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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Achtes Kapitel.

»Nun sind sie an einander. Ich muß doch seh'n.
Der verstellte, verhaßte Schurke, Diomed,
Hat denselben thörichten, vernarrten,
dummen kleinen Schelm zum Führer.«

Troilus und Cressida.

 

Um den Faden der Erzählung nicht zu einer Länge auszuspinnen, die den Leser ermüden könnte, müssen wir uns denken, zwischen dem Auftritt, womit das vorige Kapitel schloß, und den Begebenheiten, mit denen wir in diesem unsere Erzählung wieder aufzunehmen gedenken, sei eine Woche verflossen. Die Jahreszeit begann ihren Charakter zu ändern; die Grüne des Sommers machte schneller dem braunen und bunt gefärbten Gewand der Dürre Platz; die Himmel waren in treibende Wolken gekleidet, welche, in ungeheure Massen über einander gethürmt, mächtig im Sturm sich umhertrieben, und manchmal sich öffneten, um auf kurze Zeit Blicke nach der hohen, glorreichen Wölbung der Himmel zu gestatten, die in zu großer, dauernder Pracht thronen, als daß sie von den wandelvollen Bestrebungen der niederen Welt getrübt werden könnten. Unter ihnen rauschte der Wind durch die wilden, nackten Steppen mit einer Macht, die sich selten in andern, weniger offenen Theilen des Continents findet. Ein für Mythen empfänglicheres Jahrhundert hatte sich leicht einbilden mögen, der Gott der Winde habe seinen Unterworfenen vergönnt, aus der Höhle herauszudringen, und diese stürmten jetzt in voller Freiheit über die Wüsten, wo kein Baum, kein Menschenwerk, kein Berg, kein anderes Hinderniß sich ihren Spielen entgegensetzte.

Konnte man auch Nacktheit, wie gewöhnlich, als den durchgängigen Charakter der Stelle angeben, wohin wir jetzt den Schauplatz der Erzählung verlegen müssen, so war sie doch nicht gänzlich ohne alle Spur von menschlichen Bewohnern. Zwischen den einförmigen Erhöhungen der Steppe erhob sich ein einzelner nackter, zackiger Felsen an dem Rande eines kleinen Wassers, das, nachdem es sich eine bedeutende Strecke weit durch die Ebenen gewunden, seinen Lauf in einen der zahlreichen, tributbaren Bäche des Vaters der Ströme fand. Nahe dem Fuße dieses Felsens fand sich eine Niederung, welche von einem Dickichte, von Erlen und Sumach eingefaßt, noch die Spuren trug, daß sie einst ein niederes Gehölz genährt. Die Bäume selbst aber waren auf die Spitzen und Zacken der nahen Felsen gebracht worden. Auf dieser geringen Erhöhung fanden sich die Spuren von Menschen, worauf wir eben angespielt haben.

Von Unten gesehen stellten sie nur ein Brustwerk von Balken und Steinen dar, die so mit einander verbunden waren, daß man sah, man hatte sich aller unnöthigen Arbeit überhoben; dann gewahrte man einige niedrige Dächer, aus Rinde und Aesten; Verhaue, die eben so, wie die Vertheidigungswerke auf dem Gipfel beschaffen waren, und sich an solchen Stellen fanden, wo der Zugang zu der Anhöhe leichter schien, und eine Wohnung von Tuch, welche auf der Spitze einer kleinen Pyramide stand, die sich an einem Winkel des Felsen erhob; ihre weiße Decke schimmerte in der Entfernung, wie ein Schneefleck, oder – um die Vergleichung den Umgebungen mehr anzupassen – wie eine makellose, sorgfältig bewachte Fahne, die von dem theuersten Blut derer, welche die Citadelle unten vertheidigten, geschützt werden sollte. Es ist kaum nöthig noch hinzuzufügen, daß diese rohe, charakteristische Feste der Ort war, wohin sich Ismael Busch, nachdem ihm sein Vieh und seine Heerde geraubt worden, zurückgezogen hatte.

