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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Zwanzigstes Kapitel.

»Willkommen, alter Pistol.«

Shakspeare.

 

Es dauerte nicht lange, und der Streifschütz zeigte ihnen den Anführer Mahtoree, als den Häuptling der Sioux. Dieser Befehlshaber, der am letzten der lauten Aufforderung Weucha's gehorcht hatte, erreichte nicht sobald die Stelle, wo sein ganzer Haufe sich jetzt sammelte, als er sich von seinem Pferde stürzte und sich anschickte, mit jenem Grad von Würde und Aufmerksamkeit die sonderbare Spur zu erforschen, wie sie seiner hohen und geehrten Stellung zukam. Die Krieger, – denn es war nur zu augenscheinlich, daß sie zu jener furchtlosen und unbändigen Classe gehörten, – erwarteten mit geduldiger Zurückhaltung den Erfolg seines Forschens, und keiner als einige von den tapfersten nahm sich heraus, auch nur zu reden, während ihr Anführer so ernst beschäftigt war. Es dauerte mehrere Minuten, ehe Mahtoree sich zufrieden stellte. Er wandte dann seine Augen über den Boden nach jenen verschiedenen Stellen, wo Ismael dieselben empörenden Spuren des Wegs gefunden, den irgend ein blutiger Streit genommen haben mußte, und winkte seinem Volk, ihm zu folgen.

Die ganze Bande schritt zugleich nach dem Dickicht zu und machte einige Schritte von derselben Stelle Halt, wo Esther ihre trägen Söhne angereizt hatte, in das Gebüsch zu brechen. Der Leser wird sich leicht denken, daß der Streifschütz und seine Gefährten keine gleichgültigen Beobachter solch einer drohenden Bewegung waren. Der Alte rief Alle, welche im Stande waren, die Waffen zu tragen, zu sich und fragte in sehr bestimmten Ausdrücken, obwohl mit einer Stimme, die etwas gedämpft war, um den Ohren seiner gefährlichen Nachbarn zu entgehen, ob sie geneigt wären, für ihre Freiheit zu kämpfen, oder ob sie das sanftere Mittel der Unterhandlung versuchen wollten. Da dies eine Frage war, die für Alle gleiches Interesse hatte, legte er sie ihnen gleichsam wie einem Kriegsrath vor, und nicht ohne einige Spuren eines fast erloschenen Kriegerstolzes zu verrathen. Paul und der Doctor waren in ihrer Meinung einander schnurstracks entgegengesetzt; da der Erstere ohne Weiteres zu den Waffen zu greifen rieth, und der Andere mit Wärme die Klugheit friedlicher Maßregeln vertheidigte. Middleton, welcher sah, es sei ein heißer Wortstreit zwischen Beiden zu befürchten, da sie von so ganz entgegengesetzten Ansichten beherrscht wurden, hielt es für gut, das Amt eines Mittlers zu übernehmen, oder vielmehr die Frage zu entscheiden, da seine Lage ihn gewissermaßen zum Richter machte. Auch er neigte sich auf die Seite des Friedens; denn er sah deutlich, daß wegen der großen Uebermacht ihrer Feinde, Gewalt unabänderlich zu ihrem Untergang führen würde.

Der Streifschütz hörte auf die Gründe des jungen Soldaten mit großer Aufmerksamkeit, und da sie mit der Festigkeit eines Mannes dargelegt wurden, der sein Urtheil nicht durch Besorgnisse geblendet werden ließ, verfehlten sie nicht, den gehörigen Eindruck zu machen.

»Es ist vernünftig,« begann der Streifschütz wieder, als der Andere seine Gründe gesagt hatte, »es ist sehr vernünftig; denn was der Mensch durch seine Kraft nicht bewegen kann, muß er durch List umgehen. Die Vernunft macht ihn stärker als der Büffel, schneller als das Rennthier. Nun bleibt ihr hier stehen und haltet euch in der Nähe. Mein Leben und Gewerb ist nur wenig werth, wenn das Wohl so vieler Menschenseelen auf dem Spiel steht, und vorzüglich darf ich sagen, ich verstehe mich auf die Windungen der Indianerlist. Deßwegen will ich allein auf die Steppe gehen. Es kann sein, daß ich noch die Augen der Sioux von dieser Stelle abziehen und euch Zeit und Raum zum Fliehen geben kann.«

Gleichsam entschlossen, auf keine Vorstellung zu hören, schulterte der Alte ruhig die Büchse, ging gemächlich durch das Dickicht und trat heraus auf die Ebene, an einem Punct, wo er zuerst den Sioux in die Augen fallen konnte, ohne Verdacht zu erregen, daß er aus dem Versteck kam.

