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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Achtzehntes Kapitel.

Die Maske ist Philemons Dach,
Im Haus ist Jupiter's.

Shakspeare.

 

Der Streifschütz, der keine Gewaltthätigkeit im Sinne hatte, senkte seine Büchse wieder und über den Erfolg seines Experiments lachend, denn groß schien seine Selbstzufriedenheit, zog er den erstaunten Blick des Naturforschers von dem Wilden auf sich selbst, indem er sagte:

»Die Wichte liegen Euch Stunden lang, wie schlafende Krokodille, und brüten über ihren Teufeleien und andern Ränken, bis wirkliche Gefahr droht, und dann sorgen sie für sich, wie andere Leute. Das ist ein Spion in seinem Kriegsfirniß! Es werden noch mehr von seinem Stamm in nicht großer Entfernung sein. Laßt uns aus ihm die Wahrheit herauspressen, denn ein unglücklicher Streit könnte uns gefährlicher werden, als ein Besuch von der ganzen Familie des Wanderers.«

»Es ist in der That eine verzweifelte, gefährliche Species!« sagte der Doctor und erholte sich von seinem Erstaunen durch ein Aufathmen, das alle Luft aus seinen Lungen zu ziehen schien; »eine gewaltthätige Race, eine, die schwer zu bestimmen oder in die gewöhnlichen Schranken der Definitionen einzuclassen ist. Sprecht also mit ihm, aber laßt Eure Worte bei aller Freundschaft streng sein.«

Der Alte warf einen scharfen Blick um sich, als wolle er sich des wichtigen Umstands vergewissern, ob der Unbekannte von Gefährten unterstützt werde, machte dann die gewöhnlichen Friedenszeichen, indem er seine flache, nackte Hand hinhielt, und schritt kühn vor. Indeß zeigte der Indianer nicht die geringste Unruhe. Er ließ den Streifschützen herbeikommen, und behielt in Miene und Stellung alle Würde und Furchtlosigkeit bei. Vielleicht wußte der kluge Streiter auch, daß wegen der Verschiedenheit ihrer Waffen er unter gleichmäßigeren Bedingungen kämpfen würde, wenn er den Angekommenen näher gebracht worden. Da eine Beschreibung dieses Menschen eine Idee von dem Aeußern der ganzen Race geben kann, mag es gut sein, wenn wir die Erzählung aufhalten, um sie hastig und unvollkommen dem Leser vorzulegen. Wollten die scharfsichtigen Augen eines Alston und Leslie sich nur für kurze Zeit von ihrem Anstaunen der Musterbilder des Alterthums wegwenden, um dies verworfene und herabgewürdigte Volk zu betrachten, dann würde wenig für so geringe Künstler, als wir sind, zu zeichnen übrig bleiben.

Der in Frage stehende Indianer war in jeder Hinsicht ein Krieger von schöner Statur und wunderbaren Verhältnissen. Als er seine Maske abwarf, die aus verschiedenfarbigen Blättern bestand, wie er sie eilig zusammengerafft hatte, erschien sein Antlitz in all dem Ernst, der Würde und, man kann hinzufügen, dem Schrecken seines Standes. Seine Gesichtszüge waren auffallend edel, und den römischen sich nähernd, wiewohl einigen geringeren die wohlbekannten Spuren seines asiatischen Ursprungs eingedrückt waren. Der besondere Teint der Haut, der schon an und für sich so sehr geeignet ist, den kriegerischen Ausdruck zu unterstützen, hatte durch die Farben der Kriegerschminke noch einen eigenen Anstrich von Wildheit bekommen. Aber als verschmähe er die gewöhnlichen Kunstgriffe seines Volkes, trug er nichts von jenen sonderbaren, schreckhaften Abzeichen, womit die Kinder des Waldes, wie die gebildeteren schnurrbärtigen Helden, den Ruf ihres Muthes auf die Nachwelt zu bringen pflegen, und begnügte sich mit breiten, dunkelschwarzen Linien, die eine hinlängliche und bewunderungswürdige Folie für den größeren Glanz seiner natürlichen Schwärze waren. Sein Haupt war, der Sitte gemäß, bis zum Wirbel rasirt, wo eine große, mächtige Scheitellocke furchtlos den Griff seiner Feinde herauszufordern schien. Der Schmuck, der im Frieden von dem Knorbel seiner Ohren herabhing, war entfernt worden, seines gegenwärtigen Vorhabens wegen. Sein Leib war trotz der späten Jahrszeit fast nackt, und der bekleidete Theil trug keine wärmere Bekleidung als einen leichten Kittel von fein zubereiteter Rehhaut, die sehr schön mit dem rohen Gemälde eines kühnen Abenteuers geschmückt und sorglos umgeworfen war, gleichsam mehr zum Putz als aus einer unmännlichen Rücksicht auf Bequemlichkeit. Seine Beinbekleidung bestand aus glänzendem Scharlachtuch, das einzige Zeichen an ihm, daß er Gemeinschaft gehabt mit den Handelsleuten der blassen Gesichter. Aber gleichsam um einen Gegensatz gegen diesen einzigen weibischen Schmuck zu bilden, war sie furchtbar von dem geschnürten Knie bis zur Sohle der Halbstiefel mit dem Haar von Menschenschädeln behangen. Er lehnte sich leicht mit der einen Hand auf einen kleinen Bogen, während die andere die zierlich gearbeitete Handhabe einer langen Eschenlanze mehr berührte, als Stütze durch sie suchte. Ein Helm von Cougarhaut, an dem als eine auszeichnende Zierde der Schwanz des Thiers noch herabhing, war auf seinem Rücken befestigt, und ein Schild von Häuten, schön mit einer andern von seinen kriegerischen Thaten bemalt, hing an einem Sehnenbündel an seinem Nacken.