An dem Tag, zu welchem die Erzählung hinaufgerückt worden ist, sah man den Grenzwohner an dem Fuße eben dieser Felsen stehen, auf seine Flinte gelehnt, und den unfruchtbaren Boden, der ihn trug, mit einem Blick betrachtend, worin sich Verachtung und Unwille mischten. »Wir müssen jetzt unsere Natur ändern,« bemerkte er zum Bruder seines Weibes, der selten weit von seiner Seite war; »und Wiederkäuer werden, statt daß wir vorher als Christen und freie Leute zu leben gewohnt waren. Ich denke, Abiram, Ihr könntet schon ein Leben unter den Grasspringern mitmachen; Ihr seid ein behender Mann, und thätet's wohl den schnellsten Seglern zuvor.«

»Das Land hier können wir nicht brauchen« erwiederte der Andere, der nur wenig die erzwungenen Scherze seines Verwandten erwiederte; »und man muß bedenken, daß ein träger Wanderer eine lange Reise hat.«

»Soll ich einen Karren durch diese Wüsten Wochen, ja Monate lang hinter mir nachziehen!« entgegnete Ismael, der, wie Leute seiner Art, mit unglaublicher Anstrengung in Augenblicken der Noth arbeiten konnte, aber zu selten anhaltend sich zu mühen vermochte, um einen Vorschlag anzunehmen, welcher so wenig Ruhe versprach. »Das könnt Ihr wohl, die Ihr in Ansiedelungen wohnt, Ihr mögt nach Hause eilen; aber dem Himmel sei Dank, mein Pachthof ist zu groß, als daß ihm eine Ruhestätte fehlen könnte.«

»Wenn Euch die Pflanzung also gefällt, so braucht Ihr ja nur die Ernte heimzubringen!«

»Das ist leichter gesagt als gethan in diesem Winkel des Landes. Ich sage Euch, Abiram, wir müssen noch aus mehr als einer Ursache vorwärts dringen. Du weißt, ich bin ein Mann, der selten einen Handel eingeht, aber der immer seine Verpflichtungen besser erfüllt, als Ihr Spieler mit wortreichen Contracten auf Papierlumpen. Wenn Eine Meile, so sind noch hundert Meilen nöthig, um den Raum zurückzulegen, worauf du mein Wort hast.«

Als er sprach, warf der Grenzwohner das Auge aufwärts nach dem kleinen Zelt, das die Spitze seiner zackigen Feste krönte. Der Blick ward von dem andern verstanden und erwiedert, und diente, gleichsam durch einen geheimen Einfluß, der entweder auf ihre Interessen oder Gefühle wirkte, dazu, die Einigkeit zwischen ihnen wieder herzustellen, die eben erst wie durch einen augenblicklichen Bruch bedroht gewesen schien.

»Ich weiß es, und fühl' es im Innersten. Aber ich erinnere mich zu wohl der Ursache, warum ich diesen bösen Zug unternommen habe, um die Entfernung zwischen mir und seinem Ende zu vergessen. Weder mir noch Euch wird, was wir gethan, helfen, wenn wir nicht ganz vollenden, was wir so wohl begonnen haben. Ja, so lehrt alle Welt, denk' ich; ich hörte einen herumziehenden Prediger, der diese Lehre am Ohio vortrug, vor einiger Zeit sagen, wenn ein Mensch im Glauben lebte hundert Jahre, und dann für einen einzigen Tag abfiele, so würde die Rechnung nach dem letzten Schlag, womit er sein Tagewerk geendet, abgeschlossen, alles Böse und nichts von dem Guten ihm endlich angerechnet werden.«

»Und Ihr glaubtet, was der hungrige Heuchler predigte!«

»Wer sagte, daß ich's geglaubt hatte!« entgegnete Abiram mit einem wilden Blick, der verrieth, mit welcher Furcht er oft über einem Gegenstand gebrütet, den er zu verachten sich die Miene gab. »Heißt das Glauben, wenn man erzählt, was ein Schelm – und doch, Ismael, mochte der Mann bei allem dem ehrlich gewesen sein! Er sagte uns, die Welt wäre in Wahrheit nicht besser als eine Wüste; und nur Eine Hand könnte den Gelehrtesten durch all ihre Windungen von Gut und Bös durch geleiten. Nun, ist dies wahr von der ganzen Welt, so möchte es auch wahr von einem Theil sein.«

»Abiram, heraus mit Eurer Noth, wie ein Mann;« unterbrach der Grenzwohner mit einem rauhen höhnischen Lachen; »Ihr fühlt das Bedürfniß zu beten; aber wozu würde es Euch nützen, nach Eurer eignen Lehre, fünf Minuten Gott, und eine Stunde dem Satan zu dienen. Hört, Freund, ich bin kein großer Oekonom, aber das hab' ich durch eigenen Schaden gelernt, um eine recht gute Ernte zu erhalten, selbst auf dem reichsten Land, dazu gehört viele Arbeit; und Eure Näseler So wurden die presbyterianischen Prediger von ihrer Aussprache durch die Nase, die sie für sehr erbauend hielten, oft genannt. Uebers. vergleichen oft die Erde mit einem Waizenfeld, und die Menschen, die darauf wohnen, mit der Frucht des Feldes. Nun sag' ich Euch, Abiram, Ihr seid nicht besser als eine Distel oder Unkraut, ja Ihr seid selbst zu lockeres Holz, um selbst zum Brennen gut zu sein.«

