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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 13
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
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XII

Der fünfte Pfeil

»Räumen Sie den Tisch ab und lassen Sie uns allein –«

Die Stimme des Ministers des Auswärtigen ist so nervös und schneidend wie seine Handbewegung. Der junge Wilkie, den der Minister in aller Eile holen ließ, und der etwas Neues wittert, hilft dem diensttuenden Türsteher die auf dem Schreibtisch Valfons herumliegenden exotischen Schmucksachen und Muschelschächtelchen eilig beiseite zu schaffen.

»Geben Sie acht, Herr Wilkie; der Oberst hat uns aufgetragen, seine Sachen nicht anzurühren, bis er kommt, besonders nicht diese große Rolle aus Palmblättern.«

»Räumen Sie das weg, sage ich Ihnen . . . Wir brauchen Sie nicht mehr,« fiel der Minister ein, indem er dem feierlichen Duperron, der seit fünfunddreißig Jahren Türsteher im Auswärtigen Amt war, den langen, geheimnisvollen Korb entriß, den der gute Mann kaum zu berühren wagte. Dann warf er ihn ohne jede Vorsicht auf den persischen Teppichdiwan.

Kaum war die Tür geschlossen, so wandte sich Wilkie zu seinem Stiefvater.

»Also Oberst Multon war da? Hat er die kleine Zwergenkönigin mitgebracht?«

»Nein, aber sie kommt zum Frühstück. Wir haben sogar Gäste bei der Gelegenheit: die Marc Javels und ihre Nichte, die Töchter des englischen Botschafters, Mistreß Harris, die Amerikanerin – du kannst dir also denken, daß die Szene, die ich heute morgen mit deiner Mutter hatte, sich nicht glücklich traf.«

Der Minister bleibt, nachdem er sein Kabinett ruckweise nach jeder Richtung durchkreuzt hat, stehen, lehnt die Stirn an das Doppelfenster und beobachtet, wie die kleinen weißen Winterfedern sich in dem ungeheuern, einsamen, durch die Stille dieses Sonntagmorgens gleichsam vergrößerten Hofe drehen. Ohne sich umzuwenden wirft er, an einem dicken Zigarrenstummel kauend, einzelne Worte über die Schulter, die sein kluger Kabinettschef so gut wie möglich zusammenliest.

»Die Frau ist toll, rein toll – ich habe Flüche, Drohungen zu hören bekommen, die ich nicht verstehen wollte . . . Erstens, wenn sie einen Skandal machen will, so habe ich ihr etwas entgegenzuhalten. Ihre Briefe an diesen jungen Mann, diesen Eudeline genügen, um sie mit Schmach und Lächerlichkeit zu bedecken.«

»Oh, sie spricht nur, sie spricht nur, aber sie wird nichts tun,« schiebt Wilkie, an seiner dünnen Lippe beißend, zwischen zwei Sätze des Ministers ein.

»Aber diese Flucht ist ja schon ein Skandal – denn sie ist fort, nicht wahr? Vor den Augen der ganzen Welt hat sie das Haus ihres Gatten, ihrer Kinder verlassen.«

Der Redner dreht sich in seiner Erregung wieder der Versammlung zu, und da er sich zufällig vor seinem Schreibtisch befindet, benutzt er die Gelegenheit, um mit der geballten Faust daraufzuschlagen wie auf das hohle Holz der Tribüne. Sein Mund ist voll von lügnerischen, deklamatorischen Worten: Familie . . . Pflicht . . . Mutterschaft . . .

»Sieh her, Valfon,« sagt der Kabinettschef, indem er einen mit einem Kreuz geschmückten Prospekt mit blauem Deckel auf den Schreibtisch niederlegt. Er führt den Titel: »Jahrbuch der Stiftung für kranke Kinder, Oberleitung Dr. Castagnozoff«, und unten steht der Bibelvers: »Wen werde ich senden? Hier bin ich, sende mich aus.«

Der junge Mann beeilt sich, auf die stumme und harte Frage des Ministers zu antworten.

»Wenn meine Mutter fort ist, so brauchst du nicht zu zweifeln, wo sie ist – bei der Doktorin Sophie Castagnozoff, einer verrückten Person, die durch die ganze Welt zieht und alle kleinen Würmer aufliest und pflegt. Das ist ein Schlaukopf, dieser Raimund Eudeline, ebenso schlau wie seine hübsche kleine Schwester. Als er sah, daß seine elegante Liebschaft ein zähes Leben hatte, gab er dieser exaltierten, frommen Natur, dieser leidenschaftlichen Portugiesenseele eine menschenfreundliche Richtung. Wird meine Mutter ihren Versuch zu Ende führen? Sie ist es imstande, aber nur unter der Bedingung, daß sie Florence mitnimmt. Daß sie ihn ausführt, glaube ich nicht.«

Valfon, im Begriffe, das blaue Jahrbuch zu durchblättern, wirft einen gar nicht guten Seitenblick auf ihn.

»Florence mitnehmen? Wozu denn? Sie ist des Lebens nicht überdrüssig.«

Dann liest er, gewisse Stellen mit einem bösen Lachen betonend, laut die Aufnahmsbedingungen der Bewerberinnen vor. »›Vom moralischen Standpunkt eine energische Natur‹ . . . hm! hm! – ›Eine ungewöhnliche Fähigkeit, sich aus allen Verlegenheiten zu ziehen‹ . . . Donnerwetter! – ›Keine Sinnlichkeit, keine Nervosität‹. – ›Mitgabe wird nur von jenen verlangt, die eine solche mitbringen können‹ . . . Deine Mutter mag wohl keine besonders große mitgebracht haben,« fügte er spöttisch hinzu.

