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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Drittes Kapitel.

Komm, komm, du bist ein hitz'ger Narr, wie einer in
Italien je; so bald gereizt, erzürnt, als, wenn du
zürnst, gereizt.

Romeo und Julie.

 

Obgleich der Streifschütz etwas erstaunt war, als er eine zweite menschliche Gestalt sich nahe kommen sah, und dies auch aus einer dem Lager der Auswanderer entgegengesetzten Richtung, so fehlte doch nicht die Standhaftigkeit der lange an Scenen der Gefahr Gewöhnten.

»Es ist ein Mann,« sagte er, »und einer, der weißes Blut in den Adern hat, sonst wär' sein Schritt leichter. Es mag gut sein, auf das Schlimmste sich bereit zu halten, denn die Halb- und Halben, auf die man in diesen verlassenen Gegenden trifft, sind allzusammen wilder als die wahren Wilden.«

Er nahm sein Gewehr, während er sprach, auf, und untersuchte den Zustand des Steines und des Zündpulvers durch ein Betasten mit der Hand. Aber sein Arm ward festgehalten, als er anschlagen wollte, – es waren die schnellen, zitternden Hände seines Schützlings.

»Um Gottes willen, seid nicht zu hastig!« sagte sie, »es kann ein Freund sein, ein Bekannter, ein Nachbar.«

»Ein Freund!« wiederholte der alte Mann, und befreite sich zugleich von ihrem Arm, »Freunde sind selten in jedem Land, und seltener vielleicht in diesem als in einem; und die Nachbarschaft zu spärlich, um es wahrscheinlich zu machen, daß der, der zu uns kommt auch nur ein Bekannter ist.«

»Aber wenn auch ein Fremder, würdet Ihr doch nicht nach seinem Blut verlangen!«

Der Streifschütz betrachtete ernst einen Augenblick ihre angsterfüllten, fürchtenden Mienen, und ließ dann das Gewehr auf den Boden herab, als habe er seinen Entschluß plötzlich geändert.

»Nein,« sagte er, und sprach mehr mit sich als mit seiner furchtsamen Gefährtin, »sie hat Recht, Blut darf nicht vergossen werden, um ein so nutzloses, seinem Ziel so nahes Leben zu retten. Laßt ihn kommen, meine Häute, meine Fallen, mein Gewehr selbst soll sein sein, wenn's ihm gefällt, sie zu verlangen.«

»Er wird nichts von allem fordern, er braucht nichts,« erwiederte das Mädchen; »wenn er ein ehrlicher Mann ist, wird er gewiß mit dem Seinigen zufrieden sein, und nichts fordern, was Eigenthum eines andern ist.«

Der Streifschütz hatte nicht Zeit, das Erstaunen auszudrücken, welches ihn bei der unzusammenhängenden, sich widersprechenden Rede ergriff, denn der Mann, der sich näherte, war schon nur noch fünfzig Schritte von ihm entfernt. Indeß war Hektor kein gleichgültiger Zeuge bei dem, was vorging geblieben. Bei'm Geräusch der entfernten Tritte war er von dem warmen Bett zu den Füßen seines Herrn aufgestanden, und schlich jetzt, als der Fremde dem Blick sich zeigte, leise ihm entgegen, zur Erde geduckt wie ein Panther, wenn er auf seine Beute sich stürzt.

»Ruft den Hund zurück,« sagte eine feste, tiefe, männliche Stimme, mehr im Ton der Freundschaft als der Drohung; »ich liebe die Hunde, und es würde mir leid sein, wenn dem Thier etwas widerführe.«

»Du hörst, was man von dir sagt, Bursch?« antwortete der Streifschütz, »komm her, du Thor; sein Knurren und Bellen ist alles, was ihm noch übrig ist; Ihr könnt kommen, Freund; er hat keine Zähne mehr.«

Der Fremde benutzte alsbald diese Nachricht; er eilte schnell vorwärts, und stand im nächsten Augenblick Ellen Wade zur Seite. Nachdem er sich durch einen hastigen aber kühnen Blick überzeugt, daß sie es war, wandte er mit einer Eile und Ungeduld, die hinlänglich zeigte, wie sehr er auf den Ausgang gespannt war, ein forschendes Auge auf ihren Begleiter.

