Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
Schließen

Navigation:

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

»Was, seid der alte Pistol und

Ihr Freunde noch?« –

Shakspeare.

 

Der Vorhang unsers unvollkommenen Dramas muß fallen, um über einer andern Scene aufzugehen. Die Zeit ist um mehrer Tage hinausgerückt, während welcher wichtige Veränderungen in der Lage der Auftretenden vorgegangen sind. Die Stunde ist Mittag, und der Ort eine erhöhte Ebene, welche in nicht großer Entfernung von dem Wasser etwas plötzlich über den fruchtbaren Boden sich erhob, der längs dem Rande eines der zahlreichen Wasser jener Gegend hinstrich. Der Bach nahm seinen Ursprung nahe dem Fuße der Felsgebirge, und mischte sich, nachdem er einen großen Theil der Ebene bewässert mit einem größeren Wasser, um sich dann endlich in der trüben Fluth des Missouri zu verlieren.

Die Landschaft veränderte sich wesentlich zum Besseren, obgleich die Hand, welche so viel von einer Wüste dem umgebenden Land eingedrückt, auch auf dieser Stelle lastete. Der Anblick der Vegetation war jedoch weniger ermuthigend als auf den dürreren Wüsten der wellenförmigen Steppen. Baumgruppen waren verschwenderischer ausgestreut, und eine lange Linie dichten Walds begrenzte die nördliche Schranke der Aussicht. Hier und da, auf dem Boden, sah man Spuren hastigen, unvollkommenen Anbaus solcher einheimischen Gewächse, die schnell wuchsen und ohne Beihülfe der Kunst in tiefem, angeschwemmtem Boden gediehen. Am Fuße dessen, was man das Hochland nennen konnte, waren die hundert Wohnungen einer Horde wandernder Sioux aufgepflanzt. Ihre leichten Gemächer waren ohne die geringste Rücksicht auf Ordnung gestellt; Nähe beim Wasser schien die einzige Betrachtung gewesen zu sein, die man bei ihrer Anlegung angestellt hatte, und selbst diese wichtige Bequemlichkeit war nicht immer gewahrt worden. Während die meisten Wohnungen an der Grenze des Thals standen, sah man viele in größerer Entfernung solche Stellen einnehmen, wie sie zuerst dem launenvollen Auge ihrer rücksichtslosen Eigner gefallen hatten. Das Lager war nicht militärisch und auch nicht im Geringsten vor Ueberfall durch Lage oder Vertheidigung geschützt. Es war auf jeder Seite offen, auf jeder Seite eben so zugänglich wie jeder andere Punct in jenen Wüsten, wenn man die unvollkommene und natürliche Schwierigkeit, die der Fluß darbot, ausnahm. Kurz die Stelle trug den Anschein, als sei sie länger behauptet worden, als ihre Besitzer eigentlich sich vorgenommen, während ihr die Zeichen nicht abgingen, welche verriethen, sie könne leicht schnell und selbst, wenn Zwang es wolle, plötzlich verlassen werden.

Dies war die einstweilige Lagerung jenes Theils seines Volks, den Mahtoree selbst auf jenen Gründen, welche die ständigen Wohnungen seiner Nation von denen der kriegerischen Pawnee-Stämme trennten, auf die Jagd geführt. Die Wohnungen waren Zelte von Häuten, hoch, kegelförmig und von der einfachsten, uranfänglichen Art. Schild, Köcher, Lanze und Bogen jedes Wohners hing an einem leichten Pfahl vor der Oeffnung oder Thüre jeder Behausung. Die verschiedenen häuslichen Geräthe seines einen Weibes, oder seiner zwei und drei, je nachdem der Tapfere größeren oder geringern Ruhm hatte, waren sorglos bei Seite geworfen, und hier und da konnte man das runde, volle, geduldige Antlitz eines Kindes aus seiner unbequemen Wiege von Rinde hervorpiepen sehen, während es mit einem Riemen von Rehhaut an demselben Pfahl aufgehängt in freier Luft schaukelte. Kinder von höherem Alter wälzten sich in Massen unter einander herum, wobei sich die männlichen selbst in dieser frühen Jugend durch jene Art von Herrschaft auszeichneten, welche für's künftige Leben die große Schranke zwischen beiden Geschlechtern bilden sollte. Jünglinge waren auf dem Grunde und übten ihre jugendliche Stärke im Bändigen der wilden Stuten ihrer Väter, während man hier und da ein schalkhaftes Mädchen ansichtig ward, das sich von ihrer Arbeit weggestohlen, um ihre kühne und wilde Wagniß zu bewundern.

