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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Sechszehntes Kapitel.

»Die Zeichen all' bestät'gen ihre Flucht von hier,
D'rum bitt' ich Euch, sprecht nicht erst lange noch.
Auf, schnell zu Pferde jetzt!«

Shakspeare.

 

Eine Stunde war in hastigen und fast unzusammenhängenden Fragen und Antworten vorüber geflogen, ehe Middleton, welcher mit der Art eifersüchtiger Wachsamkeit über seinem Kleinod hing, mit der ein Geiziger seine Geldhaufen betrachten würde, die unterbrochene Erzählung seiner eigenen Abenteuer schloß, indem er fragte:

»Und du, meine Inez, wie wurdest du behandelt?«

»In allen Dingen, das große Unrecht ausgenommen, das sie mir zufügten, indem sie mich gewaltsam von meinen Freunden trennten, so gut vielleicht, als es die Umstände meiner Räuber erlauben wollten. Ich denke, der Mann, der sicherlich der Herr hier ist, ist nur ein Anfänger in der Schlechtigkeit. Er zankte furchtbar in meiner Gegenwart mit dem Elenden, der mich wegnahm, und dann machten sie einen gottlosen Handel, dem ich beizustimmen gezwungen ward, und dem ich mich, so wie auch sie durch einen Eid verpflichtete. Ach, Middleton, ich fürchte, die Ketzer sind nicht so aufmerksam gegen ihren Eid, als die, welche im Schooß der wahren Kirche erzogen werden!«

»Glaub' es nicht! Diese Schurken sind von keiner Religion. Wurden sie meineidig?«

»Nein, das nicht. Aber war es nicht schrecklich, Gott zum Zeugen eines so sündlichen Vertrags aufzurufen?«

»Und das glauben wir so fest, als der würdigste Cardinal von Rom. Aber wie beobachteten sie ihren Eid, und was war ihre Absicht.«

»Sie machten sich verbindlich, mich unbelästigt und frei von ihrer verhaßten Gegenwart zu lassen, wenn ich ihnen Sicherheit geben wollte, keinen Versuch zur Flucht zu machen, ja daß ich mich nicht einmal zeigen wollte, bis zu der Zeit, die meine Herren bestimmen würden.«

»Und diese Zeit?« fragte der ungeduldige Middleton, der die religiösen Anstände seines Weib's so gut kannte.

»Sie ist schon vorüber. Ich mußte bei meinem heiligen Schutzpatron schwören, und treu hielt ich das Gelübde, bis der Mann, den sie Ismael nennen, die Bedingungen vergaß und Gewalt übte. Da erschien ich auf dem Felsen, auch war die Zeit vorüber, obwohl ich glaube, daß selbst Pater Ignatius mich wegen der Verrätherei meiner Gefangenwärter vom Gelübde losgesprochen haben würde.«

»Hätt' er's nicht,« murmelte der Jüngling zwischen den Zähnen, »würde ich ihn für immer von seiner geistlichen Sorge für dein Gewissen losgesprochen haben.«

»Du, Middleton,« entgegnete sein Weib und sah auf in sein erröthendes Antlitz, während eine tiefe Röthe ihre eigenen sanften Züge überdeckte, »du kannst meine Gelübde annehmen; aber sicher kannst du keine Macht haben, mich von ihrer Befolgung loszusprechen.«

»Nein, nein, nein, Inez, du hast Recht; ich verstehe nur wenig von diesen Gewissensspitzfindigkeiten, und bin alles Andere, nur kein Priester. Doch, sage mir, was hat diese Ungeheuer veranlaßt, dieses verzweifelte Spiel zu spielen, so mit meinem Glück zu scherzen?«

»Du kennst meine Unbekanntschaft mit der Welt, und wie schlecht ich geeignet bin, Ursachen für das Betragen von Wesen anzuführen, die so verschieden sind von allen, die ich je zuvor gesehen. Aber, treibt nicht die Liebe zum Geld die Menschen selbst zu noch schlechteren Handlungen, als diese. Ich glaube, sie dachten, ein alter, reicher Vater könnte bewogen werden, ihnen ein reiches Lösegeld für sein Kind zu zahlen! Und vielleicht,« fuhr sie fort, und ein forschender Blick auf den aufmerksamen Middleton stahl sich durch ihre Thränen, »rechneten sie auch in etwas auf die junge Liebe eines Bräutigams.«

