat, bei allen Kunden, die Antonin untertags besuchte, hörte er von dem ebenso lärmend wie geschickt angekündigten Fall des Ministeriums reden. Als er in der Wohnung Raimunds anlangte, deklamierte dieser gerade über die Neuigkeit des Tages, während er sich vollends ankleidete und dabei von seinem Ankleidezimmer nach dem Salon hinüberstrebte. Dort erwarteten ihn ein paar richtige Hungerleidergesichter, die mit der ultrakorrekten Kleidung sowie mit der anmaßlichen Sprache der jungen »Gefräßigen« nichts gemein hatten.

Nachdem der ältere Eudeline dem jüngeren leutselig die Wange hingereicht hatte, setzte er, ohne sich die Mühe zu geben, ihn vorzustellen, seinen unterbrochenen Satz fort.

»Täuschen Sie sich nicht, meine Herren, die Branntweinbrennerfrage, über die das Kabinett Valfon fiel, gehört zu den ernstesten Fragen. Dieses einzige Mal hatten die Gauner das gute Recht auf ihrer Seite, aber schließlich ist es doch besser, wenn man die braven Leute sich mit gesunder Arbeit befassen läßt. Was mich betrifft, so werde ich, wenn ich je in die Kammer komme . . .«

»Da sind deine Handschuhe, mein Lieber,« sagte Geneviève, indem sie sich dem Redner näherte. Sie trug einen wollenen Schlafrock, und ihre schönen, für ihr Köpfchen zu schweren Zöpfe waren nachlässig aufgesteckt. »Du weißt doch, was deinem Bruder zugestoßen ist?« fuhr sie mit leiser Stimme fort.

Während sie eine Minute miteinander sprachen, stand Antonin schüchtern in einer Ecke des Salons und betrachtete sie.

Der müde, entmutigte, sogar leidende Ausdruck des jungen Weibes, das er bei seiner letzten Abreise in strahlender Gesundheit zurückgelassen hatte, fiel ihm auf. Der Bruder, der mit seiner sonnigen Hautfarbe und seinen goldigen Locken immer prächtig aussah, hatte in seinem Benehmen etwas Zynisches und Ungeniertes angenommen. Auch seine Redeweise war nicht mehr dieselbe. Er schritt auf den Kleinen zu und legte ihm gönnerhaft den Arm um die Schultern.

»Mein armer Alter, du bist also zur Marine gekommen – nun, was willst du, fünf Jahre gehen auch vorüber, so wie alles.«

Toni nahm einen Anlauf, um zu antworten:

»Besonders, wenn ich dich in der Nähe unsrer Mutter weiß, Raimund . . .« Aber er hatte nicht die Zeit dazu; Raimund war bereits, von seinen beiden Lakaien und dem schwermütigen »Auf Wiedersehen!« seiner Freundin begleitet, bei der Tür angelangt.

»Ja, ja, auf Wiedersehen,« preßte der hübsche junge Mensch mit gelangweilter Miene hervor.

Als sie allein geblieben waren, fragte Antonin das Tantchen, ob sein Bruder Kummer hätte; er finde ihn ganz verändert.

»Nicht doch, es ist nichts, ich versichere dich; Raimund ist immer derselbe.«

Der jüngere Bruder wußte, was er zu denken hatte.

»Geht denn die ›Französische Familie‹ nicht?« fuhr er fort. »Mir scheint, es wurde gar nicht darüber gesprochen.«

Das wollte Tantchen nicht zugeben; im Gegenteil, man hatte sehr viel von dem Buche gesprochen. Für einen Neuling konnte man nichts Besseres wünschen. Man hatte sich nur getäuscht, als man glaubte, daß das Werk eines Unbekannten viel Geld eintragen würde. Der arme Raimund, der immer mit seiner Verantwortlichkeit beschäftigt war, hatte in dieser Hinsicht eine grausame Enttäuschung erlitten. Glücklicherweise war es damit zu Ende.

