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James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
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Zehntes Kapitel.

»Geh' auf die Seite, Adam, und du kannst dann hören,
Wie sehr er mich bestürmen wird.«

So wie es euch gefällt.

 

Es ist bekannt, daß selbst lange vorher, ehe die unbegrenzten Landschaften von Louisiana ihren Herrn zum zweiten, und, wie man hoffen darf, zum letzten Mal vertauschten, sein ungeschütztes Gebiet gar nicht vor den Einfällen weißer Abenteurer sicher war. Die halbwilden Jäger aus den Canada, dieselbe Menschenrasse, ein wenig mehr gebildet, aus den Staaten, und die Mestizen oder Gemischten, welche zu den Weißen gezählt sein wollten, lebten unter den verschiedenen indischen Stämmen zerstreut, oder suchten in der Einöde, unter den Schlupfwinkeln der Biber und Bison, oder, um dem Landessprachgebrauch zu folgen, – der Büffel Zur Vervollständigung der wissenschaftlichen Unterschiede, welche die zwei Arten trennen, bemerken wir noch, mit aller Ehrfurcht vor Doctor Battius, als eine weit wichtigere Einzelheit die Thatsache, daß während das erstere dieser Thiere ein köstliches und nährendes Fleisch gibt, das letztere kaum eßbar ist. Anm. d. Vfs. kärglichen Unterhalt.

So war es also nicht ungewöhnlich, daß Fremde einander in den endlosen Wüsten des Westen begegneten. An Zeichen, die ein ungeübtes Auge unbemerkt gelassen hatte, erkannten diese Grenzwohner, wenn einer ihrer Gefährten nahe war, und so vermieden oder suchten sie den Ankömmling, je nachdem es mit ihren Gefühlen oder Vortheilen übereinstimmte. Zum öftersten waren diese Besuche friedlich, denn die Weißen hatten einen gemeinsamen Feind in den alten und vielleicht rechtmäßigern Bewohnern des Landes zu fürchten; aber auch die Fälle waren gar nicht selten, wo Eifersucht und Gier sie trieben, sich in Ausbrüchen der größten Gewaltthätigkeit und gefühllosesten Verrätherei zu trennen. Das Begegnen zweier Jäger in der amerikanischen Wüste, wie wir manchmal diese Gegend zu nennen belieben, hatte folglich immer etwas von der verdachtvollen und vorsichtigen Art, womit zwei Schiffe in einer See zusammenkommen, von der man weiß, daß sie von Seeräubern unsicher gemacht wird. Während kein Theil durch ein Zeichen von Mißtrauen seine Schwäche verrathen will, ist auch keiner geneigt, durch ein zutrauliches Benehmen, das dann nicht so leicht wieder abgestellt wird, sich in Gefahr zu bringen.

Von dieser Art war auch gewissermaßen die gegenwärtige Zusammenkunft. Der Fremde näherte sich vorsichtig, und hielt sein Auge standhaft auf alle Bewegungen des andern Theils gerichtet, während er vorsätzlich kleine Hindernisse sich schuf, um ein Nahekommen zu verzögern, das vielleicht zu schnell sein möchte. Auf der andern Seite spielte Paul mit dem Schloß seiner Flinte, zu stolz, als daß er merken lassen sollte, drei Männer könnten die geringste Furcht vor einem einzelnen zeigen, und doch zu vorsichtig, ganz die gewöhnlichen Vorkehrungen zu versäumen. Die Hauptursache von dem auffallenden Unterschied, womit die zwei gesetzmäßigen Theilnehmer an der Mahlzeit ihre Gäste empfingen, mußte man in der gänzlichen Verschiedenheit ihres respectiven Aeußern suchen.