»Sie hätten alles Blut aus meinem Herzen saugen können, Tropfen für Tropfen.«

»Ja,« fiel sein junges furchtsames Weib ein, wandte sogleich den verstohlnen Blick weg, den sie gewagt hatte, und setzte schnell das Gespräch fort, als möchte sie gern die Freiheit vergessen machen, die sie sich eben genommen; »ich habe mir sagen lassen, es gäbe so verworfene Männer, daß sie am Altar einen Meineid schwüren, um das Geld unwissender, vertrauender Mädchen zu beherrschen; und wenn Liebe zum Geld zu solcher Niederträchtigkeit führt, können wir sicher erwarten, daß es die, welche sich der Gewinnsucht hingeben, zu Handlungen des Betrugs hinreißen möchte.«

»Es muß so sein; und nun, Inez, obwohl ich hier bin, dich mit meinem Leben zu schützen, und wir diesen Felsen inne haben, sind doch unsere Schwierigkeiten, vielleicht unsere Gefahren noch nicht vorüber. Du wirst allen Muth aufbieten, um die Prüfung zu bestehen, und dich als eines Soldaten Weib zu zeigen, meine Inez?«

»Ich bin bereit, sogleich aufzubrechen. Der Brief, den du mir durch den Doctor schicktest, hatte mich zu den schönsten Hoffnungen vorbereitet, und so habe ich Alles zur Flucht auf das erste Wort in Ordnung gebracht.«

»So laß uns diesen Ort verlassen und zu unsern Freunden eilen.«

»Freunde!« fiel Inez ein und blickte, nach Ellen suchend, auf das kleine Zelt hin. »Auch ich hab' eine Freundin, die nicht vergessen werden darf, und die ihr übriges Leben bei uns zubringen soll. Sie ist fort!«

Middleton führte sie liebend weg und antwortete mit einem Lächeln:

»Auch sie mag, wie ich, ihre besondern Mittheilungen einem begünstigten Ohr vorzutragen gehabt haben.«

Doch hatte der junge Krieger sich in Ellen Wade's Beweggründen getäuscht. Das gefühlvolle, verständige Mädchen hatte bald eingesehen, wie wenig ihre Gegenwart in der eben erzählten Zusammenkunft nöthig sei, und sich mit jenem scharfsichtigen Zartgefühl zurückgezogen, das ihrem Geschlecht ganz besonders eigenthümlich zu sein scheint. Man sah sie jetzt auf einer Felsenspitze sitzen, ihre Gestalt so gänzlich in ihr Gewand eingehüllt, daß es alle ihre Züge verbarg. So war sie länger als eine Stunde geblieben, da Niemand sich ihr näherte, wie ihre scharfen, beobachtenden Augen meinten, ganz unbemerkt. Aber in dem letztern Punct täuschte sich selbst die Wachsamkeit der scharfsichtigen Ellen. Das Erste, was Paul Hover that, als er sich Herr von Ismael's Citadelle sah, war, die Nachricht des Siegs auf jene sonderbare, lächerliche Art zu verkünden, die so oft unter den Grenzwohnern des Westen vorkommt. Er schlug seine Seiten mit den Händen, wie der siegende Kampfhahn mit den Flügeln zu thun pflegt, und stieß einen lauten Schrei aus, indem er auf lächerliche Weise jenem Vogel in seiner Freude nachahmte; ein Schrei, der eine gefährliche Herausforderung hätte werden können, wäre einer der athletischen Söhne des Auswanderers nahe genug gewesen, ihn zu hören.

»Das ist ein regelmäßiges Ueberrumpeln und Einnehmen gewesen,« rief er, »und keine Beinbrüche! Wie, alter Streifschütz, Ihr seid in Eurer Zeit einer von jenen disciplinirten Peloton-, Rang- und Liniensoldaten gewesen und habt früher schon Festungen wegnehmen und Batterieen erstürmen sehen, – hab' ich nicht Recht?«

»Ei, ei, das hab' ich,« antwortete der Alte, der immer noch seinen Posten am Fuße des Hügels behauptete und so wenig von dem, was er gesehen, gerührt worden, daß er Paul's Lachen auf seine eigene stille Art herzlich erwiederte; »ihr habt euch bei der Affaire als Männer gezeigt!«

»Nun, sagt mir, ist es nicht Regel, die Namen der Lebenden aufzurufen und die Todten zu begraben nach jeder Schlacht?«

»Einige thaten's, Andere nicht. Als Sir William die Deutschen unter Dieskau trieb, durch die Engpässe am Fuße des Hori –«

