Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
James Fenimore Cooper: Die Steppe - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleDie Steppe
publisherVerlag von Johann David Sauerländer
seriesJames Fenimore Cooper's Ausgewählte Romane
volumeSechster Band
year1839
translatorCarl Friedrich Meurer
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
created20130801
modified20140825
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

Den Priscian ein wenig nur gepreßt;
Es wird schon geh'n.

Der Liebe verlorne Müh'.

 

Nachdem wir den Leser mit der Art bekannt gemacht, wie Ismael Busch seine Familie unter Umständen unterbrachte, welche die meisten Andern in die größte Verlegenheit gesetzt haben würden, wollen wir wieder den Schauplatz einige kleine Meilen von der letztbeschriebenen Stelle weg verlegen, jedoch die schickliche, natürliche Zeitfolge wahren. Zur selben Zeit, wo der Grenzwohner und seine Söhne auf die im vorhergehenden Kapitel erwähnte Weise auszogen, waren zwei Männer in einer Niederung, die an den Ufern eines kleinen Baches, gerade außer der Schußweite des Lagers sich befand, eifrig damit beschäftigt, die Vorzüge eines schmackhaften Bisonrückens herauszustreichen, der für ihren Gaumen mit der äußersten Sorgfalt, die ein solches Gericht erforderte, zubereitet worden. Das vorzüglichste Stück war geschickt von den angrenzenden und weniger edlen Theilen des Thiers abgesondert, und in seine, ihm von der Natur verliehene haarige Bekleidung eingewickelt, der gehörigen Hitze des gewöhnlichen unterirdischen Ofens ausgesetzt worden und ward jetzt den Herren in aller Küchenglorie der Steppe vorgelegt. Was Reichlichkeit, Zartheit, Lieblichkeit des Geruchs und nährende Kraft betraf, konnte das Fleisch wohl einen entschiedenen Vorzug über die Lohnköcherei und gekünstelten Compots des berühmtesten Restaurateurs behaupten, obgleich die Kunst sehr wenig bei der Zubereitung gethan hatte. Es wollte scheinen, als ob die beiden glücklichen Sterblichen, deren neidenswerthes Loos es war, ein Mahl zu halten, worin Gesundheit und Hunger der ausgesuchten Schüssel der amerikanischen Wüsten so großen Reiz verliehen, gar nicht unempfindlich für das Glück wären, dessen sie sich erfreuten.

Der Eine, dessen Kenntnissen in der Kochkunst der Andere sein Mahl verdankte, schien von den Beiden am wenigsten geneigt, was seine Geschicklichkeit hervorgebracht, zu genießen. Er aß zwar und mit Lust; aber immer mit der Mäßigung, womit das Alter den Hunger zu regeln pflegt. Solchen Zwang aber legte sich die Begierde seines Gefährten nicht auf. In der Blüthe seiner Tage und in der vollsten Kraft der Mannheit, war die Huldigung, welche er dem Werk von den Händen seines älteren Freundes erwies, die tiefste und ausschließlichste. Während ein köstlicher Bissen dem andern folgte, warf er seine Augen auf seinen Gefährten und schien seine Dankbarkeit, die er auszusprechen keine Zeit hatte, in Blicken der liebevollsten Art ausdrücken zu wollen.

»Schneidet mehr in das Herz hinein, Bursche,« sagte der Streifschütz; denn der ehrwürdige Bewohner dieser weiten Wüsten war es, der den Bienenjäger mit der fraglichen Mahlzeit versehen hatte; »schneidet besser in das Innerste des Stücks, da werdet Ihr den rechten Reichthum der Natur finden, ohne nöthig zu haben, ihm durch Gewürze oder Euern beißenden Senf einen fremdartigen Geschmack zu geben.«

»Hätt' ich nur einen Becher Meth,« sagte Paul, als er einhielt, um dem nöthigen Geschäft des Athemholens zu genügen, »so wollt' ich schwören, dies sei das stärkste Mahl, was je dem Mund eines Mannes vorgesetzt ward.«