Als der Streifschütz sich näherte, behielt dieser Krieger seine ruhige, aufrechte Stellung bei, und verrieth weder Begierde, den Charakter derer zu untersuchen, die sich ihm näherten, noch den geringsten Wunsch, ihre auf ihn gerichtete forschende Blicke zu vermeiden. Ein Auge, das dunkler und glänzender war, als das eines Hirsches, richtete sich jedoch unaufhörlich von einem zum andern der Fremden und schien nie Ruhe für einen Augenblick zu kennen.

»Ist mein Bruder weit von seinem Dorf?« fragte der Alte in der Pawnee-Sprache, nachdem er die Schminke und die andern kleinen Zeichen untersucht hatte, woran ein geübtes Auge den Stamm der Krieger, mit denen es in den amerikanischen Wüsten zusammentrifft, ganz mit derselben Leichtigkeit, und durch dieselbe Art geheimnisvoller Beobachtung erkennt, mit der der Seemann das entfernte Segel unterscheidet.

»Es ist weiter nach den Städten der Großmesser zu,« war die lakonische Antwort.

»Warum ist ein Pawnee-Wolf so weit von der Gabel seines Flusses, ohne ein Pferd, darauf zu reisen, und in so ödem Ort wie dieser?«

»Können die Weiber und Kinder eines Blaßgesichts ohne Bisonfleisch leben? Es war Hunger in meiner Hütte.«

»Mein Bruder ist zu jung, um schon eine eigene Hütte zu haben,« entgegnete der Streifschütz und sah fest in das unbewegte Gesicht des jungen Wilden; »aber ich muß sagen, er ist tapfer und mancher Häuptling mag ihm seine Töchter angeboten haben. Aber hat er sich nicht vergessen (er deutete auf den Pfeil, den er in der Hand hatte, welche zugleich den Bogen hielt) hat er sich nicht vergessen, daß er einen losen Pfeil mit einem Barte führt, um damit den Büffel zu tödten. Wollen die Pawnee durch die Wunden das Wild verderben?«

»Er ist für die Sioux gut; sieht man sie auch nicht, kann selbst ein Busch sie verbergen.«

»Der Mann ist ein schlagender Beweis für die Wahrheit seiner Worte,« murmelte der Streifschütz auf Englisch; »und ein festgebauter, kräftiger Junge ist es, aber nicht alt genug, um ein Häuptling von einiger Wichtigkeit zu sein. Es ist jedoch gut, mit ihm gütig zu sprechen, denn ein einziger Arm, der zur einen oder andern Partei hinzukommt, kann, wenn es mit dem Wanderer und seinen Söhnen zu Schlägen kommt, den Ausschlag geben. Ihr seht, meine Kinder sind müde,« fuhr er in der Sprache der Steppe fort, und deutete, als er sprach, auf den übrigen Haufen, der um diese Zeit auch herankam. »Wir möchten uns lagern und etwas essen. Gehört meinem Bruder diese Stelle?«

