Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
Schließen

Navigation:

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

»Herr, rettet Euch.«

Shakspeare.

 

Der Schlaf der Flüchtlinge dauerte mehrere Stunden. Der Streifschütz schüttelte zuerst seine Herrschaft ab, wie er sich ihm auch zuletzt überlassen. Er stand auf, als gerade das graue Licht des Tages jenen Theil der hohen Wölbung zu erleuchten begann, der auf dem Ostrande der Ebene ruhte, rief seine Gefährten von ihrer warmen Streu auf, und machte ihnen bemerklich, wie sehr nochmalige Anstrengung Noth sei. Während Middleton sich mit den Vorkehrungen für Inez und Ellens Bequemlichkeit auf der langen, mühsamen Reise, die vor ihnen lag, beschäftigte, sorgten der Alte und Paul für das Mahl, welches, wie jener rieth, sie einnehmen sollten, ehe sie zu Pferde stiegen. Diese verschiednen Anordnungen nahmen nicht viel Zeit weg, und die kleine Gruppe saß bald um ein Essen, das, wenn ihm auch die Eleganz fehlte, woran Middletons Braut gewöhnt war, doch in den wichtigeren Erfordernissen, Geschmack und Nahrhaftigkeit, nicht nachstand.

»Wenn wir tiefer in die Jagdgründe der Pawnee hineindringen,« sagte der Streifschütz, und legte ein Stück zartes Wild auf einem kleinen, niedlich in Horn gearbeiteten Teller, der besonders zu seinem Gebrauch gemacht war, vor Inez, »dann werden wir die Büffel fetter und lieblicher finden, die Rehe häufiger und alle Gaben des Herrn im Ueberfluß, unserm Bedürfniß abzuhelfen. Vielleicht können wir selbst einen Biber erhaschen, und ein Stück von seinem Schwanz als Leckerbissen erhalten.«

»Welchen Weg gedenkt Ihr einzuschlagen, wenn Ihr jetzt diese Bluthunde von unsrer Spur abgebracht habt?« fragte Middleton.

»Wenn ich rathen darf,« rief Paul, »wär's zu Wasser; wir führen den Strom abwärts so bald als möglich. Gebt mir einen Baumwollenstamm, und ich will ein Kanoe daraus machen, das uns Alle tragen soll, das Eselein ausgenommen, und das in nicht längrer Zeit als Tag und Nacht. Ellen hier ist lebendig genug, aber sie ist kein besondrer Wettreiter und es würde weit bequemer sein, sechs- oder achthundert Meilen im Boot zu fahren, als wie Elenne die Steppen zu durchstreichen; außerdem läßt das Wasser keine Spur zurück.«

»Dafür will ich nicht stehn,« entgegnete der Streifschütz, »ich hab' oft gemeint, eine Rothhaut könnte in der Luft eine Spur finden.«

»Seht, Middleton,« rief Inez in einem plötzlichen Ausbruch jugendlichen Entzückens, das sie für einen Augenblick ihre Lage vergessen ließ; »wie lieblich ist die Luft; sicher verspricht sie glücklichere Zeiten!«

»Es ist herrlich,« entgegnete ihr Gemahl, »glorreich und himmlisch ist jener Streifen hohen Roths und hier noch ein glänzenderes Karmoisin; selten hab' ich einen reicheren Sonnenaufgang gesehen.«

»Sonnenaufgang!« wiederholte bedächtig der Alte, und erhob seine schlanke Gestalt mit einem nachdenkenden, sinnenden Blick von seinem Sitz, während er sein Auge auf die wechselnden und gewiß schönen Tinten richtete, die die Wölbung des Himmels umgrenzten. »Sonnenaufgang! Ich lieb nicht solchen Aufgang. Ah, die Schurken haben mit ihrer Rache uns umzingelt. Die Steppe ist in Feuer!«

»Gott im Himmel schütz' uns!« rief Middleton und drückte Inez bei der drängenden Gefahr an seinen Busen; »es ist keine Zeit zu verlieren, alter Mann, jeder Augenblick ist ein Tag, laßt uns fliehen!«

»Wohin?« fragte der Streifschütz und winkte ihm mit Ruhe und Würde, stille zu stehen. »In dieser Wildniß voll Gras und Disteln seid Ihr wie ein Boot ohne Compaß auf der hohen See. Ein einziger Schritt nach der unrechten Seite könnte uns Allen den Untergang bereiten. Selten ist eine Gefahr so drängend, daß sie der Vernunft nicht Zeit ließe zu handeln, junger Offizier, darum laßt uns ihre Befehle abwarten.«

»Was mich betrifft,« sagte Paul, und sah mit deutlicher Bekümmerniß um sich, »ich gestehe, sollte dieses dürre Bett von Gestrüpp die Flammen ergreifen, eine Biene müßte höher als gewöhnlich fliehen, um ihre Flügel nicht zu versengen. Deßwegen, alter Streifschütz, stimm' ich dem Capitain bei, und sage, steigt auf und flieht.«

»Ihr habt Unrecht, der Mensch soll nicht wie ein Thier dem Instinct folgen, und seine Kenntniß durch einen Geruch in der Luft, oder ein Getös sich verschaffen, er muß sehen, und urtheilen und schließen. So folgt mir ein wenig zur Linken, wo eine kleine Anhöhe ist und wir recognosciren können.«

