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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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16. Kapitel

»Nieder mit der Regierung«

Der Fasching dieses Jahres konnte die Laune der Wiener nicht verbessern. Grimmige Kälte, viel Schnee, ungeheizte Zimmer, weil der Meterzentner Kohle hunderttausend Kronen kostete, eine Pleite nach der anderen, der Zusammenbruch eines großen Bankkonzerns, bei dem viele ihr Geld liegen hatten.

Die Bälle und Redouten standen vollständig unter dem Zeichen des Dirndlkostüms. Da der Toilettenluxus fehlte, machte man aus der Not eine Tugend, veranstaltete fast nur Bauernbälle, so daß Wien eher einem »Kirtag« glich als einer Großstadt.

Dazu kam, daß Wien vollständig aufgehört hatte, eine Theaterstadt zu sein. Die ersten Kräfte der Staatsoper gastierten unaufhörlich im Ausland, die Philharmoniker absolvierten eben eine Tournee in Südamerika, die Privattheater hatten sich in Provinzschmieren mit unzulänglicher Regie, minderen Kräften und veralteten Spielplänen verwandelt, von auswärts kamen längst keine Konzertgäste mehr, weil ihnen Wien die großen Gagen nicht zahlen konnte, Zeitungen waren neuerdings eingegangen, weil die Zahl der Leser immer mehr abnahm und plötzlich ertönte wieder der Alarmruf. »Die Krone fällt!«

An den ausländischen Börsen fanden enorme Kronenabgaben statt, so daß Zürich sie bald nur mehr auf ein Dreißigtausendstel Centime bewertete. Demgemäß stiegen alle Preise und die Bevölkerung begann in Verzweiflung zu geraten. Als das Kilogramm Fett eine Million Kronen kostete, erschien wieder das geheimnisvolle kleine Plakat des Bundes der wahrhaftigen Christen mit den Worten:

»Wie lange noch, Wiener, werdet Ihr diese Regierung dulden? Wann endlich wollt Ihr die Nationalversammlung auseinandertreiben und Neuwahlen erzwingen?«

In den Morgenstunden des nächsten Tages kam es zu Plünderungen auf den Märkten, die erbitterten Hausfrauen stürmten die Stände, verprügelten die Marktfrauen und bemächtigten sich der Waren. In Favoriten nahm der Tumult einen revolutionären Charakter an, es mußte die Reichswehr aufgeboten werden, die sich aber weigerte, gegen die Frauen vorzugehen.

In der Nationalversammlung, die eben tagte, richteten nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch einzelne Christlichsoziale und Großdeutsche Interpellationen an die Regierung, in denen gefragt wurde, was man zu tun gedenke, um der verzweifelten Bevölkerung zu helfen. Die Sozialdemokraten stellten einen Dringlichkeitsantrag, die Regierung möge sofort Neuwahlen ausschreiben, damit das Volk selbst entscheiden könne, ob es bereit sei, die herrschenden Zustände noch länger zu dulden.

Totenbleich erhob sich der Bundeskanzler zu einer Entgegnung.

»In diesem Augenblick der allgemeinen Verwirrung Neuwahlen ausschreiben, hieße das Geschick des Landes den radikalen Elementen ausliefern und den Juden wieder Tor und Tür öffnen! Das stolzeste und größte Werk, das die österreichische Legislatur jemals geschaffen, würde zusammenbrechen, weil wir nicht genug Geduld und Aufopferungsfähigkeit haben, um auszuhalten und die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu überwinden. Ich weiß, daß das internationale Judentum am Werke ist und sicher arbeiten Agitatoren, vom jüdischen Gelde bestochen, daran –«

Die weiteren Worte des Kanzlers gingen in dem ungeheuren Tumult verloren, der nun folgte. Die Sozialdemokraten klopften mit den Pultdeckeln, die Galerie tobte und schrie, sogar aus den Reihen der Gesinnungsgenossen kamen Zurufe, wie: »Haben Sie Beweise für Ihre Behauptungen?«

Um sechs Uhr abends wurde noch immer über den Dringlichkeitsantrag der Sozialdemokraten gesprochen, die ersichtlicherweise alles taten, um die Sitzung in die Länge zu ziehen. Jeder Redner sprach stundenlang; hatte der eine geendet, so meldete sich ein anderer zum Wort, die meisten Abgeordneten hörten längst nicht mehr zu, sondern stärkten sich am Büfett, auch die Ministerbank war leer geworden, nur Schwertfeger saß mit verschränkten Armen starr und düster auf seinem Sitz.

