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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Siebentes Kapitel.

»Wie, fünfzig vom Gefolg auf Einen Schlag!«

Lear.

 

Der Tag ergoß sich jetzt völlig über die scheinbar unbegrenzte Wüste der Steppe. Obed's Ankunft im Lager zu einer solchen Stunde, begleitet wie sie war mit klagendem Geschrei über den vermeintlichen Verlust, weckte die schlaftrunkene Familie des Grenzwohners. Ismael und seine Söhne, und der finstere Bruder seines Weibes waren bald auf, und wurden allmählig, wie die Sonne ihr Licht auf die Stelle warf, die ganze Größe ihres Verlusts gewahr.

Ismael sah auf die stillen, schwer beladenen Wagen, und knirschte mit den Zähnen; er warf einen Blick auf die wirre, hülflose Gruppe der Kinder, die sich um ihre stille, muthlose Mutter drängte, und ging hinaus aufs freie Feld, als fände er die Luft des Lagers zu beschränkt, um darin zu athmen. Ihm folgten einige der Männer, die ihn aufmerksam beobachteten, aufmerksam auf das dunkle Feuer seines Auges blickten, als wollten sie darin ihre Verhaltungsbefehle ablesen. Das Ganze schritt in tiefem, zürnendem Schweigen nach dem Gipfel der nächsten Anhöhe vor, wo sie eine fast schrankenlose Aussicht über die nackten Ebenen beherrschten. Hier ward nichts sichtbar, als ein einziger Büffel, in nicht großer Entfernung, der magere Nahrung im verbrannten Grase suchte, und der Esel des Naturforschers, welcher seine Freiheit zu einem reichern Mahl als das gewöhnliche benutzte.

»Da haben uns die Schelme, um unserer zu spotten, ein Stück übrig gelassen,« sagte Ismael, und sah auf den letztern, »und zwar das schlechteste Stück aus der ganzen Heerde. Das ist harter Boden, um zu ernten, Jungen, und doch müssen wir Nahrung schaffen, so viele hungrige Mäuler zu füllen.«

»Die Flinte ist an einem solchen Ort besser als die Hacke,« erwiederte der älteste seiner Söhne, und stampfte mit dem Fuß auf den harten, durstigen Boden, in wildem Zorn. »Er ist gut für die, welche zur Mahlzeit lieber Bettlerbohnen als Honig wählen. Eine Krähe würde Thränen vergießen, wenn sie über solch eine Gegend fliehen müßte.«

»Was sagt Ihr, Streifschütz,« erwiederte der Vater, und deutete auf die leichte Spur, die sein mächtiger Fuß dem festen Boden zurückgelassen, und lachte furchtbar wild, »ist dies ein Land, wie es einer wählen würde, der nie den Amtmann mit Landverschreibungen bemüht?«

»Reicheres Land findet sich in den Niederungen,« erwiederte der alte Mann ruhig; »um an diesen traurigen Ort zu gelangen, habt Ihr Millionen Morgen durchzogen, wo, wer das Land bauen will, hundertfältig erntet, und dies ohne große Arbeit. Wenn Ihr gekommen seid, um Land zu suchen, machtet Ihr entweder hundert Meilen zu viel, oder eben so viele zu wenig.«

»Also gegen den andern Ocean gibt es besseres?« fragte der Grenzwohner, und deutete nach dem stillen Meer.

»Ja dort; ich hab' alles gesehen,« war die Antwort des Andern, der seine Flinte auf den Boden setzte, und sich drauf lehnte, als rufe er mit trauervoller Lust sich die Scenen der Vergangenheit zurück. »Ich sah die Wasser der beiden Meere; an dem einen ward ich geboren, wuchs heran zu einem Knaben, wie jener dort sich kaum auf den Beinen hält. Amerika nahm zu, ihr Leute, seit den Tagen meiner Jugend; ward größer, als ich einst die Welt selbst hielt. Nahe siebzig Jahre lebte ich in York, Provinz und Stadt zugleich. Ihr seid in York gewesen, denke ich?«

»Ich nicht, nein; ich besuchte nie die Städte, aber oft habe ich von dem Ort gehört, wovon Ihr sprecht. Es ist wohl dort eine weite offene Stelle?«