Sobald die Gestalt eines Mannes im Jägergewand und mit der wohlbekannten und sehr gefürchteten Büchse vor den Sioux erschien, entstand eine merkliche, wiewohl unterdrückte Bewegung in der Bande. Die List des Streifschützen war in so weit gelungen, als es außerordentlich zweifelhaft blieb, ob er von einem Punct in der offenen Ebene, oder aus dem Dickicht käme, obgleich die Indianer immer noch häufige und verdachtsvolle Blicke auf das Versteck warfen. Sie hatten auf Pfeilschußweite von den Büschen Halt gemacht; aber als der Streifschütz nahe genug kam, um sehen zu lassen, daß die tiefe Farbe Roth und Braun, die die Zeit und das Ausgesetztsein der Luft seinen Zügen gegeben hatte, auf der eigentlichen Farbe eines Blaßgesichts lag, wichen sie langsam von der Stelle zurück, bis sie eine Entfernung erreichten, die die Kraft der Feuerwaffe weniger unheilvoll machen könnte.

Indeß schritt der Alte immer vorwärts, bis er nah genug gekommen, um ohne Schwierigkeit gehört zu werden. Hier blieb er stehen, brachte die Büchse zur Erde und erhob zum Friedenszeichen die Hand, das Innere auswärts gekehrt. Nachdem er einige Worte als Verweis zu seinem Hund gemurmelt, der die wilde Gruppe mit Augen bewachte, die sie als die früheren Gefangenwärter seines Herrn zu erkennen schienen, begann er in der Sioux-Sprache »Meine Brüder sind willkommen,« sagte er und stellte sich listig als Herrn des Landes dar, in dem sie auf einander getroffen, und nahm die Pflichten der Gastfreundschaft auf sich. »Sie sind weit von ihren Dörfern und hungrig; wollen sie mir zu meinem Lager folgen und essen und schlafen?«

Nicht sobald ward seine Stimme gehört, als ein Freudenschrei, der aus einem Dutzend Kehlen kam, den scharfsichtigen Streifschützen überzeugte, daß auch er erkannt worden. Er sah ein, es sei zum Rückzuge zu spät, benutzte also die Verwirrung, welche unter ihnen herrschte, und schritt, während Weucha ihn beschrieb, vor, bis er wieder Angesicht zu Angesicht vor dem furchtbaren Mahtoree selbst stand. Die zweite Zusammenkunft zwischen diesen beiden Männern, von denen jeder in seiner Art etwas Ungewöhnliches hatte, zeichnete sich durch die gewöhnliche Vorsicht der Grenze aus. Sie standen fast einen Augenblick und sahen einander an, ohne zu sprechen.

»Wo sind Eure jungen Leute?« fragte ernst der Teton-Häuptling, als er gefunden, daß die unbeweglichen Züge des Streifschützen unter seinem einschüchternden Blick keine von ihres Herrn Geheimnisse verrathen wollten.

»Die Langmesser kommen nicht in Banden, um dem Biber Fallen zu stellen; ich bin allein.«

»Euer Haupt ist weiß, aber Eure Zunge ist spitzig. Mahtoree ist in Euerm Lager gewesen. Er weiß, daß Ihr nicht allein seid.

Wo ist Euer junges Weib und der Krieger, den ich auf der Steppe fand?«

»Ich hab' kein Weib. Ich hab' meinem Bruder gesagt, daß das Weib und ihr Freund Fremde sind. Die Worte eines grauen Hauptes sollten gehört und nicht vergessen werden. Die Dahcotah fanden Wanderer schlafen und dachten, sie brauchten nicht Pferde. Die Weiber und Kinder eines Blaßgesichts sind nicht gewohnt, weit zu Fuß zu gehen. Laßt sie suchen, wo Ihr sie ließet.«

Die Augen des Tetons sprühten Feuer, als er antwortete:

»Sie sind fort, aber Mahtoree ist ein weiser Häuptling und seine Augen können weit sehen!«

»Sieht der Führer der Teton Leute auf diesen nackten Feldern?« entgegnete der Streifschütz mit großer Festigkeit. »Ich bin alt und meine Augen werden dunkel. Wo stehen sie?«

Der Häuptling blieb einen Augenblick stumm, als halte er es für erniedrigend, eine Thatsache länger zu bestreiten, über die er schon gewiß war. Dann deutete er auf die Spur am Boden und sagte mit einem plötzlichen Uebergang zur Milde in Aug und Haltung.

