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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

»– – Nicht Abschied nehm' ich, denn ich reite,
So weit die Erd' sich dehnt, an Eurer Seite.«

Shakspeare.

 

Der Zug des Pawnee nach seinem Dorfe ward durch keinen so gewaltthätigen Auftritt unterbrochen. Seine Rache war eben so vollständig als summarisch gewesen. Selbst nicht ein einzelner Kundschafter der Sioux blieb auf den Jagdgründen, die er überschreiten mußte, und die Reise von Middletons Haufen war folglich eben so sicher, als wenn sie im Schoße der Staaten vor sich ginge. Die Märsche waren, der Schwachheit der Frauen zu begegnen, mäßig. Kurz, die Sieger schienen nach ihrem Erfolg von jeder Spur von Feindseligkeit befreit, und geneigt, den geringsten Bedürfnissen jenes wachsenden Volkes abzuhelfen, das täglich ihre Rechte begrenzte, und die Roth-Leute des Westen aus ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit in die Lage von Flüchtlingen und Wanderern versetzte.

Die Schranken unserer Erzählung erlauben uns reine weitläufige Nachricht über den triumphirenden Einzug der Eroberer. Die Freude des Stammes entsprach dessen früherer Niedergeschlagenheit. Mütter rühmten sich des ehrenvollen Todes ihrer Söhne, Weiber verkündeten den Ruhm und zeigten auf die Narben ihrer Männer und indianische Mädchen belohnten die jungen Tapfern mit Triumphgesang. Die Trophäen ihrer gefallenen Feinde wurden, gleich den eroberten Fahnen in civilisirten Ländern, ausgestellt. Die Thaten früherer Helden wurden von den Greisen erzählt und für verdunkelt erklärt durch diesen Sieg; während Hartherz selbst durch seine Siege von Kindheit an bis auf diese Stunde so ausgezeichnet, allgemein als der würdigste Häuptling und stattlichste Tapfere fort und fort gepriesen ward, den Wahcondah je seinen geliebtesten Kindern, den Wolfs-Pawnee, verliehen.

Trotz der gewissermaßen sichern Lage, worin Middleton sein wiedererlangtes Kleinod fand, war es ihm doch gar nicht unangenehm, seine getreuen, festen Artilleristen unter dem Haufen stehen zu sehen, wie er in dem wilden Zug ankam, und ihre Stimmen in einem kriegerischen Gruß über seine Rückkehr vernahm. Die Gegenwart dieser Streitkräfte, gering wie sie waren, entfernte jeden Schatten von Unruhe von seinem Sinn. Sie machten ihn zum Herrn über seine Bewegungen, gaben ihm Ansehn und Wichtigkeit in den Augen seiner neuen Freunde und setzten ihn in den Stand, die Schwierigkeiten der weiten Landschaft zu besiegen, die noch zwischen dem Dorf der Pawnee und der nächsten Feste seiner Landsleute lag. Ein Zelt ward Inez und Ellen zum ausschließlichen Besitz gegeben, und selbst Paul, als er eine bewaffnete Wache in der Uniform der Staaten vor dem Eingang hinschreiten sah, gab sich zufrieden und streifte in den Wohnungen der Rothhäute herum, mischte sich in ihre häuslichen Angelegenheiten mit sehr wenigem Rückhalt, machte, bald scherzend, bald ernst, seine Bemerkungen mit großer Freimüthigkeit über ihre verschiedenen Verrichtungen, oder bemühte sich, den verwunderten Hausfrauen seine kostbaren Erklärungen über das, was er für die besseren Gebräuche der Weißen hielt, verständlich zu machen.

Dieser forschende, unruhige Geist fand unter den Indianern keine Nachahmer. Der feste Sinn und die Zurückhaltung Hartherzens theilte sich seinem Volke mit. Als alle Aufmerksamkeiten, die von ihren einfachen Sitten und spärlichen Mitteln gewährt werden konnten, erwiesen waren, nahm sich kein zudringlicher Fuß heraus, den Hütten zu nahen, die zum Dienst der Fremden bestimmt waren. Man ließ sie sich nach ihrer Weise, wie es am besten mit ihrer Gewohnheit und Neigung übereinstimmte, einrichten; die Gesänge und das Jauchzen des Stammes drang jedoch weit in die Nacht, während deren spätesten Stunden die Stimme von mehr als einem Krieger gehört ward, wie er, am Eingang seines Zelts, die Thaten seines Volks und den Ruhm seiner Triumphe erzählte.

