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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Viertes Kapitel.

Mit größ'rer Furcht der Kampf mein Herz durchdringt,
Als wer im Kampfe selbst die Waffe schwingt.

Kaufmann von Venedig.

 

Der unglückliche Bienenjäger und seine Genossen waren nun Gefangene eines Volkes geworden, das ohne Übertreibung die Ismaeliten der amerikanischen Wüsten genannt werden könnte. Seit undenklichen Zeiten hatte sich die Macht der Sioux gegen ihre Nachbarn in den Steppen gewendet, und selbst bis auf diesen Tag, wo der Einfluß und das Ansehen einer geordneten Staatsverfassung um sie herum gefühlt wird, werden sie als eine verrätherische und gefährliche Völkerschaft betrachtet. Zur Zeit unsrer Erzählung war dies noch weit schlimmer; wenige weiße Leute wagten sich in die entfernten, gesetzlose Gegenden, wo, wie man wußte, ein so falscher Stamm wohnte.

Trotz seiner friedlichen Unterwerfung kannte der Streifschütz den Charakter der Bande dennoch sehr wohl, in deren Hände er gefallen war. Aber für den scharfsinnigsten Richter würde es schwierig gewesen sein, zu entscheiden, ob Furcht, Klugheit oder Ergebung der geheime Beweggrund des Alten war, als er sich, ohne zu murren, plündern ließ. Weit entfernt, der rohen, gewaltthätigen Art, womit seine Sieger ihr gewöhnliches Amt verwalteten, auch nur eine Vorstellung entgegenzusetzen, kam er sogar ihrer Gier zuvor, und reichte den Häuptlingen, was, wie er voraussetzte, ihnen am angenehmsten sein konnte. Auf der andern Seite zeigte Paul Hover, der so recht buchstäblich ein Besiegter war, den äußersten Unwillen, sich den gewaltthätigen Freiheiten zu unterwerfen, die man sich mit seiner Person und Habe nahm. Er gab selbst, während dem summarischen Prozeß, mehrere, gar nicht zweideutige Zeichen seines Mißvergnügens und würde, mehr als einmal, in offenen, verzweifelten, Widerstand ausgebrochen sein, wären die Ermahnungen und Bitten des zitternden Mädchens nicht gewesen, das sich so hingebend an seine Seite drückte und dadurch dem Jüngling zeigte, daß all ihre Hoffnung nicht weniger auf seine Vorsicht, als auf seiner Neigung, ihr zu dienen, gegründet sei.

Indeß hatten die Indianer den Gefangenen nicht sobald die Waffen und Munition weggenommen, und sie einiger Kleidungsstücke von geringem Nutzen und vielleicht noch geringerem Werthe beraubt, als sie geneigt schienen, ihnen einen Augenblick Ruhe zu lassen. Geschäfte von größerer Wichtigkeit drängten sie, und forderten ohne Aufschub ihre Aufmerksamkeit. Eine zweite Berathung der Häuptlinge ward gehalten, und man erkannte aus der ernsten, heftigen Art der Wenigen, welche sprachen, daß die Krieger ihren Erfolg noch gar nicht für vollständig hielten.

»Es ist viel,« lispelte der Streifschütz, welcher genug von der Sprache verstand, die er hörte, um den Gegenstand der Berathung vollkommen zu vernehmen, »wenn die Wanderer, die dort an den Weiden lagern, nicht aus ihrem Schlaf durch einen Besuch dieser Wichte aufgeweckt werden. Sie sind zu klug, um zu glauben, daß ein Weib von den ›blassen Gesichtern‹ so weit von allen Wohnungen angetroffen wird, ohne die Erfindungen und Bequemlichkeiten eines Weißen bei der Hand zu haben.«

»Wenn sie mir den Stamm dieses wandernden Ismael zu den Felsengebirgen führen,« sagte der junge Bienenjäger bitter lachend, »dann könnte ich vielleicht diesen Schurken verzeihen.«

»Paul! Paul!« rief seine Gefährtin im Ton des Vorwurfs, »du vergißt alles. Denk an die traurigen Folgen!«

»Ah, gerade daß ich an das, was du Folgen nennst, Ellen, dachte, hinderte mich, mit jenem rothen T–l auf einmal fertig zu werden, und ihn zu einem wahren Leichnam zu machen. Alter Streifschütz, die Sünde dieses feigen Benehmens ruht auf Eurem Haupt. Aber es ist ja Euer tägliches Geschäft, so Menschen, wie Vieh in Fallen zu fangen.«

»Ich bitt' dich, Paul, sei ruhig – gedulde dich.«

»Nun, wenn du es willst, Ellen,« erwiederte der Jüngling und bemühte sich, seinen Aerger zu unterdrücken, »will ich den Versuch machen; obgleich, wie du wissen mußt, es zur Religion eines Bewohners von Kentucky gehört, sich bei einem Unfall ein wenig zu sträuben.«

»Ich fürchte, Eure Freunde auf der andern Seite werden den Augen dieser Wichte nicht entgehen,« fuhr der Streifschütz fort, so kalt, als ob er keine Silbe von der vorigen Rede gehört; – »sie riechen Beute und es wäre eben so schwer, den Hund vom Wild, als dies Geschmeiß von seiner Spur abbringen.«

»Können wir denn gar nichts thun?« fragte Ellen in einem bittenden Ton, der von der Aufrichtigkeit ihrer Besorgniß zeugte.