»Mein Vater hat in den vielen Wintern Weisheit gelernt, kann er mir sagen, wessen Stiefel diese Spur zurückgelassen?«

»Es sind Wölfe und Büffel auf den Steppen gewesen und auch an Cougar mag's nicht gefehlt haben.«

Mahtoree warf sein Auge auf das Dickicht, als wenn er die letztere Vermuthung nicht für unmöglich hielte. Er deutete nach der Stelle und befahl seinen Leuten, sie sorgsamer zu untersuchen, während er sie zugleich mit einem ernsten Blick auf den Streifschützen ermahnte, sich vor der Verrätherei der Großmesser zu wahren. Drei oder vier halbnackte, eifrig aussehende Jünglinge ließen ihren Pferden auf sein Wort die Zügel schießen und eilten davon, seinem Befehl zu gehorchen. Der Alte zitterte etwas für die Klugheit Paul's, als er diese Bewegung sah. Die Teton umkreisten zwei- oder dreimal die Stelle, sich jedesmal ihr mehr nähernd, und galoppirten dann zu ihrem Führer mit der Nachricht zurück, das Gehölz schien leer. Obgleich der Streifschütz Mahtoree's Auge bewachte, um die innere Bewegung seines Gemüths zu entdecken, und wo möglich voraus zu vermuthen, um seinen Verdacht zu berichtigen, konnte doch die äußerste Anstrengung eines Mannes, der so lange die kalten Gewohnheiten der indianischen Race studirt hatte, kein Zeichen, keinen Ausdruck wahrnehmen, der verrieth, in wie weit er dieser Botschaft Glauben schenkte. Statt auf die Benachrichtigung seiner Spionen etwas zu erwiedern, sprach er freundlich zu seinem Pferd, winkte einem Jüngling, den Zaum oder vielmehr Halfter zu halten, woran er das Thier lenkte, nahm den Streifschütz bei'm Arm, und führte ihn etwas seitwärts von den Uebrigen der Bande.

»Ist mein Bruder ein Krieger gewesen?« sagte der listige Teton in einem Ton, der verbindlich sein sollte.

»Bedecken die Blätter die Bäume zur Zeit der Frucht! Geht. Die Dahcotah haben nicht so viele lebendige Krieger gesehen, als ich in ihrem Blut! Aber was hilft eitle Rückerinnerung,« fügte er auf Englisch hinzu, »wenn die Glieder steif werden und das Gesicht fehlt?«

Der Häuptling betrachtete ihn einen Moment mit ernstem Blick, als wollte er das Falsche aufdecken, das er gehört, aber als er im ruhigen Auge, in der festen Miene des Streifschützen eine Bestätigung der Wahrheit dessen fand, was er gesagt hatte, nahm er die Hand des Alten und legte sie leise auf sein Haupt, zum Zeichen der Ehrfurcht, die des andern Jahren und Erfahrung gebührte.

»Warum denn sagen die Großmesser ihren rothen Brüdern, sie sollten den Tomahawk begraben,« entgegnete er, »wenn ihre jungen Leute nie vergessen, daß sie tapfer sind, wenn sie einander so oft mit blutiger Hand begegnen?«

»Meine Nation ist zahlreicher als die Büffel auf den Steppen oder die Tauben in der Luft. Ihre Streitigkeiten sind häufig, doch sind ihrer Krieger wenig. Niemand zieht uns auf den Weg des Kriegs als die, welche begabt sind mit den Eigenschaften eines Tapfern, und deßwegen sehen solche viele Schlachten.«

»So ist es nicht, – mein Vater irrt sich,« entgegnete Mahtoree, und überließ sich einem Lächeln vor Freude über seine Scharfsicht, während er zu gleicher Zeit die Stärke seiner Verneinung aus Ehrfurcht vor den Jahren und Diensten eines solchen Greises milderte. »Die Großmesser sind sehr weise, sind Männer, sie alle möchten Krieger sein, und die Rothhäute Wurzeln graben und Korn schneiden lassen. Aber ein Dahcotah ist nicht geboren, um wie ein Weib zu leben, er muß den Pawnee und Omahaw schlagen oder wird den Namen seiner Väter verlieren.«

»Der Herr des Lebens sieht mit offenem Auge auf seine Kinder, die in einer Schlacht fallen, die für das Recht gekämpft wird, aber er ist blind, und seine Ohren sind dem Geschrei des Indianers verschlossen, der getödtet wird, während er plünderte, und Uebel that seinem Nachbar.«

»Mein Vater ist alt,« sagte Mahtoree und sah auf seinen bejahrten Gefährten mit einem Ausdruck voll Hohn, der hinlänglich zeigte, daß er einer von jenen war, die die Schranken der Erziehung überschreiten und vielleicht ein wenig geneigt sind, die Geistesfreiheit zu mißbrauchen, die sie so erlangen. »Er ist sehr alt; hat er eine Reise gemacht in das ferne Land und ist in dem Gewirr gewesen, um zurückzukommen und den Jüngeren zu erzählen, was er gesehen?«

