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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 11
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Zwischen Paris und London

An Antonin Eudeline, London.

Mein lieber Antonin!

Durch die Briefe, die Sie von Ihren Verwandten bekommen, und die französischen Zeitungen wissen Sie bereits, warum Ihre Freundin Sophie Ihnen monatelang nicht geschrieben hat. Was mein Erlebnis betrifft, so will ich es Ihnen erzählen, so kurz wie möglich, damit es Sie nicht langweilt.

Also, als Sie nach England abreisten, hatte ich mich eben auf dem linken Seineufer gegenüber von Bercy in den Überresten eines alten Palastes Ludwigs XV. mit einem bändergeschmückten Giebel niedergelassen. Er stand verloren inmitten von räucherigen Fabriken und schmutzigen Arbeiterhäusern längs des ungeheuern Kais, der von Eisen- und Kohlenstaub ganz schwarz war. Ich wollte dort so lange bleiben, bis die Affäre vom Boulevard Beaumarchais vergessen, beiseitegetan sein würde und mein wilder Lupniak Paris ohne Gefahr verlassen konnte. Vor allem mußte der Kamerad sich ruhig verhalten. Am Tage nach seiner Tat hatte er sich in einem Hängeboden der Rue Pascal neben dem Observatorium, mitten in »Klein-Rußland«, versteckt. Ich fand, daß er dort nicht in Sicherheit sei, denn ich war überzeugt, daß die Polizei dort ihre Nachforschungen beginnen würde. Glücklicherweise befand sich auf dem Kai, wo ich wohnte, wenige Schritte von meinem alten, kleinen Herrschaftshause entfernt, ein Holzlager, das einer alten Auvergnatin gehörte, die sich auf die große Dame hinausspielte. Ich behandelte ihr kleines Mädchen, das an einem fast unheilbaren schwarzen Star litt; ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, lieber Freund, daß ich in Erwartung meiner Abreise nach Kalkutta in meiner Wohnung eine Ambulanz errichtet hatte, wo die verschiedenartigsten Kinderkrankheiten mir täglich unter die Hand kamen. Ohne meiner Nachbarin zu gestehen, wer Lupniak war, setzte ich es durch, daß sie ihn als Nachtwächter auf ihrem Lagerplatz anstellte. Vor allem war es seine Pflicht, wenn ein Zug über die Eisenbahnbrücke der Ringbahn fuhr, zu verhindern, daß die aus der Maschine herausfliegenden Funken die Holzhaufen in Brand setzten.

Ein vollständiger glückliches Leben kann man sich nicht vorstellen, als es dieser Fanatiker, der zugleich ein Träumer und ein Mann der Tat ist, dort führte. Des Nachts wanderte er auf dem riesigen Lagerplatz umher, der gleich einem Garten im französischen Stil von Alleen aus symmetrisch aufgeschichteten Holzstößen mit Bosketten und Lichtungen durchzogen war, während von den düsteren Winkeln der Kreuzpflanzungen große Stücke des mit Sternen besetzten Himmels sich abhoben. Untertags verließ er seine rollende Hütte nicht, eine Art Hunde- oder Schäferhütte, die von zwei Luken beleuchtet wurde. Die Möbel bestanden aus einem Rechen für die Kleider, einem Brett für seine astronomischen und metaphysischen Bücher und aus einem schmalen Bett, auf dem er träumte und las, mehr als er schlief. Ich besuchte ihn häufig, und wir verbrachten viele Stunden, plaudernd am Rande seines Strohsacks sitzend. Wir stritten über das Recht auf Mord, das Recht, Gerechtigkeit zu üben, das sich die Revolutionäre zugestehen, das mir aber ungeheuerlich erscheint. Er vertrug keinen Einwand. Mit zornschwellendem Munde schrie er mir zu, indem er seine skorbutkranke Unterlippe vorschob:

»Dejarine ist ein Bösewicht, ein Tier; ich habe ihn nur einmal getötet, er aber hat Hunderten von Wesen das Leben entrissen.«

Und wenn ich mir eine Entgegnung erlaubte, sprang er in die Höhe, daß die Hütte beinahe umgefallen wäre.