So weit war das Gemälde das tägliche Bild eines Lagers, das auf seine Sicherheit vertraut. Aber gleich an der Spitze der Wohnungen war eine Versammlung, die Bewegungen von mehr als gewöhnlichem Interesse zu verrathen schien. Einige verwelkte und verhärtete Weiber der Bande standen beisammen, bereit ihre heisern Stimmen zu leihen, wenn es nöthig wäre, um ihre Nachkommen zu einem Schauspiel zu reizen, nach welchem ihr wilder Geschmack verlangte, ganz so, wie Wesen von höherer Bildung oft an kaum weniger schrecklichen Schauspielen Gefallen finden. Die Männer waren wieder in Gruppen getheilt, je nach den Thaten und dem Ruf, auf die ein jeder Anspruch machte.

Die, welche von jenem zweideutigen Alter waren, das sie auf Jagden zuließ, während ihre Klugheit noch zu zweifelhaft war, um sie zu Kriegsangelegenheiten zuzuziehen, hingen am Rand des Ganzen, und nahmen von den stolzen Mustern vor ihnen jenen Ernst im Benehmen und jene Rückhaltung in ihrer Weise an, die mit der Zeit in ihrem Charakter so tief mit verwachsen sollte. Einige einer noch älteren Classe, die das Kriegsgeschrei gehört hatten und anmaßender sich näher zu den Häuptlingen drängten, obgleich sie weit entfernt waren, sich herauszunehmen, sich in ihren Rath zu mischen, zeichneten sich schon dadurch hinlänglich aus, daß man ihnen vergönnte, die Weisheit aufzufangen, die von so verehrten Lippen fiel. Die gewöhnlichen Krieger der Bande waren noch weniger blöde und zögerten nicht, sich unter die Häuptlinge von geringern Ansehen zu mischen, obgleich sie sich nicht das Recht anmaßten, die Meinung eines bekannten Tapfern zu bestreiten, oder die Klugheit der Maßregeln in Zweifel zu ziehen, die von begabten Rathgebern des Volks anempfohlen wurden.

Unter den Häuptlingen selbst war eine eigene äußere Haltung. Sie mußten in zwei Classen getheilt werden, die, welche ihren Einfluß physischen Ursachen und Wohlthaten verdankten und die, welche sich mehr durch ihre Weisheit als durch Dienste im Feld ausgezeichnet hatten. Die erstere waren bei weitem die zahlreichere und bedeutendere Classe. Sie waren Leute von Gestalt und hatten ein Ansehen, dessen ernste Züge oft doppelt imponirend durch jene Zeichen ihrer Kraft gemacht wurden, die ihre rauhen Lineamenten von der Hand ihrer Feinde eingegraben worden, in der Form tiefer, unvertilgbarer Narben. Die Classe, die ihr Uebergewicht durch moralische Vorzüge erlangt, war außerordentlich beschränkt. Sie konnten alle an dem schnellen, lebhaften Ausdruck ihrer Augen, an der vorsichtigen Art ihrer Bewegungen und manchmal an der Kraft ihrer Sprache in jenen plötzlichen Ausbrüchen erkannt werden, wodurch sich ihre jetzige Berathung manchmal auszeichnete.

Gerade in der Mitte des Kreises, den diese ausgewählten Rathgeber bildeten, sah man die Gestalt des unruhigen, aber scheinbar ruhigen Mahtoree. In seiner Person und seinem Charakter waren all die verschiedenen Eigenschaften der Andern vereinigt. Gemüth sowohl als Körper hatten zusammen sein Ansehen gebildet. Seine Narben waren so zahlreich und tief als die des weisesten Hauptes seiner Nation; seine Glieder waren in ihrer größten Kraft, sein Muth auf seiner höchsten Höhe. Mit dieser seltenen Vereinigung von moralischem und physischem Einfluß begabt pflegte das kühnste Auge in der Versammlung vor seinem drohenden Blick sich niederzuschlagen. Muth und List hatte seine Herrschaft begründet, und durch die Zeit war sie geheiligt worden. Er wußte so gut Vernunft und Zwang zu vereinigen, daß in einem Gesellschaftszustand, der eine größere Aeußerung seiner Fähigkeiten zugelassen, der Teton sehr wahrscheinlich beides Eroberer und Despot gewesen.