»Teton,« entgegnete der Streifschütz, und stieß den Kolben seiner Büchse mit wilder Wuth auf den Boden und betrachtete seinen Gefährten mit festem Ernst, »ich habe gehört, daß es Leute unter meinem Volke gibt, die ihre großen Arzneien studiren, bis sie sich für Götter halten, und die über jeden Glauben lachen, ihre eigene Eitelkeit ausgenommen. Es mag wahr sein; es ist wahr, denn ich habe sie gesehen. Wenn der Mensch in Städten und Schulen eingeschlossen ist mit seinen Thorheiten, mag es leicht sein, daß er sich für größer hält, als den Herrn des Lebens, aber ein Krieger, der in einem Hause lebt, dessen Dach die Wolken sind, wo er in jedem Augenblick beides, den Himmel und die Erde betrachten kann, und der täglich die Macht des großen Geistes sieht, der wird demüthiger sein. Ein Dahcotah-Häuptling muß zu weise sein, um über Gerechtigkeit zu lachen.«

Der listige Mahtoree, welcher sah, daß seine freie Denkungsart nicht leicht einen günstigen Eindruck auf den Alten machen möchte, veränderte sogleich den Gegenstand des Gesprächs, indem er auf den eigentlicheren Zweck ihrer Unterredung kam. Er legte dem Streifschützen freundlich die Hand auf die Schulter, und führte ihn weiter, bis sie beide fünfzig Fuß vom Rand des Dickichts standen. Hier heftete er seine forschenden Augen auf des Andern ehrliche Mienen, und fuhr fort:

»Wenn mein Vater seine jungen Leute im Gebüsch versteckt hat, so lasse er sie hervorkommen. Ihr seht, ein Dahcotah fürchtet sich nicht. Mahtoree ist ein großer Häuptling. Ein Krieger, dessen Haupt weiß ist, und der bald in das Land der Geister geht, kann nicht doppelzüngig sein wie eine Schlange.«

»Dahcotah, ich hab' keine Lüge gesagt. Seit der große Geist mich zum Mann gemacht, hab' ich in der Wildniß gelebt, oder in diesen nackten Steppen ohne Haus und Familie. Ich bin ein Jäger und geh' meinen Pfad allein!«

»Mein Vater hat einen guten Carabiner, Er richte ihn in's Gebüsch und feuere.«

Der Alte zögerte einen Augenblick, und machte sich dann langsam bereit, um den gefährlichen Beweis von der Wahrheit seiner Rede zu geben, da er wohl einsah, seines listigen Gefährten Verdacht könne auf andere Weise nicht beschwichtigt werden. Als er seine Buchse richtete, eilte sein Auge, obwohl vom Alter sehr dunkel und geschwächt, über die wirre Menge der Dinge hin, die in dem bunten Laub des Dickichts verborgen lag, bis es die braune Decke eines kleinen Baumstamms gewahrte; diesen Gegenstand im Auge, schlug er die Büchse an und feuerte. Die Kugel hatte kaum den Lauf verlassen, als des Schützen Hand ein Zittern befiel, das, wenn es einen Augenblick früher gekommen, ihn gänzlich unfähig gemacht zu so gewagtem Beginnen. Ein schreckliches Schweigen von einem Augenblick folgte auf den Schuß, während dessen er das Geschrei der Weiber zu hören erwartete, und dann, als der Rauch im Wind wegwirbelte, erblickte er die zerschossene Rinde, und überzeugte sich, daß all seine frühere Geschicklichkeit ihn nicht ganz verlassen. Das Gewehr kam zu Boden und er wandte sich wieder mit einem Blick des größten Gleichmuths zum Wilden und fragte:

»Ist mein Bruder zufrieden?«

»Mahtoree ist ein Häuptling der Dahcotah,« entgegnete der listige Teton und legte die Hand auf die Brust, zum Zeichen, daß er des andern Aufrichtigkeit anerkenne. »Er weiß, daß ein Krieger, der an so vielen Rathsfeuern geraucht, bis sein Haupt weiß ward, nicht in schlechter Gesellschaft gefunden werden wird. Aber ritt nicht einst mein Vater ein Pferd, gleich einem reichen Häuptling der Blaßgesichter, statt wie ein hungriger Konza zu Fuß zu gehen?«

»Nie. Wahconda hat mir Beine gegeben und den Entschluß, sie zu gebrauchen. Sechzig Sommer und Winter zog ich in Amerika's Wäldern herum, und dann haben traurige Jahre mich in diese Steppen gebracht, ohne daß ich nöthig gehabt, oft die Gaben der andern Geschöpfe des Herrn anzusprechen, um mich von Ort zu Ort zu bringen.«

