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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Die Hex' in Smithfield soll zu Asche brennen,
Und ihr drei andre sollt am Galgen sterben.

Shakspeare.

 

Die Sioux hatten den Ausgang der vorigen Unterredung mit löblicher Geduld abgewartet. Die meisten aus der Bande wurden durch die geheime Ehrfurcht, mit der sie den mysteriösen Charakter Obed's betrachteten, zurückgehalten, während einige der verständigeren Häupter gerne die Gelegenheit benutzten, um ihre Gedanken zu dem Kampf, der jetzt deutlich vorausgesehen ward, zu ordnen. Mahtoree, der durch Nichts von diesem bestimmt wurde, wollte dem Streifschützen zeigen, wie sehr er ihm nachgäbe, und als der Alte endlich geschlossen, empfing er von dem Häuptling einen Blick, der ihn an die Geduld erinnern sollte, womit er ihn hatte reden lassen.

Eine tiefe regungslose Stille folgte auf die kurze Unterbrechung. Dann erhob sich Mahtoree offenbar um zu sprechen. Er setzte sich erst in eine würdevolle Stellung und warf einen festen, strengen Blick auf die ganze Versammlung. Doch änderte sich der Ausdruck seines Auges, als es über die verschiedenen Mienen seiner Anhänger und Gegner hinging. Auf die ersteren fiel sein Blick, obwohl ernst, doch nicht drohend, während er den letztern alle Gefahren anzudeuten schien, denen sie sich aussetzten, wenn sie der Rache eines so Mächtigen zu trotzen wagten.

Noch mitten unter so viel Stolz und Vertrauen verließ der Scharfsinn und die List eines Tetons ihn nicht. Als er so gleichsam den Handschuh dem ganzen Stamm hingeworfen und seinen Anspruch auf Oberherrschaft hinlänglich gesichert hatte, ward seine Miene leutseliger, sein Auge weniger zornig. Da war es, wo er seine Stimme mitten in einem todtengleichen Schweigen erhob, und die Töne nach dem veränderten Charakter seiner Bilder und seiner Beredsamkeit abwechseln ließ.

»Was ist ein Sioux?« begann der Häuptling listig, »er ist Beherrscher der Steppen und Herr ihres Wildes. Die Fische in dem Strom der trüben Wasser kennen ihn und kommen auf seinen Ruf. Er ist ein Fuchs an Rath, ein Adler an Gesicht, ein gräulicher Bär in der Schlacht. Ein Dahcotah ist ein Mann!« Nachdem er das dumpfe Beifallsmurmeln, das auf diese schmeichelhafte Schilderung seines Volks gefolgt war, sich hatte setzen lassen, fuhr der Teton fort: »Was ist ein Pawnee? Ein Dieb, der nur Weiber bestiehlt, eine Rothhaut ohne Tapferkeit, ein Jäger, der Wildpret erbettelt. Im Rath ist er ein Eichhörnchen, das von Stelle zu Stelle hüpft; er ist eine Eule, die zur Nachtzeit auf die Steppen geht; im Kampf ist er ein Elenn, dessen Beine lang sind. Ein Pawnee ist ein Weib!« Eine zweite Pause folgte, während welcher ein Freudengeschrei aus mehrerer Mund brach, und der Antrag geschah, diese niederschlagenden Worte sollten dem von nichts wissenden Gegenstand ihrer beißenden Verachtung übersetzt werden. Der Alte nahm den Befehl aus Mahtoree's Augen ab und gehorchte. Hartherz hörte ihn ernst an, und dann, als bemerke er, seine Zeit zu sprechen sei noch nicht gekommen, richtete er wieder seinen Blick in die leere Luft. Der Redner bewachte sein Antlitz mit einem Ausdruck, welcher zeigte, wie unauslöschlich der Haß sei, den er gegen den einzigen Häuptling nah' und fern fühlte, dessen Ruf mit einigem Vortheil mit seinem verglichen werden konnte. Obgleich befremdet, daß er den Stolz eines Nebenbuhlers nicht hatte rühren können, den er wie einen Knaben betrachtete, fuhr er, was er für weit wichtiger hielt, fort, die Gemüther seiner Stammverwandten zu reizen, um sie zur Ausführung seiner wilden Plane vorzubereiten.