Alles Lebendige war, trotz den Vergnügungen der Nacht mit Sonnenaufgang auf; der Ausdruck des Jauchzens, der eben noch auf allen Gesichtern gesehen worden, hatte sich jetzt zu einem für die Gefühle des Augenblicks passenderen umgeändert. Alle hatten erfahren, daß die Blaßgesichter, die mit ihrem Häuptling so sehr sich befreundet hatten, ihren Abschied für immer vom Stamm nehmen sollten. Middletons Soldaten waren in Erwartung seiner Ankunft mit einem unglücklichen Kaufmann wegen Benutzung seines Boots einen Handel eingegangen; es lag in dem Fluß, bereit, seine Ladung einzunehmen, und nichts blieb übrig zu der langen Reise vorzubereiten.

Middleton sah diesen Augenblick nicht ganz ohne Mißtrauen kommen. Die Bewunderung, womit Hartherz Inez betrachtete, war seinem eifersüchtigen Auge, gerade wie die ungesetzlichen Wünsche Mahtoree's nicht entgangen. Er kannte die kluge Weise, womit ein Wilder seine Plane verbergen kann, und fühlte, es sei eine strafbare Schwäche, auf das Schlimmste nicht gefaßt zu sein. Geheime Anweisungen wurden daher seinen Leuten gegeben, während die Vorrichtungen, die sie trafen, geschickt hinter einer militärischen Paradeschau verborgen wurden, womit er seine Abreise begleiten wollte.

Das Gewissen des jungen Soldaten machte ihm Vorwürfe, als er den ganzen Stamm seine Schaar bis an den Rand des Flusses unbewaffnet und traurig begleiten sah. Sie sammelten sich in einen Kreis um die Fremden und ihr Haupt, und wurden nicht nur friedliche, sondern sehr teilnehmende Beobachter dessen, was vorging. Da es augenscheinlich war, Hartherz wollte sprechen, stand der Führer und bezeigte seine Bereitwilligkeit, zu hören, während der Streifschütz das Amt eines Dollmetschers versah. Da sprach der junge Häuptling zu ihnen in der gewöhnlichen bildlichen Sprache eines Indianers. Er begann mit einer Hinweisung auf das Alter und den Ruhm seines Volks. Er sprach von dessen Glück auf der Jagd und im Krieg, von der Art, wie sie sie schon ihre Rechte vertheidigen und ihre Feinde hatten bestrafen gesehen. Nachdem er genug gesagt, um seine Ehrfurcht vor der Größe der Wölfe an den Tag zu legen, und den Stolz der Hörer zu befriedigen, machte er einen plötzlichen Uebergang zu der Race, von der die Fremden stammten. Er verglich ihre zahllose Menge mit den Flügen der Wandervögel zur Zeit der Blüthe oder bei der Neige des Jahrs. Mit einer Zartheit, die Niemand besser als ein indianischer Krieger zu wahren versteht, erwähnte er nicht geradezu die raubgierige Sinnesart, welche so viele von ihnen in ihren Verhandlungen mit den Roth-Leuten verrathen hatten. Er wußte, daß das Gefühl des Mißtrauens zu fest in den Gemüthern seines Stammes gewurzelt, und wollte also lieber jede gerechte Rachsucht, die sie noch hegen könnten, durch Entschuldigung und Gründe besänftigen. Er erinnerte seine Zuhörer, daß selbst die Pawnee-Wölfe genöthigt gewesen, manchen Unwürdigen aus ihren Dörfern zu treiben; Wahcondah verschleiere oft sein Antlitz vor einem Rothen. So sehe auch zweifelsohne der große Geist der Blaßgesichter manchmal finster auf seine Kinder. Wer überlassen worden dem Fürsten des Bösen, könnte nie tapfer und gut sein, sei seine Hautfarbe, welche sie wolle. Er hieß seine jungen Leute auf die Hände der Großmesser sehen. Sie seien nicht leer, wie die hungriger Bettler. Auch nicht voll von Gütern, wie bei kargen Händlern. Sie wären wie sie, Krieger, und führten Waffen, die sie wohl zu gebrauchen wüßten; – sie seien würdig, ihre Brüder zu heißen.

