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Die Stütze der Familie

Alphonse Daudet: Die Stütze der Familie - Kapitel 10
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typefiction
authorAlphonse Daudet
titleDie Stütze der Familie
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
translatorA. Berger
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IX

Die Regierungskreise

Als Vater Izoard, der Chef der Kammerstenographen, mit seinem langen, allegorischen Bart, seinem kahlen, glattrasierten Kopfe, seinem flatternden Alpakarock, der so seidig war wie das Fell einer weißen Maus, und seinen gestickten Pantoffeln in Begleitung Raimund Eudelines durch die Säle des Palais Bourbon spazierte, wurden alle, die ihm in den Weg kamen, die er im Vorübergehen in seinem schönsten südlichen Baß nach »Neuigkeiten von dem Bürger Marc Javel« fragte, Deputierte, Quästoren, Bureaudiener, Türsteher, von einem Bedürfnis nach Mitteilsamkeit und von guter Laune ergriffen, selbst wenn sie ihm nichts zu antworten hatten. Sogar die majestätische ehemalige Behausung der Fünfhundert, sogar die Marmor- und Bronzestatuen, die diese Höfe und Portiken schmückten, schienen vertraulich zu werden und angesichts des lustigen, ehrlichen Gesichts des seinem jungen Freunde die Honneurs machenden Marseillers ihre Steifheit abzulegen.

Als sie durch den Salon Delacroix schritten, rief ihm ein Bureaudiener mit goldenen Knöpfen und roten Aufschlägen aus der Ferne zu:

»Ich höre, daß Sie den Marineminister suchen, lieber Herr Izoard?«

»Ja, das ist wahr, er ist ja Minister,« dachte der Stenograph ganz laut.

Der Diener las die Tagesordnung im »Officiel« vor:

»Bureaus sechs und sieben: Kommission für Postwesen . . . Der Marine- und Kolonialminister ist für halb zwei zur Erteilung von Auskünften vorgeladen.«

»Er hat das Portefeuille seit zwei Tagen, seine Auskünfte müssen alle ganz frisch sein!« rief der Marseiller, und sein lautes Lachen dröhnte gegen die hallenden Wände des Saales, auf denen grau in grau wunderbare bärtige Flußgötter gemalt waren, die alle Pierre Izoard zum Muster gehabt zu haben schienen.

An diesem Tage fand von eins bis zwei Uhr in den Kammerbureaus eine Versammlung statt. Rings um den Sitzungssaal, der sich erst um zwei Uhr öffnen sollte, in den zahllosen Gängen und Vorhallen, von denen sein majestätisches Schweigen umgeben wird, herrschte das Summen, die Aufregung der Bienen rings um den Bienenkorb vor der Arbeit. Geschäftige Schritte klangen auf den Dielen, verspätete Deputierte beeilten sich, in ihre Kommissionen zu gelangen, und mit Papieren beladene Beamte gingen, die Feder hinter dem Ohr, mit jener wichtigen, geschäftigen Miene, jenen schwellenden Stirnadern vorüber, die geradeso wie der Sandarach und das Radiermesser zu dem Material der Abgeordneten gehören. Von Zeit zu Zeit bemerkte man in einem Winkel eines Salons oder einer Galerie zwei dicht nebeneinander steckende, leise sprechende Köpfe, einen heimlich ausgetauschten Händedruck, der sich wie eine Zusage, wie eine Unterschrift am Ende eines Vertrages ausnimmt. Als der alte Stenograph an einem dieser Schmugglerpaare vorüberkam, flüsterte er Raimund ins Ohr:

»Hast du den Kerl nicht erkannt, den wir eben bei einem Handel störten? Sieh ihn von der Seite an, ohne dich umzudrehen. Schmachtlocken und ein Bärtchen Louis XIII. . . . Erinnerst du dich nicht? Siméon, der Neffe des Quästors, der ehemalige Bewerber Genevièves, der meine Tochter nicht wollte, weil ihr zehntausend Franken an der Mitgift fehlten.«

»Gewiß erinnere ich mich –«

Pierre Izoard bemerkte die Verlegenheit nicht, in die Raimund geriet, so oft er von seiner Tochter sprach, und fuhr fort:

»Siméon ist jetzt verheiratet, und zwar reich verheiratet; trotzdem behält er seine Stelle als Rechnungsführer der Kammer bei. Weißt du, warum? Weil an der Kasse der beste Platz ist, um die bedürftigen Deputierten kennen zu lernen, jene, die immer Einwände gegen ihre Diäten zu erheben haben, deren Gewissen nur noch an einem Angelfaden hängt. Diese Auskünfte werden ihm teuer bezahlt . . . Im bloßen Vorübergehen habe ich erraten, was sie miteinander zu verhandeln haben, er und Jacques Walter, dies lange, finstere Skelett mit der Blume im Knopfloch, der Hakennase, den gemalten Lippen und Lidern. Dieser Walter ist der Agent, der Strohmann der neuen transozeanischen Gesellschaft, deren Eingaben gerade jetzt im sechsten und siebenten Bureau geprüft werden – dort, wo wir Marc Javel erwarten wollen. In dieser aus zahlreichen Mitgliedern bestehenden Kommission muß es wenigstens ein halbes Dutzend armer Teufel geben, von denen Siméon mit aller Sicherheit zu Walter sagen konnte: ›Gehen Sie nur hin, Jacqueschen.‹ Vielleicht steht sogar der Berichterstatter auf der Liste der Bedürftigen, die der Rechnungsführer dem Agenten vorgeschlagen hat; denn die beiden Gevattern strahlten, als wir an ihnen vorbeikamen.«