Etwas bei Seite von der Versammlung der Bande waren Wesen von ganz verschiedenem Ursprung zu sehen. Größer und weit muskelvoller von Gestalt waren noch zögernde Spuren ihrer sächsischen und normannischen Abkunft unter der dunkeln Farbe zu finden, die ihnen eine amerikanische Sonne aufgedrückt hatte. Es würde für einen in solchen Forschungen Geübten eine interessante Untersuchung sein, jene Puncte der Verschiedenheit darzulegen, wodurch die Nachkommenschaft des westlichen Europaers noch jetzt von den Abkömmlingen des entferntesten Asiaten zu unterscheiden wäre, jetzt, da beide bei den Umkehrungen in der Welt sich einander nähern in ihren Gewohnheiten, ihrem Wohnort, und besonders in ihrem Charakter. Die Gruppe, wovon wir sprechen, bestand aus der Familie des Auswanderers. Sie standen lässig, träge und unthätig, wie gewöhnlich, wenn keine unmittelbare Anforderung an ihre schlafenden Kräfte erging, vor etwa vier oder fünf von Häuten erbauten Wohnungen, die sie der Gastfreundschaft ihrer Teton-Verbündeten verdankten. Die Bedingungen ihrer unerwarteten Verbindung waren deutlich aus der Gegenwart der Pferde und Hausthiere zu erschließen, die ruhig den Boden in der Nähe unter dem wachsamen Auge der beherzten Hetty abweideten. Ihre Wagen standen um ihre Wohnungen in einer Art ungeregelter Verschanzung, welches zugleich zeigte, daß ihr Zutrauen noch nicht gänzlich wieder hergestellt worden, während auf der andern Seite ihre Klugheit und Trägheit sie nicht deutlich ihren Verdacht an den Tag legen ließ. Es lag eine sonderbare Mischung von unthätigem Genuß und finsterer Neugier in jedem ihrer finstern Züge, während Jeder, auf seine Büchse gelehnt, die Bewegungen in der Sioux-Versammlung beobachtete. Noch verriethen selbst die Jüngsten von ihnen kein Zeichen der Erwartung oder Theilnahme, und alle schienen die gelassensten ihrer wilden Verbündeten in Darlegung der rühmlichen Tugend Geduld nachahmen zu wollen. Sie sprachen selten, und wenn es geschah, war es eine kurze Bemerkung, die die physischen Vorzüge eines Weißen vor einem Indianer in hinlänglich schlagendes Licht setzen sollte. Kurz, Ismael's Familie schien jetzt eines vollen Genusses sich zu erfreuen, der auf Unthätigkeit beruhte, aber nicht ganz frei von einem gewissen wirren Geflimmer in der Ferne war, das ihnen zu sagen schien, ihre Sicherheit sei etwas in Gefahr, durch Teton-Verrätherei plötzlich unterbrochen zu werden. Abiram allein machte eine einsame Ausnahme von diesem Zustand zweideutiger Ruhe.

Nach einem Leben, das er in tausend niedrigen und unbedeutenderen Schurkereien hingebracht, war der Seelenverkäufer kühn genug geworden, die verzweifelte Unternehmung zu wagen, welche wir im Verlauf unserer Erzählung dem Leser dargelegt haben. Sein Einfluß auf den kühneren, aber weniger thätigen Geist Ismael's war gerade nicht groß, und wäre der letztere nicht plötzlich aus einem fruchtbaren Landstrich vertrieben worden, den er mit der Absicht, ihn zu behalten, ohne viele Rücksicht auf die Formen des Gesetzes in Besitz genommen, es wäre jenem nie gelungen, den Gemahl seiner Schwester zu einer Unternehmung zu vermögen, die so viel Entschlossenheit und Vorsicht erheischte. Ihr früheres Glück und folgendes Mißlingen hat der Leser mit angesehn, und Abiram saß jetzt bei Seite, die Mittel bedenkend, wodurch er sich die Vortheile seiner Unternehmung sichern konnte, die er mit jedem Augenblick bei der offenen Bewunderung Mahtoree's für den unschuldigen Gegenstand seiner Büberei ungewisser werden sah. Wir wollen ihn seinen oft veränderten, wirren Plänen überlassen, um zur Beschreibung gewisser andern Personen unseres Dramas überzugehn.