Dann lenkte er Aller Aufmerksamkeit auf das Haupt der Fremdlinge. Er sei ein Sohn ihres großen, weißen Vaters. Er wäre nicht auf die Steppen gekommen, um die Büffel von ihren Weiden zu schrecken, oder das Wild der Indianer zu suchen. Schlechte Männer hätten ihn eines seiner Weiber beraubt, ohne Zweifel war' sie die gehorsamste, die sanfteste, die lieblichste von ihnen allen. Sie brauchten nur ihre Augen zu öffnen, um zu sehen, daß seine Worte wahr seien. Nun, da der weiße Häuptling sein Weib gefunden, sei er willens zurückzukehren zu seinem eigenen Volk in Frieden. Er würde ihm sagen, daß die Pawnee gerecht waren, und daß Bande der Freundschaft zwischen beiden Nationen sein würden. Er forderte sein Volk zu Wünschen auf für die sichere Rückkehr der Fremden in ihre Städte. Die Krieger der Wölfe wüßten Beides, wie ihre Feinde zu empfangen und wie die Dornen wegzuwenden vom Pfad ihrer Freunde.

Middletons Herz schlug hoch, als der junge Parteiführer auf Inezens Reize hindeutete, und für einen Augenblick warf er einen ungeduldigen Blick auf die kleine Reihe seiner Artilleristen; aber der Häuptling schien von diesem Augenblick an zu vergessen, daß er je ein so schönes Wesen gesehen. Seine Empfindungen, wenn er Etwas für sie fühlte, wurden hinter der kalten Maske indianischer Selbstüberwindung verschleiert. Er nahm jeden Krieger bei der Hand, selbst den geringsten Soldaten nicht vergessend; aber sein kaltes, strenges Auge wanderte nie für einen Augenblick zu einer von den Frauen hinüber. Vorkehrungen waren zu ihrer Gemächlichkeit mit einer Verschwendung und Sorgfalt getroffen worden, die wirklich seine Leute etwas in Erstaunen gesetzt, aber in keinem andern Puncte stieß er an ihren männlichen Stolz an, daß er einige ängstliche Sorgfalt in Hinsicht des schwächeren Geschlechts verrathen.

Das Abschiednehmen war allgemein und imponirend. Jeder Pawnee bestrebte sich, in Aufmerksamkeit keinem der fremden Krieger nachzustehen, und folglich nahm die Feierlichkeit einige Zeit weg. Die einzige Ausnahme, und die war nicht allgemein, machte Doctor Battius. Nicht wenige der jungen Leute zwar waren gleichgültig in ihren Höflichkeitserweisungen gegen Einen von so verdächtigem Gewerb; aber der würdige Naturforscher fand einigen Trost in der reiferen Artigkeit der Greise, welche schlossen, daß, obwohl nicht sehr tauglich im Krieg, der Zauberer der Großmesser vielleicht von Nutzen im Frieden sein könne.

Als Middletons ganzer Haufe sich eingeschifft, erhob der Streifschütz ein kleines Bündel, das während der vorigen Vorfälle zu seinen Füßen gelegen, rief Hektor'n herbei und nahm zuletzt seinen Sitz ein. Die Artilleristen erhoben das gewöhnliche Geschrei, das von dem Stamm beantwortet wurde, und dann drückte das Boot in die Fluth, und glitt schnell dem Fluß hinab.

Lange, sinnende, wenn nicht melancholische Stille folgte auf diese Abreise. Sie ward zuerst vom Streifschützen unterbrochen, dessen Gram nicht am wenigsten deutlich in seinem niedergeschlagenen, trüben Auge zu lesen war.

»Sie sind ein starker, tüchtiger Stamm,« sagte er, »das behaupte ich kühn zu ihren Gunsten, und stehen bloß, nach meiner Meinung, dem einst mächtigen, aber jetzt zerstreuten Volke der Delawaren vom Hügel nach. Ja, Capitain, wenn Ihr so viel Gutes und Böses, als ich, unter diesen Rothhäuten gesehen hättet, Ihr würdet wissen, von welchem Werth ein tapferer, einfacher Krieger wäre. Ich weiß, man findet Leute, welche denken und sagen, ein Indianer sei nur ein wenig besser als die Thiere dieser nackten Ebenen. Aber man muß selbst ehrlich sein, um einen guten Richter von der Ehrlichkeit Anderer abzugeben. Sicher, sicher, sie kennen ihre Feinde, und wenig kümmern sie sich, ihnen großes Vertrauen oder Liebe zu zeigen.«