Leider begnügte er sich nicht mit meinen Besuchen, sondern wollte zu mir kommen und an meinem Konsultationssessel das im Ausdruck seines Elends so lebhafte und malerische Volk von Paris vorüberziehen sehen. Mit einer falschen Perücke und einer Brille, die ihm das Aussehen eines Kollegen von mir verliehen, saß er in einem Winkel meines Zimmers, besonders an den Tagen, da Herr Alcide, Ihr entzückender Kommunard, mir seinen Jungen brachte. Richtig, Sie wissen, daß ich den armen kleinen Kerl wieder auf die Füße gestellt habe; seine Krankheit hat für mich keine Geheimnisse mehr. Er ist das Kind eines Gebrochenen, geboren aus jener moralischen Anämie, jener nervösen Furcht, die der Vater von seinen zehn Jahren in Nouméa mitbrachte, die ihn erbleichen läßt, wenn er die Mütze eines Sergeanten erblickt. Der Kleine hatte gleichsam dieselbe Angst, dieselbe Scham vor dem Leben. Trotzdem wird er am Leben bleiben. Ich bin mit Eisen und Feuer an diesen unglücklichen, verkrüppelten kleinen Körper gegangen, ich habe ihm mein Blut und meine Kraft eingeflößt. »Du wirst gehen, kleiner Hund, oder ich werde dir Mores lehren!« . . . Mittlerweile ließ sich Lupniak vom Vater Alcide die Jagden erzählen, die er mit dem Kommandanten Rivière auf die Kanaken im Busch gemacht hatte, sowie die nicht minder wilde Jagd, die die Soldaten auf ihn und ein paar andre inmitten der von wenigen Laternen erleuchteten Gräber des Père Lachaise machten. Das war in jener Mainacht, der letzten Nacht der Kommune, da die Triller der Nachtigall in den Zypressen des Friedhofes mit dem Gewehrfeuer und dem Geknatter der Kartätschen abwechselten. Auch der kleine Krüppel hörte gar zu gern von diesen heldenmütigen Abenteuern erzählen, denen sein Vater, ein lustiger Vorstädter und trefflicher Inszeneur, ein außerordentliches Leben verlieh, indem er das Pfeifen der Kugeln mit den Lippen, das Pelotonfeuer mit Fingerschnalzen und das Flügelschlagen der Granate nachmachte, wenn sie wie ein verwundeter, atemloser Vogel ankam. Manchmal kam die Geschichte bei mir nicht zu Ende, und wir gingen noch zusammen am Seineufer auf und ab, um dort den Schluß zu hören; der Kleine saß mit glänzenden Augen, den Kopf auf den Arm gestützt, in seinem Wagen. So kam es, daß mein armer Lupniak eines Abends durch die Polizei erwischt wurde; ich erfuhr erst zwei Tage später davon, als die Holzhändlerin ganz betrübt zu mir kam, um sich nach ihrem Nachtwächter zu erkundigen, den sie nicht mehr wiedergesehen hatte. Ich wollte mich ebenfalls auf die Suche machen, da plötzlich erhielt ich in der Form eines harmlosen Zirkulars eine Vorladung, mich am selben Tage im Justizpalast, im Kabinett des Untersuchungsrichters, einzufinden.

Dort traf ich einen Mann an, der noch jung war, obwohl er versuchte, sich durch eine alte Samtmütze und durch eine gespielte Pfiffigkeit, die sein höchst flaches, höchst bedeutungsloses Gesicht faltig und runzlig erscheinen ließ, älter zu machen. Trotzdem ich mich weigerte, irgendeine Mitschuld bezüglich Lupniaks einzugestehen und zu bekennen, daß er mir je von seinen Rache- und Mordplänen erzählt hätte, wollte der Richter, daß ich die angeblichen Greueltaten dieses Mannes, den ich liebe, den ich für tapfer und gut halte, verraten und bestätigen sollte. Sein ganzes Leben lang hat er nur auf wilde Tiere geschossen, nur schädliche Wesen vernichtet. Sie können sich vorstellen, mit was für einem Schrei der Empörung ich das aufnahm, und daß ich mich nicht genierte, zu sagen, was für ein wilder, jedes Mitleids unwürdiger Henker dieser Dejarine, der ehemalige russische Polizeiminister, gewesen war. Beim Anblick meiner Empörung wurde der Mund des Richters immer schmäler; er winkte seinem Schreiber und sagte, indem er mir einen eintretenden riesigen Polizisten zeigte:

»Ich bedaure, mein Fräulein, aber ich muß Sie zur Verfügung des Gerichts halten.«

So blieb ich mehrere Wochen in vollständiger Abschließung in einer Zelle des Gefängnisses; niemand besuchte mich, meine Mahlzeiten wurden mir durch ein Spitalfensterchen gereicht. Mein einziger Kummer während dieser langen Tage waren meine kleinen Kranken, deren klägliche Mienen und krankhafte Bewegungen mich verfolgten, die sich um mein Bett drängten, sobald die Abendglocke geläutet hatte.

Wirklich, Tonichen, Sie können sich nicht vorstellen, was diese Kinder in meinem Leben bedeuten; ich bin eine geborene Mama, eine Pflegemama. Um Kinder zu haben, hätte ich mir welche gestohlen. Sie denken vielleicht, daß es einfacher gewesen wäre, zu heiraten. Aber ich bin zu häßlich, wer hätte mich geheiratet? Das war der Kummer meines Lebens, kein weiblicher Kummer oder verletzte Eitelkeit, nur der Gedanke, daß ich nie Kinder haben würde! Da ich also nicht wie alle andern Mutter sein konnte, sagte ich mir, daß ich es mehr als alle andern sein, daß ich Hunderte von Kindern haben, pflegen, hätscheln, stundenlang in meinen Armen wiegen würde, während ihre kleinen, zahnlosen Münder sich an meine Wangen festsaugten. Diese armen Schmerzenskinder wollte ich mit Leidenschaft lieben; denn gibt es etwas Ergreifenderes, Rührenderes als ein kleines Wesen, das leidet, ohne sagen zu können, was ihm fehlt? Gerade damals war ich mit meinem Studium fertig, und da ich mich mit meinem Vater versöhnt hatte, besaß ich Geld genug, um mein Spital für kranke Kinder zu gründen. Fortan hatten meine Sorgen, meine Unruhe ein Ende. Ich fühlte mich nur noch unglücklich, als ich, meiner ganzen kleinen Familie beraubt, im Gefängnis saß. Wie oft hörte ich des Nachts ein flehendes Stimmchen sagen: »Ach, Papa Alcide, erzähle mir von der Schlacht auf dem Père Lachaise.« Und der alte Kommunard ahmte das Gewehrfeuer nach, indem er mit den flachen Händen auf seinen wolligen Kopf schlug! Endlich tat sich eines Nachmittags die Tür meiner Zelle auf; jemand sagte: »Kommen Sie,« und durch endlose Gänge und Treppen führte man mich wieder in das Zimmer, in dem ich verhört worden war. Der Mann in der Samtmütze fragte mich, aber diesmal ohne Härte und Anmaßung, ob die Einsamkeit nicht mein Gedächtnis aufgefrischt hätte. Ich machte eine abwehrende Handbewegung. Der Richter drang nicht weiter in mich und sagte bloß:

