Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
Schließen

Navigation:

Eilftes Kapitel.

So schwüle Luft kühlt nur ein Wetter ab.

König Johann.

 

Indeß setzten die fleißigen, unwiederbringlichen Stunden ihre Arbeiten fort. Die Sonne, welche den ganzen Tag entlang durch große Massen von Gewölk sich durchgewunden hatte, trat endlich auf einen Strich klarer Luft heraus und sank von da glorreich in die prangenden Wüsten, wie sie sonst in die Wasser des Oceans sich hinabläßt. Die langen Heerden, welche auf den wilden Weiden der Steppe gegrast hatten, verschwanden allmählich, und die endlosen Schwärme der Wasservögel, die ihre gewöhnliche jährliche Reise von den jungen See'n des Norden nach dem Golf von Mexico fortsetzten, durchschnitten nicht mehr die Luft, welche sich jetzt angefüllt hatte mit Thau und Nebel. Kurz, die Schatten der Nacht fielen auf den Felsen und fügten zu den düstern Gegenständen des Orts noch den Mantel der Finsterniß.

Als der Esther das Licht zu mangeln begann, sammelte sie die jüngern Kinder um sich und setzte sich auf eine vorragende Spitze ihrer inselförmigen Feste, ruhig die Ankunft der Jäger erwartend. Ellen Wade saß nicht weit davon entfernt, als wolle sie einen geringen Zwischenraum zwischen sich und dem ängstlichen Zirkel lassen, um dadurch den Unterschied anzudeuten, der zwischen ihr und der übrigen Gesellschaft bestand.

»Euer Oheim ist und bleibt ein dummer Projectmacher, Nell,« bemerkte die Mutter nach einer langen Pause, die auf ein Gespräch über die Arbeiten des Tags eingetreten war; »im Rechnen und in Vorkehrungen ist benannter Ismael Busch ein armer Wicht. Da sitzt er faul auf dem Felsen von Morgen bis Abend; nichts macht er als Pläne, Pläne, Pläne, er und seine sieben edeln Söhne, so edel, wie je sie ein Weib dem Mann schenkte, und was ist von Allem das Ende? Die Nacht kommt, und sein großes Werk ist noch nicht fertig!«

»Es ist nicht klug, Tante, freilich nicht;« erwiederte Ellen in einem Ton von Zerstreuung, der zeigte, wie wenig sie wußte, was sie sagte; »und er gibt auch seinen Söhnen ein böses Beispiel.« –

»Hoho, Mädchen! Wer hat Euch zum Richter über Aeltere, ei, und die auch besser sind, als Ihr, gesetzt. Ich möchte doch den Mann auf der ganzen Grenze sehen, der seinen Kindern ein schöneres Beispiel gibt, als Ismael Busch. Zeigt mir, wenn Ihr könnt, Fräulein Fehlerfinder, aber nicht Fehlerverbesserer, einen Haufen Jungen, die in der Noth schneller einen Baum zur Wohnung fällen und ihn behauen, als meine Kinder, obgleich ich es selbst sage, ich, die vielleicht still sein sollte, – oder einen Mäher, der besser einen Haufen Schnitter durch ein Waizenfeld zu führen versteht und die Stoppeln gleicher hinter sich läßt, als mein guter Mann! Dann, als Vater ist er so großmüthig wie ein Herr; seine Söhne brauchen nur den Ort zu nennen, wo sie sich anbauen möchten, und er gibt ihnen die Pflanzung, ohne daß sie sich um den Ankauf zu kümmern brauchen.«

Als das Weib des Grenzwohners schloß, erhob sie ein hohles, höhnendes Gelächter, das in dem Munde verschiedener jungen Nachäffer nachhallte, die sie zu einem Leben heranzog, welches eben so unstet und gesetzlos als ihr eigenes, doch trotz seiner Unsicherheit nicht ohne versteckte Reize war.