Raimund war empört, daß ein so abscheulicher Handel sich frei mitten im Parlament abspielen konnte.

»Ach, mein armer Kleiner,« sagte der alte Herr, »in diesen Couloirs gehen noch ganz andre Dinge vor. Die Fäulnis des Geldes steckt uns alle an. Seit fünf oder sechs Jahren, seit dem Tode Gambettas, der, wenn er auch den Handel nicht hinderte, doch den Händlern die Schraube zudrehte, hat die Kammer die ›Kränke‹, wie man bei uns sagt. Zweifellos fehlt es nicht an braven Leuten, aber sie schweigen. Ich kann nicht an mich halten. Wenn ich vor der Tür der Bureaus einen Schmutzkerl finde wie diesen Walter, so habe ich Lust, den Posten zu rufen; aber ich fühle es: weil ich fortwährend die Stimme erhebe, wie eine wilde Katze mit den Augen rolle, bin ich allen lästig, und da ich gute sechzig Jahre alt bin, wird man mir wohl eines schönen Tages den Laufpaß geben.«

Sie traten in eine lange Galerie im Erdgeschoß, die ihr Licht durch schmale, auf einen Hof mit grünschillernden Bäumen gehende Fenster erhielt. Gegenüber dem trübseligen Hofe, den Bänken der Saaldiener, den Fächern, wo die Deputierten ihre Broschüren, ihre Taschen ablegten, zog sich eine Reihe numerierter Türen hin, hinter welchen sich die geheimnisvolle Arbeit der Kommissionen verbarg. Wenn eine der Türen sich auftat, erblickte man gleichmäßig rings um einen großen, grün behangenen Tisch einen Lehnstuhl, mehrere Stühle, schläfrige Menschen, die gegen die Müdigkeit der Verdauung kämpften, während das Genäsel einer einförmigen Stimme sich mit dem Gezirpe einiger verirrter Sperlinge mischte.

»Wie im Louis-le-Grand an den Donnerstagen, wo man nachsitzen mußte,« murmelte Raimund, dessen Schulerinnerungen noch ganz frisch waren.

Als sie vor dem Bureau Nummer zwei, der Scheidungskommission, vorüberkamen, trat ein scheußlicher, stämmiger, krummer Gnom heraus. Er besaß den Höcker und die großen, spöttischen Züge eines Hanswursts, dazu eine gelbe, fieberhafte Hautfarbe.

»Geht's gut, Herr Cadufe?« fragte der alte Pierre Izoard, indem er ihm respektvoll Platz machte.

Die dicken Lippen des Zwerges verzogen sich zu einem diabolischen Lachen.

»Ob es geht, Vater Izoard! Mit dem Ergänzungsgesetz, das sie mir jetzt verschlucken müssen, wird die französische Ehe vor dem Herrn Pfarrer und dem Herrn Bürgermeister von heute in zehn Jahren – hui, hui . . .«

Er ahmte den berühmten Pritschenschlag des Hanswursts als Mörder nach und verschwand an der Biegung der Galerie, indem er ein provenzalisches Lied mit unzüchtigem Refrain vor sich hin trällerte.

»Er hat gut reden, der Pavian mit seinem Hui, hui . . . Wie werde ich mich schadlos halten, wenn die Ehe abgeschafft wird?«

Der so sprach, war Robert von Fabry, ein hübscher brünetter Mann, ein Freund Wilkies, Zeuge bei seinem letzten Duell, der jüngste Deputierte der Kammer, in die ihn die Wähler von Guadeloupe geschickt hatten.

»Princeps juventutis. . .« Auch ihm legte der ehemalige Professor diese Bezeichnung Virgils bei, denn die Bravour des Kreolen, sein exaltiertes Jakobinertum, das, wie alles, was von den Kolonien kam, übertrieben war, flößte ihm Sympathie ein. Aber diese Sympathie kam Vater Izoard sehr hoch zu stehen, denn im Palais Bourbon hatte es nie einen solchen tollen Spieler gegeben wie diesen jungen Robert Macaire.

»Ah, mein alter Meister!«

Er stürzte sich auf Pierre Izoard und entriß ihn dem Arme Raimunds, der sich stellte, als erkenne er ihn nicht, obwohl er ihn unzähligemal mit Wilkie getroffen hatte.