Während das Ansehen des Naturforschers ausgezeichnet friedlich, um nicht zu sagen, zerstreut schien, drückte das des neuen Ankömmlings eine Kraft aus, zeigte eine Stirn und einen Schritt, die man leicht für militärisch hätte halten mögen. Er trug eine Commiskappe von feinem, blauem Tuch, an der eine schmutzige goldene Quaste herabhing; die Mütze selbst verlor sich fast ganz in der Masse des reichen, lockigen, pechschwarzen Haars. Um den Hals hatte er nachlässig ein schwarzes seidenes Tuch herumgewunden; im Uebrigen war er in ein Jägergewand gekleidet, das mit gelben Franzen und andern Zierrathen besetzt war, wie man es manchmal unter den Grenztruppen der Conföderation sah. Unter diesem Kleid ward jedoch das Koller und die Umschläge einer Jacke von derselben Farbe und aus demselben Stoff, wie die Mütze, sichtbar. Seine untern Gliedern wurden durch Strümpfe von Bockleder und seine Füße durch gewöhnlichen indischen Moccasins geschützt. Ein reich geschmückter und außerordentlich gefährlicher langer Dolch steckte in einem Gürtel von roth seidener Nesselarbeit; ein anderer Gürtel oder vielmehr Bund von ungefärbtem Leder enthielt in wohlangepaßten Halftern kleine Pistolen; und um seine Schultern hatte er ein kurzes, schweres Soldatengewehr geworfen; sein Pulverhorn und seine Taschen nahmen ihre gewöhnliche Stelle zur Seite unter seinem Arm ein. Auf dem Rücken trug er einen Schnappsack, mit den wohlbekannten Anfangsbuchstaben, die der Verwaltung der Vereinten Staaten ( United States) seitdem den witzigen und lieben Namen Uncle Sam (Onkel Sam) verschafft haben.

»Ich komm' als Freund,« sagte der Fremde und schien zu sehr an den Anblick der Waffen gewöhnt, um sich über die lächerlich kriegerische Stellung, die Doctor Battius hatte annehmen wollen, zu entsetzen. »Ich komm' als Freund, dessen Streben und Wünsche mit Euren nicht in Streit gerathen werden.«

»Hört, Fremder,« sagte Paul Hover barsch, »versteht Ihr einen Schwarm von dieser offenen Stelle bis in einen Wald, entfernt vielleicht ein Dutzend Meilen zu verfolgen.«

»Die Biene ist ein Vogel, dem ich nie nachzugehen gedachte,« erwiederte der Andere lachend, »obwohl ich zu meiner Zeit auch so etwas von einem Vogeljäger war.«

»Das meint' ich auch,« rief Paul, und streckte offen die Hand aus, ganz mit der wahren Freimüthigkeit, die den amerikanischen Grenzwohner auszeichnet. »Gebt die Hand. Ihr und ich, wir werden uns nie um die Scheiben zanken, da Ihr Euch so wenig aus dem Honig macht. Und nun, wenn Euer Magen noch einen leeren Platz hat, und Ihr einen klaren Thautropfen, der Euch in's Maul fällt, zu benutzen wißt, so liegt dort ein herrlicher Bissen, den Ihr hineinstecken könnt. Versucht's, Fremder, und wenn Ihr's versucht habt, und es nicht ein so köstliches Stückchen nennt, wie Ihr je, seit – wie lange verließt Ihr die Ansiedelungen?«

»Seit vielen Wochen, und ich fürchte, es kann noch einmal so lang dauern, bis ich wieder hinkomme. – Ich nehme übrigens Eure Einladung gerne an, denn ich habe seit Sonnenaufgang gestern gefastet und kenne zu wohl die Vortrefflichkeit eines Bisonrücken, um das Essen auszuschlagen.«

»Ah, Ihr kennt das Gericht! Nun darin hättet Ihr freilich noch vor einem Augenblick etwas vor mir vorausgehabt, wiewohl ich jetzt denken sollte, wir ständen uns gleich. Ich wär' in der That der glücklichste Bursche zwischen Kentucky und den Felsengebirgen, wenn ich nur eine kleine Hütte an einem alten Wald mit hohlen Bäumen hätte, so einen Bisonrücken jeden Tag zum Mittagessen, eine Last frisches Stroh für die Bienen und klein El – –«

»Klein, was?« fragte der Fremde, dem der gesprächige und offene Bienenjäger zu gefallen schien.

»Etwas, das ich eines Tags haben werde, und das Niemand so sehr betrifft als mich,« erwiederte Paul, und pickte an seinem Flintenstein, während er sehr kriegerisch ein an den Wassern des Mississippi gewöhnliches Lied pfiff.