»Die Wandernden von dem Volk am großen Fluß sagen uns, daß Eure Nation mit den Pawnee-Gesichtern gehandelt hat, die über dem Salzsee wohnen, und daß die Steppen jetzt der Jagdgrund der Langmesser sind.«

»Es ist wahr; ich hab's auch von den Jägern und Streifschützen am La Plata gehört, aber mit den Frenchern (Franzosen?), nicht mit den Leuten, denen die Mexiko gehören, hat mein Volk den Handel geschlossen.«

»Und Krieger ziehen dem langen Fluß hinauf, um zu sehen, ob sie nicht bei ihrem Kauf betrogen worden sind?«

»Ei, auch das ist theilweise wahr, fürcht' ich, und es wird nicht lange dauern, und eine verfluchte Bande von Häuslern und Colonisten wird ihnen auf dem Fuße folgen, um die Wildniß zu unterjochen, die so breit und reich daliegt an den Westküsten des Mississippi, und dann wird das Land eine bevölkerte Wüste werden von dem Hauptsee bis zum Fuß der Felsgebirge, erfüllt mit allem Verabscheuungswürdigen, aller List des Menschen, und des Trostes, der Lieblichkeit beraubt, die sie aus den Händen des Herrn empfing!«

»Und wo waren die Häuptlinge der Pawnee-Wölfe, als dieser Handel geschlossen ward?« fragte plötzlich der junge Krieger, und ein Blick hohen Stolzes schoß zugleich aus seinem dunkeln Gesicht. »Kann man eine Nation verkaufen wie ein Bieberfell?«

»Sehr recht, und wo waren ferner Wahrheit und Edelmuth? Aber Gewalt ist Recht nach dem Gang der Welt, und was die Mächtigen thun wollen, muß der Schwache Gerechtigkeit nennen. Wenn man auf der Wahcondah Gesetz eben so hörte, Pawnee, als auf die Gesetze der Langmesser, würde Euer Recht auf die Steppen so gut sein als das des größten Häuptlings in den Colonieen auf das Haus, das sein Haupt schirmt.«

»Die Haut des Reisenden ist weiß,« sagte der junge Eingeborne und legte ausdrucksvoll einen Finger auf die harte, schwülenvolle Hand des Streifschützen. »Spricht sein Herz das, und seine Zunge etwas Anderes?«

»Der Wahcondah, der Weiße hat Ohren und verschließt sie vor der Lüge! Seht auf mein Haupt, gleicht es nicht der erfrorenen Tanne, muß es nicht bald in der Erde ruhen? Warum denn sollt ich vor den großen Geist treten wollen, von Angesicht zu Angesicht; während sein Blick finster auf mir wäre?«

Der Pawnee warf mit Anstand seinen Schild über die eine Schulter, steckte die Hand in seinen Gürtel, und beugte sein Haupt ehrerbietig vor den grauen Locken, die der Streifschütz zeigte, worauf sein Auge fester ward und sein Blick weniger stolz. Noch behielt er all sein Mißtrauen und seine Wachsamkeit bei, die mehr gemäßigt und unterdrückt als vergessen ward. Als diese zweideutige Art von Freundschaft zwischen dem Krieger der Steppen und dem alten, erfahrenen Streifschützen geschlossen worden, gab der letztere seinem Gefährten Paul die nöthige Anweisung wegen der Anordnung des beabsichtigten Halts. Während Inez und Ellen abstieg und der Bienenjäger und Middleton für ihre Bequemlichkeit sorgte, ward die Unterhaltung fortgesetzt, manchmal in der Sprache der Eingebornen, aber oft, da Paul und der Doctor sich unter die Hauptredenden mischten, in der englischen Sprache. Es war ein scharfer, schwerer Wettkampf zwischen dem Pawnee und dem Streifschützen, in welchem jeder die Pläne des andern zu entdecken suchte, ohne den Antheil zu verrathen, den er an der Erforschung nahm. Wie man erwarten konnte, da der Kampf zwischen den Gegnern so gleich war, entsprach der Erfolg des Streits den Erwartungen keines von beiden. Der Letztere hatte all die Fragen, die Scharfsinn und Uebung ihm eingeben konnte, so gestellt, um über den Zustand des Stammes der Wölfe, ihre Ernten, ihren Vorrath an Lebensmitteln für den folgenden Winter, ihre Verhältnisse zu ihren verschiedenen kriegerischen Nachbarn Auskunft zu erhalten, ohne jedoch eine Antwort herauszulocken, die im Geringsten die Ursache angab, warum er einen einzelnen Krieger so fern von seinem Volk antraf. Auf der andern Seite waren die Fragen des Indianers, während sie weit würdevoller und zarter waren, gleich scharfsinnig. Er sprach über den Zustand des Pelzhandels, über das Glück oder Unglück vieler weißen Jäger, denen er entweder begegnet war, oder die er hatte nennen hören, und deutete selbst auf die beständigen Fortschritte hin, die die Nation seines großen Vaters, wie er vorsichtig die Regierung der Staaten nannte, nach dem Jagdgrund seines Stammes hinmachte. Es war jedoch nach der sonderbaren Mischung von Antheil, Verachtung und Unwillen, die zu Zeiten durch das zurückhaltende Wesen des Kriegers brachen, augenscheinlich, daß er das fremde Volk, welches solche Eingriffe in seine angebornen Rechte machte, mehr von Hörensagen als aus wirklichem Umgang kannte. Diese persönliche Unbekanntschaft mit den Weißen verrieth sich eben so sehr in der Art, wie er die Weiber ansah, als durch die kurzen oder kräftigen Ausdrücke, welche ihm gelegentlich entfielen.