»Mir wär's ein Leichtes, so zu schreien, daß der alte Ismael träumen sollte, die Wölfe wären unter seiner Heerde,« erwiederte Paul. »Ich kann mich in diesen offenen Feldern Meilen weit hörbar machen und sein Lager ist kaum eine Viertelmeile von uns entfernt.«

»Und bekommt zum Lohn dafür den Kopf eingeschlagen,« erwiederte der Streifschütz; »nein, nein, List muß List besiegen, oder die Hunde morden die ganze Familie.«

»Morden! nein, – nicht morden. Ismael liebt das Wandern so sehr, – was würd's ihm schaden, wenn er auch einmal das andere Meer betrachtete; aber der alte Schelm ist schlecht auf die lange Reise vorbereitet! Ich würde selbst mein Gewehr erst gebrauchen, ehe er ganz zu Grunde gerichtet würde.«

»Sein Haufe ist stark an der Zahl und wohl bewaffnet, glaubt Ihr, daß er fechten wird?«

»Seht, alter Streifschütz, es liebt nicht leicht Jemand Ismael Busch und seine sieben Tölpel von Söhnen weniger, als ein gewisser Paul Hover; aber ich mag nicht einmal eine Tennessee-Flinte verläumden. – Es ist unter ihnen so viel wahrer, widerstrebender Muth, als in irgend einer Familie in Kentucky. Sie sind eine langgestaltige, doppeltgenähte Race, und wer von einem unter ihnen das Maß auf der Erde nehmen wollte, müßte ein tüchtiger Handwerksmann sein.«

»Hst! Die Versammlung ist aus, und die Wilden wollen eben ihre verruchten Pläne ausführen. Wir müssen uns gedulden; vielleicht bietet sich noch etwas zu Gunsten unsrer Freunde dar.«

»Freunde! Nennt keinen von der Schaar meinen Freund, wenn Euch mein Wohlwollen lieb ist. Was ich zu ihrem Vortheil sage, geschieht weniger aus Freundschaft als aus Aufrichtigkeit.«

»Ich wußte nicht anders, als daß das Mädchen zu ihnen gehörte,« erwiederte der andere ein wenig trocken, – »aber man sollte nichts für Beleidigung nehmen, was nicht so gemeint ist.« –

Paul's Mund ward wieder von Ellens Hand zugehalten, die die Antwort nach ihrer höflichen, gewinnenden Art auf sich nahm: »wir sollten alle eine Familie sein, wenn es in unsrer Macht steht, einander zu dienen. – Wir verlassen uns gänzlich auf Eure Erfahrung, guter alter Mann, Ihr mögt ein Mittel entdecken, unsre Freunde von der Gefahr zu benachrichtigen.«

»Es ist auch wirklich Zeit,« murmelte der Bienenjäger lachend, »wenn die Jungen in Ernst mit diesen rothen Häuten zusammen kommen.«

Er ward durch eine allgemeine Bewegung in der Bande unterbrochen. Die Indianer stiegen alle ab, und gaben ihre Pferde an drei oder vier des Haufens, die man zugleich auch mit der Bewachung der Gefangenen beauftragte. Sie bildeten nun einen Kreis um einen Krieger, der das größte Ansehen zu besitzen schien, und auf ein gegebenes Zeichen bewegte sich der ganze Schwarm langsam und vorsichtig in gerader Linie vom Mittelpunct und also nach allen verschiedenen Richtungen vorwärts. Die meisten ihrer dunkeln Gestalten verschwammen bald mit der braunen Decke der Wüste, wiewohl die Gefangenen, welche auf die geringste Bewegung ihrer Feinde mit wachsamem Auge Acht hatten, manchmal eine Menschengestalt bemerken konnten, die sich am Horizont hinzeichnete, wenn einer, eifriger als die übrigen, seine ganze Höhe darstellte, um die Grenzen seines Gesichtskreises zu erweitern. Aber nicht lange so schwand auch dieser flüchtige Schimmer von dem fortschreitenden und immer größer werdenden Zirkel, und Ungewißheit und Vermuthung kam noch zur Furcht. So gingen mehrere angstvolle, traurige Minuten vorüber, während die Lauscher mit jedem Augenblick den Ruf der Angreifenden und das Geschrei der Überfallenen durch die Stille der Nacht zu hören erwarteten. Aber es wollte scheinen, als ob das Suchen, welches man so deutlich wahrnahm, ohne hinlänglichen Erfolg geblieben; denn nach einer halben Stunde kamen die Genossen der Bande einzeln, finster und lässig, wie Leute, deren Bemühung vergebens gewesen, wieder zurück.

»Nun kommt die Reih' an uns,« bemerkte der Streifschütz, der auf den geringsten Vorfall, auf das unbedeutendste Zeichen von Feindseligkeit unter den Wilden Acht gab; »wir werden jetzt ausgefragt und wenn ich anders weiß, was in unsrer Lage dienlich sein könnte, so möchte ich behaupten, es wäre gut, wenn wir einen aus uns wählten, der Antwort gibt, damit wir in unserm Zeugniß übereinstimmen. Und ferner, wenn die Meinung eines so alten, unbrauchbaren Jägers von achtzig zu berücksichtigen ist, dächte ich, der Mann müßte gerade der sein, welcher mit dem Charakter der Indianer am vertrautesten ist und auch etwas von ihrer Sprache versteht, – seid' Ihr mit der Sprache der Sioux bekannt, Freund?«

»Kümmert Euch um Euren eigenen Honig,« erwiederte der unwillige Bienenjäger; »zum Sumsen seid Ihr gut, wenn auch zu sonst nichts.«

»Die Jugend ist rasch und starrig,« entgegnete der Streifschütz ruhig; »es war eine Zeit, junger Mann, wo mein Blut wie Eures war, zu schnell und heiß, um ruhig in den Adern zu fließen. Aber was nützt's, von thörichten Wagnissen und dummen Streichen in diesem Alter zu reden. Ein graues Haupt muß Besonnenheit, nicht die Zunge eines Prahlers einschließen.«

»Wahr, wahr,« lispelte Ellen, »und wir müssen jetzt auf anderes gefaßt sein! Da kommt der Indianer uns seine Fragen vorzulegen.«

Das Mädchen, dem die Furcht die Sinne geschärft, hatte sich nicht getäuscht. Sie sprach noch, als ein schlanker, halb nackter Wilder sich der Stelle näherte, wo sie standen, welcher, nachdem er zuvor die ganze Gesellschaft so genau, als es das Dunkel erlaubte, länger als eine Minute in vollkommener Stille durchmustert hatte, den gewöhnlichen Gruß in den rauhen Kehllauten seiner Sprache vorbrachte. Der Streifschütz antwortete, so gut er konnte, was, wie es schien, gut genug war, und verstanden wurde. Um dem Vorwurf der Pedanterie zu entgehen, wollen wir den Inhalt, und nur so weit es möglich ist, die Form des Dialogs wieder geben.