»Ei, wohl mögt Ihr es stark nennen« erwiederte der Andere mit dem ihm eignen Lächeln, voll Freude, daß er seinen Gefährten so vergnügt sah; »stark ist es, und stark macht es den, der es ißt! Da, Hektor,« fuhr er fort, während er dem Hund, welcher aufmerksam sein Auge beobachtete, ein Stück vorhielt; »du brauchst auch Stärke, mein Freund, in deinen alten Tagen, so gut wie dein Herr. Seht, Bursche, der Hund da ißt und schläft weiser und besser, ei, und hat auch reichlichere Nahrung, als irgend ein König; und warum? Weil er die Gaben seines Schöpfers gebraucht und nicht mißbraucht hat. Er ward zu einem Hund gemacht, und wie ein Hund hat er gegessen; diese hat er zu Menschen geschaffen, aber sie haben gegessen wie hungrige Wölfe! Hektor ist ein guter, kluger Hund gewesen, und nie hab' ich einen seiner Race falsch in Nase und Anhänglichkeit gefunden. Kennt Ihr den Unterschied zwischen der Kochkunst der Wildniß und der, welche man in den Ansiedelungen findet? Nein, ich sehe deutlich an Euerm Appetit, Ihr kennt ihn nicht; so will ich ihn Euch sagen. Die eine folgt dem Menschen, die andre der Natur. Die eine meint, sie könne zu den Gaben des Schöpfers noch Etwas hinzuthun, während die andre demüthig genug ist, sie zu genießen; darin liegt das Geheimniß.«

»Ich versichere Euch, Streifschütz,« sagte Paul, der sehr wenig von der Moral erbaut ward, womit sein Gefährte ihr Mahl hatte würzen wollen, »jeden Tag, so lange wir an diesem Orte sind, und wahrscheinlich sind deren noch viele, will ich einen Büffel schießen, und Ihr sollt seinen Rücken zurecht machen.«

»Ich weiß doch nicht, ich weiß nicht. Das Thier ist gut, nehmt es, wo Ihr wollt, und um den Menschen zu nähren, ward es geschaffen; aber ich weiß doch nicht, ob ich ein Zeuge und Helfer bei der Verschwendung, täglich einen zu tödten, sein möchte.«

»Den T – l wird es eine Verschwendung sein, Alter. Wenn sie all' so gut ausfallen, wie der, mach' ich mich anheischig, sie alle allein rein aufzuessen bis auf die Hufen. – Was gibt's? Wer kommt da! Einer mit einer tüchtigen Nase, will schwören, die ihn auf gute Spur geführt hat, wenn er etwas zu essen sucht.«

Die Person, welche die Unterhaltung unterbrochen, und Paul's obige Bemerkung veranlaßt hatte, sah man jetzt an dem Rande des Flusses mit besonnenem Schritt, und gerade auf die beiden Schlemmer zu, herankommen. Da nichts Furchterweckendes und Feindliches in ihrem Aeußern lag, vermehrte der Bienenjäger, statt seine Arbeit zu unterbrechen, eher seine Bemühungen, so daß es schien, als zweifle er, ob der Rücken für die gehörige Sättigung Aller, die jetzt wahrscheinlich an dem kostbaren Bissen Theil nehmen würden, hinreichen dürfte. Mit dem Streifschütz jedoch war es anders. Sein mäßigerer Hunger war schon gestillt, und er sah dem neuen Ankömmling mit einem Blick von Herzlichkeit entgegen, der deutlich zeigte, wie gelegen ihm dessen Ankunft kam.

»Kommt herbei, Freund,« rief er und winkte mit der Hand, als er bemerkte, daß der Fremde einen Augenblick, offenbar zweifelhaft, stehen blieb. »Kommt herbei, sage ich; wenn der Hunger Euer Führer ist, so hat er Euch an die rechte Stelle gebracht. Hier ist Fleisch, und dieser junge Mann da kann Euch Mais geben, weißer als Hochland-Schnee; kommt herbei, ohne Furcht. Wir sind keine Raubthiere, die sich einander auffressen, sondern Christenleute, die dankbar annehmen, was der Herr gütigst ihnen verleiht.«

»Ehrwürdiger Jäger,« erwiederte der Doctor, – denn es war Niemand anders, als der Naturforscher, der auf einer seiner täglichen Excursionen herankam, – »ich freue mich sehr über dies Begegnen; denn wir lieben dieselbe Beschäftigung und sollten Freunde sein.«