Während er zu dem Streifschützen sprach, ließ er seine unsteten Blicke nach der verständigen und fast kindlichen Schönheit der Inez hinstreichen, wie man etwa die Lieblichkeit eines ätherischen Wesens anstaunen würde. Es war gewiß, er sah jetzt zum ersten Mal eine von jenen Frauen, von denen die Väter seines Stammes so oft sprachen, und die für so herrlich gehalten wurden, daß sie Allem gleich kamen, was ihre rohe Einbildungskraft als lieblich sich denken konnte. Seine Beobachtung Ellens war weniger auffallend, aber trotz des kriegerischen und strengen Ausdrucks seines Auges lag viel von der Huldigung darin, die der Mann dem Weibe darzubringen pflegt; selbst in seinem schnelleren Aufblicken wandte er sich manchmal zu ihrer reifern und vielleicht belebteren Schönheit. Diese Bewunderung wurde jedoch durch seine Gewohnheiten so gemäßigt, und verlor sich so in seinem Kriegerstolz, daß er jedes Auge vollkommen täuschte, nur nicht das des Streifschützen, der in indianischen Sitten zu bewandert war, zu wohl die Wichtigkeit einsah, den Charakter des Fremden ganz zu erforschen, um sich den geringsten Zug oder den unbedeutendsten seiner Schritte entgehen zu lassen. Indeß machte sich die von nichts wissende Ellen um die schwache und weniger entschlossene Inez mit ihrer gewohnten Thätigkeit und Zärtlichkeit zu schaffen, und zeigte in ihren freien Zügen jene vorübergehenden Bewegungen von Freude und Kummer, die sie zu Zeiten befielen, wenn ihr thätiger Geist bei dem entschlossenen Schritt verweilte, den sie eben gethan, und sich alle widerstreitende Zweifel und Hoffnungen dabei ihr aufdrängen; sie fühlte wohl etwas von der Unentschlossenheit, die ihrem Geschlecht und ihrer Lage so natürlich war.

Nicht so Paul; da er sah, daß er die zwei Dinge, die seinem Herzen die theuersten waren, erreicht hatte, den Besitz Ellens und einen Triumph über Ismael's Söhne, that er seinen Theil von den Geschäften des Augenblicks mit so viel Kaltblütigkeit, als führe er schon seine willige Braut von der Feier ihrer Hochzeit vor einem Grenzbeamten in die Sicherheit seiner eigenen Wohnung. Er hatte die wandernde Familie, während der unangenehmen Zeit ihres schwierigen Marsches, umschwärmt, sich bei Tag verborgen gehalten, und mit seiner Verlobten, wie Gelegenheit sich darbot, auf die schon beschriebene Weise Zusammenkünfte gesucht, bis das Glück und seine eigene Unerschrockenheit sich vereinigten, ihn in demselben Augenblick an das Ziel seiner Wünsche zu bringen, als er schon anfing zu verzweifeln. Ihn kümmerte jetzt weder Entfernung noch Gewalt noch Mühseligkeit. Seiner sanguinischen Einbildungskraft und Entschlossenheit war alles Uebrige leicht zu vollenden. Das waren seine Gefühle, und von der Art schienen sie zu sein, als, die Mütze auf einer Seite und ein Lied summend, er zwischen dem Gebüsch herumstrich, um einen schicklichen Ruheplatz für die Frauen auszusuchen, während er von Zeit zu Zeit einen billigenden Blick auf die leichte, runde Gestalt Ellens warf, wenn sie im Verfolg ihrer eigenen Geschäfte hinter ihm herkam.