»Ich habe nichts davon gehört, Valfon. Mauglas könnte es erfahren, denn von ihm habe ich alle meine Auskünfte. Seit du ihn sowohl in der Pariser wie in der Petersburger Polizeipräfektur unmöglich gemacht hast, arbeitet er in der Zivilpolizei, von Fall zu Fall, und ich wäre nur neugierig, zu wissen, was für ein Unglück seinen frechen Kamm gestutzt und ihm die Sporen abgerissen hat. Er hat sich einen Kopf wie ein Kirchendiener zurechtgemacht, trägt Wangen und Kinn ganz glatt rasiert, beständig eine schwarze Seidenmütze, die er bis tief in die Augenbrauen hineinzieht, und was die Verwandlung voll macht, er schreibt nicht mehr über antike Tänze, sondern läßt bei Mame eine Gedichtsammlung ›Glocken und Glockenspiele‹ ankündigen. Es soll etwas Wunderbares sein. Man muß nur hören, wie er sagt: ›Mein Buch, das ist für den Ruhm; das Spitzeltum dient nur dazu, daß die Alten zu leben haben.‹ Denn dieser Kauz hat einen Vater und eine Mutter, die er regelmäßig atzt. ›Eine Stütze der Familie‹, so wie wir den jungen Eudeline in Louis-le-Grand nannten; er war sehr stolz auf diesen Titel und versuchte, den Mamas im Sprechzimmer damit zu imponieren. Na, der wird mir die Unannehmlichkeiten büßen, die er uns jetzt bereitet! Meine Mutter war ihm sicherlich lästig – zu viel Schumann und Gefühl. Während er sie nun in der Apotheke dieser guten Doktorin absetzt, tut er sich selber mit einer sehr hübschen Person, der Tochter des alten Narren, zusammen, der die Leitung der Kammerstenographen hat. Der Vater Izoard ist kein bequemer Herr. Wehe, wenn er erfährt, daß sein Töchterlein sich nicht gut aufführt – und ich kenne einen, der es übernehmen wird, ihn aufzuklären.«

»Mittlerweile ist heute vormittag weder deine Schwester noch deine Mutter da – ich habe keine Dame, die mir bei diesem Frühstück gegenübersitzen wird,« sagte Valfon ängstlich, indem er ein graues Haar seines herabhängenden Schnurrbarts nach dem andern in die Länge zieht.

Wilkie macht einen schüchternen Vorschlag.

»Ich könnte es noch einmal versuchen, zu Florence hineinzugehen.«

»Hüte dich,« antwortet Valfon sehr erregt, als fürchte er eine Erklärung zwischen Bruder und Schwester. »Du kennst sie, sie gibt sich für krank aus, sie wird dich nicht empfangen.«

Das schlaue Gesicht des jungen Greises wird noch spitzer.

»Ich habe eine Idee, Valfon. Wie wäre es, wenn ich ins Marineministerium ginge, um Jeannine Briant zu benachrichtigen? Sie sind gute Freundinnen; vielleicht wird sie sie bewegen können.«

»Versuche es, aber rasch, es ist höchste Zeit,« murmelt der Minister, indem er sich der Länge nach auf den Seidendiwan niederwirft, auf dem sein kleiner, unansehnlicher, von Leidenschaft und nervöser Ermüdung verzehrter Körper nicht mehr Raum einnimmt als die exotische Rolle aus Palmblättern.

Kaum eine Stunde später kratzte Fräulein Jeannine, die Nichte des Marineministers, in eleganter englischer Frühstückstoilette und einem großen Gainsborough-Federhut mit einem ihrer Karneolringe an der Tür Flo-Flos. Die Kammerfrau versuchte hinter einer halbgeöffneten Portiere noch Widerstand zu leisten. »Wenn Fräulein Jeannine wüßte . . . wenn sie ahnen könnte, in welchem Zustand . . .«

Jeannine stieß die Tür auf, schickte die Kammerfrau weg und näherte sich dem großen Bette aus weißen und rosa Spitzen. Sie glaubte, daß Florence dort in einem jener Anfälle von Trägheit und schlechter Laune liege, von denen sie manchmal ergriffen wurde, worauf sie immer einen ganzen Tag schläfrig dalag und hinter den zugezogenen Vorhängen das Leben vergaß.

»Wo bist du denn?« fragte sie verblüfft, als sie sah, daß das Bett leer und die Decke zurückgeworfen war.

»Bist du's, Jean?« antwortet aus der Tiefe des Unkleidezimmers die schleppende, traurige, gleichsam gebrochene Stimme Florences. »Bist du allein? Komm näher, damit ich mit dir sprechen kann.«

Jeannine trat an die Tür.

»Was geht denn hier vor? Deine Mutter ist fort, sagt man mir! So komm doch heraus, Florence, damit ich dich ansehe.«

»Wenn du mich sähest, würdest du alles begreifen. Ich will nicht . . .«

Die andre erinnert sich plötzlich an das Gespräch im Botschaftsgarten.

»Unglückliche, was hast du getan? So mach doch auf, mach doch auf!«

Sie stieß die Tür auf, die fast sofort aufging, und sah vor sich eine Art Chorknaben mit einem bleichen, geschwollenen Gesicht und fieberisch glänzenden Augen. Der ganz runde Kopf war glatt rasiert, der Körper steckte in einem weiten, mit einer Schnur gegürteten braunen Schlafrock.

»O meine arme Flo-Flo – deine schönen Haare!«

In der Bestürzung über diese Erscheinung bekam sie Lust, zu lachen und zu weinen – so seltsam war diese kleine, schlecht geschorene Kugel mit den regelmäßigen, feinen Zügen, die ebenso an Wilkie wie an seine Schwester erinnerten.

»Du siehst, ich habe alles abgeschnitten,« murmelte Florence unbeweglich mit gesenktem Blick. »Es war sehr viel .. und ich schnitt wütend darauf los . . ., aber doch fehlte mir der Mut, alles auszuführen, was ich mir vorgenommen hatte, mich zu entstellen, ins Fleisch zu schneiden; meine Hand hat gezittert.«

Und ganz leise, wie für sich selbst, fügte sie hinzu:

»Nun, auf jeden Fall wird der Elende mich nicht zeigen, seinen Triumph nicht genießen können. Er wird nicht hören, daß man von seiner Beute sagt: ›das schönste Haar von Paris‹.«

Jeannine stieß einen Schreckensschrei aus.

»O Gott, armes Herz, ist es also wahr? Deswegen also!«

Sie hatte die Freundin in die Arme genommen und setzte sich neben sie auf den Rand des kleinen, zusammenlegbaren Bettes nieder, das Frau Valfon jeden Abend im Zimmer ihrer Tochter aufstellen ließ.

»Höre, Flo-Flo,« sagte sie, »erzähle mir alles, ich will es wissen – es ist doch nicht möglich, daß er eine solche Gemeinheit gewagt hat!«

»Er hat es gewagt, davon kannst du überzeugt sein!« rief Florence Marquès hohnlachend mit einem Verzerren des Mundes, das sie von ihrem Besieger gelernt zu haben schien.