Der zornige Blick, welcher aus Abiram's wildem Auge schoß, zeugte von seinen hitzigen Leidenschaften, aber da dieser plötzliche Ausbruch fast alsbald sich beruhigte vor dem unbewegten, festen Blick des Grenzwohners, so verrieth er auch, wie sehr der kühnere Geist des letzteren über jene schwache Natur herrschte.

Zufrieden mit der Gewalt, die er über ihn hatte, und welche zu sehr in die Augen fallend, zu oft bei ähnlichen Gelegenheiten ausgeübt worden war, um ihn in Zweifel über ihre Ausdehnung zu lassen, fuhr Ismael ruhig in seiner Unterredung fort, und näherte sich mehr seinem Zwecke.

»Ihr werdet zugeben, daß es gerecht ist, jeden mit seiner Münze zu bezahlen,« sagte er; »man hat mir meine Heerde geraubt, und ich habe einen Plan, es wieder gut zu machen, und Huf für Huf zurückzunehmen. Wenn aber Jemand sich der Mühe unterzieht, auf beiden Seiten den Handel zu betreiben, so ist er ein Thor, wenn er nicht etwas für sich als Zwischenhändler noch außerdem mitnimmt.«

Da der Grenzwohner dies in einem lauten, entschiedenen Tone erklärte, der noch stärker ward durch seine damalige Erregung, so kamen vier oder fünf seiner müßigen Söhne, die sich an den Fuß des Felsen hingestreckt hatten, mit den, der ganzen Familie so eignen, schläfrigen Schritten vorwärts.

»Ich habe Ellen Wade, die auf dem Felsen Wache steht, zugerufen, ob etwas zu sehen ist,« bemerkte der älteste der jungen Leute, »und sie schüttelt den Kopf statt der Antwort. Ellen ist für ein Weib mit ihren Worten sehr sparsam, und könnte ein wenig Sitte annehmen, ohne deßwegen minder schön zu sein.«

Ismael warf sein Auge nach der Stelle, wo das angeklagte, aber von allem nichts wissende Mädchen seine ängstliche Wache hielt. Sie saß auf der Spitze des höchsten Zackens, neben dem kleinen Zelt, und wenigstens hundert Fuß über der Ebene. Wenig mehr konnte man bei dieser Höhe bemerken, als den Umriß ihrer Gestalt, ihr schönes Haar, das im Wind um ihre Schultern floß, und den festen, wie es schien, unbeweglichen Blick, den sie auf einen entfernten Punct der Steppe richtete.

»Was gibt's Nell?« rief Ismael, und steigerte seine mächtige Stimme über das Rauschen des Oceans. »Habt Ihr etwas größeres erblickt, als einen von den grabenden Brummern?«

Die Lippen der aufmerksamen Ellen öffneten sich, sie erhob ihre zarte Gestalt, und schien noch den unbekannten Gegenstand zu betrachten, aber ihre Stimme, wenn sie überhaupt sprach, war nicht laut genug, um durch das Rauschen des Windes gehört zu werden.

»Es ist gewiß, das Kind sieht etwas mehr als einen Büffel oder einen Steppenhund,« fuhr Ismael fort, »nun, Nell, Mädchen, bist du taub? Nell, hörst du? – Ich hoffe, es ist ein Heer von Rothhäuten, was sie im Auge hat. Ich würde sehr den Zufall segnen, sie für ihre Güte von diesen Balken und Felsen begünstigt, zu bezahlen!«

Da der Grenzwohner seinen Wunsch mit den gehörigen Mienen begleitete, und sein Auge auf den Kreis seiner gleichgesinnten Söhne warf, während er sprach, so hatte er ihre Blicke von Ellen auf sich gezogen; aber jetzt, als sie zusammen wieder hinsahen, um die folgenden Bewegungen ihrer weiblichen Schildwache zu beobachten, war die Stelle, die eben noch ihre Gestalt eingenommen, leer.