»Von welcher Wolke seid Ihr gefallen, mein guter, alter Mann?« sagte er sorglos, nachlässig hin, mit zu viel Natur, um geziert zu scheinen; »oder lebt Ihr wirklich in diesen Steppen?«

»Ich war lange auf der Welt, und nie, denke ich, näher dem Himmel, als jetzt in diesem Augenblick,« erwiederte der Streifschütz; »meine Wohnung, wenn ich anders eine habe, ist nicht weit entfernt. Nun kann ich mir die Freiheit gegen Euch nehmen, die Ihr Euch so gerne gegen Andere nehmt? Woher kommt Ihr, wo ist Eure Heimath?«

»Langsam, langsam; wenn ich mit meinem Examen fertig bin, dann mögt Ihr mit Euerm anfangen. Auf welche Jagd geht Ihr denn hier so bei Mondschein aus? Gewiß wollt Ihr doch keine Büffel zu dieser Stunde fangen?«

»Ich gehe, wie Ihr seht, aus dem Lager von einigen Wanderern, welches dort über jener Anhöhe liegt, nach meiner eignen Hütte; und so tret' ich Niemanden zu nahe.«

»Ganz wohl. Und Ihr nahmt dieses Mädchen mit, Euch den Weg zu zeigen, da sie ihn so gut, und Ihr ihn so wenig kennt.«

»Ich traf sie, wie ich Euch traf, zufällig. Zehn lange Jahre hab' ich diese offnen Felder bewohnt, und nie, bis auf diesen Tag, menschliche Wesen mit weißer Haut zu dieser Stunde getroffen. Wenn meine Gegenwart hier belästigt, thut's mir leid, und ich will meiner Wege gehen. Es ist mehr als wahrscheinlich, wenn Eure junge Freundin ihre Geschichte erzählt hat, werdet Ihr geneigter sein, die meinige zu glauben.«

»Freundin!« sagte der Jüngling, nahm eine Mütze von Fellen vom Haupt, und wühlte in der dichten Masse seiner schwarzen, geringelten Locken, »wenn ich je früher ein Auge warf auf das Mädchen als heute, so möge – –«

»Genug, Paul,« unterbrach ihn die Jungfrau, und legte ihm die Hand auf den Mund, mit einer Vertraulichkeit, die so ziemlich seine beabsichtigte Betheuerung Lügen strafte. »Unser Geheimniß wird bei diesem ehrlichen alten Mann sicher sein. Ich sehe es an seinen Blicken und freundlichen Worten.«

»Unser Geheimniß! Hast du vergessen, Ellen? – –«

»Nein. Ich habe nichts vergessen, was ich behalten sollte. Aber doch sag' ich, wir sind sicher bei diesem ehrlichen Streifschütz.«

»Streifschütz? Ist er denn ein Streifschütz? Gebt mir die Hand, Vater; unser Geschäft sollte uns mit einander bekannt machen.«

»In dieser Gegend braucht's nicht solcher Stärke,« erwiederte der Andere, und betrachtete die athletische, kräftige Gestalt des Jünglings, der sich nachlässig aber nicht ohne Anstand auf seine Flinte lehnte; »die Kunst die Geschöpfe des Herrn in Fallen und Netzen zu fangen, erfordert mehr List als Kraft, und doch bin ich genöthigt, sie in meinem Alter zu treiben. Aber es würde weit besser einem jungen Manne, wie Euch, anstehn, einem Geschäft zu folgen, das sich mehr für Eure Jahre und Euern Muth schickt.«

»Ich! Ich fing nie, selbst nicht eine Bisamratze in einer Falle; obgleich ich gestehen muß, daß ich einige von den schwarzhäutigen Teufeln gehörig versehen habe, wo ich besser gethan, wenn ich das Pulver im Horn, und das Blei in der Tasche gelassen. Nein, Alter, nichts, was auf der Erde kriecht, gehört zu meiner Jagd.«

»Wie bringt Ihr aber Euer Leben durch, Freund, denn wenig mag in diesen Gegenden gewinnen, wer selbst sein natürliches Recht über die Thiere des Feldes aufgibt.«

»Ich gebe nichts auf. Kommt ein Bär mir in den Weg, so ist er bald kein Bär mehr. Die Rehe fangen schon an, mich zu riechen, und was die Büffel anlangt, so habe ich mehr Ochsen getödtet, alter Fremder, als der thätigste Metzger in ganz Kentucky.«

»Ihr könnt also schießen,« fragte der Streifschütz, und seine kleinen tiefliegenden Augen glänzten von einem Blitz verborgenen Feuers; »ist Eure Hand fest und Euer Blick scharf?«