»Wenn mein Vater so lange in den Schatten gelebt, warum ist er auf die Steppen gekommen? Die Sonne wird ihn brennen.«

Der Alte sah sich für einen Augenblick traurig um, und wandte sich dann mit einer Art von Zutrauen zum Andern, als er erwiederte:

»Ich brachte den Frühling, Sommer und Herbst des Lebens unter den Bäumen zu. Der Winter meiner Tage war gekommen, und fand mich, wo ich gern sein mochte, in der Ruhe, – ja und in der Ehrlichkeit der Wälder. Teton, damals schlief ich glücklich, wo mein Auge aufschauen konnte durch die Zweige der Tannen und Birken zur Wohnung des guten Geistes meines Volks. Wenn ich Noth hatte, mein Herz ihm zu öffnen, während seine Lichter über meinem Haupte brannten, fand ich die Thüre offen und vor meinen Augen. Aber die Aexte der Holzfäller weckten mich. Lange Zeit hörten meine Ohren nichts als den Lärm der Anbauung. Ich ertrug es wie ein Krieger und Mann; ich hatte meine Ursache dazu, aber als diese Ursache nicht mehr da war, beschloß ich, diesen verfluchten Lärm zu meiden. Es war eine schwere Probe für meinen Muth und meine Gewohnheiten; aber ich hatte von diesen weiten, nackten Feldern gehört, und kam hierher, der zerstörenden Wuth meines Volks zu entgehen. Sagt mir, Dahcotah, hab' ich nicht wohl gethan?«

Der Streifschütz legte, als er endete, seine langen, dürren Finger auf die nackte Schulter des Indianers, und schien dessen Glücklichpreisen über seine Klugheit und seinen Erfolg mit einem rauhen Lächeln zu erwarten, worin sich seltsam Triumph mit Trauer mischte. Sein Gefährte hörte aufmerksam zu, und erwiederte auf die Frage, indem er in der seinem Stamme eigenthümlichen kurzen Weise sagte:

»Das Haupt meines Vaters ist sehr grau, er hat immer unter Menschen gelebt, und Alles gesehen. Was er thut ist gut, was er spricht ist weise. Nun laßt ihn sagen, ob er sicher mit den Langmessern unbekannt ist, die überall in den Steppen nach ihrem Vieh suchen und es nicht finden können.«

»Dahcotah, was ich gesagt, ist wahr. Ich leb' allein, und hab' nie zu schaffen mit den Leuten, deren Haut weiß ist, wenn – –«

Sein Mund schloß sich plötzlich durch eine Unterbrechung, die eben so niederschlagend als unerwartet war. Die Worte lagen noch auf seiner Zunge, als die Büsche auf der Seite des Dickichts, wo sie standen, sich öffneten, und die ganze Gesellschaft, die er eben verlassen und zu deren Gunsten er sich bemühte, seine Wahrheitsliebe mit der Nothwendigkeit zu täuschen, zu vereinigen, offen hervortrat. Eine Pause stummen Erstaunens folgte auf diesen überraschenden Anblick. Dann deutete Mahtoree, der durch nichts sein Verwundern und Staunen verrieth, das ihn wirklich befiel, auf die herankommenden Freunde des Streifschützen mit einer Art angenommener Höflichkeit und einem Lächeln, das sein stolzes, finsteres Gesicht erleuchtete, wie der Blick der untergehenden Sonne die ungeheuern Massen und furchtbare Ladung der Wolke darstellt, die bis zum Bersten mit elektrischem Stoffe gefüllt ist. Doch hielt er es nicht für würdig zu reden, oder ein anderes Zeichen seines Plans zu geben, als daß er die ferne Bande zu sich rief, die auf seinen Befehl mit der Schnelligkeit ergebener Unterworfenen herbeisprangen.