»So gewiß ich ein Sünder bin,« rief Asa, sonst einer der trägsten von den Jünglingen, in einem sehr ängstlichen Tone; »das Mädchen ist vom Wind herunter geweht worden!«

Etwas wie Bestürzung verbreitete sich unter ihnen, woraus man sehen konnte, daß der Einfluß der lachenden blauen Augen, des Flachshaares und der blühenden Wangen nicht ganz bei den trägen Naturen der jungen Leute verloren gegangen, und stumpfes Staunen, mit Betrübniß leicht gemischt, verbreitete sich unter ihnen, als in stiller Verwunderung sie nach der Spitze der nackten Felsen sahen.

»Es könnte leicht sein,« fügte ein Anderer hinzu, »sie saß auf einem losen Stein; ich wollte es ihr schon vor einer Stunde sagen, wie gefährlich es sei.«

»Ist das nicht ein Band von dem Kind, das an der Ecke des Hügels unten flattert,« rief Ismael; »ah, wer biegt sich um's Zelt; hab' ich' s nicht gesagt – – –«

»Ellen! Es ist Ellen!« unterbrach ihn der ganze Trupp seiner Söhne zugleich, und in diesem Augenblick erschien sie selbst, ihren verschiedenen Vermuthungen ein Ende zu machen, und mehr als eine der trägen Naturen von ihrer ungewohnten Angst zu befreien. Wie Ellen aus der Decke des Zeltes hervorkam, eilte sie alsbald leichten, furchtlosen Schritts auf ihren früheren luftigen Stand und deutete nach der Steppe; sie schien mit eifriger, schneller Stimme mit einem unsichtbaren Zuhörer zu sprechen.

»Nell ist toll,« sagte Asa, halb in Unwillen und doch nicht wenig in Besorgniß. »Das Mädchen träumt mit offenen Augen und denkt, sie sähe eins von den wilden Dingen, mit schweren Namen, womit ihr der Doctor die Ohren vollschwätzt.«

»Vielleicht hat das Kind etwas von den Sioux gesehen,« sagte Ismael und richtete den Blick nach der Ebene; aber ein leises, bedeutendes Flüstern von Abiram richtete schnell seine Augen wieder aufwärts, wo sie sich eben zu rechter Zeit hinwandten, um zu bemerken, daß das Tuch des Zeltes offenbar von etwas ganz anderem bewegt würde, als von dem Wind. »Laßt sie, wenn sie's wagt,« murmelte der Grenzwohner zwischen den Zähnen; »Abiram, sie kennen meinen Willen zu wohl, um mit mir zu spielen.«

»Seht selbst; wenn das Tuch nicht aufgehoben ist, so kann ich nicht besser sehen, als eine Eule bei Tage.«

Ismael stieß den Kolben seiner Flinte heftig auf den Boden und rief so laut, daß es Ellen leicht hätte hören können, wäre nicht ihre Aufmerksamkeit immer noch auf den Gegenstand gefesselt gewesen, der so unbegreiflich ihre Augen in die Entfernung zog.

»Nell,« fuhr der Grenzwohner fort, »weg mit dir, Thörin, willst du dir Schaden zuziehen? Ei, Nell! – Sie hat ihre Muttersprache vergessen; wollen sehen, ob sie eine andere Sprache versteht.«

Ismael nahm das Gewehr an die Schulter und im nächsten Augenblick war es nach oben nach der Spitze des Felsen gerichtet. Ehe man nur die geringste Vorstellung hätte machen können, hatte es sich mit der dabei gewöhnlichen glänzenden Flamme seines Inhalts entladen. Ellen erbebte wie die erschreckte Gemse, stieß einen durchdringenden Schrei aus und eilte in's Zelt mit einer Schnelligkeit, die ungewiß ließ, ob Schrecken oder wirkliche Verletzung die Strafe ihres geringen Versehens gewesen.

Die That des Grenzwohners war zu schnell und unerwartet, um eine Verhütung zu erlauben, aber in dem Augenblick, wo sie geschah, zeigten seine Söhne auf gar nicht zweideutige Art, wie sie diesen verzweifelten Entschluß beurtheilten. Zornige, wilde Blicke wurden gewechselt und mißbilligendes Murren hörte man bei allen.