»Die erste ist wie eine Stahlfalle, und der andere schneller als die Kugel für einen Bock. Ich wünscht' es wär' heißer Mittag jetzt, Vater, und zwei oder drei Juchert von hier gingen von Euern weißen Schwänen oder schwarzgefiederten Enten südlich über unsere Häupter, Ihr oder Ellen könntet Euer Leben auf das schönste von der Heerde setzen, und meinen Ruf gegen ein Pulverhorn, der Vogel sollte in fünf Minuten den Kopf hängen, und das durch seine einzige Kugel. Ich verachte Schrot. Niemand kann sagen, daß er mich je, auch nur ein Korn führen sah.«

»Der Bursch hat Kraft in sich, ich seh's ihm deutlich an,« sagte der Streifschütz, und wandte sich mit einem offenen, ermuthigenden Blick zu Ellen. »Ich nehm's auf mich, und behaupte, Ihr thätet nicht unklug, als Ihr ihn so erwartetet. – Sagt mir, Junge, traft Ihr je einen Bock im Lauf zwischen die Enden? Hektor, still, Alter, still. Schon der Name Wild erhitzt dem Burschen das Blut. – Traft Ihr je ein Thier auf diese Art und im gestreckten Lauf?«

»Ihr könntet mich eben so gut fragen, aßt Ihr je? Es gibt keine Art, alter Fremder, auf die ich das Wild nicht erreicht, nur wenn es schlief, nicht.«

»Ach, ach, Ihr habt ein langes, glückliches, ja und ein ruhmvolles Leben noch vor Euch. Ich bin alt, kann wohl sagen abgelebt und nutzlos; aber wär' es mir vergönnt, Zeit und Ort zu wählen, nochmals – doch so etwas wird nicht, darf nie dem Willen des Menschen überlassen werden, – aber, würde eine solche Gunst mir verliehen, ich sagte: zwanzig und die Wildniß. Aber sagt mir, wie macht Ihrs mit den Häuten?«

»Mit den Häuten! Ich nehme nie ein Fell von einem Bock, oder einen Kiel von einer Gans, in meinem Leben, Ich mach' sie nieder dann und wann zu einer Mahlzeit, oder um meine Hand nicht der Flinte zu entwöhnen, aber ist der Hunger gestillt, dann bekommen das Uebrige die Steppen-Wölfe. Nein, nein, ich halte mich an meinen Beruf, der mich besser lohnt, als alles Pelzwerk, das ich auf der andern Seite des großen Flusses verkaufen könnte.«

Der alte Mann schien ein wenig nachzusinnen, aber kopfschüttelnd fuhr er bald nachdenkend fort:

»Ich kenne nur ein Geschäft, das mit Vortheil hier betrieben werden kann – – –«

Er ward von dem Jüngling unterbrochen, der ihm ein kleines zinnernes Gefäß, das ihm um den Nacken hing, vorhielt; der herrliche Geruch des lieblich riechenden Honigs durchdrang den Streifschützen, als der Jüngling den Deckel öffnete.

»Ein Bienenjäger!« bemerkte jener mit einer Schnelle, die zeigte, daß er die Beschäftigung kannte, obgleich nicht ohne einiges Erstaunen, daß ein Mann von so viel Kraft sich mit so etwas Niedern abgebe. »Es belohnt sich gut an den Grenzen der Ansiedelungen, aber in diesen offnen Gegenden möcht' ich's einen unsichern Handel nennen.«

»Ihr meint, es ist kein Baum da, in den sich ein Schwarm niederlassen könnte. Aber ich denke anders, und so bin ich mehrere hundert Meilen weiter westlich gestreift, als gewöhnlich, um Euern Honig zu versuchen. Nun hab' ich Eure Neugier befriedigt, Fremder; Ihr geht jetzt wohl bei Seite, während ich der Jungfrau das übrige von meiner Geschichte erzähle.«

»Es ist nicht nöthig, ich weiß gewiß, es ist nicht nöthig, daß er uns verläßt,« sagte Ellen mit einer Hast, worin etwas lag, das zeigte, daß sie das Sonderbare, wenn nicht Unschickliche der Forderung fühlte, »Ihr könnt mir nichts zu sagen haben, was nicht die ganze Welt hören darf.«