»Zu weit, zu weit! Sie durchgraben die Erde sogar mit ihren Werkzeugen. Welche Hügel und Jagdgründe sah ich der Schätze des Herrn ohne Anstand oder Scham beraubt. Ich hielt's aus, bis meine Hunde von den Schlägen der Axt betäubt waren, dann wandt' ich mich westlich, und suchte Ruhe. Es war eine beschwerliche Wanderung, eine mühsame Arbeit, durch gefallenes Holz, durch die dicke Luft rauchender Waldungen durchzudringen. Er ist auch weit von hier, dieser Staat von York!«

»Er liegt gegen die äußerste Ecke von Alt-Kentucky, denk' ich; doch kümmerte ich mich nie um die Entfernung.«

»Eine Möve könnte tausend Meilen durchfliegen, ehe sie die östliche See erreichte, und doch ist es keine so mächtige Entfernung, um sie zu durchjagen, wenn Wald und Wild in Ueberfluß sind. Es gab eine Zeit, wo ich den Hirsch auf den Bergen von Delaware und Hudson verfolgte, und den Biber an den Strömen der oberen Seen in derselben Jahrzeit fing; aber mein Auge war damals schnell und sicher, und meine Füße wie die Schenkel des Reh's! Die Mutter des Hektor,« fügte er hinzu, und warf einen freundlichen Blick auf das alte Thier, das zu seinen Füßen lag, »war damals ein kleines Ding, und im Stande, auf das Wild zuzulaufen, so bald sie es witterte. Sie hat mir viel Mühe gemacht, die Kröte.«

»Euer Hund ist alt, Fremder, und ein Schlag auf den Kopf wäre eine Wohlthat für das Thier.«

»Der Hund ist wie sein Herr,« erwiederte der Streifschütz, ohne, wie es schien, auf den rohen Rath, den der andere gab, zu achten, »und wird seine Tage zählen, wenn sein Werk unter dem Wild vorüber ist und nicht früher. Mir scheinen die Dinge in der Welt für einander geschaffen zu sein. Nicht das schnellste Reh entflieht immer den Hunden, nicht der dickste Arm hält immer am sichersten die Flinte. Seht um Euch, Leute, was werden die Yankee-Holzfäller sagen, wenn sie von den östlichen Wassern zu den westlichen vorgedrungen, finden, daß eine Hand, die auf einen Schlag einen Baum niederwirft, schon hier gewesen ist, und das Land, zum Spott über ihre Faulheit, kahl gemacht hat. Sie werden abziehen, wie ein Fuchs, der herumschleicht, und der üble Geruch ihrer eigenen Fußtapfen wird ihnen die Tollheit ihrer Verwüstungen zeigen. Doch sind das Gedanken, die eher in dem aufsteigen, der achtzig Winter erlebt, als daß sie die Weisheit lehren, welche sich noch der Lust ihrer Jugend hingeben. Ihr selbst mögt Euch nur bald auf den Weg machen, wenn Ihr der Wuth, dem Haß der verbrannten Indianer entgehen wollt. Sie wollen die gesetzmäßigen Eigner des Landes sein, und lassen selten einem Weißen mehr, als seine Haut, worauf er so stolz ist, wenn sie einmal die Macht haben; den Willen haben sie immer.«

»Alter Mann,« sagte Ismael ernst, »zu welchem Volk gehört Ihr? Ihr habt Farbe und Sprache eines Christen, während Euer Herz mit den Roth-Häuten zu sein scheint.«

»Mir scheint wenig Unterschied unter den Völkern. Das Volk, welches ich am meisten liebte, ist zerstreut, wie der Sand eines trockenen Flußbetts zerfliegt vor dem Orkan, und das Leben ist zu kurz, um Sitten und Gewohnheiten von Fremden anzunehmen, was nur geschehen kann, wenn man Jahre lang unter ihnen gelebt hat. Doch fließt kein Indianer-Blut in meinen Adern, und was ein Krieger seiner Nation schuldig ist, bin ich dem Volk der Staaten schuldig; aber diese bedürfen bei ihrer Miliz, bei ihren bewaffneten Booten nicht sehr der Hülfe eines einzelnen Arms, den achtzig Jahre geschwächt.«