»Wäre die Erde mit Ratten bedeckt, die zu nichts nütz sind,« sagte er, »so wäre kein Raum für Büffel mehr, die dem Indianer Nahrung gäben und Kleidung. Wären die Steppen mit Pawnee bedeckt, würde kein Raum mehr sein für den Fuß eines Dahcotah's. Ein Wolf-Indianer ist eine Ratte, ein Sioux ein schwerer Büffel; laßt die Büffel auf die Ratten treten, und sich Raum machen.«

»Meine Brüder, ein klein Kind hat zu euch gesprochen. Es sagt euch, sein Haar sei nicht grau aber gefroren, – das Gras werde nicht wachsen, wo ein Blaßgesicht gestorben ist! Kennt er die Farbe des Bluts von einem Großmesser? Nein; ich weiß, er kennt sie nicht, er hat es nie gesehen. Welcher Dahcotah, außer Mahtoree, hat je ein Blaßgesicht erschlagen? Nicht einer. Aber Mahtoree muß schweigen. Jeder Teton wird sein Ohr schließen, wenn er spricht. Die Häupter über seiner Wohnung wurden von Weibern genommen. Sie wurden von Mahtoree genommen und er ist ein Weib. Sein Mund ist geschlossen; er wartet auf das Fest, um mit den Mädchen zu singen.«

Trotz der Ausrufungen des Bedauerns und der Rache, die auf eine so beschämende Erklärung folgten, nahm der Häuptling seinen Sitz ein, als sei er entschlossen, nicht mehr zu sprechen. Aber als das Murren lauter und allgemeiner ward, und sich drohende Anzeichen zeigten, die Rathsversammlung werde sich in Verwirrung auflösen, erhob er sich, und nahm seine Rede wieder auf, indem er seine Manier in den stolzen, schnellen Vortrag eines auf Rache sinnenden Kriegers umänderte.

»Mögen meine jungen Leute nach Tetao sehen!« schrie er, »sie werden sein Haupt in Pawnee-Rauch trocknen finden! Wo ist der Sohn von Bohrecheena? Seine Gebeine sind weißer als die Gesichter seiner Mörder! Schläft Mahah in seinem Zelt? Ihr wißt, es sind viele Monden, seit er sich aufmachte nach den gesegneten Gefilden; ich wollte, er wäre hier, daß er sagen könnte, von welcher Farbe die Hand war, die seinen Schädel nahm!«

Auf diese Weise fuhr der listige Häuptling mehrere Minuten fort, und nannte die Krieger bei Namen, von denen bekannt war, daß sie ihren Tod im Kampf mit den Pawnee oder sonst in einer jener gesetzlosen Streitigkeiten gefunden, welche so oft zwischen den Sioux-Banden und einer Classe weißer Leute vorfielen, die nur wenig von ihnen in der Cultur verschieden waren. Er ließ ihnen nicht Zeit, über die Verdienste oder vielmehr Verdienstlosigkeit der meisten von den Individuen nachzudenken, auf die er anspielte, mit so großer Schnelle ging er über ihre Namen hin, aber so klug berechnete er die Vorfälle, so ergreifend machte er seine Anreden, die noch dazu von seiner tiefen, aufregenden Stimme erhöht wurden, daß jede von ihnen eine entsprechende Saite in der Brust eines seiner Zuhörer berührte.

Mitten in einem seiner höchsten Redeflüge trat ein Mann, so bejahrt, daß er nur mit der größten Beschwerde gehen konnte, gerade in den Mittelpunct des Kreises, und nahm seine Stellung gerade vor dem Sprecher. Ein scharfes Ohr hätte vielleicht entdecken können, daß der Ton des Redners ein wenig wankte, als sein flammender Blick zuerst auf diesen unerwarteten Gegenstand fiel, obgleich die unerwartete Veränderung so gering war, daß Niemand, als wer beide Theile genau kannte, es geargwöhnt haben würde. Der Unbekannte war einst eben so ausgezeichnet durch seine Schönheit und seine Körperverhältnisse gewesen, als es sein Adlerauge durch seinen unwiderstehlichen, furchtbaren Glanz gewesen war. Aber seine Haut war jetzt runzlig, und seine Züge von so vielen Narben durchfurcht, daß ein halbes Jahrhundert früher er von den Franzosen der Canada einen Beinamen erhalten haben würde, wie ihn viele der Helden Frankreichs trugen, und welcher jetzt in die Sprache der wilden Horde, von der wir schreiben, als der ausdrucksvollste für die Thaten ihrer eigenen Helden aufgenommen worden ist. Das Murmeln »Le Balafré«, das durch die Versammlung rann, als er erschien, bezeichnete nicht nur seinen Namen und die hohe Würdigung seines Charakters, sondern auch, für wie außerordentlich sein Besuch angesehen ward. Da er jedoch weder sprach noch sich bewegte, legte sich bald die Aufmerksamkeit, die durch sein Erscheinen erregt worden, und dann war jedes Auge wieder auf den Sprecher gewendet, und jedes Ohr trank wieder den Zauber seiner bethörenden Anreden.