»Nein! So mögen mich doch die Drohnen zu Tode stechen, wenn ich etwas von den Launen eines Weibes begreife. Was mich betrifft, Ellen, ich kümmre mich um nichts, um Niemand, und bin jetzt eben so bereit, dort hinunter zu gehen, wo Euer Oheim, wenn man ihn so nennen darf – denn ich schwöre, es ist kein Verwandter von Euch – wo Euer Oheim seine Gespanne los gebunden hat, als ich ein Jahr später dazu bereit bin. Du brauchst nur ein Wort zu sagen und es ist geschehen, es mag ihm gefallen oder nicht.«

»Du bist immer so hastig und rasch, Paul Hover, daß ich selten weiß, wenn ich sicher bei dir bin. Wie kannst du, – du kennst die Gefahr, wenn wir nur zusammen gesehen werden, – wie kannst du nur davon sprechen, vor meinem Onkel und seinen Söhnen zu erscheinen?«

»Hat er Etwas gethan, dessen er sich schämen muß?« fragte der Streifschütz, der keinen Zoll breit von der Stelle gewichen war.

»Behüte der Himmel! Aber es hat seine Ursachen, warum er sich nicht soll sehen lassen, gerade jetzt; Ursachen, die ihn nicht gefährden würden, wenn man sie wüßte, die aber doch noch nicht bekannt werden dürfen. Wenn Ihr also, Vater, dort an jenem Weidenbusch warten wollt, bis ich gehört, was Paul mir etwa zu sagen haben kann, so komm' ich gewiß erst noch und sag' Euch gute Nacht, eh' ich in das Lager zurückkehre.«

Der Streifschütz zog sich langsam zurück, scheinbar zufrieden mit dem etwas unzusammenhängenden Grund, den Ellen gegeben hatte, warum er sich zurückziehen sollte. Als er weit genug entfernt war und die ernste, lebhafte Unterredung nicht mehr hören konnte, die alsbald zwischen den Beiden begann, die er verlassen, stand der alte Mann wieder und wartete geduldig den Augenblick ab, wo er seine Unterhaltung mit zwei Wesen wieder anknüpfen könnte, an denen er ein steigendes Interesse nahm, – nicht minder wegen des geheimnißvollen Anstrichs ihres Umgangs, als aus natürlicher Theilnahme an der Wohlfahrt eines Paares, das noch so jung und, wie er in der Einfachheit seines Herzens zu glauben geneigt war, diese Theilnahme wohl verdiente. Ihn begleitete sein lässiger aber treuer Hund, der sich nochmals sein Bett zu den Füßen seines Herrn machte und bald schlummernd, wie gewöhnlich, dalag, den Kopf fast gänzlich in das dichte Gestrüpp des Steppengrases begraben.

Eine Menschengestalt in der Einsamkeit, worin er lebte, war dem Streifschütz ein so ungewöhnlicher Anblick, daß er seine Augen unverwandt auf die dunkeln Gestalten seiner neuen Bekannten heftete, mit Empfindungen, deren er lange entbehrt. Ihre Gegenwart weckte Rückerinnerungen und Gefühle, denen seine störrige aber edle Natur früher nur wenig gehuldigt, und vor seinen Gedanken begannen die wandelvollen Scenen eines Lebens voll Mühseligkeit vorüberzuschreiten, die fremdartig von Scenen wilder, eigenthümlicher Freuden unterbrochen wurden. Die Richtung, die seine Gedanken nahmen, hatte ihn schon in seiner Betrachtung weit in eine ideale Welt geführt, als er plötzlich wieder in die Wirklichkeit seines Zustands durch die Bewegungen seines treuen Hundes zurückgerufen ward.

Das Thier, das in Folge seiner Jahre und Gebrechen so entschiedene Hinneigung zum Schlaf gezeigt hatte, stand jetzt auf, schritt aus dem Schatten hervor, den die schlanke Gestalt seines Herrn warf, und sah hinaus in die Steppe, als benachrichtige sein Instinct ihn, daß noch ein anderer Besuch in der Nähe sei. Dann, scheinbar zufrieden mit der Untersuchung, kehrte er zu seinem behaglichen Posten zurück und ordnete seine müden Glieder mit einer Ueberlegung und Sorgfalt, die hinlänglich bewies, daß er kein Neuling in der Kunst der Selbsterhaltung sei.