»Der Untersuchungsrichter ist nicht stark genug gegen Sie, Fräulein, Sie besitzen gar zu einflußreiche Bekanntschaften.« Er sah mich mit schmachtender Miene an, mit Augen, wie sie arme, häßliche Dinger wie ich nicht immer zu sehen bekommen. Ich glaubte schon, daß dieser ehrgeizige junge Mann dank meiner hohen Bekanntschaften um meine Hand anhalten würde. Aber woher fiel mir dieses geheimnisvolle Glück zu? Ich wagte nicht nachzuforschen und sah wie im Traum, daß er meine Freilassung unterzeichnete.

Wie froh war ich, wieder im Freien zu atmen und, in meine Wohnung zurückgekehrt, die Ordination in meinem kleinen ambulanten Spital wieder aufzunehmen! Nur meine Holzhändlerin führte mir ihre Tochter nicht mehr zu. Sie grollte mir wegen ihres Nachtwächters. Die Hütte dieses Astrologen war voll von Zauberbüchern, die die Herren von der Präfektur mit Beschlag belegt hatten. Aber wer hatte sie benachrichtigt? Das hätte ich wissen mögen. War ich doch der Meinung, daß ich ihn so gut verteidigt, behütet hatte, indem ich sogar alle Beziehungen zu unsern »Kleinrussen« vom Pantheon und der Sternwarte abgebrochen hatte. Selbst mit Geneviève Izoard kam ich nicht mehr zusammen – nicht aus Mißtrauen gegen dieses entzückende, brave Geschöpf, aber ich wußte, daß sich ein leidenschaftliches Gefühl ihrer bemächtigt hatte und daß sie sich nicht mehr selbst gehörte.

Ach, Tonichen, Gott beschütze uns vor der Liebe! Das ist der gefährlichste aller berauschenden Weine. Wenn es wahr ist, wie ich behaupten hörte, daß die jungen Leute Ihres Alters, Ihres Standes nicht mehr an die Frauen denken, desto besser! Sie werden weiter und auf geraderem Wege ans Ziel gelangen, als sie dachten.

Richtig, die Frauen. Vor zwei Tagen bekam ich einen seltsamen Besuch. Die Ordinationsstunde war zu Ende, ich öffnete die Fenster, um den Geruch von Wochenbett und Elend, von Menschengewimmel und saurer Milch zu verscheuchen, den meine armen Kinder immer mitbringen, rauchte eine heimische Zigarette und ließ meine Gedanken mit der Strömung den flachen Booten folgen, die in der Abendröte die Seine hinabfuhren. Da tritt eine schöne Dame ein, rothaarig, mit üppigen Formen, in reicher Toilette. Sie sah wie eine Sängerin aus, aber trotz des gezierten Tones, der gemalten Wangen und Augen hatte sie im ganzen Gesicht etwas Natürliches und Sanftes. Sie sprach von meinem Spital und fragte, ob ich geneigt sein würde, Filialen zu eröffnen, und unter welchen Bedingungen. Es handelte sich um eine ihrer Freundinnen, ein Opfer der Gesellschaft, die vor lauter Nichtstun gebrochen, gelähmt war, die sich der Selbstsucht und Unfruchtbarkeit ihres Lebens schämte, eine Tote, die wieder aufleben wollte. Handelte es sich wirklich um eine Freundin oder um sie selbst? Man hörte aus ihren Worten einen Widerwillen, einen Ekel gegen alle Vergnügungen, allen genossenen Luxus heraus, der mir eine sonderbare Idee von der Pariser Gesellschaft gab und mir einen tieftraurigen Eindruck hinterließ. Sie entfernte sich, indem sie mir den nahe bevorstehenden Besuch ihrer Freundin ankündigte und mir ihre persönliche Adresse mitteilte:

Frau Valfon

 

Mittwoch.
Quai d'Orsay.

Zweifellos ist das eine der großen Bekanntschaften, auf die mein Untersuchungsrichter so neidisch war. Aber das klärte mich noch immer nicht über das auf, was ich so gerne wissen wollte, nämlich den Namen des Judas, der Lupniak verraten hatte. Herr Alcide, mein Vertrauter, hatte sich ebenfalls auf die Suche gemacht; er war tragischer und verwickelter wie ein Roman von Gaboriau, rollte die Augen, sprach mit leiser Stimme, forschte auf dem Boden, auf den Treppengeländern nach den Spuren von Schritten, von Händen, bestimmte mir nächtliche Zusammenkünfte unter den Brücken, konnte mir aber nie etwas mitteilen. Was die Kameraden von »Klein-Rußland« betraf, so klagten alle einstimmig Mauglas an. Sie behaupteten, daß er, nachdem er infolge der mitten in der Kammer erfolgten Denunziation des Ministers des Auswärtigen seiner Stelle entsetzt worden war, kein andres Mittel gefunden habe, um in Petersburg wieder zu Gnaden zu kommen, als den Mörder des Generals zu entdecken und verhaften zu lassen. »Um Sie übrigens zu überzeugen,« sagten sie, »werden wir Ihnen, wenn es sein muß, den Verräter bringen, gebunden wie eine Schlackwurst, und werden ihn zwingen, in Ihrer Gegenwart zu bekennen.« Ich zweifelte trotz allem, von der hohen Intelligenz dieses Mannes beherrscht; ich konnte nicht glauben, daß er sich bis zu diesem Grade hatte erniedrigen, in die Irre leiten lassen. Tage, Wochen verstrichen. Dann kam der Prozeß Dejarine, die ruhige Art und Weise, wie Lupniak, nachdem er in der Untersuchung alles geleugnet hatte, um seiner Mitschuldigen Zeit zum Flüchten zu lassen, sich vor dem Gericht schuldig bekannte. Er ist bereit, seine Jagd auf die großen Raubtiere wieder aufzunehmen, wenn es ihm je gelingt, aus der lebenslänglichen Deportation, zu der er verurteilt wurde, zu entfliehen.