Jeannine setzte ihr von Ausrufen unterbrochenes Verhör fort.

»Ist es möglich? Der Schändliche! . . . Aber ich glaubte, daß deine Mutter jede Nacht bei dir schlafe?«

»Du siehst, nicht immer – ihre Decke ist noch nicht zurückgeschlagen,« antwortete Florence, indem sie auf das Bett deutete, auf dem sie saßen. »Die arme Mutter! Seit sie diese Sophie Casta, diese russische Doktorin, kennen gelernt hat, beschäftigt sie sich nur mit der Stiftung für kranke Kinder,« fuhr sie fort. »Die ganze Zeit ist sie außer Haus; ihr Heim, ihre Tochter zählen nicht mehr für sie mit. Sie verbringt ihr Leben in Versammlungen, in Vorträgen. Du kannst dir denken, daß Valfon darauf lauerte, daß ich fühlte, wie er näherkam, mit seinen schielenden Augen, die niemals ansehen, was sie anblicken. Ich habe meine Mutter oft gewarnt: ›Mama, ich habe Angst!‹ Aber sie hat das schon so oft von mir gehört!«

Ein kurzes Schweigen entstand, dann setzte sie totenbleich, mit zusammengebissenen Zähnen hinzu:

»Nun, heute Nacht fügte es sich, daß in Versailles zugunsten der Stiftung ein großes Fest gegeben wurde – du weißt es ja, denn deine Tante Marc sollte auch hingehen.«

Der große Federhut Jeannines nickte ein sehr rasches »Ja, ja«, aber bei dieser Stelle der Erzählung unterbrach sie sie weder mit einem Wort noch mit einem Atemzug.

»Mama befahl ihrer Negerin, ganz in meiner Nähe zu wachen. Da sie mit dem Wagen fahren mußte, wußte sie, daß sie erst in der Dämmerung zurückkommen würde. Blieb die Negerin da, oder hat er sie fortgeschickt? Vielleicht ist sie ganz einfach eingeschlafen.«

Und mit dem pöbelhaften Lachen von vorhin, das den schönen Mund verzerrte, fügte das junge Mädchen mit erloschener Stimme hinzu:

»Ich habe wohl nicht sehr laut geschrien . . . du kennst mich – stolz, aber feig und so schlaff . . . Es ist ja schon so lange her, seit er mich verfolgt, seit er mich in seiner Leidenschaft mit denselben Worten verbrennt, seit sein Atem, seine Hände mich an denselben Stellen berühren. Zuletzt wird man matt, und aus dem Ekel selbst entsteht die Gewohnheit.«

»Schweig, Unglückliche! Und deine Mutter?«

»Es ist ihre Schuld, sie hätte mich nicht verlassen sollen –«

Aber nach diesem zornigen Aufschrei fuhr Florence wieder sanft fort:

»Ach, die arme Mama – als sie heute früh heimkam, als sie mich halbtot mit abrasiertem Kopf auf meinem Bette fand, mein ganzes Haar abgeschnitten neben mir –«

»Es muß ein gehöriges schwarzes Büschel gewesen sein!«

»Sie erriet alles sofort, stürzte zu Valfon hinüber, und nach einer furchtbaren Szene, von der ich bloß den Lärm hörte, traten beide in mein Zimmer. Sie raste und lärmte wie toll immerfort dasselbe: ›Ich gehe, ich gehe!‹ Er, erdfahl, halbtot vor Angst, ganz niedergeschlagen, flehte sie an: ›Ich beschwöre dich, vermeiden wir den Skandal – im Namen deiner Kinder!‹ Ich merkte mir das Wort, in seinem Munde kam es mir großartig vor. Was geht jetzt vor? Was wird aus uns werden? Ist meine Mutter wirklich fort? Wird sie ihre russische Doktorin nach Indien begleiten? Ich könnte ihr folgen, mich dieser wunderbaren Stiftung anschließen, aber ich bin zu schlaff. Ich liebe nichts mehr, ich habe zu nichts mehr Vertrauen. Und dann, sieh mich an – wo soll ich mit diesem Affenkopf, den ich mir gemacht habe, hingehen? Es bleibt mir nichts übrig, als in meinem Winkel zu sitzen und meine Häßlichkeit zu verstecken, die die Strafe für meine Schmach ist.«

»Deine Häßlichkeit? Du glaubst wirklich, daß du häßlich geworden bist?«

Jeannine faßte das geschorene Köpfchen in beide Hände und sah es lächelnd an.

»Nein, ich versichere dich, du bist so sehr hübsch. Du erinnerst mich an den kleinen indischen Prinzen, der voriges Jahr hier war, den Sohn der Königin von Oude.«

Tränen überfluteten die großen, düsteren Augen Florences.

»Was du da sagst, ist furchtbar.«

»Warum, Herzchen?«

»Weil ich mich strafen, diese Schönheit verlieren wollte, die ich nicht zu verteidigen wußte. O Gott, das ist mir also nicht gelungen!«

Jeannine Briant vergaß nie die seltsame Energie, mit der dieses gewöhnlich so unbedeutende Mädchen mit den matten, nachlässigen Bewegungen diese Worte betonte. Aber im Augenblick dachte diese seichte kleine Pariserin, die Nichte Marc Javels, deren Seele ebensowenig Gewicht und Schwere besaß wie eine der Federn auf ihrem Hute, hauptsächlich daran, daß sie Wilkie versprochen hatte, seine Schwester zum Frühstück mitzubringen.

»Höre, Flo, ich täusche mich vielleicht, aber es gibt ein ganz einfaches Mittel, um zu erfahren, ob du dich entstellt hast oder nicht. Ihr habt heute Gesellschaft; kleide dich an und setze dich zu Tische. Du wirst in den Augen aller die Wahrheit lesen.«

Florence dachte eine Sekunde nach. Dann erhob sie sich mit einem jähen Ruck.

»Nimm dich in acht, ich werde diesem Frühstück beiwohnen, versuchen, nach den Schrecken dieser Nacht wie ein natürliches Wesen zu leben. Es geschieht, um mich zu überzeugen, wie du sagst. Aber wenn mein Streich mißlungen ist, wenn es mir nicht gelang, daß er sich meiner schämt, wenn er sich noch mit meiner beschimpften, gedemütigten Schönheit schmücken kann, so werde ich wieder anfangen, das schwöre ich dir, und diesmal werde ich nicht fehlen.«

Jeannine wollte antworten, allein jene hielt sie mit einer Bewegung ihrer orientalischen, kurzen und dicken kleinen Hand zurück.