Indeß schritten die Freunde des Alten immer voran. Middleton war der vorderste und führte die leichte, feenartige Gestalt der Inez, auf deren ängstliches, ausdrucksvolles Gesicht er zu Zeiten Blicke einer zarten Theilnahme warf, wie in ähnlichen Umständen sie ein Vater auf sein Kind richten würde. Paul geleitete Ellen dicht hinter ihnen. Aber, während das Auge des Bienenjägers seine blühende Gefährtin nicht versäumte, schaute es trotzig, und glich mehr dem Blick des finstern, fliehenden Bären, als dem sanften Ausdruck eines begünstigten Begleiters. Obed und der Esel kamen zuletzt, und jener führte diesen mit einem Grade von Güte, die kaum von einem Andern in der Gesellschaft übertroffen wurde. Der Gang des Naturforschers war weit weniger schnell als der jener, die ihm vorangingen. Sein Fuß schien gleich unwillig, vorzuschreiten als stehen zu bleiben, seine Lage hatte große Ähnlichkeit mit der von Mahomed's Sarg, nur mit dem Unterschied, daß mehr die Repulsions- als Attractionskraft ihn im Stand der Ruhe hielt. Die Repulsivkraft hinter ihm schien jedoch vorzuherrschen, und nach einer sonderbaren Ausnahme, wie er selbst gesagt haben würde, von allen philosophischen Grundsätzen, schien sie durch Entfernung eher zu wachsen als abzunehmen. Da die Augen des Naturforschers standhaft eine Richtung behaupteten, die seinem Weg entgegengesetzt war, dienten sie dazu, denen der Beobachter aller dieser Bewegungen eine Richtung zu geben, und lieferten mit einem Mal einen guten Schlüssel, durch den man sich das Geheimniß eines so plötzlichen Hervorbrechens aus dem Versteck öffnen konnte.

Ein zweiter Haufe stattlicher, bewaffneter Männer ward in nicht weiter Entfernung bemerkt, der eben um die Spitze des Gehölzes herumkam und gerade, jedoch vorsichtig, auf die Stelle zuging, wo die Bande der Sioux stand; so sieht man oft eine Schwadron Kreuzer über die Weite der Wasser auf die reichen aber wohlgeschützten Handelsschiffe lossteuern. Kurz die Familie des Auswanderers oder wenigstens solche von ihr, die Waffen tragen konnten, erschienen auf der weiten Steppe, offenbar begierig ihre Schmach zu rächen.

Mahtoree und sein Haufe zog sich langsam vom Dickicht zurück, sobald er die Fremden ansichtig ward, und hielt auf einer Erhöhung, die eine weite und ungehinderte Aussicht auf die nackten Felder gewährte, auf denen sie standen. Hier schien der Dahcotah entschlossen, Posto zu fassen, und es zur Entscheidung kommen zu lassen. Trotz dieses Rückzugs, auf dem er den Streifschützen nöthigte, ihn zu begleiten, ging Middleton immer vorwärts, bis er auch auf derselben Anhöhe und in gehöriger Entfernung von den kriegerischen Sioux hielt. Die Grenzwohner nahmen ebenfalls eine günstige Stellung ein, obwohl in weit größerer Entfernung. Die drei Gruppen glichen jetzt eben so vielen Flotten auf der See, die die Segel am Mast in der lobenswerthen Absicht stille legen, zu erforschen, wen von den Fremden sie als Freund oder Feind betrachten sollten.

Während dieses augenblicklichen Aufschubs fuhr das schwarze drohende Auge Mahtoree's von einem Haufen der Fremden zum andern, scharf und hastig beobachtend, und wandte dann seinen durchbohrenden Blick auf den Alten. Er sagte in hohem, bittern Unwillen:

»Die Langmesser sind Thoren! Es ist leichter den Cougar schlafend als einen blinden Dahcotah zu finden. Glaubten die Weißen, sie würden auf dem Pferd eines Sioux reiten?«

Der Streifschütz, welcher Zeit gefunden, seine verwirrten Seelenkräfte zu sammeln, sah sogleich, daß Middleton, als er Ismael auf der Spur bemerkte, auf der er geflohen, sich lieber der Gastfreundschaft der Wilden als der Behandlung hatte überlassen wollen, die er wahrscheinlich vom Auswanderer hätte erdulden müssen. Er entschloß sich daher, der Aufnahme seiner Freunde das Wort zu reden, da er fand, daß diese unnatürliche Vereinigung nöthig geworden, um das Leben, wenn nicht die Freiheit der Gesellschaft zu sichern.

»Machte mein Bruder sich je auf den Weg, um mein Volk zu schlagen?« fragte er ruhig den unwilligen Häuptling, der noch seine Antwort erwartete.