»Hat er vielleicht gar die Literatur aufgegeben?« fragte Toni. »Ich sehe da drüben ganze Haufen von wissenschaftlichen Büchern.«

Er deutete mit erschreckter Miene auf den mit medizinischen Büchern bedeckten Tisch inmitten des Salons.

Geneviève gestand ein wenig befangen, daß Raimund das Schreiben in der Tat für den Moment, oh, nur für den Moment, aufgegeben habe.

»Verstehst du, die Konkurrenz ist zu groß. Jeder will schreiben. Dabei gibt es keine Maut, keine Überwachung – und dann sind in diesem Beruf gar zu viele neidische und boshafte Menschen. Ich war zufrieden, als ich sah, daß er sich mit der Medizin befaßte.«

Antonin fand, daß dieser Gedanke tatsächlich trefflich sei.

»Und wie mutig machte sich der liebe Junge daran, wie mutig überwand er den Widerwillen, den die Häßlichkeit, die Krankheit in ihm erweckten!«

»Ja, er ist so schön,« seufzte der jüngere Bruder.

»Oh, ich war Zeugin, was für Anstrengungen er machte,« fuhr Geneviève fort. »Aber wirklich, die Anatomie widerte ihn zu sehr an, er konnte nicht.«

Toni sah sie verzweifelt und entmutigt an.

»Freilich, wenn er nicht konnte . . .«

»Seit einigen Tagen beschäftigt er sich mit Politik. Er besitzt Sicherheit, eine wohlklingende Stimme –«

Während sie sprach, erhob sie sich, um die Fenster des Salons zu öffnen, den die Morgenbesucher mit einem starken Pfeifengeruch durchtränkt hatten. »In Charonne soll ein Gemeinderat gewählt werden. Man hat ihn aufgefordert, zu kandidieren. Aber dazu gehört viel Zeit, viel Geld.«

»Euch fehlt wohl Geld?« stammelte Antonin errötend. »Die Vorschüsse für sein . . . nun, nicht wahr? – der – die – Dingsda – müssen schon längst hin sein?«

»O nein, noch nicht.«

Jenes Schweigen, jene Befangenheit entstand, die diese Geldfragen immer zwischen ihnen hervorriefen.

Plötzlich ertönte ein heftiges Klingeln. Es war Sophie Castagnozoff. Ihre Brille saß schief, das nasse Haar klebte ihr an den Wangen. Beim Eintreten warf sie ihren durchnäßten Hut auf den Tisch und fiel der Freundin um den Hals.

»Raimund ist fortgegangen? Dann gebe ich dir einen Kuß, dann bitte ich dich um Verzeihung und gleichzeitig auch den Kleinen dort, da ich das Glück habe, ihn hier zu treffen.«

Geneviève machte sich sehr kalt von ihr los, aber die Kosakin ließ nicht locker.

»Laß mich in Ruhe, du wirst doch nicht gegen deine alte Casta die Stolze spielen . . . Nun ja, ich habe mich geirrt, Raimund ist ein braver Junge, der Schändlichkeit, deren ich ihn anklagte, nicht fähig. Ich kenne den wirklichen Angeber, der Lupniak der Polizei auslieferte. Er kam zu mir, um das zu tun, was ich hier tue, nämlich um Verzeihung zu bitten. Aber davon werden wir später reden. Vor allem haben wir etwas Dringenderes zu tun.«

Sie schöpfte, vor Aufregung, vom Treppensteigen fast erstickt, Atem, dann verkündigte sie die schreckliche Nachricht. In einer Stunde, vielleicht noch früher, würde Pierre Izoard hier sein.

Entsetzt stützte sich Geneviève mit beiden Händen auf den Tisch.

»Mein Vater! Dann ist es aus!«

Antonin versuchte, sie zu beruhigen. War es denn so bestimmt? Woher wußte Sophie es?