Unter diesem einleitenden Gespräch hatte der Fremde seinen Sitz vor dem Bisonrücken eingenommen, und machte schon einen ernsthaften Angriff auf die Ueberbleibsel. Doctor Battius jedoch beobachtete seine Bewegungen mit einer Eifersucht, die noch weit auffallender, als die herzliche Aufnahme des offenen Paul war.

Aber die Zweifel oder vielmehr Besorgnisse des Naturforschers waren von ganz anderer Art, als das Zutrauen des Bienenjägers. Er hatte sich darüber erstaunt, daß der Fremde den rechten Namen statt des falschen von dem Thier gebrauchte, welches jetzt seine Mahlzeit ausmachte, und da er selbst einer der ersten gewesen war, welche die Wegräumung der Hindernisse benutzten, die die spanische Politik der Erforschung ihrer transatlantischen Besitzungen in den Weg gelegt, (mochte sie Handelsabsichten, oder, wie dies bei ihm der Fall war, die löblichern Zwecke der Wissenschaft betreffen,) so hatte er Einsicht genug, zu fühlen, daß dieselben Beweggründe, die ihn so mächtig zu seiner gegenwärtigen Unternehmung getrieben hatten, eine gleiche Wirkung auf das Gemüth anderer Freunde der Natur haben könnten. Er sah also hier eine beunruhigende Rivalität voraus, welche ganz das Aussehen hatte, als ob sie ihn wenigstens der Hälfte des gerechten Lohns seiner Arbeiten, Entsagungen und Gefahren berauben wollte. Betrachtet man seinen Charakter also von dieser Seite, so ist es gar nicht zu verwundern, wenn die Milde der Gemüthsart des Naturforschers ein wenig getrübt ward, und er das Verhalten des Andern mit der Aufmerksamkeit bewachte, die er für nöthig hielt, um seine feindlichen Pläne zu entdecken.

»Das ist in Wahrheit ein herrliches Essen,« bemerkte der sorglose, junge Fremde, denn auf beides, Jugend und Schönheit mochte er wohl Anspruch machen; »entweder hat mein Hunger dem Fleisch eine besondere Schmackhaftigkeit gegeben, oder der Bison kann sich mit den herrlichsten des Ochsengeschlechts vergleichen!«

»Die Naturforscher, Herr, wenn sie vertraulich sprechen, geben wohl der Kuh den Vorzug, nach ihr das Genus zu benennen«, sagte Doctor Battius und räusperte sich, ehe er sprach, ganz so, wie ein Zweikämpfer die Spitze der Waffe untersucht, die er dem Gegner in den Leib rennen will. »Ihre Gestalt ist vollkommner, auch ist der bos, d. h. Ochse, nicht im Stande die Art fortzupflanzen; während der bos im weitesten Sinn oder die vacca immer das edlere Thier von den beiden ist.«

Der Doctor sprach diese Meinung mit einer Miene aus, die seine Bereitwilligkeit ausdrücken sollte, alsbald auf einen der zahlreichen Streitpunkte überzugehen, die, wie er nicht zweifelte, zwischen ihnen bestünden; und so wartete er auf den Schlag seines Gegenkämpfers, worauf denn sein nächster Hieb noch kräftiger sein sollte. Aber der junge Fremde schien weit mehr geneigt, an dem guten Essen Theil zu nehmen, womit er so gelegen versehen worden, als den Handschuh zum Streit über Einen oder den Andern der verwickelten Puncte aufzuheben, welche so geeignet sind, dem Liebhaber der Wissenschaft Stoff zu einem gelehrten Lanzenbrechen zu geben.

»Ich glaube wohl, Ihr habt ganz Recht,« erwiederte er mit der empörendsten Gleichgültigkeit in Hinsicht der Wichtigkeit des Zugestandenen. »Ich glaube, Ihr habt ganz Recht, und vacca würde das bessere Wort gewesen sein.«

»Verzeiht mir, Herr, Ihr gebt meiner Sprache einen falschen Sinn, wenn Ihr meint, ich brächte, ohne viele und ganz besondere nähere Bestimmungen den bubulus americanus in die Familie vacca. Denn, wie Ihr wohl wißt, Herr, – oder wie ich lieber hätte sagen sollen, Doctor – Ihr habt doch ohne Zweifel das medizinische Diplom?« –

»Ihr schreibt mir da eine Ehre zu, worauf ich keinen Anspruch mache,« unterbrach der Andere.