Man hätte leicht Mahtoree's Triumph in den abspiegelnden Mienen seiner Zuhörer nachweisen können. Es dauerte nicht lange, und ein Blick voll Wildheit und Rache lag auf den grimmigen Gesichtern der meisten Krieger, und jede neue, listige Anspielung auf die Klugheit, die Feinde zu vernichten, ward mit frischen und weniger zurückgehaltenen Ausbrüchen der Billigung begleitet. In der Höhe dieses Erfolgs schloß der Teton mit einer plötzlichen Anrede an den Stolz und die Härte seiner Bande seine Rede und setzte sich nieder.

Mitten unter dem Beifallsmurmeln, das auf ein so merkwürdiges Stück von Beredsamkeit folgte, hörte man eine tiefe, schwache, hohle Stimme sich erheben, als käme sie aus den innersten Höhlen der menschlichen Brust, und erlangte Kraft und Stärke, wie sie in die Luft hinaus kam. Eine feierliche Stille folgte auf die Töne, und dann sah man erst die Lippen des Greises sich bewegen.

»Der Tag Le Balafré's ist seinem Ende nahe,« waren die ersten Worte, die deutlich gehört wurden. »Er ist gleich dem Büffel, dessen Haar nicht länger wachsen will. Er wird bald bereit sein, seine Wohnung zu verlassen, um eine andere aufzusuchen, die weit ist von den Dörfern der Sioux; deßwegen betrifft nicht ihn, was er zu sagen hat, sondern die, welche er zurück läßt. Seine Worte sind gleich der Frucht am Baum, reif und zeitig, den Häuptlingen gegeben zu werden.«

»Viel Schnee ist gefallen, seit Le Balafré auf dem Kriegspfad gefunden ward; sein Blut ist sehr heiß gewesen, aber es hat Zeit gehabt, kalt zu werden. Wahcondah gibt ihm Träume des Kriegs nicht mehr, er sieht, daß es besser ist, im Frieden zu leben.«

»Meine Brüder, Ein Fuß ist dem glücklichen Jagdgrund zugewendet, der andere wird bald folgen, und dann wird man einen alten Häuptling nach den Tapfen seines Vaters Moccasins spähen sehen, auf daß er sich nicht irre, sondern sicher sei, vor den Herrn des Lebens auf demselben Pfad zu kommen, den schon so viele gute Indianer eingeschlagen haben. Aber wer wird folgen? Le Balafré hat keinen Sohn; sein ältester hat zu viele Pawnee-Pferde geritten; die Gebeine des jüngsten sind von Konza-Hunden benagt worden. Le Balafré ist gekommen, nach einem jungen Arm sich umzusehen, auf den er sich lehnen könnte, und einen Sohn zu suchen, daß, wenn er heimgegangen ist, sein Zelt nicht leer sei. Tachechana, das flüchtige Reh der Teton, ist zu zart, einen Krieger zu ertragen, der alt ist. Sie sieht vor sich und nicht hinter sich. Ihr Gemüth ist in der Wohnung ihres Gemahls.«

Die Rede des alten Kriegers war ruhig, aber bestimmt und entschlossen gewesen. Seine Erklärung ward mit Schweigen empfangen, und obwohl mehrere der Häuptlinge, die mit Mahtoree einverstanden waren, ihre Augen auf ihren Führer richteten, nahm sich doch keiner heraus, einem so alten und verehrten Tapfern in einem Entschluß sich zu widersetzen, der ganz mit den Gewohnheiten der Nation im Einklang stand. Der Teton selbst begnügte sich, den Erfolg mit scheinbarer Fassung abzuwarten, obwohl wilde Blicke, die um sein Auge spielten, zu Zeiten die Natur der Blicke verriethen, womit er einen Auftritt mit ansah, der ihm wahrscheinlich gerade das von allen seinen ausersehenen Opfern rauben würde, das er am meisten haßte.

