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Die Spur des Dschingis-Khan

Hans Dominik: Die Spur des Dschingis-Khan - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDie Spur des Dschingis-Khan
publisherErnst Keils Nachfolger
printrunVierundvierzigstes bis achtundvierzigstes Tausend
yearo.J.
firstpub1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150903
projectidb4bcbfee
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»Der Himmel hat seinem erlauchten Sohn die Gesundheit wiedergegeben. Die vollendete Weisheit ist genesen. Schitsu, der Hwangti, der Herr und Kaiser, kehrt in seine Residenz zurück.«

Seit 24 Stunden hielt diese Nachricht die Bewohner Pekings in Atem. Seit den frühen Morgenstunden begannen die Volksmassen aus dem Stadtinneren hinauszuströmen und die Straße zu umlagern, die von Schehol nach Peking führt. Zu Hunderttausenden umsäumten sie die breite Landstraße, lagerten hier und dort in Gruppen, begannen die mitgebrachten Lebensmittel zu verzehren und beschwatzten auf ihre Art das bevorstehende Ereignis, den Einzug des wiedergenesenen Kaisers.

Die Stunden verstrichen darüber. Höher stieg die Sonne und näherte sich ihrem höchsten Stande. Drückend heiß wurde der Maitag, und die Händler, die mit Erfrischungen erschienen, fanden reißenden Absatz für ihre Ware.

Um die zwölfte Stunde marschierten von Peking her auf der Landstraße die Garden des Schanti heran. Nach Ausbildung und Ausrüstung Elitetruppen. Die anmarschierenden Regimenter schwenkten mit der Präzision eines Uhrwerkes noch rechts und links gegen die Straßenränder aus, drängten die Menge, soweit sie die Straße noch besetzt hielt, über die Gräben zu beiden Seiten zurück und bildeten einen zusammenhängenden, von Bajonetten starrenden Kordon.

Die Straße war jetzt hermetisch abgesperrt. Die Menge, zur Seite gedrängt, breitete sich über die Felder aus und suchte erhöhte Punkte, von denen aus über die Köpfe der absperrenden Garden hinweg möglichst viel von dem kommenden Schauspiel zu sehen sein mußte.

Es waren nur sehr wenige Weiße in der Menge zu sehen, und auch diese Wenigen hielten sich stark zurück. Es war nicht angebracht, in dieser fanatisch erregten Menge Aufsehen zu erregen, denn nur allzu leicht konnten die Volksleidenschaften explodieren.

Auf einer kleinen Erhöhung in einer gelben Gruppe hatte Wellington Fox seinen Platz gefunden. Dort stand er, wartete und sah, wie plötzlich Bewegung in die Menge kam. Wie diese Tausende von Köpfen sich nach einer Richtung drehten, wie ein Murmeln und Rauschen durch die Massen ging.

Der Wagen des Kaisers kam. Eine der alten, schwervergoldeten Staatskarossen mit großen Glasscheiben. Von acht Pferden gezogen. Im Schritt, die Pferde von den Bedienten des Marstalls an Kopfhalftern geführt.

Der Kaiser aufrecht auf dem Rücksitz, allein im Wagen.

Wellington Fox verschlang das Bild mit den Augen. Er sah, sah viel, doch er wollte noch mehr sehen.

Als der Wagen die Straße gerade vor ihm passierte, konnte er seine Neugier nicht länger meistern und brachte sein scharfes Perspektiv an die Augen. In greifbarer Nähe erblickte er jetzt die markanten Züge des Kaisers. Doch nur für einen kurzen Augenblick.

Er fühlte, wie seine Füße plötzlich nach hinten gerissen wurden. Unsanft schlug er zu Boden. Wütend blickte er um sich und sah in eine Reihe von Augen, aus denen drohender Haß blitzte.

Beim Nahen des kaiserlichen Wagens hatte sich alles Volk, dem alten Brauche folgend, auf die Knie geworfen. Er allein hatte in seiner Erregung nicht darauf geachtet und war stehengeblieben. Zu spät bereute er jetzt seinen Fehler. Der Wagen war vorüber, die Möglichkeit, von dieser Stelle noch etwas zu sehen, nicht mehr vorhanden. Wohl aber erschien es ihm sehr angebracht, sich aus der Nähe dieser Menge zu entfernen, deren Mienen und Blicke wenig Gutes prophezeiten.

Es glückte ihm, von dem Haufen loszukommen. Auf einem Richtweg zwischen bebauten Feldern und Wiesen strebte er wieder der Stadt zu. Und während er dahinschritt, jagten sich die Gedanken in seinem Gehirn.

Wie war das möglich? ... Wie konnte das sein? ... Hatte ihm nicht Isenbrandt auf das bestimmteste versichert, daß die Tage des Kaisers gezählt seien? ... Hatte er ihm nicht gesagt, daß ein Sterbender sich auf den seidenen Kissen in Schehol quäle?

Und was hatte er eben gesehen? ... War das Wirklichkeit?

Unwillkürlich griff er nach seiner Tasche. Das Fehlen seines Perspektivs bewies ihm nur zu deutlich, daß die Szene, die er soeben erlebt hatte, in Wirklichkeit vor sich gegangen war.

Was hatte er gesehen? ... Einen Mann in militärischer Kleidung in der großen Staatskarosse ... Der Kaiser? ... Der Kaiser!

War das auch der Kaiser Schitsu? ... Ohne Zweifel. Die Bilder des Kaisers, die er in der Erinnerung hatte, konnten ihm die Frage nicht sicher beantworten.

Und doch ... es wäre ... er ... er mußte es sein. Hier einen anderen an des Kaisers Stelle zu zeigen ... Wer hätte den ungeheuerlichen Betrug wagen sollen?

Verflucht die Hand, die ihn im kritischen Moment zu Falle brachte. Noch eine Sekunde länger, und er hätte Gewißheit gehabt ...

Wie schauten die Augen des Mannes? ... So starr ... so ernst ... so tot ... tot?

Aber hatte er sich nicht bewegt? Hatte das Antlitz nicht leicht genickt? Hatte er die Grüße des ihm huldigenden Volkes nicht deutlich erwidert?

Die Gedanken von Wellington Fox sprangen zu Isenbrandt zurück. Wie würde das alles auf dessen Pläne wirken? ... Wie auf diejenigen der Siedlungsgesellschaft?

Noch nie in seinem Leben hatte er vor solchem Rätsel gestanden. Vergebens suchte er nach einer Lösung ... Er fand sie nicht ... Und doch, was Isenbrandt gesagt hatte, mußte richtig sein. Er klammerte sich an die Worte des Freundes.

Der Weg führte ihn an einer Telegraphenstation vorbei. Einen Augenblick zögerte er. Bericht an die Chikago-Preß geben? ... Daß der Kaiser in voller Gesundheit in seiner Residenz eingezogen sei ... Nein! ... Nichts! ... Mögen sie diesmal ihre Berichte aus einer anderen Quelle schöpfen.

Fest entschlossen schritt er weiter der Stadt zu. Seine Gedanken konzentrierten sich auf die Person, derentwegen er hierhergekommen war. Collin Cameron!

Ohne große Schwierigkeiten hatte er das Hotel ausfindig gemacht, in dem der Gesuchte wohnte. Auf dem Umwege über die Filiale von Uphart Brothers hatte er das festgestellt. Aber als er heute früh in dies Hotel kam, hatte er gerade noch die Rückseite von Collin Camerons Auto gesehen. Der Einzug des Kaisers hatte ihn vorübergehend vom weiteren Nachspüren abgebracht. Mechanisch verfolgte er jetzt die Straße nach der Stadt.