»Was hat Ellen gethan, Vater,« sagte Asa mit einer Art Witz, der um so mehr auffiel, je seltener er bei ihm war, »daß Ihr sie schießt, wie ein flüchtiges Reh oder einen hungrigen Wolf!«

»Unrecht;« erwiederte der Grenzbewohner mit Ruhe, aber mit kalter Herausforderung im Auge, welches verrieth, wie wenig er von dem übelverhehlten Unwillen seiner Kinder gerührt würde. »Unrecht, Junge; Unrecht! Gebt Acht, daß die Unordnung nicht weiter geht.«

»Es würde ein anderes Verfahren bei einem Manne nöthig sein, als bei jenem weinenden Mädchen.«

»Asa, Ihr seid ein Mann, wie Ihr Euch oft gerühmt, aber bedenkt, daß ich Euer Vater bin, und Euer Herr.«

»Das weiß ich nur zu wohl; und was für ein Vater!«

»Hör', Junge, ich glaube fast, du schläfriger Bursche ließest die Sioux ein. Sei bescheiden in deiner Rede, mein wachsamer Sohn, oder du dürftest noch das Unheil verantworten müssen, das dein Verhalten über uns gebracht.«

»Ich bleib nicht länger, will nicht ferner wie ein Kind im Unterröckchen gemeistert sein. Ihr sprecht vom Gesetz als kenntet Ihr keins, und doch haltet Ihr mich nieder, als hätt' ich nicht für mein Leben, meine Bedürfnisse zu sorgen. Ich bleib nicht länger, will mich nicht mehr wie Euer geringstes Vieh behandeln lassen.«

»Die Welt ist groß, mein wackerer Sohn, und manche herrliche Pflanzung ist darin, ohne einen Eigenthümer. Geht, Ihr habt Ansprüche auf Ländereien, gesiegelt und gezeichnet, genug in der Hand. Wenige Väter versorgen ihre Kinder besser als Ismael Busch, das werdet Ihr wenigstens von mir sagen, wenn Eure Reise zu Ende geht.«

»Sieh', Vater, sieh'!« riefen mehrere Stimmen auf einmal, als ergriffen sie mit Freuden eine Gelegenheit, um den Wortwechsel zu unterbrechen, der noch heftiger zu werden drohte.

»Sieh',« wiederholte Abiram, mit einer Stimme, die dumpf und warnend klang; »wenn Ihr etwa vor Zanken zu etwas anderm Zeit habt, Ismael!«

Der Grenzwohner wandte sich langsam von seinem strafbaren Sohne weg und warf in die Höhe ein Auge, das immer noch von heftigem Zorn umdüstert wurde, das aber, sobald es den Gegenstand gewahrte, der jetzt Aller Aufmerksamkeit auf sich zog, den Ausdruck des Erstaunens und Entsetzens annahm.

Ein Weib stand auf der Stelle, von der Ellen auf so furchtbare Art vertrieben worden, ihr Wuchs war von so geringer Höhe, wie sie nur noch mit Schönheit bestehen kann, und wie Dichter und Künstler sie zum Ideal weiblicher Liebenswürdigkeit wählen. Ihre Kleidung bestand aus dunkeler, glänzender Seide, und floß wie ein Nebelgewand um ihre Gestalt. Lange, herabwallende Locken, noch schwärzer und glänzender als ihr Kleid, fielen zu Zeiten um ihre Schultern, und hüllten bald ihren ganzen zarten Bau in ihre Ringel, bald schwammen sie lang und fluchend im Wind. Die Höhe, auf der sie stand, verhinderte eine genaue Untersuchung der Züge ihres Antlitzes, welches jedoch, so viel konnte man sehen, jugendlich, ausdrucksvoll und im Augenblick ihres unerwarteten Erscheinens sehr bewegt war. So jung in der That erschien dies schöne, schmächtige Wesen, daß man hätte zweifeln mögen, ob das Alter der Kindheit ihr schon gänzlich vorübergegangen. Eine kleine, fein gebildete Hand drückte sich an ihr Herz, während sie mit der andern eine ausdrucksvolle Bewegung machte, welche Ismael zu bedeuten schien, wenn er auf fernere Gewaltthat sinne, solle er sie gegen ihren Busen richten.

Das schweigende Staunen, womit die Gruppe der Grenzwohner zu einem so außerordentlichen Schauspiel hinaufblickte, ward nur unterbrochen, als Ellens Gestalt mit sichtbarer Furchtsamkeit aus dem Zelt hervorkam; in Angst für sich und ihre Gefährtin, war sie ungewiß, solle sie sich verbergen oder vorwärts schreiten. Sie sprach, aber ihre Worte wurden nicht gehört von denen unten, und nicht beachtet von der, an welche sie sie richtete. Doch zog sich die letztere, gleichsam zufrieden, sich Ismael's Wuth zum Opfer angeboten zu haben, jetzt ruhig zurück und die Stelle, die sie eben noch eingenommen, ward leer, ließ aber eine Art dumpfen Eindrucks auf die Schauenden zurück, der dem nicht unähnlich war, welcher eine übernatürliche Erscheinung auf sie hervorgebracht haben würde.