»Ah, alter Haudegen, alter Hadschi von Achtundvierzig, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen, wie warm machen Sie mir das Herz! In dieser Wärme kräftigen und erneuern sich meine jungen Überzeugungen.«

Und ganz leise flüsterte er ihm ins Ohr:

»Könnten Sie mir zehn Louisdor borgen?«

Der kleine, weiße, glattrasierte Kopf schüttelte sich mit einem sehr energischen Nein.

»Sie wissen, nicht auf lange Zeit – vor Schluß der Session werde ich Ihnen diese zehn Louisdor und ihre kleinen Vorfahren sehr pünktlich zurückgeben.«

Er hatte ihn, um sich von Raimund und den Saaldienern zu entfernen, in die Nische eines halb offenen Fensters gezogen und erklärte ihm, daß er eben der Kommission mit ungeheurem Erfolg seinen Bericht vorgelesen habe.

»Was für einer Kommission?«

Der Kreole deutete mit dem um seine Fingerspitzen fliegenden Monocle in den Hintergrund des Ganges.

»Bureaus sechs und sieben, neue Fahrpost nach Montevideo, Buenos Aires. Eine großartige Partie, die der Marineminister uns in diesem Augenblick vollends gewinnt.«

Pierre Izoard runzelte seine dicken Augenbrauen.

»Wird der etwa auch an die Kasse Jacques Walters gehen?«

»Warum nicht?« rief der Kreole, indem er seine weißen, zu weit auseinanderstehenden Zähne sehen ließ. »Das wird kein gestohlenes Geld sein. Wenn ich als Berichterstatter fünfzigtausend Franken beziehe, so ist es nicht zuviel, wenn der Minister hunderttausend bezieht.«

Ein Schweigen entstand, das nur von dem Gepiepse der Sperlinge unterbrochen wurde. Der alte Mann riß sich rauh vom Fenster los.

»Herr von Fabry, Sie sind ein Zyniker. Sie haben da einen Mann verleumdet, den ich noch immer für einen Ehrenmann, für einen Republikaner der guten Zeit halte, der jeder Gemeinheit unfähig ist. Da sind Ihre zehn Louisdor, junger Mann, und kommen Sie mir nicht mehr vor die Augen.«

Mit flammendem Gesicht und hervorquellenden Augen zog er aus seiner Husarenhose, die auch aus der guten Zeit stammte, eine Handvoll Goldstücke, indem er zugleich seine Tasche samt den Schlüsseln, der Uhr, den Anhängseln und dem Federmesser schüttelte, und warf sie mit einer Bewegung des Ekels in die ihm entgegengestreckte behandschuhte Hand des feinen Bettlers. Dann nahm er Raimund beim Arm.

»Komm, mein Junge; der Minister wird noch einige Zeit brauchen – erwarten wir ihn im Vorsaal!«

Und er zog ihn im Eifer seines Zornes mit sich.

»Was wandelt ihn denn an, den Vater Izoard? Er wird kratzbürstig, da muß man aufpassen.«

Der junge Deputierte sprach diese Worte ganz laut, damit die Türsteher, die Zeugen dieser Szene, sie hören könnten. Dann ließ er ein Goldstück nach dem andern in seine Weste gleiten, und da seine Arbeit getan war, drehte er sich auf dem Absatz um, indem er eine jener köstlichen russischen Zigaretten anzündete, die seine Freundin, die Prinzessin Nadaloff, ihm samt einer Dose Kaviar ins Erfrischungszimmer geschickt hatte.

Während dieser Session wurde in der Kammer viel geraucht. Man rauchte in den Gängen, in den Bureaus, besonders die Deputierten der Generation Gambettas, die Männer zwischen fünfunddreißig und fünfzig mehr als die ganz alten und die jungen. Robert von Fabry bildete wegen seiner kolonialen Abstammung eine Ausnahme. Dem jungen Eudeline, der das Palais Bourbon noch nie so eingehend studiert hatte wie an diesem Tage, oder dessen Augen früher noch nicht offen gewesen waren, fiel auch eine andre Einzelheit auf. Die Deputierten hatten, wenn sie in den Gängen, den Vorhallen spazierengingen und plauderten, alle dieselbe Art und Weise, einen Arm um die Schulter des Gefährten zu legen und mit gönnerhaft belehrendem Wesen den Kopf zu senken. Diese Vertraulichkeit mißfiel nicht, wenn sie von einem Führer der Kammer, einem jener vier oder fünf Chefs der Claque kam, die die ganze parlamentarische Komödie leiten. Mit einem Male erinnerte sich Raimund, daß es, wenn man sich etwas anzuvertrauen hatte, auch im Verein der Studenten, im Komitee der Dreiunddreißig, Brauch war, sich während des Plauderns um die Schulter zu fassen.

»Worüber lachst du?« fragte der alte Herr.