»Woher ich es weiß? Von Ihrer Schwester, mein lieber Toni, von Ihrer entzückenden kleinen Dina. Sie traf Herrn Izoard bei Ihrer Mutter, und obwohl sie selbst erschüttert ist – ihr werdet heute abend erfahren, warum –, dachte sie daran, ihre Freunde vor der ihnen drohenden Gefahr zu warnen. Wie es scheint, kam ein anonymer Brief, der dem Vater Genevièves mitteilte, daß seine Tochter nicht bei Sophie Castagnozoff arbeite. Wenn er wissen wolle, wo und wie sie ihre Zeit verbringe, so brauche er sich nur auf dem Boulevard Saint-Germain Nummer 1 in den vierten Stock zu begeben.«

»Wenn das so ist, läßt sich nichts mehr machen,« murmelte Geneviève in verzweifeltem Ton.

»Nein, da ist nichts zu machen,« bestätigte die Russin, aber in einem ganz andern Tonfall. »Wenn dein Vater kommt, dich hier bei mir trifft – so arbeitest du eben mit mir; da sind unsre Bücher, unser Tisch. Vor dem Tisch stehen sogar zwei Sessel. Für den Fall, daß er vor dem Heraufsteigen sich erkundigt, habe ich Frau Alcide meine Weisungen gegeben. Wenn er geradeswegs heraufkommt, werde ich mit ihm schon reden.«

Antonin, der mit bestürzten Blicken die Möbel, die Portieren untersuchte, um zu sehen, ob nichts Kompromittierendes vorhanden sei, wurde plötzlich von einem Argwohn durchzuckt.

»Weiß denn Herr Izoard nicht, daß Raimund hier wohnt?«

»Auf jeden Fall war er nie da,« entgegnete Casta rasch. »Sie kommen schon lange Zeit gar nicht zusammen; er grollt ihm wegen seines Buches, wegen seiner Liebschaft mit Frau –« Sie wollte sagen: Frau Valfon, bemerkte es aber und brach rasch ab.

»Übrigens laßt mich nur machen, ich habe schon schlauere Untersuchungsrichter als Pierre Izoard genasführt. Er schreckt mich nicht, das schwöre ich euch.«

Geneviève richtete sich mit einer Bewegung der Empörung empor.

»Nein, danke, genug der Lügen; ich will nichts mehr davon wissen. Das Leben, das ich führe, ist mir schließlich verhaßt geworden. Erstens bin ich sehr ungeschickt, und dann dauert das schon zu lange. Der arme Mann, er hat nur mich auf der Welt, und ich verurteile ihn zu beständigem Mißtrauen. In manchen Augenblicken könnte man glauben, daß er mir die Mühe und Schmach einer Lüge ersparen will. Wenn ich heimkomme, wenn ich fortgehe, fragt er nicht einmal mehr: Wohin gehst du? Woher kommst du? Wir sind wie Fremde. Ach, es würde euch Mühe kosten, unser kleines, lustiges Haus in Morangis zu erkennen. Wir sprechen nichts mehr miteinander, haben uns nichts mehr zu sagen, wagen uns kaum anzublicken, schauen die ganze Zeit beiseite. Mein Gott, mag er kommen, mag es ein Ende nehmen!«

»Du bist verrückt, er wird dich umbringen!« rief die Kosakin, indem sie in die Höhe sprang und ihr Knabenhaar hinters Ohr schüttelte. »Du kennst ihn doch, diesen alten Römer, der auf seine Virginia stolz ist und Recht über Leben und Tod über sie zu haben glaubt.«

Wie herzzerreißend Tantchen lächelte.

»Umbringen . . . Und dann –«

Sophie war empört.

»Und dann? Du weißt, daß der arme Alte dich nicht überleben könnte! Und dann, Raimund – was soll ohne dich aus ihm werden? Außerdem gibt es noch andre, die dich lieben.«

»Ach ja,« seufzte der arme Toni, und sein unterdrücktes Schluchzen rief ein Geräusch hervor wie ein Anker, der seine Kette durch die Steine reißt.