Der Alte winkte gebietend mit der Hand und führte ohne weiteres Reden nach der Stelle, die er angedeutet hatte; ihm folgten seine erschreckten Gefährten. Ein weniger geübtes Auge als das des Streifschützen hätte wohl die geringe Anhöhe nicht entdeckt, von welcher er gesprochen, und die auf der Fläche der Steppe wie eine etwas höher mit Gras bewachsene Stelle erschien. Als sie jedoch den Ort erreichten, verrieth das dürre Gras selbst den Mangel jener Nässe, welche die höheren Halmen auf der übrigen Ebene ernährt hatte, und gab einen neuen Beweis, wie scharfsinnig er die Bildung des unten verborgenen Bodens beurtheilt hatte. Hier wurden einige Minuten damit verloren, die Spitzen des umgebenden Gesträuchs, das trotz ihrer Größe über Middletons und Paul's Kopf reichte, niederzubrechen, um dadurch eine Aussicht zu erlangen, die einen weiten Theil des umgebenden Feuermeers beherrschen könnte.

Der furchtbare Anblick erhöhte die Hoffnung derer nicht, die so hohes Interesse bei einem glücklichen Erfolg hatten. Obgleich der Tag zu dämmern begann, fuhren die lebhaften Farben der Luft fort, dunkler zu werden, als kämpfe das stolze Element, gottlosen Kampf mit dem Licht des Tages. Helle Flammensäulen schossen hier und da längs des Randes der Wüste hervor, dem plötzlichen Roth des Nordens nicht unähnlich, aber weit wilder und drohender in Farbe und Schattirung. Die Angst in den starren Zügen des Streifschützen ward allmählig größer, als er bedächtig sich von der Feuersbrunst überzeugt hatte, die sich in einem breiten Gürtel um ihren Zufluchtsort ausdehnte, bis sie den ganzen Horizont umfaßt hatte.

Er schüttelte den Kopf, als er sich wieder auf den Punct richtete, wo die Gefahr am nächsten schien, trat schnell herbei und sagte: »Da haben wir uns sehr betrogen, als wir glaubten, wir hätten diese Teton von unserer Spur abgebracht; hier ist ein hinreichender Beweis, daß sie nicht allein wissen, wo wir sind, sondern auch uns durch den Rauch herauszutreiben meinen, als wären wir versteckte Raubthiere. Seht, sie haben zugleich das Feuer um die ganze Gegend herumgeführt, und wir sind gänzlich von den T–ln eingeschlossen, wie ein Eiland vom Wasser.«

»Laßt uns aufsteigen und reiten,« schrie Middleton, »ist das Leben nicht des Kampfes werth?«

»Wohin wolltet Ihr gehen? Ist ein Teton-Pferd ein Salamander, der unverletzt durch feurige Flammen geht, oder meint Ihr, der Herr werde Euretwegen seine Macht beweisen wie in den Tagen des Alterthums, und Euch ohne Gefahr durch solch einen Ofen führen, wie Ihr dort unter jenem rothen Himmel sehen könnt? Auch Sioux sind da, die mit ihren Pfeilen und Messern auf jeder Seite von uns das Feuer umgeben, oder ich müßte mich nicht auf ihre mörderischen Grausamkeiten verstehen.«

»Wir wollen in den Mittelpunct des ganzen Stammes reiten,« entgegnete der Jüngling stolz, »und ihre Kraft versuchen.«

»Ei, schöne Worte, aber was wären sie in der Ausführung? Da ist ein Bienenjäger, der Euch in so etwas Weisheit lehren kann.«

»Nun, was das betrifft, alter Streifschütz,« sagte Paul und streckte seine athletische Gestalt aus wie ein Bullenbeißer, der sich seiner Stärke bewußt ist; »darin stimm' ich dem Capitain bei, und bin ganz für eine Flucht auf das Feuer los, sollte sie uns auch in ein Tetondorf führen. Da ist Ellen, welche – –«

»Wozu nutzt Euer hoher Muth, wenn die Elemente des Herrn, und Menschen zu besiegen sind? Seht um Euch, Freunde; der Kranz von Rauch, der sich aus den Gründen erhebt, sagt deutlich, daß aus diesem Ort kein Ausgang ist als durch einen Feuergürtel. Seht selbst, seht hin, und könnt Ihr eine einzige Oeffnung finden, dann will ich folgen.«

Die Untersuchung, welche seine Gefährten sogleich und so aufmerksam anstellten, diente eher dazu, sie von ihrer verzweifelten Lage zu überzeugen, als ihre Furcht zu mindern. Große Rauchsäulen wälzten sich von der Ebene auf und lagerten sich in düstern Massen um den Horizont. Der rothe Glanz, der auf ihren riesigen Schichten strahlte, beleuchtete jetzt ihre Wucht mit dem Schein des Brandes und blitzte dann nach einem andern Punct, wenn die Flamme unten weiter glitt, und Alles sich in furchtbares Dunkel hüllte, lauter als die Worte die drohende, stürmisch nahende Gefahr verkündend.

