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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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V. Die Plakate

Meo hatte keinen Freund und keinen Pfennig Geld, und dennoch war er der allerglücklichste Mensch. Sein alter Brotherr Silivergo hatte ihm kurzweg geantwortet: »Sie sind ein undankbarer Mensch; Undankbarkeit ist das schlimmste Laster; in der guten alten Zeit bestraften es die Ägypter mit dem Tode. Ich hoffe, daß Sie eines Tages mich brauchen werden, und freue mich schon darauf, Ihnen dann die Thüre vor der Nase zuzuschlagen. Sollten Sie jemals das Bedürfnis oder die Lust empfinden wieder zu arbeiten, dann suchen Sie wo anders als an meiner Thür. Bei dieser Gelegenheit habe ich das Gelübde gethan, nie wieder jemanden Wohlthaten zu erweisen. Ich werde keinem Unglücklichen mehr helfen, so sehr er es auch zu verdienen scheint; und daran sind Sie allein schuld.«

Selbigen Tages war die stolze Aurelia, eine Römerin von Geburt, in einer Droschke in der Katharinenstraße angefahren. Wie eine Lawine stürzte sie sich auf Nummer 4, aber ihr früherer Freund war nicht zu Hause und sie hatte nicht den Trost, ihm die Augen auszukratzen. Nun schoß sie in das Pförtnerzimmer und erzählte ihren Kummer dem Portier und seiner Frau, die sie zum erstenmal sah; die guten Leute mußten ihr Mittagessen unterbrechen, um ihre Beschwerden anzuhören. Sie warf sich in einen Stuhl mit ganz italienischer Vertraulichkeit, nannte den Portier: »lieber Freund« und seine Frau: »meine Liebe;« hin und wieder duzte sie sie auch. Sie zeigte ihnen ihr zerrissenes Herz, ihr verödetes Leben, ihre vernichtete Hoffnung, ihre erloschene Sonne. Und während sie so jammerte, suchte sie in der Salatschüssel die schönsten Cichorienblätter und nahm sie mit den Fingern heraus, ohne ihre Pagodenärmel aufzuheben. Beim Anblick eines so tiefen Schmerzes und eines so unfranzösischen Benehmens mußten die beiden Alten zugleich lachen und weinen. Aurelia nahm keinen Anstand, sie als Gesandte bei Meo zu bevollmächtigen; sie trug ihnen auf, ihm zu sagen, jetzt wäre nun alles vorbei, auch die Freundschaft; sie habe kein Verlangen, seine Vertraute zu spielen, und sollte er wagen, sich vor ihr blicken zu lassen, so würde sie ihm die Augen auskratzen. Sie wies ihnen sogar ein großes Küchenmesser, das sie für diesen Zweck gekauft hatte; denn sie nahm ihre Worte buchstäblich und wußte nichts von den Feinheiten der französischen Sprache.

Drei Wochen später schrieb der Pylades unseres Meo aus Bologna folgenden Brief:

»Mein teurer und sehr geehrter Freund!

Es ist gewiß wahr, daß die Liebe uns über alles andere tröstet; diese süße Erfahrung mache ich täglich. Vergebens bemüht sich das grausame Schicksal mich zu verfolgen; die Zuneigung meiner kleinen Marquise versüßt mir das Leben mehr, als daß leidige Geschäfte es mir verbittern könnten. Die beiden letzten Ernten waren so schlecht, daß meine Pächter Geld von mir leihen wollen, anstatt mir etwas zu bringen. Mein Familienprozeß schleppt sich noch immer in der dritten Instanz hin. Ich habe elf günstige Bescheide erhalten und unsere Gegner haben nur zehn dagegen. Wenn ihre Appellation nicht schließlich von der RotaDem obersten Gerichtshofe im päpstlichen Rom. angenommen wird, so habe ich gewonnen, vorausgesetzt, daß die päpstliche Geheimkanzlei das Urteil nicht umstürzt. Die einundzwanzig Bescheide der Rota, die teils für, teils gegen uns ausfielen, haben mich jede tausend Scudi gekostet; der Prozeß wird mich also auf 112 850 Franken zu stehen kommen, wenn ich gewinne; verliere ich ihn aber, so sind wir ruiniert. Doch was macht Reichtum oder Armut aus für ein wahrhaft glückliches Herz? Seit fünfzehn Jahren hat kein Wölkchen den heiteren Himmel unseres Liebesglücks getrübt. Die Eifersucht des Marquis sucht vergebens täglich unsere Pläne zu durchkreuzen; wir finden die Mittel uns alle Tage öffentlich und oft auch insgeheim zu sehen. Dieser Mann würde die arme Hersilia an seinen Krankenstuhl schmieden, wenn er es könnte; du weißt, er hat ihr nie die Zügel locker gelassen. Seine Krüppelhaftigkeit dient ihm als Vorwand, sie im Hause festzuhalten; das traurigste ist, daß man das Ende der Krankheit nicht absieht; wir können alle vor ihm begraben werden. Hersilia pflegt ihn mit heroischer Hingebung! Wie viele Frauen würden an ihrer Stelle eher mithelfen, ein Ende zu machen! Ich habe immer Zutritt zu dem Hause, obgleich der Hausherr im stillen auf mich erbost ist. Es kommt oft vor, daß in seinem Beisein, dicht neben seinem Lehnsessel Hersilia durch einen Blick, einen Händedruck mich mit Glück sättigt für den ganzen Tag. In dem heimlichen Kriegszustande, in dem ich mich auf seinem Gebiete befinde, habe ich auf meiner Seite Hersilia, seine Leute und die ganze Stadt; während sein einziger Verbündeter sein großer Lümmel von Sohn ist, dessen wir uns, will's Gott, durch eine passende Heirat bald entledigen werden. Also trotz allem Verdruß, allem Ungemach, aller Eifersucht bin ich wie im Himmel; denn es vergeht mir keine Minute ohne das Gefühl, daß ich liebe und geliebt werde. Liebster Meo! Du warst ja früher unser Vertrauter, in der ersten Zeit unseres Glückes. Warum kann ich dich nicht hier haben, um mit dir meine Leiden und Freuden zu teilen! Hersilia wird mir von Tag zu Tage lieber. Weißt du noch, wie reizend sie war auf dem Balle bei Marchetti 1842? Heute, wo die Zeit ihre Schönheit voll ausgereift hat, ist sie wahrhaft göttlich. Welche süße Harmonie vereint unsere Seelen! Wir verstehen uns ohne jedes Wort, als ob die Natur jedem die Hälfte desselben Herzens zugeteilt hätte. Ich frage nochmals: warum bist du nicht hier? Ich möchte dir so gern von ihr erzählen, dir mündlich das ganze Glück schildern, wozu die Feder zu schwach ist! Aber freilich, der Mensch kann dem Schicksal nicht gebieten. Indessen vergiß nicht, daß ich, wie fern ich auch sei, dein zweites Ich bin, und verfüge unbeschrankt über deinen Freund und sein ganzes disponibles Vermögen.