Geneviève schüttelte traurig den Kopf.

»Nein, wenn es mir gelingt, ihm heute, sogar einige Zeit lang die Wahrheit zu verbergen, so muß er sie doch eines Tages kennen lernen – ein Augenblick wird kommen –«

Sie machte eine unbestimmte Bewegung, indem sie einen mitleidigen Blick auf sich selbst warf, den Sophie allein verstand.

»Ach, du dummes Ding,« sagte sie ganz leise und aufgeregt. »Ich habe dich doch oft genug gewarnt, habe dir doch oft genug gesagt, in was für eine Falle du gehst – aber das macht nichts, wir haben noch vier, fünf Monate Zeit, wir werden uns schon herausziehen. Denken wir vorerst an das Dringendste. So, unser Jüngster wird hinuntergehen und sich bei den Alcides niedersetzen. Ich habe sie vorbereitet, aber es kann eine Ungeschicklichkeit vorfallen, übermäßiger Eifer oder sonst etwas Unvorhergesehenes –«

»Ich habe verstanden – der – die – Dingsda –. ich gehe schon.«

Er stürzte der Treppe zu, aber Sophie hielt ihn zurück.

»Mir fällt etwas ein, warte –«

Die kleinen Augen der Slawin funkelten vor Verstand und Schlauheit, während sie eine Karte aus der Tasche zog:

Dr. Sophia Castagnozoff
Ehemalige Internistin der Pariser Spitäler
Gründerin des Kinderspitals

Toni brauchte vor dem Fortgehen nur noch die Karte an die Tür anzuheften. Das würde ein Beweis mehr sein.

Geneviève wartete, bis er draußen war, dann sagte sie mit ihrer schönen, ernsten Stimme und sehr bleichem Gesicht:

»Ich bitte dich Sophie, ziehe mich in deine Komödie nicht hinein; mein Herz ist zu voll, ich könnte nicht –«

Casta drückte zwei laut schmatzende Küsse auf die Wangen ihrer Kameradin, dann packte sie sie bei den Schultern und schob sie hinaus.

»Wir brauchen dich ja gar nicht, Kind. Marsch, fort in dein Zimmer.«

Tantchen hatte sich gerade zurückgezogen, als auf der Treppe der sonore Baß Pierre Izoards ertönte. Er dankte Frau Alcide, die mit heraufgegangen war, um ihm zu öffnen, und nun in ihrem Vorstadtton antwortete:

»Nichts zu danken, mein Herr, nichts zu danken; ich tat es nur, um meine Mieterin nicht zu stören.«

Der Vater Genevièves trat mit zögernder Miene ein. Sein Gesicht sah durch seine widerstreitenden Gefühle komisch, zugleich kläglich und freudig aus. Aber wenn er beim Kommen noch einige Zweifel gehegt hatte, so wurden sie durch den ruhigen Empfang Sophie Castagnozoffs, die inmitten ihrer medizinischen und pharmazeutischen Bücher, der Statuten und Prospekte des Kinderspitals an ihrem Arbeitstisch sah, vollends zerstreut. Nichts blieb zurück als die Verlegenheit, den Grund seines Kommens erklären zu müssen.

»Ich dachte, daß Sie in Ivry wohnen, liebe Sophie. Sie sind also ausgezogen?«

Sie ließ sich, obwohl er diese ziemlich unerwartete Frage, nur um etwas zu sagen, im natürlichsten Ton gestellt hatte, nicht in Verwirrung bringen und wies ihm den leeren Stuhl neben sich an.

