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Die Stadt ohne Juden

Hugo Bettauer: Die Stadt ohne Juden - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Stadt ohne Juden
authorHugo Bettauer
year1996
publisherAchilla Presse
addressHamburg - Bremen
isbn3-928398-26-1
titleDie Stadt ohne Juden
pages3-5
created19991025
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1922
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3. Kapitel

Der alte Markör

Im Café Imperial saß der Rechtsanwalt Doktor Haberfeld und schob die Zeitungen, die ihm der alte Zahlkellner Josef gebracht hatte, unwirsch beiseite.

»Sie, Josef, leer ist es jetzt bei euch, daß man neben dem Ofen friert! Früher hat man mühsam sein Platzerl ergattern können und jetzt, jetzt könnt man bei euch das Traberderby abhalten, weil eh kein Mensch im Weg steht!«

Josef strich die ergrauten Bartkoteletten, machte tieftraurige Augen, wischte mit der Serviette über den Tisch und sagte sorgenvoll:

»Es geht eh ein Ringcafé nach dem andere ein, ich glaub', lang wer'n mir's auch net mehr machen. Wissen S', Herr Doktor, was die Herren Israeliten – pardon, die Juden, waren, die sind halt alle gern in die feinen Lokale gegangen, wo was los ist und man was sieht. Aber die christlichen Herrschaften, die geh'n ins Vorstadtkaffeehaus und spielen ihr Tarock oder machen eine Billardpartie und gehen sonst lieber zum Heurigen oder ins Wirtshaus. 's ist halt eine andere Zeit jetzt!«

»Das merkt ein Blinder, der taubstumm ist«, brummte der Anwalt. »Sie, Josef, wir zwei kennen einander ja schon lange genug und brauchen uns keine Komödien vorzuspielen. Mir g'fallt halt die ganze Gschicht net! Wien versumpert ohne Juden!«

Josef fuhr erschreckt zusammen und sah sich ängstlich um.

»Ah was, es hört uns eh' niemand! Wien versumpert, sag' ich Ihnen, und wenn ich als alter, graduierter Antisemit das sag', so ist es wahr, sag' ich Ihnen! Ich wer' Ihnen was sagen, Josef. Wenn ich gegessen hab', muß ich, Sie wissen's ja am besten, immer mein Soda-Bikarbonat nehmen, um die elendige Magensäure zu bekämpfen. Wenn ich aber gar keine Magensäure hätt', so könnt ich überhaupt nichts verdauen und müßt krepieren. Und wissen S', der Antisemitismus, der war das Soda zur Bekämpfung der Juden, damit sie nicht lästig werden! Jetzt haben wir aber keine Magensäure, das heißt keine Juden, sondern nur Soda und ich glaub', daran wer'n wir noch zugrund' geh'n!«

Josef, der mit atemloser und ehrfürchtiger Spannung gelauscht hatte, schlug verzweifelt mit der Serviette auf einen Stuhl und flüsterte beklommen:

»Recht haben S', Herr Doktor, wenn man sich auch net traut, es laut zu sagen. Mit dem Zugrundegehen aber fang' ich schon an! Ich habe im letzten Halbjahr die Hälfte von meinem Ersparten aufgebraucht. Herr Doktor, unter uns gesagt, und weil Sie selbst ein nobler Herr sein, den was es nicht treffen tut: Die Herren Israeliten, pardon, ich mein' die Juden, waren nobel im Trinkgeldgeben!«

Josef räumte die Zeitungen fort, die dem Dr. Haberfeld zu langweilig waren, brachte auf seinen Wunsch das Prager und das Berliner Tagblatt und wandte sich anderen eben eingetretenen Gästen zu, die sich je ein Viertel Wein bestellten.

»Wie in einem Beisel«, raunte Josef dem Rechtsanwalt im Vorübergehen zu. Und dieser nickte verständnisvoll, zündete sich eine Zigarre an und gedachte der Zeiten, da er allabendlich im Kreise jüdischer Kollegen hier gesessen und trotz aller politischen Gegnerschaft manch klugen und guten Gedanken mit ihnen ausgetauscht hatte...

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