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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Dreißigstes Kapitel.

»Ist dies Verfahren recht und ehrenvoll?«

Shakspeare.

 

Während dies auf der Hochebene vorging, waren die Krieger im Grunde nicht müßig gewesen. Wir verließen die feindlichen Banden, wie sie sich einander auf den entgegengesetzten Küsten des Stroms bewachten, und jeder seinen Feind durch die vorwurfvollsten Schmähungen und Schimpfreden zu einer unvorsichtigen Handlung zu reizen sich bemühte. Aber der Pawnee-Häuptling bemerkte bald, daß sein listiger Gegner gerne die Zeit so müßig hinbringen wollte, mit Versuchen, die gegenseitig gänzlich nutzlos waren. Er veränderte also seinen Plan, und zog sich wie schon durch des Streifschützen Mund gesagt worden, vom Ufer zurück, um die zahlreichere Horde der Sioux zum Uebergang einzuladen. Die Herausforderung wurde nicht angenommen, und die Wölfe waren genöthigt, einen andern Weg zu ihrem Zweck einzuschlagen.

Statt länger die kostbaren Augenblicke in fruchtlosen Bemühungen zu vergeuden, um seinen Feind zum Uebergang zu vermögen, führte der junge Häuptling der Pawnee seine Truppen in schnellem Galopp an dem Rand des Stromes hin, um eine günstige Stelle zu suchen, wo durch ein schnelles Hineinspringen er seine Bande ohne Verlust an das andere Ufer bringen könnte. Sobald sein Plan entdeckt wurde, nahm jeder berittene Teton einen Fußgänger hinten auf, und so ward Mahtoree noch in den Stand gesetzt, seine ganze Streitkraft gegen den Versuch zu concentriren. Als er bemerkte, daß man seinem Plan zuvorgekommen, und weil er seine Pferde nicht durch einen Lauf ermüden wollte, der sie zum Dienst untauglich gemacht hätte, selbst wenn es ihm gelungen, die schwerer beladenen Thiere der Sioux zu überflügeln, stand Hartherz, und machte nahe an dem Rande der Fluth plötzlich Halt.

Da das Land zu allen gewöhnlichen Unternehmungen der Kriegskunst der Wilden zu offen war, und die Zeit drängte, entschloß sich der ritterliche Pawnee, die Sache durch eine jener Handlungen persönlicher Kühnheit, wodurch die indianischen Helden so ausgezeichnet sind, und so oft ihren höchsten und theuersten Ruhm erkaufen, zu einem Ausschlag zu bringen. Die gewählte Stelle war zu solch einer Absicht günstig. Der Fluß, der durchaus fast tief und reißend war, hatte sich da zum mehr als Zweifachen seiner gewöhnlichen Breite ausgedehnt, und das Rieseln seiner Wasser bewies, daß er seicht floß. In der Mitte der Fluth war ein weites, nacktes Sandbett, nur wenig über die Fläche des Flusses erhaben und von einer Farbe und Festigkeit, welche einem geübten Auge dafür bürgte, daß es festen, sicheren Grund darböte. Auf diese Stelle lenkte jetzt der Parteiführer seinen scharfen Blick und zögerte nicht lange, sich zu entschließen. Erst sprach er mit seinen Kriegern, und machte sie mit seinen Planen bekannt, dann stürzte er in die Fluth, und erreichte theils durch Schwimmen, und mehr noch mit Hülfe der Füße seines Pferdes sicher das Eiland.

Hartherzens Erfahrung hatte ihn nicht betrogen. Als seine schnaubende Stute aus dem Wasser heraus kam, fand er sich auf einem zitternden, aber festen Sandbett, das außerordentlich wohl zur Darlegung der besten Eigenschaften des Thiers geschickt war. Das Pferd schien dieses Vortheils sich bewußt zu sein und trug seinen kriegerischen Reiter mit einer Federkraft im Schritt und einem Stolz im Aeußern, die dem bestgezogenen und edelsten Renner keine Schande gemacht hätte. Das Blut des Häuptlings selbst erwärmte bei der Erregung seiner glänzenden Stellung. Er lenkte das Thier, als sei er sich bewußt, daß die Augen der beiden Stämme auf seine Bewegungen gerichtet wären; und wie nichts angenehmer und erfreulicher für seine eigene Bande als die Darlegung seiner angebornen Grazie und Tapferkeit sein konnte, so mochte nichts demüthigender und erniedrigender für seine Feinde sein.