»Oh, ich bin schon lange von Ivry fort,« antwortete sie. »Das Abenteuer Lupniaks und die Haussuchungen der Polizei verleideten mir dieses Stadtviertel. Aber setzen Sie sich doch, Herr Izoard.«

Der Alte hörte nicht zu. Er lächelte und strich sich den langen Bart, was bei ihm ein Zeichen lebhafter Erregung war. Als sie sich dem Tische näherten, erblickte er unter den Papieren, die ihn bedeckten, mit einem Male ein Porträt seines Töchterchens. Ach, wenn er sich nicht zurückgehalten hätte, wenn er das teure Bild mit beiden Händen ergreifen, an seinen Mund hätte drücken können!

»Darf man wissen, Maître Pierre, was uns diesen außerordentlichen Besuch verschafft?« fragte die Russin, während zwei grüne Flämmchen durch ihre goldene Brille zuckten. »Ich ahne, daß Sie nicht wegen Sophie Castagnozoff herkommen – ja, ja, ich weiß, daß Sie dieser Kinderdiebin grollen. Leider arbeitet Geneviève heute im botanischen Garten von Bayon. Hätten Sie sie gern gesprochen?«

»Geneviève? Nein, liebe Sophie, ich möchte sogar –«

Er hatte sich an ihrer Seite, dicht neben dem Tische niedergelassen, ergriff ihre Hände und fuhr ganz leise fort:

»Wenn Sie Ihrem alten Freunde ein Vergnügen machen wollen, so sagen Sie meinem Kinde nicht, daß ich bei Ihnen war. Sie wird wissen wollen, zu welchem Zweck ich kam, und ich müßte erröten, wenn das brave Mädchen etwas ahnen würde. Eines Tages werde ich Ihnen, aber nur Ihnen allein erzählen, welcher Schändlichkeit ich zum Opfer gefallen bin, was für ein furchtbarer Verdacht mich hierher führte, aber ich beschwöre Sie, Geneviève nie . . . Wenn nur die Hausverwalterin ihr nichts sagt,« unterbrach er sich plötzlich. »Nicht wahr, das ist die Hausverwalterin, diese Frau mit dem Rattlerkopf, die mir auf der Treppe nachlief?«

Sophie beruhigte ihn. Seit der Heilung des Kindes waren Alcide und seine Frau ihr ganz ergeben. Aus diesem Grunde hatte sie sogar mit diesen braven Leuten ein seltsames Erlebnis gehabt.

Sie zündete eine ihrer großen russischen Zigaretten an und begann, von einer Rauchwolke umgeben:

»Pierre Izoard, Sie erinnern sich, wen ich für den Angeber Lupniaks hielt, und mir scheint, auch Sie teilten meinen Argwohn. Nun denn, wir haben uns geirrt – der einzige Schuldige ist der Gatte Frau Alcides, ein ehemaliger Kommunard. Zehn Jahre Bagno und Galeerenarbeit haben ihn mürbe gemacht, und er hat noch immer eine solche Ehrfurcht, eine solche Angst vor unsern Polizisten, daß er ihnen nichts abschlagen kann. Aber als der arme Teufel sah, daß ich sein Kind, seinen kleinen Unheilbaren geheilt hatte, wurde er von solcher Reue ergriffen, daß er sich wochenlang in seiner Loge vergrub, ohne sie zu verlassen, ohne ein Wort zu sprechen. Heute früh hielt er es nicht mehr aus und kam samt seiner Frau, um mich schluchzend um Verzeihung zu bitten. Ich verzieh unter der Bedingung, daß er mir beistehen solle, Lupniak zur Flucht zu verhelfen; denn Sie können sich wohl denken, daß ich alles zu diesem Zwecke versuchen werde. Ja, selbst wenn ich meine Abreise um sechs, um zehn Monate hinausschieben müßte, habe ich mir geschworen, daß der brave Kamerad sein Leben nicht in Neuguinea beschließen soll. Ich werde ihn als Krankenwärter nach Kalkutta mitnehmen.«

Der Marseiller stand auf.

