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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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IV. Träume der Unschuld

Wenn ein Mann im liebefähigen Alter, will sagen vom fünfzehnten bis zum fünfundsiebzigsten Jahre, im Theater oder beim Tanze eine Frau getroffen hat, die ihm gefällt, so trägt er im innersten Herzen einen kleinen Vorrat von Glück davon, der nicht in einem einzigen Tage aufgebraucht wird. Eine ganze Woche hindurch und oftmals länger empfindet man einen gewissen Nachgeschmack der Wonne; man sieht die Welt mit wohlwollenderem Auge an, man findet zu den gleichgültigsten Dingen eine unbestimmte zärtliche Hinneigung. Dieser Zustand behaglicher Zufriedenheit dauert länger, besonders bei träumerischen Naturen, und am längsten kosten dieses Glück die verschlossenen und schmachtenden Herzen, welche einen Monat brauchen, um den Duft einer Rose auszukosten. Diese lassen sich mühelos von einer süßen und melancholischen Hoffnung wiegen, im Zauberspiegel ihres Gedächtnisses betrachten sie das ihnen zulächelnde Bild; sie lullen sich ein und verschließen die Augen vor der grellen Wirklichkeit, um bequemer von dem Gegenstande ihrer Liebe zu träumen.

Aber das Bild, das wir so zärtlich in die Tiefe unseres Herzens eingeschlossen hatten, dieses so klare und so fest gezeichnete Bild verändert sich nach wenig Tagen. Es umsäumt sich mit verschwimmenden Farben, und die Umrisse verschieben sich, die Phantasie trägt launenhafte Züge hinein. Bald ist es so unbestimmt und in Nebel gehüllt, wie der Schatten eines Fischers, den man am frühen Morgen fern im Nebel der Wiesen sitzen sieht. Ein geheimer Instinkt sagt uns, daß es ganz zergehen wird, und vergebens suchen wir es mit den Händen festzuhalten, sowie Odysseus in der Unterwelt den unfaßbaren Körper seiner alten Freunde zu umarmen strebte. Endlich erlischt es ganz, wofern nicht eine glückliche Begegnung uns das Original des schwindenden Bildnisses wieder vor die Augen führt.

Auf solche Weise hätte Meo beinahe das Bild der schönen Emma gänzlich eingebüßt. Einen vollen Monat lang gab er sich gemächlich dem alles ausfüllenden Glückstraum der Liebe hin. Er zweifelte nicht, daß Emma ziemlich in seiner Nähe wohne, und wartete auf eine Gelegenheit sie wieder zu sehen, ohne indessen danach umher zu laufen; man konnte sagen, er scheute sich, den Zufall erzwingen zu wollen. So oft er bei geschlossenen Augen den hübschen blonden Kopf des Mädchens wieder vor sich sah, fühlte er die Halsadern schwellen, genau als ob Amor ihn an der Kehle gepackt hätte; er erzählte von seiner Leidenschaft aller Welt und schüttete sein übervolles Herz aus vor Gleichgültigen und Unbekannten; aber er empfand kein Bedürfnis, vor Emma selber seine Erklärung zu wiederholen. Wenn ihm jemand gesagt hätte: Du wirst sie nie wiedersehen! so hätte ihn das wohl tödlich geschmerzt, indessen wünsche er nicht, ihr sofort wieder zu begegnen. Seine Liebe war mehr ein passives Gefühl, sowie man sich warm oder kalt fühlt.

Seine Willensstärke erwachte erst, wenn er sich an die Gefahren erinnerte, auf die ihn Emma hingewiesen hatte. Er glaubte einen Nebenbuhler zu haben, und in dieser Meinung fühlte er einen scharfen Dolch bei sich. Er war sicher ein hochcivilisierter Mensch, aber über das Wegräumen solcher Hindernisse dachte er ganz italienisch. Hätte man ihm seinen Rivalen auf der Straße gezeigt, so hätte er es ganz natürlich gefunden, ihn sofort nieder zu stoßen, nicht aus Eifersucht oder aus beleidigter Eitelkeit, sondern um den Rivalen los zu werden.