»Da Ihr Eure Abstammung genannt, darf ich wohl eine einfache Frage thun: Wo sind die Sioux, die mein Vieh gestohlen?«

»Wo ist die Büffelheerde, die der Panther über die Ebene erst gestern Morgen gejagt? Eben so schwer – –«

»Freund,« sagte Doctor Battius, der bisher ein aufmerksamer Zuhörer gewesen, aber sich jetzt plötzlich getrieben fühlte, an der Unterredung Theil zu nehmen; »es thut mir leid, wenn ich einen Venator oder Jäger von Eurer Erfahrung und Eurem Beobachtungsgeist finde, der dem Strom der gemeinen Unwissenheit folgt. Das Thier, welches Ihr beschreibt, ist freilich eine Art bos ferus (oder bos sylvestris, wie ihn die Dichter sehr glücklich nennen), aber wenn auch sehr verwandt, ist er doch verschieden von dem gewöhnlichen bubulus. Bison ist der richtigere Name, und ich würde Euch rathen, in Zukunft diesen zu gebrauchen, wenn Ihr auf diese Species anspielt.«

»Bison oder Büffel; es thut wenig zur Sache. Das Thier ist dasselbe, nennt es, wie Ihr wollt, und – – –«

»Verzeiht mir, verehrter Venator; da die Classification die Seele der Naturwissenschaften ist, so muß das Thier oder Vegetabil nothwendig nach dem Eigenthümlichen seiner Species charakterisirt werden, was immer durch den Namen angezeigt wird – –«

»Freund,« sagte der Streifschütz etwas bestimmt, »würde der Schwanz eines Bibers ein schlechteres Essen geben, wenn Ihr ihn Mink nennet, oder könntet Ihr von einem Wolf mit Behagen essen, weil Bücher-Leute ihm den Namen Wild gegeben haben?«

Da diese Fragen ernst und etwas launig gethan wurden, so war es ziemlich wahrscheinlich, daß ein heißer Streit zwischen beiden erfolgt sein würde, indem der Eine so ganz praktisch verfuhr, der Andere so sehr der Theorie ergeben war, hätte es nicht Ismael für gut befunden, dem Disput ein Ende zu machen, und etwas weit Wichtigeres für seine Lage auf die Bahn gebracht.

»Biberschwänze und Minksfleisch, – davon mag man vor einem Ahornfeuer, und wenn das Herz ruhig ist, sprechen,« unterbrach der Grenzwohner, ohne die geringste Rücksicht auf die erregten Disputanten, »aber jetzt brauchen wir mehr als fremde Worte, oder als Worte überhaupt. Sagt mir, Streifschütz, wo haben sich Eure Sioux verborgen?«

»Eben so leicht könnte ich Euch sagen, von welcher Farbe der Falke ist, der dort an jener weißen Wolke herumkreist. Wenn eine Rothhaut einen Schlag versetzt hat, pflegt sie nicht zu warten, bis das Unrecht ihr in Blei vergolten wird.«

»Werden die lumpigen Wilden sich begnügen, wenn sie finden, daß sie sich der ganzen Heerde bemächtigt haben?«

»Natur ist ziemlich dieselbe, mit welcher Haut sie auch bedeckt sei. Verlangt Ihr weniger nach Reichthum, wenn Ihr eine gute Ernte gehabt, als eh' Ihr so viel Korn gewonnen. Wenn das wäre, unterschiedet Ihr Euch ganz von den übrigen Menschen, wie sie mich lange Erfahrung kennen gelehrt hat.«

»Sprecht deutlich, alter Fremder,« sagte der Grenzwohner, und stieß die Flinte hart auf den Boden, – seine stumpfe Fassungskraft fand kein Vergnügen an einer Unterredung in so dunkeln Anspielungen, – »ich hab' Euch eine ganz einfache Frage vorgelegt, eine Frage, von der ich weiß, daß Ihr sie beantworten könnt.«

»Ganz recht, ganz recht. Ich kann antworten; ich hab' zu oft das Benehmen meiner Mitmenschen beobachtet, um mich zu täuschen, wenn etwas Böses geschehen soll. Wenn die Sioux die Thiere eingethan, und sich überzeugt haben, daß Ihr ihnen nicht auf den Fersen seid, werden sie wieder herumschnüffeln, wie hungrige Wölfe, um die übrige Beute zu holen; oder vielleicht machen sie es nach Art der großen Bären, die sich am Fall des langen Flußes finden, und schlagen mit der Tatze, ohne auch nur an ihrem Raube zu riechen.«