»Haben die blassen Gesichter schon all ihre Büffel gegessen, und all ihren Bibern die Häute abgenommen,« fuhr der Wilde fort, nachdem er, wie es die Sitte verlangte, die gehörige Zeit nach seinem Gruß abgewartet hatte, ehe er wieder sprach, »haben sie schon alles aufgegessen, daß sie hierher kommen und zählen wollen, wieviel sich deren noch unter den Pawnee finden?«

»Einige von uns sind hier, um zu kaufen, andere, zu verkaufen,« erwiederte der Streifschütz, »aber keiner wird folgen, wenn sie hören, daß es nicht sicher sei, sich der Wohnung eines Sioux zu nähern.«

»Die Sioux sind Diebe, und wohnen im Schnee; warum sprechen wir von einem so entfernten Volk, wenn wir im Land der Pawnee sind?«

»Sind die Pawnee die Eigenthümer dieses Landes, dann sind Weiße und Rothe mit gleichem Recht hier.«

»Haben die Blaß-Gesichter die rothen Leute nicht genug bestohlen, daß Ihr noch so weit herkommt, um uns eine Lüge zu bringen? Ich habe gesagt, dies ist Jagdgrund meines Stammes.«

»Ich hab' dasselbe Recht hier zu sein, als Ihr selbst,« entgegnete der Streifschütz mit ungestörter Ruhe; »ich spreche nicht so, wie ich könnte. – Es ist besser zu schweigen. Die Pawnee und die weißen Leute sind Brüder, aber ein Sioux darf sein Gesicht nicht in einem Dorf der Wölfe zeigen.«

»Die Dahcotah Ein anderer Name der Sioux. Uebers. sind Männer!« rief der Wilde stolz und vergaß in seinem Zorn, die Rolle beizubehalten, die er angenommen hatte, da er die Benennung gebrauchte, auf die seine Nation am meisten stolz ist; »die Dahcotah kennen keine Furcht; sprecht, was bringt Euch so weit von den Dörfern der blassen Gesichter?«

»Ich sah bei manchen Berathschlagungen die Sonne aufgehen und sinken, und habe nur Worte weißer Männer gehört. Laßt Eure Häuptlinge kommen, und mein Mund soll ihnen nicht verschlossen sein.«

»Ich bin ein großer Häuptling,« sagte der Wilde, und gab sich das Ansehn beleidigter Würde; »haltet Ihr mich für einen Assiniboine! Weucha ist ein oft genannter Held, dem man viel vertraut.«

»Bin ich ein Thor, daß ich einen verbrannten Teton Teton, wie Dahcotah, eine andere Benennung der Sioux. Uebers. nicht erkennen sollte!« fragte der Streifschütz mit einer Festigkeit, die seinem Muth alle Ehre machte. »Geht; es ist dunkel, und Ihr seht nicht, daß mein Haupt grau ist.«

Der Indianer schien jetzt überzeugt, daß er eine zu platte List gebraucht, um einen so erfahrnen Mann, wie der, mit dem er sprach, zu täuschen; und bedachte jetzt, welche andre Erdichtung er erfinden sollte, um seinen Zweck zu erreichen, als eine geringe Bewegung unter der Bande all seinen Plänen mit einemmal ein Ende machte. Er warf seine Augen hinter sich, als fürchte er eine schnelle Unterbrechung, und sagte in einem weit weniger anmaßenden Tone als früher:

»Gebt Weucha die Milch der Lang-Messer, Er hatte es also bei seiner Verstellung auf eine Plünderung der Gefangenen abgesehen. Uebers. und er wird Euern Namen in die Ohren der Helden seines Stammes singen.«

»Geht,« sagte der Streifschütz, und wieß ihn mit Unwillen fort; »Ihr jungen Leute sprecht von Mahtoree Der Anführer der Sioux. Uebers., meine Worte sind für die Ohren eines Häuptlings.«

Der Wilde warf einen Blick auf ihn, worin ungeachtet der geringen Helle, unversöhnliche Feindschaft nicht zu verkennen war. Er stahl sich dann weg unter seine Gefährten, voll Angst, den Betrug und die Verrätherei, der er sich durch eine beabsichtigte Zueignung eines Theils der Beute schuldig gemacht, vor dem Mann zu verbergen, den der Streifschütz eben genannt hatte, und der jetzt herankam, wie er aus dem öftern Nennen des Namens Mahtoree unter der Bande merken konnte. Er war kaum verschwunden, als ein Krieger von kraftvollem Bau aus dem dunkeln Kreise herauskam, und sich vor die Gefangnen stellte, mit der hohen, stolzen Haltung, die einen indianischen Häuptling immer so sehr auszeichnet. Ihm folgte der ganze Haufe, und stellte sich, in tiefem, ehrfurchtsvollem Schweigen, um ihn herum.