»Holla, alte Esther,« ertönte die wohlbekannte Stimme ihres Gemahls von der Ebene unten herauf; »habt Ihr Eure Spiele vor, während wir zu Euch mit Wild und Büffel kommen! Herunter, herunter, altes Mädchen, mit deinen Jungen oben, steh' uns bei, das Fleisch hinaufzubringen; – ei, was ist denn das für eine Freude oben? Herunter, herunter; die Buben sind schon alle da, und wir haben hier Arbeit für noch einmal so viele Hände.«

Ismael hätte seine Lungen schonen können; mehr als die Hälfte seiner Anstrengung, um gehört zu werden, war unnöthig. Er hatte kaum den Namen seines Weibes gerufen, als der ganze zusammengekauerte Kreis sich erhob und, über einander fallend, sich den gefährlichen Gängen des Felsen mit unbedachtsamer Hast hinabstürzte. Esther folgte dem jungen Schwarm in mehr abgemessenem Schritt; auch hielt es Ellen nicht für gut oder vielmehr rathsam, zurückzubleiben. Folglich hatte sich bald der ganze Haufe an dem Fuß der Citadelle in der Ebene versammelt.

Hier fand man den Grenzwohner fast niedergedrückt unter der Last eines schönen, fetten Bocks mit einem oder zwei seiner jüngern Söhne. Abiram erschien auch bald, und ehe einige Minuten vorüber waren, kamen die meisten andern Jäger, einzeln und in Paaren, jeder den Lohn seiner Geschicklichkeit auf der Jagd mit sich bringend.

»Die Ebene ist frei von Rothhäuten, heut Nacht wenigstens;« sagte Ismael, nachdem das Geräusch ihrer Ankunft ein wenig nachgelassen; »denn ich hab' die Steppe viele Meilen weit selbst durchforscht, und kann mich einen Kenner in den Fußtapfen eines Indianers nennen. So, Weib, könnt Ihr uns einige Stücke von dem Wildpret geben, und dann wollen wir auf unser Tagwerk schlafen.«

»Ich möchte nicht schwören, daß keine Wilden in unserer Nähe sind,« sagte Abiram. »Ich versteh' mich auch auf die Spur einer Rothhaut, und wenn meine Augen nicht etwas von ihrer Sehkraft verloren haben, möchte ich kecklich schwören, daß Indianer bei der Hand sind. Aber wartet, bis Asa kommt. Er ging über die Stelle, wo ich die Spuren fand, und der Junge versteht auch etwas von diesen Dingen.«

»Ach, der Junge versteht zu viel von manchen Dingen,« erwiederte Ismael finster; »es wäre besser für ihn, wenn er dächte, er verstünde weniger. Aber was thut's, Hetty, wären auch alle Sioux-Stämme westlich vom großen Fluß nur eine Meile von uns; sie werden es nicht leicht finden, diesen Felsen zu ersteigen, den zehn kühne Männer vertheidigen.«

»Sagt zwölf gleich, Ismael, sagt zwölf,« rief seine mannhafte Gemahlin; »denn wenn Euer Mottensammler, Insectenjäger von Freund als ein Mann gerechnet wird, müßt Ihr mich gewiß für zwei zählen. Ich werd' ihm nicht nachstehen mit der Flinte oder dem Gewehr und was den Muth betrifft! – Das junge Kalb, das die schielenden Schelme von Teton gestohlen haben, war der Feigste von uns Allen, und nach ihm kam Euer blödsinniger Doctor. Ach, Ismael, Ihr geht selten einen regelmäßigen Handel ein, ohne dabei zu verlieren, und dieser Mann ist, behaupte ich, der dümmste Handel von allen! Könnt Ihr glauben, der Kerl wollte mir ein Pflaster um den Mund legen, weil ich Schmerzen im Fuß fühlte.«

»Es ist Schade, Esther,« antwortete ihr Gemahl trocken, »daß Ihr es nicht nahmt; ich denke, es hätte Euch sehr gut gethan. Aber, Jungen, es könnte gehen, wie Abiram meint, es könnten Indianer in der Nähe sein; wir müßten den Felsen hinauf, und unser Abendessen wäre hin. Deßwegen wollen wir das Wild in Sicherheit bringen, und über die Curen des Doctors sprechen, wenn wir nichts Besseres zu thun haben.«

Der Wink ward befolgt, und in wenig Minuten war die offene Stellung, worin sich die Familie gesammelt, mit der sicherern Höhe des Felsen vertauscht. Hier machte sich Esther an's Werk, schaffte und zankte mit gleichem Eifer, bis das Mahl bereit war, wo sie dann den Gemahl mit eben so wohltönender Stimme zum Essen herbeirief, als der Imam, der die Gläubigen an ein wichtigeres Geschäft erinnert.