»Meine liebe Sophie,« rief er strahlend, »ich teile nicht Ihre Sympathie für die wilden Tiere, aber an dem, was Sie mir mitteilen, freut mich eines, nämlich der Gedanke, daß Raimund mit der Verhaftung dieses Mannes nichts zu tun hat. Ich freue mich für meinen alten Viktor Eudeline, der seinen Söhnen das Beispiel eines heldenmütigen Todes gab, ich freue mich für seine arme Frau und die ganze ehrenhafte Familie. Der Kleine hat schließlich doch recht gehabt, sein Bruder ist mehr wert, als ich dachte. Nicht er ist schlecht, sondern die Generation, eine Generation gelehrter, grausamer kleiner Mandarine. Aber da wiederkäue ich schon wieder, und mein Töchterchen kann jeden Augenblick zurückkommen.«

Der Groll des guten Mannes gegen die Jugend, jenes bei ihm zur Manie gewordene Unverständnis der Wesen und Ideen der neuen Zeit, sollte wenige Tage später einer recht unerwarteten Probe unterworfen werden.

»Hören Sie, man muß gerecht sein. Was würden Sie sagen, Kamerad, wenn unter diesen jungen Ungeheuern . . .«

Es war an einem Abend desselben Aprilmonats, in dem weißgoldenen Salon eines altertümlichen Restaurants in der Umgebung der Bastille, in jenen berühmten »Sergents de la Rochelle«, von denen der Marseiller immer sprach, die im Jahre achtundvierzig, sogar in den ersten Zeiten des zweiten Kaiserreichs berühmt gewesen waren. Ehe man sich zu Tische setzte, während auf einige verspätete Gäste gewartet wurde, disputierte Esprit Cornat mit seinem alten Freunde.

»Ja,« rief er, »was würden Sie dazu sagen, wenn ich unter dieser Generation, die Tausende von Meilen von uns entfernt ist, die kein Ideal, keinen Glauben besitzt, plötzlich einen Heiligen, einen Helden entdeckt hätte?«

Die lange, dünne Gestalt des ehemaligen Mitglieds der Konstituante, mit dem dichten, weißen, gelockten Stirnhaar über einem unbehaarten Raubvogelprofil, stand vor dem Kamin. Pierre Izoard lag auf einem niedrigen Fauteuil behaglich ausgestreckt, und sein allegorischer Bart hing bis zur Erde nieder.

»Ein Held in der jetzigen Jugend,« widersprach er ganz empört. »Ich meine die bürgerliche, dressierte Jugend, die Kant, Hartmann, Wagner und Nietzsche an den Fingern herzuzählen weiß, die sich über die alten Narren von achtundvierzig lustig macht, den zwölften Dezember für berechtigt, die Revanchemänner von Anno siebzig für höchst lächerlich hält – ein Held unter diesen kleinen Kracken! Das glaube ich nicht, lieber Freund!«

Er dämpfte die Stimme und deutete auf die guten Gesichter aller dieser sonntäglich gekleideten Buchhalter, aller dieser Elektrizitätsarbeiter in ihren allzu glänzenden Überziehern, die schweigsam und befangen unter den Kronleuchtern und Vergoldungen des pomphaften Wartesaales standen.

»Sehen Sie doch, was in diesem Augenblick hier vorgeht. Um die Abreise Antonin Eudelines zu feiern, haben Sie heute abend alle seine Kameraden aus der Fabrik, alle Ihre Werkmeister versammelt, sogar Herrn Alexis, den ehemaligen Kassierer der Firma Eudeline. Erst vor einer Weile sah ich ihn in seinem ganz mit Reif bedeckten, altertümlichen Rock mit dem Kutscherkragen, den ich seit vierzig Jahren an ihm kenne, eintreten. Ach, die braven Leute, die wackeren Seelen! Ohne Ausnahme sind sie Ihrem Rufe gefolgt. Der einzige, der natürlich fehlt, ist der, nach dem die Augen des Kleinen mit der größten Ungeduld spähen, ist der ältere Bruder Raimund, einer von jenen jungen Bürgern, von denen wir sprachen.«

Herr Esprit, der ebenfalls die Tür im Auge behielt, lächelte bedeutungsvoll.