»So ist's mit dem Menschen,« entgegnete der Capitain, »und sie sind wohl in keiner seiner natürlichen Eigenschaften vernachlässigt.«

»Nein, nein, sie brauchen wenig, und das hat ihnen die Natur gegeben. Aber der versteht auch wenig von der Natur einer Rothhaut, der nur einen Indianer gesehen oder nur einen Stamm; gerade wie der die Farbe der Federn kennt, der nur eine Krähe erblickt hat. Nun, Freund Steuermann, haltet das Boot dort nach jener niederen sandigen Spitze, und Ihr erfüllt eine kleine Bitte.«

»Wozu?« fragte Middleton, »wir sind jetzt im schnellsten Lauf, und indem wir nach dem Ufer fahren, verlieren wir die Kraft des Flusses.«

»Der Aufenthalt wird nicht lang sein,« entgegnete der Alte, und legte, selbst Hand an die Ausführung seines Begehrens. Die Ruderer hatten seinen Einfluß bei dem Führer hinlänglich erkannt, um seinen Wünschen zuwider zu sein, und ehe noch zu weiterer Ueberlegung Zeit war, hatte schon das Boot das Land erreicht.

»Capitain,« hob der Andere wieder an, und band seinen Pack mit großer Ürberlegung auf, und selbst auf eine Weise, welche verrieth, daß er Gefallen fand an seiner Langsamkeit. »Ich möchte Euch einen kleinen Handel anbieten. Nichts von Bedeutung, freilich, aber doch das Beste, was einer, dessen Hand längst nicht mehr mit der Büchse umzugehen versteht, und der nichts weiter als ein armer Fallsteller geworden ist, Euch anbieten kann, eh' wir uns trennen.«

»Trennen!« wiederholte jeder Mund derer, die noch so eben seine Gefahren getheilt und seine Sorgfalt benutzt hatten.

»Was der T – l, alter Streifschütz, wollt Ihr zu Fuß in die Ansiedelungen, während hier ein Boot ist, das in halb so langer Zeit die Entfernung macht, die der Packesel, den der Doctor dem Pawnee gegeben, durchtrotten könnte.«

»Ansiedelungen, Junge! Es ist lang her, seit ich Abschied nahm von der Verwüstung und Verworfenheit der Ansiedelungen und Dörfer. Wenn ich hier auf einem freien Boden lebe, so hat der Herr ihn so gemacht, und ich habe keine Gedanken über die Sache, aber nie soll man mich wieder freiwillig in die Gefahr der Verworfenheit stürzen sehen.«

»Ich dachte nicht an Trennung,« antwortete Middleton, und bemühte sich einige Erleichterung von seiner Unruhe zu finden, indem er auf die mitfühlenden Züge seiner Freunde die Augen richtete; »im Gegentheil, ich hatte gehofft und geglaubt, Ihr würdet uns hinabbegleiten, wo ich Euch mein feierliches Wort gebe, Nichts Euch fehlen soll, um Eure Tage angenehm zu machen.«

»Ja, Junge, ja, Ihr würdet Euer Möglichstes thun; aber was sind die Bemühungen des Menschen gegen das Wirken des T–ls! Ei, wenn freundliche Hoffnungen und gute Wünsche es hätte thun können, wäre ich wohl schon seit Jahren ein Congreß-Mann oder vielleicht ein Statthalter gewesen. Euer Großvater wünschte dasselbe, und es leben ihrer vielleicht noch in den Otsego-Gebirgen, die mir gern einen Pallast zu meiner Wohnung gegeben hätten, aber was sind Reichthümer ohne Zufriedenheit! Meine Zeit muß jetzt auf jeden Fall kurz sein, und ich denke, es ist für Jemanden keine große Sünde, wenn er, nachdem er seine Rolle ehrlich, fast neunzig Winter und Sommer gespielt hat, die wenigen Stunden, die noch übrig bleiben, in Frieden hinbringen will. Wenn Ihr meint, ich hätte Unrecht gethan, daß ich so weit kam, um Euch dann wieder zu verlassen, Capitain, so will ich die Ursache ohne Scham und Rückhalt Euch sagen. Obwohl ich so viel von der Wildniß gesehen, so kann man doch nicht bestreiten, daß meine Gefühle wie meine Haut weiß sind. Nun wär' es aber kein passender Anblick, wenn jene Pawnee-Wölfe die Schwachheit eines alten Kriegers mit ansähen, wenn er etwa Schwachheit zeigte, indem er für immer von denen sich trennte, die er Ursache hätte zu lieben, obwohl sein Herz nicht so fest an ihnen hängt, daß er mit ihnen in die Ansiedelung gehen möchte.«