»Eine Kleinigkeit, aber sie ist sehr wichtig. Zu Ehren Sir Multons und der jungen Damen von der Botschaft wird nach englischer Manier gespeist, die Damen behalten die Hüte auf. Teile Valfon mit, daß ich im bloßen Kopfe zu Tische kommen werde. Die Leute sollen mich sehen.«

*

Als sie am Arme Valfons in den im Erdgeschoß des Ministerpalais gelegenen hohen Speisesaal mit den altertümlichen weißen Schnitzereien eintrat, ertönte beim Anblick des hübschen Knabenköpfchens, das totenbleich aus den herrlichen Schultern und dem mit braunem Pelz umsäumten Leibchen emporragte, ein einziger Schrei der Bewunderung. Ihre Augen leuchteten in wirklich seltsam fieberhaftem, hartem Glanze, ihr Mund verriet Mattigkeit und Ekel. Als sie sich niederließ, erfand sie Gott weiß was für einen durch die Ungeschicklichkeit einer Kammerfrau herbeigeführten Unfall – ihr ganzes Haar sei während des Frisierens durch die Explosion einer Lampe verbrannt worden. Von der Flucht ihrer Mutter wurde kein Wort gesprochen; trotzdem war unter den Gästen kein einziger, der die Neuigkeit nicht gewußt und dessen Neugierde sich nicht durch einen brennenden, spähenden Blick verraten hätte.

Oh, berühmter Oberst Multon, Nebenbuhler Stanleys, Spekes, Barkers, unvergleichlicher Elefantenjäger, was für ein schlechtes Publikum fanden an diesem Dezembermorgen deine wunderbaren Erzählungen von den Flußpferdjagden am Ufer des Tanganjikasees sowie die Vorstellung der kleinen Zwergenkönigin! Man hatte sie nicht an den Tisch setzen können, und so strich sie in einer grüngoldenen Gandura mit verstörten runden Augen frostzitternd um seinen Stuhl herum. Mit ihren winzigen, erdfahlen Backen sah sie wie eine ins Feuer gefallene und mit Butter abgewaschene große Puppe aus. Trotzdem klang die Liebesgeschichte dieser jungen Prinzessin, die sich in den bleichen Fremdling, den Vertilger der Ungeheuer, verliebt hatte und mit ihm aus dem Königreiche der Pygmäen geflohen war, hübsch und lustig, besonders wie er sie so an dieser von Kristall und Geschirr funkelnden Tafel, unter diesem schneebedeckten Pariser Himmel erzählte.

Aber, mein lieber Multon, alle diese Leute, die scheinbar deiner Geschichte zuhörten, suchten daneben noch eine andre zu erraten, die viel interessanter und geheimnisvoller war, eine Geschichte aus dem großen Pariser Walde, der manchmal so viele Opfer verbirgt.

Nach dem sehr geschwätzigen, sehr lange dauernden Frühstück begaben sich die Herren in das Zimmer des Ministers, um zu rauchen und dabei die Ausstellung der Geschenke, der Andenken an die Terra incognita, zu betrachten, die der Oberst seinem alten Freunde Valfon mitgebracht hatte. Er kannte ihn seit zwanzig Jahren, seit Bordeaux, dem Zirkus, und der Redaktion des »Galoubet«.

»Und das da, Oberst Multon, was ist denn das da?«

Nach einer Unzahl von wunderlichen Nippsachen, gemalten Steinhalsbändchen, einer Patronentasche aus Schlangenhaut, einem zweiunddreißigläufigen Winchestergewehr auf einem hölzernen Gestell von Sir Multons eigner Erfindung, war nichts mehr übrig als die Rolle aus dicken Palmblättern, die vergessen auf dem gestickten Diwan lag. Wilkie Marquès schickte sich an, sie zu öffnen, als der Engländer rasch dazwischenkam.

»Take care, mein lieber Wilkie, das ist sehr gefährlich –«

Er nahm ihm das Paket aus der Hand, öffnete es sorgfältig und zog ein Bündel von fünf langen Wurfspießen hervor. An einem Ende derselben befand sich ein Elfenbeinknopf, am andern eine durch eine Umhüllung aus harter Rinde geschützte vergiftete Eisenspitze. Was war das für ein Gift, das schärfer war als Pfeilgift? Woher kam es? Niemand vermochte das zu sagen, weder Stanley noch Multon, nicht einmal die kleine Zwergenkönigin, die eine mit solchen Pfeilen gefüllte Schachtel ehrfurchtsvoll in ihrer Truhe aufbewahrte. Der geringste Stich damit führte den Tod herbei. Und was für einen Tod – in fünf Minuten war das Gesicht wie mit Aussatz bedeckt, geschwollen, bläulich, unkenntlich . . .

»Hör mal, Valfon, das Politikmachen in diesem Lande muß nicht sehr bequem sein,« flüsterte der neue Marineminister seinem Kollegen vom Auswärtigen Amt ins Ohr. Jener stand vor dem Kamin und tat ungeheure Züge aus seiner Zigarre. »Wenn jemand Lust nach dem Portefeuille eines andern hat, ist so ein böser Pfeil rasch abgeschnellt.«

Der bartlose Wilkie begann zu lachen.

»Aber Herr Minister, wir haben in unsrer Gesellschaft Äquivalente. Ich nehme es auf mich, die gesundesten, die widerstandsfähigsten Personen mit einer gut geschärften Verleumdung, einem anonymen Briefe zu vergiften und zu interessanten Objekten des Hospitals Saint-Louis zu machen.«

Sein boshaftes Altjungferngesicht sah blinzelnd nach der Richtung Valfons hinüber, als wolle er ihn an ihr Gespräch vom Morgen erinnern.