Ch. Marsoni.«      

»Nachschrift. Ich vergaß, dir von deinem bißchen Gelde Nachricht zu geben. Ich habe es zu sechs Prozent angelegt, auf erste Hypothek, wie du wünschtest. Du wirst es erheben können, nebst den kapitalisierten Zinsen, am 1. Januar 1862.«

Nach diesem Schreiben brauchte Meo keinen weiteren Antrieb, um zum Verkaufe seiner Ahnenbilder zu schreiten. Seine kleinen Ersparnisse waren erschöpft; sein Mobiliar, längst auf das Allernotwendigste beschränkt, hätte kaum einen Monat lang für seinen Unterhalt gereicht; von seinen Schmucksachen aber konnte er sich nicht trennen, sie bildeten einen Teil seiner Person. Meo ohne diese Zierden wäre eben nicht mehr Meo gewesen; lassen wir ihm also dieses kindliche Vergnügen! So blieb denn nur die Sammlung von Familienbildern, die er heimlich aus dem Lande geschafft und mit nach Paris gebracht hatte. Er wußte nicht genau, was sie etwa wert sein konnten, aber er wußte, daß sich darunter die Namen von den größten Meistern der Bologneser Schule befanden, von Oderigi an, dem Zeitgenossen Dantes, bis auf Lorenzo Pasinelli, den letzten Sproß dieser langen Dynastie. Man sah dort unter andern Seltenheiten einen Francia (das Louvre besitzt keinen) und ein Frauenbild von Albani gemalt um 1600, als der Künstler schon große Kirchenbilder malte. Die drei Caracci, Domenichine und Guercino, der Schwarzsudler, lebten dort friedlich zusammen mit Guido, dem Rosenfingrigen. Ich sehe ab von zwanzig oder dreißig mittelmäßigen, schlechten oder albernen Stücken, wie man sie in allen Porträtsammlungen findet. Meo hielt nun eine fröhliche Musterung über die heilige Schar seiner Ahnen, so wie ein Hirt aus seiner Herde die Tiere ausmustert, die er verkaufen will. Die ältesten und die neuesten Bildnisse behielt er zurück; jene, weil sie das hohe Alter seiner Familie darthaten, diese weil sie ihn an bekannte und geliebte Verwandte erinnerten. Fünf oder sechs andere zog er zurück, weil sie die berühmtesten Persönlichkeiten aus dem Hause Miranda darstellten, oder solche, die ihm am meisten zusagten. So wurden der General Augusto Narni, der 1525 bei Pavia gefallen war, und die schöne Olympia, die lieber Gift nehmen als einen Bentivoglio heiraten wollte, von dem Verkaufe ausgeschlossen. Alles übrige wanderte direkt nach Batignolles in den Dachraum eines Mailänder Trödlers, der alte Gemälde verkaufte und auch anfertigte. Meo kannte ihn ein wenig, und jener kannte die Galerie Miranda sehr genau. Als der junge Mann ihm seinen Entschluß mitteilte, sprach der alte Fälscher: »Sie können mit Ihren Gemälden fünfzigtausend Franken machen oder nur fünfhundert, jenachdem! Sollen wir die ganze Sammlung ins Auktionshaus bringen, ohne etwas davon auszunehmen, auch nicht das Bildnis des Grafen, Ihres Herrn Vaters? Dann machen wir ein Plakat auf rotem Papier: Verkauf der Galerie Miranda, die ganze Familie enthaltend. Ihre Sammlung ist hinreichend bekannt; die Liebhaber werden sich einstellen und es giebt Geld zu verdienen. Aber was Sie mir da bringen, ist weder vollständig noch beglaubigt. Die Handzeichen von Malern beweisen außerhalb einer berühmten Galerie gar nichts; ich zeichne alle acht Tage ein Gemälde mit Meisternamen.«

»Aber meine Gemälde sind doch schön!« entgegnete Meo.

»Ich will das nicht bestreiten, aber Sie werden nichts dafür bekommen, wenn Sie mir nicht folgen. Für Liebhaber, welche kaufen, giebt es keine schönen Gemälde; es giebt für sie nur berühmte Galerien. Ihr Francia, der in der Sammlung zehntausend Franken wert ist, gilt in der Auslage nicht mehr als hundertundfünfzig.«

Meo war zu stolz, um die Familie Miranda an den Straßenecken auszubieten, und der Händler wußte das recht gut. Das Zartgefühl des armen Burschen und seine Unerfahrenheit in Geschäften lieferte ihn dem Mailänder ganz in die Hände. Er erzählte ihm unklugerweise, er sei verliebt, unfähig zu arbeiten und von allen Mitteln entblößt; für den Augenblick genügte ihm ein Stück Brot; die Zukunft stellte er dem Zufall anheim, ohne recht zu wissen, aus welcher Wolke das Glück auf ihn herabsteigen würde; trotzdem wollte er um keinen Preis seine Familie in öffentlicher Auktion ausbieten. Er feilschte schüchterner, als ein Silberdieb in der Bude eines Hehlers und bekam zweitausend Franken für einen Schatz, der zwanzigmal mehr wert war. Ein gewisser Trieb der Selbsterhaltung gab ihm den Gedanken ein, sich das Recht des Rückkaufs vorzubehalten, wie er auch bei Abtretung seines Namens gethan hatte; der Trödler gab sich willig dazu her, da er wohl wußte, daß er es mit einem Manne ohne Aussichten zu thun hatte. Es wurde also bestimmt und schriftlich aufgesetzt, daß Herr Bartolomeo Narni, vormals Graf von Miranda, seine Ahnen binnen einer Frist von zwei Jahren gegen Auszahlung von fünftausend Scudi zurückfordern könne. Wie es nun auch kommen mochte, der Käufer hatte sein Geld sicherlich gut angelegt.