Die plötzliche Erscheinung des Pawnee's auf dem Sande verkündete sich unter den Teton durch ein allgemeines Geschrei wilder Wuth. Ein Eilen nach dem Ufer entstand und ward von einer Ladung von fünfzig Pfeilen und einigen Flinten begleitet, und von Seiten einiger Tapferen zeigte sich offenbar das Verlangen, in das Wasser zu stürzen, um die Kühnheit ihres verwegenen Feindes zu bestrafen. Aber ein Ruf und Befehl von Mahtoree wehrte dem Aufbruch und fast unbeherrschbaren Geiste unter der Bande. So weit entfernt, einen einzigen Fuß sich benetzen zu lassen, oder eine Wiederholung der fruchtlosen Bemühungen seines Volkes zu gestatten, um ihren Feind durch Geschosse zu vertreiben, erging an das Ganze der Befehl, sich von der Küste zurückzuziehen, während er selbst seine Pläne einem oder zwei seiner Begünstigten aus dem Gefolge mittheilte.

Als die Pawnee das Hervorspringen ihrer Feinde bemerkt hatten, ritten zwanzig Krieger in den Strom, aber sobald sie bemerkt, daß die Teton sich zurückzogen, gingen sie alle zugleich zurück, und überließen den jungen Häuptling seiner eignen oft geprüften Geschicklichkeit und seinem wohlbegründeten Ruhm. Die Anordnungen Hartherzens, als er seine Bande verließ, waren der Selbstbloßstellung und Kühnheit seines Charakters würdig. So lange einzelne Krieger gegen ihn kämen, sollte er dem Verhängniß Wahconda's und seinem eigenen Arm überlassen bleiben; aber wenn die Sioux ihn in Menge angriffen, sollte er unterstützt werden, Mann gegen Mann, selbst bis zu seiner ganzen Streitkraft, Diese großmüthigen Befehle wurden genau beobachtet, und obgleich so viele Herzen in der Truppe am Ruhm, an der Gefahr ihres Führers Theil zu nehmen sich sehnten, ward doch kein Krieger unter ihnen allen gefunden, der nicht seine Ungeduld unter der gewöhnlichen Maske indianischer Selbstbeherrschung zu bergen wußte. Sie achteten auf den Ausgang mit scharfen, eifersüchtigen Augen, und kein Ausruf des Staunens entging ihnen, da, wie sich bald zeigen wird, sie einsahen, daß das Benehmen ihres Häuptlings eben so leicht zum Frieden, als zum Krieg führen könne.

Mahtoree theilte nicht erst lange seine Pläne seinen Vertrauten mit; er schickte sie schnell zu ihren Gefährten in den Nachtrupp zurück. Der Teton ritt auf eine kurze Strecke in den Fluß und hielt. Hier erhob er mehrere Male seine Hand, mit der Fläche auswärts, und machte mehrere von jenen andern Zeichen, welche als ein Pfand freundschaftlicher Gesinnungen unter den Einwohnern dieser Gegenden gelten. Dann, gleichsam die Aufrichtigkeit seines Herzens zu verbürgen, warf er sein Gewehr an das Ufer und ging tiefer in's Wasser, wo er wieder stehen blieb, um zu sehen, auf welche Weise der Pawnee seine Friedensanträge aufnehmen würde.

Der listige Sioux hatte seine Berechnungen auf den edeln, guten Charakter seines jugendlicheren Nebenbuhlers nicht vergebens gemacht. Hartherz war immer während der Geschosse und so lange der Schein eines allgemeinen Angriffs dauerte, mit derselben stolzen vertrauenden Miene auf dem Sand herumgeritten, mit der er zuerst der Gefahr getrotzt hatte. Als er die wohlbekannte Gestalt des Tetonparteiführers in den Fluß kommen sah, winkte er triumphirend mit der Hand, und erhob, die Lanze schwenkend, das durchdringende Kriegsgeschrei seines Volkes, als eine Herausforderung an ihn, heranzukommen. Aber als er die Zeichen eines Stillstands sah, wollte er, obwohl mit der Verrätherei in den Kämpfen der Wilden wohlbekannt, kein geringeres Vertrauen auf sich selbst als sein Feind zeigen. Er ritt zu der äußersten Spitze der Sandbank, warf seine Flinte von sich, und ritt zu dem Puncte zurück, wovon er ausgegangen war.