»Ihr habt also die Thiere gesehen, die Ihr erwähnt,« rief Doctor Battius, der jetzt so lange von der Unterredung ausgeschlossen gewesen, als es seine Ungeduld ertragen konnte, und mit seiner geöffneten Mappe schnell wie mit einem Rapportbuch herbeikam, »könnt Ihr mir sagen, ob, was Ihr traft, von der Species ursus horribilis war mit Ohren – gerundet, Stirn – gewölbt, Augen – des merkwürdigen ergänzenden Lieds entbehrend, Zähnen – sechs Schneidezähne (einer falsch) und vier vollkommenen Backenzähnen – –«

»Streifschütz, fahr fort,« unterbrach Ismael; »Ihr glaubt, wir werden von den Räubern mehr sehen.«

»Ja, ja, – ich nenn' sie nicht Räuber, denn es ist so Gebrauch ihres Volks; es ist, was man Steppen-Gesetz nennen mag.«

»Ich bin fünf hundert Meilen gekommen, um eine Stätte zu finden, wo Niemand die Worte des Gesetzes in mein Ohr raunen könnte,« sagte Ismael stolz, »und bin gar nicht geneigt, ruhig vor den Schranken zu stehen, wo eine Rothhaut Richter ist. Ich sag' Euch, Streifschütz, seh' ich wieder einen Sioux um mein Lager streichen, wo es auch sein mag, so soll er fühlen, welche Männer Kentucky hervorbringt;« – dabei schlug er auf eine Art wider die Flinte, die man gar nicht mißverstehen konnte; – »mag er die Medaille von Washington selbst tragen, ich nenn' den einen Räuber, welcher nimmt, was nicht sein ist.«

»Die Teton, die Pawnee, die Konza und ein Dutzend anderer Stämme, maßen sich diese nackten Felder als Eigenthum an.«

»Die Natur straft sie, während sie es noch aussprechen, Lügen. Luft, Wasser und die Erde sind alles freie Geschenke für den Menschen, und Keiner hat die Macht, daraus Theile zu machen. Der Mensch muß trinken und athmen und gehen, und hat also Jeder ein Recht auf den vollkommenen Genuß der Erde. Warum beschreiben die Abzirkler der Staaten ihre Kreise, warum ziehen sie ihre Linien nicht auch über unsere Häupter, wie sie es zu unsern Füßen thun; warum besetzen sie ihre glänzenden Schafsgewänder nicht mit hohen Worten, und geben dem Landinhaber oder vielmehr dem Luftinhaber so viele Ruthen Himmel, mit dem und dem Stern zum Grenzzeichen, mit einer bestimmten Wolke, um seine Mühle zu treiben?«

Als der Grenzwohner diesen wilden Vorschlag vorbrachte, lachte er höhnisch aus voller Brust. Diese spottende aber schreckliche Fröhlichkeit ging unter seinen kräftigen Söhnen von Mund zu Mund, bis sie den Umgang durch die ganze Familie gemacht.

»Kommt, Streifschütz«, fuhr Ismael in einem fröhlicheren Tone, wie ein Mann, der fühlt, daß er triumphirt hat, fort; »keiner von uns beiden hat, denk ich, je viel mit Landverschreibungen, Gerichtsdienern und Stammbäumen zu thun gehabt; deßwegen wollen wir unsere Worte nicht mit Thorheiten verlieren; Ihr seid ein Mann, der lange Zeit in diesen Räumen zugebracht hat, und nun frage ich Euch um Eure Meinung, Aug' gegen Aug', ohne Furcht und Gunst, wäret Ihr an meiner Stelle, was würdet Ihr thun?«

Der alte Mann zögerte, und schien die verlangte Antwort mit großem Widerstreben zu geben. Als aber jedes Auge sich auf ihn heftete, und ihm, er mochte sein Gesicht wenden, wohin er wollte, ein Blick begegnete, der auf die Züge seines eigenen widerstreitenden Antlitzes gerichtet war, antwortete er in einem dumpfen, traurigen Ton:

»Ich sah zu viel Blut in leeren Streitigkeiten vergossen, um gerne nochmals das Geräusch des Kampfes zu hören. Zehn traurige Jahre hab' ich allein in diesen nackten Ebenen zugebracht, in Erwartung, daß meine Stunde kommen würde, und habe keinen Schlag gegen einen milderen Feind, als der graue Bär ist, gethan.«

» Ursus horribilis,« murmelte der Doctor.

