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Die Stimme des Blutes

Michael Georg Conrad: Die Stimme des Blutes - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMnchen
isbn3-927984-55-8
titleDie Stimme des Blutes
pages93-100
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1885
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Michael Georg Conrad

Die Stimme des Blutes

(1885)

Der eine stieß den andern an: »Na, das war eine Leistung, mein Lieber! An diese Fahnenweihe will ich meiner Lebtag' denken.«

Hastig entfernten sich beide Kameraden und stolperten die dunkle Treppe hinab.

Die alte, wurmstichige Bettlade krachte in allen Fugen, als Balzers Leib quer über den hochaufgefüllten Strohsack hinschlug. Zuerst lag er auf dem Bauche, da aber der Schädel auf eine harte Kante traf, so brachte der plötzliche heftige Schmerz den Betrunkenen soweit zur Besinnung, daß er eine drehende Bewegung versuchte, um auf den Rücken zu kommen.

Nein, auch das war noch nicht die rechte Lage; es ging nicht mit dem Atmen. Endlich, nach allerlei mechanischen Reckungen, Drehungen und Wälzungen war es ihm gelungen, den schweren Körper so zu betten, daß Kopf und Brust hoch und frei lagerten, und wenigstens das linke Bein und der rechte Arm ausgestreckt Raum fanden, während die beiden andern Gliedmaßen über die schmale Bettlade starr hinabhingen, als wären sie nur ganz lose am Leibe befestigt.

Nun lag er im festen Schlafe, noch angetan mit dem Feststaate des Veteranen, der Held, dem der gewohnheitsmäßige starke Biergenuß im Bunde mit der heißen Augustsonne heute bei der Vereinsfahnenweihe so übel mitgespielt, daß er selbst bei dieser außerordentlich feierlichen Gelegenheit sich nicht einmal am hellen Tage des Rausches erwehren konnte, vor dem er früher nur nach den öden Anstrengungen des verbummelten Werktages und in tiefdunkler Nacht zu kapitulieren pflegte. Aber wer einst so wild und siegreich mitgefochten in einem halben Hundert Schlachten, zuerst für den König, dann für Kaiser und Reich und heute noch, wenn Not an den Mann ginge, gegen Russen und Slovaken und Franzosen losschlagen würde wie der hitzigste blaue Teufel, der kann sich zur Abwechslung doch auch den Triumph seiner Niederlage vor der Übermacht des Bieres gönnen? Und der schöne dicke Balzer von Schwabing, gebürtig aus Dachau, gönnte sich von Jahr zu Jahr reichlich diesen Triumph. Ja, er war schon geneigt, sich auf seine Räusche nicht weniger einzubilden, als auf seine vergangenen und künftigen Feldzüge – Kreuzkanonendonnerwetter!

Nur etwas störte sein Heldentum aufs verdrießlichste: die abfällige Kritik seiner Frau Franziska und die boshaften Bemerkungen der Nachbarn.

Es half nicht immer, daß er sich vorredete: »Ach was, schwache Seelen, nüchterne Spießbürger, die nie im Feuer gestanden und drum auch nie den rechten Soldatendurst begreifen. Man muß Pulver und Blut gerochen haben!«

Trotz seines martialischen Dreinsehens wurde ihm oft sehr bänglich zumute, wenn die Blicke seiner Frau schmerzlich vorwurfsvoll auf ihm ruhten. Sie machte wenig Worte, die strenge Franziska, aber ihre mächtigen dunklen Augen sagten mehr in ihrer stummen Beredsamkeit, als eine lange Predigt.

Mit den Jahren wurde der Veteran jedoch auch in diesem Punkte härter. In dem Maße wie seine Schulden wuchsen, die auf dem einst so billig erworbenen Häuschen mit dem großen Gartengrundstück an der Schwabinger Landstraße lasteten, steigerte sich auch seine wirtschaftliche Rücksichtslosigkeit und seine eheliche Herzensverhärtung.

»Balzer, denk' an die Zukunft!«

»Kreuzkanonendonnerwetter! Wir werden noch schöne Kriege erleben und Blut in Strömen fließen sehen!«

Zwei Kinder waren ins Haus gekommen; das jüngste starb bald nach der Geburt, das älteste entwickelte sich langsam. Es war ein schmächtiger Junge mit nachdenklichen Augen. Nach längerer Pause kam noch ein Mädchen, der Liebling der Mutter. Balzer wunderte sich über diesen Zuwachs und konnte keine rechte Neigung zu ihm fassen. Schon daß es kein Knabe war, behagte ihm nicht. Das Familienleben wurde ihm überhaupt immer unangenehmer. Da war doch in den Vereinen, denen er angehörte, besonders in dem der Veteranen, eine ganz andere Gemütlichkeit und Lustigkeit und Hochachtung!