»Ich bitte Sie, lieber Valfon,« sagte Sir Multon, indem er die Pfeile auf dem Marmorkamin übereinanderlegte, nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Spitzen sorgfältig geschützt waren, »hier sind fünf ganz verschiedene Typen anonymer Briefe aus Zentralafrika, die Sie nicht herumliegen lassen dürfen; hängen Sie sie so rasch als möglich schirmförmig an der Wand Ihres Billardzimmers auf, aber man soll sie nicht mehr anrühren.«

»Das wird Duperron übernehmen. Hören Sie, Duperron,« – und der Minister beugte sich zu dem diensttuenden Türhüter herab, der eben das Feuer schürte – »sobald wir fort sind, oder nein, das soll in meiner Anwesenheit geschehen . . . Sie werden warten, bis ich aus dem Elysée zurückkomme.«

Dort sollte er um vier Uhr mit dem Oberst und der kleinen Zwergenkönigin erscheinen, denn die Präsidentin wollte sie kennen lernen. Die Herren taten noch ein paar Züge aus den Zigarren, unter den Kugeln Sir Multons brach noch ein Flußpferd zusammen, dann begab man sich in den Salon hinab, wo die Damen die ganz verstörte kleine Königin ans Klavier gesetzt hatten. Inmitten des tollen Gelächters, das die Federn auf den großen Gainsborough-Hüten schüttelte, inmitten der lauten, perlenden Heiterkeit dieser hübschen jungen Leute näherte sich Valfon seiner Stieftochter, mit der er noch nicht zu sprechen gewagt hatte, und fragte zitternd, mit verzerrtem Gesicht:

»Du kommst also nicht mit uns ins Elysse?«

»Nein, nein.« Sie schüttelte heftig zweimal das glatt rasierte Köpfchen, ohne daß es ihm gelang, ein Wort oder einen Blick von ihr zu erhalten.

Nun wandte er sich zu ihrer Freundin.

»Jeannine, ich lege sie Ihnen ans Herz – verlassen Sie sie heute nicht,« sagte er mit einem Ausdruck der Angst, der bei diesem stets so beherrschten Politiker sehr befremdlich war.

»Er will mich rühren,« dachte zuerst Jeannine Briant, die den Kerl kannte. »Er hofft, daß ich meiner armen Flo von seiner Verzweiflung, seiner Reue erzählen werde –«

Trotzdem versprach sie, bei Florence zu bleiben. »Es schneit, das ist ihr Lieblingswetter; wenn sie will, werde ich Onkel Marc um seinen Wagen bitten, und wir fahren beide ins Bois – frische Luft und warme Pelze, es gibt nichts Gesünderes.«

»Ich danke Ihnen, mein Kind,« murmelte Valfon sehr bewegt. Jeannine konnte sich nicht genug darüber wundern.

In Wirklichkeit war Valfon der Reue nicht fähig; der empfindsame Teil seines Wesens war schon lange verdorrt, aber er starb vor Unruhe und Angst. Was für Folgen würde seine wahnwitzige Tat haben? Was war aus seiner Frau geworden? Was plante das junge Mädchen? Bei zwei solchen Verrückten konnte man sich auf alles gefaßt machen. Er fürchtete einen aufsehenerregenden Skandal, einen jener Skandale, vor denen sich die Höchstgestellten, die Mächtigsten nicht schützen können. Und gleichzeitig lag die Möglichkeit vor, daß sein Opfer ihm entschlüpfen, daß sein trauriges Glück kein Morgen haben würde.

Wie lang kam ihm der Empfang im Elysée vor! Durch welche wunderliche Analogie erinnerte ihn diese kleine Puppe mit dem runden, wolligen Kopf, die man lachend von Hand zu Hand gehen ließ, die ganze Zeit über an den Anblick, den er heute früh gehabt hatte, als er beim Geschrei der Mutter in das Zimmer des Mädchens trat und das üppige Geschöpf quer über dem Bette liegen sah, daneben ihr langes, schwarzes Haar? War dieses beharrlich wiederkehrende Bild ein Vorzeichen? Hob ihm seine Stieftochter, so wie sie gedroht hatte, noch eine schreckensvolle Überraschung zu seiner Strafe auf? Zuletzt konnte er sich nicht mehr halten und entschuldigte sich bei der Präsidentin. Morgen sollte in der Kammer eine sehr wichtige Sitzung, wahrscheinlich eine Interpellation, stattfinden, Bismarck sollte zu schaffen bekommen – ach ja, das Ministerium am Quai d'Orsay war keine Sinekure!

»Bitte, empfehlen Sie mich Ihren Damen,« sagte der Präsident der Republik, der ihn hinausgeleitete. Ihren Damen! Er hatte nur noch eine, und auch von der wußte er nicht sicher, ob er sie wiederfinden würde.

Wie immer, begab sich Valfon, als er ins Ministerpalais zurückkehrte, zuerst in sein Kabinett, in dem die Lampen angezündet wurden. Die Schwermut dieses Schneesonntags lastete auf dem großen, einsamen Palast. Kaum war der Minister eingetreten, so klingelte er heftig.

»Rasch anzünden! Wer war in meiner Abwesenheit hier?« fragte er dann in demselben abgebrochenen, erstickten Ton den Diener.

»Ich, Herr Minister, sonst niemand, außer es war jemand von dort,« fügte der stille Duperron hinzu. »Von dort« bedeutete die kleine, durch eine Portiere verhüllte Tür, die zu den Privatgemächern fühlte. »Ja, jetzt erinnere ich mich, es war sicherlich jemand da; als ich ins Zimmer kam, sah ich Fräulein Florence hinausgehen.«

Valfon fühlte, wie der Hauch des Todes über seine Schläfen wehte.

»Gut. Danke.«

Der Diener entfernte sich. Er rief ihn zurück und deutete auf das Bündel Wurfspieße mit dem elfenbeinernen Knopf, das auf dem Kamin lag.

»Duperron, erinnern Sie sich« – er konnte kaum sprechen, so trocken und brennend heiß waren seine Lippen – »erinnern Sie sich, wieviel Pfeile der Oberst daließ? Waren es vier oder fünf?«

»Fünf, fünf,« bestätigte der alte Papst des Vorzimmers.

Ja, so war es, der fünfte Pfeil fehlte. Wer hatte ihn genommen? Wozu?

»Wünscht der Herr Minister, daß wir sie im Billardzimmer aufhängen?« fragte der Diener.

»Nein, später, jetzt nicht – nehmen Sie die Lampe mit, ich bleibe nicht da.«

Er mußte sich vorbereiten, sich fassen. Die Erschütterung, die er erlitten hatte, die Angst vor dem, was ihn hinter der Tür erwartete . . . In dem weißen Widerschein des hinter den Scheiben wirbelnden Schnees stützte der Elende sich mit seinen zitternden Händen auf den Kamin und dachte voll Entsetzen an diesen verschwundenen fünften Pfeil; der Spiegel, den die Nacht mit einem bläulichen Schein bedeckte, strahlte sein Bild wider, hohle Wangen, starre Augen, wie er sie noch nie an sich gesehen hatte.