Für einen jungen Thoren, der ganz in den Tag hineinlebte, waren zweitausend Franken bares Geld ein Vermögen, da es ihm ja gestattete ein Jahr lang zu leben ohne einen andern Gedanken, als an seine Liebe. Wir wissen schon, wie er die erste Mußezeit verwandte, die ihm der Verkauf seiner Familie geschaffen hatte. Seiner Emma auf der Straße oder in der Kirche zu begegnen, sie am Fenster sitzen zu sehen, ihr von Zeit zu Zeit einen feurigen Blick zuzuwerfen und dafür einen zärtlichen Liebesblick wieder zu empfangen, das waren die Bestandteile der beschaulichen Seligkeit, womit er sich einstweilen begnügte.

Daß er aber eines schönen Morgens von der Schwärmerei zur That überging, daran war allein Hauptmann Bitterlin schuld. An dem Morgen nach jenem Tage, wo der Hauptmann gedroht hatte Agathe fortzujagen, begegnete Meo den beiden Mädchen auf dem Kirchwege und sah an ihren Augen, daß sie geweint hatten. Seine erste Regung ging dahin, sie ohne weiteres anzureden, und sie schraken natürlicherweise zurück, als hätten sie unversehens den Fuß auf die Schlange des irdischen Paradieses gesetzt. Aber er war zu erregt von ihrem Kummer, um auf ihren Schrecken zu achten, und sagte zu Emma ohne Einleitung und wie in Fortführung des stummen Gesprächs, das er seit einem Monat mit ihr führte: »Mein Engel, mein Abgott, wer ist's denn, der dir Thränen ausgepreßt hat? Soll ich ihn durchbohren? Ich laufe Augenblicks hin!«

Das junge Mädchen, durch die Begegnung und diese plötzliche Anrede bestürzt, in Angst, ihr Vater möchte ihr nachgegangen sein, und von Überraschung und Furcht ganz verwirrt, antwortete, indem sie fast besinnungslos vorwärtsstürzte: »Aber, Herr, Sie sind närrisch! Meinen Vater durchbohren! Denn er ist's ja allein; er wird nie in unsere Heirat willigen. Er verwünscht alle Welt, Sie und mich und Agathe; er droht sie fortzujagen. Sähe er uns zusammen, wir wären alle verloren. In Himmels Namen, Herr, lassen Sie uns gehen!«

Sie verdoppelte ihre Schritte und eilte außer Atem bis zur Kirche, ohne zu merken, daß sie sich unversehens an Meos Arm geklammert hatte. Ihre Verwunderung stieg aufs höchste, als sie sich plötzlich in einer Seitenkapelle zwischen Agathe und dem schönen Fremden sitzen sah.

Die Messe aber, die sie an jenem Tage hörten, wurde im Hauptbuche des Paradieses nicht bei ihrem Guthaben eingeschrieben.

Meo als Italiener fand es ganz in der Ordnung, Herzensangelegenheiten in einem Gotteshause zu verhandeln. Emma war eine weit bessere Christin und gab erst widerstrebend nach. Bald warf sie sich die unziemliche Leichtfertigkeit ihrer Aufführung vor und versenkte sich ins Gebetbuch und betete mit so fieberhafter Andacht, daß sie nur noch das Gemurmel ihrer Lippen hörte; bald gab sie sich dem Vergnügen hin, die poetische, erregte und fast wahnsinnige Sprache Meos anzuhören. Eine reifere und gesetztere Frau hätte vielleicht gelacht über diese Flut unzusammenhängender und übertriebener Wendungen, welche der fremde Accent und die willkürliche Grammatik seltsam pikant machten; allein der Liebeswahnsinn, die ansteckendste Krankheit von der Welt, ergriff allmählich ihr stark disponiertes junges Herz. Meo war kein hochbegabter Mensch, wie seine Jugendgeschichte deutlich beweist; er verstand nicht einmal jene silberne Schelle zu läuten, die die Franzosen »Geist« nennen; aber mehr als aller Geist und alle Klugheit der Welt gilt bei neunzehnjährigen Mädchen das Gefühl dieses Liebeswahnsinns. Die bedächtigste und die boshafteste macht sich mehr aus einer dummen Thräne, die einem gutherzigen Manne über die Wange rollt, als aus einer glänzenden, einstudierten Liebeserklärung.

Einem kaltblütigen Zuhörer wären Meos Reden nicht bloß albern, sondern auch strafbar erschienen. Wenn ein Mensch ohne Stellung und ohne Zukunft sich an ein Mädchen macht, das ihr Vater zur Ehelosigkeit verdammt hat, wenn er ihr die Ohren voll sprüht von dem Überschwang seiner Gefühle, ihr schwört, daß er sie wahnsinnig liebe und sterben müsse, wenn sie nicht die seinige werde; dann tadelt ihn die Vernunft, weil er sich leichtsinnig in eine Sackgasse verrennt, und die Moral macht ihm Vorwürfe, weil er ein schwaches Wesen verlockt.

Zur Verteidigung unseres guten Thoren kann man nur sagen, daß er bei seinem Vorgehen weder einen festen Plan noch die Absicht der Verführung hatte, weder Berechnung noch Vorbedacht, weder Ziel noch Plan. Er stürmte blind vorwärts mit der ganzen Heftigkeit einer unbezähmbaren Natur. Die Krähen, welche die Nüsse mit ihren Schnäbeln aufhacken wollen, die Maikäfer, welche mit dem Kopfe gegen die Fensterscheiben stoßen, sind eher denkende und verantwortliche Wesen, als er damals. Die Heftigkeit seines ersten Antriebes hätte ihn zum Verbrechen hinreißen können, ohne daß der Gerichtshof der sieben Weisen sich berechtigt gefühlt hätte ihn zu verurteilen. Wenn er Emma in die Arme genommen hätte, um sie auf den Gipfel eines Berges oder in das sechste Stock eines Hauses zu tragen, so würde der strengste Richter nur das Verdikt einer Entführung aus Unvorsichtigkeit haben fällen können.