Als Jeder seinen gewöhnlichen Platz um das dampfende Fleisch eingenommen, gab der Grenzwohner das Zeichen, indem er sich an ein köstliches Wildpretstück machte, das wie der Bison-Rücken zubereitet worden, mit einer Geschicklichkeit, die seine natürlichen Vorzüge eher erhöhte als versteckte. Ein Maler hätte eifrig den Augenblick erfaßt, um die wilde, charakteristische Scene auf die Leinwand zu tragen.

Der Leser wird sich erinnern, daß Ismael's Citadelle abgesondert, luftig, hoch und fast unzugänglich dastand. Ein helles, flammendes Feuer, das auf dem Mittelpunct des Gipfels brannte, und um welches die geschäftige Gruppe gelagert war, gab ihm das Ansehn eines kleinen Leuchtthurms, der in dem Mittelpunct der Wüsten aufgerichtet worden, um den Wanderern zu leuchten, die die weiten Steppen durchziehen möchten. Die sprühende Flamme erhellte ein verbranntes Antlitz nach dem andern, und zeigte jede Verschiedenheit des Ausdrucks, von der jugendlichen Einfachheit der Kinder, gemischt wie sie war mit einem Schatten der ihrem halb rohen Leben eignen Wildheit, bis zur stumpfen, unbeweglichen Ruhe, die in den Mienen des Grenzwohners lag, wenn er nicht gereizt ward. Manchmal ging ein Windstoß über die Glut, und dann wurde, da helleres Licht emporschoß, das kleine einsame Zelt gesehen, wie es aufgerichtet war in der düstern obern Luft. Alles unten war, wie es gewöhnlich ist zu dieser Stunde, in das undurchdringliche Gewand der Dunkelheit gehüllt.

»Es ist unbegreiflich, daß Asa noch zu solcher Zeit auswärts ist;« bemerkte Esther unmuthig. »Wenn alles zu End' und recht ist, hätte der Junge heraufkommen müssen, nach dem Essen verlangend und hungrig wie ein Bär nach dem Winterschlaf. Sein Magen geht so richtig, wie die beste Uhr in Kentucky, und braucht selten aufgezogen zu werden; der geht bei Tag und Nacht. Asa ist ein verzweifelter Esser, wenn nach einer Arbeit er hungrig ist.«

Ismael musterte ernst den Kreis seiner stillen Söhne, als ob er sehen wolle, ob einer von ihnen etwas zu Gunsten des abwesenden Strafbaren zu sagen wagen würde. Aber jetzt, wo keine treibenden Ursachen da waren, ihre schlummernden Gemüther anzuregen, schien es zu große Anstrengung, sich auf die Vertheidigung ihres rebellischen Bruders einzulassen. Abiram jedoch, der seit der Friedenstiftung einen edlern Antheil an seinem frühern Gegner nahm oder zu nehmen vorgab, hielt es für schicklich, eine gewisse Aengstlichkeit an den Tag zu legen, der die andern fremd blieben.

»Es ist viel, wenn der Junge dem Teton entwischt ist,« murmelte er. »Es würde mir leid thun, wäre Asa, der kräftigste in unserm Zug, nach Herz und Hand, in die Gewalt der rothen Teufel gefallen.«

»Sorgt für Euch, Abiram, und spart Euern Athem, wenn Ihr ihn nur anwenden könnt, um das Weib und ihre zusammengekauerten Mädchen zu erschrecken. Ihr habt schon Ellens Antlitz ganz weiß gemacht; sie sieht so blaß aus, als da sie heute nach denselben Wilden schaute, die Ihr eben nennt, und wo ich genöthigt war, zu ihr durch die Flinte zu sprechen, weil ich ihre Ohren nicht mit meiner Zunge erreichen konnte. Wie kam das, Nell? Ihr habt noch gar nicht den Grund von Eurer Taubheit gesagt!«

Die Farbe auf Ellens Wange änderte sich eben so plötzlich, wie des Grenzwohners Gewehr bei der Gelegenheit geblitzt hatte, worauf er anspielte, und eine brennende Röthe überzog ihre Züge, so daß selbst der Hals sich in das Roth der Gesundheit kleidete. Sie senkte beschämt das Haupt, schien es aber nicht für nöthig zu halten, etwas zu erwiedern.

