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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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12. Kapitel

Der Bund wahrhaftiger Christen

Seltsame, mysteriöse Dinge ereigneten sich. Eines Morgens standen am Schottentor vor einer Litfaßsäule, desgleichen vor der Oper, am Stubenring und an anderen Plätzen Hunderte von Männern und Frauen vor kleinen, mit einem Reißnagel befestigten Plakaten im Oktavformat, die folgende Inschriften enthielten:

»Wiener, Österreicher! Rafft Euch auf, bevor Ihr alle zugrunde gegangen seid! Mit den Juden habt Ihr den Wohlstand, die Hoffnung, die Zukunftsmöglichkeit ausgewiesen! Fluch den Volksverführern, die Euch irregeleitet haben!

Der Bund wahrhaftiger Christen.«

Die Menschen lasen einander die frechen Worte vor, viele schimpften und behaupteten, daß Freimaurer das getan haben mußten, andere entfernten sich wortlos, wieder andere hatten den Mut, zustimmende Äußerungen zu tun und die Anderssprechenden trotzig anzusehen.

Nach einigen Tagen erschienen an verschiedenen Plätzen neue Plakate mit den Worten:

»Wien verdorft! Wiener, seht Ihr es denn nicht? Noch ein paar Jahre und aus der alten ehemaligen Kaiserstadt wird ein schäbiges, vergessenes Nest geworden sein!«

Das ging den Leuten, die nun den Inhalt des Plakates auch aus der »Arbeiter-Zeitung« vernahmen, auf die Nerven, allenthalben wurde man unruhig. War nicht etwas Wahres an dieser neuen Behauptung des mysteriösen Bundes wahrhaftiger Christen? Leidenschaftliche Diskussionen wurden darüber in Versammlungen, im Wirtshaus, in der Straßenbahn geführt, aber das Wort von der Verdorfung Wiens blieb irgendwie in der Luft hängen, wurde geflügelt, man bekam es überall zu hören, ja sogar die christliche »Weltpresse« schrieb am Schluß eines Leitartikels ganz unwillkürlich: »Wir müssen alles tun, um der Verdorfung zu entgehen!«

Die Polizei wurde von der erbosten Regierung aufgefordert, den Übeltäter aufzuspüren, der die Plakate anschlug. Vergebliche Mühe! Alle paar Tage kamen neue zum Vorschein, immer an anderen Plätzen, an Haustoren, Kirchenportalen, ja einmal hing je eines an den Toren des Kanzlerpalais, des Polizeipräsidiums und des Parlamentes. Und immer enthielt das kleine Plakat in wenigen Worten eine wirksame Polemik gegen die Regierung, eine suggestive Aufhetzung der Bevölkerung. Die »Arbeiter-Zeitung« war jedesmal in der Lage, schon in ihrer Morgenausgabe den Inhalt des Pamphlets, das heute angeschlagen werden würde, zu veröffentlichen, weil ihr ein Exemplar schon am Tage vorher mit der Post gebracht wurde.

Schließlich geriet ganz Wien in Aufregung, man sprach fast von nichts anderem, zerbrach sich den Kopf darüber, wer hinter diesem geheimnisvollen Bund wohl stecken möge, die Zahl derer, die dem Inhalte der kleinen Aufrufe zustimmten, wuchs von Woche zu Woche, die sozialdemokratischen Versammlungen bekamen wieder einen ungeheuren Zulauf und der Nimbus des Kanzlers sank ersichtlich.

Lotte war eines Nachmittags früher zu Leo gekommen, als er sie erwartet hatte. Da sie einen eigenen Schlüssel zu der Wohnung besaß und Leo sie nicht wie sonst im Wohnzimmer erwartete, ging sie direkt in das Atelier. Leo warf rasch ein Tuch über einen kleinen Holztisch und begrüßte sie dann ein wenig verlegen.

Lotte zog ihn beim Knebelbärtchen, sah ihm in die braunen Augen und sagte dann:

»Du, Leo, du hast da soeben etwas vor mir verbergen wollen! Was befindet sich dort unter dem Tuch?«

Leo lachte herzlich.