Nachdem Raimund ihn aufgeklärt hatte, monologisierte Izoard, seinen langen, weißen Bart durcheinanderwühlend:

»Ja, Deputierter! Das ist der Marschallstab des jungen Bürgertums, die Macht, von der alle heutigen Studenten träumen. Wirklich, es ist mir leid, daß ich so roh zu dem kleinen Fabry war. Der Junge ist vor seiner Wahl nie nach Paris gekommen und sah sich nun verteidigungslos den Versuchungen von Paris gegenüber. Mir scheint, seine Wähler sind strafbarer als er. Nur Dummköpfe können die Leitung des Landes, seine Gesetzgebung einem jungen, fünfundzwanzigjährigen Manne anvertrauen, dessen Leben noch ein glattes, weißes Blatt ist und dem die Erfahrung noch nicht jene sichtbaren Krähenfüße um die Augen, um den Lippenschluß schrieb, die hundertmal bedeutungsvoller sind als das Siegel einer Fakultät auf einem Diplom. Ich habe entschieden unrecht gehabt. Nicht an Fabry hätte ich meinen Zorn auslassen müssen. Da ist die Bande von Cadufe, Barnès, Valfon, dieser Haufen von Händlern und Genüßlingen, die im Parlament nur da sind, um Geschäfte zu machen, die mit ihrer Stimme handeln. Aber ihr größtes Verbrechen besteht doch darin, daß sie den Stand der Gewissen täglich mehr herabsetzen, die Luft um sich verderben. An diesen sollte man sich üben, ihnen von oben bis unten das Fell gerben. Oh, diese Räuber! Was machen sie aus dieser Kammer, und was wird diese Kammer aus unserm Lande machen!«

Er wurde während des Sprechens immer lebhafter, und seine südländische Trompetenstimme hallte durch die hohen Vestibüle, trotzdem Raimund ihn warnte, indem er seinen Arm drückte und die Stimme senkte, um ihn an den Tonfall eines Gespräches zu zweien zu erinnern.

»Unter uns, Meister Izoard, ganz unter uns – ist es war, daß es im Parlament Spitzel gibt?«

»Wieso denn Spitzel? Meinst du damit Deputierte im Solde des Polizeipräfekten oder des Direktors der Sicherheitspolizei? Himmelschockschwerenot! Weiter fehlt uns nichts als diese Schändlichkeit!«

Der Marseiller blieb vor Verblüffung und Empörung wie angenagelt stehen. Fast gleich darauf aber schüttelte er mit der Beweglichkeit, der Eindrucksfähigkeit seiner Rasse seine Bestürzung wieder ab.

»Nun, schließlich ist die Polizei dünn genug, um überall hineinzuschlüpfen. Habe ich dir schon einmal mein Abenteuer im Klub Barbès im Jahre achtundvierzig erzählt?«

Er sagte das in dem schüchternen, unruhigen Tone armer alter Leute, die wegen ihres Widerkäuens um Entschuldigung bitten, und Raimund ergab sich darein, die Geschichte vom Klub Barbès wieder einmal anzuhören. Aber jetzt kamen sie im Vorsaale an, wo einige junge Leute bei dem Tisch am Eingange mit Schreiben beschäftigt waren. Sie grüßten den alten Stenographen im Vorübergehen mit einem freundlichen Lärm, der seiner Erzählung ein Ende machte.

»Ah, da ist der alte Geiferer!«

»Es lebe die Soziale, Bürger Izoard!«

»Faï; tira, Marius . . . wenn Paris eine ›Canebière‹Straße in Marseille. hätte . . .«

Der Marseiller schritt, lebhafte Entgegnungen und kräftige Händedrücke austeilend, weiter, ohne stehenzubleiben.

»Das sind Journalisten,« sagte er zu dem jungen Eudeline, den er mit sich zog. »Gute Jungen, wenn auch ein bißchen schwach an Geist und Seele. Man trifft sogar ehrliche darunter, aber im allgemeinen ist die Luft der Couloirs ihnen so verhängnisvoll wie allen andern.«

Raimund wunderte sich, daß sein alter Freund fortwährend widerhaarig war.

»Nun, Herr Izoard, Sie sind ja doch auch Republikaner.«

»Republikaner aus der guten alten Zeit. Republikaner von 1848 wie dein Vater.«

»Und Sie sind nicht zufrieden? Warum?«

»Weil die Franzosen nichts anzufassen wissen, weil sie alles zerschlagen. Gewiß war das Handwerkszeug der Republik trefflich, es hatte ja noch so wenig gedient! Aber wir haben es sofort zusammengeschlagen.«

In der riesigen, mit Marmor gepflasterten und getäfelten Galerie hörte man, wie in einer Kirche oder in einem Museum, ringsum das unbestimmte Brausen einer Menge, ein fortwährendes Gehen und Kommen der ehrenwerten Deputierten, die disputierend auf und ab schritten, indem sie sich hierarchisch um die Schulter gefaßt hielten; da und dort sah man auf einer Bank einen Deputierten in vertraulichem Gespräch mit irgendeinem hervorragenden Wähler, den er nicht im Nebensaal empfangen wollte, wo man die geringen Leute, den Ausschuß eintreten ließ.