»Es ist schrecklich!« rief Middleton und drückte die zitternde Inez an's Herz. »Zu solcher Zeit, auf solche Art!«

»Die Pforten des Himmels sind allen wahren Gläubigen offen,« murmelte das ergebene Opfer an seinem Busen.

»Diese Entsagung bringt zur Raserei. Aber wir sind Männer, und werden für unser Leben kämpfen! Wie nun, mein tapferer, muthiger Freund, werden wir aufsitzen und durch die Flammen dringen, oder sollen wir hier stehen, und die umkommen sehen, die wir am meisten lieben, umkommen auf diese furchtbare Art, ohne Rettung zu versuchen?«

»Ich bin für's Schwärmen, für die Flucht, ehe der Korb zu heiß ist, uns zu fassen,« sagte der Bienenjäger, zu dem, wie man leicht steht, der halbwirre Middleton sich wandte. »Kommt, alter Streifschütz, Ihr müßt zugeben, das ist ein zu langsamer Weg, uns aus der Gefahr zu bringen. Wenn wir hier noch viel länger zögern, liegen wir um das Stroh wie die Bienen; nachdem der Korb des Honigs wegen ausgeräuchert worden ist. Ihr könnt das Feuer schon brüllen hören, und ich weiß aus Erfahrung, daß wenn einmal das Feuer recht an's Steppengras kommt, kann man durch Trägheit ihm nicht entgehn.«

»Meint Ihr,« entgegnete der Alte, und deutete verächtlich auf das dürre, falbe Gras, das sie umgab, »ein sterblicher Fuß könne auf solchem Pfad dem Feuer zuvorkommen? Wenn ich jetzt nur wüßte, auf welcher Seite die Schelme lägen.«

»Was sagt Ihr, Freund Doctor,« rief der aufgeregte Paul, zu dem Naturforscher gewendet, wie oft in seiner Hülflosigkeit der Stärkere Rath bei'm Schwachen sucht, wenn Menschenmacht durch ein höheres Wesen zu Schanden geworden, »was sagt Ihr? Habt Ihr keinen Rath, wo es Leben und Tod gilt?«

Der Naturforscher stand mit der Brieftasche da, und sah auf das furchtbare Schauspiel mit eben so großer Ruhe, als wenn der Brand gestiftet worden, um eine wissenschaftliche Aufgabe zu lösen. Durch die Frage seines Gefährten aufgeregt, wandte er sich zu seinem gleichfalls ruhigen, aber anders beschäftigten Genossen, dem Streifschützen, und fragte mit der empörendsten Gleichgültigkeit gegen ihre bedrängte Lage: »Verehrungswürdiger Jäger, Ihr seid oft von ähnlichen prismatischen Experimenten Zeuge gewesen – –«

Er ward wild von Paul unterbrochen, der ihm mit einer Gewalt die Brieftasche aus der Hand riß, die die gänzliche Verstandesverwirrung verrieth, welche seinen Gleichmuth überwältigt hatte. Ehe jener Vorstellungen machen konnte, nahm der Alte, welcher während der ganzen Scene ungewiß geschienen, was zu thun sei (obwohl mehr verwirrt als erschreckt) auf einmal eine entschiedene Miene an, als wenn er nicht länger über den Weg zweifelhaft wäre, den zu verfolgen er am räthlichsten hielt.

»Es ist Zeit, zu handeln,« sagte er und unterbrach den Streit, der zwischen dem Naturforscher und Bienenjäger erfolgen wollte, »es ist Zeit, Bücher und Klagen wegzulassen und zu handeln.«

»Ihr seid zu spät zu Euch gekommen, armer Alter,« rief Middleton; »die Flammen sind noch eine Viertelmeile von uns, und der Wind bringt sie herunter an diese Stelle mit furchtbarer Schnelligkeit.«

»Ach, die Flammen; mich kümmern nur wenig die Flammen. Wüßte ich nur der List der Teton zu entgehn, wie ich die Flammen um ihren Raub zu betrügen weiß, brauchte es weiter nichts mehr, als ein Dankgebet dem Herrn für unsere Rettung. Nennt Ihr das ein Feuer? Hättet Ihr gesehn, wovon ich auf den Osthügeln Zeuge war, als mächtige Berge einer Schmiedesse glichen, dann wüßtet Ihr, was Flammen fürchten, und danken heißt, daß man ihnen entgangen. Kommt, Jungen, kommt, jetzt müssen wir handeln und nicht weiter sprechen, denn jene sich kräuselnde Flamme kommt wirklich heran wie ein trabendes Wiesel. Legt Hand an dies kurze, dürre Gras, wo wir stehen, und entblöst die Erde!«

»Denkt Ihr, das Feuer auf so kindische Art seiner Opfer zu berauben?« rief Middleton.