Und gerade heute, wo die lange vorbereitete festliche Fahnenweihe begangen wurde, mußte er sein Weib zerknirscht und aufgelöst in Tränen sehen, weil sich der Zustand des plötzlich erkrankten, kaum zweijährigen Mädchens zusehends verschlimmerte. Aber die Vereinspflicht ruft, und die fröhlichen Maßkrüge winken gar herausfordernd. Nur keine Spitalstimmung!

»Dein Kind liegt im Sterben, du sollst heimkommen!« wurde ihm gegen Abend gemeldet.

»Kreuzkanonendonnerwetter!« lallte der stark betrunkene Held. Zwei Kameraden geleiteten ihn nach Hause. Auf dem endlos langen Wege durch die Ludwigstraße fuhren von fünf zu fünf Minuten schrecklich überfüllte Trambahnwägen, mühsam gezogen von einem einzigen schweißtriefenden und keuchenden Pferdchen, an ihnen vorüber, und es fehlte nicht an lachenden Spottreden von seiten der lustigen Fahrgäste über das im Staube und in der Hitze der Straße lautlos dahinschwankende Veteranenkleeblatt.

Erst jenseits des Siegestores ließ sich die frischere Abendluft von den englischen Anlagen her spüren, und leise rauschten die hohen Pappeln, welche in kurzen, regelmäßigen Abständen die Schwabinger Landstraße säumen.

Es nachtete bereits, als sie Balzers Häuschen nach unsäglicher Beschwernis erreichten. Sie lehnten den heldenhaft betrunkenen Kameraden an die Wand des Vorraums gerade der Tür gegenüber und öffneten diese mit tastender Hand, ohne anzuklopfen.

Auf einem niedrigen Rohrstuhle saß Franziska, das Haupt über die Wiege gebeugt und ängstlich auf die kurzen Atemzüge des todkranken Lieblings lauschend. Bei dem plötzlichen schweren Geräusch fuhr sie in die Höhe, und im rötlichgelben Scheine der Petroleumlampe, welche der Wiege abgewandt auf dem tiefen Fenstersimse brannte, erblickte sie die jämmerliche Gesellschaft der Eindringlinge in verschwommener Silhouette.

»Nicht über die Schwelle!« rief sie und ihre Gestalt stand drohend aufgerichtet in dem dämmerigen Gemach. Nun machte sie zwei Schritte vorwärts, ihre Augen funkelten in dem bleichen Antlitz, und während sie mit der erhobenen Rechten nach der Treppe wies, die nach der Dachkammer führte, schloß sie mit der Linken die Tür... »O die Schmach!« jammerte sie jetzt und fiel weinend an der Wiege nieder.

Balzer schlief noch immer. Zuweilen ging sein Atmen in Schnarchen über und klang, durch die Resonanz der ausgedörrten Bretterwände des engen Raumes verstärkt, wie der tiefgezogene Ton einer Baßgeige. Erst nach Mitternacht, als eine stark abgekühlte Luft durch die Dachluke strich, wurde sein Schlaf unruhiger und allerlei Traumfragmente gaukelten durch sein benebeltes Gehirn.

»Kreuzkanonen... Schlaf, Kindl... Schlaf'! Nit sterben!...«

In der Angerfrohnveste hatte man wenige Tage vorher einen Gattenmörder geköpft. Eine grausige Abbildung der Hinrichtungsszene wurde von der »Münchner Volkszeitung« veröffentlicht und in Tausenden von Extrablättern verbreitet. Auch in Balzers Traum trat jetzt das schreckliche Bild. Der Mörder trug seine Züge, der Kopf, der vom Fallbeil in den Korb schnellte, zeigte seine eigene Physiognomie mit einem schauerlich jovialen Grinsen. Und nun sprang das Blut aus den Röhren des Rumpfes in immer mächtigerer Fülle und Hast, jetzt wie ein Sturzbach, jetzt wie ein angeschwollener Strom im wilden Wellengetriebe. Schon war der ganze Hof überschwemmt, und es rauschte und wogte und dampfte ohn' Aufhören. Alles war ertrunken und versunken ringsum, der Scharfrichter, seine Gesellen, die Gerichtsleute, die Soldaten, die Zeugen, die Zeitungsschreiber; nur das Mordinstrument mit dem angeschnallten armen Sünder-Leichnam schaukelte und hob sich wie ein Schiff auf den wogenden steigenden Wellen, und das breite Fallbeil gleiste rot im Widerschein der blutigen Flut. Und fort und fort stürzte sich der Blutschwall aus den Röhren des Rumpfes, der nun selbst immer riesigere Formen gewann, und das Rauschen und Tosen und Dampfen wurde immer erschrecklicher und der heiße, fade Blutgeruch immer erstickender. Und wie ein See, der in Stürmen und Wolkenbrüchen alle Schutzwehren zertrümmert und über seine Ufer hinausrast, so stürzte sich jetzt der schäumende Blutschwall über Mauern und Dächer mit unerhörtem Platschen und Rollen und Krachen hinweg, und München ging unter in der blutigen Überschwemmung. Im Nu war die ganze Welt nur ein einziges wütendes Blutmeer, Luft und Himmel nur Blut, Blut, Blut...