»Einen untern Grad also! – oder vielleicht habt Ihr in einer andern freien Kunst promovirt?«

»Noch weit schlimmer, versichere Euch.«

»Ihr habt Euch aber doch gewiß nicht, junger Mann, in dies wichtige – ich möchte sagen feierliches Unternehmen gewagt, ohne einen Beweis von Eurer Tüchtigkeit zu diesem Dienst vorzeigen zu können; einen Auftrag, wodurch Ihr einen Beruf zu diesem Geschäft darthun, und eine Verwandtschaft und Gemeinschaft mit Euren Mitarbeitern in dem menschenfreundlichen Bestreben ansprechen könnt.«

»Ich weiß nicht durch welche Mittel oder zu welchem Zweck Ihr Euch mit meinen Planen bekannt gemacht,« rief der Jüngling, ward roth, und erhob sich mit einer Schnelligkeit, welche zeigte, wie wenig er die leiblichen Bedürfnisse berücksichtige, wenn etwas seinem Herzen näher liegendes berührt ward. »Noch, Herr, ist Eure Sprache mir unverständlich. Das Streben, was bei einem Andern vielleicht mit Recht menschenfreundlich und aufopfernd genannt werden könnte, ist bei mir eine theure, liebe Pflicht; warum aber ein Auftrag verlangt werden oder nöthig sein sollte, ist, ich gesteh' es, ebenfalls etwas, was mich nicht weniger erstaunt.«

»Es ist gewöhnlich, sich mit einem solchen Document zu versehen,« erwiederte der Doctor ernst, »und es bei allen schicklichen Gelegenheiten vorzuzeigen, damit geistesverwandte und freundliche Gemüther zugleich allen unwürdigen Verdacht unterdrücken, und, was die Elemente des Gesprächs genannt werden kann, übergehend, mit einem Mal zu den Puncten kommen, welches für beide die wahren desiderata sind.«

»Eine sonderbare Forderung!« murmelte der Jüngling und wandte sein schwarzes, umschattetes Auge von einem zum andern, als ob er den Charakter seiner Gefährten erforschen und ihre physische Kraft wägen wollte. Dann brachte er die Hand in den Busen, zog ein kleines Kästchen hervor, und fuhr, es dem Doctor mit Würde reichend, fort: »Ihr werdet darin finden, Herr, daß ich einiges Recht habe, in einem Lande zu reisen, welches jetzt Eigenthum der amerikanischen Staaten ist.«

»Was haben wir da!« rief der Naturforscher, während er ein großes Pergament entfaltete; »ei, das ist ja die Unterschrift des Philosophen Jefferson. Es ist das Staatssiegel! Mitunterschrieben von dem Kriegsminister! Es ist ein Document, das Duncan Uncas Middleton zum Capitain der Artillerie macht.«

»Wen, wen!« rief wiederholt der Streifschütz, der den Fremden während der ganzen Unterredung mit Augen betrachtet hatte, die jeden Gesichtszug eifrigst zu verschlingen schienen. »Wie ist der Name? Nanntet Ihr ihn Uncas? War's Uncas?«

»Das ist mein Name,« erwiederte der Jüngling stolz. »Es ist der Name von einem Landeshäuptling, den mein Oheim und ich stolz sind zu tragen, da er ein Andenken an einen wichtigen Dienst ist, welcher meiner Familie von einem Krieger in den alten Kämpfen der Provinzen geleistet ward.«

»Uncas! Nanntet Ihr ihn Uncas!« wiederholte immer noch der Streifschütz, er näherte sich dem Jüngling, und theilte die dunkeln Locken, welche über seine hohe Stirn herabfielen, ohne den geringsten Widerstand von Seiten des erstaunten Eigenthümers. »Ach meine Augen sind alt, und nicht mehr so scharf, als wie auch ich Soldat war; aber ich kann das Bild des Vaters im Sohn erkennen; ich sah es, als Ihr zuerst nahe kamt. Doch es gingen so viele Begebenheiten seitdem vor meinem erlöschenden Blick vorüber, daß ich den Ort nicht nennen konnte, wo mir ein Gegenbild vorgekommen. Sagt mir, Junge, unter welchem Namen ist Euer Vater bekannt?«