Noch ein anderer Winkel des Gemäldes war besetzt. Auf einer kleinen Bank, zur äußersten Rechte der Lagerung, lagen Middletons und Paul's Gestalten. Ihre Glieder waren schmerzlich mit Riemen gefesselt, die aus einer Bisonhaut geschnitten worden, und sie waren mit einer Art seiner Grausamkeit so gestellt, daß Jeder einen Abglanz seines eigenen Elends in dem des Andern sehen konnte. Ein Dutzend Schritte von ihnen war ein Pfahl in den Boden fest eingetrieben worden, und daran gebunden war die leichte, apollogleiche Gestalt des Hartherz. Zwischen beiden stand der Streifschütz, seiner Büchse, Tasche und seines Horns beraubt, aber sonst in einer Art mit Verachtung verknüpfter Freiheit gelassen. Fünf oder sechs junge Krieger jedoch, mit ihren Köchern auf dem Rücken, und lange Bogen auf die Schultern gehängt, standen in ernster Wachsamkeit nicht weit von der Stelle und zeigten hinlänglich, wie fruchtlos jeder Versuch zur Flucht von Seiten eines so bejahrten und schwachen Mannes ausfallen würde. Darin verschieden von andern Betrachtern der wichtigen Versammlung waren diese Individuen in einem Gespräch begriffen, das für sie von besonderem Interesse war.

»Capitain,« sagte der Bienenjäger mit einem Ausdruck komischer Betrübniß, denn kein Unfall konnte seine Laune trüben, »fühlt Ihr wirklich auch jenes verfl–te Schneiden von dem ungegerbten Leder in Eurer Schulter, oder ist es nur das Prickeln in meinem eigenen Arm, was ich fühle?«

»Wenn der Geist so schwer leidet, ist der Körper für den Schmerz unempfindlich,« entgegnete der gebildetere, obwohl kaum so geistreiche Middleton. »Wollte der Himmel, einige von meinen treuen Artilleristen stießen auf dies verd – te Lager!«

»Ihr könntet eben so gut wünschen, diese Teton-Wohnungen wären Hornißkörbe, und jene Insecten kämen heraus, und kämpften mit jenem Schwarm halbnackter Wilden.« Dann über seinen eigenen Einfall lachend, wandte sich der Bienenjäger von seinem Gefährten weg, und suchte für den Augenblick eine Linderung seines Elends, indem er sich einbildete, solch ein wilder Einfall könnte sich verwirklichen, und über die Art dachte, wie es selbst die große Geduld eines Indianers besiegte.

Middleton war gerne still, aber der Alte, der auf ihre Worte gehört, trat näher und setzte das Gespräch fort:

»Es wird allem Anschein nach eine erbarmenlose und höllische Geschichte werden!« sagte er und schüttelte den Kopf auf eine Weise, welche verrieth, daß selbst seine Erfahrung in einem so schweren Fall um ein Mittel verlegen wäre. »Unser Pawnee-Freund ist schon zur Folter an den Pfahl gebunden, und ich sehe deutlich an dem Auge und der Miene des großen Sioux, daß er sich von dem Charakter seines Volks zu fernern Greueln wird hinreißen lassen.«

»Hört, alter Streifschütz,« sagte Paul, und wandte sich in seinen Fesseln, um einen Blick aus des Andern traurigem Auge aufzufangen, »Ihr seid geschickt in indianischen Sprachen und versteht etwas von indianischen T–leien. Geht in die Berathung, sagt ihren Häuptern in meinem Namen, das heißt im Namen Paul Hover's, aus dem Staat Kentucky, daß, vorausgesetzt, sie versprechen mir die sichere Rückkehr einer gewissen Ellen Wade in die Staaten, sie mir willkommen sind, und meinen Kopf nehmen können, wie es ihrer Unterhaltung am besten zusagt, oder wenn sie auf diese Bedingungen nicht unterhandeln wollen, möcht Ihr ihnen noch eine Stunde oder zwei Folter zugeben, um ihnen den Handel annehmlicher zu machen.«