»Und so haben der Stamm der Wolf-Pawnee und ihre Nachbarn, die Konza, die Streitaxt begraben,« sagte der Streifschütz, und setzte eine Unterredung fort, die er kaum hatte fallen lassen, obwohl er gelegentlich durch die verschiedenen Anweisungen war unterbrochen worden, die er für nöthig gehalten einzustreuen, – doch erinnert sich der Leser, daß während er mit dem eingebornen Krieger in seiner eigenen Sprache redete, er nothwendig mit seinen weißen Gefährten Englisch reden mußte. »Die Wölfe und die lichten Rothhäute sind also wieder Freunde. Doctor, das ist ein Stamm, von welchem, ich wette, Ihr oft gehört habt, und von dem manche runde Lüge das unwissende Volk in den Colonieen sich in die Ohren flüstert. Da war eine Geschichte von einer Nation Welsher, die hier herum in den Steppen lebte, und wie sie in's Land kamen, ehe der unruhige Mann, der zuerst Christen Heiden ihres Erbes berauben ließ, je geträumt, daß die Sonne in einem eben so großen Land unterginge, als das ihres Aufgangs sei. Und wie sie die weißen Wege wüßten und mit weißen Zungen redeten und tausend Thorheiten und dumme Erfindungen weiter.«

»Ob ich nicht von ihnen gehört!« rief der Naturforscher und legte ein Stück gesalzen Bisonfleisch weg, mit dem er in dem Augenblick etwas roh umging. »Ich müßte sehr unwissend sein, wenn ich nicht oft mit Vergnügen bei einer so schönen Theorie verweilt hätte, die so siegend die beiden Sätze beweist, welche ich oft als unbestreitbar, selbst ohne solchen lebenden Beweis zu ihren Gunsten, behauptet habe, nämlich, daß dieser Continent auf eine entferntere Verwandtschaft mit der Cultur Anspruch machen kann, als Columbus Zeiten sind, und daß die Farbe Wirkung des Climas und der Lebensart, nicht Anordnung der Natur ist. Legt diese letztere Frage dem indianischen Herrn vor, verehrungswürdiger Jäger, er ist selbst von rothem Teint, und seine Antwort könnte uns zu Herren der beiden Seiten des bestrittenen Punctes machen.«

»Meint Ihr, ein Pawnee lese Bücher, glaube an gedruckte Lügen wie die Müßiggänger der Städte!« entgegnete verächtlich der Alte; »aber was kann's schaden, dem Manne den Willen zu thun, da alles, so unmöglich es auch ist, doch nichts mehr und nichts weniger als seine natürlichen Gaben sind, und dem man daher folgen kann, so bemitleidenswerth es auch erscheint. – Was meint mein Bruder? Alle, die er hier sieht, haben weiße Häute, aber die Pawnee-Krieger sind roth; glaubt er, daß der Mensch sich durch das Clima verändert, und daß der Sohn seinen Vätern nicht gleich ist?«

Der junge Krieger betrachtete den Fragenden für einen Augenblick mit festem, unwilligem Auge, dann hob er den Finger auf mit stolzer Geberde und antwortete mit Würde:

»Der Wahcondah zieht den Regen aus der Wolke herab; wenn er spricht, erbeben die Hügel, und das Feuer, das die Bäume verzehrt, ist der Zorn seines Auges. Aber er bildet die Kinder mit Sorgfalt und Gedanken. Was er so gemacht, ändert sich nie.«

»Ei, es liegt in der Natur, daß es so ist, Doctor,« fuhr der Streifschütz fort, als er diese Antwort dem betroffenen Naturforscher erklärt hatte; »die Pawnee sind ein weises, großes Volk, und ich bin gewiß, sie sind reich an mancher heilsamen, guten – Die Jäger und Streifschützen, hör' ich manchmal, sprechen von einem großen Krieger Eurer Race!«

»Mein Stamm besteht nicht aus Weibern. Ein Tapferer ist kein Fremdling in meinem Dorf.«