»Raimund ist vielleicht heute sehr beschäftigt.«

»Durchaus nicht. Er läßt auf sich warten, weil unsre Versammlung, ein so sentimentales Fest, in einer entlegenen Gegend, im denkbar schlechtesten Wetter nichts Unterhaltendes für ihn hat. Denn ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß wir heute den zwölften April haben, und daß es schneit – das gehört übrigens zur allgemeinen Zerrüttung. Es gibt keinen Frühling, keine Jugend mehr. Man könnte sagen, daß ich fasele, aber als ich zwanzig Jahre alt war, betitelten die jungen Dichter ihre Erstlingsverse ›Aprillieder‹, ›Frühlingsgedichte‹. Das ist jetzt nicht mehr möglich.«

Der Rechnungsführer Alexis, ein dicker, gelblicher, vom Alter verblichener Bürger von Belleville, war schüchtern nähergetreten.

»Gestatten mir die Herren, sie daran zu erinnern, daß am Geburtstage Louis Philipps, am zehnten April, die Nationalgarde ihre weißen Beinkleider anzog und jeder gute Pariser an diesem Tage seinen Nankinganzug anlegte.«

»Nanking, das spricht für das Datum,« meinte Esprit Cornat.

»Am Nachmittag des zehnten April wurden lebende Enten paarweise vom Pont Royal in die Seine geworfen,« fuhr der Rechnungsführer fort. »Die Jungen versuchten, sie schwimmend zu erreichen, und ich gewann zwei Jahre hintereinander drei Paar.«

Der Marseiller begann zu lachen.

»Nun, springen Sie doch mal bei der heutigen Temperatur ins Wasser!«

Ein Tafelmeister, der so majestätisch und kahlköpfig war, daß er einer der großen Staatskörperschaften hatte präsidieren können, fragte Herrn Esprit ganz leise, ob angerichtet werden solle.

»Warten wir noch,« sagte der Alte.

Der Tafelmeister verschwand und mit ihm die Vision einer ungeheuern, hufeisenförmig gedeckten, mit Blumen und Kristall beladenen Tafel in dem hellbeleuchteten Nebensaal.

Dieses endlose Warten machte Antonin sehr unglücklich. Gewiß, dieses große Diner, das der Chef ihm zu Ehren gab, das zugleich ein Dank für die Vergangenheit und eine vor allen eingegangene Verpflichtung für die Zukunft bedeutete, das herzliche Lächeln seiner Kameraden in der Fabrik, die sein Leben alle so gut kannten, die Achtung aller dieser Arbeiter konnten ihn stolz machen! aber gegen die Abwesenheit seines Bruders kam nichts auf. Oh, sein bester Freund, sein großer Bruder fehlte bei diesem Abschiedsmahl, verursachte ihm einen solchen Schmerz! Warum? Weil er sich in der Gesellschaft von Arbeitern, von Werkmeistern befinden würde. War denn nicht ihr Vater ein Arbeiter gewesen, würde Antonin es nicht sein ganzes Leben lang sein? Übrigens war Raimund seit einiger Zeit nicht mehr derselbe gegen ihn. Wenn der jüngere Bruder ihn besuchte, schien er ihn zu fliehen, sich vor ihm zu verstecken. Heute, als Toni am Boulevard Saint-Germain vorüberkam, traf er nur Geneviève zu Hause, eine zerstreute, geistesabwesende Geneviève, deren Kälte am Vorabend einer so langen Abwesenheit ihm unverständlich war. Das Tantchen hatte ihm gar keine Wärme, gar keine Zärtlichkeit gezeigt, deren er doch so sehr bedurfte.