»Die Erd' ist groß,« begann der Häuptling nach einem Schweigen voll Würde, die sein Zerrbild so schlecht nachgemacht hatte. »Warum können die Kinder meines weißen Vaters nie Raum genug darauf finden?«

»Einige von ihnen hörten, ihre Freunde in den Steppen brauchten gar manches,« entgegnete der Streifschütz, »und kommen, um zu sehen, ob es wahr ist. Manche von ihnen dagegen brauchen, was die rothen Leute gern verkaufen, und so kommen sie, ihre Freunde mit Pulver und Decken zu bereichern.«

»Setzen Kaufleute mit leeren Händen über den Fluß?«

»Unsere Hände sind leer, weil Eure Jünglinge dachten, wir wären ermüdet, und uns unserer Last entledigten. Sie irrten sich, ich bin alt, aber stark.«

»Es kann nicht sein. Euer Gepäck fiel in die Steppen. Zeigt meinem jungen Volk die Stelle, daß sie es wegnehmen, ehe die Pawnee es finden.«

»Der Weg zur Stelle ist voller Windungen, und es ist jetzt Nacht. Die Stunde des Schlafs ist gekommen,« sagte der Streifschütz mit voller Ruhe. »Heißt Eure Krieger über jenen Hügel gehen; dort ist Wasser und Holz, laßt sie ihr Feuer anzünden, und schlafen mit warmen Füßen. Wenn die Sonne wieder kommt, will ich Euch sprechen.«

Ein dumpfes Murmeln, das jedoch deutlich großen Unwillen ausdrückte, erhob sich unter den aufmerksamen Zuhörern, und lehrte den Alten, daß er nicht behutsam genug gewesen, als er eine Maßregel vorschlug, die den Wanderern an dem Dickicht die Gegenwart so gefährlicher Nachbarn kundthun sollte. Mahtoree jedoch, ohne auch nur im Geringsten die Bewegung zu verrathen, welche seine Genossen so deutlich zeigten, setzte seine Unterredung mit demselben Stolz, wie vorher, fort:

»Ich weiß, mein Freund ist reich,« sagte er, »und hat viele Krieger nicht weit von hier, und mehr Pferde, als Hunde sind unter den Rothen.«

»Ihr seht meine Krieger und meine Pferde.«

»Was! Hat das Mädchen die Füße eines Dahcotah, daß sie dreißig Nächte ziehen kann in den Steppen, und nicht niederfällt. Ich weiß, die rothen Leute der Wälder machen lange Züge zu Fuß, aber wir, wir leben wo das Auge nicht sehen kann von einer Wohnung zur andern; wir lieben unsere Pferde.«

Nun stockte der Streifschütz. Er sah deutlich, daß Täuschung, wenn entdeckt, gefährlich werden könnte, und bei seinem Stand und Charakter hatte er eine gewisse unbeschränkte Achtung vor der Wahrheit. Als er jedoch bedachte, daß das Schicksal anderer sowohl als sein eigenes in seine Hand gegeben sei, entschloß er sich schnell, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und den Dahcotah-Häuptling nicht zu hindern, wenn er sich selbst betrügen wolle.

»Die Weiber der Sioux und die der weißen Leute,« antwortete er ausweichend, »sind nicht von derselben Art. Würde ein Teton-Krieger sein Weib über sich selbst setzen; ich weiß, er thät's nicht, und doch hab' ich von Ländern gehört, wo die Berathungen von Weibern gehalten werden.«

Eine zweite geringe Bewegung in dem dunkeln Kreis zeigte dem Streifschütz, daß seine Erklärung nicht ohne Erstaunen, ja vielleicht nicht ganz ohne Mißtrauen aufgenommen ward. Der Häuptling allein schien ungerührt, oder entschlossen, auf keine Weise von dem Stolz und der hohen Würde seines Ansehns etwas nachzulassen.

»Meine weißen Väter, welche an den großen Seen wohnen, sagten immer, ihre Brüder gegen Aufgang der Sonne seien keine Männer, und nun sehe ich, sie logen nicht. – Geht, was ist das für ein Volk, dessen Oberhaupt ein Weib ist! Seid Ihr der Hund oder der Mann dieses Weibes?«

»Keins von beiden. Nie sah ich ihr Antlitz, als diesen Tag. Sie kam in die Steppen, weil man ihr gesagt, ein großes und edles Volk, die Dahcotah, lebten hier, und sie wollte Männer sehen. Die Weiber der blassen Gesichter öffnen, wie die Weiber der Sioux, gern ihre Augen, um etwas Neues zu schauen; aber sie ist arm, wie ich, und wird kein Korn und keine Büffel mehr haben, wenn Ihr ihr das Wenige nehmt, was sie und ihr Freund noch hat.«

»Nun hören meine Ohren viele verd – te Lügen auf einmal,« rief der Teton-Krieger mit einer Stimme, so wild, daß sie selbst seine rothen Zuhörer erschreckte. »Bin ich ein Weib! Hat ein Dahcotah keine Augen! Sagt mir, weißer Jäger, wer sind die Leute von Eurer Farbe, die dort nahe den gefallenen Bäumen schlafen?«

Als er sprach, deutete der unwillige Häuptling nach Ismael's Lager und ließ dem Streifschütz keinen Zweifel darüber, daß die größere Sorgfalt und Spürkraft des Oberhauptes eine Entdeckung gemacht, welche dem Forschen der Uebrigen seines Haufens entgangen war. Trotz seines Verdrusses über einen Vorfall, der den Schläfern verderblich werden konnte, und eines geringen Aergers, daß er sich so gänzlich in dem, von uns niedergeschriebenen Gespräch hatte überlisten lassen, behielt doch der Alte seine frühere Ruhe immer noch bei.

»Es kann sein,« antwortete er, »daß weiße Leute in der Steppe schlafen. Wenn mein Bruder es sagt, so ist es wahr; aber was es für Leute sind, die sich so auf den Edelmuth der Teton verlassen, kann ich nicht sagen. Wenn Fremde dort schlafen, so schickt Eure junge Mannschaft hin, sie aufzuwecken, und laßt sie selbst sagen, wer sie sind; jedes Blaß-Gesicht hat eine Zunge.«

Das Oberhaupt schüttelte den Kopf mit einem wilden, stolzen Lächeln, und antwortete abgebrochen, als er sich wegwandte, um der Unterredung ein Ende zu machen.