»Hört, alter Streifschütz,« sagte Paul und räusperte sich auf eine verzweifelte Art, als wenn er entschlossen wäre, seiner Stimme einen vollkommenen, klaren Ausgang zu verschaffen. »Ich hab' gerade auch einen Handel zu machen, da Ihr doch davon sprecht, und das ist nichts mehr und nichts weniger als folgender: Ich biet' Euch, als einen Theil meines Geschäfts, die Hälfte meines Fangs, und kümmere mich nicht sehr, wenn es die größere ist, den lieblichsten und reinsten Honig, den ich erlangen kann; immer genug zu essen, mit dann und wann einem Mundvoll Wild, oder was das betrifft, einen Bissen Büffelschenkel, da ich gar gern meine Bekanntschaft mit dem Thier ein wenig weiter treiben möchte, und so gute, niedliche Kocherei, wie sie nur von den Händen einer Ellen Wade kommen kann, die bald Nelly und noch etwas sein wird, und überhaupt solche Behandlung, wie ein ordentlicher Mann seinem besten Freund widerfahren zu lassen pflegt, oder vielmehr seinem eigenen Vater. Dafür gebt Ihr uns in langen Augenblicken einige von Euren alten Ueberlieferungen, vielleicht auch etwas heilsamen Rath bei Gelegenheit, in kleinen Dosen, und soviel von Eurer angenehmen Gesellschaft, als Euch gefällt.«

»Gut, gut, Junge,« entgegnete der Alte und suchte an seinem Pack, »ehrlich angeboten, und nicht undankbar abgewiesen; aber es kann nicht sein, nein, nimmer!«

»Verehrungswürdiger Jäger,« sagte Doctor Battius. »Es gibt Pflichten, die Jedermann der Gesellschaft und Menschennatur schuldig ist; es ist Zeit, daß Ihr zu Euren Landsleuten zurückkehrt, einige von jenen Erfahrungsvorräthen zu überliefern, die Ihr ohne Zweifel bei einem so langen Aufenthalt in den Wildnissen gesammelt habt, und die, wären sie auch durch vorgefaßte Meinungen verdorben, doch annehmliche Vermächtnisse für die sein werden, welche, wie Ihr sagt, Ihr bald für immer verlassen müßt.«

»Freund Physikus,« entgegnete der Streifschütz, und sah ihm fest in's Gesicht; »so wie es nicht leicht sein würde, von der Natur des Damhirsches nach den Gewohnheiten des Wiesels zu urtheilen, so wäre es schwer, von der Nützlichkeit des einen Mannes zu sprechen, indem man zu viel an die Thaten des andern dächte. Ihr habt Eure Gaben, wie Andere, denk' ich, und ich will sie gar nicht trüben; aber was mich betrifft, mich hat der Herr zu einem Thäter, nicht zu einem Redner gemacht, und deßwegen halt' ich's für kein Unrecht, wenn ich meine Ohren Eurer Einladung verschließe.«

»Es ist genug,« fiel Middleton ein, »ich hab' so viel von diesem außerordentlichen Mann gesehen und gehört, daß ich weiß, Ueberredung wird seinen Entschluß nicht ändern. Erst wollen wir Euer Verlangen hören, Freund, und dann bedenken, was am besten für Euch geschehen kann.«

»Es ist etwas Geringes, Capitain,« entgegnete der Alte und brachte endlich sein Bündel auf, »eine geringe, kleinliche Sache ist es gegen das, was ich sonst im Handel bieten konnte; aber dennoch ist es das Beste, was ich habe und deßwegen nicht zu verachten. Hier sind die Felle von vier Bibern, die ich etwa einen Monat vorher, ehe wir uns trafen, fing, und hier ist noch eins von einem Racoon, das freilich nicht von großem Werthe ist, aber vielleicht zu unserm Einigwerden beiträgt.«