Das junge Mädchen hörte diesen Liebesausbruch an, wie jemand, der am Fenster sitzend in der Ferne die Lava eines Vulkans fließen sieht. Sie war erstaunt über einen solchen Strom wahrer Leidenschaft, und obgleich die Frauen den Trieb der Selbstverteidigung besitzen, so fühlte sie sich gar nicht bedroht; durch den ganzen Sturm der Gefühle erglänzte Meos Ehrenhaftigkeit wie ein Leuchtturm.

Agathe hätte mißtrauisch sein müssen, weil sie beschränkt war; aber sie gab sich ebenso blindlings hin wie ihre Herrin. »Ruhig, Töchterchen,« sagte sie Emma ins Ohr, »es ist keine Sünde, freundliche Worte anzuhören; es ist nicht alle Tage Festtag. Ich werde unterdessen für uns beide beten, und der liebe Gott wird dabei nichts verlieren.«

Meo begleitete dann die beiden zurück bis an die Ecke der Vogesenstraße und man dachte nicht mehr an Bitterlins Donnerwetter. Und von nun an verflogen die Wochen, die so lang erschienen waren, in Erwartung des Sonntags ganz rasch. Meo erfand noch ein Mittel sie abzukürzen, indem er eine Art Korrespondenz einrichtete. Es giebt Theaterplakate unter dem Bogengang, der die Verbindung zwischen der Vogesenstraße und dem Königsplatze herstellt. Dahin kam der Italiener alle Morgen zwischen elf und zwölf Uhr, zog einen Bleistift aus der Tasche und unterstrich eine gewisse Zahl gedruckter Buchstaben, die zusammengesetzt Wörter und Sätze ergaben und ein Billet an Emma bildeten. Das ist ein ziemlich schwieriges Geduldsspiel; aber er hatte sich darin geübt in seinen Unglückstagen, indem er mit seinen Freunden in Bologna vermittelst eines alten Zeitungsblattes korrespondierte. Emma ging nun mit ihrem Vater aus und blieb, wie Mädchen thun, vor dem Theateranzeiger stehen; warum hätte der Hauptmann ihr eine so unschuldige Zerstreuung versagen sollen?

Die eine Anzeige begann so:

Theater am Thore St. Martin.
Mittwoch den 24. Mai 1858.
Abendvorstellung: Die berühmte Frau.

Und Emma las zusammen: Emma, meine Liebe und so weiter buchstabierend bis zu Ende!

Vater Bitterlin sah diesen Stillstand an der Straßenecke nicht ungern. Er warf ebenfalls einen Blick auf die Plakate, seinen Adlerblick, und jedesmal verstand er aus der Lektüre eine Nutzanwendung für die Erziehung seiner Emma zu ziehen. Er zeigte ihr, was die Verfasser für abgeschmackte Titel erfinden müssen, um das Publikum ins Theater zu locken; er flößte ihr Abscheu vor dem Schauspiel ein und bewies ihr, daß das französische Volk nichts mehr davon wissen will. »Du bist sehr glücklich,« sagte er, »daß du diese Dummheiten nur vom Plakat kennst. Wie sieht denn das Zeug aus? Der natürliche Sohn! Abscheulich. Die verbotene Frucht! Unmoralisch. Freudiges Erschrecken! Dummheit. Die arme Löwin! Was kann denn dahinter stecken? Lauter Sachen ohne Hand und Fuß und wahrscheinlich Unanständigkeiten. Die armen Schlucker, die so etwas schreiben, müssen dabei Hunger leiden und ihnen geschieht recht. Gehn wir?« Emma hatte ihre Lektüre beendigt und drückte mit der Spitze ihres Sonnenschirms einen Punkt ans Ende des letzten Plakats, und dieses feine Siegel berichtete Meo, daß sein Billet entziffert war. Der Hauptmann würde aus der Haut gefahren sein, wenn er hätte ahnen können, daß ein so wohl bewachtes Mädchen unter seinen Augen mit ihrem Liebhaber korrespondierte!

Gegen Ende des Monats Juni hatte sich Emma so tief in ihre Liebe verstrickt, daß sie nur noch für Meo lebte. Alle ihre Gedanken gingen auf dieses eine Ziel, jeder Herzschlag galt nur ihm allein, der stattliche Italiener war für sie eine Art Abgott geworden. Sie wußte nichts von seiner Geburt, seinem Stande, seinem Vermögen; aber man verehrt ja erst recht das Unbekannte. Wenn Meo zu den richtigen Mädchenjägern gehört hätte, die alles für gute Beute ansehen, so hätte sie ihm ebensowenig Widerstand geleistet, wie die Frauen der Mythologie dem Jupiter. Aber der ehrenhafte Mann dachte ebensowenig daran, sie in seine Arme zu pressen, als man sich einfallen läßt, eine schöne Rose zu zerdrücken oder eine ambraduftende Magnolie zwischen den Fingern zu zerreiben. Und so war diese heimliche und verbotene Liebschaft von idealer Reinheit. Zufall und Sympathie hatten zwei Herzen vermählt; aber es war wie eine jener fürstlichen Verlobungen, welche ehemals die Diplomatie zwischen zwei gekrönten Kindern schloß.

Indessen pflegte die dicke Agathe mit ihrem guten Bauernverstande ihnen wohl zu sagen: »Das alles ist ja gut und schön; aber wo will's denn hinaus? Am Ende müßt ihr doch heiraten, und dazu wird der Herr nie die Einwilligung geben.«

»Warum nicht?« entgegnete Meo, »Er kennt mich nur nicht. Ich hätte Lust mit euch heimzugehen und um seine Einwilligung zu bitten. Es sollte mich doch sehr wundern, wenn er mich abwiese.«

Emma aber schrie laut auf und damit unterblieb die Sache.