»Die Dahcotah sind ein kluges Volk und Mahtoree ist ihr Haupt. Er wird die Fremden nicht rufen, daß sie aufstehen und ihm Antwort geben mit ihren Flinten. Er wird ihnen ganz leise in die Ohren lispeln. Dann mögen die Leute von ihrer Farbe kommen und sie wecken.«

Als er diese Worte aussprach und sich auf dem Absatz herumdrehte, ging ein leises, billigendes Lächeln durch den dunkeln Kreis, der sogleich seinen Stand verließ und ihm in eine geringe Entfernung von den Gefangenen folgte, wo die, welche wagen durften, mit einem so großen Helden Worte zu wechseln, sich wieder um ihn zu einer Berathung sammelten. Weucha benutzte die Gelegenheit, seine Zudringlichkeit zu erneuern; aber der Streifschütz, der jetzt recht gesehen hatte, welch eine elende Nachäffung er von seinem Hauptmann war, stieß ihn mit großer Verachtung zurück. Doch wirksamer wurde den Belästigungen dieses übelwollenden Wilden ein Ende durch den Befehl gemacht, daß der ganze Haufe, Menschen und Pferde, ihre Stellung verändern sollte. Die Bewegung ging in tiefer Stille vor sich, und mit einer Ordnung, die einer disciplinirteren Mannschaft Ehre gemacht hätte. Doch hielten sie bald wieder, und als die Gefangenen Zeit hatten, sich umzusehen, fanden sie, daß sie im Angesicht des kleinen dunkeln Gehölzes waren, an dem Ismael's schlummernde Familie sich gelagert hatte.

Hier ward eine neue kurze, aber sehr ernste Berathung gehalten. Die Thiere, welche an verdeckte stille Angriffe gewöhnt schienen, wurden nochmals einigen zur Obhut übergeben, die auch zugleich, wie vorher, mit der Wache über die Gefangenen beauftragt wurden. Das Herz des Streifschützen ward gar nicht von der Unruhe befreit, welche sich mit jedem Augenblick mehr seiner bemächtigte, als er fand, daß Weucha ihm so nahe, und wie man aus dessen triumphirenden und gebietenden Mienen schließen konnte, auch an die Spitze der Wache gestellt war. Der Wilde, der ohne Zweifel seine geheimen Verhaltungsbefehle hatte, begnügte sich jedoch für jetzt mit seiner Streitaxt eine bedeutungsvolle Bewegung zu machen, die Ellen schnellen Untergang drohte. Als er auf diese ausdrucksvolle Weise seinen männlichen Gefangenen das Schicksal angedeutet, das auf das geringste Geräusch von ihrer Seite sogleich ihre Gefährtin treffen würde, begnügte er sich damit, während der ganzen folgenden Scene, ein strenges, tiefes Schweigen zu beobachten. Dieses unerwartete Verbot von Weucha's Seite erlaubte dem Streifschütz und seinen beiden Genossen, ungetheilt ihre Aufmerksamkeit auf das Wenige zu richten, was sie von den für sie so wichtigen Bewegungen vor ihren Augen bemerken konnten.

Mahtoree nahm die zu treffenden Vorkehrungen ganz allein auf sich. Er bestimmte genau die Stelle, die Jeder einnehmen sollte, wie einer, der mit seinem Gefolge genau vertraut ist, und man folgte ihm mit der Unterwerfung und Schnelle, womit ein Indianer den Anordnungen seines Oberhauptes im Augenblick des Streits zu gehorchen pflegt. Die schickte er rechts, jene links. Jeder ging mit dem geräuschlosen, schnellen Schritt, der dieser Menschenrace eigenthümlich ist, bis sie alle ihre angewiesenen Standpunkte besetzt hatten, – zwei ausgenommen, die in der Nähe ihres Führers blieben. Als die Uebrigen weg waren, wandte sich Mahtoree zu diesen auserwählten Gefährten, und bedeutete sie durch ein Zeichen, daß der entscheidende Augenblick gekommen, wo die Unternehmung, die er beabsichtigte, ausgeführt werden sollte.

Jeder legte die leichte Flinte, die er in Folge seines Rangs trug, bei Seite, entledigte sich aller äußern, schweren Kleidungsstücke, und stand bald da, wie eine dunkle, stolze Bildsäule, in der Stellung und fast auch in der Bekleidung der Natur. Mahtoree sah, ob seine Streitaxt an ihrem Ort, ob sein Messer sicher in der Scheide war, band seinen Gürtel fester, und sorgte dafür, daß die Schnüre seiner befranzten und sehr geschmückten Halbstiefel in Ordnung und ihm bei seinem Zug nicht hinderlich seien. So in allem bereit, und fertig zu seiner gewagten Unternehmung, gab der Teton-Häuptling das Zeichen, anzufangen.

Die drei gingen in einer Linie mit dem Lager der Auswanderer vorwärts, bis in dem dunkeln Licht, wodurch sie gesehen wurden, ihre schwarzen Gestalten fast gänzlich den Augen der Gefangenen entschwanden. Hier standen sie still und sahen sich um, als ob sie erst die Folgen bedächten und erwögen, ehe sie einen entscheidenden Schritt thun wollten. Dann zusammensinkend, verloren sie sich im Gras der Steppe.

