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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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17. Kapitel

Vorbereitungen

Leo, der fast nie Gelegenheit fand, mit irgend jemandem außer mit Lotte und seiner Aufwartefrau zu sprechen, hatte in der letzten Zeit zwei Bekanntschaften gemacht, die ihm wichtig dünkten. Die eine bestand in der Person des Nationalrates Wenzel Krötzl, die andere war der Inhaber des großen Modehauses in der Kärntnerstraße, Herr Habietnik.

Mt Krötzl war Leo auf folgende Weise bekannt geworden: Als er einmal spät nachts aus dem Kaffeehaus, in dem er die Zeitungen und Zeitschriften zu lesen pflegte, nach Hause gekommen war, fand er auf dem letzten Treppenabsatz einen stockbesoffenen Mann liegen, der jämmerlich weinte und sich vergeblich bemühte, aufzustehen. Leo half ihm in die Wohnung, die unterhalb seines Ateliers gelegen war und erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß er den ehrsamen Nationalrat Wenzel Krötzl vor sich hatte, seines Zeichens im Nebenberuf Häuserschieber. Nicht nur, daß dies auf dem Türschild vermerkt stand, Herr Krötzl schrie auch, während er hin und her taumelte, immerzu:

»Wann aner sagt, daß i b'soffen bin, so is er a jüdischer Gauner! I bin a g'wählter Nationalrat, an Abgeurdneter und hab' fufzich Häuser zum Verkaufen, die was früher denen Saujuden g'hört ham!«

Leo hatte dann im Laufe der Zeit Gelegenheit, zu erfahren, daß Herr Krötzl nicht nur einer der wütendsten Antisemiten sei, sondern auch ein notorischer Trunkenbold, der sich gewöhnlich schon am Büfett des Parlaments seinen Frühstücksrausch kaufte. Nebenbei hatte er eine gewisse Beredsamkeit und genoß infolge seiner derben Ausdrucksweise viel Popularität unter seinen Wählern. Er war Witwer und beherbergte von Zeit zu Zeit eine angebliche Wirtschafterin bei sich, mitunter solche, die knapp das straffreie Alter von vierzehn Jahren besaßen.

Die Bekanntschaft des Herrn Habietnik hatte Leo auf wesentlich bürgerlichere Art gemacht. Leo pflegte seinen Bedarf an Krawatten und Wäschestücken in dem Modehaus zu decken, das trotz seiner »Verloderung« noch immer die besten Waren führte, und bei solcher Gelegenheit war er einmal mit Herrn Habietnik ins Gespräch gekommen. Herr Habietnik war entzückt, einen Franzosen von Distinktion zu bedienen, der sich tadellos trug und genau wußte, daß zu einem blauen Cheviotanzug eine perlengraue Seidenkrawatte am besten paßte, es kam zu einem angeregten Gespräch, im Verlaufe dessen Leo erkannte, wie sehr der intelligente Kaufmann unter den herrschenden Verhältnissen litt, und von da an trafen sich die beiden öfters in dem Laden, schließlich vereinbarten sie sogar hie und da eine Zusammenkunft im Graben-Café.

Nach der Auflösung der Nationalversammlung beeilte sich Leo, mit Herrn Habietnik wieder in Fühlung zu kommen, und im Laufe der Unterhaltung fragte er ihn um seine Meinung über die künftige Entwicklung.

Herr Habietnik schüttelte sorgenvoll das Haupt:

»Also die Sozis arbeiten wieder mit Volldampf und werden die Stimmen, die sie das letztemal verloren hatten, zurückgewinnen. Die Christlichsozialen und Großdeutschen haben den Kopf verloren, sind mit ihrem Programm noch nicht herausgekommen, aber schließlich wird jeder, der nicht Sozialdemokrat ist, doch für eine der beiden Parteien stimmen müssen.«

»So daß also vielleicht gar das Judengesetz in Kraft bleiben wird?«

»Kann sein, wenn die Sozialisten nicht die Zweidrittelmehrheit, die zu jeder Verfassungsänderung notwendig ist, bekommen. Denn ich fürchte, daß die Christlichsozialen und Großdeutschen doch nicht den Mut haben werden, das Ausnahmsgesetz gegen die Juden aufzuheben. Das heißt, eigentlich müßte ich sagen, ich hoffe, denn wenn die Juden wiederkommen, so wird man mir am Ende gar das Geschäft wieder nehmen – –.«