Eines Morgens sagte Meo den beiden: »Ich habe einen Vorschlag. Wir gehen zusammen in die Kirche und sprechen einen Priester an; ich sage ihm: dies ist meine Frau! und du fügst bei: und dies ist mein Gatte! Dann wird er wohl oder übel uns seinen Segen geben; so macht man das in Italien.« Emma sagte nicht nein; aber Agathe versicherte, daß solche Ehe in Frankreich nicht gültig sein würde.

Ein andermal bewies Agathe den beiden Liebenden, sie wären reiche Leute. Sie hatte Herrn Bitterlins Einkünfte berechnet. Seine Pension belief sich auf achtzehnhundert Franken; seine Erbschaft trug jährlich zweitausend Franken Zinsen; Emmas Mutter hatte als Mitgift zwölfhundert Franken Rente gehabt, ohne die es dem Hauptmann nicht erlaubt ist zu heiraten; endlich hatte man seit 1848 jährlich zweitausend Franken gespart.

»Was thut das?« sagte Meo. »Geld habe ich nicht nötig.«

»Also haben Sie welches?« entgegnete die Magd.

»Nein; aber ich bedarf keins.«

»Ja, ganz recht,« fiel Emma ein. »Wozu denn auch Geld? Ich habe niemals welches gehabt und doch nie Mangel gelitten.«

Meo machte sich daran, die Gesetze zu studieren; er, der selbst in seinem Lande Gesetze gemacht hatte. Er durchblätterte die 37 Abschnitte des Bürgerlichen Gesetzbuches in einem Lesekabinett. Daraus erfuhr er, daß Emma sich ohne Zustimmung von Vater Bitterlin vermählen könnte, aber erst im Alter von 21 Jahren, nach dreimaliger ehrerbietiger Anfrage. Die Frist kam ihm sehr lang vor, Emma wollte dieselbe Frage studieren und wälzte mit ihren kleinen Händen ihres Vaters Gesetzbuch. Sie fand heraus, daß noch für zwei und ein halbes Jahr ihr Glück vom Vaterwillen abhängig war.

Diese Aussicht gab ihr einen heroischen Entschluß ein. Ohne jemand um Rat zu fragen, bat sie den Herrn ihres Geschickes ernsthaft um Audienz und sprach ganz resolut mit ihrem kleinen Stimmchen: »Lieber Vater, ich habe mich verliebt ...«

»Das ist ja kurios!« brüllte der Hauptmann. »Wer hat dir denn erlaubt ...?«

»Ich habe mich in einen jungen Mann verliebt, den Sie beim ersten Anblick gern haben werden und den ich Ihnen zeigen will, wenn Sie mir versprechen, ihm nichts zuleide zu thun. Seit April begegnen wir uns immer und korrespondieren zusammen. Wir haben uns einander das Wort gegeben; es fehlt nur noch Ihre Einwilligung. Wäre ich nicht eine unterwürfige und ehrerbietige Tochter, so würde ich meine Volljährigkeit erwarten, um ihn auch wider Ihren Willen zu heiraten, ohne andere Mitgift, als die vierundzwanzigtausend Franken meiner Mutter ...«

»Dir hat wohl ein Gerichtsschreiber Unterricht gegeben!«

»Nein, liebes Papachen; ich habe das alles in Ihrem Gesetzbuche gelesen. Aber ich möchte Sie ja nicht kränken und flehe Sie deshalb an, bei Ihrer Güte für mich und bei meiner Zärtlichkeit für Sie, mich recht bald mit meinem Geliebten zu vermählen.«

Der Hauptmann hatte den Grundsatz, daß man Kinder bei der sanften Seite fassen muß, und er tadelte streng die Gewohnheit thätlicher Zurechtweisungen; aber diesmal war sein Zorn stärker als die Theorie. Das arme Mädchen erhielt ein Paar Ohrfeigen, die den Backen eines Packträgers nicht schlecht gestanden hätten. Kurz darauf flog Agathe die Treppe hinunter, ohne die Stufen zu berühren. Bitterlin vermeinte, ihn sollte der Schlag rühren, und vielleicht hätte er den Weg in die andre Welt angetreten, wenn er nicht fürchtete, damit ein Paar glücklich zu machen.

Agathe trat bei Meo in Dienst, um die ihm gebliebenen Gemälde abzustauben und ihm Nachrichten von Emma zu verschaffen. Ihre Flucht war so überstürzt gewesen, daß sie in ihrem Bündel Halskrägen, Manschetten und allerlei Kleinigkeiten vorfand, die ihrer jungen Herrin gehörten. Diese wollte sie hintragen auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen, aber der Italiener belegte sie mit Beschlag, wie die frömmsten Leute Reliquien stehlen. Er eignete sich sogar einen Schlüssel zu Bitterlins Wohnung an, der so groß wie zu einem Gefängnis war, und trug ihn nebst dem übrigen auf seinem Herzen.

Nicht ohne Grund vergleichen die Pariser das Sumpfviertel einer kleinen Stadt für sich. Das ganze Viertel wiederhallte von Bitterlins Zornesausbruch. Die guten Seelen erzählten, der Hauptmann hätte seine Tochter halbtot geschlagen und die Magd zum Fenster hinausgeworfen. Man bestand darauf, die arme Agathe hätte auf dem Pflaster ein Bein gebrochen, und die Leute, die sie hatten hinkend abziehen sehen, waren bereit, das vor Gericht auszusagen. Jedermann ohne Unterschied hatte Mitleid mit Emmas Schicksal, weil sie so hübsch war. Dagegen hatte das Gesicht des Hauptmanns bei den Nachbarn immer wenig Sympathie geweckt, und mehr als eine Mutter sagte zu ihren Kindern: »wenn ihr nicht artig seid, hole ich den Hauptmann Bitterlin.« Keine Haushälterin und keine Magd wollte an Agathens Stelle treten und sich demselben Schicksal aussetzen; die Portiersleute sogar verweigerten beinahe den Dienst und besorgten ihm die Betten nur widerstrebend. Ein kleiner Gastwirt auf dem Königsplatze entschloß sich, die Produkte seiner Küche in diese übel berüchtigte Höhle zu senden, aber der Bursche, der das Essen in einem verdeckten Korbe brachte, betrachtete den Hauptmann, wie das Volk den Scharfrichter ansieht.