»O Himmel,« sagte der alte Mann und lachte, ohne viel Rücksicht auf die Regeln der Schicklichkeit, dem Philosophen in's Gesicht; »das ist der, welcher mich glauben machen wollte, ein Name könnte die Natur eines Thieres ändern. Kommt, Freund, Ihr seid willkommen, obgleich Eure Begriffe ein wenig durch zu vieles Bücherlesen verwirrt sind. Laßt Euch nieder, und wenn Ihr von diesem Bissen gegessen, so sagt mir, wenn Ihr könnt, den Namen des Thiers, das Euch sein Fleisch zu essen gegeben.«

Die Augen des Doctors Battius (wir halten es für schicklich, dem guten Manne den Namen zu geben, den er am meisten vorzog), die Augen des Doctors Battius verriethen hinlänglich das Vergnügen, womit er den Vorschlag anhörte. Die Bewegung, die er sich gemacht hatte, und der scharfe Wind waren gute Reizmittel gewesen; Paul selbst war kaum in besserer Verfassung gewesen, des Streifschützen Kochkunst Ehre zu machen, als der Liebling der Natur, wie die lieblichen Töne der Einladung sein Ohr trafen. Mit einem leisen Lächeln, das seine Bemühungen, es zu unterdrücken, fast zu einem Hänseln machte, nahm er den angewiesenen Sitz an des alten Mannes Seite ein und machte die gewöhnlichen Vorkehrungen, um sein Mahl ohne weitere Umstände zu beginnen.

»Ich würde mich meines Berufs schämen,« sagte er und verschlang ein Stück von dem Rücken mit sichtbarem Wohlbehagen, während er zu gleicher Zeit im Stillen sich bemühte, die Eigenheiten der versengten und entstellten Haut herauszubringen; »ja, ich müßte mich meines Berufs schämen, wenn es ein Thier oder einen Vogel auf dem Continent von Amerika gäbe, den ich nicht nach einem von den Zeichen bestimmen könnte, die die Wissenschaft in dieser Hinsicht darbietet. Dieses, – ja dieses, – das Essen ist nährend und wohlschmeckend, – einen Mundvoll von Eurem Mais, Freund, wenn Ihr erlaubt!«

Paul, der mit stets wachsendem Eifer immer fortaß, sah ihn von der Seite mit einem Blick an, wie etwa ein Hund, der mit derselben angenehmen Arbeit beschäftigt ist, und warf ihm seine Tasche hin, ohne es auch nur für nöthig zu halten, seine eigene Anstrengung zu unterbrechen.

»Ihr sagtet, Freund, Ihr hättet tausend Wege, die Wesen zu erkennen?« bemerkte der aufmerksame Streifschütz.

»Viele, sehr viele, und untrügliche, so erkennt man die Thiere, welche Fleisch fressen, an ihren incisores

»An ihren – was?« fragte der Streifschütz.

»An den Zähnen, womit die Natur sie zu ihrer Verteidigung und um ihren Raub zu zerreißen, versehen hat. Ferner – –«

»So seht denn nach den Zähnen dieses Thiers,« unterbrach ihn der Streifschütz, der gerne einen Mann seiner Unwissenheit überführen mochte, welcher in Sachen der Wildniß sich mit ihm hatte einlassen wollen; »so dreht denn das Stück um und um, und sucht seine In-sich-oresDer Leser merkt leicht, daß hier im Original ein Wortspiel sich findet, das der Uebersetzer nur auf diese burleske, aber gewiß sehr witzige Weise, hat wiedergeben können. Uebers.

Der Doctor that's, aber natürlich ohne Erfolg; jedoch benutzte er die Gelegenheit, einen zweiten fruchtlosen Blick auf die zusammengeschrumpfte Haut zu werfen.

»Nun, Freund, findet Ihr, was Ihr braucht, ehe Ihr entscheiden könnt, ob das Ding eine Ente oder ein Salmen ist.«

»Ich fürchte, wir haben das Thier hier nicht ganz.«

»Das mag wohl sein,« rief Paul, der jetzt wegen Ueberfüllung allein genöthigt ward, aufzuhören. »Ich stehe für einige Pfund von dem Burschen, wenn man auch die genauesten Wagen westlich von den Alleganhie nimmt; und doch könnt Ihr noch von dem, was übrig ist, so viel nehmen, als Seele und Leib zusammenhält,« fuhr er fort, und beäugelte ein großes Stück, das zwanzig Mann hatte speisen können, und welches er wegen Uebersättigung liegen lassen mußte; »schneidet näher nach dem Herzen, wie der alte Mann da sagt, und Ihr werdet die Reichthümer des Stücks finden.«