»Unsinn«, erklärte Leo energisch. »Was Sie haben, kann man Ihnen nicht mehr nehmen! Vielleicht, daß man es Ihnen abkaufen oder daß der frühere Firmeninhaber sich mit Ihnen zu einer Teilhaberschaft bequemen würde. Die Hauptsache ist aber doch wohl, daß Sie die Jägerhütln und die Lodenröcke wieder hinausschmeißen und ihre Auslagen so arrangieren können, wie sie einst waren.«

Begeisterung glomm in den Augen Habietniks auf und mit warmem, ehrlichem Ton erwiderte er:

»Jawohl! Das ist die Hauptsache! Wenn ich daran denke, daß hier wieder einmal Leben und Luxus herrschen könnte, wie einst – nein, das ist ein zu schöner Traum, um wahr zu sein.«

»Hören Sie, Herr Habietnik«, sagte Leo, indem er seine Hand auf den Arm des Kaufmannes legte, »Sie sind der Mann, um den Traum wahr zu machen! Noch trennen uns Wochen von den Neuwahlen. Das genügt, um eine bürgerliche Partei, bestehend aus den fortgeschrittenen Elementen, den angesehenen Kaufleuten, den Gelehrten, Rechtsanwälten, Künstlern und Fabrikanten zu bilden, mit der offenen und ungeschminkten Parole: Aufhebung des Ausnahmsgesetzes gegen die Juden! Nehmen Sie das heute noch in Angriff, bilden Sie ein zwölfgliedriges Komitee, in dem drei Kaufleute, drei Industrielle, drei Festangestellte und drei Leute mit freiem, akademischen Beruf sitzen, lassen Sie, da Sie noch keine Zeitung zur Verfügung haben, zehntausend Plakate drucken, gründen Sie dann Bezirkskomitees, betreiben Sie Propaganda von Straße zu Straße, von Haus zu Haus und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Ich bin ein Fremder, kenne die Verhältnisse nicht so genau wie Sie, aber dafür bin ich objektiver und ich weiß ganz sicher, daß ein erheblicher Teil der Bevölkerung die neue Partei stürmisch begrüßen wird.«

Herr Habietnik war Feuer und Flamme. Am selben Abend noch trommelte er ein halbes Hundert Kaufleute aus der Inneren Stadt, Fabrikanten, Rechtsanwälte zusammen, und um ein Uhr morgens war das Komitee konstituiert, dem ein gemeinsam gezeichnetes Millionenkapital zur Verfügung stand.

Die neue Partei hieß »Partei der tätigen Bürger Österreichs«, stellte sich auf ein absolut bürgerlich-freisinniges Programm und begann mit einer lebhaften und temperamentvollen Agitation. Daß der Franzose Dufresne die Flugzettel und Aufrufe verfaßte, das wußte niemand als Herr Habietnik.

Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Früher war die Bevölkerung jedem Versuch, eine demokratische Bürgerpartei zu gründen, mit größtem Mißtrauen entgegengetreten, weil sich in solcher Partei immer wieder die Juden vordrängten. Diesmal war das eine rein christliche Angelegenheit, die Namen der Parteiführer bürgten dafür, daß es sich nicht um eine von auswärtigen Juden angezettelte Verschwörung handelte, und alle die Leute, die durch das Judengesetz geschädigt worden waren, drängten sich in die Komiteelokale, um Mitglieder der neuen Partei zu werden. In hellen Scharen kamen die Kaufleute, die Juweliere, die Stückmeister der großen Schneider, die brotlos gewordenen Chauffeure, sie brachten ihre Frauen mit, immer größer wurde der Ansturm, trotz des Zeter- und Mordiogeschreies der christlichsozialen Blätter. Die »Arbeiter-Zeitung« verhielt sich zurückhaltend und durchaus nicht aggressiv. Man sagte sich dort, daß zweifellos die Partei der tätigen Bürger den Sozialdemokraten Tausende von Stimmen entziehen würden, andererseits aber dorthin alle jene Stimmen strömen würden, die sonst sich der Wahl enthielten oder doch wieder den Christlichsozialen oder Großdeutschen zuliefen. Also beschränkte sie sich darauf, hier und dort gegen das Programm der Bürgerlichen zu polemisieren, im geheimen aber wurden in zweifelhaften Bezirken sogar Vereinbarungen geschlossen.