»Was gibt's wieder, Hektor?« sagte der Streifschütz mit besänftigender Stimme, welche er jedoch die Vorsicht hatte, nur halb laut werden zu lassen, »was gibt's, Hund? Er sag's seinem Herrn, der Alte; was gibt's?«

Hektor antwortete mit einem nochmaligen Knurren, aber begnügte sich, auf seinem Lager zu bleiben. Dies waren Beweise von Verstand und Mißtrauen, denen ein so erfahrner Mann, wie der Streifschütz, wohl alle Aufmerksamkeit schenken mußte. Er wandte sich wieder zum Hund und mahnte ihn zur Wachsamkeit mit einem leisen, vorsichtigen Zuspruch. Das Thier jedoch, als habe es schon seine Schuldigkeit gethan, weigerte sich hartnäckig, den Kopf vom Gras zu erheben.

»Ein Wink von einem solchen Freund ist weit besser, als eines Menschen Rath,« murmelte der Streifschütz, als er sich leise dem Paar näherte, das noch zu ernstlich und vertieft in seiner Unterredung begriffen war, um sein Nahen zu bemerken, »und nur ein betrogener Siedler würde ihn hören und nicht so darauf merken, wie er sollte. – Kinder,« fügte er hinzu, als er nah genug war, um von seinen Gefährten gehört zu werden, »wir sind nicht allein in diesen traurigen Feldern; Andere stören noch hier herum, und deswegen, zur Schande unsers Geschlechts sei's gesagt, ist Gefahr nah.«

»Treibt sich einer von des Wanderers Ismael faulen Söhnen noch außerhalb des Lagers diese Nacht herum,« sagte der junge Bienenjäger mit großer Lebhaftigkeit und in einem Tone, der leicht zur Drohung hätte werden mögen, »so könnte leicht seiner Reise ein Ende gemacht werden, ehe er oder sein Vater es denkt.«

»Ich setze mein Leben daran, sie sind alle bei ihren Thieren,« antwortete schnell das Mädchen; »ich sah sie all' in tiefem Schlaf, ich selbst, die zwei auf der Wache ausgenommen; und die müßten sich sehr geändert haben, wenn nicht auch sie von einer Truthahnjagd oder einer Straßenbalgerei in diesem Augenblick träumten.«

»Ein Thier von starkem Geruch ist zwischen dem Wind und dem Hund durchpassirt, Vater, und das macht ihn unruhig; oder vielleicht träumt er selbst. Ich hatte auch einen solchen Burschen in Kentucky, der ging nach einem tiefen Schlaf oft auf die Jagd, und das Alles wegen eines Traums. Geht zu ihm und kneipt ihm in's Ohr, damit das Thier sein Leben in sich fühlt.«

»Nicht doch, nicht doch,« erwiederte der Streifschütz und schüttelte den Kopf, als verstünde er die Eigenschaften seines Hundes besser; »die Jugend schläft, ja, und träumt auch; aber das Alter bleibt wach und ist wachsam. Der Bursche irrt sich nie mit seiner Nase, und lange Erfahrung lehrt mich, auf seine Warnung zu achten.«

»Brachtet Ihr ihn je auf die Fährte von Aas?«

»Ja, ich muß gestehen, daß die Raubthiere mich zuweilen veranlaßt haben, ihn loszulassen; denn diese sind manchmal eben so eifrig nach Wild als die Menschen; aber dann erkannte ich bald, wie sein Verstand ihm den Gegenstand verrieth. Nein, nein, Hektor ist ein Thier, das sich auf die Wege des Menschen versteht, und wird nie eine falsche Spur verfolgen, wenn eine wahre da ist.«

»Ei, ei, da ist ja das Räthsel gelöst; Ihr habt den Hund auf die Fährte eines Wolfs gebracht, und seine Nase hat ein besseres Gedächtniß, als sein Herr,« sagte der Bienenjäger lachend.

»Ich hab' das Thier stundenlang schlafen sehen, während ganze Heerden nahe an ihm vorüberzogen; ein Wolf könnte aus seiner Schüssel essen, ohne daß er sich rührte, es müßte denn eine Hungersnoth sein; dann freilich wurde Hektor geneigt sein, sein Eigenthum zu schützen.«

»Panther sind von den Bergen heruntergekommen; ich sah einen ein krankes Reh anfallen, als die Sonne unterging. Geht, geht zu Euerm Hund zurück, Vater, und sagt ihm die Wahrheit; in einer Minute bin ich – – –«