Der finstere Blick des Tetonkriegers verlor in so weit seine Strenge, als er einen Strahl von Lust und Triumph dessen Wildheit mäßigen ließ. Er bewegte seinen Arm in einem Zirkel und antwortete:

»Welcher Stamm und welche Nation hat nicht die Schläge der Dahcotah gefühlt? Mahtoree ist ihr Haupt.«

»Und hat er die Großmesser als Weiber gefunden, oder als Männer?«

Eine Menge wilder Leidenschaften schienen gegen einander in dem trotzigen Gesicht des Indianers zu kämpfen, als er diese Frage vernahm. Für einen Augenblick schien unauslöschlicher Haß die Oberhand zu behaupten, und dann bemeisterte sich ein edler Ausdruck, einer, der besser dem Charakter eines tapferen Kriegers angemessen war, seiner Züge, und behauptete sich, bis er sein leichtes Gewand von bemalter Rehhaut abwarf, und auf die Narbe eines Bayonnetstichs deutend antwortete:

»Es ward gegeben, wie es genommen ward, Angesicht zu Angesicht.«

»Es ist genug. Mein Bruder ist ein tapferer Häuptling, und sollte auch ein weiser sein. Möge er sehen. Ist das ein Krieger von den Blaßgesichtern? War es so einer, der dem großen Dahcotah die Wunde beibrachte?«

Die Augen Mahtoree's folgten der Richtung der ausgestreckten Hand des Alten und fielen auf die zitternde Gestalt der Inez. Der Blick des Teton währte lang, war fest und bewundernd. Wie der des jungen Pawnee glich er mehr dem Staunen eines Sterblichen auf ein himmlisches Gebild als der Bewunderung, womit man selbst die Lieblichkeit einer Frau zu betrachten pflegt.

Auffahrend, als bemerke er plötzlich seine Selbstvergessenheit, wandte der Häuptling zunächst seine Augen auf Ellen, wo sie einen Augenblick mit einem weit merklicheren Ausdruck von Bewunderung verweilten, und dann ihren Lauf fortsetzten, bis sie nochmals jeden einzelnen der Gesellschaft betrachtet hatten.

»Mein Bruder sieht, daß meine Zunge nicht falsch ist,« fuhr der Streifschütz fort und bewachte die Bewegungen, die der Andere verrieth, mit einer Schnelligkeit der Auffassung, die der des Tetons selbst wenig nachgab. »Die Großmesser schicken ihre Weiber nicht in den Krieg. Ich weiß, der Dahcotah wird mit den Fremden rauchen.«

»Mahtoree ist ein großer Häuptling. Die Großmesser sind willkommen;« sagte der Teton und legte seine Hand mit einer Art nachläßiger Höflichkeit, die jeder Gesellschaft Ehre gemacht haben würde, auf die Brust. »Die Pfeile meiner jungen Leute sind in den Köchern.«

Der Streifschütz winkte Middleton, heranzukommen und in wenig Augenblicken waren die beiden Parteien vereinigt, nachdem jeder der Männer freundliche Grüße nach Art der Steppenkrieger gewechselt hatte. Aber selbst während sie auf diese gastfreundliche Weise beschäftigt waren, unterließ der Dahcotah nicht, ein strenges Auge auf die entferntere Gruppe der Weißen zu haben, als argwöhne er noch eine List, oder suche weitere Erklärung. Der Alte seinerseits sah die Nothwendigkeit ein, weitläufiger zu werden und den geringen, zweideutigen Vortheil sich zu sichern, den er schon erlangt hatte. Während er sich stellte, als untersuche er die Gruppe, die nah an der Stelle zögerte, wo sie zuerst Halt gemacht, gleichsam um den Charakter der Gegenüberstehenden zu entdecken, sah er deutlich, daß Ismael geradezu Feindseligkeiten bezwecke. Das Ergebniß eines Kampfes auf der offnen Steppe zwischen einem Dutzend entschlossener Grenzleute und den halbbewaffneten Eingebornen, selbst wenn sie von ihren weißen Verbündeten unterstützt würden, war nach seinem erfahrnen Urtheil ein sehr ungewisser Punct, und obwohl weit entfernt, für seine eigene Person dem Kampf abgeneigt zu sein, hielt es doch der bejahrte Streifschütz für weit passender für seine Jahre und seinen Charakter, den Streit zu vermeiden, als ihn zu suchen. Seine Gefühle waren aus sehr naheliegenden Ursachen, mit denen Paul's und Middletons in Uebereinstimmung, da diese noch weit kostbarere Leben als ihre eignen zu bewahren und zu schützen hatten. In dieser Lage beratschlagten die drei über die Mittel, den schrecklichen Folgen zu entgehen, welche unmittelbar aus einem feindseligen Act der Grenzwohner hervorgehen mußten, und der Alte trug Sorge, daß ihre Unterredung in den Augen derer, welche den Ausdruck ihres Antlitzes mit eifersüchtiger Aufmerksamkeit bewachten, nur als Erklärung über die Ursache erschiene, die solch einen Haufen Reisender in die Steppen gebracht.