»Euer Sir William war eine Drohne gegen Sir Paul und verstand nichts von Regelmäßigkeit. So soll denn hier Appell gehalten werden; – beiläufig gesagt, Alter, über der Bienenjagd, den Büffelschenkeln und andern Dingen hab' ich vergessen, nach Euerm Namen zu fragen; denn ich bin Willens, mit meiner Arrieregarde den Aufruf zu beginnen, da ich wohl weiß, daß mein Mann in der Fronte zu beschäftigt ist, um zu antworten.«

»Himmel, Junge, ich bin zur Zeit bei eben so vielen Namen genannt worden, als es Völker gab, unter denen ich wohnte. Die Delawaren nannten mich nach meinen Augen und gaben mir den Namen des weitsichtigen Falken. Falkenauge, s. den Roman »Der Letzte der Mohikaner.« Uebers.. Dann wieder tauften mich die Colonisten auf den Otsego-Hügeln anders, nach der Art meiner Beinbekleidung, Lederstrumpf, s. »Die Ansiedler.« Uebers. und noch viele andere Benennungen habe ich im Leben geführt; aber das wird wenig ausmachen, wenn die Zeit kommen wird, wo die große Musterung angeht von Angesicht zu Angesicht, unter welchem Namen Jemand seine Rolle gespielt hat. Ich hoffe demüthig, ich werde im Stande sein, auf jede Frage mit lauter männlicher Stimme zu antworten.«

Paul achtete wenig oder gar nicht auf diese Erwiederung, von der mehr als die Hälfte durch die Entfernung verloren ging; aber seinen Scherz fortsetzend, rief er mit einer Stentorstimme dem Naturforscher zu, seinen Namen zu sagen. Doctor Battius hatte es nicht für nöthig gehalten, seine erlangten Vortheile über die tröstliche Nische hinaus zu verfolgen; in ihr, die der Zufall so recht zu seinem Schutz gebildet hatte, ruhte er jetzt aus von seiner Arbeit, freute sich selbstgefällig der Sicherheit und vor Allem des botanischen Kleinods, das wir schon erwähnt haben.

»Kommt herauf, herauf, mein würdiger Maulwurffänger! Kommt und genießt die Aussicht des schielenden Ismael; kommt, seht der Natur kühn in's Antlitz und schnüffelt nicht länger unter dem Steppengras und den Maulwurfshügeln, wie ein Jäger und Feind der Grasspringer.«

Des leichtherzigen, unbedachtsamen Bienenjägers Mund schloß sich sogleich und ward so stumm, als er vorher geschwätzig und prahlerisch gewesen war, sobald er Ellen erblickte. Als das trauernde Mädchen seinen Sitz auf der schon erwähnten Felsenspitze nahm, that Paul, als beschäftige ihn eine genaue Untersuchung der Geräthschaften des Auswanderers. Er durchwühlte den Kasten der Esther mit nicht sehr delicater Hand, warf den rohen Staat ihrer Mädchen auf den Boden umher, ohne nur die geringste Rücksicht auf dessen Werth oder Kostbarkeit zu nehmen, und stieß ihre Töpfe und Kessel hierhin und dorthin, als wären sie Geräthschaften von Holz statt von Eisen gewesen. All' dieser Eifer hatte jedoch offenbar gar keinen Zweck. Er behielt nichts für sich, und schien selbst nicht die Gegenstände zu bemerken, die durch die Vertraulichkeit litten, die er sich mit ihnen nahm. Als er das Innere jeder Hütte untersucht und von neuem die Stelle in Augenschein genommen, wo er die Kinder eingekerkert und so sorgfältig vermittelst Seiler unschädlich gemacht, ja sogar einen von Esther's Stühlen wie einen Ball fünfzig Fuß aus bloßem Muthwillen in die Luft geschleudert hatte, kehrte er zum Gipfel des Felsens zurück, steckte seine beiden Hände in den Wampengürtel und begann, die »Kentucky-Jäger« so sorgfältig herzusingen, als wäre er gedungen worden, seine Zuhörer eine Stunde lang mit Musik zu vergnügen. Auf diese Art ging die übrige Zeit vorüber, bis Middleton, wie wir erzählt haben, Inez aus dem Zelt hervorführte und den Gedanken des ganzen Haufens eine neue Richtung gab. Er rief Paul von seiner musikalischen Uebung ab, zog den Doctor aus seinem Sinnen über seine Pflanze und gab als anerkannter Häuptling die nöthigen Befehle zu ihrem unmittelbaren Abzug.