Vierzehn Tage verstrichen, ohne daß jemand dem Vater Bitterlin mit seiner Tochter begegnete. Alle Morgen und alle Abende öffneten sich die Fenster des Zimmers, aber man sah nur das hochmütige Gesicht des Hauptmanns. Es ging das Gerücht, das hübsche Mädchen in der Vogesenstraße sei eingesperrt in ein schwarzes Loch und sie würde nur als Leiche wieder herausgetragen werden.

Man kann leicht erraten, daß das Gerede des Volkes Emmas Leiden stark übertrieb. Indessen muß man doch sagen, daß sie weder frei noch glücklich war. Von ihrer einzigen Freundin gewaltsam getrennt und des Anblicks ihres Geliebten beraubt, war sie zwischen vier Wänden einer strengen Buße unterworfen. Ihr Vater konnte ihr nicht verzeihen, daß sie ihn genarrt und genasführt hatte. Dieser von Dünkel geschwollene Mann schlug sich mit der Faust vor den Kopf, wenn er bedachte, daß ein naseweises Jungferchen und eine dumme Bauerndirne alle Vorkehrungen seines Mißtrauens hatten umgehen können. Er wurde rasend, daß ein Mann ein so sorgsam bewachtes Mädchen in sich hatte verliebt machen können, und schloß hieraus, daß seine verstorbene Frau, die hundertmal weniger überwacht war, ihn hatte hundertmal betrügen können. Vielleicht würde er Nachsicht geübt haben, wenn das Kind ein eingehendes Geständnis seiner Sünden abgelegt hätte; aber Emma hatte sich in undurchdringliches Schweigen gehüllt, sobald sie gesehen, wie man ihre Aufrichtigkeit belohnte. Der Hauptmann schwor ihr, sie würde im Arrest verbleiben und die Nase nicht aus dem Fenster stecken, so lange sie nicht ihre Vergehen gebeichtet und ihren Verführer genannt habe. Und sie hinwiederum schwor mit selbstbewußtem Eigensinn, so lange sie eine Gefangene wäre, würde sie auch stumm bleiben.

Siebzehn Tage standen sich die beiden Gegner einander gegenüber und keiner von beiden wich einen Fuß breit zurück. Man wird es kaum glauben, daß ein so zartes und so liebevolles Geschöpf siebzehn Tage und siebzehn Nächte habe hinbringen können, ohne ein Wort zu reden, und zwar im Angesicht des Vaters; aber Emma war eben Bitterlins echte Tochter. Sie wurde leidend, mager, blaß; sie nährte tief im Herzen die liebe und schmerzhafte Flamme, welche sie allmählich aufzehrte; dennoch aber brach sie nicht ein einziges Mal ihr hartnäckiges Schweigen.

Am 15. Juli schloß der Hauptmann seine Tochter doppelt ein und ging in das erste Stockwerk hinab, um seine Miete zu bezahlen. Diese Pflicht erfüllte er alle Vierteljahre, ein Viertel vor 12 Uhr mittags, mit militärischer Pünktlichkeit. Der Hausbesitzer war ein sanfter und schüchterner Bürger, der im Jahre 1848 mehr Trikoloren als Fünffrankenstücke eingepackt hatte. Der vortreffliche Mann achtete in Bitterlin seinen pünktlichsten, aber auch dreistesten Mieter. So oft der Hauptmann sich über die Kammer beklagte oder an den Zimmerdecken etwas auszusetzen hatte, antwortete er ihm mit unwandelbarem Lächeln: »Das soll zu Ihrer Zufriedenheit hergerichtet werden. Daß dich das Mäuschen beißt! Einem so kitzlichen Manne wie Sie schlägt man keine Reparatur ab!« Dieses Mal aber hatte das Lächeln einem sehr ernsten Gesichtszuge den Platz geräumt. Der gute Mann betrachtete seinen Mieter mit zusammengezogenen Brauen und sprach fast mit strengem Tone: »Erlauben Sie mir wohl die Frage, wie sich Fräulein Tochter befindet?«

Der Hauptmann antwortete in einem Tone, der keine Erwiderung gestattete: »Sie befindet sich, wie es mir gefällt.«

Dann nahm er seinen Hut und machte sich still aus dem Staube. Aber der Eigentümer folgte ihm und murmelte einige allgemeine Worte über Mißbrauch der väterlichen Gewalt; über das Ärgernis übertriebener Strenge; über die öffentliche Meinung, die böse Stimmung der anständigen Leute, das mögliche Einschreiten der Behörde, und die ganz kürzlich gefällten Strafurteile gegen zwei Stiefmütter, die Kinder erster Ehe auf die Seite gebracht hatten. Der Hauptmann stellte sich taub, aber er kehrte ganz nachdenklich in seine Wohnung zurück.

Der Pförtner lief ihm auf der Treppe nach und übergab ihm einen anonymen Brief, der im Namen aller Einwohner des Viertels geschrieben war. Der unbekannte Schreiber nannte ihn Vater Blaubart und drang in ihn, seine Tochter am Fenster zu zeigen, wenn er sie nicht erwürgt hätte. Wütend zerriß er das Papier und nahm sich vor, am nächsten Ziele auszuziehen.

Sein Erstaunen war noch nicht zu Ende. Um vier Uhr nachmittags erhielt er den Besuch eines in seinem Viertel bekannten und geschätzten Arztes, der Emma früher einigemal bei leichtem Unwohlsein behandelt und auch Frau Bitterlin in ihrer letzten Krankheit gepflegt hatte.