»Und was soll damit geschehen?«

»Ich biet' sie zu ehrlichem Handel. Die Schelme, die Sioux, der Himmel vergebe mir, daß ich je geglaubt, es wären die Konza, haben mir die besten Fallen gestohlen, und mich fast zu ärmlichen Erfindungen genöthigt, die mir einen traurigen Winter voraussagen könnten, wenn meine Zeit sich noch in ein Jahr hinausdehnen sollte. Deßwegen sollt Ihr die Felle nehmen, und sie einem der Fallsteller anbieten, die Ihr sicher unten treffen werdet; und was Ihr von Fallen dafür bekommt, mögt Ihr für mich in das Pawnee-Dorf schicken. Tragt Sorge, daß mein Zeichen darauf kommt; ein N mit einem Hundsohr und einem Flintenschloß. Dann wird keine Rothhaut mein Recht beeinträchtigen. Für all diese Mühe hab' ich wenig mehr zu bieten als meinen Dank, wenn nicht mein Freund, der Bienenjager hier, den Racoon annehmen will, und dann besonders den Auftrag übernimmt.«

»Wenn ich es thue, so soll mich – –« Paul's Mund schloß sich unter Ellens schöner Hand, und er war genöthigt, das Uebrige hinunter zu schlucken, was er mit einer Anstrengung that, die keine geringe Aehnlichkeit mit dem Ersticken hatte.

»Nun, nun,« entgegnete der Greis ruhig, »ich hoffe, dies Anerbieten war keine schwere Beleidigung. Ich weiß, das Racoonfell ist wenig werth, aber dann war es auch keine große Bemühung, die ich dafür verlangte.«

»Ihr habt unsern Freund gänzlich mißverstanden,« fiel Middleton ein, der bemerkte, daß der Bienenjäger nach jeder Seite, nur nicht nach der rechten sah, und daß er gänzlich unfähig sei, sich selbst zu rechtfertigen. »Er wollte nicht sagen, er verweigere Eure Bitte, sondern nur, er schlage jede Belohnung aus. Doch es ist unnöthig, darüber mehr zu sagen; mein ist die Sorge, zu sehen, daß die Schuld der Dankbarkeit, die wir Euch hegen, gehörig abgetragen wird, und all Euern Bedürfnissen soll zuvorgekommen werden.«

»Ei,« sagte der Alte, und sah forschend ihm in's Angesicht, als wolle er eine Erklärung.

»Es soll Euch Alles nach Wunsch sein. Legt die Häute zu meinem Gepäck; wir wollen für Euch, wie für uns selbst handeln.«

»Danke, danke, Capitain; Euer Großvater hatte ein freies, edles Herz. So sehr in der That, daß eben jenes Volk, die Delawaren, ihn die ›offene Hand‹ nannten. Ich wünsche nun, ich wäre so wie sonst, daß ich der Dame einige seine Marderpelze für ihre Krägen und Oberkleider schicken könnte, nur um zu zeigen, daß ich Gefälligkeit zu erwiedern weiß. Doch erwartet das nicht; ich bin zu alt, etwas zu versprechen. Alles, wie der Herr will. Nichts weiter kann ich Euch bieten, denn ich hab' nicht so lange in der Wildniß gelebt, um die schwere Befriedigung eines Herrn zu vergessen.«

»Hört, alter Streifschütz,« rief der Bienenjäger, und schlug seine Hand in die offene Rechte, die der Andere darreichte, daß ein Schall entstand, der einem Flintenschuß nicht so gar weit nachstand; »ich hab' gerade noch zweierlei zu sagen; erstens, daß der Capitain Euch meine Meinung besser gesagt hat, als ich selbst im Stande bin; und zweitens, daß, wenn Ihr eine Haut braucht, sei es für Euch selbst, oder um sie zu verschicken, ich eine zu Eurem Befehl habe, und das ist die Haut von einem gewissen Paul Hover.«

Der Alte erwiederte den Händedruck, und öffnete, so weit er konnte, den Mund in seinem ungewöhnlichen, dumpfen Lachen.