Plötzlich kam neues Leben in das Haus. Das Gerücht verbreitete sich, daß Arbeitermassen in Anzug seien, gleich darauf hörte man aus weiter Ferne die Klänge des Arbeiterliedes, das Jauchzen und Toben erregter Menschenmassen, bis plötzlich ein einziger Ruf von ungeheurer Stärke durch die geschlossenen Fenster drang:

Nieder mit der Regierung! Fort mit der Nationalversammlung! Wir wollen Neuwahlen!

Und schon umzingelten dichte Menschenmassen mit ihren Fahnen und Standarten das Abgeordnetenhaus und immer neue Züge kamen an, die gesamte Arbeiterschaft Groß-Wiens, die Angestellten und Beamten waren von den Fabriken und Werkstätten, Bureaus und Ämtern in geschlossenen Gruppen anmarschiert.

Schon donnerten mächtige Schläge gegen die Tore des Hauses, die rasch geschlossen worden waren, schon prasselte ein Steinhagel gegen die Fenster, schon hatte sich eine Deputation der Arbeiter gewaltsam Einlaß verschafft. Ihr Führer, ein Eisenarbeiter namens Stürmer, ein gewaltiger Kerl mit klugen Augen und riesigem Schädel, stellte sich mitten unter die Abgeordneten, die, von Panik ergriffen, wie die Schafe beim Gewitter einen geschlossenen Haufen bildeten, und erklärte kurz und bündig:

»Das Militär hält zu uns, die Jungmannschaft unter den Polizisten ebenfalls! Entweder die Regierung löst innerhalb zehn Minuten das Haus auf und erklärt, daß sofort Neuwahlen ausgeschrieben werden, oder die Massen gehen mit Gewalt vor. Die Erbitterung der Leute kennt keine Grenzen, hinter den Arbeitern steht diesmal das Bürgertum, es handelt sich um keine politische Angelegenheit, sondern um Taten der Verzweiflung. Am wildesten sind die Frauen, hören sie nur, wie sie schreien, man möge das Parlament anzünden! Gibt die Regierung nicht nach, so können wir für nichts garantieren!«

Und es geschah, was geschehen mußte. Die Minister erklärten nach kurzer Beratung mit den christlichsozialen und großdeutschen Parteiführern, sich dem Terror zu fügen, das Haus auflösen und Neuwahlen sofort ausschreiben zu wollen. Der Bundeskanzler bot gleich seine Demission an, aber seine Kollegen und die Parteigrößen beschworen ihn, sie in diesem kritischen Augenblick nicht zu verlassen und so willigte er denn ein, die Zügel der Regierung noch bis zu den Wahlen in seinen Händen zu behalten.

Als dem erregten Volke Mitteilung von der Auflösung der Nationalversammlung gemacht wurde, löste sich die Spannung in ungeheurem Jubel auf und in der kommenden Nacht wurden die Weinvorräte Wiens ganz erheblich gelichtet. Sogar der Franzose Henry Dufresne, der der denkwürdigen Sitzung auf der Galerie beigewohnt hatte, trank sich allein in seinem Atelier einen ordentlichen Rausch an. Am nächsten Morgen aber war er wieder frisch und munter, entwarf eine geniale Skizze, die das Titelbild des Warenhausromanes von Zola bilden sollte und schwenkte Lotte, die vormittags schneebedeckt mit kalten roten Backen zu ihm kam, in seinen Armen durch die Luft.

Lotte war in ausgelassener Laune wie er, denn ihr Papa hatte nach der Lektüre der Morgenblätter sehr ernst gesagt:

»Mein Kind, ich sehe schwere Konflikte für dich kommen! Wenn nicht alles trügt, so wird Leo Strakosch bald die Möglichkeit haben, nach Wien zurückzukehren und dann wirst du dich entscheiden müssen: Entweder er, den du so sehr geliebt hast und der mir ein willkommener Sohn wäre oder dieser mysteriöse Franzose, den wir noch immer nicht kennengelernt haben!«

Als Lotte darauf lächelnd erwidert hatte, sie würde am liebsten beide, Leo und den Franzosen nehmen, da war Hofrat Spineder ernstlich böse geworden und hatte sie für frivol und unmoralisch erklärt. Sie mußte ihre ganze Verführungskunst aufwenden, um ihn zu besänftigen.

Und nun saß sie auf dem Schoß ihres Geliebten und küßte Henry Dufresne und Leo Strakosch in einer Person mit Feuereifer ab.

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