*

Beiläufig zur selben Stunde schritt Antonin Eudeline in einem Schneesturm über den Boulevard Saint-Germain. Auch er war voll Angst, aber aus andern Gründen. Er begab sich zu seinem Bruder, den er seit seiner Ankunft weder gesehen noch benachrichtigt hatte; er wollte ihn mitten in seinem häuslichen Leben überraschen, sich überzeugen, was an den Anklagen, die man gegen ihn erhob, Wirkliches oder Falsches war. Weder seine Mutter noch seine Schwester hatten ihm Auskunft über jenen weiblichen Einfluß geben können, den er mehr als alles fürchtete. Die Liebschaft mit einer großen Weltdame, auf die Frau Eudeline so stolz war, schien zu Ende zu sein. Wenigstens sprach Raimund nicht mehr davon und war mit einer noch geheimnisvolleren Neigung beschäftigt, die ihn noch mehr in Anspruch nahm und von den Seinigen ganz fernhielt.

»Ich habe eine Vermutung, ich bin nicht ganz sicher,« sagte die kleine Telegraphistin. Die Mama wußte von nichts, war bloß überzeugt, daß ihr Raimund nur einer gefühlvollen und vornehmen Frau gefallen könne. Ein paar Tage zuvor hätte auch Antonin darauf geschworen, aber welche Verwirrung herrschte jetzt in seinem zärtlichen, vertrauensvollen armen Herzen!

Als er vor dem Hause des Bruders ankam, traf er am Eingange des Ganges Frau Alcide mit ihrem Besen. Ihre mopsähnlichen Kinnladen vorschiebend, mit nackten, vor Kälte bläulichen Armen, diesen schönen, kaiserlichen Armen, die einst fünfzehnknöpfige Handschuhe trugen, setzte sie dem Ansturm von Schnee und Wind eine heldenmütige Verteidigung entgegen.

»Ah, Herr Antonin, da wird sich mein Mieter freuen – was, das ist ein Wind, das ist ein Schnee!« Ohne den Besen aus der Hand zu legen – denn bei Nachtanbruch verdoppelte der Feind wie gewöhnlich seine Anstrengungen –, drehte sich Frau Alcide geschäftig vor ihrer Korridortür umher und erzählte, fragte mit solchem Eifer, daß Herr Antonin ebensoviel Mühe hatte, ein Wort einzuschieben wie einen Fuß in den Korridor zu setzen.

»Sie wissen, der Kleine geht jetzt ganz allein. Madame Sophie hat ihn geheilt. Das ist etwas, was wir nie vergessen werden – ein so kränkliches Kind, das nur aus seinem Wägelchen herauskam, um auf Papas Schulter zu sitzen. Mein armer Mann! Wir konnten uns ja nie ansehen, ohne zu weinen, wenn wir an dieses Kind dachten, unsern Einzigen. Aber werden Sie es glauben? Seit der Kleine auf den Füßen steht, nicht mehr im Wägelchen fahren muß, seit wir zufrieden wie Könige leben könnten, ist es über Alcide wie eine Krankheit gekommen; er geht nicht mehr aus, will niemand mehr sehen. Selbst die Kriegsgeschichten, die er seinem Jüngelchen erzählte, sind vorbei; kein Wort ist mehr aus ihm herauszubringen. Ach, Herr Antonin, Sie sind ja ein so guter Mensch –«

Nachdem ihr ganzer Korridor ausgefegt war, schloß sie endlich die Tür. Nun wischte sie sich mit ihrem nackten Arm die Tränen ab, damit Alcide nicht sehe, daß sie geweint hatte, und ließ sich von Antonin das Versprechen geben, daß er vor dem Weggehen in die Loge eintreten und versuchen würde, den ehemaligen Direktor der Komischen Oper, der früher so heiter, so plauderhaft gewesen war, zu einem Geständnis seines Kummers zu bringen.

»Ich verspreche es Ihnen, Frau Alcide,« sagte der brave Junge, der sich bereits auf der Treppe befand. »Ist mein Bruder zu Hause?« fragte er noch, indem er sich über das Geländer beugte.

»Richtig, eben fällt mir ein,« sagte Frau Alcide, »Herr Raimund ist noch nicht zu Hause, aber die Gnädige ist eben zurückgekommen.«

»Die Gnädige?«

Er war im Begriff, wieder hinunterzugehen und in die Loge zu treten, um sich zu erkundigen, zu erfahren, was für eine Art von Frau er bei Raimund antreffen werde. Allein eine Scheu, auch die Furcht vor endlosen Erklärungen hielten ihn zurück. Er würde schon selbst sehen, was für eine Art von Frau im Hause des Bruders den Namen und Rang der »Gnädigen« angenommen hatte. Als er im vierten Stock ankam, näherte er sich der Tür und horchte sehr aufgeregt, ehe er klingelte. Im Innern der Wohnung lauschte jemand gleich ihm und mußte ihn gehen gehört haben, denn die Tür tat sich sofort leise auf.

»Antonin!«

»Geneviève!«

Sie war in Hut und Mantel, immer dieselbe, sehr hübsch, nur noch blasser. Vielleicht war es die Schuld des Gaslichtes auf der Treppe oder der Überraschung, als sie ihn so plötzlich statt Raimund erblickte, den sie erwartete.

»Stelle dir vor, ich glaubte seinen Schritt zu erkennen, Tonichen – aber so komm doch herein, komm doch herein, bleib nicht da stehen.«

Er hatte ihre behandschuhte Hand ergriffen, drückte sie feurig und sagte vor dem Eintreten ganz leise im Vorzimmer:

»Oh, wie froh bin ich, daß du hier bist. Kommst du oft her?«

»Sehr oft.«

»Dann kennst du also diese Person,« fuhr er noch leiser fort, »die Frau, mit der – schließlich, nicht wahr? – die ›die Gnädige‹ genannt wird?«

»Die Gnädige – das bin ja ich,« antwortete Geneviève in einem naiven, herzzerreißenden Ton.