»Er war Offizier bei den Staaten im Revolutionskrieg, und natürlich trug er meinen Namen. Meiner Mutter Bruder hieß Duncan Uncas Heyward.«

»Noch Uncas, Uncas!« entgegnete der Andere zitternd vor Erwartung. »Und sein Vater?«

»Hieß eben so ohne den Titel des Landeshäuptlings. Ihm und meiner Großmutter ward der Dienst erwiesen, wovon ich eben sprach.«

»Ich wußte es, ich wußte es!« rief der alte Mann mit zitternder Stimme; seine rauhen Züge waren in mächtiger Bewegung, als ob die Namen, welche der andere nannte, lange schlafende Erinnerungen wieder aufweckten, die sie an Begebenheiten eines früheren Alters anknüpften. »Ich wußte es! Sohn oder Enkel, es ist dasselbe. Es ist sein Blut, es ist sein Blick! Sagt mir, lebt der, den sie Duncan nennen, ohne Uncas, lebt der noch?«

Der junge Mann schüttelte traurig das Haupt, als er Nein antwortete:

»Er starb reich an Tagen und Ehren. Geliebt, glücklich und beglückend.«

»Reich an Tagen!« wiederholte der Streifschütz, und sah nieder auf die eigenen magern, aber noch kräftigen Hände. »Ach er lebte in den Ansiedelungen und war nur weise nach ihrer Art. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, ihn sprechen hören von dem Uncas und von der Wildniß.«

»Oft! Er war damals Diener des Königs. Aber als der Krieg ausbrach zwischen der Krone und den Colonieen, da vergaß mein Großvater nicht den Geburtsort, sondern warf weg die leere Last der Namen, und war treu seinem Vaterlande. Er focht auf der Seite der Freiheit.«

»Darin war Vernunft, und was noch besser ist, Natur! Kommt, setzt Euch nieder zu mir, Junge; setzt Euch, und sagt mir, was Euer Großvater zu erzählen pflegte, wenn seine Gedanken auf den Wundern der Wildniß verweilten.«

Der Jüngling lächelte, eben so sehr über das Drängen als über die Theilnahme des alten Mannes; aber da er fand, daß auch nicht mehr der geringste Schein einer Gewaltthätigkeit, die man hätte beabsichtigen können, da war, so willfahrte er ohne Zögern.

»Erzählt es all dem Streifschützen mit allen Umständen,« sagte Paul, und nahm ruhig seinen Sitz an der andern Seite des jungen Kriegers ein. »Die Greise lieben solche alten Erzählungen, und auch ich muß gestehen, ich höre sie nicht ungern.«

Middleton lachte wieder, und vielleicht mit etwas Spott; aber dann gutmüthig zum Streifschützen gewandt, fuhr er fort:

»Es ist eine lange und möchte wohl eine unangenehme Geschichte sein. Blutvergießen und alle Schrecken indianischer Grausamkeit und indianischer Kriege sind furchtbar in die Erzählung gemischt.«

»Ach gebt sie uns ganz, Fremder,« fuhr Paul fort. »Wir sind an solche Dinge in Kentucky gewöhnt, und ich muß sagen, ich halte deßwegen eine Erzählung nicht für schlechter, wenn manchmal darin ein Kopf scalpirt wird.«

»Aber er erzählte Euch von Uncas, nicht?« nahm der Streifschütz wieder das Wort, ohne auf die kurzen Unterbrechungen des Bienenjägers zu achten, die nur eine Art Zwischenspiele waren, »Und was dachte und sagte er von dem Jungen in seinem Cabinet, mit allen Bequemlichkeiten und Erfindungen der Colonieen zur Hand?«

»Ich zweifle nicht, er sprach so, wie er in den Wäldern gesprochen haben würde, hätte Aug' im Aug' vor seinem Freund er gestanden.«

»Nannte er den Wilden seinen Freund, den armen, nackten, bemalten Kämpfer, war er nicht zu stolz dazu, den Indianer Freund zu nennen?«

»Er rühmte sich sogar seiner Bekanntschaft, und wie Ihr schon gehört, gab seinem Erstgebornen einen Namen, der wie ein Erbstück auf seine übrigen Nachkommen übergehen soll.«

»Er that recht, er that wie ein Mann, ja und auch wie ein Christ. Er sagte oft, der Delaware sei schnellfüßig. Sagte er noch so?«

»Wie die Antilope! In der That er sprach oft von ihm unter der Benennung Le Cerf agile, ein Name, den er sich durch seine Thätigkeit erworben.«

»Und kühn und furchtlos, Junge,« fuhr der Streifschütz mit einem Eifer fort, der verrieth, mit welchem Vergnügen er das Lob eines Mannes hörte, den er offenbar einst zärtlich geliebt hatte.