Indeß ging Le Balafré langsamen, mühseligen Schritts auf die Gefangenen zu. Er blieb vor Hartherz stehen, dessen untadelige Gestalt, dessen unverändertes Auge und hohe Miene er lange mit großer, augenscheinlicher Zufriedenheit betrachtete. Dann gab er einen gebieterischen Wink und wartete, bis sein Befehl vollzogen, und der Jüngling mit demselben Messerschnitt vom Pfahl und zugleich auch von seinen Fesseln befreit worden war. Als der junge Krieger seinem dunkeln, schwachen Blick näher gebracht worden, wurde die Untersuchung mit aller Genauigkeit und der Bewunderung wiederholt, die physische Vorzüge so leicht in der Brust eines Wilden erregen.

»Gut,« murmelte endlich der vorsichtige alte Krieger, als er entdeckte, daß all seine Erfahrung in den Erfordernissen zu einem Tapfern nichts zu tadeln finden könne, »das ist ein springender Panther! Spricht mein Sohn mit der Zunge eines Tetons?«

Das Verständniß, das aus den Augen des Gefangenen leuchtete, verrieth, wie gut er die Frage verstand; aber noch war er viel zu stolz, seine Gedanken in einer Sprache mitzutheilen, die einem feindlichen Volke angehörte. Einige der umstehenden Krieger erklärten dem alten Häuptling, der Gefangene sei ein Wolf-Pawnee.

»Mein Sohn öffnete die Augen an den Wassern der Wölfe,« sagte Le Balafré in der Sprache dieser Nation; »aber er wird sie schließen in der Krümmung des Stroms der trüben Wasser. Er ward ein Pawnee geboren, aber wird sterben ein Dahcotah. Sieh' mich an. Ich bin ein Feigenbaum, der einst viele mit seinem Schatten deckte. Die Blätter sind gefallen und die Zweige beginnen sich zu neigen. Aber eine einzige Stütze sprießt aus meinen Wurzeln hervor, es ist eine kleine Rebe und sie windet sich um einen Baum, der grün ist. Ich habe lange mich umgesehen, wo eine würdige wäre, an meiner Seite zu wachsen. Nun hab' ich sie gefunden. Le Balafré ist nicht länger ohne einen Sohn; sein Name wird nicht vergessen werden, wenn er fort ist, Männer der Teton, ich nehm diesen in mein Zelt!«

Keiner war kühn genug, ein Recht zu bestreiten, das oft von weit geringeren Häuptern als der jetzige Redner geübt worden, und die Ankindung war mit ernstem, ehrerbietigen Schweigen angehört. Le Balafré nahm seinen zukünftigen Sohn bei'm Arm, führte ihn gerade in den Mittelpunkt des Kreises, und stand neben ihm mit einem triumphirenden Blick, um von den Anwesenden seine Wahl billigen zu lassen. Mahtoree verrieth durch nichts seine Gesinnung, sondern schien vielmehr einen für die listige Klugheit seines Charakters passenderen Augenblicken abzuwarten. Die erfahreneren und scharfsichtigeren Häuptlinge sahen deutlich die gänzliche Unmöglichkeit ein, daß zwei so berühmte, so feindlichen Parteihäupter, die so lange Nebenbuhler im Ruhm gewesen, wie ihr Gefangener und ihr Anführer als Freunde in demselben Stamme bestehen könnten. Doch war der Charakter Le Balafré's so imponirend, und die Sitte, die er in Anspruch genommen, so geheiligt, daß keiner seine Stimme gegen die Maßregel zu erheben wagte. Sie beobachteten den Erfolg mit wachsender Theilnahme, aber mit einer Kälte in ihrem Benehmen, die die Art ihrer Unruhe verbarg. Aus diesem Zustand der Verlegenheit, und wie es leicht hätte ausfallen können, der Verwirrung, wurde der Stamm unerwartet durch den Entschluß dessen errettet, der bei dem Erfolg von des alten Häuptlings Plänen am meisten betheiligt war.

Während des ganzen vorigen Auftritts würde es schwer gewesen sein, ein einziges bestimmtes Gefühl in den Zügen des Gefangenen aufzufinden. Er hatte seine Befreiung mit derselben Gleichgültigkeit als den Befehl, ihn an den Pfahl zu binden angehört, aber jetzt, da der Augenblick gekommen, wo er wählen sollte, sprach er auf eine Weise, welche zeigte, daß die Standhaftigkeit, die ihm einen so ausgezeichneten Namen verschafft hatte, ihn noch gar nicht verlassen hatte.