Eine oder zwei Wochen nach dem Prozeß erhielt ich eine Einladung des Vereins »Biene«, Rue de Rivoli Nr. 4, Eingang durch den Hof. Der Name dieses Pariser Vereins war mir vollständig unbekannt, aber der auf der Karte stehende Name Deamoffs erinnerte mich daran, daß unsre Freunde aus Klein-Rußland, um die Polizei zu täuschen, von Zeit zu Zeit bei den jungen Angestellten des Phare de la Bastille und des Bazar de l'Hôtel de Ville das kasemattierte Untergeschoß eines Gasthauses abmieteten. Dort übten sich diese jungen Leute im Hornblasen und Scheibenschießen. Samstag abends also trat ich zur bestimmten Stunde in den Hof des Hauses Nr. 4. Es ist ein geräumiger, da und dort mit leuchtenden Glasplatten bedeckter Hof. Unter dem gasbeleuchteten Tor befand sich eine schwarze Marmortafel mit dem Worte »Biene« in goldenen Buchstaben, und darunter wies ein Pfeil auf die niedrige Tür und die enge Wendeltreppe, die in das Untergeschoß führte. Längs der mit Stuck belegten, gewölbten Wände eines langgestreckten Kellers, in dem Gasflammen leuchteten, hingen Schießscheiben, die Satzungen des Vereins, Zinken und Jagdhörner; darunter standen zwei Reihen Bänke, und darauf saßen eine Menge Frauen und Männer, deren fieberhafte, intelligente Gesichter mir meistenteils bekannt waren. Sie bewillkommten mich mit Augenblinzeln und lächelnden Grüßen. Im Hintergrund, vor den Schießscheiben, war der Saal noch heller beleuchtet, und auf drei Stühlen, die von uns durch einen langen, mit Pistolen und Gewehren beladenen Tisch getrennt waren, saßen Deamoff und zwei andre Klein-Russen, hart wie Richter, schweigsam wie Henker. Kaum saß ich auf meinem Platze, so entstand beim Eingang eine heftige Bewegung, Geschrei, Stoßen. Alle sprangen auf, und man erblickte Mauglas, ohne Hut, mit in Unordnung geratenen Haaren und Kleidern. Er war von Kopf bis zu Füßen gebunden, und drei oder vier feste Bursche, geschmeidig wie junges Rotwild, stießen, schoben und trugen ihn vorwärts. Hinter ihnen kam ein langes, dünnes Mädchen mit blassen Augen und einem bösen Lächeln, ganz in Weiß, wie eine Braut. Das war die Anglerin. Gleich beim Eintritt, als der Polizeispion begriffen hatte, daß jeder Ruf unter der Blendung dieser Gewölbe, sowie jeder Widerstand angesichts dieser Menge nutzlos war, richtete er seine ersten Worte an das hübsche Geschöpf, das ihn durch seine Katzenkünste ins Garn gelockt hatte. »Da sieht man, wohin die Eitelkeit eines Vielschreibers führt,« sagte er, indem er sich verbeugte. »Zwei Briefe, die mir über mein letztes Musikfeuilleton Komplimente machten, genügten, um mich in die Falle zu locken. Ich gestehe Ihnen jedoch, mein Fräulein, daß ich mich nicht ohne Besorgnis zu Ihrem Stelldichein begab, und kaum ergriff Ihre feuchte, kalte Hand die meinige . . . aber dafür ist man ja ein galanter Franzose, nicht wahr, mein Kind? Das mußten Sie verstehen, denn Sie sind ja eine Polin, eine Tochter dieses in drei Stücke geteilten Polen, so wie wir es vielleicht bald sein werden.« Dann wandte er sich plötzlich zu der Versammlung und fragte in spöttischem Tone: »Womit kann ich Ihnen dienen, meine Herren?«

Ohne ihm zu antworten, prüften Deamoff und die beiden andern im Hintergrunde ein Bündel Briefe, das bei dem Unglücklichen gefunden worden war und nun auf dem Tische ausgebreitet lag. Sie wühlten darin ohne Hast. Diese tätige Stille war furchtbar. Der Mann, der inmitten des Saales stand, zwang sich, den Kopf gerade zu halten und fest auf seinen Beinen zu stehen, die durch den Haß aller dieser Blicke zitterten. Ich, mein lieber Antonin, dachte an den Freiheitsbaum in Morangis, an die Ankunft der Pariser am Samstagabend, an die alten Mauglas, den Vater und die Mutter, wie sie ihren Sohn, dieses gute, mutige Kind, das ihr ganzes Leben ausmachte, erwarteten. Das war derselbe Mauglas, der diesen verhängnisvollen Beruf erwählt hatte, von dem er schon zu jener Zeit so üppig lebte, derselbe Mauglas, der unsern Freund verraten hatte. Ach, als Deamoff sich erhob und ihm vorhielt, wessen man ihn anklagte, schloß ich die Augen, denn ich fürchtete zu sehen, daß dieses arme Gesicht vor Angst entstellt oder von den Grimassen irgendeiner Lüge verzerrt werden könnte. Allein der tapfere, aufrichtige Ton seiner Antwort zwang mich, ihn anzusehen. Ruhig, die Hände in den Taschen seiner ewigen Samtjacke, stand er da, und auf seinem roten, zornigen Gesicht, das das Gaslicht grell beschien, lag keine Spur von Furcht oder von Schurkerei.