»Tüchtig wie ein Löwe. Ohne Furcht. Er nannte immer Uncas und seinen Vater, der von seiner Weisheit Grand Serpent genannt ward, als Muster des Heldenmuths und der Standhaftigkeit.«

»Er ließ ihnen Gerechtigkeit widerfahren! Ja, nur Gerechtigkeit! Treuere Männer waren nicht zu finden, in keinem Stamm, in keinem Volk, ihre Haut mag eine Farbe haben, wie sie will. Ich seh', Euer Großvater war gerecht, und that seine Schuldigkeit auch noch nach seinem Tode! Es war eine gefährliche Zeit, die er auf den Hügeln verlebte; und er spielte seine Rolle edel. Sagt mir, Junge, oder Capitain vielmehr, – da Ihr Capitain seid, – war dies alles?«

»O nicht; es war, wie ich Euch gesagt habe, eine furchtbare Geschichte, voll der rührendsten Vorfälle, und das Gedächtniß meines Großvaters und meiner Großmutter – –«

»Ach!« rief der Streifschütz, und reckte die Hand in die Höhe, während sein ganzes Antlitz durch die Rückerinnerungen, die in ihm bei diesem Namen wieder auflebten, glänzte. »Sie nannten sie Alice! Elsie oder Alice, es ist dasselbe. Ein lachendes, spielendes Kind war sie, wenn glücklich; im Unglück sanft und voll Gefühl! Ihr Haar glänzend, blond, wie das Fell des jungen Reh's, und ihre Haut klarer als das reinste Wasser, das vom Felsen träufelt. Wohl erinnere ich mich noch ihrer; ja noch recht wohl.«

Die Lippe des Jünglings verzog sich ein wenig, er betrachtete den alten Mann mit einem Blick, der leicht als eine Andeutung hätte erklärt werden mögen, daß seine Rückerinnerungen an den verehrungswürdigen und verehrten Ahnen nicht von der Art seien, obgleich es scheinen wollte, als ob er es für unnöthig hielt, dies in Worten auszudrücken. Er begnügte sich mit der Antwort: »Sie beide bewahrten die Eindrücke der Gefahren, denen sie ausgesetzt gewesen, zu lebhaft, um einen ihrer Mitgenossen zu vergessen.«

Der Streifschütz sah seitwärts, und schien mit einem tief ihm inwohnenden Gefühl zu kämpfen; dann, ob gleich seine treuen Augen nicht mehr mit demselben offenen Interesse, wie vorher, an ihm hingen, wieder zu ihm gewendet, fuhr er fort: »Erzählte er Euch von ihnen allen? Waren sie alle Rothhäute, er und die Töchter Munro ausgenommen?«

»Nein. Es hatte sich auch noch ein Weißer zu den Delawaren gesellt. Ein Spion der englischen Armee, aber ein Eingeborner der Provinzen.«

»Ein betrunkener, nichtswürdiger Herumstreicher, wie die meisten seiner Farbe, die sich zu den Wilden halten; ich versichere Euch.«

»Alter Mann, Eure grauen Haare sollten Euch vor einer Verläumdung bewahren. Der Mann, wovon ich spreche, besaß große Einfalt, aber hohen Werth. Unähnlich vielen, welche sich auf der Grenze herumtreiben, vereinigte er, statt der schlechten, nur die guten Eigenschaften der beiden Völker. Er war von der Natur mit der herrlichsten und vielleicht seltensten Eigenschaft versehen, mit der, das Gute vom Bösen zu scheiden. Seine Tugenden waren die der Einfalt, wie auch die Früchte seiner Handelsweise und selbst seine Vorurtheile. Im Muth war er seinen rothen Gefährten gleich; in Kriegskenntniß, da er besser unterrichtet war, stand er über ihnen. Kurz er war ein edler Sprosse aus dem Baum der Menschennatur, der nie seine wahre Höhe und Wichtigkeit erlangen konnte, blos weil er im Wald wuchs; dies, alter Jäger, waren die eigenen Worte meines Großvaters, als er von dem Manne sprach, den Ihr für so nichtswürdig haltet.«