»Das Herz!« rief der Doctor, innerlich erfreut zu hören, daß noch ein Haupttheil für die Untersuchung übrig gelassen worden; »ei, laßt mich das Organ sehen, – das wird mit einem Male den Charakter des Thiers bestimmen, – doch das ist nicht das cor ja doch freilich – das Thier muß von der Ordnung bellua sein, ich schließ' es aus dessen fetter Beschaffenheit.«

Er ward durch ein langes, herzliches, aber noch geräuschloses Lachen vom Streifschützen unterbrochen, welches von dem beleidigten Naturforscher für so unzeitig angesehen ward, daß es eine plötzliche Pause in seiner Rede, wenn nicht ein Stocken in seinen Gedanken hervorbrachte.

»Erst beobachtet er seines Thiers Beschaffenheit und Ordnung.« sagte der alte Mann, der sich an der offenbaren Verwirrung seines Nebenbuhlers ergötzte, »und dann behauptete er, es sei nicht gar! Ei, Mann, Ihr seid weiter von der Wahrheit, als von den Ansiedelungen, bei all Eurer Büchergelehrsamkeit und fremden Worten, welche nun einmal von keinem Stamm, von keinem Volk östlich von den Felsgebirgen verstanden werden können. Beschaffenheit hin, Beschaffenheit her, diese Burschen sieht man zu zehntausenden in den Steppen herumstreifen, und das Stück da in Eurer Hand ist das Herz- und Kraftstück von einem Büffelrücken, wie je der Magen sich einen wünschte.«

»Mein bejahrter Freund,« sagte Obed, und bemühte sich, seinen steigenden Aerger zu unterdrücken, der, wie er meinte, sich nicht zur Würde seines Charakters schicke, »Euer System ist falsch von den Prämissen an bis zur Conclusion, und Eure Classification so fehlerhaft, daß sie alle Unterscheidungen der Wissenschaft zusammenwirft. Der Büffel hat ganz und gar keinen solchen Rücken. Auch ist sein Fleisch nicht wohlschmeckend und gesund, wie ich gestehen muß, daß das vor uns sehr wohl charakterisirt werden möchte.«

»Da bin ich Euer Todfeind, und halt' es ganz mit dem Streifschützen,« unterbrach ihn Paul Hover, »Wer leugnet, daß Büffelfleisch gut ist, sollte auch keines essen.«

Der Doctor, dessen Aufmerksamkeit auf den Bienenjäger bisher nur sehr wenig gerichtet gewesen, staunte auf den neuen Gegner mit einem Blick, worin etwas wie Wiedererkennen lag.

»Das Charakteristische Eures Gesichts, Freund,« sagte er, »ist mir bekannt. Entweder Ihr, oder ein anderes Exemplar Eurer Classe ist mir schon vorgekommen.«

»Ich bin der Mann, dem Ihr in den Wäldern, östlich vom großen Fluß, begegnetet, und den Ihr zu überreden suchtet, eine Hornisse bis in's Nest zu verfolgen, als wenn mein Auge nicht zu scharf wäre, um ein anderes Thier bei hellem Tage für eine Honigbiene zu halten; wir brachten eine Woche zusammen zu, wenn Ihr Euch erinnert, Ihr mit Euren Kröten und Eidechsen, ich unter meinen Bienenhöhlen und Baumstämmen. Wir hatten auch beide eine gute Ernte; ich füllte meine Gefäße mit dem köstlichsten Honig, den ich je in die Ansiedelungen schickte, und brachte außerdem ein Dutzend Schwärme zusammen, und Euer Sack zerborst bald von dem grabbelnden Museum. Ich war nie kühn genug, Euch die Frage geradezu vorzulegen, Fremder, aber ich denke, Ihr seid ein Curiositätensammler.«

»Das ist wieder eine von ihren albernen Schlechtheiten!« rief der Streifschütz; »sie tödten den Bock, die Geis, die wilde Katze und alle Thiere des Waldes, staffiren sie aus mit schlechten Lumpen, setzen ihnen Augen von Glas in den Kopf, und dann stellen sie sie hin, staunen sie an, nennen sie Geschöpfe des Herrn, als ob ein sterbliches Kunststück die Werke seiner Hand erreichen könnte.«