»Warum sollte ich mir die Mühe geben, euch zu täuschen?« fragte er. »Ich bin in euern Händen. Ich mache mir keine Hoffnungen, mit heiler Haut davonzukommen, aber das ist kein Grund, mich falsch anzuklagen. Ich habe mit der Verhaftung Lupniaks nichts zu tun.«

Deamoff: »Haben Sie nicht der russischen Polizei in Paris als Spitzel angehört?«

Mauglas, mit der größten Kaltblütigkeit: »Ja, früher, jetzt nicht mehr; der Tod Dejarines hat mich um meine Stelle gebracht.«

Deamoff: »Sie schrieben, flehten, man möge Sie wieder anstellen; da sind zwei Antworten des Petersburger Polizeiministers.«

Mauglas: »In der Tat, die Stelle war gut, es lag mir viel an ihr.«

Der Zynismus seiner Worte rief im Saale ein zorniges Murren hervor. Aber er antwortete mit einem Aufschrei der Empörung, indem er seine dicken, geballten, schweren Fäuste wie Kolben schwenkte.

»Ihr bringt mich wirklich zum Lachen, ihr Leute – natürlich, das Leben ist ja so bequem, und am Schalter, wo das tägliche Brot ausgeteilt wird, gibt es gar kein Gedränge und Gestoße! . . . Frage ich denn euch, wie viele ihr zu ernähren, wie viele Kinder, wie viele Laster ihr besitzt? Ob ihr liebt, was gut, was teuer ist? Ach, ich möchte euch mein Leben erzählen, wieso ich in diesen Misthaufen hineingeriet, wie viele Glückliche ich mit meiner Schmach machte! Aber ihr werdet glauben, daß ich euch rühren will, und das ist nicht meine Absicht.«

Er sah uns alle hintereinander an, als ob er uns zählen wollte. »Was ich suche? Wie viele unter euch, sowohl unter den Männern wie unter den Frauen, die Stelle haben möchten, die ich verloren habe, wie viele schon vielleicht um sie gebeten haben. Ach ja, so ist es –«

Er konnte nicht zu Ende reden, alle erhoben sich brüllend, bereit, über ihn herzufallen; aber ich weiß nicht, warum mir angesichts dieser doppelten Reihe von Krallen und Zähnen der Gedanke kam, daß gerade denen, die am meisten schrien und knirschten, die Stelle eines Polizeispions den meisten Neid erweckte.

»Fest steht auf jeden Fall, daß Sie alles taten, um Ihre Stelle als Spitzel beizubehalten,« sagte der eine der Richter, indem er sich zu Mauglas wandte. »Der Beweis dafür ist dieser Brief, der bei Ihnen gefunden wurde, der Brief eines jungen Mannes, dem Sie die Hälfte Ihres Gehaltes anbieten, wenn er an Ihrer Stelle in den Kreisen spionieren will, in denen Sie, wie Sie fühlen, entlarvt sind. Der junge Mann, ehrenhafter als Sie, weigert sich; ihm fehlt der Mut, bei diesen braven Leuten einzudringen, ihr Vertrauen zu täuschen. Er könnte das nicht tun.«

»Der Name, der Name!« ruft es aus allen Winkeln des Saales. Ich kannte diesen Namen; gleich beim Erscheinen Mauglas' war er mir durch den Kopf gefahren, und kaum war der Brief geöffnet, so wurde mein Herz wie von einem Schraubstock zusammengepreßt und begann erst wieder bei den Worten zu klopfen: »Der junge Mann weigert sich.« Sie hören, lieber Antonin, Ihr Bruder weigerte sich; denn es war der Name Raimunds, der am Schlusse dieses Briefes stand. Ich hatte recht geraten, das kann ich Ihnen jetzt sagen, da ich Ihnen meine Angst gestehe. Aber woher die Gewißheit, daß es sein Name und kein andrer sein würde? Erstens, weil ich Raimund zwei- oder dreimal im vertraulichen Gespräch mit Mauglas spazierengehen sah, zweitens, weil ich Ihren armen Bruder so gut kenne; er ist noch immer derselbe wie in seiner Kindheit, schwach, eitel, willenlos, energielos. Ich sah, daß er auf Sie eifersüchtig, daß er wütend war, weil Sie das Brot für das Haus verdienten, an Stelle seines nichtigen Erstgeburtsrechtes Ihre Tätigkeit, Ihren Mut setzten. Als ich ihn daher das letztenmal am Arm dieses Lumpen sah, der eben mitten in der Kammer denunziert worden war, bemächtigte sich meiner der niedrigste Argwohn. Der Mann ist gefährlich, intelligent, ein guter Diagnostiker von Menschen; da er den Jungen und seine Schwäche kannte, hat er sich wohl an diese erste Weigerung nicht gehalten. Gebe Gott – aber davon werden wir ein andermal reden; jetzt will ich mit meinem Spitzelabenteuer zu Ende kommen. Der Zynismus Mauglas', seine Frechheit ließen mich eine tragische Lösung fürchten. Er selbst erschrak einen Augenblick, als er nach einer langen Beratung Deamoffs und seiner Beisitzer abermals gepackt, gebunden, der Länge nach auf den Tisch ausgestreckt wurde. »Ihr werdet mich doch nicht wie ein Schwein abstechen?« fragte er, sich umblickend, mit veränderter, teigiger Stimme. – Nein, man wollte ihn bloß zeichnen, ihm mitten ins Gesicht, mitten auf die Stirn eine ungeheure grüne FliegeFliege = mouche; mouchard = Polizeispitzel. tätowieren, um seinen unwürdigen Beruf zu kennzeichnen, um die Leute überall, wo er erscheinen würde, vor ihm zu warnen. Ich hatte nicht den Mut, dieser Marter beizuwohnen, und während der Unglückliche litt, sich unter den brennenden Stichen wehrte, während man in die Hörner blies und Schüsse abgab, um sein Geschrei zu übertönen, machte ich mich, mir die Ohren verstopfend, rasch aus dem Staub.