Der Streifschütz senkte die Augen zu Boden, während der Fremde mit allem Feuer edler Jugend diese Schilderung von der Person entwarf, die der Gegenstand ihres Gesprächs war. Er spielte mit den Ohren seines Hundes, zupfte an seinem groben Gewand, und öffnete und verschloß die Pfanne seiner Flinte, mit so zitternder Hand, daß man sie für ganz unfähig hätte halten mögen, die Waffe zu führen. Als der Andere geendet, fügte er ruhig hinzu: »Euer Großvater vergaß also nicht ganz den Weißen?«

»Im Gegentheil, drei von uns führen immer den Namen des Kundschafters.«

»Den Namen, wie?« rief der alte Mann staunend, »den Namen eines verlassenen, ungelehrten Jägers! Führen die Großen, Reichen, Gelehrten, und, was noch mehr ist, die Gerechten, führen sie wirklich denselben Namen!«

»Ihn führt mein Bruder und zwei meiner Vettern, welches Recht sie auch außerdem auf die von Euch erwähnten Titel haben.«

»Ja ist es aber auch derselbe Name, sind's dieselben Buchstaben, fängt er mit einem N an und endet er mit einem L?«

»Ganz so,« erwiederte der Jüngling lächelnd. »Nein, nein, wir haben nichts vergessen, was sein war. Ich habe in diesem Augenblick einen Hund, – er verfolgt nicht weit von hier ein Reh, – der von einem abstammt, den eben dieser Kundschafter seinen Freunden zum Geschenk machte, und der von derselben Race ist, die er immer hatte; ein sichereres Thier, nach Nase und Fuß, findet man in der weiten Union nicht.«

»Hektor!« sagte der alte Mann, und bemühte sich einer Bewegung, Meister zu werden, die ihn fast erstickte; »Hektor!« sprach er zu seinem Hund in einem Ton, wie er ihn bei einem Kind gebraucht hätte, »hörst du, Alter; dein Fleisch und Blut ist in der Steppe! Ein Name, – wunderbar, – wunderbar!«

Die Natur widerstand nicht länger. Ueberwältigt von einer Fluth seltner, außerordentlicher Bewegungen, ergriffen von zarten Rückerinnerungen, die lang geschlafen, und jetzt so wunderbar und unerwartet wieder auflebten, hatte der alte Mann kaum Macht genug über sich, um mit hohler, gepreßter Stimme und mit aller Anstrengung hinzufügen:

»Junge, ich bin der Kundschafter, Soldat einst, jetzt ein armer Streifschütz.« – Die Thränen flossen über die zerstörten Wangen, wie Wasserbäche aus Quellen, die seit Langem versiegt; – sein Haupt sank auf seine Kniee, er bedeckte es mit dem ledernen Gewand und schluchzte laut.

Der Anblick brachte entsprechende Bewegungen in seinen Gefährten hervor. Paul Hover hatte wirklich jede Silbe der Unterredung, wie sie abwechselnd die Sprechenden vorbrachten, eifrigst verschlungen, und seine Gefühle hatten gleichen Schritt mit dem wachsenden Interesse der Scene gehalten. An so fremdartige Auftritte nicht gewöhnt, wandte er sein Gesicht nach allen Seiten hin, um zu vermeiden, – er wußte nicht recht, was? bis er die Thränen sah, und das Schluchzen des alten Mannes hörte, da sprang er auf, ergriff seinen Gast heftig an der Kehle und fragte, mit welchem Recht er seinen bejahrten Gefährten zu Thränen gebracht. Ein Blitz der Rückerinnerung fuhr ihm in demselben Augenblick durch den Kopf, er ließ ihn los, und ergriff, als er in der Verlegenheit und Freude über den erkannten Irrthum die Hand ausstreckte, den Doctor bei'm Haar, wodurch alsbald dessen künstliche Natur an den Tag kam, da es ihm an der Hand hängen blieb, und dem weißen, glänzenden Schädel des Naturforschers keine wärmere Bekleidung ließ, als die Haut.