Ein Augenblick tiefen Schweigens folgte; die Söhne Ismael's staunten immer noch nach dem nackten Felsen in dumpfer Verwunderung. Dann als ein Auge dem andern begegnete, erfuhren sie wenigstens so viel von einander, daß die Erscheinung der außerordentlichen Bewohnerin des Zeltes Allen eben so unerwartet als unbegreiflich war. Endlich nahm Asa, in Folge seiner Jahre, und von dem noch sich regenden Aerger vom vorigen Zank getrieben, das Fragen auf sich. Anstatt jedoch den Vater zu reizen, dessen wilden Charakter, wenn aufgebracht, er zu oft kennen gelernt hatte, um ihn zu versuchen, wandte er sich mit einem verächtlichen Blick zu dem schwächern Abiram:

»Das ist also das Thier, das Ihr als eine Lockspeise in die Steppen brachtet. Ich hielt Euch immer für einen Mann, der selten die Wahrheit bemüht, wenn etwas Schlechteres genügt, aber ich hätte nie gedacht, daß Ihr Euch selbst so übertreffen würdet. Die Zeitungen von Kentucky nannten Euch wohl hundertmal einen Händler mit schwarzem Fleisch, aber gewiß vermutheten sie nicht so leicht, daß Ihr Euren Handel bis in die weißen Familien ausdehnen würdet.«

»Wer ist ein Seelenverkäufer?« fragte Abiram und that beleidigt. »Soll ich jede Lüge verantworten, die sie im Druck durch die Staaten verbreiten. Seht, Eure eigene Familie, seht, Ihr selbst, Knabe. Die Pfähle von Kentucky und Tennessee selbst schreien gegen Euch. Ei, mein gesprächiger Herr, ich sah Vater und Mutter und Euch selbst auf allen Stämmen und Pfählen in den Ansiedelungen stehen, mit Dollar genug zur Belohnung, um einen ehrlichen Mann reich zu machen, denn – –«

Er ward durch einen heftigen Schlag mit der verkehrten Hand auf den Mund unterbrochen, so daß er wankte und die Stärke der Mißhandlung in dem fließenden Blut und den schwellenden Lippen sichtbar wurde.

»Asa,« sagte der Vater und schritt mit der Würde, womit die Hand der Natur die Väter begabt zu haben scheint, vorwärts, »Ihr habt den Bruder Eurer Mutter geschlagen!«

»Ich habe den Beschimpfer unserer ganzen Familie gezüchtigt,« entgegnete der zornige Jüngling, »und wenn er seine Zunge keine bessere Sprache lehrt, thäte er klüger, sie ganz, als ein Glied, das ihn ärgert, zu entbehren. Ich weiß nicht besonders mit dem Messer umzugehen, aber bei Gelegenheit könnte ich doch wohl mit einem Verleumder fertig werden.«

»Junge, zweimal hast du dich heute vergessen; gib Acht, daß es nicht zum dritten Mal geschieht. Wenn das Gesetz des Landes schwach ist, muß das Gesetz der Natur stark sein. Du verstehst mich, Asa, und kennst mich. Ihr, Abiram, das Kind hat Euch Unrecht gethan, und es ist meine Schuldigkeit, Euch Recht zu schaffen; seid versichert, Recht soll Euch werden; das ist genug. Ihr habt Schweres gegen mich und meine Familie gesagt; wenn die Hunde des Gesetzes ihre Blätter an die Bäume und Pfähle der Lichtungen geheftet, geschah es nicht wegen einer schändlichen Handlung, Ihr wißt es, sondern weil wir das Gesetz aufrecht erhalten, daß die Erde Allgemeingut ist. Nein, Abiram, könnte ich meine Hände so leicht von den Thaten rein waschen, die ich auf Euren Rath gethan, als von denen, wozu mich der T–l verführte, so würde mein Schlaf in der Nacht ruhiger sein, und keiner, der meinen Namen trägt, erröthen dürfen, wenn er ihn nennen hört. Stille, Asa, und auch Ihr, Mann, es ist genug. Laßt uns alle wohl überlegen, ehe wir ein Wort hinzufügen, welches, was jetzt schon so übel ist, noch ärger machen könnte.«