»Ich erkenne Euch sehr wohl wieder,« entgegnete der Doctor, auf den die Klage des alten Mannes keinen sichtbaren Eindruck machte. »Ich erkenne Euch,« und reichte ihm herzlich die Hand, »es war eine reiche Woche, wie mein Herbarium und meine Cataloge eines Tages der Welt beweisen werden; ach, ich erinnere mich sehr wohl an Euch, junger Mann; Ihr seid von der Classe: mammalia; Ordnung: primates; Genus: homo; Species: Kentucky.« Dann, nachdem er einen Augenblick selbstgefällig über seinen seltsamen Witz gelächelt hatte, fuhr er fort: »seit unserer Trennung bin ich viel gereist und habe ein compactum oder Vertrag mit einem Manne Namens Ismael abgeschlossen – –«

»Pah,« unterbrach ihn der ungeduldige, unruhige Paul; »bei Gott, Streifschütz, das ist eben der Blutbrief, wovon Ellen mir gesagt hat.«

»Dann hat mir Ellen nicht die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die ich verdiene,« erwiederte der sonderbare Doctor; »denn ich gehöre gar nicht zu der blutlassenden Schule, und ziehe die Mittel weit vor, welche das Blut reinigen, statt es abzulassen.«

»Es war nur mein Scherz, guter Fremder, das Mädchen nannte Euch einen geschickten Mann.«

»Darin mag sie meine Verdienste überschätzt haben,« fuhr Doctor Battius fort, und verneigte sich mit vieler Grazie; »aber Ellen ist ein gutes, freundliches und auch verständiges Mädchen. Ein freundliches, sanftes Kind hab' ich immer in Ellen Wade gefunden.«

»Den T – l habt Ihr!« schrie Paul, ließ den Bissen fallen, woran er aus bloßem Widerstreben, den köstlichen Rücken zu verlassen, noch saugte, und warf einen wilden Blick gerade zwischen die Zähne des unschuldigen Naturforschers; »ich denke gar, Fremder, Ihr wollt Ellen auch einsammeln!«

»Die Reichthümer der ganzen vegetabilischen und animalischen Welt zusammen, könnten mich nicht reizen, ihr auch nur ein Haar zu krümmen, ich liebe das Mädchen mit einem, so zu sagen, amor naturalis oder vielmehr paternus, das heißt mit der Liebe eines Vaters.«

»Ja, das paßt auch freilich besser für die Verschiedenheit Eurer Jahre,« entgegnete Paul ruhig, und streckte die Hand aus, den weggeworfenen Bissen wieder zu holen. »Ihr schicktet Euch in Eurem Alter gerade zu ihr, wie eine Hummel zu einem jungen Schwarm.«

»Es ist doch Vernunft in dem, was er sagt,« bemerkte der Streifschütz; »denn es ist Natur darin. Aber, Freund, Ihr sagtet, Ihr gehörtet zu Ismael Buschs Lager?«

»Freilich, und zwar, wie Ihr wißt, durch ein compactum

»Ich versteh' nur wenig von der hohen Kunst der Verträge, obgleich ich in meinen alten Tagen, mein Leben zu erhalten, mich der Jagd ergebe, und sie mir sagen, daß Häute nach der neuesten Mode gut abgeben. Aber ich tödte schon lange nur so viel, als ich zur Nahrung und Kleidung brauche. – Ich selbst war Augenzeuge, wie die Sioux in Euer Lager brachen, und das Vieh wegtrieben; wie sie den Armen, den Ihr Ismael nennt, bis auf die kleinste Klaue beraubten.«

» Asinus ausgenommen,« murmelte der Doctor, der indeß seinen Theil von dem Rücken, seines wissenschaftlichen Charakters ganz vergessend, in voller Ruhe verzehrte; » Asinus domesticus Americanus ausgenommen.«

»Ich freue mich, daß so viele gerettet wurden, obgleich ich den Werth der Thiere, die Ihr nennt, nicht kenne, was gar nicht auffallend sein kann, da ich so lange von den Ansiedelungen weg gewesen bin. Aber könnt Ihr mir sagen, Freund, was der Wanderer unter dem weißen Tuch führt, das er so bissig wie ein Wolf bewacht, der sich um ein todtes Thier streitet, welches der Jäger zurückgelassen.«

»Ihr habt davon gehört!« rief der Andere, und ließ den Bissen voll Verwunderung fallen, den er eben zum Mund führen wollte.