»Ei, aber der, von dem sie am meisten sprechen, ist ein Häuptling, weit über den Ruf gewöhnlicher Krieger, einer, der jenem einst mächtigen, aber jetzt gesunkenen Volk den Delawaren der Hügel hätte Ehre machen können.«

»Solch ein Krieger müßte einen Namen haben.«

»Sie nennen ihn Hartherz, wegen der Festigkeit seines Entschlusses, und mit Recht wird er so genannt, wenn Alles, was ich von ihm gehört, wahr ist.«

Der Fremde warf einen Blick, der in dem unverstellten Herzen des Alten zu lesen schien, als er fragte:

»Hat das Blaßgesicht den Obersten meines Stammes gesehen?«

»Nie; es ist jetzt nicht mit mir, wie es vor etwa vierzig Jahren mit mir zu sein pflegte, als Krieg und Blutvergießen mein Beruf und Gewerb war.«

Ein lauter Ruf von dem unbesorgten Paul unterbrach seine Rede, und im nächsten Augenblick erschien der Bienenjäger selbst und führte ein indianisches Streitroß von der Seite des Dickichts her, die der von dem Haufen eingenommenen entgegengesetzt war.

»Hier ist ein Pferd für eine Rothhaut gesattelt!« rief er, während er das Thier einige seiner wilden Sprünge machen ließ. »Es gibt keinen Brigadier in ganz Kentucky, der sich Herr von einem so niedlichen, wohlgefügten Ding nennen kann. Ein spanischer Sattel auch, wie ein Grand aus Mexiko! Und seht die Mähne und den Schweif, behängt und geschmückt mit kleinen Silberkugeln, als wär' es Ellen selbst, die ihr glänzend Haar ordnete zum Tanz und zur Fröhlichkeit. Ist es nicht ein tüchtiger Läufer, alter Streifschütz, und der soll aus der Grippe eines Wilden fressen!«

»Langsam, Junge, langsam. Die Wölfe sind berühmt wegen ihrer Pferde, und Ihr könnt oft einen Krieger auf den Steppen weit besser beritten sehen, als einen Congreßmann in den Ansiedelungen. Aber das, in der That, ist ein Thier, das keiner als ein mächtiger Häuptling reiten sollte. Der Sattel, wie Ihr ganz recht glaubt, hat zu seiner Zeit einen großen spanischen Capitain getragen, der ihn und sein Leben zugleich verloren hat, in einer Schlacht, wie sie dies Volk öfters gegen die südlichen Provinzen auskämpft. Ich wette, dieser junge Bursch ist der Sohn eines großen Häuptlings, kann sein des großen Hartherz selbst.«

Während dieser plötzlichen Unterbrechung des Gesprächs zeigte der junge Pawnee weder Ungeduld noch Mißvergnügen; aber als er dachte, das Thier habe genug Stoff zu Bemerkungen gegeben, nahm er sehr kalt und mit der Miene eines Mannes, der gewohnt ist, seinen Willen gethan zu sehen, Paul den Zügel ab, warf ihn um den Nacken des Thiers, und sprang darauf mit der Geschicklichkeit eines Professors der Reitkunst. Nichts konnte schöner und fester sein als der Sitz des Wilden. Der hochgearbeitete, gewichtige Sattel diente offenbar mehr zur Schau als zum Nutzen. In der That, er hinderte mehr die Bewegung der Glieder, als er sie unterstützte, da sie keinen Beistand suchten, und keine Beschränkung zuließen von so weibischen Erfindungen als Steigbügeln. Das Pferd, das sogleich sich zu bäumen anfing, war wie sein Reiter wild und unbändig in allen seinen Bewegungen, aber während sich so wenig Kunst fand, bemerkte man alle Freiheit und Anmuth der Natur in beiden. Das Thier war vermutlich seine Schönheit arabischem Blut schuldig, von dem langen Stammbaum herab, der die Stute von Mexiko, die spanische Barbe und den maurischen Renner umfaßte. Der Reiter hatte mit seiner Stute aus den Provinzen von Centralamerika zugleich jenen Muth, jene Grazie in deren Lenkung erlangt, welche sich vereinigen, um den unerschrockensten und vielleicht geschicktesten Pferdebändiger der ganzen Welt zu bilden.