Der Streifschütz machte eine Pause, als er dieses Murmeln hörte; doch da er merkte, daß es nur eine Art Selbstgespräch war, fuhr er fort: »gegen einen milderen Feind als der graue Bär, oder der Panther der Felsgebirge; es müßte denn der Biber, der ein weises, verständiges Thier ist, eine Ausnahme machen. Was soll ich lange Rath geben? Selbst der weibliche Büffel kämpft für seine Jungen!«

»Nie soll man also sagen, Ismael Busch habe weniger Liebe für seine Kinder, als der Bär für die seinigen.«

»Aber doch ist dies nur ein nackter Ort für ein Dutzend Kämpfer gegen fünfhundert.«

»Ja, so ist's,« erwiederte der Grenzwohner und warf einen funkelnden Blick gegen sein niederes Lager; »aber etwas können schon die Wagen und Wollbäume helfen.«

Der Streifschütz schüttelte ungläubig den Kopf und deutete durch die hügelichte Ebene nach Westen zu, als er antwortete:

»Eine Flinte würde eine Kugel von diesen Hügeln bis selbst in euer Schlafgemach senden; ja, Pfeile aus dem Dickicht hinter euch würden euch Alle vertreiben, wie Steppenhunde; es geht nicht, es geht nicht. Drei lange Meilen von diesem Ort ist eine Stelle, wo ich oft dachte, wenn ich durch die Wüsten ging, da könne man Tage, ja Wochen lang eine Stellung behaupten, wenn Herz und Hand gleich bereit wären zum blutigen Werk.«

Ein zweites dumpfes, spöttisches Gelächter verbreitete sich unter den jungen Leuten und zeigte ziemlich deutlich, wie sehr sie bereit seien, selbst einer schwereren Aufgabe sich zu unterziehen. Der Grenzwohner selbst ergriff begierig den Wink, den er mit so vieler Mühe dem Streifschütz abgepreßt hatte, der auf ganz eigene Schlußart nothwendig zu der Ueberzeugung gekommen sein müßte, seine Pflicht sei, völlig neutral zu bleiben. Einige unmittelbare und treffende Fragen waren hinlänglich, die geringe, noch erforderliche, nähere Bestimmung des Orts zu erhalten, um die beabsichtigte Bewegung zu machen, und dann ging Ismael, der zu Zeiten der Noth eben so furchtbar entschlossen sich zeigte, als er sonst träge war, ohne Aufschub an die Ausführung des Werks.

Aber ungeachtet des Eifers und der Geschicklichkeit Aller, die daran Theil nahmen, war doch die Arbeit sehr mühsam und beschwerlich. Die beladenen Wagen mußten sie mit eigner Hand eine große Strecke auf der Ebene ohne andere Führung und Leitung fortziehen, als die, welche der Streifschütz gab, indem er ihnen die Hauptpunkte der Gegend andeutete. Bei dieser Anstrengung ward der gigantischen Stärke der Männer das Aeußerste zugemuthet, und auch den Weibern und Kindern ein schwerer Theil der Arbeit zugemessen. Während die Söhne sich an die schwer beladenen Wagen vertheilten, und sie mit der Hand auf den nahen Hügel zogen, folgte ihre Mutter und Ellen, umgeben von der erstaunten Gruppe der Kleinen, langsam hinten nach, und erlagen fast unter dem Gewicht solcher Stücke, wie sie ihrer verschiedenen Stärke angemessen waren.