»Komm hierher, Junge,« sagte der Alte, indem er in diesen Sprechsaal trat. »Ich habe eben gesagt, daß die Republikaner in Frankreich nicht wissen, wie sie sich ihrer Werkzeuge bedienen sollen. Du wirst jetzt die furchtbare Wunde sehen, die das Land sich mit dem allgemeinen Wahlrecht zufügt – das ganze Blut aus seinen Adern fließt aus dieser Öffnung. Da sieh nur.«

Eine hölzerne Schranke, wie man sie beim Einlaß der Theater sieht, trennte die Galerie, in der sie sich befanden, von einer großen, glasbedeckten, mit einem lärmenden Publikum erfüllten Halle. Jeden Augenblick übergab ein vor der Schranke stehender Kammertürsteher einem andern, der neben dem Eingang an einem Tischchen saß, die Karte eines Wählers samt dem Namen des Deputierten, den er zu sprechen wünschte. Ein dritter Diener machte sich dann auf, um diesen Deputierten zu suchen, seinen Namen von Saal zu Saal zu rufen.

Pierre Izoard, der der ganzen Dienerschaft wohlbekannt war, brauchte nur dem Huissier Loustalet, einem wolligen Weißkopf, ein Zeichen zu machen, und jener machte ihnen an seinem Tischchen Platz.

»Die Herren können sich die Komödie aus der ersten Reihe ansehen,« murmelte Loustalet, indem er sich den Schweiß von der Stirn und den Wangen abwischte, die so rot waren wie die Streifen an seiner Mütze.

Die ersten waren gerade Leute aus seiner Gegend, die Restoubles von Régalion, Departement Var. Der älteste Restouble, Besitzer des »Cafés der Weißen« und der privilegierte Wirt der Gendarmerie, war vor mehr als einem Jahre gestorben; seither hatte sich der Besitzer des »Cafés der Roten« die Einquartierung der Gendarmen verschafft, was für die arme Frau Restouble der Ruin war, – denn die »Weißen« verzehrten nicht halb so viel wie die »Roten«, und ihr Kaffeehaus trug ihr gar nichts ein. Als die beiden Brüder ihres Mannes, von denen der eine Pfarrer von Régallon, der andre Gemeindesekretär war, das sahen, setzten sie sich mit der guten Dame und ihrer Kleinen auf die Eisenbahn, fest entschlossen, nicht nach Hause zurückzukehren, bis Herr Trescol, der konservative Abgeordnete, der armen Frau entweder die Einquartierung, die ihr das Leben ermöglichte, oder einen Ersatz verschafft haben würde.

Mit welcher Angst wurde daher der ehrenwerte Herr Trescol erwartet, was für ein Theatercoup war es, als die lange, dürre Silhouette des ehemaligen Staatsanwaltes von Draguignan hinter der Schranke erschien! Er rümpfte hinter der Brille mit den schwarzen Gläsern verächtlich die große Nase und betrachtete mit derselben bestürzten Grimasse nacheinander die Karte, auf der der Name Restouble prangte, und das gelb und grün gekleidete Mädchen, das ihm eine Dame mit einem Pferdekopf wiehernd präsentierte.

»Was wollen diese Leute von mir? Ich kenne sie absolut nicht,« besagte die energische Mimik Herrn Trescols. Plötzlich trat der Pfarrer von Régallon an der Seite seines Bruders, des Gemeindesekretärs, an die Schranke. Diese beiden Herren ergriffen jeder eine Hand des Kindes, und nun bürge ich euch dafür, daß der ehrenwerte Trescol das von so wichtigen Wählern vorgestellte kleine Fräulein Restouble sehr rasch erkannte. Was für eine plötzliche entzückende Veränderung ging mit ihm vor! Jetzt lächelte er, beugte seine lange Gestalt herab, klopfte dem Kinde die Wangen, das Grübchenkinn und machte ihm Possen vor, die zu der schwarzen Brille, dem strengen Backenbart des alten Rechtsrockes gar nicht paßten. Zuletzt ging er ihnen voran in die Nebengalerie, wo es sich besser plaudern ließ, und während sie hocherhobenen Hauptes hinter der Schranke verschwanden, sah die immer zunehmende Menge der Wähler ihnen neidisch nach. Dann übergab man dem Huissier neue Namen, ließ andre Deputierte rufen, immer wieder andre Deputierte . . .