Ein Blitzen in der Ferne erinnerte ihn an Isenbrandts Auftrag. Da blinkte über die Felder her in den hellen Strahlen der Maiensonne der Spiegel eines kleinen Weihers. Wellington Fox schlug einen Seitenpfad ein und schritt darauf zu. Die Gelegenheit war günstig. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Was Beine hatte, trieb sich an der Straße nach Schehol herum.

Er rief sich die Vorschrift Isenbrandts ins Gedächtnis. Dann griff er in die Brusttasche. Ein kurzer Ruck, und der Pfropfen war entfernt. In weitem Bogen flog die Tube in das Wasser. Wellington Fox sah sie versinken und spurlos verschwinden. Einen Augenblick zögerte er. Dann wandte er sich um und ging mit schnellen Schritten der Stadt zu. Der plötzliche Kniefall vor einer halben Stunde wirkte noch nach und ließ ihm Vorsicht geboten erscheinen. Mochte Georg Isenbrandt da für die Bewohner Pekings zusammengebraut haben, was er wollte, es war jedenfalls nicht angebracht, daß irgend jemand hier Wellington Fox bei der Ausführung dieses Auftrages beobachtete und in Zusammenhang damit brachte.

Er gelangte in die Stadt zurück. In einer Teestube, gegenüber dem Hotel, in dem Collin Cameron abgestiegen war, nahm er an einem Fenster Platz. Der, auf dessen Kommen er hier lauerte, saß indessen im Palaste des Regenten dem Schanti gegenüber.

»Das Wunder, das an dem Sohn des Himmels geschah, war unfaßbar groß ... so groß, daß es niemand glauben kann, der es nicht gesehen hat, wie die erleuchtete Weisheit in die alte Kaiserstadt einzog.«

»Sie sahen den Kaiser?«

»Nein, Hoheit. Ich wartete hier im Palast.«

Ein leichtes, kaum merkbares Lächeln glitt während der Antwort über Collin Camerons Züge.

»Der Kaiser lebt! Weh dem, der ... der ... seine Hand würde ihn furchtbar treffen ...«

Die Worte, scheinbar so leicht und beziehungslos hingesprochen, ließen Collin Cameron innerlich erbeben.

»Die Welt wird erzittern, wenn des Kaisers Name wieder ertönt. Europa ... dieses altersschwache Land wird seinen Flug nach Osten hemmen. Gelähmt werden seine Flügel herabhängen, wenn ihm der Name der erleuchteten Weisheit in die Ohren dringt. Unsere Feinde werden erbeben. Unsere Freunde in den Vereinigten Staaten werden frohlocken ... Zusammen mit den Söhnen des Himmlischen Reiches ...«

Collin Cameron hatte immer lauter und schneller gesprochen, um den Eindruck seiner unvorsichtigen Worte zu übertönen und zu verwischen. Die Stimme des Schanti unterbrach ihn.

»Sie werden noch heute nach den Vereinigten Staaten fahren!«

Die Züge Collin Camerons blieben unbewegt, trotzdem ihm der Auftrag höchst unerwünscht kam.

»Es ist der Wille unseres Herrn, dem die Götter so wunderbar die Gesundheit wiedergeschenkt haben. Am 6. Juli, das heißt an dem Tage nach der Wahl Josua Bordens, sollen die Pläne der höchsten Weisheit zur Ausführung kommen.«

Collin Cameron sah den Regenten erstaunt an. Wagte dann die Erwiderung: »Und wenn die Wahl nicht am 5. Juli stattfindet?«

»Auch dann!«

Mit einem Ruck war Collin Cameron aufgestanden.

»Auch dann?«

Der Regent nickte stumm.

»Ich verstehe nicht, Eure Hoheit ... Die Wahl Josua Bordens ...«

»... Braucht nicht am 5. stattzufinden. Der sechste Juli ist der Tag ...«

»Ich verstehe nicht, Hoheit.«

»Die Wahl soll am fünften stattfinden ... Es wäre gut, wenn es geschähe. Doch es könnte sein, daß die Wahl verschoben wird ... Das Geheimnis scheint nicht gut gewahrt worden zu sein ... Es wäre möglich, daß man einen Strich durch alle Pläne macht, indem man die Gouverneurswahl verschiebt. Ein solcher Aufschub ... und ginge es nur um wenige Wochen ... würde die Absichten des großen Herrn stören. Ihre Aufgabe ist es, dahin zu wirken, daß die schwarze Bewegung unter allen Umständen am sechsten losbricht!«

»Hoheit! ... Die schwarzen Führer dahin zu bringen, ist unmöglich!«

»Dann ist es Ihre Aufgabe, die Bewegung auch ohne die Führer zum Ausbruch zu bringen. Das »Wie« ist Ihre Sache. Ihre Vollmachten sind unbegrenzt. Mittel aller Art stehen in jeder Menge zur Verfügung.

Der Regent hatte geendet. Collin Cameron starrte stumm vor sich hin. Der Schanti sprach weiter: »Sie werden die Aufgabe annehmen ... und vollbringen!«

Noch immer schwieg Collin Cameron. Erst nach einer geraumen Weile erhob er sich. Sein Gesicht verriet die Bewegung, die in ihm arbeitete.

»Der schwerste Auftrag, den mir Eure Hoheit je gegeben. Ich übernehme ihn.«

»Sie fliegen mit dem Postschiff.«

Collin Cameron verließ den Raum. Im Vorzimmer fiel ihm das verstörte Gesicht eines Adjutanten auf, der sich sofort dem Zimmer des Regenten näherte. Als Collin Cameron den Palast verließ, sah er die blühenden Gärten unter einer leichten Schneedecke liegen und unaufhörlich schwere Flocken niedergehen. Einen Augenblick zögerte sein Fuß.

Schnee ... In dieser Jahreszeit ... In solcher Menge?

Die Gedanken an seine Reise ... an seine schwere Aufgabe ließen ihn das Außergewöhnliche nicht voll empfinden.

Regungslos, so wie ihn Collin Cameron verlassen hatte, saß der Regent. Seine Hand tastete nach einem Globus und ließ ihn mechanisch rotieren.

»... Um die ganze Welt spinnen sich meine Fäden zu einem Netz ... stark ... unzerreißlich ... der 6. Juli ...«

Seine Hände legten sich ineinander. Die Finger der Rechten griffen nach dem Ringe des Dschingis-Khan und zogen ihn von der Linken. Wie von selbst glitt der Ring auf die Rechte. Wie im Spiel wiederholte der Schanti das Hin- und Herschieben des Ringes.

Ein Klopfen an der Tür ließ ihn aufschrecken. Hastig schob er den Ring auf die Linke zurück.

»Was ist?«

Sein persönlicher Adjutant stand vor ihm. Dessen Gesicht war verstört, seine Augen blickten irre.

Noch einmal rief der Schanti: »Was ist?!«

»Es ist Winter geworden, Hoheit!«

»Es ist Winter geworden? ... Willst du mich narren?«

Der Adjutant deutete nach den durch schwere Seidenvorhänge verhüllten Fenstern. Mit einem Ruck sprang der Regent auf und riß die Vorhänge auseinander. Ein schweres, dichtes Schneetreiben verdunkelte die Luft.

Eine Sinnestäuschung? ...