Die beiden Häupter waren jetzt gleichförmig bewaffnet. Jeder hatte seinen Speer, seinen Bogen, seinen Köcher, seine kleine Streitaxt und sein Messer, und jeder hatte auch einen Schild von Häuten, der als Verteidigungswaffe gegen einen unvorhergesehenen Angriff mit diesen Waffen dienen konnte. Der Sioux zögerte nicht länger, sondern ging tiefer in den Fluß, und landete bald an einem Punct des Eilands, den sein höflicher Gegner zu diesem Zweck freigelassen hatte. Wäre Jemand da gewesen, Mahtoree's Angesicht zu bewachen, als er über das Wasser setzte, das ihn von dem furchtbarsten und gehaßtesten aller seiner Nebenbuhler trennte, er hätte glauben können, einen Blick geheimer Freude durch die Wolke brechen zu sehen, welche tiefe List und herzlose Verrätherei über sein schwarzes Gesicht hingezogen hatte, und doch würde es Augenblicke gegeben haben, wo er hätte meinen mögen, die Blitze aus des Tetons Auge, und die Ausdehnung seiner Nasenlöcher hätten ihren Grund in einem edleren Gefühl, in einem, das eines indianischen Häuptlings weit würdiger gewesen.

Der Pawnee hatte sich auf seine Seite der Sandbank zurückgezogen, wo er seinen Feind mit Ruhe und Würde erwartete. Der Teton machte eine kurze Schwenkung oder zwei, um die Ungeduld seiner Stute zu bändigen, und nach der Anstrengung des Uebersetzens, seinen Sitz fester einzunehmen, dann ritt er in die Mitte des Platzes, und lud den Andern durch einen höflichen Wink ein, nahe zu kommen. Hartherz näherte sich, bis er sich in einer zum Vorwärtsschreiten und Rückzug gleich geeigneten Entfernung befand, und stand nun auch, sein glühendes Auge auf das seines Feindes gerichtet. Eine lange, feierliche Stille folgte auf diese Bewegung, während welcher dies, zwei ausgezeichneten Tapfern, die nun zum ersten Mal, die Waffen in der Hand, einander gegenüber standen, wie Krieger auf ihren Pferden da saßen, die den Werth eines tapfern Feindes, so sehr er auch verhaßt sein mag, zu schätzen wissen. Aber Mahtoree's Blick war bei weitem weniger ernst und kriegerisch als der des Parteiführers der Wölfe. Seinen Schild auf die Schulter werfend, als wolle er bei dem Andern Vertrauen erwecken, machte er eine begrüßende Bewegung und sprach zuerst:

»Möge der Pawnee auf die Hügel gehen,« sagte er, »und von der Morgen- bis zur Abendsonne, vom Land des Schnees bis in das der Blumen schauen, er wird sehen, daß die Erde sehr groß ist. Warum können die Rothhäute nicht Raum finden, für alle ihre Dörfer?«

»Hat der Teton je gehört, daß ein Krieger der Wölfe in seine Städte gekommen, um Raum für sein Zelt zu erbitten?« entgegnete der junge Tapfre mit einem Blick, worin er Stolz und Verachtung nicht zu verbergen suchte. »Wenn die Pawnee jagen, schicken sie dann Boten zu Mahtoree, ihn zu fragen, ob Sioux sind in den Steppen?«

»Wenn Hunger ist im Zelt eines Kriegers, sieht er sich nach Büffeln um, die ihm zur Nahrung gegeben sind;« fuhr der Teton fort, und bemühte sich den Zorn niederzuhalten, der durch des Andern Spott erregt worden. »Wahcondah hat ihrer mehr gemacht, als Indianer sind. Er hat nicht gesagt, dieser Büffel soll für den Pawnee, und jener für den Dahcotah; dieser Biber für einen Konza, und jener für einen Omahaw sein. Nein, er sagte, es sind ihrer genug. Ich liebe meine rothen Brüder, und ich hab' ihnen große Reichthümer gegeben. Das schnellste Pferd kann vor vielen Tagen nicht aus dem Dorf der Teton in das Dorf der Wölfe gehen. Es ist weit von den Städten der Pawnee zum Fluß der Osagen. Es ist Raum für Alles, was ich liebe. Warum also sollte ein rother Mann seinen Bruder schlagen?«

Hartherz ließ das eine Ende seiner Lanze zu Erde, und nachdem er auch seinen Schild auf die Schulter geworfen, saß er sich nachlässig auf seine Waffe lehnend da, während er mit einem Lächeln von nicht zweideutigem Ausdruck antwortete:

»Sind die Teton müde der Jagd und des Kriegs? Wünschen sie das Wild zu kochen, und nicht zu tödten? Wollen sie ihr Haar ihr Haupt bedecken lassen, daß ihre Feinde die Köpfe nicht entdecken können? Geht, ein Pawnee-Krieger wird nie unter solche Sioux-Weiber kommen, sich eine Frau zu holen.«

Ein furchtbarer Blick der Wuth brach aus dem beherrschten Gesicht des Dahcotahs, als er diese beißende Beleidigung hörte, aber schnell unterdrückte er dies Gefühl in einem für diese Gelegenheit passenderen Ausdruck.