»Nun, ich hab' nichts gehört, aber ich habe das Tuch gesehen, und wäre beinah' gebissen worden, bloß, weil ich das Verbrechen beging, wissen zu wollen, was es verbarg.«

»Gebissen! Dann muß das Thier doch fleischfressend sein. Es ist zu ruhig für den ursus horridus, wär's der canis latrans; so müßte sein Bellen ihn verrathen; auch würde Nelly Wade nicht so vertraulich mit einem vom Genus, ferae sein. Ehrwürdiger Jäger, das geheimnißvolle Thier, welches bei Tage in diesem Wagen, bei Nacht im Zelt gehalten wird, hat mir mehr den Kopf angestrengt, als der ganze übrige Catalog der Quadrupeden; und bloß, weil ich nicht wußte, in welche Klasse ich es bringen sollte.«

»Ihr meint, es wär' ein Raubthier?«

»Ich weiß, daß es ein Quadruped ist; Eure eigne Gefahr zeigt, daß es fleischfressend sein muß.«

Während dieser abgebrochenen Erklärung hatte Paul Hover still und gedankenvoll dagesessen, und beide aufmerksam angesehen. Aber als werde er plötzlich von der bestimmten Art des Doctors bewegt, hatte dieser kaum Zeit, seinen absprechenden Satz zu vollenden, als der junge Mann ihn schnell fragte: »was nennt Ihr, Freund, ein Quadruped?«

»Eine Laune der Natur, worin sie weniger ihre unendliche Weisheit gezeigt hat, als gewöhnlich. Könnten Räder-Hebel an die Stelle von zwei der Beine gesetzt werden – nach der Verbesserung in meinem neuen System der Phalangacrura (in der Uebersetzung etwa hebel-beinigt) – so würde dieses zur Vervollkommnung und Harmonie in ihrem Bau außerordentlich viel beitragen. Aber wie das Quadruped jetzt gebildet ist, nenne ich's nur eine Laune der Natur, eine Laune, nichts anders.«

»Hört, Fremder, in Kentucky verstehen wir uns schlecht auf Wörter. Laune ist ein schwerer Ausdruck, fast so schwer als Quadruped selbst.«

»Ein Quadruped ist ein Wesen mit vier Beinen, – ein Vieh.«

»Ein Vieh! Glaubt Ihr denn, Ismael ziehe mit einem Vieh, in diesem kleinen Wagen eingesperrt, herum?«

»Ich weiß es, hört nur zu – nicht buchstäblich, Freund (zu Paul, dessen Staunen er bemerkte), sondern durch Schlüsse, aus seinen Verrichtungen; Ihr sollt gleich hören. – Ich hab' schon bemerkt, daß Kraft eines compactum ich mit dem obengenannten Ismael Busch ziehe; aber ob ich gleich verbunden bin, so lange die Reise währt, gewisse Dienste zu leisten, findet sich doch keine Bedingung, die besagt, daß die genannte Reise sempiternum oder ewig sein wird. Nun, wenn auch diese Gegend kaum für wissenschaftliche Forschung viel verspricht, da sie in jeder Hinsicht für einen Naturkundigen ein junges Land ist, und im Pflanzenreich fast ganz aller Ausbeute entbehrt, – ich also vielmehr einige hundert Meilen weiter nach Osten hätte gehen sollen, bin ich doch geblieben, bloß wegen des innern Triebs, den ich fühle, das fragliche Thier zu untersuchen, gehörig zu beschreiben und einzuclassen,« fuhr er fort, und dämpfte seine Stimme, als ob er ein wichtiges Geheimniß mittheile, »ich hoffe selbst Ismael zu überreden, daß er es mich zu diesem Behuf seciren läßt.«