Ismael, zu träge, um den Gegenstand weiter zu verfolgen, oder mit der Anspielung, die er eben gemacht, zufrieden, erhob sich von seinem Sitz auf dem Felsen, streckte seine schwere Gestalt, wie ein wohlgenährter, gemästeter Stier, und äußerte sein Verlangen, schlafen zu gehen. Unter einer Race, die hauptsächlich lebte, um die Bedürfnisse des Leibes zu befriedigen, konnte eine solche Erklärung nur entsprechende Gefühle finden. Einer nach dem Andern verschwand, Jeder suchte sein rauhes Lager, und ehe einige Minuten vergingen, fand sich Esther, welche um diese Zeit die Kleineren in den Schlaf gezankt hatte, wenn wir die gewöhnliche Wache unten ausnehmen, im alleinigen Besitz des nackten Felsen.

Welche weniger edeln Früchte auch immer in diesem ungebildeten Weibe durch ihre wandernde Lebensart hervorgebracht worden, der Hauptcharakter der Frauennatur war zu tief gewurzelt, um je ganz ausgerottet zu werden. Von kräftiger, hitziger Gemüthsart waren ihre Leidenschaften heftig und schwer zu besänftigen. Aber wie sehr sie auch oft die gelegentlichen Vorrechte ihrer Lage mißbrauchen mochte, und wirklich mißbrauchte, die Liebe zu ihren Kindern, wenn sie oft schlummerte, konnte doch nie gänzlich erlöschen. Sie liebte nicht Asa's verlängerte Abwesenheit. Zu furchtlos selbst, um einen Augenblick zu zögern, für ihre eigene Person den dunkeln Abgrund zu durchschreiten, in welchen sie jetzt mit erwartungsvollen Blicken starrend da saß, begann ihre geschäftige Phantasie, in Folge dieses unzerstörbaren Gefühls, namenlose Nebel für ihren Sohn herauf zu beschwören und sich auszumalen. Es konnte möglich sein, daß er, wie Abiram angedeutet, ein Gefangener eines der Stämme geworden, die in der Nähe auf die Büffel Jagd machten, oder daß selbst ein noch größeres Unglück ihn befallen. So fürchtete die Mutter, während Stille und Dunkel die geheimen Gefühle der Natur erhöhten und verstärkten.

Von diesen Gedanken bewegt, die den Schlaf fern hielten, blieb Esther auf ihrem Sitze und lauschte mit der Aufmerksamkeit, welche bei Thieren, wenige Stufen unter ihr in Geistesgaben, Instinct genannt wird, ob sie ein Geräusch vernehme, welches von nahenden Fußtritten herrühren könnte. Endlich schien es, als ob ihre Wünsche erfüllt werden sollten, denn die langersehnten Tritte wurden ganz vernehmlich hörbar, und alsbald unterschied sie die dunkle Gestalt eines Mannes am Fuße des Felsen.

»Nun, Asa, sehr verdienst du diese liebe Nacht auf bloßer Erde zuzubringen,« murmelte das Weib, in einem Sturm von Gefühlen, die denen nicht auffallend sein werden, welche die Widersprüche, die dem Gemüth des Menschen Abwechselung geben, zu ihrem Studium gemacht haben. »Und ich denke, selbst dein Bett sollte hart sein! Ei, Abner, Abner, schläfst du? Laß mich ja nicht sehen, daß du die Höhlung öffnest, ehe ich hinunter komme. Ich will sehen, wer eine ruhige, ja, und auch eine ehrliche Familie zu solcher Nachtzeit stören mag.«

»Weib!« rief eine Stimme, die trotzig sein sollte, während der, welchem sie angehörte, offenbar ein wenig wegen der Folgen fürchtete; »Weib, ich verbiete Euch bei Gesetzesstrafe, etwas von Euern höllischen Stücken herabzuwerfen. Ich bin ein Bürger und ein Landbesitzer, ein Graduirter von zwei Universitäten, und bin hier in meinem Recht. Hütet Euch vor vorsetzlicher Bosheit, vor zufälliger Verletzung und vor Todtschlag. – Ich bin es, Euer amicus, ein Freund und Genosse, – ich, der Doctor Obed Battius.«

»Wer!« fragte Esther, mit einer Stimme, die fast die Worte nicht bis zu den Ohren des Aengstlichen unten bringen konnte, mit dem sie sprach; »es wäre nicht Asa?«