Mitten in diesen Ideen befangen, bemerkte er eines Tages, daß das Bild der schönen Unbekannten nicht mehr so deutlich in seinem Gedächtnis war. Diese Wandlung machte ihn stutzig. Er schloß die Augen, um innerlich besser zu sehen; aber die Züge des reizenden Gesichts fingen an so unsicher zu schwanken, wie der Wiederschein einer Burg in der raschen Strömung des Rheins. Die Farben waren zwar noch ebenso lebhaft, aber die Zeichnung glitt hin und her. All seine Anstrengung, das Bild festzuhalten, diente nur, es immer mehr auszulöschen, er kam sich vor wie ein Ungeschickter, der ein Pastellbild, um es deutlicher zu sehen, säuberlich mit dem Ärmel abwischt. Nun ergriff ihn eine wahre Verzweiflung, er beweinte sein Phantasiebild so bitterlich, als ob es schon tot wäre, weil es ja krank und blaß ward. Aber zu gleicher Zeit spannte er alle Federn seiner Willenskraft an und fing an die Straßen zu durchstreifen, wie ein Gehölz, um Emma zu entdecken.

Fräulein Bitterlin dagegen hatte im Grunde des Herzens nur ein kleines Andenken mitgenommen, schwächlich und winzig, wie ein unterm Thorweg aufgerafftes Findelkind, das sie heimlich nährte. Zu Hause angelangt nach dem großen Abenteuer ihres jungen Lebens, war ihr einziges Gefühl die Furcht. Sie hatte Angst, die Augen des Hauptmanns möchten in ihrer Seele lesen, und thatsächlich war ihr offnes Gesicht durchsichtig wie Krystall. Der Tag schien ihr gar kein Ende zu nehmen, weil sie ihn in hunderterlei kleine Geschäfte zerpflückte. Sie bewegte sich mehr hin und her als gewöhnlich, blieb nicht an einem Platze sitzen, sondern war wie ein Vogel, der von Ast zu Ast hüpft. Sie sang nicht mit ihrer natürlichen Stimme; der sanfte und markige Ton bekam eine gewisse Heftigkeit und einen Metallklang. Sie wagte weder ihrem Vater noch ihrer Mitschuldigen, Agathe, in die Augen zu sehen; sie hütete sich sogar, in des Vaters Gegenwart über den Vorfall des Morgens nachzudenken, so sehr fürchtete sie die hergebrachte Frage des Hauptmanns: »Woran denkst du?« Ihr Herz glich einem Versteck, worin man einen gestohlenen Schatz geborgen hat; man wagt selber nicht hinzublicken, aus Furcht, man möge die Augen der Obrigkeit dahin lenken.

Ihr Vater führte sie in den Botanischen Garten. Sie war lange nicht dort gewesen und unterdessen war der Frühling eingezogen. Die Luft war lau und die frühen Blüten der Bäume dufteten lieblich. Bitterlin ärgerte sich über den Schmutz, über die Buben, die ihre Reifen ihm zwischen die Beine trieben, über den faden Fliedergeruch, der ihm Kopfweh machte. Die Tochter atmete mit Wonne diese feinen Dünste, die das junge Jahr durchduften, sie schritt auf dem weichen Boden dahin, wie auf einem wolligen Teppich; sie betrachtete mit Vergnügen die Kinder, die Konfekt mit vollen Backen schmausten. Der Eisbär wiegte seinen Kopf am Rande des schmutzigen und stinkenden Gewässers; aber sie ward angezogen von der Melancholie dieses Verbannten und fand seinen Gesichtsausdruck sympathisch. Allein die kleine Schwätzerin, die sonst ganz laut dachte, vergaß diesmal ihre Gedanken Papa mitzuteilen. Noch tags zuvor schleuderte sie alles was sie dachte hin, wie die Verschwender, die mit aller Welt teilen und nichts für sich behalten. Aber wenn man nur erst ein wenig beiseite gelegt hat, schlägt man den Weg der Sparsamkeit ein.

