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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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8. Kapitel

Die lieben süßen Mädeln

Unter den lieben Wiener Mädeln herrschte Unzufriedenheit. Instinktiv, im Unterbewußtsein, empfanden sie, daß die hohe und große Politik der Regierung zum nicht unbedeutenden Teil auf ihre Kosten gemacht worden war. Seit einem halben Jahrhundert hatte es sich eingebürgert, daß das hübsche Wiener Mädel aus den kleinen Bürgerkreisen einen Schatz besaß, der Jude war. Mochte der Vater begeisterter Christlichsozialer, der Bruder ebenso begeisterter Deutschnationaler sein – die Poldi oder Fini, die Mitzi oder Grete »ging« mit einem Juden, der Kommis oder Bankbeamter, Geschäftsmann oder Student war. Von ihren Freundinnen, die keinen Juden hatten, wurde sie deshalb oft gestichelt und gehöhnt, immer aber auch beneidet. Denn einen Juden zum Geliebten haben, das bedeutete ins Theater und feine Kaffeehäuser geführt, gut behandelt, freigebig bedacht werden.

Einen Juden aber gar zu heiraten, das galt als Haupttreffer, als Garantie für Wohlstand, Pelzmantel und schöne Kleider.

Fragte man die Poldi oder Tini, woher diese Vorliebe für einen jüdischen Schatz, so pflegte man immer dieselbe Antwort zu bekommen:

»Ein Jud ist immer nobel und wenn er eine Christin heiratet, so trägt er sie auf den Händen. Und dann besaufen sie sich nicht. Früher bin ich einmal mit einem Christen gegangen und da hab' ich am Sonntag immer Todesängste ausgestanden, daß er wieder einen Rausch kriegen und Skandal machen wird. Jetzt, wo ich einen jüdischen Freund habe, gehen wir immer in noble Lokale, er trinkt fast nichts, er ist g'scheit, weiß so viele Sachen zu erzählen und wird niemals grob.«

Wenn die süßen Mädeln aber ganz unter sich und sehr miteinander befreundet waren, wenn sie ihre erotischen Erlebnisse und Erfahrungen austauschten, dann erzählten sie von der Sinnlichkeit der Juden und der Vielfältigkeit ihrer erotischen Neigungen im Gegensatz zu ihren gut christlichen, sehr braven, aber weitaus weniger amüsanten arischen Freunden...

Möglich, wahrscheinlich sogar, daß der Antisemitismus bei der männlichen Bevölkerung Wiens im Laufe der Jahrzehnte so stark, so fanatisch geworden war, weil es der Jüngling mit dem Hakenkreuz sah und nicht verwinden konnte, wie ihm die jüdische Konkurrenz die hübschen Mädeln wegschnappte!

Und nun war das alles anders geworden, gab es diese jüdische Konkurrenz nicht mehr, war das Wiener Mädel ganz und gar auf seine Rassegenossen angewiesen. Was sich aber nicht verhindern und verbieten ließ, war der Vergleich und die Erinnerung.

Die Mädeln in den Kontoren und Bureaus, den Nähstuben und Fabriken verstanden wenig von Politik, mehr vom praktischen Leben. Und der jüdische junge Mann begann ihnen sehr zu fehlen. Anfangs hatte sie der allgemeine Begeisterungsrausch mitgerissen, dann als der Katzenjammer eintrat, fanden sie ihr Leben noch armseliger und leerer als früher. Sie begannen sich nach ihrem ausgewiesenen Schatz zu sehnen, die guten Eigenschaften der Juden als Liebhaber wurden in der Erinnerung übertrieben, den christlichen Nachfolgern unter die Nase gerieben, immer wieder der Vergleich gezogen, der zu ungunsten der Herrschenden ausfiel.

Die »Arbeiter-Zeitung« schilderte einmal eine charakteristische Szene, die ein Berichterstatter im Gartenwirtshaus eines Ausflugsortes beobachtet hatte.

Ein bildhübsches junges Ding war aus irgendwelchen Gründen mit ihrem Begleiter in Streit geraten, in dessen Verlauf er ihr zurief:

»Wärst halt mit deinem Juden ausgewandert!«

Worauf das Mädchen sich die Tränen aus den Augen wischte und laut erwiderte:

»Hätt' ich es nur getan! Ich bin nicht die einzige, die einen jüdischen Freund gehabt hat und jeder tut es leid, daß sie ihn nicht mehr hat! Was haben wir denn von euch? Euer Geld tut's ihr vertrinken und verspielen, und wir müssen uns unsere paar Fetzen von unserem eigenen Geld kaufen! Und keiner von euch ist so nett zu uns, wie es mein Fritz gewesen war und der Rudi von der Trudl und sein Freund, der Karl, der mit der Liesl gegangen ist. Da haben wir uns nicht bücken dürfen und nichts tragen und immer haben sie uns das Schönste und Beste gekauft und wenn wir mit ihnen ausgegangen sind, haben sie uns nicht in solche ekelhafte Beiseln geführt, sondern zu Hopfner oder ins Opernrestaurant und nachher in ein feines Kaffeehaus mit Musik und schön angezogenen Menschen. Na – und von wegen der Liebe – also, darüber soll man net reden, aber so ein Jud' hat schon gewußt, wie er mit seinem Mädel umgehen soll und auch in der Liebe ist er nie so ein Egoist gewesen, wie ihr Burschen, die ihr gar nicht wißt, was eine Frau braucht!«

Diese resoluten Worte riefen bei den Burschen einen Sturm der Entrüstung hervor, die Mädchen aber sahen einander schweigend an und nickten – – –

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