Mit einem dumpfen Schrei stürzte der halberstickte Träumer aus dem Bette. Nachdem der schwere Anfall vorüber, erhob sich Balzer, schleppte sich, stöhnend vor rasendem Kopfweh, an die Dachluke und stierte hinaus in die blutige Morgenröte und riß den Mund weit auf, um gierig die Morgenluft einzuatmen. Aber er fühlte sich so unsäglich elend, so zerschlagen, verdummt, ein gottverlassenes Jammerbild. Und Weib? Und Kind? – Das Blut, das Blut!

»Kreuzkano...« Nein, es will nicht heraus.

Unsicher schwankte er aus der Kammer bis an die Stiege, jedoch er fand den Mut nicht, weiterzugehen; an der ersten Stufe hockte er sich nieder und kauerte fröstelnd zusammen.

Franziska war die ganze Nacht nicht von der Wiege ihres sterbenden Lieblings gewichen. Sie saß immer noch auf dem niedrigen Rohrstuhle; von Zeit zu Zeit hob sie ihren Kopf, der auf ihren den Wiegenrand umklammernden Händen schlummerlos ruhte, und sah nach der heißgeliebten kleinen Dulderin. Keine Hilfe, wo das arme Menschenkind der Hilfe am bedürftigsten. Und das große Lebensweh für ein bißchen Liebe! Franziska schluchzte. Am Abend hatte das Gesicht des Kindes noch seine natürliche Farbe, nur das Auge blickte starr, und die Krämpfe waren heftiger. Nach Mitternacht ruhte das Körperchen ruhig unter der Decke, nur bisweilen geschüttelt von den Schmerzen der Atemnot. Franziska mühte sich, zwischen die zusammengepreßten Zähnchen einige Tropfen lindernder Arznei zu träufeln; sie faßte die fiebernden Händchen und netzte sie mit Tränen und Küssen.

»Gretchen, süßes Gretchen, siehst du deine arme Mama nicht mehr?«

Das Gesichtchen war wachsbleich geworden, nur selten flog ein jäher rosiger Glanz darüber; das Näschen spitzte sich, die Äuglein wurden glasig. Plötzlich hob Gretchen seine kleinen, lieben Arme, als wollte es hilfesuchend nach der Mama greifen, dann krampfte es seine Fäustchen ineinander, röchelte – und verschied.

Franziska tat einen gellenden, markerschütternden Schrei: »Liebling, bist tot? Bist tot? Gretchen, o mein einziges Gretchen!«

Der Schrei fuhr dem auf dem obersten Treppenabsatz eingeschlummerten Balzer wie ein Donnerschlag ins Gehirn. Ein Schauder überfiel seinen Körper, sein Blut stockte. Endlich raffte er sich auf und stieg die Treppe herab. Als er in die Stube trat, saß Franziska da wie eine Mater dolorosa, den kleinen Leichnam auf dem Schoße. Lange betrachtete er das schmerzensreiche Bild und brachte kein Wort hervor, er, der schöne, dicke Balzer, der Held so vieler Siege und ruhmreicher Niederlagen.

»O mein Kind«, stotterte er endlich.

Franziska wandte langsam den Kopf und faßte die übernächtigte Jammergestalt fest ins Auge mit einem unsäglichen Ausdruck von Trauer und Ekel.

»Dein Kind?« rief sie, »Dein Kind? Du hast keinen Teil daran. Es ist nicht dein Kind, Erbärmlicher! Geh!«

Balzer taumelte zurück, als hätte man ihn mit Fäusten auf die Brust geschlagen, und hielt sich am Türpfosten. Es wirbelte in seinem Gehirn, es brauste in seinen Ohren. Er sah wieder Blut, Blut, Blut -

Eine Stunde später saß er gebrochen auf der Bank hinter dem Hause. Vor ihm spielte sein bleicher Knabe, menschliche Figürchen aus Lehm knetend und wieder vernichtend.

»Bist du mein Kind?« fragte Balzer dumpf.

Das Kind sah zu ihm auf mit nachdenklichen Augen und antwortete nach einer Welle: »Ja freilich.«

»Was willst du einmal werden, Franzl?«

Das Kind spielte weiter ohne zu antworten. Eben schlug es wieder einer Figur den Kopf ab.

»Nicht wahr, du willst Soldat werden, wie dein Vater?«

»Nein, Papa, Scharfrichter werd' ich.«








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