»Was sagst du zu dieser Blutegelarbeit?« fragte der alte Herr, der mit Raimund wieder in den Vorsaal zurückgekehrt war. »Du kannst dir doch denken, daß man die Gendarmen nicht wieder in dem ›Café der Weißen‹ einquartieren wird, nachdem sie seit drei Monaten im ›Café der Roten‹ untergebracht sind. Frau Restouble braucht daher ein Postamt oder eine Trafik, ganz abgesehen davon, daß die Brüder nicht umsonst die Reise gemacht haben werden. Der Sekretär, der vor seiner Pensionierung steht, wird eine Einnehmerstelle verlangen; der Priester wird noch mehr kosten, denn er ist der erste Abrichter des Trescolschen Stalles. Und die Erpresserei, diese Stellenjägerei, der wir seit fünf Minuten beiwohnen, wird bis zum Abend währen, wird morgen wieder anfangen, bis die Session zu Ende geht, bis eine andre eröffnet wird, bis das erschöpfte Frankreich keinen Tropfen Blut mehr in den Adern haben wird.«

Sie machten schweigend ein paar Schritte durch die riesige Galerie, in die immer mehr Deputierte hereinströmten, je näher die Eröffnung der Sitzung heranrückte. Der neue Marineminister war zweifellos noch in der Kommission, denn niemand hatte ihn bisher noch gesehen. Während Raimund Eudeline umherschaute, stellte er an den alten Freund eine Frage: Was seiner Ansicht nach geschehen müßte, um die Regierung gesünder, besser zu machen?

»Oh, sehr vieles, mein Kind – aber vor allem müßte man die Kammer auf zwei, drei Jahre schließen. Die Franzosen werden während dieser Zeit lernen, ihr Leben anderswo zu suchen als in der Speisekammer des Staates. Ich würde die Tür der Kammer schließen, aber, wohlverstanden, die Fenster öffnen, um zu lüften, um alles zu reinigen; denn in diesem Palais Bourbon ist die Pest. Die Steine sind ebenso befleckt wie die Menschen, und darum verbreitet sich die Krankheit so rasch. – Da, da drüben hast du unsern neuen Marine- und Kolonienminister. Gib acht, ob er nicht im Begriffe ist, in diesem Augenblick irgendeinen bösen Aussatz zu bekommen.«

Marc Javel, dickwanstig und dickhalsig, in einem schwarzen Überzieher und grauen Beinkleidern, lehnte mit seiner behaglichen Miene und den geschmeidigen Bewegungen eines Sportsmannes an dem Sockel des Laokoon, dessen grünliche Bronzefigur sich an einem der äußersten Enden des Vorsaales schmerzlich wand. Er war sehr umschwärmt und genoß die Freude über sein erstes Portefeuille; denn bisher war er nur Unterstaatssekretär gewesen. Robert von Fabry und Jacques Walter, die sich eifrig mit ihm unterhielten, zogen sich diskret zurück, als sie den langweiligen alten Peter, wie der junge Deputierte von Guadeloupe ihn nannte, kommen sahen.

»Danken Sie mir, Herr Minister, ich habe Sie von zwei Gaunern befreit,« lachte der Doyen der Stenographen spöttisch.

»Nun, nun, Maître Izoard, etwas nachsichtiger gegen die Jugend!«

Das war nur eine leise Abschattierung, aber man fühlte heraus, daß der Ton, die Manieren Marc Javels sich zu seiner neuen Größe aufschwangen. Ein ein oder zwei Finger breiter Sockel schob sich unter die Füße des Staatsmannes. Das merkte man vor allem an der feierlichen Art, womit er Raimund begrüßte, als der Marseiller ihn vorstellte.

»Der Sohn unsers Kameraden Eudeline, eines Republikaners, wie man ihn heute nicht mehr sieht.«

»In der Tat, ich bin mit Ihrem Herrn Vater manchmal zusammengetroffen,« sagte der Minister, das Wort »Herr« betonend, indem er dem jungen Manne wie einem Untergebenen und Unbekannten jenes leichte, ablehnende »Guten Tag« zunickte, das jede Antwort verbietet. »Ich habe ihm das Andenken eines treuen Soldaten der Republik bewahrt.«

Der alte Herr, den dieser Satrapenempfang in Wut zu versetzen begann, unterbrach ihn nervös.

»Victor Eudeline und Sie, Herr Minister, gehörten, soweit ich mich erinnern kann, derselben Loge an, und bei unsern berühmten Karfreitagsdiners nahm Eudeline Ihre Stelle ein, wenn Sie nicht auf dem Präsidentenstuhl saßen. Man muß sagen, zu jener Zeit fehlte man selten bei jenen Protestfeierlichkeiten der Freidenker, während heutzutage . . .«

Der Minister lächelte, indem er seinen Schnurrbart strich. In der Tat, er verbarg das nicht. Dieser Protest gegen den Karfreitag erschien ihm jetzt kindisch, vor allem verletzend gegen die neue Generation, die nicht wie ihre Voreltern dachte.

»Ei, mein lieber Herr, auf dieser selben Stelle habe ich vor einem Augenblick mit einem unsrer jüngsten Deputierten gesprochen . . .«

»Fügen wir hinzu, einem unsrer ehrlichsten,« murmelte der alte Flußgott in seinen langen Bart.