In dem Lärm und Gewirr, das auf eine solche Ordre folgen mußte, war wenig Gelegenheit für Klagen oder Betrachtungen. Da die Abenteurer sich auf ihren Sieg vorgesehen, unterzog sich jeder solchen Diensten, wie sie seiner Kraft und Lage am angemessensten waren. Der Streifschütz hatte sich schon des geduldigen Asinus bemächtigt, der nicht weit vom Felsen ruhig weidete, und war jetzt damit beschäftigt, seinen Rücken mit der zusammengesetzten Maschienerie zu beladen, die Doctor Battius sich veranlaßt sah, einen Sattel nach seiner eigenen Erfindung zu benennen. Der Naturforscher selbst ergriff seine Portefeuille's, Herbarien und Insectensammlungen, welche er schnell aus dem Lager des Auswanderers brachte, und sie in verschiedenen Taschen an dem oben erwähnten Kunstwerk verwahrte, die aber der Streifschütz gleichmäßig wegwarf, sobald er den Rücken gewendet. Paul zeigte seine Schnelligkeit im Wegschaffen solcher Artikel nach dem Fuß des Felsens, wie sie Inez und Ellen zu ihrer Flucht vorbereitet hatten, während Middleton, nachdem er die Kinder durch Drohung und Versprechungen vermocht, ruhig in ihren Banden zu bleiben, den Frauenzimmern bei'm Hinabsteigen behülflich war. Da die Zeit sie zu drängen begann, und Ismael's Rückkehr sehr zu befürchten war, wurden diese verschiedenen Vorkehrungen mit ganz besonderem Eifer und großer Eile getroffen.

Der Streifschütz steckte solche Dinge, wie er sie zur Bequemlichkeit des schwächeren und zarteren Theiles des Haufens für nöthig hielt, in jene Taschen, aus denen er mit so wenig Umständen die Schätze des nichts ahnenden Naturforschers verwiesen hatte, und ließ dann Middleton Inez auf einen jener Spitze hinaufheben, die er für sie und ihre Gefährtin auf dem Rücken des Thieres bereitet hatte.

»Geh, Kind,« sagte der Alte, und winkte Ellen, ihrem Beispiel zu folgen, und wandte sich dann etwas ängstlich um, die Wüste hinter sich zu untersuchen. »Es kann nicht lange dauern, und der Eigenthümer dieses Platzes wird zurückkommen, um nach seinem Haus zu sehen, und er ist nicht der Mann, sein Eigenthum, wie er es auch erlangt haben mag, ohne Weigern aufzugeben.«

»Das ist wahr,« rief Middleton, »wir haben kostbare Augenblicke verloren, und all unsere Eile nöthig.«

»Ja, ja, ich dacht' es, und würde es gesagt haben, Capitain, aber ich erinnerte mich, wie Euer Großvater so gern zu der aufzublicken pflegte, die er in den Tagen seiner Jugend, seines Glückes heimführte. Es ist Natur, Natur, und besser ihren Gefühlen ein wenig nachzugeben, als einen Strom zu dämmen suchen, der seinen Lauf haben will.«

Ellen trat zu dem Thier, ergriff Inez Hand und sagte mit herzlicher Rührung, nachdem sie ein Gefühl bekämpft hatte, das sie fast erstickte:

»Gott segne dich, sanftes Mädchen; ich hoffe, du wirst die Uebel vergessen und vergeben, die mein Oheim dir that.«

Das niedergeschlagene kummervolle Kind konnte nichts weiter vorbringen, ihre Stimme ward gänzlich unvernehmbar in einem nicht zu beherrschenden Ausbruch ihres Kummers.

»Was soll das« rief Middleton; »sagtest du nicht, Inez, diese werde uns begleiten, und in's künftige bei uns leben, oder wenigstens bis sie einen angenehmern Aufenthalt für sich gefunden?«

»So sagt' ich, und hoffe es noch. Sie hat mir immer Ursache zu glauben gegeben, daß, nachdem sie mir so viel Mitleid und Freundschaft in meinem Unglück bewiesen, sie mich nicht verlassen würde, sollten glücklichere Zeiten zurückkehren.«

»Ich kann nicht – ich darf nicht,« fuhr Ellen fort, als sie ihre augenblickliche Bewegung bemeistert. »Es hat Gott gefallen, mich unter dies Volk zu werfen, und ich darf sie nicht verlassen. Es würde noch den Schein der Verrätherei dem beifügen, was schon schlimm genug bei einem von seinem Charakter erscheint. Er ist gütig gegen mich, die Waise, nach seinen rohen Sitten gewesen, und ich kann in solchem Augenblick mich nicht von ihm wegstehlen.«