»Ei, Bursche, die würden wenig auf solchen Vorschlag hören, da sie wissen, daß Ihr, schon wie ein Bär in der Falle, eben so wenig fliehen als fechten könnt. Aber seid nicht muthlos, die Farbe eines Weißen ist manchmal sein Todesstoß unter diesen fernen Wildenstämmen und manchmal sein Schild. Obwohl sie uns nicht lieben, bindet ihnen oft Furcht die Hände. Könnten die Rothen ihren Willen ausführen, Bäume würden bald wieder auf Amerikas bepflügten Feldern wachsen und die Wälder weiß sein von Christen-Gebein. Niemand kann es bezweifeln, der weiß, welche Liebe eine Rothhaut gegen ein Blaßgesicht hegt; aber sie haben uns gezählt, und ihr Gedächtniß hat sie verlassen, und sie sind nicht ohne Klugheit. Deswegen ist unser Schicksal noch ungewiß, aber ich fürchte, der Pawnee hat nichts mehr zu hoffen.«

Als der Alte schloß, näherte er sich langsam dem Gegenstand seiner letzten Bemerkung, und blieb nicht weit von seiner Seite stehen. Hier beobachtete er eine Stille und nahm einen Blick an, wie sie in der Nähe eines so berühmten Häuptlings, der in einer Lage, wie sein gefangener Gefährte war, sich schickte. Aber Hartherz Auge war auf die Ferne gerichtet, und seine ganze Miene verrieth Einen, dessen Gedanken gänzlich der Gegenwart entrückt sind.

»Die Sioux berathen wegen meines Bruders,« bemerkte endlich der Streifschütz, als er fand, daß er nur durch Sprechen des Andern Aufmerksamkeit auf sich ziehen könne.

Der junge Parteigänger wandte sein Haupt mit einem ruhigen Lächeln, als er antwortete: »Sie zählen die Köpfe über der Wohnung Hartherz.«

»Ohne Zweifel, ihr Zorn steigt, wenn sie an die Menge der Teton denken, die Ihr erschlagen habt, und besser würde es jetzt für Euch sein, hättet Ihr mehr Tage auf der Jagd als im Kriege zugebracht. Dann könnte eine kinderlose Mutter dieses Stammes Euch an die Stelle ihres verlornen Sohnes annehmen, und Eure Tage wären voll Friede.«

»Meint mein Vater, ein Krieger könne je sterben. Der Herr des Lebens öffnet seine Hand nicht, um seine Gaben wieder zu nehmen. Braucht er seine Leute, ruft er ihnen, und sie gehen. Aber die Rothhaut hat einmal für immer gelebt.«

»Ei, was ist ein tröstlicherer und demüthigerer Glaube, als dort jene herzlosen Teton hegen. Es ist Etwas in jenen Wölfen, was ihnen mein ganzes Herz öffnet; sie scheinen den Muth, ei, und auch den Edelsinn der Delawaren von den Hügeln zu haben. Und dieser Junge, es ist wunderbar, sehr wunderbar; aber Auge, Alter und Glieder sind, als wären sie Brüder. Sagt mir, Pawnee, habt Ihr je in Euern Sagen von einem mächtigen Volk gehört, das einst an den Küsten des Salzsees, hart bei Sonnenaufgang, wohnte?«

»Die Erd' ist weiß von Leuten von der Farbe meines Vaters.«

»Nein, nein, ich spreche jetzt nicht von Eingedrungenen, die sich in das Land geschlichen, um die rechtmäßigen Eigenthümer ihres Geburtsrechts zu berauben, sondern von einem Volk, das von Natur und durch Schminke roth ist oder vielmehr war, wie die Birne am Busch.«

»Ich habe die Greise sagen hören, daß es Banden gäbe, die sich in den Wäldern nach Sonnenaufgang bärgen, weil sie nicht mit Männern in den offenen Steppen zusammen zu kommen wagten.«