»Nein, ich bin weder Asa, noch Absalon, noch sonst einer von den hebräischen Prinzen, sondern Obed, die Wurzel und der Stamm von ihnen allen. Sagt' ich nicht, Weib, daß Ihr hier Jemand warten lasset, der so viel Anspruch auf einen friedlichen und ehrenvollen Empfang hat. Haltet Ihr mich für ein Thier aus der Classe Amphibia, und meint, ich könnte mit meinen Lungen umgehen, wie der Grobschmidt mit seinen Blasbälgen.«

Der Naturforscher hätte wohl seinen Athem noch weit länger angestrengt, ohne die gewünschte Wirkung zu erreichen, wäre Esther seine einzige Zuhörerin gewesen. Getäuscht und beunruhigt, hatte schon das Weib ihr Lager gesucht, und schickte sich in einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit an, schlafen zu gehen. Aber Abner, die Wache unten, war durch das Geschrei aus einer außerordentlich zweideutigen Lage aufgeschreckt worden, und ließ, als er hinlänglich zu sich selbst gekommen, um die Stimme des Doctors zu erkennen, diesen ohne weitern Verzug herein. Battius stolperte durch den engen Eingang mit ganz besonderer Ungeduld, und stieg schon der schwierigen Anhöhe hinauf, als er noch einen Blick auf den Pförtner warf, und stehen blieb, um mit einem Ton, der außerordentlich ermahnend sein sollte, noch zu bemerken:

»Abner, ich finde gefährliche Symptome von Schläfrigkeit an dir. Sie zeigt sich hinlänglich an deiner Neigung zum Gähnen, und könnte sehr gefährlich für dich und deines Vaters ganze Familie werden.«

»Nie wart Ihr in größerm Irrthum, Doctor,« erwiederte der Jüngling, und gähnte wie ein fauler Löwe, »ich habe kein Symptom, wie Ihr es nennt, nirgends an mir, und was den Vater und die Kinder betrifft, so denk' ich, haben die Pocken und Rötheln seit vielen Monaten hinlänglich unter uns ausgetobt.«

Zufrieden mit seiner kurzen Ermahnung, war schon der Naturforscher halb über die Hindernisse hinaus, welche die Anhöhe schützten, ehe der bedächtige Abner seine Rechtfertigung geendet hatte. Auf dem Gipfel dachte Obed gewiß Esther zu finden, von deren Geschicklichkeit in der Zunge er zu oft die stärksten Beweise erhalten hatte, und vor der er zu viel Ehrfurcht hegte, um eine Wiederholung ihrer Angriffe zu wünschen. Der Leser kann voraussehen, daß er angenehm überrascht werden sollte. Er trat leise auf und sah oft furchtsam über die Schulter in die Höhe, als fürchte er einen Schauer von oben, der aus etwas weit furchtbarerem als Worte bestehen möchte, und kam so glücklich an den Ort, der ihm bei der allgemeinen Austheilung der Lagerstätten angewiesen worden war.

Statt zu schlafen, saß der würdige Naturforscher sinnend über dem, was er während des Tags gehört und gesehen hatte, bis das Bewegen und Murmeln in Esther's Cabinet, die sein nächster Nachbar war, ihn überzeugte, daß sie noch wache. Er sah die Nothwendigkeit ein, etwas zu thun, was diesen weiblichen Cerberus entwaffnen könnte, ehe er seinen Plan ausführen dürfe, und so fand sich der Doctor, so ungern er auch ihrer Zunge begegnete, gezwungen, sie zu einer Unterhaltung aufzufordern.

»Ihr scheint nicht zu schlafen, meine gütigste, würdigste Frau Busch,« sagte er, entschlossen, sein Anerbieten mit einem Pflaster zu eröffnen, das, wie er fand, gewöhnlich anschlug; »Ihr scheint übel zu ruhen, meine verehrte Wirthin; kann ich etwas gegen Euer Leiden anbieten?«

»Was würdet Ihr mir geben,« brummte Esther. »Ein beschmiertes Läppchen, um Schlaf zu bekommen!«

»Sagt lieber ein Cataplasma. Aber wenn Ihr Schmerzen habt, hier sind herrliche Tropfen, welche, in einem Glas von meinem Cognac genommen, Euch Ruhe verschaffen werden, oder ich müßte wenig von der materia medica verstehen.«