»Nun,« sagte der Doktor und stellte seinen Stock in die Ecke, »es scheint, meine niedliche Patientin hat mich einmal wieder nötig? Hoffentlich ist ja die Sache nicht so schlimm.«

»Welche Sache?« stotterte Bitterlin, der rot wurde wie ein Paradiesapfel. »Man hat Sie also hergeschickt?«

»Haben Sie denn nicht Ihre Magd gesandt?«

»Ich? Nein! Oder vielmehr doch; aber es ist gar nichts. Ich danke Ihnen, Herr Doktor.«

»Ah, die Kranke ist gesund geworden, ohne ärztliche Erlaubnis! Ja, ja; so machen es die jungen Leute. Und sie ist vielleicht ausgegangen?«

»Ja; das heißt: Nein! Wollen Sie sie sehen? Ich erkläre Ihnen, sie ist nicht eingeschlossen. O, ich bin ja kein Mensch, der ihr verbietet, anständige Leute zu sehen. Wahrhaftig, Sie werden eine große Kur machen, wenn Sie ihr die Zunge lösen.«

»Wollen sehen, Herr Hauptmann. Aber was fehlt denn Ihnen selber? Sie hatten doch früher ein besseres Aussehen. Wenn Sie sich raten lassen, so nehmen Sie dieser Tage einen Aderlaß vor. Es eilt damit gar nicht, keineswegs; aber es ist eine nützliche Vorsicht, wenn man einen etwas kurzen Hals hat.«

Der Hauptmann wollte vor Zorn ersticken. Er hätte den unschuldigen Doktor gern vor die Thür gesetzt, wenn nicht die beiden Winke am Morgen ihm zur Vorsicht und Selbstbeherrschung geraten hätten. Er öffnete also die Thüre zu Emmas Zimmer und sagte ziemlich sanft: »Hier ist das Fräulein, Sie sehen, daß sie nicht gestorben ist.«

Der Arzt war ebensowenig von den Opfern dieses Femgerichts ins Vertrauen gezogen, wie er ein Mitschuldiger des Henkers war. Er kam ganz unbefangen zu Emma, weil die dicke Agathe ihm gemeldet hatte, daß man ihn so schnell als möglich zu sprechen wünsche. Aber alsbald witterte er hier eines jener bürgerlichen Dramen, die sich ohne Zuschauer in Paris in vielen Häusern abspielen. Emma kam ihm seltsam verändert vor, ohne daß der Puls oder die Zunge eine eigentliche Krankheit angezeigt hätte. Er bemerkte, daß Vater und Tochter es vermieden miteinander zu sprechen und sich nur an ihn wendeten. Eine innerliche Gereiztheit trat bei jedem ihrer Worte hervor, und ihre Augen glänzten von ungewöhnlichem Feuer. Die Blicke des Mädchens drückten zu gleicher Zeit Schmerz, Empörung und das Verlangen nach irgend welcher fremden Hilfe aus. Der Arzt hatte eine hohe Auffassung von den Pflichten seines Standes; er meinte, die Ärzte wären nicht bloß zur Bereicherung der Apotheken da. Ohne in die Geheimnisse der Familie Bitterlin eindringen zu wollen, sah er sich in Gedanken um nach den Bestandteilen einer Medizin, welche die moralische Gesundheit des Vaters und der Tochter ausbessern könnte. Emma ward gerührt von seiner Teilnahme und vielleicht hätte sie seine Hilfe angerufen, wenn sie nicht damit zugleich das Geheimnis ihres Herzens hätte preisgeben müssen.

»Fühlen Sie sich schon länger unwohl, liebes Kind?« fragte der Doktor in väterlichem Tone.

»Aber, Herr Doktor, ich versichere Ihnen, sie ist nicht unwohl,« antwortete rasch der Hauptmann.

»Er spricht die Wahrheit, Doktor; ich bin nicht krank. Etwas verstimmt, nichts weiter.«

»Sie fängt Grillen,« fügte Bitterlin bei.

»Man macht mir das Leben nicht immer angenehm.«

»Man ist manchmal nicht sehr artig.«

»Man hütet mich mißtrauisch und hält mich zu Haus.«

»Man hat seine Freiheit mißbraucht.«

»Wenn man einen nicht lieb hat, so kann man ihn immer schuldig finden.«

»Wenn man Liebe verdienen will, muß man sich gut betragen.«

»Es giebt viel ungerechte Leute in der Welt.«

»Es giebt sehr verdorbene Naturen.«

In diesem Tone ging die Besprechung einige Minuten fort. Der Doktor machte dann ein Ende und entließ die Kranke.

»Ja, ja,« sagte er, »das ist lauter Nervosität. Beruhigen Sie sich nur, Fräulein. Sie haben gut gethan, mich zu rufen, Herr Hauptmann. Gehen wir in Ihr Zimmer, da will ich Ihnen eine Medizin diktieren, die das ganze Haus kurieren soll!«

Sobald er mit Bitterlin allein war, sagte er: »Ihrer Tochter fehlt nichts.«

»Ah, sehen Sie? das sagte ich ja.«

»Sachte! ihr fehlt nichts, aber sie kann daran sterben.«

»Ei! keine Späße!«

»Ja, so ist's. Können Sie die Krankheit nennen, woran ihre Mutter gestorben ist? Nein! Gut, ich auch nicht. Frauen sind nicht wie Soldaten, die man totschlagen muß; sie erlöschen manchmal unter unsern Händen, und wir wären in Verlegenheit, wenn wir sagen sollten, woran es liegt. Ihre Tochter ist zart, wie ihre selige Mutter. Ihre Gesundheit erfordert ungemeine Vorsicht.«

»Ei, Doktor, ich schone sie immerfort. Seit vierzehn Tagen haben wir den Fuß nicht aus dem Hause gesetzt.«

»Um so schlimmer. Die Luft ist ein notwendigeres Nahrungsmittel als alles andere. Junge Leute haben sie sehr nötig und Bewegung dazu. Außerdem gehört sich eine gute Portion Erholung, Vergnügen, Heiterkeit. Die Alten glaubten, das Lachen sei notwendig für die Milz; auf jeden Fall kann es nur wohlthätig wirken. Ich kenne Ihre Absichten nicht genügend, um Ihnen ein gewisses heroisches Mittel anzuraten, welches viele meiner Kollegen unverzüglich hier verordnen würden. Sie könnten mir vielleicht antworten, daß jeder Herr in seinem Hause ist. Ich habe auch den Grundsatz, in die Angelegenheiten meiner Kranken nur mit großer Vorsicht mich einzumischen. Wenn das Kind Ja sagt und der Vater Nein, da schweige ich und empfehle mich; das ist nicht mein Geschäft. Aber die Frage der Lebensweise und der Gesundheit gehören in das Gebiet unsrer Kunst. Wir müssen den Familienvätern sagen, daß ein Mädchen von neunzehn Jahren ohne Genuß frischer Luft, ohne Bewegung, Gesellschaft und Fröhlichkeit in Gefahr steht, eines schönen Morgens zu erlöschen wie eine Lampe unter der Glasglocke der Luftpumpe.«

Der Hauptmann rieb sich in sichtlicher Verlegenheit hinter den Ohren.