»Was denkt Ihr dazu, Herr Ungeziefer-Sammler,« triumphirte er schreiend, »ist das nicht eine sonderbare Biene, um sie in ihre Höhle zu verfolgen?«

»Es ist merkwürdig, wunderbar, erbauend!« erwiederte der Freund der Natur und nahm ihm gutmüthig die Perrücke wieder ab, während seine Augen glänzten und die Stimme stockte. »Es ist seltsam und werth der Aufbewahrung, wiewohl ich nicht an der rechten Folge der Ursachen und Wirkungen zweifle.«

Durch diesen plötzlichen Zwischenfall hatte jedoch auch die Bewegung Aller alsbald ein Ende; die drei Gegenwärtigen umringten den Streifschützen mit einer Art Ehrfurcht, als sie die Thränen eines so bejahrten Mannes sahen.

»Es muß so sein, wie könnte er sonst eine Geschichte so genau wissen, die außerhalb meiner eignen. Familie so wenig bekannt ist;« bemerkte endlich der Jüngling, und scheute sich gar nicht, durch ein Wischen der Augen offen an den Tag zu legen, wie sehr er gerührt worden.

»Freilich,« entgegnete Paul, »und wenn Ihr noch einen Beweis braucht, so will ich schwören. Ich bin überzeugt, daß jedes Wort so wahr ist, wie das Evangelium.«

»Und doch hatten wir ihn längst für todt gehalten!« fuhr der Soldat fort; »mein Großvater hatte in Ehren seine Tage schon geschlossen, und wir hatten jenen für jünger gehalten.«

»Nicht oft hat die Jugend eine Gelegenheit, so auf die Schwäche des Alters herabzusehen;« bemerkte der Streifschütz, erhob sein Haupt und sah um sich mit Haltung und Würde. »Daß ich noch hier bin, junger Mann, ist das Geschenk des Herrn, der mich so lange bewahrt, mich achtzig arbeitsvolle Jahre nach seinen verborgenen Zwecken erleben ließ. Daß ich der bin, für den ich mich ausgebe, bezweifelt nicht; warum sollt' ich zu Grabe gehen mit so unnützer Lüge im Mund.«

»Ich nehme keinen Anstand, es zu glauben; ich wundere mich nur, daß es so sein soll. Aber warum find' ich Euch, ehrwürdiger, trefflicher Freund meiner Eltern in diesen Wüsten, so weit von aller Bequemlichkeit und Sicherheit des untern Landes?«

»Ich kam ich diese Gegend, dem Schall der Axt zu entgehen; denn hierhin sicherlich kann ein Holzfäller mir nicht folgen. Aber ich kann dieselbe Frage Euch zurückgeben. Gehört Ihr zu denen, welche die Staaten aussandten, um die Beschaffenheit ihres neuen Ankaufs zu untersuchen?«

»Ich nicht. Lewis zieht den Fluß hinauf, einige hundert Meilen von hier; ich komme als ein Privat-Abenteurer.«

»Obgleich man sich nicht wundern darf, daß ein Mann, dessen Kraft und Augen ihn als Jäger verlassen haben, nahe den Höhlen der Biber getroffen wird, wo er statt der Flinte eine Falle gebraucht; so ist es doch sonderbar, daß ein so junger und glücklicher Mann, der einen Auftrag vom großen Vater erhalten, die Steppen durchstreift, ohne selbst einen farbigen Diener zu seinen Befehlen zu haben!«

»Ihr würdet meine Gründe für hinlänglich halten, wenn Ihr sie wüßtet, und Ihr sollt sie wissen, wenn Ihr meine Geschichte anhören wollt. Ich halt' euch Alle für edel, für Männer, die eher den unterstützen als verrathen würden, der einen guten Zweck verfolgt.«

»So kommt und erzählt uns nach Gefallen,« sagte der Streifschütz, setzte sich und gab dem Jüngling einen Wink, seinem Beispiel zu folgen. Der letztere willfahrte gern, und nachdem Paul und der Doctor, wie sie es für gut fanden, einen Platz eingenommen, begann der neue Ankömmling, die ganz eigenen Ursachen auseinander zu setzen, die ihn so weit in die Wüsten geführt hatten.

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