Endlich ward es Abend! Nach der schweigsamen Mahlzeit und einem noch mehr als gewöhnlich langweiligen Abend konnte Emma, allein im verschlossenen Zimmer, sich auskleiden; fröstelnd schlüpfte sie in ihr blaues Bettchen, blies das Licht aus und sagte beinahe ganz laut: »Nun bin ich daheim!« Und dann stieg sie vorsichtig tastend in die innerste Tiefe ihres Herzens hinab und verscheuchte neugierig die leichten Wölkchen, die die Heiterkeit ihres Bewußtseins trübten. Nun erschienen alle Gedanken, die sie seit dem Morgen zurückgedrängt hatte, auf einmal wieder, und sie wußte bei dem stürmischen Andrang nicht, wem sie Gehör geben sollte. Die großen Herrn und Damen, Agathens bestürztes Gesicht, der schöne junge Mann, die bösen Gymnasiasten, Vater Bitterlin und der weiße Bär; alle auf einmal! Sie hatte nie mit so vielen Leuten zugleich zu thun gehabt. Allmählich traten die Nebenpersonen zurück und der Mann aus der Katharinenstraße erschien allein, in voller Beleuchtung, wie mit einem Heiligenschein umgeben, der das ganze Gemälde überstrahlt.

Emma war sich noch nicht ganz klar darüber, ob er schön wäre und ob eine Frau stolz sein konnte, an seinem Arm auf der Straße zu schreiten. Sie hatte ihn aber glänzend gefunden und war noch halbwegs davon geblendet, aber mehr wußte sie nicht. Das gute Mädchen war keine Weltdame; sie hatte noch nicht den Blick jener erfahrenen Jungfrauen, die einen Mann ausmessen und im einzelnen taxieren, seine Stärke und seine Schwäche notieren und imstande wären, sein Signalement zu schreiben, ohne einen Blick auf ihn zu werfen oder auch nur die Augen von ihrer Stickerei abzuwenden. Dieses Talent erfordert, ebenso wie beim Sportsmann, der mit Sicherheit wettet, eine Reihe vergleichender Studien; man erwirbt es nicht, ohne einige Jahre sich auf dem Rennplatz bei der Wage umhergetrieben zu haben. Aber Emma hatte keinen einzigen Ball mitgemacht; sie hatte diese Ballpferde nicht rennen sehen, die bei Callarius trainiert werden und die erst heiraten, wenn sie überreif sind.

Sie hätte also nicht sagen können, ob er einen schlanken Wuchs hatte, einen schönen Haaransatz, schön geschnittene Augen und wohlgewachsene Beine. Sie war so wenig erzogen, daß sie nicht einmal ahnte, was wir unter einem hübschen Manne verstehen. Sie wußte überhaupt von dem Männergeschlecht nur so viel, daß man ihm auf der Straße ausweichen muß. Aber ihr fiel ein, daß der Unbekannte jung und arm war, brav und achtbar, gutmütig und traurig. Sie war ihm dankbar, daß er sie beschützt hatte und ihr nicht nachgegangen war. Aber vor allem erinnerte sie sich an sein Wort, das so urplötzlich ihr Herz ergriffen hatte: »Ich werde Sie mein Leben lang lieb haben!« Diese Wendung klang von selbst in Emmas Ohren wieder und tönte beharrlich fort, immer stürmischer und süßer, wie sehr sie sich auch Mühe gab, sie zu verscheuchen. Ein unsichtbares Orchester spielte unendliche Variationen über dieses monotone und doch reizende Thema. Er ist närrisch, dachte sie; man verliebt sich doch nicht so beim ersten Anblick. Sicher hat er nur einen Scherz machen wollen. Freilich sah der arme Junge eher aus, als ob er weinen müßte. Aber es wäre ja ein Unglück für ihn, wenn er sich wirklich in mich verliebte! Papa würde es ihm nie vergeben... Überdies bin ich ja nicht verliebt. Allerdings hasse ich ihn auch nicht; ich darf ja nicht undankbar sein. Glücklicherweise weiß er nicht, wer ich bin, wo ich wohne; er kann mir also nicht den Hof machen und Papa wird ihm nicht den Kopf abschneiden. Papa ist doch ein seltsames Wesen! Er ist gar nicht so wie andere Männer, das sieht man doch!... Nun, immerhin ist es hübsch zu wissen, daß es in Paris einen Mann giebt, der mich sein Leben lang lieb haben wird!« – Sie drückte selig ihr Köpfchen ins Kissen und sprach vor sich hin: sein Leben lang! Und mit geschlossenen Augen liebkoste sie ihr süßes Hirngespinst, wie die kleinen Mädchen oft mit der Puppe im Arm einschlafen.