Trotz dieser plötzlichen Besitznahme seines Thiers schien der Pawnee mit seinem Abzug nicht zu eilen. Mehr in seiner Bequemlichkeit und vielleicht unabhängiger sah er sich jetzt im Besitz aller Mittel des Rückzugs und ritt auf und ab, betrachtete sich die verschiedenen Individuen der Gesellschaft mit größerer Freiheit als zuvor. Aber immer an jedem Ende seiner Reitbahn, wenn der scharfsinnige Streifschütz erwartete, er werde seinen Vortheil benutzen und fliehen, wandte er sein Pferd um, und durchritt nochmals dieselbe Strecke, manchmal mit der Schnelligkeit einer fliehenden Antilope, und dann wieder langsam, mit größerer Würde in Miene und Haltung. Begierig, etwas zu erfahren, was Einfluß auf seine künftigen Schritte haben könnte, beschloß der Alte, ihn zu einer Erneuerung ihrer Unterredung zu veranlassen. Er machte daher eine Geberde, die zu gleicher Zeit seinen Wunsch, das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen, und seine friedliche Gesinnung ausdrücken sollte. Das schnelle Auge des Fremden ermangelte nicht, das Zeichen zu bemerken, aber erst nachdem hinlängliche Zeit verflossen war, um bei sich die Klugheit der Maßregel zu überlegen, schien er willens, sich einem Haufen wieder nahe zu wagen, der so sehr an Stärke ihm überlegen, und also im Stande war, in jedem Augenblick über sein Leben zu verfügen, oder seine Freiheit zu beschränken. Als er nah genug kam, um sich mit Leichtigkeit zu unterreden, geschah es mit einer sonderbaren Mischung von Hochmuth und Mißtrauen.

»Es ist weit zum Dorf der Wölfe,« sagte er und streckte seine Hand in einer, der gerade entgegengesetzten Richtung aus, in welcher, wie der Streifschütz wohl wußte, der Stamm wohnte; »und der Weg ist sehr winklicht. Was hat das Langmesser zu sagen?«

»Ja, winklicht genug,« murmelte der Alte auf Englisch, »wenn Ihr Eure Reise auf diesem Weg antreten wollt, aber nicht halb so windungsvoll als die List eines Indianergemüths. Sagt, mein Bruder, sehen der Pawnee Häuptlinge gern fremde Gesichter in ihren Wohnungen?«

Der junge Krieger verbeugte sich mit Anstand, jedoch nur leicht über seinen Sattelknopf, als er mit großer Würde antwortete:

»Wenn hat mein Volk vergessen, dem Fremden Speise zu geben?«

»Wenn ich meine Töchter an die Thüren der Wölfe führe, werden die Weiber sie bei der Hand fassen, und die Krieger mit meinen Leuten rauchen?«

»Das Land der Blaßgesichter liegt hinter ihnen, warum ziehen sie so weit nach dem Untergang? Haben sie ihren Weg verfehlt, oder sind dies die Weiber der weißen Krieger, die, wie ich höre, dem Fluß mit trübem Wasser hinaufdringen?«

»Nein; die den Missouri hinaufgehn, sind Krieger meines großen Vaters, der sie auf eine Botschaft ausgeschickt hat, aber wir sind friedliche Wandrer. Die Weißen und Rothen sind Nachbarn, und möchten Freunde sein. Besuchen nicht die Omahaw die Wölfe, wenn der Tomahawk begraben ist auf dem Pfad zwischen den beiden Nationen?«

»Die Omahaw sind willkommen.«

»Und die Yankton und verbrannten Teton, die am Ellenbogen des Flusses mit schmutzigem Wasser leben, kommen sie nicht in die Wohnungen der Wölfe und rauchen?«

»Die Teton sind Lügner!« rief der Andere. »Sie wagen die Augen nicht zu schließen bei der Nacht. Nein, sie schlafen in der Sonne. Seht,« fügte er, in stolzem Triumph auf die furchtbaren Verzierungen seiner Beinbekleidung hindeutend, hinzu, »ihr Haarwuchs ist so reichlich, daß die Pawnee darauf treten! Geht, der Sioux mag auf Schneeschichten leben, die Ebenen und Büffel sind für Männer.«

»Ah, jetzt haben wir das Geheimniß heraus,« sagte der Streifschütz zu Middleton, der ein aufmerksamer, weil ein sehr dabei interessirter, Beobachter der Vorgänge war. »Dieser gutaussehende junge Indianer forscht nach den Schlichen der Sioux; Ihr könnt es an seinen Pfeilköpfen und seiner Schminke sehen. Ja auch an seinem Auge, denn eine Rothhaut nimmt immer ihren Charakter mit, im Frieden wie im Krieg, – still, Hektor, still. Hast du nie vorher einen Pawnee gerochen, Kleiner? – nieder, Hund, nieder. – Mein Bruder hat Recht. Die Sioux sind Diebe. Leute, von allen Farben und Nationen sagen es ihnen nach und sagen's mit Recht. Aber die Leute vom Aufgang sind keine Sioux, und sie wünschen die Wohnungen der Wölfe zu besuchen.«