»Ihr habt das Ding gesehen?«

»Nicht mit den Organen des Gesichts, aber mit weit untrüglicheren Sehwerkzeugen, durch Schlüsse der Vernunft, durch Deduktionen aus wissenschaftlichen Prämissen. Ich bewachte die Lebensweise des Thiers, junger Mann, und kann nach Zeichen, die bei gewöhnlichen Beobachtern weggeworfen sein würden, versichern, daß es von großen Verhältnissen, unthätig, vielleicht schlafsüchtig, von ungeheurer Gefräßigkeit, und wie jetzt aus dem unmittelbaren Zeugniß des verehrungswürdigen Jägers erhellt, wild und fleischfressend ist.«

»Ich möchte mich lieber erst überzeugen, Fremder,« sagte Paul, auf den des Doctors Beschreibung sehr sichtbaren Eindruck machte, »ob es überhaupt ein Thier ist.«

»Was das betrifft; wenn noch ein Beweis für eine Thatsache nöthig wäre, die aus der Lebensweise des Thiers augenscheinlich erhellt, so habe ich Ismael's Wort selbst. Ich kann für meine geringsten Schlüsse einen Grund angeben. Mich treibt nicht, junger Mann, gewöhnliche, müßige Neugier; alle meine Bestrebungen nach Erkenntniß, wie ich wenigstens glauben darf, sind erstens auf Erweiterung der Wissenschaft, und dann auf den Nutzen meiner Nebenmenschen gerichtet. Ich brannte außerordentlich im Geheim vor Begierde, den Inhalt des Zelts zu erforschen, das Ismael so sorgfältig bewachte, und welchem, wie er mich hatte schwören lassen, ich mich für eine bestimmte Zeitfrist nicht über eine festgesetzte Zahl Schritte nähern sollte. Ein solcher Eid oder jusjurandum ist ein ernsthaftes Ding, das man nicht leicht nehmen darf; aber da mein Zug von der Einwilligung in dieses Verlangen abhing, so unterwarf ich mich dem Act, behielt mir aber immer die Befugniß vor, aus der Ferne zu beobachten! Es sind jetzt beinah' zehn Tage, seit Ismael, aus Mitleid über den Zustand, worin er mich sah, mir der sich so ganz der Wissenschaft hingibt, mittheilte, daß der Wagen ein Thier enthielt, welches er mit sich in die Steppen als Köder brächte, um dadurch andere von demselben Genus oder derselben Species zu fangen. Seit der Zeit hat sich meine Aufgabe nur darauf beschränkt, die Lebensweise des Thiers zu beobachten, und die Ergebnisse mir zu bemerken. Wenn wir eine bestimmte Entfernung erreichen, wo diese Thiere sehr häufig sein sollen, will er mir die freie Untersuchung des Exemplars überlassen.«

Paul hörte fortwährend mit dem tiefsten Schweigen zu, bis der Doctor seine sonderbare, aber ihn so bezeichnende Erklärung geschlossen; dann schüttelte der ungläubige Bienenjäger den Kopf, und erwiederte ihm:

»Fremder, der alte Ismael hat Euch mit dem Kopf in einen hohlen Baum gesteckt, wo Eure Augen Euch nicht mehr nützen, als der Horniß der Stachel. Auch ich weiß Manches von dem Wagen, und ich behaupte selbst, ich habe den Alten auf einer platten Lüge ertappt. Hört, Freund, glaubt Ihr ein Mädchen, wie Ellen Wade, werde die Gefährtin eines wilden Thiers sein wollen?«

»Warum nicht, warum nicht?« wiederholte der Naturforscher; »Nelly hat Geschmack für die Wissenschaft, und merkt oft mit Vergnügen auf die Schätze, die ich manchmal in dieser Wüste auswerfen muß. Warum sollte sie nicht die Lebensweise eines Thiers studiren, wär' es selbst ein Rhinoceros?«

»Langsam, langsam,« erwiederte der immer gleich bestimmte, und wenn auch weniger gelehrte, doch gewiß über diesen Gegenstand besser unterrichtete Bienenjager. »Ellen ist ein Mädchen von Geist, das sich selbst sehr gut kennt, oder ich müßte mich sehr irren, aber bei all ihrem Muth und ihren kühnen Blicken bleibt sie immer ein Weib. Hab' ich nicht oft das Mädchen zum Schreien gebracht– –«

»Ihr seid also mit Nelly bekannt?«

»Ein wenig, wenn Ihr wollt; aber ich weiß, ein Weib ist ein Weib; und alle Bücher in Kentucky könnten Ellen nicht bewegen, allein in ein Zelt mit einem wilden Thier zu gehen.«