Ismael selbst übersah und leitete das Ganze; gelegentlich, wenn ein Fuhrwerk säumte, kam seine kolossale Schulter zu Hülfe, bis er endlich die Hauptschwierigkeit, die Höhe ihres Wegs zu gewinnen, überwunden sah. Da bezeichnete er die Richtung, warnte seine Söhne, so vorzuschreiten, daß sie den Vortheil nicht wieder verlören, den sie mit so viel Mühe erlangt, gab dem Bruder seines Weibes einen Wink, und Beide kehrten zusammen in das leere Lager zurück.

Während der ganzen Bewegung, die eine Stunde dauerte, hatte der Streifschütz, auf seine Flinte gelehnt, der alternde Hund zu seinen Füßen schlummernd, bei Seite gestanden, – ein stiller aber aufmerksamer Beobachter alles dessen, was vorging. Manchmal erhellte ein Lächeln seine rauhen, muskelhaften, aber vom Alter zerstörten Züge, wie ein Blick der Sonne nackte, zerfallene Ruinen trifft, und verrieth das Vergnügen, das er auf Augenblicke empfand, wenn er die ungeheure Kraft der Jünglinge gewahrte. Dann warf, wenn der Zug langsam die Anhöhe sich hinaufschleppte, ein trauriger, kummervoller Gedanke wieder Alles in tiefen Schatten und ließ dem Ausdruck seines Antlitzes seinen gewohnten, melancholischen Ernst. Als Fuhrwerk auf Fuhrwerk die Stelle des Lagers verließ, bemerkte er mit erhöhter Aufmerksamkeit die Veränderung, und unterließ selten, einen forschenden Blick nach dem kleinen vernachlässigten Zelt zu werfen, welches mit seinem dazu gehörigen Wagen, nach wie vorher, einsam und scheinbar vergessen blieb. Ismael's Aufforderung jedoch gegen seinen finstern Gefährten hatte, wie es jetzt scheinen wollte, diesen bisher von seiner Thätigkeit vernachlässigten Theil zum Gegenstand.

Erst einen vorsichtigen und fast verdachtvollen Blick nach allen Seiten werfend, näherte der Grenzwohner und sein Gefährte sich dem kleinen Wagen und brachten ihn ganz auf dieselbe Art wieder unter das Tuch, wie sie ihn den vorhergegangenen Abend herausgebracht hatten. Sie verschwanden dann Beide hinter der Decke, und viele Minuten voll Erwartung gingen vorüber, während welchen der alte Mann, von brennendem Verlangen getrieben, die Ursache dieses geheimnißvollen Betragens zu erfahren, sich unmerklich dem Orte näherte, bis er wenige Schritte von der verbotenen Stelle stand. Die Bewegung des Tuchs verrieth die Art der Beschäftigung derer, welche es verbarg, obgleich ihre Arbeit mit der äußersten Stille vor sich ging. Lange Uebung schien Beide mit dem besondern Theil ihrer Arbeit vertraut gemacht zu haben; denn weder Zeichen noch Anweisung irgend einer Art war von Ismael's Seite nöthig, um seinem erfahrnen Gefährten die Weise anzudeuten, wie er verfahren müsse. In weniger Zeit, als die Erzählung davon wegnahm, ward der innere Theil der Vorkehrung vollendet, und die Männer erschienen außerhalb des Zeltes. Zu beschäftigt mit seiner Arbeit, um die Gegenwart des Streifschützen zu bemerken, begann Ismael, das Tuch am Boden loszumachen und es auf solche Art um das Fuhrwerk herumzuwinden, daß es eine luftige Decke für die neue Art von Zelt bildete, das jetzt daraus entstanden war. Die gewölbte Spitze zitterte bei den gelegentlichen Bewegungen des kleinen Wagens, welcher, wie man nun deutlich merkte, seine geheimnißvolle Last wieder aufgenommen hatte. Gerade als die Arbeit vollbracht war, fiel das finstere Auge von Ismael's Begleiter auf den aufmerksamen Beobachter aller ihrer Bewegungen. Er ließ die Deichsel wieder fallen, die er schon vom Boden aufgehoben hatte, um die Stelle einzunehmen, die sonst von einem weniger vernünftigen, aber auch weniger gefährlichen Wesen ausgefüllt ward, und rief wild:

»Ich will ein Narr sein, wie Ihr oft sagt! Aber seht euch vor: wenn dieser Mann nicht unser Feind ist, will ich Vater und Mutter entehren, mich einen Indianer nennen und mit den Sioux jagen!«