Ein leichtes, aber ernstes Lächeln ging über die Züge des Alten, als er antwortete:

»Euer Großvater hätte gesagt, daß wenn ein Feind nahe wäre, ein Soldat nichts Besseres thun könnte, als gehorchen.«

Der Capitain fühlte den Verweis, und begann sogleich, Paul's Eifer nachzuahmen, der mit einer Art verzweifelter Folgsamkeit gegen des Streifschützen Anweisung das verblichene Gras aus dem Boden riß. Selbst Ellen legte Hand an's Werk, auch Inez sah man bald eben so beschäftigt, obgleich Niemand von ihnen wußte, warum und wozu. Wenn das Leben der Lohn der Arbeit ist, ist der Mensch fleißig. Sehr wenig Minuten reichten hin, eine Stelle von einigen zwanzig Fuß im Durchmesser zu entblößen. In die eine Ecke dieses kleinen Platzes brachte der Streifschütz die Frauen, und wieß Middleton und Paul an, ihre leichten und brennbaren Kleider mit den Tüchern, die sich fanden, zu decken. Sobald diese Vorsicht beobachtet worden, trat der Alte an den entgegengesetzten Rand des Grases, das sie noch in einem hohen, gefährlichen Kreis umgab, wählte eine Hand voll von dem trockensten Gesträuch, und legte es auf die Pfanne seiner Büchse. Der leicht brennbare Stoff fing bei'm Abdrücken Feuer. Nun legte er die geringe Flamme in das hohe Gestrüpp, trat von der Stelle in den Mittelpunct des Kreises zurück, und erwartete geduldig den Erfolg.

Das feine Element ergriff im Nu den neuen Zunder, und in einem Augenblick glitten spitze Flammen im Gras, wie man die Zungen der wiederkäuenden Thiere unter ihrem Heu sich hinbewegen sieht, offenbar, um die süßesten Pflanzen auszusuchen.

»Nun,« sagte der Alte, hielt den Finger in die Höhe und lachte auf seine eigene stille Art; »nun sollt Ihr Feuer gegen Feuer kämpfen sehen. Ach, manchmal hab' ich einen schwierigen Pfad aus eitler Lässigkeit durch struppigen Boden so gebrannt!«

»Aber ist's nicht gefährlich!« rief der erstaunte Middleton; »bringt Ihr uns den Feind nicht näher, statt ihn zu meiden?«

»Verbrennt Ihr so leicht? Euer Großvater hatte eine rauhere Haut. Aber wir werden noch so lange leben, um es zu sehn; wir Alle!«

Des Streifschützen Erfahrung war richtig. Als das Feuer Kraft und Hitze erlangte, verbreitete es sich auf drei Seiten, und erlosch von selbst auf der vierten aus Mangel an Nahrung. Als es sich vermehrte und das düstere Rauschen seine Macht andeutete, nahm es Alles vor sich weg und ließ den schwarzen, rauchenden Boden weit nackter zurück, als wenn der Scythe darüber hingestreift wäre. Die Lage der Flüchtlinge würde noch gefährlich gewesen sein, hätte nicht der Raum sich vergrößert, wie die Flamme sie umgab. Aber indem sie sich der Stelle näherten, wo der Streifschütz das Gras angesteckt hatte, vermieden sie die Hitze, und in wenig Augenblicken wichen die Flammen nach allen Seiten zurück, und ließen sie in eine Rauchwolke eingehüllt, aber vollkommen sicher vor dem Feuerstrom, der noch wüthend weiter rollte.

Die Zusehenden betrachteten das einfache Hülfsmittel des Streifschützen mit jener Art Verwunderung, mit welcher Ferdinand's Höflinge die Art angestaunt haben sollen, wie Kolumbus sein Ei auf die Spitze stellte, jedoch statt mit Neid mit Dankbarkeit erfüllt.

»Wunderbar!« sagte Middleton, als er den vollkommenen Erfolg des Mittels sah, wodurch sie aus einer Gefahr errettet worden, die er für unvermeidlich gehalten. »Der Gedanke war ein Geschenk vom Himmel, und die Hand, die ihn ausführte, sollte unsterblich sein.«

»Alter Streifschütz!« rief Paul, und wickelte seine Finger in seine krause Locken, »ich hab' manche beladene Biene in ihr Loch verfolgt, und versteh' mich auf die Natur der Wälder, aber das heißt einer Horniß den Stachel nehmen, ohne sie zu berühren.«

»Es geht,« entgegnete der Alte, der im ersten Augenblick seines Erfolgs nicht mehr an seine That zu denken schien, »nun haltet die Pferde bereit. Laßt die Flammen eine kurze halbe Stunde ihr Werk thun und dann wollen wir aufsitzen. So lange braucht's, die Steppe zu kühlen, denn diese unbeschlagenen Teton-Thiere sind so zart am Huf wie ein barfüßiges Mädchen.«

Middleton und Paul, welche diese unerwartete Errettung wie eine Art Auferstehung betrachteten, erwarteten geduldig die Zeit ab, welche der Streifschütz mit erneuertem Vertrauen auf die Unfehlbarkeit seines Urtheils festgesetzt hatte. Der Doctor hob seine Schreibtafel, die etwas dadurch gelitten hatte, daß sie in's Gras gefallen, worüber die Flamme gegangen war, wieder auf, und tröstete sich über dies kleine Ungemach, indem er ununterbrochen die verschiedenen Schwankungen im Licht und Schatten bemerkte, die er als Phänomene betrachten wollte.