»Mein Vater ist sehr alt, aber noch hat er nicht auf Alles gesehen,« sagte Hartherz mit so lauter Stimme, daß sie von allen Gegenwärtigen gehört wurde. »Er hat nie einen Büffel zur Fledermaus werden sehen. Er wird nie einen Pawnee einen Sioux werden sehen!«

Es lag etwas so Plötzliches und doch Ruhiges in der Art, wie er diese Entscheidung aussprach, daß die meisten der Zuhörer von der Unabänderlichkeit derselben überzeugt wurden. Aber Balafré's Herz verlangte nach dem Jüngling, und die Liebe des Greisenalters ward nicht so leicht unterdrückt. Mißbilligend den Ausbruch der Bewunderung und des Triumphs, den die Kühnheit der Erklärung und die neue Hoffnung auf Rache erregt hatte, warf er sein glimmendes Auge auf die Bande und nochmals redete der Bejahrte zu seinem Adoptivkind, als wenn sein Plan nicht verweigert werden könne.

»Es ist Recht,« sagte er, »so muß der Tapfere sprechen, daß die Krieger seinen Muth sehen. Es gab eine Zeit, wo Balafré's Stimme die lauteste in den Zelten der Konza war. Aber die Wurzel eines weißen Haars ist Weisheit. Mein Kind wird den Teton zeigen, daß er brav ist, indem er ihre Feinde schlägt. Männer der Dahcotah dies ist mein Sohn!«

Der Pawnee zögerte einen Augenblick, trat dann vor den Häuptling, nahm seine harte, schwielige Hand, und legte sie mit Ehrfurcht auf sein Haupt, gleichsam um die Größe seines Danks anzuerkennen. Dann that er einen Schritt zurück, erhob sich zu seiner größten Höhe und sah auf die feindliche Bande, von der er umgeben war, mit einem Blick voll Uebermuth und Verachtung, während er laut in der Sioux-Sprache sagte:

»Hartherz hat sich von außen und innen betrachtet. Er hat überdacht alles, was er gethan auf der Jagd und im Krieg. Ueberall ist er derselbe. Nirgends Veränderung. Er ist in allem ein Pawnee. Er hat so viele Teton erschlagen, daß er nie in ihren Zelten essen könnte. Seine Pfeile würden zurückfliegen; die Spitze seiner Lanze würde am unrechten Ende sein; ihre Freunde würden weinen bei jedem Kriegsgeschrei, das er erhübe; ihre Feinde würden lachen. Kennen die Teton einen Wolf? Mögen sie ihn nochmals ansehn. Sein Haupt ist bemalt, sein Arm ist Fleisch, aber sein Herz ist Fels. Wenn die Teton die Sonne von den Felsgebirgen kommen, und nach dem Land der Blaßgesichter gehen sehen, dann wird Hartherzens Gemüth sanft und sein Geist Sioux werden. Bis dahin wird er leben und sterben, ein Pawnee.«

Ein Freudengeschrei, worin Bewunderung und Wildheit furchtbar sich mischten, unterbrach den Sprecher und verkündete nur zu deutlich, von welcher Art sein Schicksal sein werde. Der Gefangene wartete einen Augenblick, daß die Bewegung sich legte, wandte sich dann wieder zu Le Balafré, und fuhr in weit verbindlicherem und sanfterem Ton fort, als fühlte er die Nothwendigkeit, seine abschlägige Antwort auf eine Art zu mäßigen, daß sie den Stolz eines Mannes nicht verletze, der so gern sein Wohlthäter sein wollte.

»Möge mein Vater schwerer auf das Reh der Dahcotah sich lehnen,« sagte er. »Sie ist schwach jetzt, aber wenn ihr Zelt mit Kindern sich füllt, wird sie stärker werden. Seht,« fuhr er fort, und lenkte die Augen des Andern auf das ernste Antlitz des aufmerksamen Streifschützen; »Hartherz ist nicht ohne ein Grauhaupt, ihm den Weg zu zeigen zu den gesegneten Gefilden. Wenn er je einen andern Vater hat, soll es gerade dieser Krieger sein.«

Le Balafré wandte sich in seiner Hoffnung getäuscht, von dem Jüngling weg und näherte sich dem Fremden, der ihm so in seinem Plan zuvorgekommen. Die gegenseitige Untersuchung dieser beiden Bejahrten war lang und eigen. Es war nicht leicht den eigentlichen Charakter des Streifschützen durch die Maske zu entdecken, die Mühseligkeiten von so vielen Jahren auf seine Züge gelegt hatte, besonders da sie durch seinen wilden, sonderbaren Anzug unterstützt wurde. Mehrere Augenblicke vergingen, ehe der Teton sprach, und dann geschah es voll Zweifel, ob er einen gleich ihm anrede, oder einen Wanderer von der Race, die, wie er gehört, sich wie hungrige Heuschrecken über das ganze Land verbreitete.