»So sollte ein junger Häuptling vom Krieg sprechen,« antwortete er mit seltner Fassung; »aber Mahtoree hat das Elend von mehr Wintern gesehen, als sein Bruder. Als die Nächte lang gewesen, wenn Dunkelheit war in seinem Zelt, während die Jüngeren schliefen, hat er nachgedacht über die Noth seines Volks. Er hat zu sich gesagt: Teton, zählt die Schädel im Rauch. Sie sind alle noch, außer zwei! Tödtet der Wolf den Wolf, oder beißt die Schlange ihre Schwester? Ihr wißt, sie thun's nicht; deßwegen, Teton, thut Ihr Unrecht, auf dem Pfad zu gehen, der in das Dorf einer Rothhaut führt, mit dem Tomahawk in der Hand.«

»Der Sioux möchte den Krieger seines Ruhms berauben? Er möchte zu seinen jungen Leuten sagen: geht, grabt Wurzeln aus den Steppen, sucht Höhlen, euren Tomahawk zu begraben; ihr seid nicht länger Tapfre!«

»Wenn Mahtoree's Zunge je so sagt,« entgegnete der listige Häuptling mit dem Blick hohen Unwillens; »dann mögen seine Weiber sie ihm ausschneiden, und mit den Büffelstücken verbrennen. Nein,« fuhr er fort und trat dem unbeweglichen Hartherz etwas näher, gleichsam in der Aufrichtigkeit seines Vertrauens; »die Rothhäute können nie einen Feind entbehren, sie sind zahlreicher als die Blätter der Bäume, die Vögel an den Himmeln, oder die Büffel in den Steppen. Möge mein Bruder seine Augen weit öffnen, sieht er nirgends einen Feind, den er schlagen möchte?«

»Wie lange ist's, seit der Teton die Schädel seiner Krieger zählte, die trockneten im Reich eines Pawneezelts? Die Bande, die sie nahm, ist hier, und bereit, sie zu achtzehn zu machen, zu zwanzig.«

»Nun möge mein Bruder nicht auf irrem Pfad gehen. Wenn eine Rothhaut immer die andere schlägt, wer wird Herr von den Steppen sein, wenn keine Krieger mehr sind, die sagen: sie sind mein. Hört die Stimmen der Alten. Sie sagen uns, daß in ihren Tagen viele Indianer aus den Wäldern unter dem Aufgang der Sonne gekommen sind, und daß sie die Steppen erfüllt haben mit ihren Klagen über die Räubereien der Langmesser. Wohin ein Blaßgesicht kommt, da kann ein rother Mann nicht bleiben. Das Land ist zu klein. Sie sind immer hungrig, seht, sie sind schon hier.«

Während der Teton sprach, deutete er nach Ismael's Zelten, die ganz sichtbar waren, und dann schwieg er, die Wirkung seiner Worte auf das Gemüth seines freimüthigen Feindes zu erwarten. Hartherz hörte, als wenn eine Reihe neuer Ideen durch die Rede des Andern in ihm erregt worden. Er sann beinahe eine Minute, ehe er fragte:

»Was meinen die weisen Häupter der Sioux, daß geschehen müsse?«

»Sie meinen, der Stiefel jedes Blaßgesichts müsse verfolgt werden wie die Spur des Bären. Das Langmesser, das in die Steppe kommt, dürfe nie wieder zurück. Der Pfad müsse den Kommenden offen, den Weggehenden verschlossen sein. Dort sind viele. Sie haben Pferde und Gewehre. Sie sind reich, wir arm. Werden die Pawnee mit dem Teton übereinstimmen? Ehe die Sonne hinter die Felsengebirge gegangen, werden sie sagen, das gehört den Wölfen, das den Sioux.«

»Teton, nein! Hartherz hat nie den Fremdling geschlagen. Sie kommen in sein Zelt und essen, und gehen hinaus in Sicherheit! Ein mächtiger Häuptling ist ihr Freund! Wenn mein Volk die jungen Leute ruft, um in den Krieg zu ziehen, ist Hartherzens Stiefel der letzte; aber sein Dorf ist nicht sobald hinter den Bäumen verborgen, als er schon der erste ist. Nein, Teton, sein Arm wird sich nie erheben gegen den Fremden.«

»Thor, dann stirb mit leeren Händen!« Mahtoree riefs, legte einen Pfeil auf den Bogen, und sandte ihn mit einem plötzlichen, tödtlichen Druck gerade auf den nackten Busen seines edeln, vertrauenden Feindes.