Ismael bewegte mit Würde die Hand, als er endete und ging weg, versichert, daß die, zu denen er geredet, nicht wagen würden, seinen Befehlen zuwider zu handeln. Asa kämpfte offenbar um den geforderten Gehorsam von sich zu erlangen; aber seine lässige Natur sank still in ihre gewöhnliche Ruhe und bald erschien er wieder, das Wesen, das er wirklich war: – gefährlich nur auf Augenblicke, von zu trägen Leidenschaften, um sich lange auf dem Punct des Zorns halten zu können. Nicht so Abiram. So lange es schien, daß es zwischen ihm und seinem colossalen Neffen zum Kampf kommen würde, hatte in seinen Zügen die untrüglichen Zeichen wachsender Angst gelegen; aber jetzt, als das Ansehen und die Riesenkraft des Vaters sich zwischen ihn und seinen Angreifer gestellt, trat in seinem Antlitz an die Stelle der Blässe eine Bleifarbe, welche verrieth, wie tief die empfangene Beleidigung sein Innerstes ergriffen. Wie Asa jedoch beruhigte er sich mit der Entscheidung des Grenzwohners, und der Anschein wenigstens der Einigkeit ward unter einer Menschenrasse wieder hergestellt; die durch keine andere Bande vereinigt wurde, als das schwache Gewebe von Ansehen, womit es Ismael gelungen war, seine rastlosen Kinder zu umschlingen.

Eine Folge des Zanks war die gewesen, daß dadurch die Gedanken der jungen Leute von ihrem Besuch abgezogen wurden. Mit dem Streit, der auf das Verschwinden der schönen Fremden folgte, schien auch alle Rückerinnerung an ihr Dasein sich verloren zu haben. Einige bedeutungsvolle, geheime Unterredungen freilich wurden bei Seite gehalten, und die Richtung der Augen der verschiedenen Erzähler verrieth den Gegenstand, aber diese drohenden Zeichen verschwanden bald, und man sah die ganze Gesellschaft wieder zerstreut in ihre gewöhnlichen, unthätigen, stillen, träumenden Gruppen.

»Ich will auf den Felsen gehen, Jungen, und mich nach den Wilden umschauen,« sagte Ismael kurz darauf, und näherte sich ihnen mit einer Miene, die versöhnend und zugleich bestimmt sein sollte. »Ist nichts zu fürchten, so gehen wir aus in die Ebene; der Tag ist zu schön, um ihn mit Worten zu verlieren, wie Weiber in den Städten, die die Stunden bei ihrem Thee und Zuckerbrod verschwatzen.«

Ohne Beifall oder Widerspruch zu erwarten, ging der Grenzwohner nach dem Fuß des Felsen, der eine Art Wand, nahe zwanzig Fuß hoch, um die ganze Anhöhe bildete. Doch richtete Ismael seine Schritte nach einem Punct, wo man durch eine enge Kluft aufwärts steigen konnte, welche er die Vorsicht gehabt hatte, mit einem Brustwerk von Wolle-Baumstämmen zu befestigen, die wieder von einer Art spanischer Reiter aus den Aesten desselben Baums vertheidigt wurden. Hier stand gewöhnlich ein Bewaffneter, als an dem Schlüssel der ganzen Position, und auch jetzt fand sich einer der jungen Leute, träg an den Felsen gelehnt, und bereit, den Paß zu vertheidigen, wenn es nöthig sein sollte, bis der ganze Haufen auf die verschiedenen Vertheidigungsposten vertheilt werden könnte.

Von dieser Stelle aus fand der Grenzwohner das Aufsteigen noch schwierig, theils von Natur, theils durch die künstlichen Hindernisse, bis er eine Art Terrasse, oder, eigentlicher zu reden, die Ebene der Anhöhe erreichte, wo er die Hütten, in welchen die ganze Familie wohnte, aufgeschlagen hatte. Diese Wohnungen waren, wie schon erwähnt, von der Art, wie man sie so oft an den Grenzen sieht, und wie sie die Kindheit der Baukunst hervorbringt; – nur aus Stämmen, Rinde und Pfählen gebildet. Der Platz, worauf sie standen, betrug mehrere hundert Quadratfuß, und war hinlänglich über die Steppe erhaben, um alle Gefahr vor den Geschossen der Indianer sehr zu vermindern, wenn nicht gänzlich unmöglich zu machen. Hier glaubte Ismael, seine Kinder in ziemlicher Sicherheit unter dem Schutz ihrer beherzten Mutter lassen zu können, und hier fand er Esther mit ihren gewöhnlichen häuslichen Verrichtungen beschäftigt, von ihren Töchtern umringt, und ihre Stimme zum Predigtton erhebend, wenn ein oder das andere Glied ihrer faulen Nachkommenschaft sich ihr Mißfallen zuzog; – zu beschäftigt mit dem Sturm ihrer eigenen Beredsamkeit, um etwas von dem wilden Auftritt zu wissen, der unter der Menge unten stattgehabt.