Ach, Menschen, die tief fühlen, sterben nur einmal im Leben! Man denke nur, was das Tantchen für ihn bedeutete – die Frau im großen und ganzen, ein wenig auch die Mutter, ein wenig die Schwester und noch etwas mehr. Seit er lebte, seit er atmete – oh, nie für sich allein! –, hatte er kein Glück im Hause, keine einzige Hoffnung gekannt, die ihm nicht von Geneviève kam, die nicht ihre hübschen Züge trug. Sie war für ihn die Madonna von Fourvières und alle Medaillen Dinas, alle Romane Frau Eudelines. Nun mußte er das erleben!

Als er im Salon neben ihr saß, war sein erstes Wort eine Explosion aller seiner Gedanken.

»Warum hat er dich nicht geheiratet?«

Sie erklärte ihm mit jener vernünftigen, sanften Miene, die sie nie verließ, was sie gehindert hatte, einander zu heiraten. Raimund konnte nicht, da er Mutter und Schwester zu ernähren hatte; da er bereits ein Haus auf dem Halse hatte, besaß er nicht das Recht, ein andres zu gründen. Er würde sich trotzdem entschlossen haben, aber sie wollte nicht, um keinen Preis.

»Arme Freundin,« murmelte Toni, indem er die Hand, die er noch immer hielt, ehrerbietig leicht streichelte. Draußen jagte der Wind über den Balkon, und der Schnee knirschte an den Scheiben.

»Du siehst, ich lege nicht ab,« fuhr Geneviève nach einer Pause lächelnd fort, indem sie auf ihren durchnäßten Mantel deutete. »Raimund kommt bald zurück, und wir werden wie jeden Sonntag außer Hause speisen. Du kommst mit, er rechnet darauf. Als ich von Morangis kam, teilte ich ihm deine Ankunft in Paris mit. Richtig, Morangis –«

Ihre Stimme schwankte, die Röte stieg ihr in die Wangen. Wie gut und großmütig waren alle gewesen, da sie den alten Vater in der Meinung ließen, daß sie ihr Leben bei Casta verbringe, daß sie bei ihr lebte, arbeitete! Was wäre sonst geschehen? Sie wagte gar nicht, daran zu denken.

»Aber, liebe Geneviève,« – er empfand jetzt eine Scheu, sie Tantchen zu nennen – »diese Geschichte ist auf sehr unsicheren Grund gebaut. Pierre Izoard lebt zu nahe bei dir, ich fürchte, daß er es eines schönen Tages entdeckt . . . Freilich, weder Mama noch das Schwesterchen ahnen etwas die ganze Zeit über. Ich selbst, als ich erfuhr, daß mein Bruder – schließlich, nicht wahr? – der – die – eine Gnädige –«

»Hast du wohl an alle andern Frauen gedacht, nur nicht an das Tantchen, mein armer Junge?«

Er senkte den Kopf, schob seine dicke Lippe vor, richtete sich aber fast gleich darauf wieder auf.

»Vor allem müßte man Sophie benachrichtigen, für den Fall, daß sie deinen Vater treffen sollte. Ihr seht euch wohl nicht mehr, glaube ich?«

»O nein!« rief Geneviève in empörtem Ton. »Sie war zu schlecht, zu ungerecht gegen Raimund – du weißt doch, wessen sie ihn beschuldigte, wessen sie ihn noch beschuldigt?«

Er machte ein bejahendes Zeichen.

»Aber du hast doch nicht daran glauben können, mein Junge?«

Nach kurzem Zögern gestand er, daß er einen Augenblick gezweifelt hatte. Die regelmäßigen Beiträge, die der Älteste dem Hause leistete, ohne ihre Herkunft zu erklären, diese geheimnisvolle Liebschaft, die Frau, die in seinem Hause lebte, ihn hinderte, seine Schwester, seine Mutter bei sich zu empfangen . . . Vor allem nach dem Abenteuer Mauglas war jede Annahme möglich.

»Erst als ich dich vor der Tür stehen sah, sagte ich zu mir: Sie ist da, sie kommt zu ihm, jetzt ist nichts mehr zu fürchten, wir sind gerettet.«

Raimund langte an, und sie hörten im Vorzimmer streitende, jugendliche Stimmen. Geneviève erhob sich.

»Liebe deinen Bruder, so wie du ihn immer geliebt hast, Tonichen,« sagte sie ganz leise. »Er ist gut, er besitzt ein stolzes Herz, das zu etwas Bösem nicht fähig ist. Das Geld, das er für sich, für seine Familie ausgibt, ist wohlerworbenes Geld; es sind Vorschüsse, die er für seine Intelligenz, seine Arbeit erhält. Sei ruhig.«

Der ältere Bruder trat ein und stellte den zwei Kameraden, die er mitbrachte, seinen kleinen Elektriker vor; der eine, ein kränklicher, langer junger Mann mit einem gebogenen Rücken, war der Verfasser einer kleinen psychologischen, giftschwitzenden Abhandlung, betitelt »Meine Bosheit«, der andre, ein dicker Mensch von unbestimmtem Alter, ein starker Esser mit großen Augen, der Gefolgsmann und Vertraute großer und kleiner »Vedetten«, einer jener Begleiter bekannter Leute, jener berufsmäßigen Armanbieter, die einen ganz ernsthaft fragen, ob man eine Lieblingsseite habe. Diese Herren gehörten der »Gefräßigen« an, waren, wie alle Mitglieder derselben mit der größten Sorgfalt gekleidet, trugen Van Dyck-Kragen, lange goldkupferfarbige Krawatten, spiegelten ihre Lackschuhe in ihren hohen Zylindern und legten durch die neuchristliche Romantik ihrer Ideen, ihrer Westen, ihrer Frisuren Verwahrung gegen die naturalistische Bohème und alle Maler des gewöhnlichen Lebens ein, ob es nun Psychologen waren oder nicht.