»Ihr konntet eine solche Hand nicht geben, Junge, als die Teton-Schurken mit den Messern hinter Euch waren,« sagte er. »Ei, Ihr seid in Eurer Blüthe, in Eurer Kraft und im Glück, wenn Ehrlichkeit auf Euerm Weg ist.« Dann änderten sich plötzlich seine verfallenen Züge zu einem Ausdruck voll Ernst und Nachdenken. »Kommt hierher, Junge,« sagte er, und führte den Bienenjäger an einem Knopf an die Küste, und sprach bei Seite zu ihm in einem Tone der Ermahnung und des Vertrauens. »Viel haben wir von der Lust und Achtbarkeit eines Aufenthalts in den Wäldern oder auf der Grenze gesprochen. Ich will nicht sagen, daß, was Ihr gehört, nicht wahr gewesen, aber verschiedene Charaktere verlangen verschiedene Gewerbe. Ihr habt da an Eure Brust ein gutes, freundliches Kind genommen, und Ihr müßt, bei der Wahl einer Lebensart, sie so gut als Euch berücksichtigen. Ihr seid ein wenig geneigt, in den Colonieen herumzustreichen, aber nach meinem geringen Urtheil, ist das Mädchen mehr ähnlich einer prangenden Blume in der Sonne des Anbaues, als in dem Sturm der Steppe. Deßhalb vergeßt Alles, was Ihr von mir gehört haben mögt, ob es gleich wahr ist, und wendet Euch auf die Wege des Binnenlandes.«

Paul konnte nur durch einen Händedruck antworten, der den meisten Augen Thränen entlockt haben würde, der aber auf die gehärteten Muskeln des Greises keine andere Wirkung hervorbrachte, als daß er lächelte und nickte, als wolle er sagen, er empfange den Druck als ein Pfand, daß der Bienenjäger seinen Rath nicht vergessen werde. Dann wandte sich der Streifschütz von seinem rauhen, aber warmfühlenden Gefährten weg, rief Hektor'n aus dem Boot, und schien willens noch einige Worte zu sagen.

»Capitain,« begann er endlich, »ich weiß, wenn ein Armer von Credit spricht, braucht er ein nach den Gebräuchen der Welt delicates Wort, und wenn ein Greis vom Leben redet, spricht er von etwas, was er nicht mehr sehen möchte; dennoch gibt's noch etwas, wovon ich reden will, und das betrifft nicht so wohl mich als Jemanden anders. Da ist Hektor, ein guter, treuer Bursche, der lange über das Leben eines Hundes hinaus ist, und gleich seinem Herrn sehnt er sich jetzt mehr nach Ruhe, als nach Thaten der Jagd. Aber das Geschöpf hat sein Gefühl, nicht weniger als der Christ. Er hat sich in der letzten Zeit so sehr an seinen Verwandten dort gehängt, und große Freude an seiner Gesellschaft gefunden, so daß ich gestehen muß, es betrübe mich, das Paar sobald zu trennen. Wenn Ihr auf Euern Hund einen Preis setzen wollt, so will ich mich bestreben, den Betrag im Frühling Euch zu schicken, besonders wenn die Fallen sicher ankommen; oder wenn Ihr nicht gern Euch von dem Thier für immer trennen wollt, bitt' ich nur, mir ihn für den Winter zu leihen; ich glaube sicher zu sein, daß mein Alter nicht über diese Zeit ausdauern wird, denn darauf versteh' ich mich, seit ich so viele Freunde, Hunde und Rothhäute, in meinem Leben habe verscheiden sehen, obgleich der Herr seine Engel noch nicht hat abschicken wollen, um meinen Namen zu rufen.«

»Nehmt ihn, nehmt ihn,« rief Middleton, »nehmt Alles und Jedes!«

Der Greis rief den jüngeren Hund an's Land, und nahm dann seinen endlichen Abschied. Wenig ward auf beiden Seiten gesprochen. Der Streifschütz nahm Jeden feierlich bei der Hand, und sprach einige freundliche, gütige Worte zu allen. Middleton war ganz sprachlos und mußte sich den Schein geben, als beschäftige er sich mit dem Gepäck. Paul pfiff aus Aller Macht, und selbst Obed nahm seinen Abschied mit einem Zwang, der den Anschein einer verzweifelten, philosophischen Entschlossenheit trug. Als er bei Allen herumgekommen, drückte der Greis mit eigener Hand das Boot in die Fluth, und wünschte zu Gott, er möge ihnen Eile verleihen. Nicht ein Wort ward gesprochen, nicht ein Ruderschlag geschah, bis die Reisenden eine Höhe umsegelt, die den Streifschützen ihren Augen verbarg. Man sah ihn an der niedern Stelle stehen, auf die Büchse gelehnt, Hektor'n zu seinen Füßen niederkauernd, und den jungen Hund auf dem Sand hinspringen im Spiel der Jugend und Kraft.

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