»Das Haupt meines Bruders ist sehr weiß,« sagte er, »aber Balafré's Auge gleicht nicht mehr dem des Adlers. Von welcher Farbe ist seine Haut?«

»Wahcondah machte mich wie die, die ihr hier auf ein Dahcotah-Urtheil warten seht; aber Gutes und Schlimmes hat mich dunkler gefärbt, als die Haut eines Fuchses ist. Was macht das! Obwohl die Rinde rauh und geborsten ist, das Herz des Baumes ist gesund.«

»Mein Bruder ist ein Großmesser! Laßt ihn nach Sonnenuntergang sehen und seine Augen öffnen. Sieht er den Salzsee jenseits der Berge?«

»Die Zeit ist gewesen, Teton, wo wenige das Weiße auf des Adlers Haupt weiter sehen konnten als ich; aber der Glanz von siebenundachtzig Wintern hat meine Augen verdunkelt, und nur wenig noch kann ich mich in meinen letzten Tagen des Gesichts rühmen. Meint der Sioux, ein Blaßgesicht sei ein Gott, daß er durch Hügel sehen kann?«

»So möge mein Bruder auf mich sehen. Ich bin ihm nahe und er kann sehen, daß ich nur eine thörichte Rothhaut bin. Warum kann sein Volk nicht Alles sehen, da es nach Allem verlangt?«

»Ich verstehe Euch, Häuptling, auch will ich nicht die Wahrheit Eurer Worte bestreiten, da ich sehe, daß sie nur zu gegründet sind. Aber obgleich von der Race geboren, die Ihr so wenig liebt, würde mein schlimmster Feind, selbst nicht ein lügender Mingo, nicht zu sagen wagen, daß ich je die Güter eines Andern angetastet, die ausgenommen, welche in männlichem Krieg erobert wurden, oder daß ich mehr Land begehrt, als der Herr wollte, daß jeder füllen sollte.«

»Und doch ist mein Bruder unter die Rothhäute gekommen, einen Sohn aufzusuchen?«

Der Streifschütz legte einen Finger auf Le Balafré's nackte Schulter, sah in sein benarbtes Gesicht mit einem stillen, vertrauenden Blick und antwortete:

»Ei, es geschah nur dem Jungen zum Besten. Wenn Ihr denkt, Dahcotah, daß ich den Jüngling annahm, um mein Alter zu stützen, thut Ihr eben so großes Unrecht meinem guten Willen, als Ihr wenig die unbarmherzigen Neigungen Eures eigenen Volks zu kennen scheint. Ich habe ihn zu meinem Sohn gemacht, damit er wisse, Jemanden lasse er zurück. – Ruhe, Hektor, Ruhe ist das schicklich, Kleiner, wenn Grauhäupter berathen, ihre Rede durch ein Hundewinseln zu unterbrechen? Der Hund ist alt, Teton, und obwohl gut erzogen, vergißt er doch, wie wir, denk' ich, manchmal die Lehren seiner Jugend.«

Weitere Unterredung zwischen diesen beiden Alten ward durch ein wirres Geschrei verhindert, das in diesem Augenblick von den Lippen einer Menge welker Megären durchbrach, die, wie wir schon erinnert, sich an einen hohen Punct im Kreise durchgedrängt hatten. Das Geschrei ward durch eine plötzliche Veränderung in Hartherzens Benehmen veranlaßt.

Als die Alten sich zu dem Jüngling wendeten, sahen sie ihn in dem Mittelpunct des Kreises stehen, das Haupt erhoben, das Aug' ins Leere gerichtet, ein Bein vorgeschritten, und den einen Arm etwas in der Höhe, als wenn alle Verstandeskräfte im Zuhören versunken wären.