»Geh, mein Kind; es gibt noch größeres Unglück als das deinige.«

Diese Worte, die gewöhnlich bei andern so kläglich klingen, hatte sie mit einer gleichgültigen, matten Miene gesprochen, die er nicht mehr vergessen konnte. Was also ging in dem Hause des Bruders vor? Wie stand es mit ihrem Glück? Würde Raimund sich nicht entschließen, sie zu heiraten, würde er sie ihr Opfer bis zu Ende bringen lassen? Darüber sowie über manche andre Dinge wollte er sich an diesem Abend mit dem älteren Bruder auseinandersetzen. Er gedachte, die Begeisterung der Toaste, den nächtlichen Heimweg zu zweien längs der Kais zu benutzen, um mit ihm zu sprechen, wie er es noch nicht gewagt hatte. Aber was für Mittel gab es, wenn Raimund nicht zum Diner kam?

Abermals erschien feierlich der Tafelmeister, allein diesmal folgte ihm Esprit Cornat nach einigen leise gesprochenen Worten in das Nebenzimmer.

Ein Augenblick der Angst, der Stille entstand, das Licht schien gleichsam zu erbleichen, und alle Blicke richteten sich zögernd auf Antonin, der sehr aufgeregt den Rücken krümmte und sein nickendes Köpfchen furchtsam in einen Rockkragen zurückzog, in dem er verschwinden konnte.

»Ich weiß nicht mehr als ihr,« schien das stumme Zittern der dicken Lippen und das Blinzeln seiner armen Augen der Versammlung zu antworten.

Plötzlich öffneten sich beide Türflügel mit zeremoniösem Geräusch groß und weit, und in dem leuchtenden, blumengeschmückten Rahmen, den der Festsaal und die ungeheure Tafel bildeten, erschien die hohe Gestalt des ehemaligen Mitglieds der Konstituante. An seinem Arm befand sich ein schlanker junger Marineinfanterist, dessen blonder Schnurrbart und gelbe Epauletten im Licht der Kronleuchter leuchteten.

»Liebe Freunde,« sprach der Alte mit starker Stimme, »hier stelle ich euch Raimund Eudeline vor, Freiwilligen im fünften Seebataillon. Ihm zu Ehren habe ich euch alle heute abend vereinigt, denn der mutige Junge tritt als Ersatzmann seines Bruders in den Militärdienst, und ihm verdanken wir es, daß wir unsern Kameraden in der Fabrik behalten können.«

Ein Sturm von Bravos und Füßestampfen begrüßte die heldenmütige Tat, noch ehe die Versammlung sie recht verstanden hatte. Antonin, bleich wie ein Nachtwandler, schwieg und streckte die Arme aus. Sein Bruder trat auf ihn zu, ergriff seine beiden Hände und sprach, während das Hurrageschrei sich verdoppelte:

»Brüderchen, die Kleine hat recht, die wahre Stütze der Familie, der wahre älteste Sohn der Witwe warst du; ich war nur die Titularstütze. Das begriff ich ein bißchen spät, aber ich habe es jetzt begriffen. Du wirst nicht Soldat werden, Tonichen; da ich der Fahne folge, bist du frei.«

Dann wandte er sich zu dem alten Vater, der mit dem triumphierenden Esprit Cornat auf sie zukam.

»Pierre Izoard, werden Sie mir den Kummer verzeihen, den mein Buch Ihnen bereitet hat?«

Der tief erschütterte Marseiller suchte nach einer ausdrucksvollen Antwort, und allerlei griechische und lateinische, auch provenzalische Sätze, geschichtliche Zitate aus seiner Professorenzeit fielen ihm ein.

Zuletzt breitete er weit die Arme aus, drückte den Helden an seine Brust und rief, während zwei dicke Tränen ihm längs der Backen über das rote, geschwollene Gesicht herabliefen, mit Donnerstimme:

»Boun bougré!«

Alle, die das südfranzösische Volk, seine echten Ausrufe, seine echte Begeisterung kennen, wissen, daß Pierre Izoard für seine Bewunderung keinen typischeren Ausdruck finden konnte.

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