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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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4. Kapitel

Die allzu große Tat

Der Frühlingsbeginn, der seit jeher als politisch aufgeregte Zeit gegolten hat, brachte auch diesmal den Wienern unruhige Tage. Die Arbeitslosigkeit griff erschreckend um sich, eine Fabrik nach der anderen stellte den Betrieb ein, aber auch die Konkurse der Detailgeschäfte häuften sich und allenthalben gab es lärmende Kundgebungen, nicht nur der Arbeiter, für die der Staat halbwegs sorgte, sondern auch der entlassenen Kommis und Verkäuferinnen, Buchhalter und Tippmädels, bis in bewegter Ministerratssitzung beschlossen wurde, auch diesen Kategorien für die Zeit ihrer Stellenlosigkeit Zuschüsse zu gewähren. Der Finanzminister hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, der Kanzler, Dr. Schwertfeger, aber schließlich seinen Willen durchgesetzt. Doktor Schwertfeger, der noch starrer, knochiger, härter geworden war, erklärte, daß auch diese neue Belastung getragen werden müsse.

»Wir dürfen es nicht dazu kommen lassen, daß eines Tages der Ausweisung der Juden die Schuld an Not und Elend gegeben wird. Wir haben bis heute die ›Arbeiter-Zeitung‹, die jetzt zwar von Christen, aber doch noch im jüdischen Geist geschrieben wird, bewegen können, jede Kritik des Antijuden-Gesetzes zu unterlassen. Erfüllen wir die Forderungen der Stellungslosen im kaufmännischen Betriebe nicht, so wird ihr die Geduld reißen und sie wird, schon um diese Leute in ihr Lager zu drängen, eine Polemik eröffnen, die verderblich werden kann, weil wir die Übergangszeit von der Judenherrschaft zur Befreiung noch nicht hinter uns haben.«

»Und unsere Krone?« wandte der Finanzminister Professor Trumm höhnisch ein.

»Wir müssen uns an unsere christlichen Freunde im Auslande wenden und ihnen unsere Bedrängnis klar machen. Am besten, Sie fahren gleich nach Paris und London.«

Trumm lachte laut auf »Ganz vergeblich! Schon von der ersten Bittfahrt vor drei Monaten bin ich mit leeren Händen gekommen! Die Leute geben nichts mehr, haben ja sogar ihre festen Versprechungen nicht ganz gehalten. Sie unterschätzen den Einfluß unserer früheren Konnationalen, der österreichischen Juden, die zum Teil heute in den ausländischen Banken sitzen! Und abgesehen davon, der christliche Begeisterungstaumel ist vorbei und man steht wieder auf dem kalt-geschäftlichen Standpunkt. Sogar Mister Huxtable hat abgewinkt. Also meinethalben, bewilligen wir die Forderungen der stellenlosen kaufmännischen Angestellten! Aber ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Am nächsten Tag wurde der Kabinettsbeschluß verlautbart, es trat wieder Ruhe ein, aber am zweitnächsten Tag fiel die Krone an der Züricher Börse um dreißig Prozent. Und die »Neue Züricher Zeitung« veröffentlichte einen Artikel, in dem sie ziffernmäßig nachwies, daß Wien langsam, aber sicher aufhöre, irgendwelche Bedeutung für den mitteleuropäischen Handelsverkehr zu haben und der Rivalität Prags und Budapests unterliege. »In Ungarn ist man ebenso schlau wie in Prag gewesen. Man hat gewisse Kategorien von anständigen Juden mit offenen Armen aus Wien aufgenommen und dadurch den Handel an sich gerissen. Die Einkäufer der ganzen Welt können, weil sie zum großen Teil Juden sind, ohnedies Wien nicht mehr besuchen, sie gehen nach Prag, Brünn und Budapest, in erster Linie natürlich nach Berlin, das reißt die christlichen Einkäufer mit, die österreichischen Erzeuger von Fertigfabrikaten, wie Ledergalanterie, Schuhe, Keramik und so weiter, müssen, statt die Einkäufer bei sich zu empfangen, mit dem Musterkoffer nach dem Ausland reisen, kurzum, es werden trotz des beispiellos niedrigen Standes der Krone in Wien keine nennenswerten Geschäfte gemacht. Damit hat naturgemäß in Wien auch das Schiebertum in Valuten sein Ende erreicht, aber wie es scheint, auf Kosten des österreichischen Organismus. Der geniale Bundeskanzler Doktor Schwertfeger hat mit seinem Gesetz keine große, sondern eine allzu große Tat getan!«

Und wie zur Bekräftigung der Wahrheit dieses Artikels begann sich in Wien eine völlige Deroutierung des Bankenwesens einzustellen. Die ausländischen Konsortien, die die Wiener Großbanken übernommen hatten, sahen sich in ihren Hoffnungen bitter enttäuscht. Ihr Umsatz wurde immer geringer, mit dem Fortgang der Juden hatte auch das Börsenspiel einen beträchtlichen Rückgang aufzuweisen, und die Banken waren genötigt, wenn sie nicht mit Verlust arbeiten wollten, eine der Tausenden von Bankfilialen, mit denen Wien überfüllt war, nach der anderen aufzulassen. Vergebens legte die Organisation der Bankbeamten dagegen Protest ein, daß ein Teil ihrer Mitglieder brotlos gemacht wurde. Die Banken steckten sich hinter ihre Gesandtschaften, es kam zu peinlichen diplomatischen Interventionen, die damit endeten, daß die österreichische Regierung, statt ihre eigenen Beamten abzubauen, noch die stellenlosen Bankangestellten in ihren Dienst nehmen mußte. Und die Krone fiel auf ein Tausendstel Centime.

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