Die That des verrätherischen Tetons geschah zu schnell, und war zu wohl erwogen, um von Seiten des Pawnee's eins von den gewöhnlichen Vertheidigungsmitteln zuzulassen. Sein Schild hing an der Schulter, und selbst den Pfeil hatte er fallen lassen; er lag in der hohlen Hand, die den Bogen krampfhaft erfaßte. Aber das schnelle Auge des Tapfern hatte Zeit, die Bewegung zu sehen, und sein gewandter Griff verließ ihn nicht. Fest und mit einem schnellen Griff den Zaum anziehend, zog er seine Stute mit den Vorderfüßen in die Höhe, und da der Reiter sich niederduckte, diente das Pferd selbst als Schild gegen die Gefahr. So sicher jedoch war der Schuß, Und so mächtig die Gewalt, die ihn schickte, daß der Pfeil in den Nacken des Thiers drang und die Haut auf der andern Seite durchbrach.

Schneller als ein Gedanke, sandte Hartherz einen Pfeil dafür zurück, der Schild des Tetons ward durchbohrt, aber er selbst blieb unversehrt. Einige Augenblicke dauerte das Geräusch der Bogen und das Pfeifen der Pfeile ununterbrochen fort, obgleich die Streitenden soviel von ihrer Sorgfalt auf die Vertheidigungsmittel richten mußten. Die Köcher waren bald erschöpft, und obgleich Blut geflossen, war es doch nicht bedeutend genug, um die Wuth des Kampfs zu schwächen.

Nun begann eine Reihe meisterhafter, schneller Evolutionen mit den Pferden. Die Schwenkungen, die Angriffe, die windungsvollen Rückzüge waren gleich dem Flug kreisender Schwalben. Schläge wurden mit der Lanze versetzt, Sand in die Luft geschleudert, und die Anfälle schienen oft unvermeidlich verderblich; aber noch behaupteten beide Theile ihren Sitz, und noch ward von Jedem der Zaum mit fester Hand gehalten. Endlich wurde der Teton genöthigt, sich vom Pferde zu werfen, um einem Stoß zu entgehen, der sonst verderblich gewesen. Der Pawnee trieb seine Lanze durch das Thier, und stieß ein Triumphgeschrei aus, als er vorbei galoppirte. Sich zurückwendend, wollte er den Vortheil verfolgen, als seine eigene entkräftete Stute schwankte, und unter der Last fiel, die sie nicht länger tragen konnte. Mahtoree erwiederte sein zu voreiliges Siegsgeschrei, und stürzte auf den gehinderten Jüngling mit Messer und Tomahawk. Hartherzens äußerste Schnelligkeit würde nicht im Stande gewesen sein, ihn zur rechten Zeit von dem gefallenen Thier loszumachen. Er sah, daß seine Lage verzweifelt war. Da griff er nach seinem Messer, nahm die Klinge zwischen einen Finger und den Daumen, und warf es mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit auf den nahenden Feind. Die scharfe Waffe sauste durch die Luft, ihre Spitze traf auf die Brust des hitzigen Sioux, und die Klinge grub sich ein bis an den bockhornenen Griff.

Mahtoree legte seine Hand an die Waffe, und schien ungewiß, sie herauszuziehen, oder nicht. Für einen Augenblick verfinsterte sich sein Antlitz mit dem unvertilgbarsten Haß und Zorn, und dann, gleichsam von innen ermahnt, wie wenig Zeit er zu verlieren habe, stürzte er nach dem Rande der Sandbank und hielt mit seinem Fuß im Wasser. Die List und Zweizüngigkeit, welche so lange die glänzenderen und edleren Züge seines Charakters verdunkelt hatten, verloren sich in dem nie ersterbenden Gefühl des Stolzes, das er von Jugend auf eingesogen.