Er ward von einem langen, lauten, kläglichen Geheul des Hundes unterbrochen, das durch die Abendluft drang, wie das Klagen eines Geistes der Steppe, und über sie hin erscholl, in Cadenzen, die stiegen und fielen, wie ihre eigene wellenförmige Oberfläche. Der Streifschütz stand stumm und hörte aufmerksam; selbst der sorglose Bienenjäger ward von der klagenden Wildheit der Töne ergriffen. Nach einer kurzen Pause rief der Erstere den Hund zu sich und sprach dann, zu seinem Gefährten gewandt, mit dem Ernst, den nach seiner Meinung die Gelegenheit erheischte:

»Die, welche meinen, der Mensch habe allein alle Kenntniß der andern Geschöpfe Gottes in sich, werden davon zurückkommen, wenn sie, wie ich, die achtzig erreichen. Ich will nicht sagen, welche Gefahr uns droht, noch selbst behaupten, daß es der Hund weiß; aber daß ein Uebel nahe ist, und daß Klugheit uns räth, es zu vermeiden, habe ich aus dem Mund Eines gehört, der nie lügt. Ich hatte gemeint, der Bursche sei nicht mehr an die Fußtritte des Menschen gewöhnt und Eure Gegenwart habe ihn unruhig gemacht; aber seine Nase hat stets den ganzen Abend geschnuppert, und was ich für ein Anzeichen Eures Kommens hielt, bedeutete etwas weit Ernsthafteres. Wenn also der Rath eines alten Mannes beachtungswerth ist, Kinder, so werdet ihr eilig die entgegengesetzten Wege nach den Orten eurer Ruhe und Sicherheit einschlagen.«

»Wenn ich Ellen verlasse, in einem solchen Augenblick,« rief der Jüngling, »so will ich nie – –«

»Genug, genug,« unterbrach ihn das Mädchen und gebrauchte wieder die Hand, die bei ihrer Zartheit und Weiße einen viel höheren Stand im Leben geziert haben würde; »meine Zeit ist vorüber, und wir müssen uns jedenfalls trennen; – gute Nacht, Paul; Vater, gute Nacht.«

»Hst,« erwiederte der Jüngling und ergriff ihren Arm, als sie eben von ihm wegeilen wollte; »hst, hört Ihr nichts? Büffel führen nicht weit entfernt ihre Sprünge auf; die Horde schlägt die Erde, wie ein toller Schwarm von tanzenden Teufeln.«

Seine beiden Gefährten lauschten, wie Leute in ihrer Lage geneigt sind, ihre Kräfte anzustrengen, um die Bedeutung eines zweifelhaften Geräusches zu entdecken, besonders wenn so viele und furchterregende Anzeichen vorausgegangen sind. Die ungewöhnlichen Töne wurden jetzt unstreitig, obgleich noch etwas schwach, hörbar. Der Jüngling und seine Begleiterin hatten verschiedene übereilte und schwankende Vermuthungen darüber aufgestellt, als ein Zug der Nachtluft das Geräusch von Fußtritten zu deutlich zu ihren Ohren brachte, um einen Irrthum ferner möglich zu machen.

»Ich hab' Recht,« antwortete der Bienenjäger, »ein Panther treibt eine Heerde vor sich hin, oder die Thiere mögen sich ein Treffen liefern.«

»Eure Ohren sind Betrüger,« erwiederte der alte Mann, welcher, sobald seine eigenen Organe die entfernten Töne aufzuhaschen im Stande waren, wie eine Statue dagestanden hatte, welche die Aufmerksamkeit darstellen soll. – »Die Sprünge sind zu lang für den Büffel und zu regelmäßig für Flucht. Hst; jetzt sind sie auf einem Boden, wo das Gras hoch ist, und der Schall gedämpft; nun kommen sie auf kahles Land – da, sie kommen die Anhöhe herauf, Verderben über uns – sie werden hier sein, ehe ihr ein Obdach finden könnt!«

»Komm, Ellen,« rief der Jüngling, und ergriff seine Gefährtin bei der Hand, »laß uns einen Versuch nach dem Lager machen.«

»Zu spät, zu spät,« rief der Streifschütz, »denn die Kerle sind schon vor uns, und nach ihrem diebischen Blick und der wilden Art zu reiten, ist's eine blutige Bande verdammter Sioux.«

»Sioux oder Teufel, sie sollen uns als Männer finden,« sagte der Bienenjäger mit einer so stolzen Miene, als ob er an der Spitze einer Mannschaft von übermäßiger Stärke und von gleichem Muth, wie er, stünde. »Ihr habt ein Gewehr, Alter, und werdet wohl einen Schuß für ein hülfloses Christenkind thun.«

