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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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11. Kapitel

Eine erregte Debatte

Als der Sommer vorüber war und der Herbst die Blätter färbte, begann in fast schon gewohnter Weise die Krone neuerlich zu fallen und die Teuerung anzusteigen. Die Preise wurden phantastisch, selbst reiche Leute scheuten die Anschaffung eines neuen Kleidungsstückes, die Arbeiter, die Angestellten, ja auch die Arbeitslosen stellten neue Forderungen, eine Fahrt auf der Straßenbahn kostete schon zehntausend Kronen und ein Kilogramm Butter zweihunderttausend.

Unter allgemeiner Verbitterung, Nervosität und Unruhe trat im Oktober die Nationalversammlung zusammen, und das Gesicht des Kanzlers Dr. Schwertfeger sah zerklüftet, durchfurcht, vergrämt aus. Als er sprach, herrschte nicht jene weihevolle Ruhe wie früher, sondern es wurden Rufe, Zwischenbemerkungen laut, sogar die Galerie machte sich durch »Oho«-Rufe bemerkbar, und die kleine Opposition der Sozialdemokraten ließ sich nicht mehr einschüchtern, sondern griff immer wieder in die Debatte ein.

Schwertfeger gab einen Überblick über die trostlose finanzielle Lage des Landes und fuhr dann fort:

»Ich muß es rund heraussagen: Große und schwere Opfer stehen der christlichen Bevölkerung Österreichs bevor. (Zwischenruf von der Galerie: Natürlich nur den Christen, da wir ja die Juden hinausgeschmissen haben!) Opfer, die mit Mannesmut und Bürgertreue geleistet werden müssen! Die Regierung braucht zur Fortführung der Geschäfte Geld, und da wir vom Auslande keine weiteren Kredite bekommen können, müssen wir die Unsummen, die die Verwaltung, die Verzinsung der Schulden und die Unterstützung der Arbeitslosen verschlingt, durch neue Steuern, direkte und indirekte, hereinbringen. (Große Unruhe im ganzen Hause.)

Meine Herren und Damen, ich weiß, daß die Bevölkerung schwer enttäuscht ist und ich bin es mit ihr. Wir alle haben eben die Schwierigkeiten der Übergangswirtschaft unterschätzt, wir alle dachten, daß die christlichen Bürger sich besser auf die Beherrschung der Finanzen und des Geschäftslebens einstellen würden, die ganz in Händen der Juden waren. Aber was sind solche Enttäuschungen gegenüber dem ungeheuren Ziel, das wir uns gesteckt haben, dem Ziel, Österreich seiner arischen Bevölkerung wiederzugeben, ein Land aufzurichten, das frei von Wuchergeist, frei von jüdischem Skeptizismus, frei von jenen zersetzenden Eigenschaften und Elementen ist, die das Judentum repräsentieren!«

Zum Schluß stellte der Kanzler mit erhobener Stimme die Vertrauensfrage.

Im Namen der kleinen sozialistischen Fraktion sprach Dr. Wolters gegen die Kreditgewährung, gegen die Gutheißung der Regierungspläne, gegen das Vertrauensvotum. In krassen Farben schilderte er die zunehmende Verelendung, die Gefahr des unmittelbar bevorstehenden Staatsbankerottes, die Verödung des wirtschaftlichen und geistigen Lebens. Er sagte unter anderem:

»Der Herr Bundeskanzler hat vor mehr als zwei Jahren, als er sein Antijudengesetz begründete, unsere Bevölkerung bieder, einfältig und ehrlich genannt und behauptet, daß sie der Konkurrenz der überlegenen Juden nicht gewachsen sei. Er hat nur eines übersehen: Daß wir biederen, ehrlichen und einfachen Österreicher auch ohne Juden von Völkern umgeben sein werden, die uns jetzt, wo wir die Juden nicht mehr haben, erst recht überlegen sind. Wo ist der mitteleuropäische Handel hingekommen, seitdem die Juden weg sind? Wir haben ihn verloren, denn die Juden haben ihn nach Prag und Budapest mitgenommen. Was ist aus der blühenden Konfektions-, Galanterie- und Mode-Industrie geworden? Sie ist fast spurlos verschwunden, weil sie von der Biederkeit und Ehrlichkeit allein nicht leben kann, sondern den jüdischen Konsumenten aus aller Herren Ländern braucht, der das leicht verdiente Geld auch leicht wieder ausgibt. Heute zeigt es sich, daß wir der Juden nicht entraten können – –.«

Stürmische Rufe unterbrachen den sozialistischen Führer. Die Christlichsozialen und Deutschnationalen tobten, schrien »Hinaus mit dem gekauften Judenknecht« und der Tumult wurde so groß, daß der Präsident, der Tiroler mit dem roten Bart, die Sitzung unterbrechen mußte. Als er sie wieder eröffnete, erteilte er dem Doktor Wolters eine Rüge, weil er durch seine Worte das christliche Gefühl der Abgeordneten schwer verletzt und den Versuch gemacht habe, die Grundfesten des neuen Staates zu erschüttern.

Schließlich wurden alle Regierungsanträge gegen die Stimmen der Sozialisten angenommen. Aber viele Abgeordnete hatten sich vor der Abstimmung entfernt und Schwertfeger sagte später seinem Präsidialisten mit grimmigem Lächeln:

»Diesmal sind sie davongelaufen, das nächstemal werden sie gegen mich stimmen, die Erfolghascher, Konjunkturisten, die gestern Hosianna schrien und morgen crucifige rufen werden!«

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