Die Rechte des Schanti riß die Fensterflügel auf, die Linke streckte sich hinaus. Wie wenn sie in Feuer gefaßt hätte, fuhr sie wieder zurück. Die Augen des Regenten ruhten darauf ... sahen, wie die Flocken unter der Wärme der Hand rasch dahinschmolzen, sahen, wie eine an dem goldenen Ring länger haftete und nur langsam schwand. Sein Auge glitt über die Gärten, die unter den Schneemassen wie unter einem Leichentuch ruhten.

War das Natur? ... Menschenwerk? ... Dann ...

Zurück! Collin Cameron!

Er wollte es schreien, als sein Blick auf den Adjutanten fiel, der stumm dastand. Im Augenblick hatte er sich wieder in der Gewalt.

»Was willst du? ... Es schneit ... Es schneit ... Ja natürlich, es schneit ... Hast du noch keinen Schnee gesehen? ... Fürchtest du dich vor Schneeflocken? ... Geh!«

* * *

In einer Baumlaube des Garvinparks in Frisko saß Wellington Fox. Die Sonne war längst untergegangen. Vom Ozean her wehte eine kühle Brise. Fröstelnd schlug Fox den Kragen seines Jacketts in die Höhe. Die Hände in die Taschen vergraben, legte er sich bequem auf der Bank zurück und schaute sinnend dem Rauch seiner Zigarre nach.

»... Daß ich hier als Ritter Toggenburg seit einer geschlagenen Stunde sitze und geduldig auf das Kommen eines kleinen Mädchens warte ... und, wenn es darauf ankommt, die ganze Nacht warten würde, hätte ich mir vor ein paar Monaten nicht träumen lassen ... Ich, Wellington Fox, der mit seinen 35 Jahren bisher der Ansicht war, daß die Rose menschlicher Liebe vor ihm auch nicht ein Blatt mehr zu entfalten habe ... Keinen Duft, den er nicht eingeatmet hätte ...«

Ein leises Knirschen des Kiesweges ließ ihn aus seinem Träumen aufschrecken. Schnell warf er die Zigarre auf den Boden und trat mit der Schuhsohle darauf. Im nächsten Augenblick stand Helen Garvin vor der Laube. Sie tat einen schnellen Blick rückwärts und beugte sich dann lauschend nach vorn. Und schrie leise auf, als sie sich plötzlich an der Hand ergriffen fühlte und mit sanfter Gewalt in das Dunkel der Laube gezogen wurde.

»Komm, Helen. Das dichte Blätterdach schützt uns vor allen Späherblicken.«

»Ah, Sie sind es, Herr Fox? Ich hatte doch die Bank auf der anderen Seite des Weges als Treffpunkt bezeichnet. Beinah wäre ich umgekehrt. Da glaubte ich hier das Glühen einer Zigarre zu sehen.«

»Das dich anzog, wie das Licht die Motte.«

»Herr Fox! Ich gehe sofort, wenn Sie Ihre Redensarten nicht lassen. Nein, ich konnte mir kaum denken, daß Sie es waren, der hier rauchte.«

»Warum, Helen?«

»Weil es sich nicht gehört, daß ein Herr raucht, wenn er eine Dame erwartet ...«

»... Die wiederum erwartet, von diesem Herrn geküßt zu werden«, vollendete Fox.

»Herr Fox, ich weiß nicht, was man zu solcher Unverschämtheit sagen soll. Ich gehe!«

»Gar nichts, kleine Helen, soll dein süßer Mund sagen, küssen ... «

Im Nu hatten starke Arme Helens Schulter umfaßt und eine Flut von Küssen verschloß ihren Mund ...

»Jetzt ist es aber genug.« Atemlos klang die Stimme dicht an Wellingtons Ohr.

»Bitte! Bitte!«

Sie entwand sich Wellingtons Armen und begann ihr verwirrtes Haar in Ordnung zu bringen.

»Schämen Sie sich, Sie schrecklicher Mensch. Gut, daß es das letztemal war.«

»Wann wollen wir nun heiraten?« war Wellingtons ganze Antwort.

»Heiraten? ... Wir ... heiraten?«

Helen trat entrüstet auf Fox zu, der sich auf der Bank niedergelassen hatte und mit einer Handbewegung Helen einlud, neben ihm Platz zu nehmen.

»Erstens will ich gar nicht heiraten ... und zweitens nicht einen Mann wie Sie, den allerunhöflichsten Menschen, den ich je kennengelernt habe. Alle anderen Männer sind höflich und zuvorkommend zu mir. Besonders die, die mir Heiratsanträge gemacht haben.«

»Sie haben dich aber trotzdem nicht wie ich viermal küssen dürfen.«

»Viermal? ... Hundertmal!« rief Helen und geriet dann in unbeschreibliche Verwirrung.

»Wenn du mich nicht heiraten willst, kleine Helen, warum hast du dich dann mit mir verlobt?«

»Verlobt?«

»Gewiß, Helen! Eine wohlerzogene junge Dame küßt keinen Mann, wenn sie nicht mit ihm verlobt ist. Und ist sie verlobt, muß sie ihn doch schließlich heiraten ... klar?«

Einen Augenblick stand Helen wortlos.

»Ja ... ja, das mag schon richtig sein. Aber wenn nun mein Vater nicht damit einverstanden ist, eine Abneigung gegen Sie hat und gar nicht mit sich reden läßt? Ich liebe meinen Vater sehr, aber ich kann sein Vorurteil gegen Leute, die nicht reich oder von hohem Rang sind, nicht teilen, aber ... gegen seinen Willen ...

Ich bin deshalb heute zum letztenmal hierhergekommen ... und will Ihnen sagen ...«

»Daß du morgen abend um dieselbe Zeit hierher, ...«

»Herr Fox! Ich gehe jetzt und komme nicht wieder!«

»Gut!«

»Sie dürfen mir auch nicht mehr schreiben.«

»Gut!«

»Sie ...«

»Bitte.«

»Sie dürfen mich auch nicht so ...«

»Bitte.«

»... so ansehen.«

»Gut ... Noch etwas?«

»Nein! ... Adieu, Sie ...«

Helen raffte ihr Kleid zusammen und schickte sich an zu gehen.

Am Ausgang der Laube drehte sie sich nochmals um.

»Adieu, Sie Mr. Gut ... Sie Papagei ... Sie Ungeheuer ... Sie, Sie ...«

Mit drei Schritten stand sie vor Wellington Fox und hielt ihm die kleine geballte Faust vors Gesicht. Da fühlte sie sich plötzlich neben Fox sitzen und ein anderer Mund verschloß den ihren. Erst nach geraumer Weile klang die Stimme Wellingtons wieder:

»Glaubst du wirklich, meine liebe kleine Helen, Wellington Fox ließe sich das Glück seines Lebens entgehen, weil ein alter, harter Mann ihn seines schmalen Beutels halber nicht für würdig hält? Ihn und alle seine Schätze mag der Teufel ...«

»Wellington, es ist mein Vater.«

»Leider, Helen! Doch Geduld. Wir wollen sehen, wessen Schädel auf die Dauer der härtere ist.«

»Ach Wellington, du hoffst ihn zu zwingen? Dann werde ich nie im Leben die Deine werden. Ach, wenn du wüßtest, wie grenzenlos unglücklich ich bin.«

Tränen erstickten Helens Stimme. Weinend barg sie ihr Gesicht an Wellingtons Brust.

»Geduld, Geduld, kleine Helen! Ich weiß, wie man Leute vom Schlage deines Vaters auf seine Seite zwingt. Man muß etwas tun, was ihnen imponiert, was ihnen Respekt beibringt. Und warum sollte das nicht auch deinem Wellington gelingen? Noch einige Wochen. Dann ist die Saat reif, dann ...«

Die weiteren Worte gingen in einem unverständlichen Gemurmel unter.