»Junge der Wölfe!« sagte er mit einem Lächeln grimmiger Freude, »der Schädel eines mächtigen Dahcotah wird nimmer trocknen im Pawnee-Rauch!«

Er zog das Messer aus der Wunde und warf es voll Grimm nach seinem Feind. Dann seinen Arm nach seinem glücklichen Feind bewegend, schien sein schwarzes Gesicht mit einem Gewicht von Verachtung und Haß zu kämpfen, den er mit der Zunge nicht aussprechen konnte. Er stürzte sich jählings in die wildeste Fluth, immer triumphirend die Hand hervorstreckend, selbst als sein Körper schon für immer versunken war in dem reißenden Strudel. Hartherz hatte sich indeß frei gemacht. Die Stille, die bisher in den Banden geherrscht, ward plötzlich durch ein allgemeines, wildes Schreien unterbrochen. Fünfzig der gegenseitigen Krieger waren schon im Fluß, und eilten, den Sieger zu vernichten oder zu vertheidigen, und so war der Kampf eher am Vorabend seines Beginnens als seines Endes. Aber gegen all diese Zeichen von Gefahr und Noth war der junge Ueberwinder unempfindlich. Er lief nach dem Messer, er sprang mit dem Fuß einer Antilope auf dem Sand hin, und sah auf die sich theilende Fluth, die seine Beute barg. Ein dunkler, blutiger Fleck bezeichnete die Stelle, und mit dem Messer bewaffnet, tauchte er in den Strom, entschlossen, in der Fluth zu sterben oder mit der Trophäe zurückzukehren.

Indeß ward der Sand die Scene des Blutvergießens und der Gewaltthätigkeit. Besser beritten und vielleicht feuriger, erreichten sie in hinlänglicher Anzahl die Stelle, um ihre Feinde zum Rückzug zu zwingen. Die Sieger verfolgten ihren Vortheil bis zur entgegengesetzten Küste, und gewannen in dem Schlachtgetümmel festen Grund. Hier stießen sie aber auf all die unberittenen Tetons, und waren ihrerseits zum Weichen genöthigt.

Der Kampf wurde jetzt charakteristischer und mehr umsichtig. Da die wilden Antriebe, die beide Theile in so tödtlichen Kampf gerissen, kälter wurden, konnten die Häuptlinge ihren Einfluß ausüben und die Anfälle mit Klugheit mäßigen. In Folge der Ermahnungen ihrer Führer suchten die Sioux solche Verstecke, wie sie ihnen das Gras, oder hier und da ein Busch und eine leichte Erhöhung des Bodens darbot, und die Angriffe der Pawnee-Krieger wurden nothwendiger Weise behutsamer und daher weniger verderblich.

Auf diese Art dauerte der Streit mit abwechselndem Glücke und ohne großen Verlust fort. Den Sioux war es gelungen, in einen dichten, schlanken Graswuchs einzudringen, wo die Pferde ihrer Feinde nicht hinein konnten, oder wenn sie es thaten, ihnen noch weniger als nutzlos waren. Es wurde nöthig, die Teton aus diesem Versteck herauszutreiben, oder der Gegenstand des Kampfs mußte aufgegeben werden. Verschiedene verzweifelte Angriffe waren zurückgeschlagen worden, und die entmuthigten Pawnee dachten daran, sich zurückzuziehen, als das wohlbekannte Kriegsgeschrei »Hartherz« in der Nähe gehört ward, und im nächsten Augenblick der Häuptling in ihrer Mitte erschien, das Haupt des großen Sioux als eine Fahne schwenkend, die zum Sieg führen würde.

Er ward mit einem Freudengeschrei begrüßt, und in das Versteck mit einer Wildheit begleitet, die für den Augenblick alles vor sich niederstürzte. Aber die blutige Trophäe in der Hand des Parteiführers diente eben so wohl den Angegriffenen als den Angreifenden zum Sporn. Mahtoree hatte manchen kühnen Tapfern in seiner Bande zurückgelassen, und der Redner, der in den Debatten an diesem Tag so friedliche Gesinnungen geäußert hatte, zeigte jetzt die edelste Selbstaufopferung, um das Andenken eines Mannes, den er nie geliebt, den Händen der verschworensten Feinde seines Volks zu entreißen.