Ein Lächeln erhellte für einen einzigen Augenblick sein Antlitz, und dann sank der ganze Mann wieder in seinen früheren Blick von Würde und Kälte, als sei er plötzlich wieder seiner selbst sich bewußt worden. Diese Bewegung hatte man für Verachtung ausgelegt, und selbst die Gemüther der Häuptlinge begannen sich zu erhitzen. Unfähig, ihre Wuth zu zähmen, brachen die Weiber zusammen in den Kreis, und fingen ihren Angriff damit an, daß sie den Gefangenen mit den bittersten Schimpfwörtern belegten. Sie rühmten sich der verschiedenen Thaten, welche ihre Söhne auf Unkosten der Pawnee-Stämme ausgeführt hatten. Sie würdigten seinen eigenen Ruf herab und sagten ihm, er solle auf Mahtoree sehen, wenn er noch nie einen Krieger erschaut. Sie beschuldigten ihn, von einem Reh aufgesäugt worden zu sein und Feigheit mit der Muttermilch eingesogen zu haben. Kurz, sie verschwendeten auf ihren unbewegten Gefangenen einen Strom jener rachsüchtigen Beleidigungen, worin die Weiber der Wilden so sehr ausgezeichnet bekannt sind, die aber zu oft beschrieben worden sind, um hier einer Wiederholung zu bedürfen.

Die Folgen dieses Ausbruchs waren unvermeidlich. Le Balafré wandte sich getäuscht weg und verbarg sich unter dem Haufen, während der Streifschütz, dessen edle Züge mit seinen inneren Erregungen kämpften, sich näher an seinen jungen Freund drängte, als die, welche mit dem Verbrecher durch so feste Bande verbunden sind, daß sie selbst Menschenmeinungen trotzen, oft zu thun pflegen, wenn auf der Stelle der Hinrichtung sie seine sterbenden Augenblicke trösten sollen. Die Erregung verbreitete sich bald unter die jüngeren Krieger, obgleich die Häuptlinge noch zögerten, das Zeichen zu geben, welches das Opfer ihrer Gnade überließ. Mahtoree, der solch eine Erregung unter seinen Genossen aus der listigen Absicht abgewartet hatte, seinen eigenen eifersüchtigen Haß zu verbergen, ward bald des Aufschubs müde, und ermuthigte mit einem Wink seines Auges die Peiniger, anzufangen.

Weucha, der, auf diese Bevollmächtigung begierig, lange dagestanden, und das Antlitz des Häuptlings bewacht hatte, sprang auf dies Zeichen vor, wie ein Jagdhund, der von der Leine losgemacht wird. Sich mitten unter die Weiber drängend, die schon von Beleidigung zur Gewaltthätigkeit vorgeschritten waren, schalt er ihre Ungeduld und hieß sie warten, bis ein Krieger mit dem Peinigen angefangen, und dann sollten sie ihr Opfer Thränen vergießen sehn wie ein Weib.

Der unbarmherzige Wilde fing seine Bemühungen damit an, daß er sein Tomahawk über das Haupt des Gefangenen auf eine Art schwang, daß man hätte glauben sollen, jeder Zug müßte die Waffe tief in das Fleisch treiben, während sie so gelenkt ward, daß sie die Haut nicht berührte. Gegen dies gewöhnliche Mittel war Hartherz ganz unempfindlich. Sein Auge gewährte denselben festen, stetigen Blick in die leere Luft, obgleich die glitzernde Art in ihren Schwingungen einen glänzenden Lichtzirkel vor sein Auge zog. In diesem Versuch getäuscht, legte der listige Sioux die kalte Schneide auf das nackte Haupt seines Opfers und fing an, die Arten zu beschreiben, wie man einen Gefangenen scalpiren könne. Die Weiber hielten zu diesen Grausamkeiten mit ihrem Geschrei den Tact, und versuchten eine Spur von den Gefühlen der Natur aus den unempfindlichen Zügen des Pawnee's hervorzulocken. Aber er bewahrte sich offenbar für die Häuptlinge auf, und für jene Augenblicke der höchsten Todesangst, wo die Größe seines Geistes sich auf eine seinem hohen und unbefleckten Ruf weit geziemendere Weise darlegen könnte.