»Du sprichst so geheimnisvoll, Wellington, was meinst du?«

»Nichts, nichts, kleine Helen. Doch noch eins, Liebste. Es könnte sein, daß du mich in den nächsten Tagen vergeblich erwartest. Vielleicht kann ich sogar vor eurer Abreise nach Asien überhaupt nicht mehr hierherkommen.«

»Warum nicht, Wellington? Was sollen diese Andeutungen? Was hast du vor?«

Helen drängte sich ungestüm an Wellingtons Brust.

»Nichts Besonderes, liebe Helen. Mein Beruf zwingt mich häufig zu unvorhergesehenen Reisen ... Es könnte sein, daß ich morgen ... wichtige Geschäfte ... auf ein paar Tage verreisen müßte. Das ist alles. Wünsche mit mir, daß diese Reise guten Erfolg hat. Sie wird uns auch unserem Glück näherbringen. Am Balkaschsee treffen wir uns bestimmt wieder.«

* * *

Es war eine kleine, gut bürgerliche Teestube, die Tschung Fu in der China town von Frisko hielt. Keine Hafenarbeiter, keine Wäscher, Köche oder dergleichen Volk verkehrte hier. Nur das bessere Publikum, Kaufleute, Händler und jene gelben Künstler, die mit unendlichem Geschick und noch größerer Ausdauer die Erzeugnisse chinesischen Gewerbefleißes, die wunderbaren Lack- und Filigranarbeiten herstellten, die in der Hauptstraße von China town in den Basaren verkauft wurden.

Aber diese solide Teestube war nur der Vorhang vor schlimmeren Dingen. Die gelben und weißen Gäste Tschung Fus konsumierten nicht nur den duftigen Trank der Pekkoblüte. Sie huldigten auch dem Genusse des Opiums. Diesem Zweck dienten die hinteren Räume des Teehauses.

Eine kaum sichtbare Tür an der Wand der Teestube ... Ein langer, winkliger Gang ... Ein Vorhang ... Noch einmal ein Stück Gang ... Ein zweiter Vorhang, und man war in dem Raum, in welchem Tschung Fu seinen Gästen, aber nur wohleingeführten und unbedingt zuverlässigen Gästen, das verbotene Narkotikum verabreichte.

Ein großer, nur durch künstliche Beleuchtung erhellter Raum. An den Wänden kleine, durch Vorhänge verschließbare Nischen. Im Raume selbst noch zahlreich jene niedrigen, weichgepolsterten Lager, auf denen die Opiumraucher den Genuß ihres Rausches mit gelösten Gliedern auskosten konnten.

In den Vorhängen, im Holzwerk der Wände, ja im ganzen Raume haftete unvertilgbar der süßliche, für den Ungewohnten widerliche Duft des kalten Opiumrauches.

Es war um die dritte Nachmittagsstunde. Schon hatte das Lokal Tschung Fus reichlichen Zuspruch gehabt. Alle Nischen des hinteren Raumes waren belegt, alle Polster und Kissen im Raume selbst besetzt. Gelbe und auch einzelne Weiße lagen hier. Die meisten bereits im tiefen Rausch. Nur einige wenige noch fähig, die Pfeife zum Mund zu führen ... die letzten Züge zu tun, die sie in das Land glücklicher Träume bringen sollten. Tschung Fu war zufrieden. Jede hier gerauchte Pfeife brachte ihm ein blankes Goldstück von den bewährten alten Gästen ... viel größere Beträge von denen, die zum ersten Male kamen, die erst eingeführt wurden oder sich selbst einführen wollten.

Jetzt begleitete der Wirt dienernd und kriechend Collin Cameron und dessen Begleiter, ein gelbschwarzes Halbblut, in den Raum.

»Es tut mir sehr leid, Mr. Cameron ... alle Kojen sind besetzt ...«

Collin Cameron blieb zögernd mitten im Raume stehen. Ein halbunterdrückter Fluch kam über seine Lippen. Sein Blick glitt über die Gäste, die hier als die willenlosen Sklaven einer Droge und einer Leidenschaft auf den Kissen lagen.

»... Verdammtes Pack! ... Versoffenes Lumpengesindel ...«

Er machte eine Bewegung, als ob er den nächsten mit einem Fußtritt von seinem Lager hinabschleudern wolle.

Der Wirt deutete einladend auf einen unbesetzten Tisch in der Mitte des Raumes. Collin Cameron fragte: »Wer ist hier?«

»Nur alte Bekannte! Sichere Leute! ... Sie schlafen alle. Sind im siebenten Paradiese. Man könnte sie hinaustragen, ohne daß sie es merken.«

Noch einmal ein kurzes Überlegen. Dann ließ sich Collin Cameron an dem Mitteltisch nieder und lud seinen Begleiter durch eine Handbewegung ein, das gleiche zu tun. Der Wirt brachte ihnen selbst den frischen Tee. Dann zog er sich scheu zurück.

Collin Cameron schwieg. Mit verächtlichem Lächeln beobachtete er einen der Raucher, der es noch einmal versuchte, die Pfeife an die Lippen zu bringen. Die Kräfte des Mannes reichten nicht mehr aus. Seine Augen, groß und glasig, starrten empfindungslos in den Raum. Jetzt ließ er die Pfeife fallen und sank der Länge nach auf den Diwan zurück. Die Augen schlossen sich, und ein glückliches Lächeln nistete sich in den ausgemergelten Zügen des Rauchers ein.

Collin Cameron wartete geduldig, bis auch dieser letzte Raucher sicher in dem Hafen der Bewußtlosigkeit gelandet war. Dann eröffnete er die Unterhaltung.

»Was Neues?«

»Nein, Mr. Cameron. Sie haben die letzten Artikel in meinem Blatt gelesen. Waren sie nicht gut?«

»Sie waren gut. Aber von nun ab muß ein anderer Ton angeschlagen werden.«

»Noch schärfer? Vergessen Sie nicht, daß mein Blatt schon jetzt in Gefahr stand, unterdrückt zu werden.«

»Die Wahl Josua Bordens ist verschoben!«

»Verschoben! Warum? ... Ein böses Zeichen ... Verrat?«

»Es kann nicht anders sein.«

Ein schwerer Fluch kam aus dem Munde des anderen. Danach seine Frage:

»Was nun?«

»Das frage ich Sie.«

»Dann muß eben alles andere auch verschoben werden.«

»Ausgeschlossen!«

Der andere pfiff leise durch die Zähne und kniff die schmalen Schlitzaugen noch enger zusammen. Prüfend blickte er in das Gesicht Collin Camerons, in dem sich starke Erregung malte.

»Ihre Worte sind dunkel, Mr. Cameron. Das eine fällt mit dem anderen.«

»Nein! Das darf es nicht!«

»Ah! ... Weht der Wind daher? ... Aber unsere Führer werden nicht mitmachen.«

»Dann werden andere die Führer sein! ... Einer davon Sie!«

Der andere sank in seinen Sessel zurück. Die kleine Figur verschwand fast in den Polstern, während er die Hand an die Stirn legte.

»Es wird nicht gehen, Mr. Cameron. Die Massen werden uns nicht folgen.«

»Zugegeben! Die große Masse der Schwarzen nicht ... das heißt nicht sogleich ... Aber sind Sie sich der Hafenarbeiter sicher? ... Auf alle Fälle?«

Ein übles Grinsen ließ die Züge des schwarzgelben Halbblutes noch abstoßender als gewöhnlich erscheinen.