Mittlerweile beschäftigte sich der Veterane, dessen Erfahrung sie alle so sehr ihre Rettung verdankten, damit, daß er durch die Oeffnungen, welche die Luft gelegentlich in den dicken Massen Rauch machte, der um diese Zeit in ungeheueren Säulen auf jeder Seite der Ebene lag, die fernen Gegenstände betrachtete.

»Seht hier, Jungen,« sagte der Streifschütz nach einer langen und ängstlichen Untersuchung, »Eure Augen sind jung und mögen besser sein als mein schlechtes Gesicht; – obwohl es eine Zeit gegeben hat, wo ein weises und tüchtiges Volk mich für weitsichtig hat halten wollen; aber diese Zeit ist vorüber, und manch treuer, geprüfter Freund ist mit ihr hingegangen. Ach, wenn ich eine Aenderung von der Vorsehung erlangen könnte! – was ich nicht kann, und was Gotteslästerung wäre zu versuchen, da ich sehe, daß Alles von einem weiseren Verstande gelenkt wird, als menschlicher Schwäche zukommt; aber könnte eine Aenderung vorgehen, würde ich wünschen, daß die, welche lange zusammen in Freundschaft und Liebe gelebt, und die gezeigt haben, daß sie zu einander passen, durch manches Leiden und Wagen, für einander übernommen, daß die dann, wann der Tod des einen dem andern wenig Lust am Leben übrig läßt, zusammen daraus scheiden dürften.«

»Ist es ein Indianer, was Ihr seht?« fragte der ungeduldige Middleton.

»Roth- oder Weißhaut, es ist einerlei. Freundschaft und Umgang kann die Menschen so fest in den Wäldern als in Städten aneinanderknüpfen; ja, und noch fester. Da sind die jungen Krieger der Steppen. Oft verbinden sie sich paarweise, und wagen ihr Leben in Thaten der Freundschaft; und wohl und treu handeln sie nach ihrem Versprechen. Der Todesschlag auf den einen ist gemeinlich tödtlich dem andern. Ich bin viel von meiner Zeit allein gewesen, wenn ich den allein nennen kann, der siebenzig Jahre im Schooß der Natur gelebt hat und wo er jeden Augenblick sein Herz eröffnen konnte, ohne es erst von den Sorgen und Schlechtigkeiten der Ansiedelungen zu befreien; – aber das ausgenommen, bin ich allein gewesen, und doch hab' ich immer gefunden, daß Umgang mit meinem Geschlecht angenehm, ihn abzubrechen, peinlich war, vorausgesetzt, der Genosse war tüchtig und ehrlich. Tüchtig, weil ein schwacher Gefährte in den Wäldern,« hier ließ er einen Augenblick unvermerkt seine Augen auf dem vertieften Naturforscher ruhen, »leicht einen kurzen Weg lang macht, und ehrlich, weil List eher Instinct der Thiere, als eine Eigenschaft ist, welche der Vernunft des Menschen zukommt.«

»Aber das, was Ihr saht, war es ein Sioux?«

»Wohin es mit der Welt von Amerika kommen wird, wo die Bestrebungen und Erfindungen seines Volks ein Ende haben werden, der Herr, er allein weiß es. Ich hab' zu meiner Zeit den Häuptling gesehen, der zu seiner Zeit den ersten Christen gesehen hatte, welcher seinen verruchten Fuß in den Landschaften von York setzte. Wie sehr ist die Schönheit der Wildniß entstellt worden in zwei kurzen Lebensaltern! Meine eigenen Augen öffneten sich zuerst auf den Küsten des östlichen Sees, und wohl erinnere ich mich, wie ich die Eigenschaften der ersten Büchse versuchte, die ich je trug, als ich einen Marsch gemacht von der Thür meines Vaters in den Wald, so weit ein Kind kommen konnte zwischen Sonnenaufgang bis zum Untergang; und dies Alles, ohne die Rechte und Vorurtheile irgend Jemandes zu beleidigen, der sich zum Herrn der Thiere des Feldes aufgeworfen hatte. Damals lag die Natur in ihrer Glorie längs der ganzen Küste und ließ nur einen schmalen Streif zwischen den Wäldern und dem Ocean zur Benutzung der Ansiedler. Und wo bin ich jetzt? Hätt' ich die Schwingen eines Adlers, sie würden ermüden, ehe ein Zehntel des Zwischenraums, der mich von der See trennt, zurückgelegt werden könnte; und Städte und Dörfer, Pachthöfe und Heerstraßen, Kirchen und Schulen, kurz alle Erfindungen und Teufeleien des Menschen haben sich verbreitet über das Land. Ich hab die Zeit gesehen, wo einige Rothhäute, die an den Grenzen streifen, die Provinzen in ein Fieber brachten, und Männer bewaffnet wurden, und Truppen zum Schutz herbeigerufen aus fernem Land, und Gebete gesprochen wurden, und die Weiber sich entsetzten, und Wenige ruhig schliefen, weil der Irokese in den Krieg gezogen, und der verfl–te Mingo den Tomahawk in der Hand hatte. Wie ist es jetzt! Das Land sendet aus seine Schiffe in ferne Länder, Schlachten zu bestehen, Kanonen sind häufiger, als sonst Flinten gebraucht wurden, und geübte Soldaten fehlen nimmer, zu Zehntausenden sind sie da, wenn die Noth ihre Dienste erheischt. Das ist der Unterschied zwischen einer Provinz und einem Staat, und ich, unglücklich und abgelebt, wie ich scheine, lebte, all dies zu sehn!«