»Das Haupt meines Bruders ist weiß,« entgegnete der Pawnee und warf einen jener Blicke auf den Streifschützen, die so sprechend Mißtrauen, Verstand und Stolz ausdrückten, und deutete, als er fortfuhr, nach dem östlichen Horizont; »und seine Augen haben Vieles geschaut, kann er mir den Namen dessen sagen, was ich dort sehe; – ist es ein Büffel?«

»Es gleicht eher einer Wolke, die über den Saum der Ebene, an den Enden von der Sonne beleuchtet, hervorschaut. Es ist der Rauch der Himmel.«

»Es ist ein Erdhügel, und auf seinem Gipfel und die Wohnungen der Blaßgesichter. Laßt die Weiber meines Bruders ihre Füße bei dem Volk von ihrer Farbe waschen.«

»Die Augen eines Pawnee sind gut, wenn er eine Weißhaut so weit sehen kann.«

Der Indianer wandte sich langsam zu dem Sprechenden, und fragte dann ernst nach einer Pause von einem Augenblick:

»Kann mein Bruder jagen?«

»Ach, ich bin nichts weiter als ein armer Streifschütz.«

»Wenn die Ebene mit Büffeln bedeckt ist, kann er sie sehen?«

»Freilich, freilich, es ist leichter einen herumstreichenden Ochsen zu sehen, als ihn zu fangen.«

»Und wenn die Vögel vor der Kälte fliehen, und die Wolken schwarz sind von ihrem Gefieder, kann er sie auch sehen?«

»Ei, es ist nicht schwer, eine Ente oder Gans zu finden, wenn Millionen den Himmel verfinstern.«

»Wenn der Schnee fällt, und die Wohnungen der Langmesser bedeckt, kann dann der Fremde Federn in der Luft sehen?«

»Meine Augen sind keine von den besten jetzt,« erwiederte der Alte ein wenig böse, »aber es war eine Zeit, Pawnee, wo ich einen Namen hatte für das, was ich sah.«

»Die Rothhäute finden die Langmesser so leicht, wie der Fremde den Büffel sieht, oder die Wandervögel und den gefallnen Schnee. Eure Krieger meinen, der Herr des Lebens habe die ganze Erde weiß gemacht; sie irren sich. Sie sind blaß und sehen ihr eigen Gesicht. Geht, ein Pawnee ist nicht blind, daß er sich lang nach Euerm Volk umsehen müßte!«

Der Krieger schwieg plötzlich und wandte sich zur Seite, als lausche er mit all seinen Sinnen. Dann wandte er sein Pferd, ritt zur nächsten Ecke des Dickichts, und schaute eifrig über die falbe Steppe, gerade der Seite entgegengesetzt, wo die Gesellschaft stand. Als er sich von dieser unerklärlichen und für die Beobachtenden erstaunenden Vorkehrung wegwandte, warf er seine Augen auf Inez, und schritt mehrere Male auf und ab, als kämpfte es in den geheimsten Tiefen seiner Gedanken über einen schwierigen Punct. Er hatte die Zügel der ungeduldigen Stute angezogen und wollte, wie es schien, sprechen, als sein Haupt wiederum auf seine Brust fiel, und er seine frühere aufmerksame Stellung wieder annahm. Wie ein Reh nach dem Orte seiner früheren Beobachtung hineilend, ritt er für einen Augenblick schnell in kurzen, flüchtigen Kreisen, als sei er über seinen Weg ungewiß, und schoß dann weg, wie ein Vogel, der um sein Nest geflattert, ehe er den fernen Flug nimmt. Nachdem er für einen Augenblick die Ebene durchstrichen, verlor er sich dem Auge hinter einer kleinen Erhöhung des Landes.

Die Hunde, welche auch seit einiger Zeit große Unruhe gezeigt, folgten ihm auf kurze Entfernung, und beschlossen ihre Jagd, indem sie sich auf den Boden hinsetzten und ihr gewöhnliches dumpfes, klagendes, erschreckendes Geheul erhoben.

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