Die Wolke, wenn sie schnellen Blitz senden will, ist nicht dunkler und drohender, als der Blick, womit jetzt Ismael den Zudringlichen begrüßte. Er warf sein Auge um sich, als suche er ein hinlänglich schreckliches Werkzeug, um den strafbaren Streifschützen mit einem Streich zu vernichten; dann, vielleicht sich erinnernd, er könne seines Raths ferner bedürfen, bezwang er sich und sagte mit einer Mäßigung, die ihn fast erstickte:

»Fremder, ich dachte, solches Einschleichen in die Geheimnisse Anderer sei nur Sache der Weiber in den Städten und Ansiedelungen, nicht die Art, wie Männer, die gewohnt sind, an Orten zu leben, wo Jeder für sich Raum genug hat, mit den Geheimnissen ihrer Nachbarn umgehn. Welchem Gesetzmann oder Sherif seid Ihr gesonnen, Eure Entdeckungen zu verkaufen?«

»Ich habe nur wenig mit Richtern zu thun, Einen ausgenommen, und mit dem sprech' ich von meinen Angelegenheiten,« erwiederte der alte Mann ohne die geringste merkbare Furcht und deutete feierlich nach oben. »Ein Richter – und Ein Richter über Alles. Der braucht meine Nachricht wenig; wenig wird Euch Euer Verlangen helfen, Etwas, selbst in dieser Wüste, vor ihm geheim zu halten.«

Die erzürnten Gemüther seiner unbändigen Zuhörer wurden durch diese einfache, feierliche Art des Streifschützen besänftigt. Ismael stand finster und gedankenvoll, während sein Begleiter einen verstohlnen, unwillkührlichen Blick nach dem Himmel warf, der sich so weit und heiter über ihren Häuptern wölbte, als erwarte er, des Allmächtigen Auge selbst aus der Himmelsdecke hervorstrahlen zu sehen. Aber Eindrücke ernsthafter Art dauern selten bei Gemüthern, die sich lange hingegeben leichtsinniger Vergessenheit. So währte auch das Zögern des Grenzwohners nur kurze Zeit. Aber die Sprache sowohl, als das feste, gesammelte Betragen des Sprechenden trug doch viel dazu bei, für die Folge Mißhandlung und Gewaltthätigkeit abzuwenden.

»Es würde weit mehr Treue eines Freundes und Gefährten gezeigt haben,« erwiederte Ismael in hinlänglich finsterm Ton, um seinen Unwillen zu verrathen, obwohl er nicht mehr drohend war, »hätte Eure Schulter sich an das Rad eines jener Wagen gestemmt, statt daß sie sich hier hereinschleicht, wo Niemand nöthig ist, als wer gerufen wird.«

»Ich kann die geringe, mir übrig gebliebene Kraft eben so gut an diesem, als an einem andern von Euren Wagen anwenden.«

»Haltet Ihr uns für Knaben!« rief Ismael, und lachte halb im Grimm, halb aus Verachtung, während er zugleich seine mächtige Kraft an dem kleinen Wagen versuchte, der über das Gras, wie es schien, ganz so leicht hinrollte, als ob er von seinem gewöhnlichen Gespann gezogen würde.

Der Streifschütz stand und folgte mit dem Auge dem abgehenden Wagen, voll Verwunderung über seinen verborgenen Inhalt, bis auch er den Gipfel der Anhöhe erreicht hatte, und nun ebenfalls hinter der Unebene des Landes verschwand. Dann wandte er sich und staunte über die Verlassenheit der Gegend um ihn. Der Mangel jeder menschlichen Gestalt würde kaum eine Empfindung in dem Busen eines Mannes erregt haben, der seit so langer Zeit an Einsamkeit gewöhnt war, hätte nicht die Stelle des verlassenen Lagers so starke Rückerinnerungen an die, welche es eben noch eingenommen, und an ihre Verwüstungen, wie der alte Mann bald entdeckte, dargeboten. Er warf das Auge mit einem bedenklichen Kopfschütteln aufwärts nach dem leeren Raum am Himmel, der kurz vorher noch von den Aesten der Bäume bedeckt worden war, welche, jetzt ihrer Grüne beraubt, werthlose verworfene Stämme, zu seinen Fußen lagen.