Marc Javel schien ihn nicht gehört zu haben.

»Nun denn, Herr von Fabry, der Freund Wilkie Marquès' und sein Zeuge bei dieser unglückseligen Affäre Jacquand, erzählte mir, daß die Zeugen – fast lauter junge Leute –, als sie den Ernst der Wunde erkannten, in vollkommener Übereinstimmung einen Priester und eine Krankenschwester von Saint-Vincent an das Lager des Kranken setzten. Sie achteten seine Überzeugung. Das ist eine sehr bedeutungsvolle Tatsache.«

»Freilich, zu meiner Zeit kamen die Kutten nicht aufs Terrain mit, wenn wir einen Ehrenhandel hatten!« rief der Alte mit funkelnden Blicken. »Auf jeden Fall, glauben Sie mir, Herr Minister: mag dieses Parlament auch junge, neue Kräfte enthalten – falls die aufsteigende Generation bigott ist, wird das Land nichts dadurch gewinnen, wenn sie die Macht in die Hand bekommt. Wir hatten Schurken, jetzt werden wir Heuchler haben.«

Er geriet in Aufregung und sprach sehr laut. Die Deputierten, die um den Minister kreisten, näherten sich mit zögerndem, erwartungsvollem Lächeln. Marc Javel warf einen nachsichtigen, strengen Blick in die Runde.

»Sie sprechen immer von Schurken, lieber Herr Izoard, aber wo sehen Sie denn so viele?«

»Man müßte sich die Augen ausreißen, um sie nicht zu sehen, Herr Minister.«

Und in dem zahnlosen lyrischen Ton Frédérick Lemaîtres, einer Zierde seines Zeitalters, deklamierte der Marseiller nachdrucksvoll:

»Nicht alle starben, aber alle sind getroffen.«

Dann deutete er auf einen dicken, fahlen, kahlköpfigen Herrn, der mit zurückgeworfenem Kopf und breit aufgeschlagenem Überzieher in einem Fahrwasser von untertänigen Verbeugungen daherkam, und fuhr mit seiner natürlichen Stimme fort:

»Da ist Ihr Kollege Bourey, neben dem Sie heute früh im Ministerium saßen. Werden wir den auch einen Ehrenmann nennen? Als dieser ehemalige Schulmeister das Post- und Telegraphenwesen übernahm, war er arm und dürr wie ein Stock. Sehen Sie sich doch jetzt diese Speckschwarte an – und natürlich ist er reich. Er wird noch reicher werden, wenn die Kammer seinen Gesetzentwurf über die Herstellung der Telegraphendrähte aus Aluminiumbronze durchbringt. Jacques Walter verhehlt nicht, daß für die guten Trinkgeldempfänger der Kommission Millionen vorrätig sind.«

Aus den Gruppen erhob sich ein mißbilligendes Gemurmel, das den Minister ermutigte, seinem Gegner einen kleinen Hieb zu versetzen.

»Sie gehen zu weit, lieber Herr Izoard.«

»Zu weit! Fragen Sie doch den jungen Eudeline – seine Schwester ist im Haupttelegraphenamt angestellt. Er soll Ihnen erzählen, wie Bourey es anstellt, um die Miete der Casati, der hübschen Tänzerin von den Folies Bergères, vom Staate zahlen zu lassen. Im Haupttelegraphenamt, in der Rue de Grenelle, kennt jeder Mensch den Kniff mit der Miete – die prachtvolle Wohnung wurde zu einem Spottpreis überlassen, unter der Voraussetzung, daß der Minister sich verpflichte, sie für die Regierung zu mieten . . .«

Marc Javel zuckte die Achseln.

»Ist dieser Izoard aber ein Kind! Ist der aber jung geblieben! Und steht doch so nahe vor der Pensionierung!«

Dann wandte er sich zu Raimund, ohne die Blässe zu bemerken, die bei diesem Wort »Pensionierung« das Gesicht des Marseillers plötzlich überzog.

»Hören Sie mal, junger Mann, die Zeit drängt, wir wollen in die Sitzung. Was haben Sie für ein Anliegen?«

War es die majestätische Umgebung, dieser Parlamentspalast mit den breiten, lichtüberfluteten Fenstern, den Deckenmalereien, den marmorstarrenden Wänden, war es der neue Titel Marc Javels, der dünkelhafte Empfang, kurz, der Sockel, das Wachsen des Sockels – noch nie hatte Raimund in Gegenwart seines Beschützers eine ähnliche Erregung und Schüchternheit empfunden. Er wollte von Antonin, von der Auslosung sprechen, die für den armen Jungen heranrückte, von der grausamen Verantwortlichkeit, die der Vater dem ältesten Sohne hinterlassen hatte – aber für keinen dieser Gedanken fand er den richtigen Ausdruck. Er stotterte wie sein Bruder. Zuletzt erbarmte sich Pierre Izoard, der sich selbst von seiner Verwirrung erholt hatte, des braven Jungen.