»Ich weiß, daß die Dahcotah ein weises und großes Volk sind;« begann endlich der Streifschütz und wandte sich wieder an den Häuptling, »aber kennt ihr Anführer keinen einzigen Bruder, der schlecht ist?«

Mahtoree's Auge durchlief stolz seine Bande, aber ruhte einen Augenblick mit Widerwillen auf Weucha, als er antwortete:

»Der Herr des Lebens hat Häuptlinge gemacht und Krieger und Weiber, damit wollte er alle Stufen der menschlichen Herrlichkeit von der höchsten zur niedrigsten umfaßt wissen.«

»Und er hat auch Blaßgesichter gemacht, die schlecht sind? Das sind die, welche mein Bruder dort sieht.«

»Kommen sie zu Fuß, um Uebel zu thun?« fragte der Teton mit einem wilden Blick, der hinlänglich verrieth, wie gut er die Ursache wisse, warum sie so herabgekommen.

»Ihre Thiere sind fort, aber ihr Pulver und Blei und ihre Decken sind noch da.«

»Tragen sie ihren Reichthum in der Hand, wie die ärmsten Konza? Oder sind sie tapfer und lassen ihn bei den Weibern, wie Leute thun sollen, die wieder zu finden wissen, was sie verloren haben.«

»Mein Bruder sieht die blaue Stelle dort über der Steppe, seht, die Sonne hat sie zum letzten Mal für heute berührt.«

»Mahtoree ist kein Maulwurf.«

»Es ist ein Felsen, und auf ihm ist die Habe der Großmesser.«

Ein Ausdruck wilder Freude schoß in das finstere Antlitz des Tetons, als er es hörte; er wandte sich zu dem Alten, als wolle er in seiner Seele lesen, und sich versichern, daß er nicht getäuscht würde. Dann richtete er seinen Blick auf Ismael's Begleiter und zählte sie.

»Einer fehlt,« sagte er.

»Sieht mein Bruder die Krähen? Dort ist sein Grab. Fand er Blut auf der Steppe, es war seins.«

»Genug, Mahtoree ist ein weiser Häuptling. Setzt Eure Weiber auf der Dahcotah Pferde, wir werden sehen, unsere Augen sind weit offen.«

Der Streifschütz verlor keine unnöthigen Worte mit weiterer Erklärung. Bekannt mit der Kürze und Schnelligkeit der Eingebornen, theilte er sogleich das Ergebniß seinen Gefährten mit. Paul saß in einem Augenblick zu Pferde, Ellen mit ihm. Einige Augenblicke mehr waren nöthig, um Middleton von der Sicherheit und Bequemlichkeit der Inez zu versichern. Während er so beschäftigt war, trat Mahtoree an die Seite des Thieres, das er zu diesem Dienst bestimmt hatte und welches sein eigen war und zeigte seine Absicht, seinen gewöhnlichen Platz darauf einzunehmen. Der junge Soldat ergriff den Zügel des Pferdes und Blicke plötzlicher Wuth und hohen Stolzes wurden zwischen ihnen gewechselt.

»Niemand nimmt diesen Sitz ein, als ich selbst,« sagte Middleton streng auf Englisch.

»Mahtoree ist ein großer Häuptling,« entgegnete der Wilde, ohne nur den Sinn seiner Worte zu verstehen.

»Der Dahcotah wird zu spät kommen,« lispelte der Alte an seiner Seite; »seht, die Langmesser sind erschreckt und werden bald davon laufen.«

Der Teton-Häuptling gab sogleich seinen Anspruch auf, warf sich auf ein anderes Pferd, und wies einen seiner Leute an, für den Streifschützen auch eines herbeizuschaffen. Die Abgestiegenen setzten sich hinter ihren Gefährten auf. Doctor Battius bestieg den Esel, und trotz der kurzen Unterbrechung, war die Gesellschaft in halb der Zeit, die wir zum Erzählen gebraucht haben, bereit, aufzubrechen.

Als er sah, daß Alles geschehen, gab Mahtoree das Zeichen zum Abmarsch. Einige der Bestberittenen, mit dem Häuptling selbst, waren ein wenig voraus und machten eine drohende Demonstration, als wollten sie die Andern angreifen. Der Auswanderer, der in der That sich langsam zurückzog, machte sogleich Halt und bot willig die Spitze. Statt jedoch in den Bereich der gefährlichen Westflinte zu kommen, jagten die gewandten Wilden um die Fremdlinge herum, bis sie, die letztern in beständiger Erwartung eines Angriffs haltend, einen Halbkreis um sie beschrieben hatten. Dann der Erreichung ihres Zweckes gewiß, erhoben die Teton ein lautes Geschrei und schossen in gerader Linie über die Steppe auf den fernen Felsen los, so sicher und fast eben so schnell, wie ein Pfeil, der eben dem Bogen entflohen.

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