»Mit genügend ... so etwas ...«, seine Hände machten die Bewegung des Geldzählens, »und dem nötigen Whisky ... Ja!«

»Wie steht's mit den Mortonwerken?«

»Das kann ich nicht sagen. Aber ... der Führer ... ist empfänglich für ... Wieder vollführten die Finger des Sprechenden die Bewegung des Geldzählens.

»Ich werde mit ihm reden. Wie steht's mit der schwarzen Universität? Ihre Organisation ist die beste. Ihr Beispiel würde große Wirkung haben.«

»Die jungen Hitzköpfe müßten sich bei zweckmäßiger Behandlung wohl gebrauchen lassen ... Ein geschickt inszenierter Streit mit den weißen Studenten ... Gut ausgewalzt und kräftig breitgetreten ... Alles im richtigen Moment ... Das dürfte genügen.«

»All right! Die Arbeit in Frisko lege ich in Ihre Hände.«

Der andere schwieg. Aber seine Augen blinzelten begehrlich nach der Stelle, an der sich Collin Camerons Brusttasche befand, und seine Mienen sprachen eine beredte Sprache. Collin Cameron riß ein Scheckbuch heraus und reichte es seinem Gegenüber.

»Wie hoch?«

»In jeder Höhe!«

Das Grinsen auf den Zügen des anderen verbreiterte sich. Seine Finger umklammerten das Buch, und im Nu war es verschwunden.

»Ich fahre heute nacht nach Louisiana, um dort weiterzuarbeiten. Meine Adresse kennen Sie.«

Ein Nicken des anderen. Noch einmal ließ Collin Cameron einen Blick auf den Raum und seine trunkenen Insassen gleiten. Dann schritt er mit seinem Partner dem Ausgang zu. Ihre Schritte verklangen auf dem Flur.

Plötzlich blieb Collin Cameron stehen und schlich leise wieder dem eben verlassenen Gemache zu. Mit unendlicher Vorsicht schob er den Vorhang um wenige Millimeter zur Seite, daß sein Auge eben den Raum überblicken konnte. Alles war noch genau so, wie er es verlassen hatte. Als er sich umdrehte, stand der gelbe Wirt katzenbuckelnd vor ihm.

»Alles in Ordnung, Mr. Cameron. Die Toten auf dem Kirchhof haben keine tauberen Ohren als meine Gäste.«

Während Collin Cameron dem Ausgang zuschritt, kehrte der Wirt in das Gemach zurück. Sein Auge blieb an einem Weißen hängen, der in tiefem Schlaf der Wand zugekehrt dalag.

»Du Sohn eines Schakals! ... Deinethalben hat Tschung Fu eine böse Stunde gehabt. Du bist ja keiner von meinen Stammgästen ... für die ich mich verbürgt habe ... Du sollst es mir bezahlen.«

Unhörbar schlich er auf seinen Filzsohlen auf den Schläfer zu. Prüfend glitten seine Hände über die Kleidung des Daliegenden und tasteten nach der Gegend der Brieftasche.

Von einem Faustschlage getroffen, flog er bis in die Mitte des Raumes zurück.

»Du Sohn einer gelben Hündin, bezahlt bist du schon im voraus!«

Es war Wellington Fox, der bei diesen Worten von dem Diwan aufsprang. Doch bevor der Berichterstatter der Chikago-Preß den Ausgang erreichen konnte, hatte sich der Wirt schon wieder aufgerafft. Ein Tisch flog Wellington Fox empfindlich gegen das Schienbein. Schon war der Wirt draußen und ließ einen gellenden Pfiff ertönen.

Wellington Fox stürmte ihm nach. Aber es war nicht der Gang nach der vorderen Teestube, sondern ein anderer, ein viel längerer und winkliger Gang, in den er geriet und durch den er bis auf den Hof gelangte. Hier sah er sich plötzlich von allen Seiten umringt.

Wellington Fox war gut gebaut und gut trainiert. Nach rechts und links teilte er solide Faustschläge aus, brachte hier und dort einen Meistergriff des Dschiudschitsu zur Anwendung und bahnte sich über taumelnde und stöhnende gelbe Körper seinen Weg.

Aber er war in einer Falle. Die Tür zum Vorderhaus war verschlossen. Eine Möglichkeit, sie aufzubrechen, nicht vorhanden. Von allen Seiten schlossen steile Wände den Hof ein. Nur an einer Stelle führte an der Wand des Nebenhauses eine schmale Stiege empor. Er stürmte sie hinan und landete atemlos auf dem flachen Dach des Nachbarhauses. Chinesische Wäscher betrieben hier ihr Gewerbe.

Ausgespannte Leinen ... mit Wäschestücken behängt ... allerlei Zuber und Bottiche ...

Einen Augenblick blieb er schnaufend stehen und blickte sich orientierend um. Der Anblick eines gelben Kopfes, der sich über die Dachkante schob, mahnte ihn an seine Gegner. Vor einem plötzlichen kräftigen Fußtritt wich dieser Kopf zurück. Aber ein Blick über den Dachrand belehrte Wellington Fox, daß die Stiege bis hinauf zum Dach bereits dicht mit Gelben besetzt war.

Suchend sah er sich nach einer geeigneten Waffe um. Sein Blick fiel auf einen zur Hälfte mit Wasser gefüllten Waschzuber.

In der nächsten Sekunde hatte er jene zweite Dynothermtube Isenbrandts herausgerissen und in den Zuber ausgeschüttet. So schnell wie möglich zerrte er den Zuber über das Dach bis zur Stiege hin. Schon stiegen gewaltige Dampfwolken aus dem Bottich, schon trafen einige Spritzer des siedenden Wassers seine Hände und verursachten an den Treffstellen große Brandblasen.

Dann war es geglückt ... Der Inhalt des Bottichs über die Stiege hinabgegossen.

Ein Schrei des Entsetzens ... ein tierisches Brüllen ... vermischt mit dem Wimmern Sterbender ... belehrte ihn, wie das Dynotherm gewirkt hatte. Schon war der ganze Hofraum in seiner Tiefe ein einziges wogendes Dampfmeer, in dem sich nichts mehr erkennen ließ. Schon strömten die Dampfwolken weiter empor zur doppelten und dreifachen Höhe des Hauses, während dort unten das letzte Wimmern erstarb. Schon mischte sich brenzliger Qualm in den Wasserdampf. Schon zuckte es feurigrot aus den wogenden und wirbelnden weißgrauen Massen.

Das Haus, auf dessen Dach Wellington Fox stand, war nicht allzu hoch. Mit schnellen Griffen hatte er die Wäscheleine gelöst und um einen Pfosten an der Vorderseite des Hauses geschlungen. Schnell glitt er an ihr auf die Straße hinab.

Er sah sich um. Ein kleines, ihm unbekanntes Seitengäßchen. Aufs Geratewohl lief er darin entlang und erreichte die Hauptstraße. Noch einen Blick rückwärts. Feuerlohe schlug zum Himmel, wo das Teehaus gestanden hatte.

* * *

Langsam glitt das Schiff Isenbrandts flußabwärts der Mündung des Ili zu. Schon zogen sich die mächtigen Schilfhorste zu beiden Seiten des Stromes weitauseinander, und unmerklich vermischten sich die Wellen des Ili mit den Wassern des Balkaschsees.

Kreischend stiegen ganze Schwärme von Wasservögeln empor, die der Kurs des Schiffes in ihrer Abendruhe störte. Rosig schimmerte das helle Gefieder der tausend und aber tausend Vögel in den Strahlen der sinkenden Sonne. Wie dichter grauer Dunst standen Myriaden von Mückenschwärmen dazwischen und drohten die Sonne zu verdunkeln.