Und der Tag der Wahlen, die auf den 3. April festgesetzt worden waren, rückte näher und näher, die ganze Welt begann sich für sie zu interessieren, die fremden Börsen nahmen eine abwartende Haltung ein und ließen die Krone auf ihrem Tiefstand ruhen, und Wiens bemächtigte sich zunehmende Aufregung, die wiederholt zu Exzessen und bösartigen Tumulten führte. Denn alle Parteien arbeiteten mit jedem verfügbaren Mittel: die antisemitischen schrien »Verrat!« und erzählten Schauergeschichten von der Verschwörung des internationalen Judentums; die Sozialdemokraten hetzten gegen die Bauern, die die arbeitende Stadtbevölkerung ausplündern, und gegen die christliche Demagogie, die sich nur selbst durch die Ausweisung der Juden hatte bereichern wollen; die neue Bürgerpartei aber führte immer wieder auf riesengroßen Plakaten Ziffern auf, die bewiesen, wie furchtbar die Verelendung Wiens seit der Ausweisung der Juden, wie Wien tatsächlich zu einem Riesendorf geworden, wie jeder Schwung und Zug ins Große geschwunden. Und immer wieder versicherte sie in allen Variationen und Tonarten:

»Das Ausnahmsgesetz gegen die Juden muß aufgehoben werden, aber gleichzeitig wird es Sache einer klugen, gewissenhaften Regierung sein, alle jene Elemente, die nicht schon vor dem Weltkrieg in Wien seßhaft waren, fernzuhalten, es sei denn, sie können vor einem zuständigen, aus Bürgern und Arbeitern zusammengesetzten Gerichtshof nachweisen, daß sie willens und fähig sind, in Österreich nutzbringende, produktive, werterzeugende, dem Gesamtwohl notwendige Arbeit zu leisten.«

Beim Bundeskanzler fanden täglich bis in die Nacht währende Sitzungen statt, in denen beraten wurde, wie man am besten der neuen Partei und dem wieder erstarkten Sozialismus entgegenarbeiten könnte, Schwertfeger hatte die richtige Empfindung gehabt. Es mußte ein neuer, mächtiger Geldkredit aufgebracht werden, die Krone mußte steigen, die Bevölkerung erfahren, daß das Christentum der ganzen Welt mit ihr solidarisch sei – dann werde die Regierung den Sieg erringen. Und der Finanzminister Professor Trumm hatte sich gleich nach der Auflösung des Hauses auf die Beine gemacht und war nach Berlin, Paris und London gefahren um zu betteln und zu beschwören. Vergebens! Die großen christlichen Vereinigungen im Ausland, die französischen Antisemiten, die holländischen Christen – sie alle hatten Worte des Mitempfindens und der Sympathie, erkundigten sich lebhaft nach dem Schicksal der vielen Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die Taschen fest zu. Die größte Enttäuschung bildete das Verhalten des amerikanischen Billionärs Mister Huxtable, auf den man am sichersten gerechnet hatte. Er ließ alle Telegramme und Bittschriften unbeantwortet, und zehn Tage vor den Wahlen kam ein Kabeltelegramm des Vertrauensmannes der österreichischen Regierung in New York, das folgenden niederschmetternden Wortlaut hatte:

»Huxtable unnahbar. Hat sich heimlich mit einer jungen Jüdin aus Chicago vermählt. Beabsichtigt, den der österreichischen Regierung vor drei Jahren eingeräumten Kredit der jüdischen Großbank Kuhn und Loeb um ein Viertel zu verkaufen.«

Schwertfeger begann in Düsterkeit zu erstarren, die antisemitischen Häuptlinge verloren vollends den Kopf, Bürgermeister Laberl aber tat etwas, was die ungeheuerste Sensation erregte. Drei Tage vor den Wahlen trat er aus dem christlichsozialen Bürgerklub aus und der Partei der tätigen Bürger bei. Und seinem Beispiel folgte mehr als die Hälfte der Gemeinderäte.

An diesem Tage wehte ein warmer Wind die letzten Schneemassen von den Abhängen der Wiener Berge fort und oben im Atelier in der Billrothstraße hielten sich zwei junge Menschenkinder heiß und sehnsuchtsvoll umfangen. Und er flüsterte:

»Oh, wärst du schon mein!«

Und sie erwiderte traumverloren:

»Wenn du dir schon den Knebelbart abnehmen könntest; er kitzelt so arg!«

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