»Erzählen Euch Eure Sagen nicht von dem größesten, tapfersten und weisesten Volke von den Rothhäuten, auf das je Wahcondah herabsah?«

Hartherz erhob sein Haupt mit einer Leichtigkeit und Würde, die selbst seine Bande nicht unterdrücken konnten, als er antwortete:

»Hat das Alter meinen Vater geblendet? Oder sieht er so viele Sioux, daß er meint, es seien keine Pawnee mehr da?«

»Ach, das ist die menschliche Eitelkeit und Hoffart,« rief der getäuschte Alte auf Englisch. »Natur ist so stark in einer Rothhaut, als in dem Busen eines Weißen. Nun würde ein Delaware sich für weit Mächtiger halten, als einen Pawnee, gerade wie ein Pawnee sich rühmt von den Ersten der Erde zu sein. Und so war es zwischen den Franzosen der Canada und den rothröckigen Engländern, die der König in die Staaten zu schicken pflegte, als Staaten sie noch nicht waren, sondern schreiende, bittende Provinzen; sie fochten und fochten, und zu welchen wunderbaren Prahlereien über ihre Tapferkeit und Siege veranlaßten sie die Welt, während beide Parteien den niedrigen Soldaten des Landes zu nennen vergaßen, der eigentlich die Dienste that; aber da er nicht berechtigt war, damals an dem großen Berathungsfeuer seiner Nation zu rauchen, selten von seinen Thaten hörte, nachdem er sie tapfer vollbracht.«

Als der Alte so seinem fast entschlafenen, aber gar nicht erstorbenen Kriegerstolz Luft gemacht, der ihn so sehr sich unbewußt in eben den Fehler verleitete, den er tadelte, ward sein Ange, das von einer Art Jugendfeuer sich zu beleben und zu glänzen begonnen, sanfter und wandte seinen ängstlichen Blick auf den zum Opfer ausersehenen Gefangenen, dessen Züge auch ihre frühere Kälte und Gedankenversunkenheit wieder annahmen.

»Junger Krieger,« fuhr er mit einer Stimme fort, die zitternd wurde, »ich bin nie Vater oder Bruder gewesen. Der Wahcondah wollte, daß ich allein lebte. Er band nie an Haus und Feld mein Herz durch die Bande, wodurch die Leute meiner Art an ihre Wohnungen gebunden sind; hätte er es gethan, ich wäre nicht so weit gewandert, hätte nicht so viel gesehen. Aber ich hab' mich lange unter einem Volke aufgehalten, das in den Wäldern lebte, die Ihr erwähntet, und fand viel Ursach', ihren Muth nachzuahmen und ihren Edelsinn zu lieben. Der Herr des Lebens hat uns allen, Pawnee, Gefühl für unsere Art gegeben. Ich war nie Vater, aber wohl weiß ich, was Liebe zu Jemanden ist. Ich glich einem Jüngling, den ich schätzte, und ich hatte selbst zu glauben angefangen, etwas von seinem Blut könnte in Euern Adern sein. Aber was hilft das! Ihr seid ein wahrer Mann, wie ich durch die Art erkannte, wie Ihr Treue hieltet; und Edelsinn ist zu seltne Tugend, um vergessen zu werden. Mein Herz neigt sich zu Euch, Junge, und gern würd' ich Euch Gutes thun.«

Der jugendliche Krieger hörte auf die Worte, die von den Lippen des Andern mit einer Wärme und Einfalt kamen, die ihre Wahrheit darthat, und neigte sein Haupt auf den nackten Busen, zum Zeichen der Ehrfurcht, womit er das Anerbieten annahm. Dann sein schwarzes Auge gerade aufrichtend, schien er wieder über Dinge nachzudenken, die fern von jeder persönlichen Betrachtung waren. Der Streifschütz, welcher wohl wußte, in wie weit der Stolz eines Kriegers ihn in jenen Augenblicken aufrichten würde, die er für seine letzten hielt, wartete auf den Willen seines jungen Freundes mit einer Sanftmuth und Geduld, die er durch seinen Umgang mit diesem merkwürdigen Stamm sich zu eigen gemacht.