Die Noth und Angst der verschiedenen Zuschauer bei diesen drohenden Bewegungen, auf deren Ausgang sie so begierig waren, läßt sich leicht denken. Was auch immer die Ursachen sein mochten, warum Ellen keine besondere Zuneigung zu der Familie hatte, worin sie der Leser zuerst gesehen, so ließen schon die Gefühle ihres Geschlechts und vielleicht auch ein noch glimmender Rest von Dankbarkeit, Besorgniß in ihrem Herzen erwachen. Mehr als einmal fühlte sie sich versucht, der großen und augenblicklichen Gefahr, die einem solchen Beginnen folgen mußte, zu trotzen, und ihre schwache, in Wahrheit unmächtige Stimme zu einem Warnungsruf zu erheben. So stark in der That, und so sehr natürlich war dies Verlangen, daß sie es sehr wahrscheinlich in Ausführung würde gebracht haben, wären Paul Hovers oft wiederholte, obgleich nur zugelispelte Vorstellungen nicht gewesen. In der Brust des jungen Bienenjägers selbst war eine eigene Mischung von Bewegungen. Seine erste und Hauptsorge war natürlich seine liebliche und hülflose Gefährtin; aber mit dem Gefühl für ihre Gefahr einte sich in der Brust des furchtlosen Waldmanns ein wildes Verlangen, an der Schlacht Theil zu nehmen, das gar nicht mißfiel. Obgleich durch noch schlaffere Bande als Ellen mit den Auswanderern verbunden, verlangte es ihn doch, das Knallen ihrer Flinten zu hören, und, hätten es die Umstände erlaubt, er wäre der Erste gewesen, der ihnen zu Hülfe geeilt. Es gab in der That Augenblicke, wo auch er eine fast unwiderstehliche Lust in sich spürte, fortzueilen und die sorglosen Schläfer zu wecken, aber ein Blick auf Ellen war hinreichend, seine wankende Klugheit zu stärken, und ihn auf die Folgen aufmerksam zu machen. Der Streifschütz allein blieb ruhig und beobachtend, als wäre nichts vorgefallen, was seine persönliche Ruhe und Sicherheit gefährde. Seine immer bewegten, wachsamen Augen merkten auf die geringste Veränderung; seine Stellung war so, daß man sah, er sei zu lange an Scenen der Gefahr gewöhnt, um leicht bewegt zu werden; und aus seinem Ausdruck sprach kalte Berechnung, die die Absicht, die er wirklich hegte, andeutete, er werde das geringste Versehen der Wache benutzen.

Indeß waren die Teton-Krieger nicht müßig gewesen. Das hohe Gestrüpp, das in diesen Gründen wuchs, benutzend, waren sie durch das dichte Gras, wie verrätherische Schlangen, die sich auf ihren Raub schleichen, fortgekrochen, bis sie einen Punct erreichten, wo ganz außerordentliche Vorsicht bei ihrem fernern Fortschreiten nöthig ward. Mahtoree allein hatte zu gewissen Zeiten sein dunkles, wildes Antlitz über das Gras erhoben, und strengte seine Augen an, die Finsterniß, welche die Grenze des Gehölzes umfing, zu durchdringen. Bei diesem schnellen Aufblicken gewann er, vereinigt mit dem, was er bei seinem frühern Forschen über die Gegend erfahren hatte, hinlängliche Kenntniß, um sich der Stellung seiner Opfer zu bemeistern, wenn er auch noch ganz in Unwissenheit über ihre Anzahl und Vertheidigungsmittel blieb.

Seine Bemühungen, sich auch über diese zwei wesentliche Puncte die nöthige Kenntniß zu verschaffen, wurden durch die Ruhe im Lager gänzlich vereitelt; – es herrschte tiefe Stille, wie im Lager der Todten. Zu vorsichtig und mißtrauisch, um in so zweifelhaften Fällen sich auf das Benehmen eines weniger Festen und Listigen, als er selbst zu verlassen, hieß der Dahcotah seine Gefährten bleiben, wo sie lagen, und setzte das Wagniß allein fort.

Mahtoree's Fortschreiten ward jetzt langsam, und für einen an solche Bewegungen weniger Gewöhnten würde es qualvoll, mühsam gewesen sein. Aber selbst der listigen Schlange Nahen ist nicht sicherer und geräuschloser als sein Kommen war. Er zog seine Gestalt, Fuß für Fuß, durch das hohe Gras fort, und hielt nach jeder Bewegung, das geringste Geräusch aufzufangen, das einige Nachricht über die Wanderer in seiner Nähe geben könnte. So hatte er sich endlich aus dem falben Mondlicht in den Schatten des Gehölz glücklich fortgezogen, wo nicht nur seine eigene schwarze Person weniger leicht gesehen werden konnte, wo auch die ihn umgebenden Gegenstände deutlicher seinen scharfen, kühnen Blicken sich zeigten.

Hier stand der Teton lange, vorsichtig seine Beobachtungen zu machen, ehe er sich weiter wage. Durch seine Stellung ward es ihm möglich, von dem ganzen Lager mit seinem Zelt, seinen Wagen und Hütten sich ein dunkles aber fest begrenztes Seitenbild zu verschaffen, wonach der geübte Krieger ziemlich genau die Stärke berechnen konnte, der er begegnen sollte. Noch herrschte unnatürliche Stille an dem Ort, als wenn die Leute selbst das leise Athmen des Schlafs unterdrückten, um ihr Vertrauen noch deutlicher zu zeigen. Der Häuptling neigte sein Ohr zur Erde, und lauschte aufmerksam. Er wollte sich, in seiner Erwartung getäuscht, wieder aufrichten, als ein langer, zitternder Athemzug eines, der nur wenig schlief, zu seinem Ohr drang. Der Indianer war zu erfahren in allen Arten der Täuschung, um selbst das Opfer einer gewöhnlichen List zu werden. Er sah, der Ton war natürlich, das ihm eigene Zittern zeigte es, und so unterbrach er seine Untersuchung nicht länger.

Ein Mann von geringerem Muth als der stattliche, siegreiche Mahtoree würde für all die Gefahren, denen er jetzt so furchtlos entgegen ging, nicht unempfindlich gewesen sein. Der Ruhm dieser kühnen, kraftvollen weißen Abenteurer, welche so oft in die Wildnisse drangen, die sein Volk bewohnte, war ihm wohlbekannt; aber während er sich mit der Achtung und Vorsicht näherte, die ein tüchtiger Feind immer einflößt, fühlte er auch den rachsüchtigen Aerger eines Rothen, der beleidigt und erbost ist über die ungerechten Einfälle des Fremden.