»Daß Ihr manchen Holzfäller gesehen haben müßt, der den Rahm von der Oberfläche der Erde abgeschäumt und manchen Ansiedler, der den Honig der Natur sich verschaffte, alter Streifschütz,« sagte Paul, »kann oder soll kein vernünftiger Mann bezweifeln. Aber da ist Ellen, die sich vor den Sioux fürchtet, und nun habt Ihr uns Eure Meinung so frei über diese Dinge gegeben, daß wenn Ihr nur die Richtung unserer Flucht angeben wollt, der Schwarm zum zweiten Mal fliegen will.«

»O!«

»Ich sage, Ellen wird unruhig, und der Rauch verläßt die Ebene und es wäre klug, wieder aufzubrechen.«

»Der Junge ist vernünftig. Ich hatte vergessen, daß wir mitten in einem wilden Feuer sind, und die Sioux um uns, wie hungrige Wölfe, die eine Heerde Büffel bewachen. Aber wenn das Gedächtniß in einem alten Gehirn über längst vergangenen Zeiten brütet, übersieht es leicht die Bedürfnisse des Tages. Ihr habt Recht, meine Kinder, es ist Zeit aufzubrechen, und nun kommt das Schwierige unserer Lage. Es ist leicht eine Feueresse zu überlisten, denn es ist nur ein tobendes Element, auch ist es nicht immer schwer, einen zottigen Bären von seiner Spur abzubringen, denn das Thier wird zugleich erleuchtet und geblendet von seinem Instinct; aber den Augen eines wachenden Tetons zu entgehen, ist eine schwierige Sache, da seine Teufelei von der listigen Vernunft unterstützt wird.«

Obgleich der Alte so sich der Schwierigkeit bewußt schien, ging er doch an die Ausführung seines Unternehmens mit großer Standhaftigkeit und mit Eifer. Nachdem er die Untersuchung vollendet, die durch die traurigen Wanderungen seines Geistes unterbrochen worden, gab er seinen Gefährten das Signal, aufzusitzen. Die Pferde, welche während der Wuth des Feuers sich leidend verhalten und gezittert hatten, nahmen ihre Lasten mit so sichtbarer Freude auf, daß es eine günstige Vorbedeutung ihres künftigen Eifers gab. Der Streifschütz lud den Doctor ein, sich seiner Stute zu bedienen und erklärte sich bereit zu Fuß zu gehn.

»Ich bin nur wenig gewohnt, auf den Füßen Anderer zu reisen,« fuhr er fort, »und meine Beine ermüden vom Nichtsthun. Außerdem sollten wir plötzlich in einen Hinterhalt fallen, was gar nicht unmöglich ist, wird das Thier besser mit einem als mit zwei auf dem Rücken fortrennen können. Was mich betrifft, was liegt daran, ob meine Zeit einen Tag kürzer oder länger ist. Mögen die Teton mich scalpiren, wenn es Gotteswille ist; sie werden mein Haupt mit grauen Haaren bedeckt finden, und es geht über des Menschen Macht hinaus, mich der Weisheit und Erfahrung zu berauben, durch die sie weiß geworden sind.«

Da Niemand unter den ungeduldigen Zuhörern geneigt schien, der Anordnung zu widerstreben, ward sie stillschweigend angenommen. Der Doctor, wenn er auch einige klagende Ausrufungen um seinen verlorenen Esel murmelte, war doch zu sehr darüber erfreut, daß er statt zwei, vier Beine gefunden, die seine Eile unterstützen sollten, um lange zu zögern, und so verkündete in wenig Minuten der Bienenjäger, der nie der letzte war, bei solchen Gelegenheiten zu sprechen, mit volltönender Stimme, daß sie bereit wären aufzubrechen.

»Nun seht dorthin nach Osten,« sagte der Alte, als er sie über die schwarze und noch rauchende Ebene führte, »wenig braucht man sich auf solchem Pfad vor kalten Füßen zu fürchten, –, aber seht nach Osten, und wenn Ihr ein Stück glänzendes Weiß, schimmernd wie ein Teller von geschlagenem Silber durch die Oeffnungen des Rauchs erblickt, – nun das ist Wasser. Ein edler Strom fließt hier herum und ich meinte, schon etwas von ihm gesehen zu haben, aber andere Gedanken kamen und ich verlor diesen. Es ist ein breiter Fluß, so wie der Herr viele gemacht hat in dieser Wüste. Denn hier kann man die Natur in all ihrem Reichthum sehen, Bäume ausgenommen; Bäume, die für die Erde sind, was Früchte für den Garten, ohne die nichts angenehm und recht nützlich sein kann. Nun gebt alle Acht, mit offenen Augen, auf jenen Streifen glänzenden Wassers, denn wir sind nicht sicher, bis er zwischen unsrer Spur und diesen scharfsichtigen Teton fließt.«

Die letztere Erklärung war genug, um von Seiten aller Gefährten des Streifschützen eines wachsamen Spähens nach dem ersehnten Strom sicher zu sein. Diesen Gegenstand im Auge schritt die Gesellschaft in tiefem Schweigen fort, da der Alte bei'm Eintritt in die Rauchwolken, die noch wie Nebelmassen über die Ebene hinzogen, (besonders da, wo das Feuer auf stehende Wasser getroffen war) sie an die Nothwendigkeit der Vorsicht erinnert hatte.