»Mir scheint,« bemerkte der Streifschütz ruhig, »etwas dunkles und verborgenes dahinter zu sein. Ich kann bezeugen, daß der Auswandrer keinen in das Zelt sehen läßt, und ich hab' ein sichreres Zeichen als einer von Euch beiden; ich weiß, daß der Wagen keinen Verschlag für ein Thier führt. Hier ist Hektor, der von einer Race abstammt, deren Nasen so richtig und treu stets waren, wie je eine Hand die allmächtig ist, eine von ihrer Art gebildet hat, und wäre ein Thier an dem Ort gewesen, so hätte es schon längst der Hund seinem Herrn gesagt.«

»Wollt Ihr einen Hund einem Mann gegenüberstellen! Thierheit der Gelehrsamkeit! Instinct der Vernunft!« rief der Doctor ziemlich hitzig. »Woran doch kann der Hund die Lebensweise, die Art oder auch nur die Ordnung eines Thiers unterscheiden, wie dies der Mensch kann, der vernünftige, gelehrte, gebildete, herrschende Mensch!«

»Woran?« erwiederte der alte Waldmann kalt. »Merkt auf; und wenn Ihr meint, ein Schulmeister könne einen schnelleren Verstand hervorbringen als der Herr, so sollt Ihr bald Euern Irrthum einsehn. Hört Ihr nicht etwas im Dickicht sich bewegen; es erschüttert schon die Zweige seit fünf Minuten. Nun sagt mir, was es für ein Thier ist?«

»Ich denk', nichts wildes,« rief der Doctor, der sich noch lebhaft an sein Abenteuer mit dem Vespertilio horribilis erinnerte. »Ihr habt Gewehre, Freunde; würde es nicht gut sein, sie zu laden; denn auf meine Vogelflinte kann man sich nur wenig verlassen!«

»Das mag wohl sein,« entgegnete der Streifschütz lächelnd, und folgte in so weit, als er seine Waffe von der Stelle nahm, wo er sie während des Essens hingelegt, und die Mündung in die Höhe richtete. »Nun sagt mir den Namen des Dings.«

»Das geht über die Grenzen irdischer Wissenschaft hinaus. Büffon selbst könnte nicht sagen, ob das Thier ein vierfüßiges oder von der Ordnung: Schlange, ein Schaf oder ein Tieger ist!«

»Dann war Euer Büffon ein Thor gegen meinen Hektor! Hierher, Alter! Was gibt's, Hund? Sollen wir's niederwerfen oder durchlassen?«

Der Hund, welcher schon dem erfahrnen Streifschützen durch ein zitterndes Bewegen seiner Ohren gezeigt, daß er ein fremdes Thier merke, erhob jetzt sein Haupt von den Vordersätzen, und öffnete ein wenig die Lippen, als ob er den Rest seiner Zähne zeigen wollte. Aber plötzlich gab er seine feindselige Gesinnung auf, schnaufte ein wenig, holte tief Athem, und nahm dann ruhig seine vorige liegende Stellung wieder ein.

»Nun, Doctor,« rief der Streifschütz triumphirend, »ich bin fest überzeugt, weder Wild noch ein Raubthier ist in dem Dickicht, und das nenn' ich doch eine Kenntniß für einen Mann, der zu alt ist, um mit seiner Kraft zu prahlen, und doch nicht gern ein Mahl für einen Panther werden möchte.«

Der Hund unterbrach seinen Herrn durch ein lautes Knurren, ließ aber immer noch das Haupt auf dem Boden liegen.

»Es ist ein Mensch,« rief der Streifschütz aufstehend; »es ist ein Mensch, wenn ich über den Gang eines Wesens urtheilen kann. Nur wenig ward zwischen dem Hund und mir gesprochen, aber wir machen selten einen Fehler!«

Paul Hover stand mit Blitzesschnelle auf seinen Füßen und rief, indem er die Flinte vorhielt, mit drohender Stimme:

»Kommt heran, wenn ein Freund, wenn Feind, macht Euch auf das Schlimmste gefaßt.«

»Ein Freund, ein weißer Mann, und ich hoffe ein Christ,« entgegnete eine Stimme aus dem Dickicht, das sich zugleich öffnete und alsbald den Sprechenden sehen ließ.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.