Georg Isenbrandt streckte die Hand nach einem Hebel aus. Ein kurzer Druck darauf, und automatisch schlossen feine Gazefenster die Kabine.

Er lehnte sich ruhig in seinen Sessel zurück. Noch trug er den Gesellschaftsanzug, in dem er den ganzen Tag hindurch die offiziellen Empfänge der zahllosen Gäste aus allen Weltteilen mitgemacht hatte. Seine Mienen verrieten Ermüdung und zeigten, daß die Anstrengungen dieser Feierlichkeiten selbst für seine eisernen Nerven recht reichlich gewesen waren. Da er außer den wichtigsten europäischen auch mehrere asiatische Sprachen beherrschte, war seine Person bei diesen Empfängen ganz besonders beansprucht worden.

So war er gern dem Vorschlage von Wellington Fox gefolgt, eine Abendfahrt von Wierny zum Balkaschsee zu unternehmen, um hier in ruhigen Stunden wieder Erholung und Stärkung für die Strapazen des kommenden Tages zu finden. Denn die heutigen Empfänge waren ja nur der Auftakt für die großen Feierlichkeiten des morgigen Tages.

Von morgen ab sollte der mächtige, vierhundert Quadratkilometer große Balkaschsee ein neues wichtiges Glied in der Kette der Unternehmungen der E. S. C. werden. In feierlichem Akte, im Beisein von führenden Männern aller Staaten der Welt sollte dem See die Dynothermmenge einverleibt werden, die seine Wassermengen in Dampfform in die Lüfte jagen mußte. Der Plan ging dahin, die vielen hundert Milliarden Kubikmeter Wasser, die hier die Schale des Sees füllten, als fruchtbaren Regen nach Norden und Nordosten zu senden. In seiner ganzen Größe konnte er nicht ausgeführt werden, solange dem See die verstärkten Zuflüsse aus dem chinesischen Gebiete fehlten, dem Ilidreieck.

»Deine Einrichtung mit diesen Mückennetzen ist zweifellos ohne Tadel, Georg. Meine Zigarre ist machtlos gegen solche Moskitomengen ... Sieh nur, wie die Fenster schon davon bedeckt sind ... Eine ganze Schicht ... Ja ... das heißt ... auf diese Weise sehe ich ja nichts mehr ... und um zu sehen bin ich doch hierhergekommen.

Heute nacht noch muß mein erster Bericht nach Chikago gehen. Wozu hätte ich denn den Manager des Ganzen zum Freund, wenn ich nicht schon heute als geschehen melden könnte, was morgen erst geschieht. Die Manuskripte der Reden hast du mir ja schon zur Verfügung gestellt.«

»Hast du eskamotiert, mein Lieber«, warf Isenbrandt trocken ein.

»Fehlt mir nur noch die Kenntnis der Stätten, an denen sich alles abspielen wird ... Aber by Jove, es ist wirklich kaum noch was zu sehen. Hol der Teufel die Mückenbrut!«

Wieder griff Isenbrandt nach einem Schalter und sprach von seinem Platz aus leichthin ein paar Worte. Fast im gleichen Moment hob sich das Schiff leicht von den Fluten ab. Während das Wasser noch von seinem Kiel tropfte, reckte es zwei weite Schwingen aus und strich wie ein gewaltiger Nachtvogel über die Seefläche. Schnell verjagte der frische Fahrwind die unwillkommenen Gäste. In freiem Ausblick konnte Wellington Fox den See und seine südlichen Ufer überschauen.

»Ein wunderbares Bild, Georg. Wir sehen es heut das letztemal. Ich kann begreifen, daß du den Flug hierher schon öfters zu deiner Erholung gemacht hast. Die dunkelnden Fluten mit den rosigen Lichtern der Abendsonne. Im Osten die unabsehbaren Rohrhorste. Ein Bild, das jedes Malerauge entzücken muß. Dazu die wohltätige Ruhe einer unberührten Natur. Wie schade, daß das alles verschwinden muß! Schon morgen werden es ewige Nebel und Dämpfe verhüllen ... Doch eins, Georg. Die Frage brennt mir schon seit langem auf dem Herzen. Was ich bei unserer letzten Fahrt in der Steppe erlebte ... Was ich in Peking sah ... ist danach das alles hier noch notwendig?«

»Ich habe dich einen tiefen Blick in meine Karten tun lassen, alter Fox, weil ich deine Verschwiegenheit kenne ... Deine Frage ist an sich berechtigt. Doch andere Gründe spielen mit, bewegen mich, das geschehen zu lassen, was morgen geschieht.«

Während Georg Isenbrandt sprach, schien alle Abspannung von ihm zu weichen. Er erhob sich und schritt in der Kabine hin und her.

»Das Programm für den morgigen Tag wurde früher erdacht als das, was du gesehen. Das Programm aufzugeben, wäre in doppelter Hinsicht verkehrt. So gut kommt die Gelegenheit nie wieder, die Augen des Mutterlandes Europa auf uns zu richten, die wir hier im fernen Osten als Pioniere der weißen Rasse kämpfen. Hier werden seine Vertreter mit eigenen Augen sehen, wie groß das Werk ist, welche Bedeutung es für Europa hat. Gerade hier sollen die Herren Diplomaten sehen, wie wichtig die Ilifrage für uns ist. Und dann ... die Gelben ... mein letzter Trumpf muß bis zum letzten in meiner Hand bleiben. Ist der einmal ausgespielt, dann mag auch der See sein altes Aussehen wiedergewinnen!«

Während Georg Isenbrandt sprach, ging das Schiff wieder bis auf den Seespiegel hinab. In langsamer Fahrt näherte es sich einem gewaltigen, bojenartigen Körper, dessen massiger Rumpf sich silbergrau von den Fluten abhob.

Unheimlich, fremdartig und drohend wirkte der riesige Metallkörper an dieser Stelle. Wellington Fox sprach zuerst.

»Also hier schwimmt der Mörder des Sees.« Schon hatte er den photographischen Apparat gerichtet. Eine Leuchtkugel entschwebte seiner Hand, stieg empor und badete die Landschaft für den tausendsten Teil einer Sekunde in einer Überfülle ultravioletten Lichtes.

»Auch eskamotiert, mein lieber Georg! Nun weiter, zu der Strandkanzel hin, von der sie morgen die Leichenreden halten werden.«

Georg Isenbrandt lachte. »Deine amerikanische Presse wird hier besser von dir bedient als damals in Peking. Übrigens, unter den amerikanischen Gästen ist auch Mr. Francis Garvin.«

»Nebst Tochter!«

»Ah, du weißt schon, schlauer Fuchs?«

»Verabredetermaßen.«

»Mit ihm oder der Tochter?«

»Wo denkst du hin. Der Alte verhält sich dauernd ablehnend. Vielleicht werde ich hier einen Speech mit ihm haben, durch den die Sache endlich eine andere Wendung bekommt.«

»Gehört er nicht dem Weißen Orden an?«

»Leider nein! Sonst würde er jetzt schon anders von mir denken. Sein allzu reger Geschäftssinn läßt ihm keine Zeit für Ideale. Sonst wären seine Siedlungen an der Sierra Nevada nicht zum Teil in schwärze Hände geraten.«

»Armer Fox!«

»Keine Ursache dazu. Keine Bange um mich, Georg! Mit dem Alten werde ich fertig. Aber du? Hast du Nachricht von Ahmed über Maria?«

Die Züge Isenbrandts verfinsterten sich. Schweigend schüttelte er den Kopf.