»Ach!« murmelte er bei sich, »ich hätt' es mir denken können! Oft hab' ich dasselbe vorher gesehen, und doch bracht' ich sie selbst an den Ort, und habe sie jetzt wieder an eine ähnliche Stelle gewiesen, manche lange Meile von hier, wo ich stehe. So ist des Menschen Wunsch, dies ist sein Stolz, seine Verwüstung, seine Sündigkeit. Er zähmt die Thiere des Feldes, seine eiteln Bedürfnisse zu nähren, und hat er das Vieh seiner natürlichen Bedürfnisse beraubt, lehrt er es, die Erde ihrer Bäume zu entblößen, um seinen Hunger zu stillen.«

Ein Geräusch in dem niedern Gebüsch, das noch in einiger Entfernung längs des Gehölzes wuchs, woran sich Ismael's Lager gelehnt hatte, traf jetzt sein Ohr und machte dem Selbstgespräch ein Ende. Die Gewöhnung so vieler ihm in der Wildniß vorübergegangenen Jahre machte, daß der Greis seine Flinte richtete, und – zwar mit einer Leichtigkeit und Schnelle, die an seine Jugend erinnerte; aber plötzlich besann er sich, nahm die Waffe lässig in den Arm, und seine frühere trauernde Beschauung trat wieder ein:

»Komm hervor, hervor!« sagte er laut, »Vogel oder Vieh, bist sicher vor diesen alten Händen; ich hab' gegessen und getrunken; warum sollt' ich ein Leben nehmen, wenn mein Bedürfniß ein solches Opfer nicht erheischt. Nicht lange wird's währen, und die Vögel werden picken nach den Augen, die nicht mehr sehen, und werden sitzen auf diesen Gebeinen; denn ist alles dies nur gemacht, um zu vergehen, warum sollt' ich erwarten, immer zu leben? Komm hervor, hervor; bist sicher vor Leid, schwach sind diese Hände.«

»Dank Euch für Eure guten Worte, alter Streifschütz,« rief Paul Hover und sprang schnell aus seinem Versteck hervor. »Ihr stelltet Euch so, als Ihr das Gewehr vorhieltet, wie ich's gar nicht liebte; denn es schien, als wolltet Ihr sagen, Ihr wäret Herr über alle Bewegungen.«

»Recht, recht,« rief der Streifschütz, und lächelte mit innerem Selbstbehagen bei der Rückerinnerung an seine frühere Geschicklichkeit. »Es gab eine Zeit, wo wenige besser als ich die Tugenden einer langen Flinte kannten, wie ich sie hier führe, so alt und nutzlos ich auch jetzt scheine. Ganz recht, junger Mann, und es gab eine Zeit, wo es gefährlich gewesen, ein Blatt, so daß ich's hören konnte, zu bewegen, oder –« hier dämpfte er die Stimme und ward ernst – »für einen rothen Mingo, aus seinem Versteck einen Augapfel zu zeigen; Ihr habt von den rothen Mingo's gehört?«

»Von Mink's hörte ich,« sagte Paul, zog den Alten in das Gehölz, während er sprach, und warf schnelle, unruhige Blicke hinter sich, um sich zu überzeugen, daß er nicht beobachtet werde. »Von Euren gewöhnlichen schwarzen Mink's, aber von keinen, von einer andern Farbe.«

»Ei, ei,« fuhr der Streifschütz fort, schüttelte den Kopf, und lachte auf seine tiefe, aber ruhige Art, »der Bursche nimmt ein Thier für einen Menschen, obgleich ein Mingo wenig besser ist als ein Thier, ja schlechter, wenn Rum und Gelegenheit da ist. Da war der verdammte Hurone an den obern See'n, den ich herunterbrachte von seinem Nest, zwischen den Felsen, in den Hügeln, hinter dem Hori – –«

Seine Stimme verlor sich im Gebüsch, in das er sich von Paul ziehen ließ, während er sprach, zu beschäftigt mit Gedanken, die auf Begebenheiten sich bezogen, welche vor einem halben Jahrhundert in der Geschichte des Landes vorgefallen waren, um den geringsten Widerstand zu leisten.

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