Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hugo Bettauer >

Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
Schließen

Navigation:

18. Kapitel

Die Neuwahlen

Die Wahlen vollzogen sich unter einer Beteiligung, wie sie kaum jemals auf der Welt erlebt worden. Greise, Kranke, Lahme kamen zu den Urnen, und nachmittags, als die Wahllokale geschlossen wurden, wußte man, daß in Wien 99 Prozent der Wahlberechtigten ihre Bürgerpflicht getan. Dann begann im ganzen Lande die Zählung der Stimmen, die bis in die frühen Morgenstunden währte, und vormittags verkündeten Extraausgaben der »Arbeiter-Zeitung« und der »Weltpresse« das staunenswerte Resultat.

Den Christlichsozialen und Großdeutschen waren nur die Landbewohner treu geblieben! Wien hatte fast ausschließlich die Kandidaten der Sozialisten und der Bürgervereinigung gewählt, ebenso die kleinen Städte und das österreichische Industriegebiet. Und so setzte sich denn das neue Parlament folgendermaßen zusammen: siebzig Sozialdemokraten, sechsunddreißig Mitglieder der Vereinigung der tätigen Bürger, dreißig Christlichsoziale und vierundzwanzig Großdeutsche. Das ergab 106 Stimmen für die Aufhebung des Ausnahmsgesetzes gegen die Juden, vierundfünfzig für die Aufrechterhaltung. Und damit schien der schöne Traum Leos, der freisinnigen Bürger und Sozialdemokraten zerstört, denn es fehlte ihnen genau eine Stimme zur Zweidrittelmajorität, ohne die eine Änderung der Verfassung nicht vorgenommen werden konnte. Trotz ihrer vernichtenden Niederlage, trotz der Tatsache, daß die Regierung sofort demissionieren und einer sozialistisch-demokratischen weichen mußte, jubelten die Antisemiten, sie veranstalteten Kundgebungen unter der Parole »Die Juden bleiben draußen!«.

Eine einzige Angst beherrschte die besiegten Sieger: Die Mehrheit hatte verkündet, daß sie schon in der zweiten Sitzung des neugewählten Hauses, die in acht Tagen stattzufinden hatte, den Dringlichkeitsantrag auf Aufhebung des Judengesetzes und Wiederherstellung der Freizügigkeit für jedermann stellen würde. Wie nun wenn ein Christlichsozialer oder großdeutscher Nationalrat der Sitzung fernbleiben würde? An ein beabsichtigtes Fernbleiben war nicht zu denken, aber schließlich konnte einer der Abgeordneten vom Lande krank werden oder einen Unfall erleiden und dieser eine werde den Gegnern die Zweidrittelmajorität sichern. Die unterlegenen Parteien ließen daher für sämtliche gewählte Nationalräte aus ihrem Lager am Tage vor dem Zusammentritt des Hauses Extrazüge mit je einem begleitenden Arzt bereitstellen. Auf diese Weise glaubten sie sich vor jedem verhängnisvollen Zwischenfall sicher. Für Wien selbst waren Vorsichtsmaßregeln nicht notwendig, denn in Wien war einzig und allein der Häuseragent Herr Wenzel Krötzl von den Weinbauern und -wirten des neunzehnten Bezirkes, denen es in dem judenreinen Wien sehr gut ging, gewählt worden. Seiner war man in jeder Beziehung sicher, und er erfreut sich einer vorzüglichen Gesundheit.

Dieser Herr Krötzl bildete nun die einzige und letzte Hoffnung Leos, während Lotte unter der schweren Enttäuschung fast zusammenbrach. Sie weinte den ganzen Tag, kaum daß sie noch die Energie aufbrachte, täglich zu Leo zu eilen, der sich vergebens bemühte, ihr Mut und Hoffnung einzuflößen. Hofrat Spineder, der selbst durch den Fortbestand des Judengesetzes schwer gekränkt und enttäuscht wurde, kannte sich in seiner Tochter nicht mehr aus und begann ernstlich an ihrem Verstand zu zweifeln. Sorgenvoll besprach er ihr merkwürdiges Verhalten mit seiner Gattin.

»Was soll das alles heißen? Hat Leo vergessen, verbringt halbe Tage mit einem neuen Verlobten, diesem Franzosen, den ich zu hassen beginne, ohne ihn zu kennen, läßt sich von ihm beschenken, erklärt plötzlich, daß sie am liebsten beide, den Leo und den Dufresne, nehmen würde, und nun, da Leo nicht zurückkommen kann, sitzt sie da und weint sich die Augen aus dem Kopf Ich glaube, das Mädel ist übergeschnappt!«

Frau Spineder seufzte tief

»Mein Lieber, ich kenne selbst mein Kind nicht mehr und habe keine Ahnung, was in seinem Herzen vorgeht. Jedenfalls müssen wir, wenn sich zeigt, daß das Judengesetz bestehen bleibt, darauf dringen, diesen Herrn Dufresne kennenzulernen.«

Hofrat Spineder nickte.

»Jawohl! Und sollte sich Lotte abermals weigern oder die Sache hinauszuschieben versuchen, so schicken wir sie zu Tante Minna nach Klagenfurt!«

Leo überlegte Tag und Nacht und hatte schließlich einen festen Plan gefaßt, einen Plan, der entscheiden sollte, ob er weiterhin mit offenem Visier in Wien bleiben konnte oder zurück nach Paris mußte. Fiel das Gesetz nicht, so wurde seine Rückreise zwingende Notwendigkeit, da sein Freund Henry Dufresne, dessen Namen er führte, jetzt selbst aus Südfrankreich wieder nach Paris übersiedeln wollte und von da an die Gefahr einer Aufdeckung seines verwegenen Spieles vorlag.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.