»Mädel, du hast Augen wie ein Luchs! Also, dann will ich dir mein Geheimnis eben schon heute anvertrauen.«

Er zog das Tuch fort und Lotte erblickte neben einem Typenkasten und einer Miniatur-Handpresse einen Stoß frisch gedruckter Zettel. Erstaunt las sie:

»Wiener, geht es Euch heute besser oder schlechter als zur Zeit der Juden? Überlegt in Ruhe und Ihr werdet Euch die richtige Antwort geben! Wir alle haben einst geschrien: ›Hinaus mit den Juden!‹ So schreien wir heute: ›Herein mit jenen Juden, die ehrlich und treu mit uns arbeiten wollen.‹

Der Bund der wahrhaftigen Christen.«

Verblüfft, verwirrt, verständnislos ließ Lotte das Papier fallen und ergriff einen anderen Zettel, auf dem gedruckt stand:

»Wir sehnen uns nicht nach den jüdischen Bankiers. Aber die intelligenten, klugen, wertvollen Juden müssen wir mit offenen Armen aufnehmen, wenn wir nicht rettungslos verelenden wollen! Auf zur Tat, bevor es zu spät ist!

Der Bund der wahrhaftigen Christen.«

Fragend sah Lotte ihren Bräutigam an.

Dieser hob sie zu sich empor, küßte sie auf die Nasenspitze und lachte wieder aus vollem Halse.

»Na, Tschapperl, verstehst du noch immer nicht? Der Bund der wahrhaftigen Christen, der seit Wochen Wien verrückt macht, bin ich! Und ich werde nicht aufhören, bevor nicht der große Wirbel eingetreten ist. Die zwei neuen Plakate werden wirken, sag' ich dir! Das sind meine Gas-, Stink- und Leuchtbomben, mit denen ich töte, ersticke und erleuchte.«

Lotte zitterte.

»Leo, wenn du dabei erwischt wirst, so ist es um dich geschehen!«

»Wenn, wenn! Aber man wird nicht! Ich habe eine wunderbare Technik beim Befestigen der Zettel! Ich schlendere morgens an einem Tor oder einer Wand vorbei, und im Gehen, ohne auch nur eine Sekunde mich aufzuhalten, treibe ich den Nagel ein, an dem der Zettel schon hängt! Und selbst, wenn die Polizei die Zettel wenige Minuten später wieder abreißt, so schadet das nicht, weil die »Arbeiter-Zeitung« den Inhalt schon abgedruckt hat. Verlaß dich auf mich, mein Lieb, es muß das geschehen, ich gehe einen genau vorgezeichneten Weg und nehme mich ohnedies höllisch in acht.«

Lotte saß auf dem großen Zeichentisch, baumelte mit den schlanken Beinen und sagte nachdenklich:

»Weißt du, Leo, du hast schon sehr viel erreicht, glaube ich. Gestern war bei uns größere Gesellschaft. Zehn Herren und Damen waren da und es wurde fast ununterbrochen von der Judenausweisung und ihren Folgen gesprochen. Und alle, darunter auch der Hofrat Tumpel, waren darin einig, daß man sich mit der Ausweisung eines Teiles der Ostjuden, und zwar jenes Teiles, der eine anständige Beschäftigung nicht nachweist, hätte begnügen müssen. Hofrat Tumpel, der vor einem Jahr noch wütend wurde, wenn man mit dem Bundeskanzler nicht ganz einverstanden war, sagte schließlich:

›Ja, ja, es scheint, als wenn man da in einen höchst komplizierten Mechanismus allzu brutal eingegriffen hätte! Gewisse nicht zu unterschätzende jüdische Eigenschaften fehlen uns ganz bedenklich!‹

Dazu ist allerdings zu bemerken, daß der Bruder des Hofrates die Buchhandlung in der Seilergasse besitzt, die sich nur mit dem Vertrieb von Luxusbüchern und Kunstdrucken befaßt. Seit die Juden weg sind, macht er gar keine Geschäfte mehr und sein Bruder, der Hofrat, hat schon zweimal große Summen opfern müssen, um ihn vor dem Bankerott zu bewahren. Und noch etwas, Leo: Ich halte doch immer, in der Früh, wenn ich einkaufe, und im Konzert und in der Oper und der Straßenbahn die Augen und Ohren offen. Und ich höre, wie die Leute immer mehr mit Wehmut an die Vergangenheit zurückdenken und von ihr wie von etwas sehr Schönem sprechen. ›Damals, wie die Juden noch da waren‹, das kann man täglich zehnmal in allen Tonarten, nur in keiner gehässigen, hören. Weißt du, ich glaub', die Leute bekommen ordentlich Sehnsucht nach den Juden!«

Leo preßte das kluge Mädchen an sich. »Und ich will das Meinige tun, um diese Sehnsucht unwiderstehlich zu machen.«

»Aber sei recht vorsichtig, Leo, bedenk', daß, wenn man dich umbringt, es auch mein Leben kostet!«

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