Ich hatte Ihnen Neuigkeiten versprochen, Tonichen; das sind genug, denke ich. Was soll ich Ihnen noch erzählen? Daß ich Ihr Schwesterchen Dina traf, als sie, noch immer ihre Schachtel unter dem Arm, zierlich und anmutig wie ein Schulmädchen, aus dem Haupttelegraphenamt kam. Das liebe, kleine Aschenbrödel! Ihr plötzlich unterbrochenes Feenmärchen hat ihre klaren Augen, ihren Maiblumen- und Rosenteint nicht angegriffen. Ihren Märchenprinzen hat sie nicht wiedergesehen. Kaum war er transportfähig, so führte ihn der Vater, der fast ebenso krank ist wie er, nach dem Engadin. Aber das tut nichts. Aschenbrödel ist gläubig, sie vertraut auf ihre Medaillen. »Das ist Götzendienerei,« sagt Vater Izoard. Aber ich glaube, daß diese Götzendienerei dem armen Manne in diesem Augenblick selbst vonnöten wäre. Sie würde ihm helfen, den großen Kummer zu ertragen, von dem er sich bedroht fühlt. Seine Stelle im Palais Bourbon ist in Gefahr; man hält den alten Achtundvierziger für lästig, er denkt zu laut und zu frei. Wie teuer ihm auch seine kleine »Einsiedelei«, wie er Morangis nennt, sein mag, und obwohl er unablässig wiederholt: »Ich bin ein Einsamer, ein Wilder, ich genüge mir, ich brauche niemand« – so gibt es doch keinen Menschen, der so gern plaudert, Leute um sich sieht, in Bewegung ist wie dieser alte Marseiller. Er würde in seiner »Einsiedelei« vor Langeweile sterben, besonders jetzt, da seine Tochter ihm fehlt; denn ohne daß er es zugesteht, ist es das, was die Laune unsers alten Freundes verdüstert, was seinem Ton etwas Hartes und Fieberhaftes verleiht. Sein Kind entschlüpft ihm, sie gehört ihm nicht mehr, aber ebensowenig ihren alten Freunden. All die schönen Pläne, die wir zusammen entwarfen, das neue Asyl, das dort gegründet werden sollte – von nichts ist mehr die Rede. Der Vater wollte eine Heirat vorschlagen, aber umsonst. Das arme Mädchen sieht sich als verheiratet an, aber der, den sie liebt, kann sie nicht heiraten, und beide sind zu einem Leben voll Heimlichkeiten, voll Lügen gezwungen, das, fürchte ich, mit einer Katastrophe enden wird. Mein lieber Junge, ich glaube, daß Sie, da Sie fern von uns leben, vielleicht kein Wort von dem Roman wissen, auf den ich anspiele; aber Sie kennen Herrn Izoard, so wie ich ihn kenne. Wenn er entdeckte, daß Geneviève jeden Vormittag nach dem Frühstück in Morangis nach Paris eilt und erst zum Frühstück am nächsten Tage zurückkommt, so wäre das schrecklich. Ich wage gar nicht daran zu denken. Und trotzdem, wenn ich mit ihm zusammen bin, fallen mir blitzschnelle Blicke, ein Runzeln der Augenbrauen an ihm auf – mir scheint, der alte Marseiller ahnt etwas. Man müßte Geneviève warnen, aber ich bekomme sie nie zu sehen. Sie flieht mich, ich höre nichts von ihr, außer wenn ich auf eine Minute in die Rue de Seine, in die »Wunderlampe« eintrete.

Auf diese Weise erfuhr ich von der lieben Mama Eudeline, die noch immer an ihrem Ladentisch sitzt, noch immer in ihre Bücher vertieft ist, daß Raimund jetzt schreibt und viel Geld verdient, so viel Geld, daß er alle Auslagen der Familie bestreitet, ohne von Ihnen etwas zu verlangen. Beim Schließen des Ladens könnte er Sie natürlich nicht ersetzen; klein Dina hängt jeden Abend die Schlösser vor und nimmt sie jeden Morgen ab, was ihre Nägel verdirbt, so daß sie in Zorn gerät wie eine junge Katze.