»Mut, Georg! Übermorgen sind die Sachen hier zu Ende. Dann gehe selber für dich suchen.«

* * *

Am steilen, schilffreien Südufer des Sees erhob sich, von mächtigen, blumengeschmückten Tribünen umflankt, die Kanzel für den Festtag. Die Flaggen aller europäischen Staaten und die Embleme der E. S. C. zierten den hochragenden Balkenbau.

Wie einst um den Turm von Babel, so wogten auch hier alle Völker und Sprachen der Erde durcheinander.

Ein Chaos von Farben! Bunt waren die Trachten, bunt die Gesichter. Heiter der Himmel und heiter die Mienen.

Den größten Teil der Besucher stellten die Siedler aus den Kolonien der E. S. C. Zu Tausenden umbrandeten sie die Tribüne.

Weiter zurück Massen der alten Herren des Landes, der Kirgisen. Die Neugier trieb sie wohl hierher, doch ihre finsteren Gesichter verrieten, daß sie wenig Freude an dieser Feier hatten. Wer näher hinschaute, der hätte wohl aus ihren Blicken wenig Gutes für die Zukunft der Siedlungen und der Siedler herauslesen können.

Um die elfte Stunde bestieg der Präsident der E. S. C. die Kanzel. Zehntausende lauschten aufmerksam seiner Rede.

In kurzen, knappen Worten schilderte er die Arbeiten der Gesellschaft von ihren Anfängen am Aralsee bis zur Mauer des Thian-Schan. Er sprach auch von den vielen Schwierigkeiten, die Himmel und Erde, Wasser und Luft, Zeiten und Winde und nicht zuletzt die Menschen selbst dem Werke bereitet hätten. Er betonte den friedlichen Zweck der Arbeiten. Wie sie bestimmt seien, allen, auch den früheren Bewohnern dieser ehemaligen Wüsten, nur Nutzen zu bringen.

Doch gar mancher Kopf unter den Zuhörern wandte sich der Diplomatentribüne zu, auf der die Vertretungen der asiatischen Nationen ihren Platz hatten, als er fortfuhr:

»Wenn dies Ziel heute noch nicht voll erreicht ist, so bedauern wir das. Unverstand und Mißtrauen haben in Verkennung unserer Absichten manchmal die friedliche Entwicklung unserer Arbeiten gestört. Und« – hier wandte er sich zu den Vertretern der Kolonien – »und oft werden eure Augen mit Bangen nach Sonnenausgang geblickt haben. Heut kann ich euch sagen, daß die Mutter, die euch aus ihren Armen entlassen hat, stets hilfsbereit hinter euch steht. Wie einst das alte Rom hinter seinen Kindern, die als ver sacrum in die Fremde zogen ...«

Seine weiteren Sätze gingen unter in dem tosenden Jubel und den brausenden Beifallstürmen, die bei diesen Worten in allen Sprachen Europas aus den Kehlen der Kolonisten drangen.

Der Beifallssturm mochte dem Redner wohl etwas überraschend kommen. Um die Spitze, die unverkennbar darin enthalten war, abzubrechen, schritt er zum Taster, der die Funkenstation auf der Tribüne betätigte.

Ein kurzer Druck seiner Hand auf die Tasten ... ein Rad begann sich schnurrend zu drehen. Auf Ätherwellen flog die Sprengdepesche über den See hin.

Von Menschen verlassen, unbemannt, lag dort die Riesenboje. Aber in ihre Antenne fingen sich die Zeichen der Depesche. Exakt arbeiteten ihre Relaiswerke und begannen ihrerseits zu schalten und zu wirken.

Noch tobte der Jubel der großen Masse. Schon aber richteten die Tribünenbesucher, welche die Bewegung des Präsidenten aus nächster Nähe gesehen und richtig gedeutet hatten, ihre Gläser auf die weite Seefläche.

Jetzt sah es auch die Menge. Rufe des Staunens, der Überraschung in allen Sprachen. Ist's schon so weit? Geht es schon los? Wird schon gesalzen?

Im Nu war der Platz um die Tribünen geleert. Ein Teil der Massen strömte so nah wie möglich an das Seeufer heran. Der andere größere eilte die Höhen empor, die den See hier umsäumten. Auf Felsen und Hängen suchten sie die besten Plätze, um soviel wie möglich von diesem bisher nie erschauten Schauspiel zu erhaschen. Viele Tausende von scharfen Gläsern waren auf die Seefläche gerichtet. In allen Sprachen Europas und Asiens schrien sie einander zu, was jeder da draußen zu sehen meinte.

Die Riesenboje, eben noch durch scharfe Gläser deutlich sichtbar, war verschwunden, spurlos in die Tiefe versunken.

Aber rot leuchtete es aus dieser Tiefe. Einen glühenden Rachen glaubten viele dort unten zu sehen, dem gräßliche Strudel entwichen.

Dann kam die Wirkung.

Unter Donnern und Krachen stieg aus dem See ein riesiger Geiser in die Höhe. Aber ein Geiser, dessen Wasser nicht wieder in die Tiefe zurückfielen, sondern frei in der Luft kochten und zu Dampf versprühten.

Schon wurde aus dem Geiser ein anderes Gebilde, das an den Ausbruch eines Vulkans erinnerte. Wie eine gigantische Dampfpinie stand es auf der Seefläche, ein enormer Stamm, dessen Äste sich in Wolkenform ausbreiteten, als Wolken den bisher stahlblauen Himmel zu bedecken begannen.

Und wie sich das Wellenspiel um einen in das Wasser fallenden Stein nach allen Seiten ausbreitet, so begann die Wirkung dieser kochenden, siedenden Masse nach allen Seiten hin über das Wasser zu wandern. Immer breiter, immer massiger wurde der Dampfstamm, der diesen Dampfbaum trug. Schon stiegen leichte Wolken auch in der Nähe des Gestades vom Spiegel auf. Die Massen, die das Ufer umsäumten, drängten sich begierig vor. Tausende von Händen tauchten in die Wellen ... prüften, fühlten ... stellten fest, daß das Seewasser auch hier am Gestade schon warm wurde.

Jetzt bedeckten die wolkigen Äste des gigantischen Dampfbaumes bereits den halben Himmel. Die Massen am Gestade sahen, wie die Fische des Sees, von der Hitze getrieben, an die Oberfläche kamen. Welse von unerhörten Abmessungen, die erst die Kraft des Dynotherms aus ihren dunklen Schlammlagern emporscheuchte, Hechte und Karpfen, was alles der See an Fischen und an anderem Getier barg, suchte sich in verzweifelter Flucht zu retten, sprang und kroch sinnlos vor Angst an die Gestade, soweit die Leiber nicht schon tot und gesotten auf der Oberfläche trieben.

Und dann ... beinahe so pünktlich, als ob es auch auf dem Programm gestanden hätte, begann ein frischer Südostwind zu wehen. In immer schärferem Zuge jagten die Luftmengen über den See. Sie packten den phantastischen Dampfbaum und zerbrachen seinen Stamm. Sie ergriffen seine Zweige, breiteten sie weiter aus und trugen sie als schwere, regenschwangere, fruchtbringende Wolken in nordwestlicher Richtung von dannen, wo das durstende junge Siedlungsland seit Wochen sehnsüchtig auf das kostbare Naß wartete.

Jetzt war die ganze Seefläche nur noch eine einzige gleichmäßige Dampfquelle, und wie der Dampf emporstieg, ergriffen ihn günstige und bereitwillige Winde, um ihn einem gewollten Ziele zuzuführen.

