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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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9. Kapitel

Das Ende der Hakenkreuzler

Dr. Schwertfeger hatte kurz nach der Ausweisung der Juden in einer politischen Versammlung gesagt, daß nunmehr, wo die Feinde des arischen Geistes nicht mehr in Österreich weilen, eine Annäherung der verschiedenen Parteigruppen, eine Milderung der politischen Gegensätze von selbst eintreten würde.

Es schien, als sollte er recht behalten. Die Sozialisten, durch den Ausfall der letzten Wahlen fast vernichtet, durch die Ereignisse betäubt und verwirrt, durch die Ausweisung ihrer tüchtigsten Köpfe, besten Journalisten und temperamentvollsten Führer beraubt, verhielten sich schweigend, beschlossen, vorläufig nicht aus ihrer aufgezwungenen Reserve herauszutreten. Und die prinzipiellen Gegensätze zwischen den Deutschnationalen und den Christlichsozialen begannen tatsächlich zu verschwinden.

Nach der Ausweisung verwandelte sich ganz Wien in ein Heerlager von Hakenkreuzlern. Fast alle Männer und Frauen, die Halberwachsenen und die Kinder trugen das Abzeichen, das man auf allen Plakaten, auf den Fahnen und Emblemen sah. Da es aber schließlich auch jeder »Pülcher« und ertappte Taschendieb trug und es in den Polizeiberichten immer wieder hieß: »Der Verhaftete trug ein Hakenkreuz«, begannen die intelligenteren Menschen es abzulegen, ihnen folgten die Bürger und die großen Massen.

Sehr bald zeigte es sich, daß alle diese Parteien, die Christlichsozialen wie die Nationalsozialisten, nur darauf aufgebaut waren, daß man den Massen die Juden als bösen Geist, als Wauwau und Prügelknaben darbot. Nun, wo es weder Juden noch Judenstämmlinge in Österreich gab, verfing das nicht mehr, wurde die Parteipolitik noch öder und langweiliger, als sie es vorher gewesen war.

Elend, Teuerung, Arbeitslosigkeit wuchsen, und die Führer waren in Verlegenheit, weil sie nicht wußten, wem sie die Schuld daran geben sollten. Die reichen Leute waren ja jetzt brave Christen, die Ausbeuter und Wucherer auch, das heißt, man durfte von solchen Menschen gar nicht sprechen, weil man sonst hätte zugeben müssen, daß es christliche Wucherer und Ausbeuter genauso gibt wie jüdische.

Früher hatten die Hakenkreuzler mit ihren Plakaten Aufsehen erregt, die Massen aufgehetzt. Bosel und andere jüdische Plutokraten waren als Beherrscher Österreichs, als Blutsauger und Volksbedrücker ausgerufen worden. Nun aber lebte Bosel in London und die Plakate der Hakenkreuzler waren so inhaltlos geworden, daß sie niemand mehr las.

Die Zeitungen mit dem Hakenkreuz gingen in rascher Aufeinanderfolge ein, ihre Versammlungen blieben leer, dem Parteifonds floß kein Geld mehr zu, es ging den Führern um so schlechter, als sie nicht mehr reiche Juden schröpfen konnten, es keine jüdischen Banken mehr gab, die ihnen Geld schenkten. Und die christlich gewordenen Banken hatten das gar nicht notwendig, abgesehen davon, daß es ihnen von Tag zu Tag miserabler ging.

Nochmals machten die Führer der Hakenkreuzler einen Versuch, sich und ihre langsam sterbende Partei zu retten: In mächtigen Plakaten und Millionen Flugzetteln teilten sie der Bevölkerung mit, daß wieder nur die Juden an allem Elend der Wiener Schuld haben. Das internationale Judentum sei es, das vom Ausland seine vergifteten Pfeile nach Österreich schicke, Rache brüte, die Krone gewalttätig stürze und durch die mächtige Organisation des Freimaurertums Österreich austrockne und von dem internationalen Leben abschalte.

Drei, vier Tage lang bildeten diese »Enthüllungen« Tagesgespräch, blieben die arbeitslosen, hungernden, verzweifelten Menschen vor den Plakaten stehen und schüttelten die Fäuste. Dann zuckte man die Achseln und nannte das Ganze einen Blödsinn. Aus dem einfachen Grund, weil auch der primitivste Mensch einsah, daß Österreich solchem »Komplott« des Judentums gegenüber ganz machtlos war. Früher, ja, da konnte man berauscht und begeistert aus einer Hakenkreuzlerversammlung weg nach der Leopoldstadt in der geheimen Hoffnung marschieren, unterwegs ein wenig plündern und rauben, ein paar Juden prügeln und ein paar Fensterscheiben einschlagen zu können. Aber jetzt, wo es in der Leopoldstadt keine Juden mehr gab, wäre solche Demonstration höchst sinnlos geworden, und die früher oft sehr tolerante und gütige Polizei hätte die plündernden Demonstranten sicher einfach niedergesäbelt.

So kam es denn, daß eines Tages das Hauptorgan der Hakenkreuzler wehmütig und doch auch bissig das Ende ihres Erscheinens ankündigte und dabei die erschütternde Mitteilung machte, daß bei der letzten großen Hakenkreuzlerversammlung im Konzerthaus außer den Funktionären und den Kellnern nur zwanzig Personen erschienen waren.

Dr. Schwertfeger hatte recht behalten: Die politischen Gegensätze milderten sich, sie verschwanden beinahe ganz. Aber aus wesentlich anderen Gründen, als er geglaubt hatte. Nämlich deshalb, weil jede motorische Kraft fehlte und mit dem Auszug der Juden auch jedes politische Temperament geschwunden war.

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