Ich gestehe Ihnen, lieber Freund, es kam mir höchst sonderbar vor, daß Raimund, der doch als Literat ein Neuling ist, so viel Geld verdienen kann. Ich kannte in Rußland nur wenige Schriftsteller, in Paris kenne ich gar keine, aber was ich von den Einkünften dieses Berufes weiß, entspricht gar nicht den Versicherungen Frau Eudelines. Ich zog Erkundigungen ein, was ich leicht tun konnte, denn die Alcides sind Verwalter des Hauses, in dem Ihr Bruder wohnt. Besonders die Frau, eine ehemalige Direktorin der Komischen Oper unter der Kommune, die Handschuhe mit ich weiß nicht wieviel Knöpfen mehr als die Kaiserin trug, flößte mir volles Vertrauen ein. Ich erfuhr durch sie, daß ihr Mieter, »ohne ein Leben zu führen wie viele andre Schriftsteller«, ein Haus machte, zweimal wöchentlich Diners gab und abends Freunde, ebenfalls Schriftsteller, einlud. Alle waren sehr jung, aber steif und ernst. Übrigens schienen sie alle wunderbar viel Talent und Wissen zu besitzen; an dem Tage, da sie ans Licht, vor das große Publikum treten würden, konnte wohl keine Berühmtheit der Vergangenheit vor ihnen standhalten. Mittlerweile war unter ihnen einer, den Raimund, indem er ihn um die Schulter faßte, seinen »kleinen Flaubert« nannte; einen andern nannte er seinen »kleinen Renan«. Zu ihm sagten alle diese Herren »teurer Meister«; aber wenn sie auf der Treppe von ihm sprachen, nannten sie ihn lieber »Symbolard«. Frau Alcide wußte nicht, warum; ihrer Meinung nach heißt das Wort »Saint-Bolard«. Da die gute Frau an den Empfangsabenden aufblieb, um das Gas auszulöschen, hörte sie außerdem, wie die Gäste beim Fortgehen über ihren Wirt, seine Soiree, seine literarischen Erzeugnisse lästerten . . . Ach, der arme Symbolard! Es kam sogar vor, daß einer dieser kleinen Bettler, der noch seinen letzten Bissen im Munde hatte, laut sagte: »Mit einem Wort, diese Diners sind sehr kostspielig, und niemand weiß, woher das Geld kommt!« Frau Alcide erstickte vor Empörung, als sie mir diese Reden erzählte, und zweifelte nicht, daß auch ich mich fragte, wo Raimund seine Hilfsquellen findet. Das Buch, das er schreibt und das immer auf seinem Schreibtisch liegt, ist noch nicht erschienen; er ist nirgends angestellt, er gibt keine Lektionen. Also –? Sie wissen zweifellos, was Sie davon zu denken haben, und halten mich für sehr indiskret. Verzeihen Sie der Freundin. Erlebnisse wie das mit Mauglas sind dazu angetan, um einen zu beunruhigen.

Noch etwas. Kommen Sie in London so wie einst mit russischen Flüchtlingen zusammen? Was denkt man von der Verhaftung Lupniaks? Aus der Ferne urteilt man besser. Hier habe ich nur Mutmaßungen. Es gibt nichts Ermüdenderes.

Ihre Sophie C.

*

An Sophie Castagnozoff, Paris.

Ach, Fräulein Sophie, wie weh hat mir Ihr Brief getan! Es ist ein andauernder Schmerz, der aus alter Zeit herrührt, denn Sie lieben unsern Ältesten schon lange nicht, sind schon lange ungerecht gegen ihn, so daß Sie ihn sogar für unehrenhaft halten, sogar annehmen . . .! Also wirklich, Sie waren glücklich, als Sie erfuhren, daß Raimund Eudeline, der beim Generalkonkurs mit dem Ehrenpreis Gekrönte, der Doktor der Rechte, der Lizentiat, Raimund Eudeline, der, wenn er wollte, Präsident des »V. d. P. St.« geworden wäre, das Anerbieten dieses elenden Mauglas zurückwies!

Nun, ich habe bei dieser Stelle Ihres Briefes vor Zorn aufgeschrien, ich habe bei diesen Zweifeln, die Ihnen Freude machten, vor Mitleid und Beschämung geweint. Nein, Fräulein, Sie kennen meinen Bruder nicht, Sie haben ihn nie gekannt. Wenn ich Ihnen die Opfer erzählen würde, die er uns gebracht hat – die Opfer seiner Liebe, seines persönlichen Ehrgeizes, so würden Sie ihn für einen Helden halten. Aber er rühmt sich nie, und so kommt es, daß Menschen, die so gut sind wie Sie, wie Pierre Izoard, ihm den Vorwurf machen konnten, daß er jahrelang seiner Aufgabe nicht entsprochen habe, nicht imstande sei, das Brot für die Familie zu verdienen. Wessen Schuld ist es, wenn Lateinisch, Griechisch, Philosophie, die einzigen Werkzeuge, die man ihm in die Hand gab, für eine rasche, einträgliche Arbeit nichts taugen? Wie soll man Advokat, Professor, Arzt, Deputierter werden, wenn die Zeit drängt, wenn man sich und eine ganze Familie ernähren muß? Glücklicherweise besitzt er literarische Gaben, und zwar seit seiner Kindheit. Erinnern Sie sich doch an den Preis, den er für seinen französischen Aufsatz beim Generalkonkurs erhielt! Dank diesem gab einer der ersten Pariser Verleger bloß auf den Plan eines Romans, einer sehr eingehenden sozialen Studie, Raimund einen Vorschuß, der hinreichte, um mich bei Mama zu ersetzen. Wenn man Sie jetzt noch fragt: »Woher kommt das Geld?« so können Sie das antworten, liebe Sophie. In einiger Zeit übrigens wird das Buch erscheinen, der Vorschuß zurückerstattet werden, und angesichts des ungeheuern Erfolges, der vorauszusehen ist, wird eine Verleumdung nicht mehr möglich sein.