Schon lenkten die taktmäßigen Klänge militärischer Märsche die Aufmerksamkeit der Massen nach einer anderen Richtung. Auf einer großen, freien Fläche am Südufer des Sees begann die Parade der Kompagnietruppen.

Alles, was auch nur irgendwo innerhalb der weiten Siedlungsgebiete von Streitkräften der Kompagnie entbehrlich war, hatten die großen Transportflieger hierhin zusammengebracht. Diese Parade war nicht nur als unterhaltsames Schauspiel für die Gäste der Feier gedacht. Sie sollte denen, die es anging, auch zeigen, daß die E. S. C. über schlagkräftige Mittel verfügte, um das Ihre zu wahren.

War auch die Zahl dieser Truppen nicht imponierend groß, so mußte doch jedes militärisch geschulte Auge sehen, daß das Menschenmaterial und die Ausrüstung von einer bisher nie erschauten Güte waren.

Die Fußtruppen eröffneten die Parade. Ihre Ausrüstung war gleichmäßig für die Ebene und die Hochalpen geeignet. Wie die Regimenter hier im Gleichschritt vor den Tribünen mit den diplomatischen Vertretern Europas und Asiens vorüberzogen, mochten sie wohl äußerlich an die Infanterie vergangener Zeiten erinnern. Doch wie der jetzige Kommandierende General Bülow dem Präsidenten der Kompagnie die einzelnen Bataillone meldete, so hätte man hundert Jahre früher noch ganze Korps melden müssen. Denn im Ernstfalle verwandelte sich jeder einzelne dieser ausgesuchten Leute in eine Kampfmaschine, von deren Furchtbarkeit sich nur wenige ein Bild machen konnten. Ein Heer des vorigen Jahrhunderts hätte diesen Truppen etwa gegenübergestanden wie ein Haufe nackter Kannibalen einer kleinen Maschinengewehrtruppe.

Die Artillerie, die nun folgte, zeigte auch äußerlich die große Veränderung gegenüber vergangenen Zeiten. Die Rohre mit ihren Lafetten wurden hier von kleinen Dynothermtraktoren gezogen. Aber es hätte nur eines kurzen Kommandos und einiger weniger exakter Griffe der Bedienungsmannschaften benötigt, und jede dieser unscheinbaren Zugmaschinen reckte Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte, ihr Geschütz unter sich, wie wohl ein Adler ein Zicklein in den Fängen davonträgt.

Es gab weder in der Ebene noch in den Hochalpen eine Stellung, die nicht schnellstens von dieser Artillerie besetzt werden konnte. Eigentliche technische Truppen hatte die Kompagnie nicht. Jeder ihrer Soldaten war in allen Sätteln der Kriegstechnik gerecht.

Während die Regimenter und Batterien vorüberzogen, die Musikkapellen ihre Märsche schmetterten, lagen die Schiffe der Luftflotte, die sie gebracht hatten, in weitem achtunggebietenden Bogen auf dem anschließenden Blachfeld. Als der letzte Mann der Truppenparade vorübergezogen war, ging ein Ruck durch die Flotte. Wie eine Schar von Krähen erhoben sich alle Flugschiffe mit einem gleichzeitigen Schwung vom Boden und zogen zunächst in geschlossenen Reihen über das Paradefeld.

Auf ein neues Kommando teilte sich der Schwarm in zwei Parteien, die sich voneinander entfernten. In rasendem Fluge schossen sie dann wieder gegeneinander. So unvermeidlich schien der Zusammenstoß, daß manchem der Zuschauer der Herzschlag stockte. Doch im letzten Moment wichen die schwergepanzerten Luftkreuzer elegant und sicher dem Zusammenstoß aus und eröffneten gleichzeitig aus allen Rohren ein rollendes Schnellfeuer aufeinander.

Während noch das Scheingefecht in der Luft tobte, hatten die Truppen in einer eigentümlichen, schachbrettartigen Ausstellung das Paradefeld besetzt.

Ein neues Manöver! Die Luftflotte ordnete sich in neuen Formationen, ähnlich der Truppenaufstellung auf dem Felde. Ein neues Kommando, und die Schiffe gingen senkrecht nach unten. Schon stand neben jedem Truppenkörper ein Schiff.

Wieder Kommandos! Im Augenblick waren die Truppen in den Kreuzern verschwunden. Schon erhob sich der Schwarm wieder und trug die Streitkräfte der Kompagnie in schnellem Fluge nach ihren verschiedenen Stationen innerhalb der weit ausgedehnten Siedlungsgebiete zurück.

In das kräftige Beifallsklatschen, das den gelungenen Manövern folgte, stimmte auch Wellington Fox lebhaft ein. Mit den anderen Pressevertretern hatte er neben dem Adjutanten Lowdale, der für diese Herren den Cicerone machte, das Schauspiel von bevorzugter Stelle aus mit angesehen.

Seine Kollegen stürzten jetzt schnellstens nach den Telegraphenkojen. Wellington Fox, der à conto seiner guten Beziehungen alles soeben Gesehene schon längst als geschehen berichtet hatte, blieb ruhig bei dem Adjutanten.

»Ich muß gestehen, Herr Hauptmann, das, was ich hier gesehen habe, bleibt um keinen Schritt hinter den fulminanten Schilderungen in meinen Telegrammen zurück. Jetzt wäre nur noch zu untersuchen, ob auch der Kranz von schönen Damen, den ich unter den Gästen erwähnte, in Wirklichkeit vorhanden ist. Nehmen wir auch hier die Parade ab.«

Er richtete sein Perspektiv auf die Tribünen, und lächelnd folgte ihm Lowdale.

»Ah! Hier! ... Da habe ich zweifellos nicht gelogen ...«

Er zog aus seiner Tasche ein Tüchlein und ließ es winken.

»Was sagen Sie dazu, Herr Adjutant?«

»Oh, eine Dame Ihrer Bekanntschaft ... Oh, selbstverständlich, eine selten schöne Blume in Ihrem Kranz.«

Im gleichen Augenblick durchfuhr Wellington Fox ein kalter Schreck. Hinter Helen Garvin, der alle seine Betrachtungen galten, war eine Dame aufgestanden, die er bisher nicht sehen konnte ... Florence Dewey.

Langsam ließ er das Glas von seinen Augen sinken und schaute verstohlen nach seinem Begleiter. Mit abgewandtem Gesicht, tiefatmend stand Averil Lowdale da. Fox suchte nach Worten ... Was sagen? ... Was tun? Stumm sah er den Kampf der Gefühle, der in jenem tobte.

Da ... Averil Lowdale drehte sich um und wandte sich mit einem leichten Lächeln zu Fox. Der Kampf war vorüber. Mit bewundernswerter Kraft hatte er die Gewalt über sein Mienenspiel zurückgewonnen.

»Nach der Stichprobe zu urteilen, Mr. Fox, trifft Ihr Bericht auch in dieser Beziehung zu.«

Wellington Fox wußte nichts anderes zu tun: Er ergriff die Hand des Adjutanten und drückte sie stark.

»Ihr Dienst ruft Sie jetzt zu anderer Stelle. Ich hoffe, wir haben uns nicht das letztemal gesehen. Meinen herzlichsten Dank für Ihre besonderen Bemühungen um mich. Wenn die Chikago-Preß bei dieser Gelegenheit in der schnellen Berichterstattung den Vogel abschießt, so dankt sie das Ihnen.«

Mit federnden Schritten, den eben gehörten Kompagniemarsch pfeifend, ging Wellington Fox der Tribüne zu, während Averil Lowdale die entgegengesetzte Richtung einschlug.

* * *

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