Die Richtung seines früheren Wegs verlassend, schlich der Teton jetzt gerade nach der Gränze des Gehölzes zu. Als er diesen Punct erreicht, stand er auf, und übersah noch besser die ganze Gegend.

Ein Augenblick reichte hin, ihm die Stelle zu zeigen, wo der arglose Wanderer lag. Der Leser wird leicht errathen, daß der Wilde in die gefährliche Nähe eines der trägen Söhne Ismael's gekommen war, die mit der Wache über das einsame Lager der Wanderer beauftragt worden.

Als er sich versichert, daß er unentdeckt geblieben, näherte sich der Dahcotah und neigte, vorwärts gebeugt, sein schwarzes Antlitz über den Schläfer, ganz so arglos und geschmeidig, wie man oft eine Schlange mit ihrem Opfer spielen sieht, ehe sie ihm den Tod gibt. Endlich, durch seine Untersuchung nicht nur über den Stand, sondern auch den Charakter des Fremden belehrt, wollte Mahtoree eben den Kopf wegwenden, als eine geringe Bewegung des Schläfers zeigte, daß Bewußtsein zurückkehre. Der Wilde ergriff das Messer, das an seinem Gürtel hing, und in einem Augenblick war die Spitze auf der Brust des jungen Wanderers. Da änderte er seinen Plan, mit einer Bewegung, so schnell, als seine blitzenden Gedanken, warf sich hinter den Stamm des gefallenen Baums, wider den sich der andere lehnte, nieder, und lag, in seinem Schatten, so dunkel, so regungslos, und, wie es schien, so unempfindlich wie das Holz selbst.

Die schläfrige Schildwache öffnete die schweren Augen, starrte einen Augenblick nach dem trüben Himmel aufwärts, machte dann große Anstrengung und hob ihre kräftige Gestalt, von dem Stamm auf. Dann schaute er um sich, und ließ, was man vielleicht hätte Wachsamkeit nennen mögen, seine stumpfen Blicke über die nebelichten Gegenstände der Lagerung schweifen, bis sie endlich auf dem entfernten, düsteren Felde der offenen Steppe ruhten. Als er nichts gefunden, was seine Aufmerksamkeit hätte auf sich ziehen können, als die immer wiederkehrende Abwechselung von Hügel und Niederung, die sich überall seinen schlaftrunkenen Augen darstellte, änderte er seine Stellung, so daß er seinem gefährlichen Nachbar gänzlich den Rücken bot, und ließ die Glieder schwerfällig wieder hinsinken in ihre frühere niedergestreckte Lage. Eine lange und von Seiten des Tetons angstvolle peinliche Stille folgte, ehe das tiefe Athmen des Wanderers verrieth, daß er von neuem dem Schlummer sich hingegeben. Doch war der Wilde zu vorsichtig, dem ersten Anschein des Schlafes zu trauen. Aber die Ermüdung eines Tages voll ungewohnter Arbeit lag zu schwer auf der Wache, um den Andern lange in Zweifel zu lassen. Noch war die Bewegung, wodurch Mahtoree sich wieder auf die Kniee richtete, so geräuschlos und vorsichtig, daß selbst ein wachender Beobachter gezögert hätte, ehe er geglaubt, er stehe auf. Doch hatte er allmählig diese Veränderung gemacht, und das Dahcotah-Haupt neigte sich wieder über seinen Feind, ohne lauteres Geräusch erregt zu haben, als das Blatt des Wollenbaums, das an seiner Seite im Wehen des Windes lispelte.

Nun war Mahtoree Herr über des Schläfers Leben. Zur selben Zeit, wo er die großen Verhältnisse, und athletischen Glieder des Jünglings mit der Bewunderung anstaunte, welche Körpervorzüge selten in der Brust eines Wilden zu erregen verfehlen, machte er kalt alle Vorbereitung, um den Funken des Lebens, der sie allein furchtbar machen konnte, auszulöschen. Nachdem er sich den Sitz aller Lebensthätigkeit ausgesucht, indem er leise die Falten der umhüllenden Kleidung wegräumte, schwang er seine scharfe Waffe, und wollte eben mit Kraft und Kunst den Streich führen, als der Jüngling seinen starken Arm bewußtlos zurückzog, und bei dieser Bewegung die ganze Masse seiner Muskeln zeigte.

Der kluge, vorsichtige Teton zögerte. Er bedachte, daß in diesem Augenblick der Schlaf ihn weniger gefährlich, als der Tod selbst werden könnte. Das geringste Geräusch, das Sträuben des Todeskampfs, womit sicher ein solcher Bau das Leben nur lassen würde, stellten sich ihm vor, und waren seinem Verstande gegenwärtig. Er sah zurück in das Lager, wandte sein Haupt gegen das Gehölz, und warf seine funkelnden Augen auf die wilden, schweigenden Steppen. Nochmals über das verschonte Opfer gebeugt, versicherte er sich, daß es tief schlief, und gab dann seinen schnellen Entschluß auf, nur den Eingebungen einer listigeren Klugheit folgend.