»Laß mich reden, Kleiner, sonst kommst du nie zu etwas. Erstens gibt es Dinge in dem Leben deines Vaters, von denen du nichts weißt, die er uns im Sterben anvertraute, die deine Mutter, Marc Javel und ich allein kennen.«

Der Minister schnitt mit einem teilnehmenden Seufzer eine Grimasse.

»In der Tat, ich erinnere mich an die traurige Episode, auf die Sie anspielen. Der arme Victor Eudeline, das war auch einer, der für Geschäfte nicht geschaffen war.«

»Er hat es doch verstanden zu sterben, um seine Kinder von Elend und Schande zu retten. Das ist Stärke genug.«

Kaum war die Antwort losgeschossen, so bereute Pierre Izoard und fragte den Minister sehr demütig, ob er dem jüngeren der Brüder Eudeline nicht eine der Vergünstigungen verschaffen könnte, die der ältere so reichlich erhalten hatte, nämlich eine einjährige Dienstzeit statt der fünfjährigen und alle Erleichterungen, um das Brot des Hauses auch ferner zu verdienen. Denn es mußte zugegeben werden: von den beiden Brüdern – Raimund, der beim großen Konkurs einen Ehrenpreis in der Philosophie errungen hatte, dem Doktor der Rechte, dem Lizentiaten, und Toni, dem jüngeren, dem armen Elektriker – hatte, trotz der gleichen Dosis von Energie und gutem Willen, bisher nur der Arbeiter die ganze Familie erhalten, die Arbeit der wirklichen »Stütze der Familie« getan. Er mußte die Vorteile dieser Stellung genießen, da er alle Lasten getragen hatte.

Ach, der alte, verblendete Schwätzer, welches Mittel gab es, um ihn zum Schweigen zu bringen! Jedes seiner Worte verletzte den Stolz des älteren Bruders, der jetzt wütend war, daß er diesen Schritt versucht hatte, und es noch mehr ward, als der Minister seine für die ihn umgebenden Deputierten klug berechnete Antwort erteilte.

»Seit einer Stunde, lieber Herr Izoard,« sagte Marc Javel, indem er sich anmaßlich und dünkelhaft mit dem Daumen im Armlochausschnitt seiner Weste hin und her wiegte, »seit einer Stunde führen Sie diesen jungen Mann durch die Couloirs der Kammer, um ihn zu überzeugen, daß sie von lauter Lumpen bevölkert sind. Nun denn, ich will, daß er von hier den Beweis und die Überzeugung mit sich nimmt, daß die Gesetzgeber die Gesetze zu achten verstehen und Achtung vor ihnen fordern. Als ältester Sohn einer Witwe und Stütze der Familie hatte Raimund Eudeline Privilegien, Vorrechte, auf die der jüngere nicht Anspruch erheben darf. Man soll also nichts von mir erhoffen, nicht den Schatten einer Begünstigung oder Empfehlung; das wäre eine Ungerechtigkeit, deren ich vollkommen unfähig bin. Und jetzt, meine Herren, da kommt der Herr Präsident; gestatten Sie mir, ihn zu begrüßen, ehe er seinen Sitz einnimmt.«

Er winkte ihnen mit den Fingerspitzen lebhaft Adieu zu und folgte der Menge, die wieder in den Hintergrund drängte, von wo Kommandoworte und das rhythmische Aufstoßen der Gewehrkolben auf den Fliesen widerhallten.

»Jetzt ist es aus, jetzt kenne ich Marc Javel,« sagte Vater Izoard, indem er den Arm des betäubten Raimund ergriff. »Jetzt verstehe ich, daß er in dieses Ministerium Valfon eingetreten ist. Er ist ein ebensolcher Gauner wie die andern, aber er hat Haltung, was ihnen fehlt, und eine Zuversicht, die ihn weiter bringen wird als alle andern. Aber deine Mutter muß fortan darauf verzichten, auf ihn irgendwie zu rechnen.«

Die beiden Freunde hatten sich inmitten einer Schar von Deputierten und Journalisten dem Sitzungssaal genähert, der seit einem Augenblick geöffnet war. Zwei Reihen Bajonette und roter Hosen zogen sich vom Eingange dieses Saales bis zur Galerie entlang, die zu den Privatgemächern des Kammerpräsidenten führte. Von dort aus sah man ihn kommen, begleitet von zwei Offizieren, die mit gezogenem Säbel neben ihm einherschritten. Er war der richtige Typus eines Präsidenten; er hatte eine friedliche Haltung, einen Oberkörper, der länger war als die Beine, und lockiges, ergrauendes Haar, um das die breiten flachen Ränder eines Zylinders eine Aureole bildeten. Als er erschien, neigten sich alle Stirnen. Eine Stimme kommandierte: »Schultert 's Gewehr!« und in dem Echo der hallenden Gewölbe schlugen die Trommler den Marsch.

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