Endlich begann das Hinstarren des Pawnee's zu schweifen, und dann wandten sich schnelle, blitzende Blicke von dem Angesicht des Alten in die offene Luft, und von da wieder auf seine tief gezeichneten Züge, als verwirre sich der Geist, der diese Bewegungen beherrschte.

»Vater,« antwortete endlich der junge Tapfere in einer Stimme voll Vertrauen und Güte, »ich hab' Eure Worte gehört. Sie sind in meine Ohren gedrungen und sind jetzt in mir. Das weißköpfige Langmesser hat keinen Sohn; Hartherz, der Pawnee, ist jung, aber ist schon der Aelteste seiner Familie. Er fand die Gebeine seines Vaters auf dem Jagdgrunde der Osagen und hat sie geschickt zu den Fluren des guten Geistes. Kein Zweifel, das große Haupt, sein Vater, hat sie gesehn und weiß, was ein Theil von ihm ist: Aber Wahcondah wird bald uns Beide rufen, Euch, weil Ihr Alles gesehen, was in diesem Land zu sehen, und Hartherz, weil er einen Krieger braucht, der jung ist. Nicht Zeit hat der Pawnee, dem Blaßgesicht die Pflichten zu zeigen, die ein Sohn seinem Vater schuldig ist.«

»Alt, wie ich bin, arm und hülflos, wie ich dastehe, gegen daß, was ich einst war, ich kann noch die Sonne hinter der Steppe niedersinken sehen. Erwartet mein Sohn, je nochmals die Nacht zu sehen?«

»Die Teton zählen die Schädel über meiner Wohnung!« entgegnete der junge Häuptling mit einem Lächeln, dessen Traurigkeit sonderbar durch einen Strahl von Triumph erleuchtet war.

»Und sie finden ihrer viele: Zu viele für die Sicherheit ihres Eigenthümers, da er in ihren rachsüchtigen Händen ist. Mein Sohn ist kein Weib und sieht auf den Pfad, den er bald wandeln soll, mit festem Auge. Hat er nichts seinem Volke in die Ohren zu sagen, ehe er aufbricht? Diese Beine sind alt; aber sie können mich noch zu den Windungen des Wolfsflusses tragen.«

»Sagt ihnen, daß Hartherz einen Knoten in seinen Wampum gebunden für jeden Teton!« drang über die Lippen des Gefangenen mit jener Heftigkeit, womit plötzliche Leidenschaft durch die Schranken künstlichen Rückhalts bricht; »trifft er einen von ihnen allen in den Gefilden des Herrn des Lebens, dann wird sein Herz Sioux werden!«

»Ach, solch ein Gefühl würde ein gefährlicher Begleiter für einen Weißen sein, um sich damit auf die feierliche Reise zu machen,« murmelte der Alte auf Englisch. »Das war's nicht, was die guten Mähren zu den versammelten Delawaren sagten, oder was so oft den Weißen in den Ansiedelungen gepredigt wird, obwohl, zur Schande dieser Farbe sei es gesagt, es so wenig beachtet wird. Pawnee, ich lieb' Euch; aber als ein Christ kann ich solche Botschaft nicht überbringen.«

»Wenn mein Vater fürchtet, die Pawnee möchten ihn hören, mag er es unsern Greisen leise in's Ohr flüstern.«

»Was Furcht betrifft, junger Krieger, so trifft sie nicht mehr die Blaßgesichter, als die Rothhaut. Wahcondah lehrt uns, das Leben zu lieben, welches er gibt; aber nur, wie man Jagd, Hunde und Carabiner liebt, nicht mit dem Bangen, womit eine Mutter auf ihr Kind sieht. Der Herr des Lebens wird nicht zweimal zu reden brauchen, wenn er mich ruft. Ich bin so bereit, jetzt darauf zu antworten, wie morgen, oder zu irgend einer Zeit, die seinem mächtigen Willen gefällt. Aber was ist ein Krieger ohne seine Ueberlieferungen, meine verbieten mir, Eure Worte zu überbringen.«

Der Häuptling machte eine würdevolle Verbeugung bei seiner Beistimmung; und hier war große Gefahr, jene Gefühle des Vertrauens, die so sonderbar erweckt worden, möchten eben so plötzlich verstummen. Aber das Herz des Alten war durch lange schlafende, aber noch lebendige Rückerinnerungen zu empfindlich gerührt worden, um so plötzlich die Mittheilung abzubrechen. Er sann einen Augenblick; dann neigte er sich vertraulich zu seinem Gefährten und fuhr fort:

»Jeder Krieger muß nach seinen Gaben beurtheilt werden. Ich hab meinem Sohn gesagt, was ich nicht kann; erhöre jetzt auf das, was ich kann. Ein Elenn kann die Steppe nicht schneller durchlaufen, als diese alten Beine, wenn der Pawnee mir eine Botschaft geben will, die ein Weißer überbringen kann.«

»Es höre das Blaßgesicht,« entgegnete der Andere, nachdem er unter dem noch zurückgebliebenen Gefühl seines vorigen schlimmen Erfolgs einen Augenblick länger gezögert hatte. »Er wird hierbleiben, bis die Sioux die Schädel ihrer todten Krieger gezählt haben. Er wird warten, bis sie versucht haben, mit der Haut eines Pawnee's achtzehn Tetonköpfe zu bedecken; er wird seine Augen weit aufmachen, daß er die Stelle sehen möge, wo sie die Gebeine eines Kriegers begraben.«

»All dies will und kann ich thun, edler Bursche.«

»Er wird die Stelle merken, daß er sie weiß.«

»Fürchtet nichts, ich werd' den Ort nicht vergessen,« fiel der Andere ein, dessen Stärke unter so ergreifender Darlegung von Ruhe und Ergebung zu wanken begann.

»Dann weiß ich, wird mein Vater zu meinem Volk gehen. Sein Haupt ist grau, und seine Worte werden nicht in den Wind geblasen werden mit dem Rauch. Er gehe in meine Wohnung und rufe den Namen ›Hartherz‹ laut. Kein Pawnee wird taub sein. Dann rufe mein Vater nach dem Füllen, das nie geritten worden, das zierlicher ist, als der Bock und schneller als das Elenn.«

»Ich versteh' Euch, Junge,« fiel der aufmerkende Alte ein, »und was Ihr sagt, will ich thun, ei, und auch recht thun, oder ich müßte nur schlecht mit den Wünschen eines sterbenden Indianers vertraut sein.«

»Und wenn meine Leute meinem Vater den Zaum jenes Füllen gegeben, wird er es auf Umwegen zu Hartherz Grab führen.«

»Freilich, ei, das will ich, tapferer Junge, mag auch der Schnee die Steppen decken, und die Sonn' sich bergen, wie bei Nacht, Zu der heiligen Stelle will ich das Thier führen, und seine Augen richten nach der untergehenden Sonne.«

»Und mein Vater wird zu ihm sprechen und sagen, daß sein Herr, der es genährt, seit es geboren, jetzt sein Noth hat.«

»Das auch will ich thun, obwohl der Herr weiß, daß ich mit einem Pferde rede, nicht in der thörichten Meinung, meine Worte würden verstanden, sondern nur, den Bitten indianischen Aberglaubens zu genügen. – Hektor, mein Junge, was hältst du davon, Hund, mit einem Pferde zu reden?«

»Es spreche der Graubart zu ihm in der Sprache eines Pawnee's,« fiel das junge Opfer ein, als er bemerkte, daß sein Gefährte bei der obigen Frage eine unbekannte Sprache gebraucht hatte.

»Meines Sohns Wille soll geschehen. Und mit diesen alten Händen, die, wie ich hoffte, nicht mehr Blut ergießen sollten, weder eines Menschen, noch eines Thiers, will ich es schlachten auf Eurem Grabe.«

»Gut,« entgegnete der Andere, und ein Strahl von Zufriedenheit flog über seine ernsten, festen Züge. »Hartherz wird sein Roß nach den gesegneten Auen lenken, und vor dem Herrn des Lebens wie ein Häuptling erscheinen.«

Die plötzliche und auffallende Veränderung, die sogleich mit dem Gesicht des Indianers vorging, machte, daß der Streifschütz zur Seite blickte, wo er denn bemerkte, daß die Versammlung der Sioux zu Ende sei, und daß Mahtoree mit zwei seiner Hauptkrieger bedächtig ihrem ausersehenen Opfer sich näherten.

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.