Der Doctor hatte, wie er wohl wußte, Esther an ihrer schwachen Seite angegriffen; und da er die Annahme seines Rezepts nicht bezweifelte, machte er sich ohne allen unnöthigen Aufschub an die Zubereitung. Sein Anerbieten ward auf eine barsche, drohende Art angenommen, aber mit einer Leichtigkeit verschlungen, die klar zeigte, wie sehr sein Patient es liebte. Das Weib murmelte Dank, und ihr Arzt setzte sich ruhig hin, die Wirkung der Dosis abzuwarten. In weniger als einer halben Stunde ward das Athmen der Esther so tief, und wie es der Doctor selbst nannte, so abstract, daß hätte er diesen neuen Anfall von Schlafsucht nicht der mächtigen Gabe Opium, womit er den Branntwein versetzt, zuschreiben müssen, er fast Ursache gehabt, in sein eigenes Rezept Mißtrauen zu setzen. Mit dem Schlaf des unruhigen Weibes ward die Stille tief und allgemein.

Nun hielt es Doctor Battius für sicher aufzustehen. Mit der leisen Vorsicht eines Nachtdiebs stahl er sich aus seinem Cabinet oder vielmehr Stall, denn es verdiente keinen bessern Namen, und ging nach den naheliegenden Schlafstätten. Hier versicherte er sich, daß all' seine Nachbarn in tiefen Schlaf begraben waren; dann von diesem wichtigen Umstand überzeugt, zögerte er nicht länger, sondern stieg die mühevolle Anhöhe hinauf, welche zu der obersten Spitze des Felsen führte. Sein Gang, obgleich außerordentlich vorsichtig, war doch nicht ganz geräuschlos, und als er sich eben Glück wünschte, daß er seinen Zweck erreicht hatte und seinen Fuß auf die höchste Spitze setzen wollte, hielt ihn eine Hand an dem Saum seines Kleides, welche so wirksam seinem Fortschreiten ein Ende machte, als wenn Ismael's gigantische Stärke selbst ihn an dem Boden festhielt.

»Ist Jemand krank im Zelt,« lispelte eine sanfte Stimme ihm in's Ohr, »daß Doctor Battius zu einer solchen Stunde seinen Besuch macht?«

Sobald das Herz des Naturforschers von seiner hastigen Expedition in seine Kehle zurückgekommen war, wie ein in dem Bau des Thiers weniger Unterrichteter, als Doctor Battius sich diese ungewöhnliche Stimmung, in welcher er bei der unerwarteten Unterbrechung sich befunden hatte, erklärt haben würde, fand er sich entschlossen genug zu antworten, aber sowohl aus Schreck als aus Klugheit mit eben so gedampfter Stimme.

»Meine würd'ge Nelly, ich freue mich außerordentlich, daß es Niemand anders ist als du. Hst, hst, Kind, erführ Ismael etwas von unsern Plänen, er würde uns beide von dem Felsen in die Ebene hinunterstürzen. Still, Nelly, still.«

Da der Doctor, während er diese Ermahnungen gab, immer weiter hinaufstieg, so fanden sich beide, als er geendet, auf dem obersten Punct des Felsen.

»Und nun, Doctor Battius,« fragte das Mädchen ernst, »darf ich jetzt die Ursache wissen, warum Ihr Euch dem Fall aussetzt, von diesem Ort ohne Flügel und mit unvermeidlicher Gefahr für Euren Hals herunterzusegeln?«

»Nichts soll dir verborgen bleiben, meine würdige, treue Nelly; aber seid Ihr sicher, daß Ismael nicht erwacht?«

»Fürchtet nichts von ihm, er wird schlafen, bis die Sonne seine Augenlieder trifft. Gefahr kommt von meiner Tante.«

»Esther schläft,« erwiederte der Doctor bedeutungsvoll. »Ellen, Ihr habt auf diesem Felsen heute Wache gestanden?«

»Es ward mir befohlen.«

»Und Ihr saht den Bison, die Antilope, den Wolf und das Reh, wie gewöhnlich; Thiere aus den Ordnungen: belluae, pecora und ferae

»Ich sah die Thiere, die Ihr in unsrer Sprache genannt habt, aber ich verstehe nichts von den indianischen Sprachen.«

»Es gibt auch eine Ordnung, die ich nicht genannt habe, die die Ihr auch gesehen habt. Die primates, ist's nicht wahr?«