Mahtoree's Rückzug geschah so still und vorsichtig, wie sein Kommen gewesen war. Er schlug nun die Richtung nach dem Lager ein, indem er sich längs des Gehölzes hinstahl, um bei dem geringsten Geräusch sich leicht in sein Dunkel flüchten zu können. Die Decke des einsamen Zeltes zog bei'm Vorübergehen seine Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem er sein ganzes Aeußere untersucht, und mit der größten Spannung gelauscht, um durch seine Ohren Nachricht zu erhalten, wagte der Wilde das Tuch am Boden zu lüften und sein schwarzes Gesicht hineinzustecken. Eine Minute mochte verflossen sein, ehe der Teton-Häuptling sich zurückbog, und seine ganze Gestalt wieder außerhalb der linnenen Wohnung sich zeigte. Jetzt saß er nieder, und schien mehrere Augenblicke in gänzlicher Unthätigkeit seinen Gedanken nachzuhängen. Dann seine gebeugte Stellung wieder annehmend, barg er sein Gesicht nochmals hinter der Leinwand des Zeltes. Seine zweite Untersuchung dauerte länger, und war, wo möglich, noch ergreifender für ihn; aber, wie alles, nahm sie ein Ende, und der Wilde wandte die funkelnden Blicke von den Geheimnissen des Orts.

Er hatte in seinem langsamen Vorschreiten gegen die gedrängtere Masse von Gegenständen, welche den Mittelpunct des Lagers andeuteten, eine ziemliche Strecke zurückgelegt, ehe er wieder stille stand. Er bedachte von neuem, und sah sich um nach der einsamen, kleinen Wohnung, die er verlassen, als sinne er, ob er nicht wieder zurückkehren solle. Aber die aus den Aesten gebildeten spanischen Reiter, die er jetzt mit der Hand erreichen konnte, und die Sorgfalt, die daraus hervorging, welche verrieth, daß dort Sachen von Werth aufbewahrt würden, reizte seine Gier noch mehr, und bewog ihn, vorwärts zu schreiten.

Der Weg des Wilden durch die zarten, schwachen Zweige der Wollenbäume konnte nur mit den geräuschlosen Windungen der Schlangen verglichen werden, die er eben so sehr in ihrer List als in ihrem Nahen nachahmte. Als er aber durchgedrungen war, und sich einen Augenblick Zeit genommen hatte, um sich mit den Oertlichkeiten innerhalb der Entschließung bekannt zu machen, gebrauchte der Teton die Vorsicht, sich einen Weg zu bahnen, damit sein Rückzug mit weniger Hindernissen, die seine Schnelligkeit aufhalten könnten, bewerkstelligt werden möge. Nun stand er auf, ging durchs Lager, wie der Fürst des Bösen, suchend, wen und was er zuerst seinen feindseligen Planen weihen sollte. Schon hatte er den Inhalt des Zeltes, worin das Weib und ihre kleinen Kinder sich befanden, durchforscht, und war an mehreren gigantischen Gestalten vorbeigekommen, die, ihm zum Glück, in dem Gestrüpp ausgestreckt, in unbewußter Hülflosigkeit da lagen, als er endlich die Stelle erreichte, die Ismael in eigener Person einnahm. Mahtoree's Scharfblick konnte es nicht entgehen, daß er jetzt das Haupt der Wanderer in seiner Gewalt habe. Lange stand er über die ausgestreckte, herculische Form des Wanderers hingebeugt da, sorgsam bei sich betrachtend den Ausgang des Unternehmens, die wirksamsten Mittel, welche ihm die reichste Ernte versprächen.

Er hatte das Messer, welches er bei dem schnellen, wilden Gang seiner Gedanken aus der Scheide genommen, wieder eingesteckt, und wollte weiter gehen, als Ismael sich auf dem Lager herumdrehte, und rauh fragte, wer vor seinen halbgeöffneten Augen herumgehe. Nur die Schnelligkeit und List eines Wilden konnte verhindern, daß jetzt sich alles entschied. Die abgestoßenen, fast unverständlichen Laute, die er gehört, nachahmend, warf sich Mahtoree schwerfällig zu Boden und schien, sich schlafen zu legen. Ismael sah die ganze Bewegung in einer Art von Betäubung mit an, aber die List war zu kühn, und ward zu täuschend ausgeführt, als daß sie ihren Zweck nicht hätte erreichen sollen. Der schlaftrunkene Vater schloß wieder die Augen, und schlief bald wieder tief ein, – der verrätherische Gast mitten in dem Schooß seines Hauses.

Der Teton mußte lange und angstvolle Minuten in der Lage bleiben, die er angenommen, um sicher sein zu können, daß er nicht länger bewacht würde. Aber lag auch sein Leib bewegungslos da, sein thätiger Geist war nicht müßig. Er benutzte diesen Aufschub, um einen Plan zur Reise zu bringen, welcher, wie er hoffte, das ganze Lager, die Leute und ihre Habe, gänzlich in seine Gewalt bringen sollte. Sobald es mit Sicherheit geschehen konnte, war der unermüdliche Wilde wieder in Bewegung. Er nahm jetzt seinen Weg nach der kleinen Hürde, welche die Hausthiere einschloß, wie früher geschmeidig und vorsichtig sich auf dem Boden fortwindend.

Das erste Thier, auf das er unter dem Vieh traf, verursachte einen langen und gewagten Aufenthalt. Das müde Geschöpf, vielleicht durch seinen Instinct belehrt, daß in den endlosen Wüsten der Steppen sein sicherster Schützer der Mensch sei, war außerordentlich geduldig, und überließ sich stille der genauen Untersuchung, der es sich unterwerfen mußte. Die Hand des suchenden Teton streifte über sein zartes Fell, über das sanfte Haupt und die zierlichen Glieder des stillen Thieres mit unermüdlicher Neugier, aber endlich verließ er die Beute als unnütz bei seinen Streifzügen, als zu wenig reizend für seinen Hunger. Sobald er aber zu den Lastthieren kam, war seine Zufriedenheit groß, und kaum enthielt er sich der gewöhnlichen Ausdrücke seiner Freude, die mehr als einmal auf dem Punct waren, seine Lippen zu durchbrechen. Hier verlor er die Gefahr, mit der er Zugang zu dieser gefährlichen Stelle erlangt, aus dem Auge, und die Wachsamkeit des vorsichtigen, lang geübten Kriegers ward einen Augenblick im Taumel des Wilden vergessen.

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