»Einen schönen, luftigen Ort hast du zum Lager gewählt, Ismael,« fing sie an, oder vielmehr fuhr sie fort, indem sie nur den Angriff von einem schluchzenden Mädchen von zehen, das an ihrem Ellenbogen saß, auf ihren Gemahl wandte; »bei meiner Ehre! Alle zehn Minuten muß ich die Kleinen nachzählen, um zu sehen, ob sie nicht mit den Geiern und Enten fortgeflogen sind. Warum treibt ihr euch alle so um den Felsen herum, wie faules kriechendes Ungeziefer im Frühling, während doch die Himmel sich mit Vögeln aller Art zu beleben anfangen, Mann! Meint Ihr, man könnte die Mäuler füllen, und den Hunger sättigen durch Trägheit und Schlaf?«

»Ihr sollt alles haben, Esther,« sagte der Gemahl, und gebrauchte die Provinzialaussprache von Amerika bei ihrem Namen, zu gleicher Zeit seine lärmenden Gefährten mehr mit einem Blick zur Gewohnheit gewordener Duldung als der Liebe betrachtend. »Aber die Vögel sollt Ihr haben, wenn Eure eigene Zunge sie nicht verscheucht, und sie einen zu hohen Flug nehmen. Ja, Weib,« fuhr er fort, und stellte sich an dieselbe Stelle, von der er Ellen so grausam vertrieben, »und auch Büffel, wenn mein Aug das Thier auf eine Entfernung von einer spanischen Meile sehen kann.«

»Kommt herab, herab, und handelt statt zu sprechen. Ein sprechender Mann ist nicht besser als ein bellender Hund; Nell soll ihr Tuch ausstellen, wenn einer von den Rothhäuten sich zeigt, um Euch Nachricht zu geben. Aber Ismael; was habt Ihr getroffen, Mann, denn vor einigen Augenblicken hört' ich Euere Flinte, oder ich müßte den Schall nicht mehr unterscheiden können.«

»Pah, es war um den Geier zu schrecken, den Ihr da über dem Felsen kreisen seht.«

»Geier, freilich, Ihr braucht noch nach Geiern und Adlern zu schießen, wenn Ihr achtzehn Mäuler zu ernähren habt. Seht auf die Biene und den Biber, guter Mann, und lernt Hausvater sein. Ei, Ismael! Ich glaub mein Seel,« fuhr sie fort, und warf den Hanf weg, den sie um den Rocken wand, »der Mann ist schon wieder im Zelt. Mehr als die Hälfte seiner Zeit opfert er diesem werthlosen, unnützen – – –«

Die plötzliche Wiedererscheinung ihres Gemahls schloß dem Weibe den Mund, und als er zur Stelle herabstieg, wo Esther ihre Beschäftigung wieder aufgenommen, begnügte sich diese, ihren Unwillen herzumurmeln, statt ihn in verständlicheren Worten auszudrücken.

Das Gespräch, welches nun zwischen dem zärtlichen Paar stattfand, war ziemlich wortkarg, aber ausdrucksvoll. Das Weib war anfangs ein wenig kurz und trocken in ihren Antworten, aber die Sorgfalt für ihre Familie machte sie bald freundlicher. Da die Unterhaltung nur die Aufforderung betraf, den übrigen Theil des Tags zu jagen, um das zum Leben Notwendigste herbeizuschaffen, so wollen wir uns mit dem Bericht darüber nicht aufhalten.

Mit diesem Entschluß nun stieg der Grenzwohner zur Ebene hinunter und theilte seine Mannschaft in zwei Theile; der eine sollte zur Bewachung der Feste zurückbleiben, der andere ihn in's Feld begleiten. Klüglich nahm er Asa und Abiram zu seiner Abtheilung, da er wohl wußte, daß kein Ansehen als das seinige das stolze Gemüth seines hitzigen Sohnes beherrschen konnte, wenn er einmal gereizt war. Als diese Vorkehrungen getroffen worden, zogen die Jäger aus, und theilten sich nicht weit vom Felsen, um die entfernte Büffelheerde einzuschließen.

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