Was die Vorwürfe betrifft, die Sie meinem Bruder machen, Selbstsucht, Kälte, Verachtung der Frau, des Vaterlandes und aller sozialen Pflichten, so sind diese Vorwürfe weniger an ihn gerichtet als an seine Alters- und Berufsgenossen. Ich kenne sie aus Erfahrung, denn der Bruder hat mich zwei- oder dreimal in ein Café am Boulevard Saint-Michel geführt, wo sich seine Freunde, die jungen Schriftsteller, versammelten, die man »die Gefräßigen« nennt. Der Lyoner Claudius Jacquand, der Claudius unsrer kleinen Dina, hat sie so getauft. Das ist der Name, den die reichen Seidenhändler der Place des Terreaux einst den Seidenarbeitern jener furchtbaren Vorstadt Croix-Rousse gaben, deren vom Klirren der Schiffchen und dem Klappern der Webstühle erzitternde steinige Abhänge sie von unten aus voll Schrecken belauerten. Wehe, wenn »die Gefräßigen« herabsteigen! Und wirklich, nachdem ich eine Stunde unter den Freunden Raimunds verbracht, nachdem ich gehört hatte, mit welchem neidischen Haß sie die älteren Literaten herunterrissen, mit welcher Wut sie die Männer und die Werke die ihnen den Weg versperren, mit allen möglichen Mitteln niederzumetzeln, zu vernichten suchten, da verstand ich den Namen »die Gefräßigen«. Es war rein zum Brechen was da unter dem Vorwand, daß diese Jungen eine andre Auffassung vom Leben hätten, an Dummheiten und Grausamkeiten gesprochen wurde! Eine nette Auffassung!

»Mein Vater, der Rat, dieser entzückende Spitzbube . . .« flüsterte an einem Nebentische ein kleiner, sehr sorgfältig gekleideter, parfümierter junger Mann. Ein andrer, der ihm gegenübersaß, mit einem langen. geschwollenen Gesicht wie ein Gehängter, mit kugeligen schleimigen Augen, machte einigen Freunden folgendes Geständnis: »Ich habe eben entdeckt, daß meine Mutter lange Zeit die Geliebte meines Erziehers war. Ich werde das in meinem nächsten Buche erzählen und rechne auf einen großen Erfolg.« Schließlich erklärten ein paar junge Autoren, die sich ganz dicht neben mir auf einem Diwan wälzten, ohne alle Umstände, daß sie beim nächsten Krieg ihre Gewehre in den Graben werfen würden und daß nichts, selbst nicht das sofort rechtskräftig erwachsende Urteil des Kriegsgerichts, sie zwingen könnte weiterzumarschieren. Bewaffnetes Vaterland, nationale Verteidigung, all diese Nichtigkeiten waren nicht mehr notwendig. Vor allem aber empörte es mich, daß diese Herren behaupteten von einem übermächtigen Tätigkeitsbedürfnis gequält zu werden, und vorgaben, im Namen der französischen Jugend zu sprechen. Das ist eine furchtbare Lüge. Die Jugend besteht nicht aus ein paar hundert kleiner, von Tinte und Eitelkeit berauschter Literaten. Aber alle die andern! Ach, wie hätte ich es den jungen »Gefräßigen« gegeben, wenn ich nicht ein armer Stotterer wäre, wie Sie wissen. Aber mein Bruder übernahm es an diesem Abend, ihnen, und zwar tüchtig, zu verstehen zu geben, was meine zitternden Lippen nicht hervorbrachten. Wenn Sie ihn gehört hätten, würden Sie begriffen haben, wie überlegen er seiner Umgebung ist.

Bei diesen literarischen Versammlungen auf dem Boulevard Saint-Michel kehrte häufig ein Wort wieder, das die Freunde Raimunds bei jeder Gelegenheit, bei einer Tracht- oder Sittenfrage, irgendeinem Gebrauch unsrer Nation wiederholten: »Das ist echt französisch – wie das französisch ist!« Dies ward immer von Achselzucken, von mitleidigem Lächeln begleitet. Aus der Ferne, insbesondere aus diesem entlegenen Winkel Englands, wo ich seit einiger Zeit lebe, erscheint mir diese Verachtung, dieses Herabsetzen des Vaterlandes, um sich selbst ein überlegenes Air zu geben, kindisch und lächerlich. Wenn die Leute hier sagen, daß etwas echt englisch ist, so stellen sie es damit auf den Punkt der Vollkommenheit. Ihre geringsten Gewohnheiten, ihr kleinster Ruhm ist ihnen ehrwürdig und heilig; nach dem Ausdruck eines ihrer Dichter kann jeder große Mann, der auf dem angelsächsischen Boden niederfällt, sicher sein, fast gleich darauf in Bronze oder Marmor wieder aufzuerstehen. Denken Sie an Westminster. Wie lächerlich ist unser Pantheon, in dem wir mühsam zwei oder drei Berühmtheiten, die dort vergessen werden, untergebracht haben, im Vergleich zu diesem ungeheuern Dome, in dem samt den Königen und Königinnen die berühmtesten Künstler des alten England begraben liegen! Gewiß, die Engländer sind uns überlegen, aber vor allem durch die Achtung vor sich selbst und ihrer Nation. »Blague« ist ein Wort, das sie nicht kennen.

Meine liebe Freundin Sophie, ich verlasse Sie, denn man ruft mich in die Fabrik. Ich bitte Sie, denken Sie von Raimund nicht mehr schlecht, und möge Ihnen der Name Mauglas mit dem seinigen verknüpft nicht mehr in den Sinn kommen. Wenn Sie wüßten – seit Ihrem letzten Briefe haben Sie mir gleichsam Tausende von spitzigen Stecknadeln in den Kopf gestochen, die mich sofort verwunden, wenn ich an den Bruder denke.

Antonin E.

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