»Herr Doktor,« entgegnete er, »Sie kennen mich seit langer Zeit, Sie wissen, daß ich kein schlechter Kerl bin. Was habe ich zu thun?«

»Eine Kleinigkeit. Nur begreifen, daß ein so zartes Kind nicht mit dem Stocke regiert werden kann, wie ein preußisches Regiment. Sie besitzen die Mittel, ihr Unterhaltung zu gewähren. Führen Sie sie ins Theater, auf Bälle ...«

»Niemals! niemals!«

»Sie sind also Puritaner; gut. Führen Sie sie bei anständigen Familien ein.«

»Ja, giebt es wirklich solche?«

»Sie sind Menschenfeind, abgemacht. Dann wenigstens führen Sie sie spazieren in der Stadt. Zeigen Sie ihr in Paris die großen Gebäude und Promenaden, die Elysäischen Felder, das Boulogner Gehölz, andre Ausflugsörter!«

»Halt, Doktor! Ich habe Gründe, Sie verstehen schon, schwerwiegende Gründe, diesen Spaziergängen zu mißtrauen; das unglückliche Mädchen ist schon zu viel herumspaziert! Ach, diese Pariser!«

»Sie fürchten sich vor den Parisern? Führen Sie sie also doch in die Provinz, in die Fremde, nach China!«

»Ja, das wäre! eine hübsche Reise, recht weit von hier weg ... Halt; wenn ich reich wäre, ich reiste noch heute Abend.«

»Man ist immer reich genug zu einer Reise, seit wir Eisenbahnen haben. Sie mögen darüber weiter nachdenken. Auf baldiges Wiedersehen, Hauptmann! Seien Sie liebenswürdig, nehmen Sie Aderlaß, führen Sie die Tochter hinaus und bedenken Sie, daß die teuerste Reise von allen die auf den Kirchhof ist.«

Während dieser Verhandlung lief Meo in den Straßen umher, ohne Ruhe finden zu können. Es giebt Leute, die die Ereignisse sozusagen belauern und immer dabei sein wollen, als wenn ihre Gegenwart einen Druck auf den Gang der Welt ausüben könnte; man sieht sie im Schlafzimmer ihrer Frau dabei stehen, während diese ihnen einen Erben schenkt, hinter den Coulissen stehen bei der ersten Vorstellung ihres großen Werkes, in der Deputiertenkammer stehen, während man eine für sie wichtige Abstimmung vornimmt. Andre dagegen giebt es, die bei solchen Gelegenheit wie besessen davonlaufen und nicht wagen ihr Haus zu betreten, um ihr Schicksal zu erfahren. Meo gehörte zu dieser letzteren Kategorie. Er selber hatte den Doktor holen lassen und nun hatte er Angst, den Erfolg des Besuches zu erfahren. Noch abends um sechs Uhr ging er nicht etwa nach Hause, um Agathe zu fragen, sondern durchmaß die Nachbarstraßen mit großen Schritten. Die Jungen, die ihn so aufgeregt laufen sahen, wie er stets ausschaute, hätten ihn fragen mögen, ob er den Omnibus von Charenton suche. Seine Gewohnheit führte ihn an den Bogengang des Königsplatzes, wo er so viel niedliche Sachen für Emma an den Theateranzeiger geschrieben hatte. Er war nicht wenig erstaunt zu sehen, daß ihm da ein kleiner Mann zuvor gekommen war, der ganz aussah wie Bitterlin. Ja, das mußte er sein, oder sein Geist. Der Geist war an der Mauer festgebannt und schrieb eine Anzeige ab in sein Notizbuch. Meo fragte sich vergebens, wie so plötzlich dieser Mann sich für die dramatische Litteratur interessiere. Er blieb als Beobachter in der Ferne stehen, und erst als jener das Feld geräumt hatte, lief er herzu. Da wurde er sofort ein großes gelbes Plakat gewahr, das ziemlich weit von den Theateranzeigen sich befand. Er stellte fest, daß der Feind gerade hier seinen Stand gehabt hatte. Ein Cigarrenstummel, der dem Hauptmann entfallen war, wie er gesehen hatte, lag noch brennend auf dem Pflaster und bezeugte seine Anwesenheit. Und nun las er mit einer Erregung, die ihm kein Roman und kein Gedicht je verursacht hatte, folgende Ankündigung der Ostbahn:

Vergnügungs-Reise in die Schweiz und das Großherzogtum Baden u. s. w. u. s. w.

Nachdem er das gelesen, fürchtete er sich nicht mehr heim zu gehen; er galoppierte sogar in einem Zuge bis an seine Thür. Dort erwartete ihn Agathe.

»Herr,« sagte sie, »ich habe dem Doktor beim Weggehen aufgelauert und so gethan, als ob ich mit meinem Korbe vom Markte zurückkäme. Ich fragte ihn, was dem Fräulein fehle, und er antwortete mir: ›Eine Kleinigkeit, und wenn sie eine kleine Luftveränderung vornimmt, wird alles wieder gut sein.‹ Möchte wissen, ob der Vater sie wird reisen lassen. Er hält sie knapp, der Hauptmann!«

»Aber ich,« sagte Meo, »ich weiß schon, daß er gedenkt, sie in die Schweiz zu führen. Sie müssen den Tag ihrer Abreise herausbringen und den Weg, den sie nehmen werden. Werden sie erster Klasse fahren? Das muß ich wissen, ehe ich mein Billet nehme.«

»Sie werden also auch reisen, lieber Herr? Und was wollen Sie dabei?«

»Vor allem, sie sehen; dann auch mit dem Hauptmann zusammentreffen, mich liebenswürdig erweisen und die Hand seiner Tochter gewinnen. Glauben Sie nicht, daß ich sie ohne weiteres erhalten werde?«

»Mein Gott, Herr, wenn Sie sie nicht bekämen, das würde mich sehr von Ihnen wundern; aber wenn er jemals einwilligt, das würde mich von ihm noch viel mehr wundern!«

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