Sie waren auf diese Weise fast eine Meile fortgezogen, ohne den ersehnten Strom zu erblicken. Das Feuer wüthete noch in der Ferne, und wenn die Luft die ersten Dämpfe des Brandes wegtrieb, zogen neue Massen über den Ort und beschränkten die Aussicht. Endlich machte der Alte, der einige Unruhe gezeigt hatte, was seine Schützlinge fürchten ließ, daß selbst sein scharfes Auge in den Labyrinthen des Rauches verwirrt zu werden anfinge, plötzlich Halt, stieß seine Büchse auf den Boden und stand da, scheinbar nachdenkend über Etwas zu seinen Füßen. Middleton und die Uebrigen ritten zu ihm und fragten nach der Ursache.

»Seht dorthin,« entgegnete der Streifschütz und deutete nach dem Aas eines Pferdes, das mehr als halb verzehrt in einer kleinen Schlucht lag; »da könnt ihr die Gewalt eines Steppenbrandes sehen. Die Erde ist naß hier herum, und das Gras stand höher als gewöhnlich. Dies arme Thier ist auf seinem Lager überrascht worden. Ihr seht die Knochen, die gerunzelte, gedörrte Haut und die grinzenden Zähne. Tausend Winter hätten das Thier nicht so verwittern können, als das Element es gethan in einem Nu.«

»Und dies hätte unser Schicksal werden können,« sagte Middleton, »wären die Flammen im Schlaf über uns gekommen.«

»O, das sag' ich nicht. Nicht, als ob der Mensch nicht brenne, so gut wie Holz; sondern weil er, vernünftiger als ein Pferd, besser die Gefahr zu vermeiden wissen würde.«

»Vielleicht war dies dann auch nur der Leichnam eines Thiers, sonst wäre es geflohen.«

»Seht Ihr diese Zeichen in dem feuchten Boden? Hier sind seine Hufe gewesen, und da ist die Spur eines Moccasin, so wahr ich ein Sünder bin. Der Eigenthümer hat sich hart angestrengt, ihn von der Stelle zu bringen; aber es ist so der Instinkt des Thiers, feig und störrig im Feuer zu sein.«

»Das ist bekannt, Aber wenn das Thier einen Reiter gehabt, wo ist er?«

»Ei, das ist das Geheimniß,« entgegnete der Streifschütz und hielt, um die Fußtapfen genauer zu untersuchen. »Ja, ja, es ist deutlich, es ist hier ein Kampf zwischen Zweien gewesen. Der Herr hat sich sehr bemüht, sein Thier zu retten, und die Flammen müssen sehr schnell gewesen sein, oder es wär' ihm besser gelungen.«

»Seht her, alter Streifschütz,« fiel Paul ein und deutete ein wenig weiter, wo der Grund trockener und das Gestrüpp also weniger reich war; »sagt zwei Pferde, dort liegt noch eins.«

»Der Junge hat Recht; ist's möglich, daß die Teton in ihrer eigenen Falle gefangen worden sind? So etwas fällt vor, und das ist ein Beispiel für alle Uebelthäter. Ei, seht hierher; da ist Eisen, Erfindungen der Weißen, die Thiere zu fangen. Es muß so sein. Ein Theil der Schelme hat uns im Gras aufgepaßt, während ihre Freunde die Steppe anzündeten, und seht jetzt die Folgen. Sie haben ihre Thiere verloren, und glücklich waren sie, wenn ihre Seelen nicht herumschweifen auf dem Pfad, der zum indianischen Himmel führt.«

»Sie hatten dasselbe Mittel zu Gebot wie Ihr,« nahm Middleton wieder auf, als sie langsam vorwärts gingen und sich dem andern Aas näherten, das gerade auf ihrem Wege lag.

»Ich weiß nicht; nicht jeder Wilde führt Feuer und Stahl, oder eine solche Flintenpfanne, wie dieser mein alter Freund. Es dauert lange, Feuer mit zwei Hölzern anzumachen, und wenig Zeit wurde gelassen, um nachzudenken und gerade auf der Stelle zu erfinden, wie Ihr an jenem Flammenstrahl sehen könnt, der vor dem Winde hinschießt, als wär' es Laufpulver. Es ist noch nicht lange, daß das Feuer von hier weg ist, und es möchte gut sein, nach Euren Hähnen zu sehen, nicht als wenn ich gern die Teton bekämpfen wollte, Gott bewahre; aber wenn ein Gefecht einmal sein muß, ist es immer gut, den ersten Schuß zu haben.«

»Das ist ein sonderbares Thier gewesen, Alter,« sagte Paul, der den Zaum oder vielmehr Halfter seiner Stute bei dem Aas angezogen, während die Uebrigen in ihrer Eile schon vorüber waren; »ein seltsames Pferd nenn' ich's; es hat weder Kopf noch Huf.«