Das Ergebniß war zu Gunsten der größern Anzahl. Nach einem schweren Kampfe, worin die schönsten Thaten persönlicher Unerschrockenheit von all' den Häuptlingen ausgeführt wurden, waren die Pawnee genöthigt, sich auf ihren eignen Grund zurückzuziehen, und wurden dabei hart von den Sioux bedrängt, die nicht ermangelten, jeden fußbreit Land zu besetzen, der ihnen von den Feinden abgetreten ward. Hätten die Teton ihre Anstrengungen auf den Rand des Grases beschränkt, so ist es wahrscheinlich, die Ehre des Tags würde ihnen gewesen sein, ob sie gleich einen unersetzlichen Verlust durch Mahtoree's Tod erlitten. Aber die unbedachtsameren Helden der Bande begingen eine Unvorsichtigkeit, die gänzlich das Glück des Gefechts veränderte und plötzlich aller schwererworbenen Vortheile sie beraubte.

Ein Pawnee-Häuptling war unter den zahllosen empfangenen Wunden hingesunken und fiel, eine Zielscheibe für ein Dutzend Pfeile, in dem letzten Haufen der weichenden Truppe. Eben so unbekümmert, ihren Feinden Schaden zuzufügen, als unbesorgt wegen der Gefährlichkeit der That, sprang jeder Sioux-Held mit einem Geschrei hervor, da jeder vor Verlangen brannte, den hohen Ruhm, den Kopf des Todten zu erwerben, sich zu erobern. Sie stießen auf Hartherz und auf einen auserlesenen Kern Krieger, die alle ganz eben so eifrig waren, die Ehre ihrer Nation vor einem so schimpflichen Fleck zu bewahren. Der Kampf war jetzt Hand gegen Hand, und Blut begann reichlicher zu fließen. Da die Pawnee sich mit dem Leichnam zurückzogen, folgten ihnen die Sioux auf den Fersen, und endlich brachen alle mit einem gemeinsamen Geschrei aus dem Versteck hervor und drohten, alle Gegenwehr durch große physische Uebermacht niederzuschlagen.

Hartherzens und seiner Gefährten Schicksal, die alle lieber gestorben wären, als daß sie ihren Plan aufgegeben hätten, wäre jetzt schnell entschieden worden, hätte sich nicht ein mächtiger und unvorhergesehener Umstand zu ihren Gunsten in's Mittel geschlagen. Man hörte einen Schrei von einer kleinen Erhöhung zur Linken her, und eine Ladung von der verderblichen Westflinte erfolgte sogleich. Fünf oder sechs Sioux liefen vor und fielen todt nieder vor den Schüssen. Jeder Arm unter ihnen blieb plötzlich starr, als wär ein Blitzstrahl aus den Wolken gekommen, um die Sache der Wölfe zu unterstützen. Dann ward Ismael und seine stattlichen Söhne sichtbar, wie sie auf ihre früheren verrätherischen Verbündeten mit Blick und Geschrei herfielen, welche die Art ihrer Hülfe andeuteten.

Der Stoß war für die Tapferkeit der Teton zu heftig. Mehrere ihrer tapfersten Häupter waren schon gefallen, und die, welche noch übrig blieben, wurden von all' ihrem geringeren Gefolge verlassen. Einige der verzweifeltsten Helden zögerten noch bei dem verderblichen Zeichen ihrer Ehre und fanden da rühmlichen Tod unter den Händen der wieder ermuthigten Pawnee. Eine zweite Ladung von den Büchsen des Auswanderers und seines Haufens aber vollendeten den Sieg.

Die Sioux sah man jetzt zu den entfernteren Schlupfwinkeln mit demselben Eifer und derselben Verzweiflung hinfliehen, mit der sie einige Augenblicke vorher sich in den Kampf gestürzt hatten. Die triumphirenden Pawnee sprangen zur Verfolgung vor, wie wohlgezogene Jagdhunde von guter Race. Auf jeder Seite hörte man das Geschrei des Siegs und den Ruf der Rache. Einige Flüchtlinge bemühten sich, die Leichname ihrer gefallenen Krieger wegzutragen; aber die heftige Verfolgung nöthigte sie bald, die Erschlagenen zu lassen, um die Lebenden zu erhalten. Unter allen Kämpfen, die bei dieser Gelegenheit vorfielen, die Ehre der Sioux vor dem Flecken zu retten, den ihre besondere Meinung mit dem Besitz eines Schädels von einem gefallenen Tapfern verband, ereignete sich nur ein Fall, wo sie glücklich waren.