»Nieder, nieder in's Gras – nieder mit euch beiden,« lispelte der Streifschütz, und bedeutete sie, nach der Seite zu dem hohen Gestrüpp, das nahe der Stelle, wo sie standen, dichter als gewöhnlich wuchs. »Ihr habt nicht Zeit zu fliehen, noch Leute zu fechten, thörichter Junge. Nieder in's Gras, wenn das Mädchen, wenn Euer eigenes Leben einen Werth für Euch hat.«

Sein Rath, begleitet, wie er war, durch schnelles, kräftiges Handeln, verfehlte nicht, sich Gehorsam für das zu verschaffen, was ihr Zustand jetzt so gebietend zu erheischen schien. Der Mond war hinter eine Schichte dünner, wolliger Wolken getreten, die den Horizont umdüsterten, und ließ gerade so viel von seinem blassen flimmernden Lichte übrig, um die Gegenstände sichtbar zu machen, dunkel ihre Formen und Verhältnisse enthüllend. Der Streifschütz hatte es wirklich – er übte den Einfluß über seine Genossen aus, den gewöhnlich Erfahrung und Entschlossenheit in Nothfällen geben – dahin gebracht, daß sie sich tief in dem Gras verbargen, und er selbst ward durch den schwachen Mondschein in Stand gesetzt, den ungeordneten Trupp zu überschauen, der wie eben so viele Rasende gerade auf sie zuritt.

Ein Haufen von Wesen, die eher Dämonen, als einer Streifhorde, in ihren nächtlichen Zügen über die schwarze Ebene glichen, näherte sich ihnen in der That auf eine furchtbare Weise und in einer Richtung, die wenig Hoffnung übrig ließ, daß nicht wenigstens einige von ihnen über die Stelle kommen würden, wo der Streifschütz und seine Genossen verborgen lagen. Manchmal wurde das Klappern der Hufe vom Nachtwind ganz hörbar ihnen zugetragen, und dann war ihr Zug wieder durch das Gestrüpp des Herbstgrases nicht zu vernehmen und still, was noch viel zur Vermehrung des Geisterhaften und Ueberirdischen ihrer Erscheinung beitrug. Der Streifschütz, der seinen Hund zu sich gerufen, und ihn zur Erde niedergedrückt hatte, kniete jetzt ebenfalls in das Gras nieder und richtete ein wachsames, festes Auge auf den Zug der Bande, beschwichtigte die Furcht des Mädchens und dämpfte in demselben Augenblick die Ungeduld des Jünglings.

»Wo einer ist, da sind gleich dreißig von den Wichten,« sagte er als Episode zu seinen lispelnden Ermahnungen; »ah, sie wenden sich gegen den Fluß; – still, – Bursch, – still – nein, da kommen sie gerade hierher – die Kerle scheinen ihren eigenen Weg nicht zu wissen. – Wären wir nur etwa unserer sechs, Junge, was für eine prächtige Canonade wollten wir auf sie machen, von hier aus – es geht nicht, es geht nicht; duckt Euch besser, Junge, sonst sieht man Euren Kopf, – Auch bin ich nicht ganz gewiß, ob es recht wäre, da sie uns kein Leid gethan. Da wenden sie sich wieder zum Fluß – nein, hier kommen sie dem Hügel herauf – nun ist der Augenblick, so still zu sein, als ob der Athem seine Schuldigkeit gethan und den Körper verlassen habe.«

Die Gestalt des alten Mannes fiel in's Gras, während er noch sprach, gleich als wenn die endliche Trennung, worauf er eben angespielt, bei ihm wirklich vorgegangen wäre, und im nächsten Augenblick fuhr eine Bande wilder Reiter an ihnen vorbei, mit der geräuschlosen Schnelligkeit, womit etwa ein Trupp Gespenster vorüber gehen würde. Die dunkeln, schnellen Gestalten waren schon verschwunden, als der Streifschütz sein Haupt, mit den Spitzen des geneigten Gestrüpps gleich, zu erheben wagte und zugleich seine Genossen bedeutete, ihre Lage und Stille ferner zu beobachten.

»Sie sind den Hügel hinunter nach dem Lager,« fuhr er fort mit seiner früheren behutsamen Stimme; »nein, sie halten unten im Grund und stecken die Köpfe zusammen, wie Rehe, wenn sie Rath halten. Bei Gott! sie kehren um, und wir sind das Ungeziefer noch nicht los!«

Nochmals suchte er sein freundliches Lager, und alsbald sah man den dunkeln Trupp unordentlich oben auf dem Gipfel der kleinen Erhöhung reiten. Es ward jetzt offenbar, sie waren zurückgekommen, sich der Anhöhe zu bemächtigen, um den dunkeln Horizont von da zu untersuchen.