»Sie ist eben so viel eine Verwandte vom schielenden Ismael, als ich ein Bischof bin!« sagte Paul mit einem so lauten Hem, als müßte er sich die Kehle reinigen. »Wenn der alte Schelm das größte an ihr gethan hat, indem er ihr ein Stückchen Wildpret gab, dann und wann, oder sonst etwas zu essen, hat sie es ihm nicht dadurch vergolten, indem sie die jungen Teufel ihre Bibel lesen lehrte, oder der alten Esther half, ihren Putz in Ordnung und gutem Zustand zu erhalten? Sagt mir, eine Drohne habe einen Stachel, und ich will es eben so gern glauben, als daß dies Mädchen einem von Buschs Stamm etwas verdankt!«

»Es thut nur wenig zur Sache, wer mir etwas verdankt, oder wem ich verbunden bin. Es ist Niemand, der für ein Mädchen sorgt, das vater- und mutterlos ist, und dessen Verwandte der Auswurf der Gesellschaft sind. Nein, nein, geh' Mädchen, und der Himmel sei stets mit dir! Ich befinde mich hier besser in dieser Wüste, wo Niemand meine Schande kennt.«

»Nun, alter Streifschütz,« erwiederte Paul, »das nenn' ich doch wissen, woher der Wind bläst! Ihr seid ein Mann, der die Welt gesehen, und etwas von Sitten versteht. Ich überlaß es ganz Euerm Urtheil, liegt es nicht in der Natur der Dinge, daß der Stock schwärmt, wenn die Brut herangewachsen, und wenn die Kinder ihre Eltern verlassen, soll da eine, die Niemand hat– –«

»Hst!« unterbrach ihn dieser. »Hektor ist unwillig. Sag es heraus, deutlich, alter Junge; was giebt's, mein Hund, was?«

Das ehrwürdige Thier war aufgestanden und schnupperte die frische Luft ein, die schwer über die Steppe hinzog. Bei den Worten seines Herrn kauerte er, und zog die Muskeln seiner Schnauze zusammen, gleichsam halb zum Drohen mit dem Reste seiner Zähne geneigt. Der jüngere Hund, der nach der Jagd von diesem Morgen ausruhte, gab auch einige Zeichen, daß seine Nase etwas in der Luft entdecke, und dann nahmen beide ihre schlummernde Stellung wieder an, als hätten sie genug gethan.

Der Streifschütz ergriff den Zügel des Esels und rief, indem er ihn vorwärts zog:

»Es ist nicht Zeit für Worte. Der Wanderer und sein Haufe sind nur eine oder zwei Meilen von dieser gesegneten Stelle.«

Middleton vergaß Ellen gänzlich bei der Gefahr, die jetzt so nahe seiner wiedererlangten Braut nochmals drohte; auch ist es nicht nöthig, erst zu sagen, daß Doctor Battius keine zweite Aufforderung abwartete, um den Rückzug zu beginnen.

Der Richtung folgend, die der Alte andeutete, wandten sie sich zusammen um den Felsen, und setzten ihren Weg so schnell als möglich über die Steppe fort, von der Höhe gedeckt.

Paul Hover jedoch blieb zurück, düster auf seine Büchse gelehnt. Einige Minuten vergingen, ehe er von Ellen bemerkt ward, die ihr Gesicht mit ihren Händen bedeckte, als wolle sie vor sich selbst ihre traurige Verlassenheit verbergen.

»Warum fliehst du nicht?« rief das weinende Mädchen, sobald sie sich allein sah.

»Das ist nicht meine Gewohnheit.«

»Mein Oheim wird gleich hier sein, du hast von seiner Barmherzigkeit nichts zu hoffen.«

»Auch nichts von seiner Nichte, vermuth' ich. Laß ihn kommen, er kann mich nur erschlagen.«

»Paul, Paul, wenn du mich liebst, flieh!«

»Allein! – Wenn ich es thue, will ich – – –«

»Wenn du dein Leben liebst, flieh!«

»Ich schätz' es nicht, verlier ich dich!«

»Paul!«

»Ellen!«

Sie reckte ihre beiden Hände aus, und vergoß eine Fluth von Thränen. Der Bienenjäger schlang seinen kräftigen Arm um ihre zarte Gestalt, und eilte dann in schnellem Lauf über die Ebene seinen fliehenden Freunden nach.

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