Trotzdem besaß ihr Sonntagspicknick – ihr sogenannter »roter Kohl« –, das sie jede Woche im ersten Stockwerk eines alten, von Erinnerungen an Vallès und Courbet erfüllten Hause in der Rue des Poitevins mit dem alten, schmiedeisernen Geländer, der breiten Treppe und den schwarzen Fliesen vereinigte, nichts Romantisches, sondern hauchte eher einen starten Duft von Wirklichkeit aus. Was sie ihren »roten Kohl« nannten, war ein kräftiges Schmorgericht aus gedämpftem Kohl und Schöpsenfleisch, das einen Tag und eine Nacht im Speck kochte. Nach dem »roten Kohl«, bei dem Raimund an diesem Abend den Vorsitz gefühlt und den er zu Ehren der »Französischen Familie« mit ein paar Flaschen Schaumwein begossen hatte, verließ der Trupp den Tisch, um in kleinen, streitenden, predigenden Gruppen durch den Schnee zu der Schenke auf den Boulevard Saint-Michel zu wandern, wo »Die Gefräßige« in einem mit einer Estrade und einem Klavier geschmückten rückwärtigen Saale ihre Sitzungen abhielt. Unterwegs hörte Antonin, der, Geneviève mit seinem Regenschirm beschützend, zuletzt ging, wie einer der vor ihm hergehenden jungen »Gefräßigen« zu seinem Gefährten sagte:

»Der Symbolard hat seine Flamme mitgebracht – jetzt wird man nicht einmal ein Wörtchen mehr sagen können, über das man lachen kann.«

Trotz der Arbeitergewohnheiten, der harten Schwielen, die die Werkstätte zuletzt seiner feinen und zarten Natur beigebracht hatte, fühlte sich Toni in seiner zärtlichen Ehrfurcht für die Freundin verletzt und begriff, sowie schon früher ein paarmal während des Essens, daß Raimund sie nicht hätte mitbringen sollen, daß das nicht der richtige Platz für sie war. Einige dieser jungen Leute waren in Begleitung ihrer Geliebten, kleiner Schauspielerinnen, emanzipierter Fräuleins vom Konservatorium; andre hatten zum »roten Kohl« eine berühmte Wahrsagerin eingeladen, mit der man dann bei der Sitzung prunken wollte. Diese Damen sprachen wenig untereinander, nannten sich »gnädige Frau«, wie im großen Foyer der Comédie Française, aber an den Augen und Mundwinkeln erkannte man, daß sie derselben Familie angehörten. Auf diesem ganzen Kaolin befand sich ein Streifen, ein gleichförmiger Nagelstrich, von dem nur Geneviève nicht berührt war. Man fühlte, daß sie aus einer andern Masse bestand. Daher die ironische Wirkung der Worte: »Der Symbolard hat seine Flamme mitgebracht.« Oh, sicherlich hätte er sie nicht mitbringen sollen!

Der ganze Abend verstrich mit Musizieren, mit Deklamieren; man spielte Guimbarden,Alter Tanz. die nur der Musiker hören und verstehen kann. Die Verse reimten sich nicht und schienen eine Übersetzung eines sehr schwierigen ausländischen Autors zu sein. Dann erhob sich eine lebhafte Diskussion über den veristischen Roman und »Die französische Familie«. Verismus, Naturalismus – war das nicht immer derselbe Düngerhaufen? Mit dem Roman von Mann und Weib, der ebenso langweilig in der Erzählung wie im Leben ist, war es vorbei. Man müßte versuchen, den Roman des Hundes zu schreiben.

»Wie boshaft sie sind – ein Buch, das ihn so viel Mühe gekostet hat – denn schließlich, nicht wahr? – der – die –« flüsterte der arme Toni mit schwerem Herzen ganz leise Geneviève zu, die in einer Ecke des Kaffeehauses neben ihm saß.

»Ja, du hast recht, sie sind boshaft. Mir scheint, sie vergiften sich mit schlechter Tinte – ihre Bücher trocknen sie so aus, sie haben zu viel gelesen, obendrein in zu jungen Jahren. Sie wissen gar zu viel. Dazu kommt der grimmige Wettbewerb, der Ehrgeiz, der Erste zu sein, der Erste im Leben wie auf dem Gymnasium, den andern auf die Köpfe zu steigen, alle zu zermalmen.«

Antonin lächelte traurig.

»Tantchen, dann danke ich meinem armen Vater, daß er mir keine höhere Bildung zuteil werden ließ, da das Wissen die Menschen grausam macht.«

»Nein, mein Junge, das Wissen hat die Menschen noch nie böse gemacht, allein ein Kind, das das Leben noch nicht geschmeidig, weise gemacht hat, kann das Gelernte schlecht anwenden,« widersprach Geneviève. »Das ist bei unserm Raimund geschehen. Er besitzt ein zärtliches Herz und hat doch ein sehr grausames Buch geschrieben.«

Er fuhr zusammen. Sie waren seit Stunden beisammen, hatten es aber vermieden, von dem Roman des Bruders zu sprechen, als sei dies ein peinliches, gefährliches Thema.

»Ja, ein Buch, das uns alle zum Weinen gebracht hat,« fügte sie mit dem tiefen Ton hinzu, den ihre Aufrichtigkeit allen ihren Worten verlieh.

Er wollte antworten, aber Raimund trat sehr aufgeregt, mit weißen Lippen auf sie zu. Er hielt ein offenes Zeitungsblatt in der Hand – zweifellos eine wütende Kritik seines Buches. Er beugte sich zu Geneviève herab und sagte zitternd:

»Ich bitte dich, Madame Nas wird den ›Zentaur‹ und ›Les Tourbillons célestes‹ singen; geh zu ihr, laß dir nichts anmerken.«

Sie gehorchte und verließ den Tisch, ohne ein Wort zu sprechen. Er legte die Zeitung, die er in der Hand hielt, sofort vor dem Bruder nieder und bezeichnete mit einem Nagelstrich sowie einigen ganz leisen Worten eine bestimmte Stelle.

»Ich wollte in ihrer Gegenwart nicht davon sprechen, denn der Name Marquès macht sie immer traurig; aber lies das – in den letzten Nachrichten . . .«

Toni durchflog, kaum die Lippen bewegend, das folgende Entrefilet:

»Der Konseilspräsident und seine Familie sind soeben von einem furchtbaren Unglück betroffen worden. Fräulein Florence Marquès, die Stieftochter Herrn Valfons, ist heute nachmittag plötzlich in blühender Gesundheit im Ministerpalais verschieden. Sie war kaum zwanzig Jahre alt.«

»Diese Burschen sind wahrlich zu komisch, bringen mich wirklich zum Lachen, wenn sie uns die Maler des Alltäglichen nennen!« murmelte der junge veristische Romanschriftsteller. »Was für ein Drama, was für ein Geheimnis, meinst du, liegt nicht in dieser einfachen Lokalnachricht!«

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