Einige stiegen ab, während andere hin- und herritten, wie wenn man eine Gegend mit großer Sorgfalt erforscht. Zum Glück für die Versteckten diente das Gras, worin sie verborgen waren, nicht allein dazu, sie den Augen der Wilden zu verdecken, sondern hinderte auch ihre Pferde, welche nicht weniger roh und unbändig als ihre Reiter waren, sie in ihrem ungeregelten und wilden Lauf zu treten.

Endlich rief ein athletischer und finsterblickender Indianer, der nach seinem gebietenden Aeußern der Führer schien, seine Häuptlinge zu einer Berathung zusammen, die zu Pferde gehalten ward. Diese Versammlung kam dicht an der Grenze des Gebüsches zusammen, worin der Streifschütz und seine Genossen lagen. Als der junge Mann aufblickte, und die drohende, stolze Gruppe sah, welche mit jedem Augenblick durch eine Gestalt anwuchs, die scheinbar noch herausfordernder als eine von den vorigen war, nahm er aus einem sehr natürlichen Antrieb sein Gewehr neben sich und setzte es allmählich in Stand zu schnellem Gebrauch. Das Mädchen an seiner Seite hüllte ihr Antlitz in's Gras, aus einem, wo möglich ganz eben so natürlichen und ihrem Geschlecht und Thun angemessenen Gefühl; und ließ ihn den Eingebungen seines heißen Blutes folgen, aber sein bejahrter und vorsichtigerer Rathgeber sagte ihm ernst in's Ohr:

»Das Knacken des Schlosses ist den Burschen so gut bekannt, als der Ton der Trompete dem Soldaten. Legt nieder die Flinte, nieder; sollte der Mond den Lauf treffen, so würden die T – l sie gewiß sehen, ihre Augen sind so scharf, wie die der schwärzesten Schlange! Die geringste Bewegung würde uns sicher einen Pfeil bringen.«

Der Bienenjäger gehorchte in so weit, als er unbeweglich und still blieb. Aber sein Gefährte sah noch so viel, um sich an den zusammengezogenen Braunen und dem drohenden Blick des jungen Mannes zu überzeugen, daß eine Entdeckung den Wilden keinen unblutigen Sieg verschaffen würde. Als er seinen Rath nicht geachtet sah, nahm der Streifschütz seine Maßregeln darnach und erwartete den Ausgang mit einer Ergebung und Ruhe, die so sehr in seinem Charakter lagen.

Mittlerweile hatten die Sioux (denn der Scharfblick des alten Mannes betrog ihn in Hinsicht seines gefährlichen Besuchs nicht) ihren Rath geendet, und zerstreuten sich wieder nach allen Seiten der Anhöhe, als ob sie etwas Verborgenes suchten.

»Die Schelme haben den Hund gehört,« lispelte der Streifschütz, »und ihre Ohren sind zu treu, um sich wegen der Entfernung zu betrügen. Lieg' fest, Junge, lieg' fest, nieder mit dem Kopf bis zur Erde, wie ein Hund der schläft.«

»Laßt uns lieber aufstehen, und auf unsere Kraft vertrauen,« erwiederte sein ungeduldiger Gefährte – –

Er wollte fortfahren, da fühlt er eine Hand fest auf seiner Schulter liegen; er richtet die Augen auf und sieht das dunkle, wilde Gesicht eines Indianers, das ihn fest anblickt. Bei allem Erstaunen und trotz seiner unvortheilhaften Lage, war der Jüngling gar nicht geneigt, so leicht ein Gefangener zu werden. Schneller als der Blitz seiner eigenen Flinte steht er auf seinen Füßen und faßt seinen Gegner mit einer Kraft an der Kehle, die bald den Streit geendet haben würde, – da fühlt er die Arme des Streifschützen um seinen Leib geschlungen, welche mit nicht viel geringerer Kraft als seine eigene alle seine Bewegungen hemmen. Ehe er noch Zeit hatte, seinem Gefährten wegen so offenbarer Verrätherei Vorwürfe zu machen, stand ein Dutzend Sioux um ihn herum, und die ganze Gesellschaft ward genöthigt, sich gefangen zu geben.

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