Die Augen des Streifschützen folgten jeder Bewegung des Tomahawks mit der Theilnahme eines wirklichen Vaters, bis endlich, unfähig seinem Unwillen zu gebieten, er ausrief:

»Mein Sohn hat seine List vergessen. Das ist ein niederträchtiger Indianer, den man leicht zur Thorheit hinreißen kann. Ich mag es nicht selbst thun, denn meine Lehre verbietet einem sterbenden Mann, seine Verfolger zu beschimpfen, aber die Gaben einer Rothhaut sind verschieden. Möge der Pawnee die bittern Worte sagen und dadurch sich leichten Tod kaufen. Ich will für den Erfolg verantwortlich sein, vorausgesetzt, daß er spricht, ehe die Weisen die Thorheit dieses Narren ablösen.«

Der wilde Sioux, der seine Worte hörte, ohne ihren Sinn zu verstehen, wandte sich zu dem Sprechenden und drohte ihm für seine Kühnheit mit augenblicklichem Tod.

»Ei thut nach Gefallen,« sagte der ungebeugte Alte; »ich bin jetzt eben so bereit, wie morgen, obwohl es ein Tod wäre, den ein ehrlicher Mann sich nicht wünschen würde. Sieh auf den edlen Pawnee, Teton, und merke, was eine Rothhaut werden kann, die den Herrn des Lebens fürchtet und seinen Gesetzen folgt. Wie viele Eures Volks hat er in die fernen Gefilde geschickt,« fuhr er mit einer Art frommen Betrugs fort, indem er meinte, so lange die Gefahr ihn selbst bedrohe, könne sicherlich keine Sünde dabei sein, wenn er die Verdienste eines Andern erhübe; »wie viele heulende Sioux hat er geschlagen wie ein Krieger, in offener Schlacht, während Pfeile in der Luft segelten, reichlicher als Flocken fallenden Schnee's. Geht, wird Weucha je den Namen eines Kriegers sagen, den er erschlug?«

»Hartherz!« rief der Sioux, wandte sich in seiner Wuth um, und richtete einen tödtlichen Schlag auf das Haupt seines Opfers. Sein Arm fiel in des Gefangenen hohle Hand. Für einen Augenblick standen die beiden wie gebannt in dieser Stellung. Der Eine wie leblos durch einen so unerwarteten Widerstand, der Andere sein Haupt neigend, um den Tod nur mit der innigsten Ergebung zu empfangen. Die Weiber erhoben ein Triumphgeschrei, denn sie meinten, die Nerven des Gefangenen wären endlich gewichen. Der Streifschütz zitterte für die Ehre seines Freundes, und Hektor, gleichsam mit den Vorgängen bekannt, erhob seine Nase in die Luft, und brach in ein erbärmliches Geheul aus.

Aber der Pawnee schwankte, nur für den Augenblick. Er erhob die andere Hand mit Blitzesschnelle, der Tomahawk funkelte in der Luft, und Weucha sank zu seinen Füßen, das Haupt gespalten bis zum Auge. Dann sich einen Weg bahnend mit der blutigen Waffe, schoß er durch die gemachte Oeffnung, ließ die erschreckten Weiber hinter sich und schien dem Abhang hinabzueilen mit einem einzigen Sprung.

Wäre ein Donnerstrahl vom Himmel mitten unter die Teton-Bande gefallen, er hätte nicht größere Bestürzung als dieser Act verzweifelter Kühnheit erregt. Ein schriller, klagender Schrei kam über die Lippen aller Weiber, und es gab einen Augenblick, wo selbst die ältesten Krieger ihre Besinnung verloren zu haben schienen. Dieser Zustand der Erstarrung dauerte nur einen Moment. Ihm folgte ein Rachegeschrei, das aus hundert Kehlen hervordrang, während eben so viele Krieger alsbald, auf die blutigste Vergeltung denkend, sich aufmachten. Aber ein gewaltiger, gebieterischer Ruf von Mahtoree fesselte jeden Fuß. Der Häuptling, in dessen Antlitz Befremden und Wuth mit angenommener Haltung kämpften, streckte seinen Arm nach dem Fluß aus, und das ganze Geheimniß war erklärt.

Hartherz hatte schon fast die Hälfte des Grundes, der zwischen der Anhöhe und dem Wasser lag, zurückgelegt. Gerade in diesem Augenblick kam eine Bande bewaffneter und berittener Pawnee einer Anhöhe herauf und galoppirte an den Rand des Flusses, in welchem der Sprung des Flüchtlings jetzt deutlich gehört ward. Einige Augenblicke reichten für seinen kräftigen Arm hin, den Durchgang zu gewinnen, und dann verkündete das Jauchzen vom andern Ufer den gedemüthigten Teton den ganzen Triumph ihrer Feinde.

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