»Ich weiß nicht, ich kenn' kein Thier von diesem Namen.«

»Nun, Ellen, Ihr sprecht mit einem Freund. Von dem Geschlecht homo, Kind?«

»Was mir auch zu Gesicht gekommen sein mag, sicher sah ich nicht Vespertilio horribi –«

»Hsch, Nelly, dein Eifer wird uns verrathen. Sagt mir, Mädchen, saht Ihr nicht gewisse Zweifüßler, genannt Menschen, in den Steppen?«

»Freilich; mein Oheim und seine Söhne haben Büffel gejagt bis Sonnenuntergang.«

»Ich muß in der Landessprache reden, um verstanden zu werden; Ellen, ich wollte sagen, von der Species Kentucky.«

Obgleich Ellen wie die Rose erröthete, ward dies glücklicherweise durch die Dunkelheit verdeckt. Sie zögerte einen Augenblick und faßte sich dann hinlänglich, um bestimmt zu sagen:

»Wenn Ihr in Gleichnissen reden wollt, Doctor Battius, müßt Ihr Euch einen andern Zuhörer suchen. Legt mir Eure Fragen deutlich, in unserer Sprache vor, und ich will sie eben so treu beantworten.«

»Ich bin in dieser Wüste herumgezogen, Nelly, wie du weißt, um Thiere zu suchen, die sich bis jetzt vor dem Auge der Wissenschaft versteckt haben. Unter andern entdeckte ich einen Zweifüßler von dem Genus, homo; Species, Kentucky, den ich Paul nenne – –«

»Hst, um's Himmelswillen,« sagte Ellen, »sprecht leise, Doctor oder wir werden gehört.«

»Ja, Paul Hover, von Gewerb ein Sammler von apes oder Bienen,« fuhr der Andere fort. »Sprech ich jetzt verständlich, verstehst du es nun?«

»Vollkommen, vollkommen,« erwiederte das bestürzte Mädchen, das in ihrem Erstaunen kaum zu Athem kommen konnte. »Aber was ist mit ihm, hieß er Euch auf den Felsen steigen, – er weiß selbst nichts, denn ich schwur meinem Onkel, und so ist mein Mund verschlossen.«

»Ei, aber da ist einer, der hat keinen Eid geschworen; und hat alles entdeckt. Ich wünschte, der Schleier, der über die Geheimnisse der Natur gebreitet ist, wär' eben so gänzlich von ihren verborgnen Schätzen weggenommen. Ellen, Ellen, der Mann mit dem ich unkluger Weise ein compactum oder einen Vertrag geschlossen habe, ist außerordentlich vergessen in den Pflichten der Ehrlichkeit! Dein Oheim, Kind.«

»Ihr meint Ismael Busch, meines Vaters Bruders Wittwe Mann,« erwiederte das beleidigte Mädchen ein wenig stolz; »in der That, es ist grausam, mir ein Verwandtschaftsband vorzuwerfen, das der Zufall geknüpft hat, und das ich so gerne für immer zerreißen möchte.«

Die erniedrigte Ellen konnte nichts weiter hervorbringen, sondern sank auf einen Vorsprung des Felsen und schluchzte auf eine Art, die ihre Lage doppelt gefährlich machte. Der Doctor murmelte einige Worte, die eine Entschuldigung sein sollten, aber ehe er noch Zeit hatte, seine mühsame Rechtfertigung zu schließen, stand sie auf und sagte mit großer Entschlossenheit:

»Ich kam nicht hierher, um meine Zeit mit thörichten Thränen hinzubringen, noch Ihr, um sie zu stillen. Was hat Euch also hierher gebracht?«

»Ich muß den Bewohner dieses Zeltes sehen.«

»Ihr wißt, was es enthält?«

»Ich bin wohl geneigt, es zu glauben, und habe einen Brief, den ich selbst übergeben muß. Ist das Thier ein Quadruped, dann ist Ismael ein aufrichtiger Mann, ist es ein Biped, befiedert oder unbefiedert, dann kümmere ich mich um nichts; er ist falsch, und unser compactum ist zu Ende!«

Ellen gab dem Doctor ein Zeichen zu bleiben und stille zu sein. Dann schlüpfte sie in das Zelt und blieb mehrere Minuten, die für den Wartenden draußen außerordentlich unangenehm und voller Angst waren. Doch sie kehrte zurück, nahm ihn bei der Hand, und beide verschwanden zusammen hinter den Falten der geheimnißvollen Decke.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.