»Das Feuer ist nicht müßig gewesen,« entgegnete der Streifschütz und strengte eifrig sein Auge an, um jene Lichtblicke am Horizont zu benutzen, die der wirbelnde Rauch seiner Untersuchung darbot. »Es backt Euch bald einen ganzen Büffel, oder verwandelt seine Hufe und Hörner in weiße Asche. Schäm' dich, alter Hektor, des Capitains Kleiner mag seine Jugend verrathen und selbst, mit Erlaubniß zu sagen, seine schlechte Erziehung; aber für einen Hund wie du, der so lange im Wald gelebt, ehe er in diese Ebenen kam, ist es schändlich, Hektor, die Zähne vor dem Leichnam eines gerösteten Pferdes zu zeigen und vor ihm zu heulen, gleichsam als wollt' er seinem Herrn sagen, er habe die Spur eines zottigen Bären gefunden.«

»Ich sag' Euch, alter Streifschütz, das ist kein Pferd, weder dem Huf, dem Kopf, noch der Haut nach.«

»Was? Kein Pferd! Eure Augen sind gut für Bienen und hohle Bäume, mein Junge; aber, – behüt' mich, der Junge hat Recht! Daß ich die Haut eines Büffels, verbrannt und gerunzelt wie sie ist, für den Leichnam eines Pferdes halten konnte! Ei, es gab 'ne Zeit, wo ich Euch den Namen eines Thiers sagen konnte, sobald es mein Auge erblickte, und zwar auch seine Farbe, sein Alter und Geschlecht.«

»Da hattet Ihr einen unschätzbaren Vortheil, verehrungswürdiger Jäger,« bemerkte der aufmerksame Naturforscher; »der, welcher diese Unterscheidungen in einer Wüste machen kann, spart die Mühe manches sauren Wegs und oft auch eine Untersuchung, die sich als unnütz erweist. Bitte, sagt mir; dehnte sich Eure außerordentliche Vortefflichkeit des Gesichts so weit aus, daß Ihr Ordnung oder Genus unterscheiden konntet.«

»Ich weiß nicht, was Ihr mit Eurer Ordnung des Genius wollt.«

»Nicht!« fiel der Bienenjäger etwas verächtlich ein; »nun, alter Streifschütz, das heißt Eure Unbekanntschaft mit der englischen Sprache weiter treiben, als ich es von einem Mann von Eurer Erfahrung und Wissenschaft erwartet hätte; unter Ordnung meint unser Camerad, ob sie in gemischten Zügen gehen, wie ein Schwarm, der seiner Königin folgt, oder in einer Linie, wie Ihr oft die Büffel einen nach dem andern über die Steppe schreiten seht. Und Genius, das ist doch gewiß ein deutliches Wort und in Jedermanns Mund. Da ist der Congreß-Mann in unserm District und der kleine Bursch mit der geläufigen Zunge, der das Papier ausstellt in unserer Grafschaft, die werden Beide so genannt, ihrer Lustigkeit wegen. Das meint der Doctor, wie ich glaube, da er nie ohne ganz besondern Sinn spricht.«

Als Paul diese nette Erklärung geendet, sah er hinter sich mit einem Ausdruck, welcher sagen sollte, wenn man ihn recht interpretirte: »Ihr seht, obwohl ich mich nicht oft in Eure Sachen mische, bin ich doch kein Narr.«

Ellen bewunderte Paul in Allem, nur nicht in der Gelehrsamkeit. Es war genug in seinem freien, furchtlosen, männlichen Charakter, noch unterstützt von seinem Aeußern, was ihre Liebe erweckte, ohne daß sie sich in seine geistigen Vorzüge hätte zu vernarren brauchen. Das arme Mädchen erröthete wie eine Rose, ihre schönen Finger spielten mit ihrem Gürtel, durch den sie sich auf dem Pferde festhielt, und sie bemerkte schnell, als wolle sie die Aufmerksamkeit der andern Zuhörer von einer Schwäche abziehen, wobei sie selbst nicht verweilen wollte.

»Und so ist das also gar kein Pferd?« sagte sie.

»Es ist nichts mehr und nichts weniger als eine Büffelhaut,« entgegnete der Streifschütz, der eben so sehr durch Paul's Erklärung als durch die Sprache des Doctors erstaunt worden; »das Haar ist weg, das Feuer ist drüber hingegangen, wie Ihr seht; denn da es frisch war, konnten die Flammen nicht hasten. Das Thier ist noch nicht lange getödtet, und vielleicht ist noch etwas vom Fleisch in der Nähe.«

»Hebt den Zipfel der Haut auf, alter Streifschütz,« sagte Paul in einem Ton, als fühle er, er habe jetzt das Recht, bei'm Rathe mitzusprechen; »wenn noch etwas von dem Höcker übrig ist, muß es gut gekocht werden und soll willkommen sein.«

Der Alte lachte herzlich über den Irrthum seines Genossen, Er stieß mit dem Fuß unter die Haut; sie bewegte sich. Dann fiel sie plötzlich bei Seite, und ein indianischer Krieger sprang aus seinem Versteck auf die Füße mit einer Leichtigkeit, welche verrieth, wie dringend er es halte.

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.