Der Widerspruch jenes ausgezeichneten Häuptlings gegen die feindlichen Anschläge im Rath jenes Morgens ist schon erzählt worden. Aber nachdem er seine Stimme vergebens für den Frieden erhoben hatte, war sein Arm in seiner Pflicht im Kriege nicht zurückgeblieben. Seine Tapferkeit haben wir gesehen, und vorzüglich sein Muth und Beispiel hielt die Teton aufrecht in den Heldenthaten, die geschahen, als Mahtoree's Tod bekannt ward. Dieser Krieger, der in der bildlichen Sprache seines Volks »der entsetzliche Adler« genannt wurde, war der Letzte gewesen, der die Hoffnung des Siegs aufgab. Als er fand, daß die Unterstützung der gefürchteten Büchse seine Bande der schwererlangten Vortheile beraubt, zog er sich finster unter einem Schauer von Geschossen zu der versteckten Stelle zurück, wo er sein Pferd in den Irrgängen des höchsten Grases verborgen hatte. Hier fand er einen neuen und ganz unerwarteten Mitbewerber, der bereit war, ihm den Besitz des Thiers streitig zu machen. Es war Bohrecheena, der bejahrte Freund Mahtoree's, er, dessen Stimme weiseren Meinung entgegengetreten. Von einem Pfeil durchbohrt, litt er augenscheinlich die Schmerzen des nahenden Todes.

»Ich bin auf meinem letzten Kriegszug gewesen,« sagte der grimmige alte Krieger, als er fand, daß der wahre Eigenthümer des Thiers gekommen, um das Seine in Anspruch zu nehmen; »soll ein Pawnee das weiße Haar eines Sioux in sein Dorf tragen, auf daß es der Spott seiner Weiber und Kinder sei?«

Der Andere ergriff seine Hand und antwortete auf die Anrede mit dem ernsten Blick unbeugsamer Entschlossenheit. Mit diesem schweigenden Pfand half er dem Verwundeten aufs Pferd. Sobald er das Pferd an den Rand des Verstecks geführt, warf er sich auch darauf und trieb es, nachdem er seinen Gefährten an seinen Gürtel gebunden, auf die offene Ebene, ganz der wohlbekannten Eile des Thiers ihre gegenseitige Rettung anvertrauend. Die Pawnee bemerkten bald diese neuen Gegenstände, und mehrere wandten ihre Stuten zur Verfolgung. Die Flucht ging eine Meile weit, ohne eine Murren von Seiten des Dulders, ob er gleich außer seinen körperlichen Leiden noch den Verdruß hatte, seine Feinde mit jedem Schritt näher kommen zu sehen.

»Halt,« sagte er und erhob einen schwachen Arm, die Eile seines Gefährten aufzuhalten; »der Adler meines Volks muß seine Fittige weiter entfalten. Möge er die weißen Haare eines alten Kriegers in ein Dorf der Schwarzgebrannten bringen.«

Wenige Worte waren zwischen Leuten nöthig, die von denselben Gefühlen des Ruhms geleitet und so wohl mit den Grundsätzen ihrer romantischen Ehre vertraut waren. »Der entsetzliche Adler« warf sich vom Pferde und half auch dem Andern herunter. Der Alte senkte seine schwankende Gestalt auf die Kniee, warf dann einen Blick zu seinem Landsmann auf, als wolle er ihm Lebewohl sagen, und hielt seinen Nacken dem Schlage dar, den er selbst erbeten. Wenige Hiebe des Tomahawk nebst einem runden Schnitt mit dem Messer reichten hin, das Haupt von dem weniger geehrten Rumpfe zu trennen. Der Teton saß wieder auf, gerade zur rechten Zeit, einer Pfeilwolke zu entgehen, die von seinen eifrigen und getäuschten Verfolgern herkam. Das grimmige, blutige Gesicht schwingend, schoß er weg von der Stelle mit einem Triumphgeschrei, und man sah ihn über die Ebenen jagen, als wenn er wirklich von den Flügeln des mächtigen Vogels getragen würde, von dessen Tugenden er seinen schmeichelhaften Namen empfangen. »Der schreckliche Adler« erreichte wohlbehalten sein Dorf; er war einer der wenigen Sioux, die dem Gemetzel dieses furchtbaren Tages entgingen, und lange Zeit war er allein von den Geretteten im Stande, seine Stimme wieder im Rath seiner Nation mit unvermindertem Vertrauen zu erheben.

Messer und Lanze schnitt dem größern Theil der Besiegten den Rückzug ab. Selbst der fliehende Theil der Weiber und Kinder wurde von den Ueberwindern zerstreut, und die Sonne war längst hinter der gewölbten Linie des Horizonts hinabgesunken, ehe das traurige Tagewerk jener unheilvollen Niederlage beendet worden.

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