Andern Tags und an den folgenden Tagen saß sie am Fenster nicht ohne einige Unruhe; jedesmal, wenn sie am Arme des Vaters ausging, wandte sie von Zeit zu Zeit den Kopf; sie fürchtete, der arme Narr von der Katharinenstraße möchte sich selber dem Zorne Vater Bitterlins aussetzen. Als niemand sich zeigte, beruhigte sie sich allmählich, aber nicht ohne einiges Erstaunen. Alle Männer glichen von ferne gesehen dem schönen Unbekannten. Eines Tages ging sie mit ihrem Vater vor seinem Hause vorbei. Das Fenster stand offen, sie blickte hinein und sah nur die Bilder. »Dies ist doch das Haus,« dachte sie; »womit ist er denn beschäftigt? Ich wette hundert gegen eins, daß er gar nicht an mich denkt. Nun, auch gut!« Wir meinen doch, daß sie sich in die Lippen biß bei dem: auch gut!

Hätte sie nun mitten in den Zerstreuungen ihres Alters gelebt, kein Zweifel, sie hätte in acht Tagen einen Fremdling vergessen, der ohne Bedeutung für sie war. Aber die Vereinsamung und Abschließung ist für ein junges Mädchen gefährlich, besonders wenn eine Erinnerung in ihr lebt. Eines Tages sagte ihr Vater, als sie so träumerisch aussah:

»Was fehlt dir denn?«

»Nichts; warum?«

»Du lachst nicht mehr; langweilst du dich?«

»Nein, Papa; ich unterhalte mich innerlich.«

Sie öffnete ihr Herz niemand, auch nicht der dicken Agathe. Ihr Phantasiespiel kam ihr zu lächerlich vor, als daß sie es hätte erzählen mögen. Sie vermied selbst, mit dem guten Mädchen zu schwatzen; als ob Agathe nicht längst die Geschichte von der Katharinenstraße vergessen hätte! Eines Morgens, als der Hauptmann sie verlassen hatte, sprach Agathe: »Fräulein!«

»Schweig!« antwortete sie und hielt ihr den Mund zu. »Ich verbiete dir, davon zu reden.«

»Ja, wovon denn?«

»Von dem, was du sagen wolltest.«

»Ich soll nicht davon reden, daß der Rost in meinem Backofen durchgebrannt ist? Ich muß doch einen neuen haben; damit werden wir Kohlen sparen.«

Emma blieb trotzdem überzeugt, daß die Magd hätte ein vertrautes Gespräch einleiten wollen, und wunderte sich, daß sie selbst ihr Geheimnis gehütet hatte. Einen Monat später brach sie aber freiwillig das tiefe Schweigen. Sie ging zur Kirche in Begleitung Agathens; denn Vater Bitterlin ging sonst überall mit, nur dahin nicht. Der gute Mann schmollte mit dem Himmel ebenso wie mit der Erde. Emma blieb plötzlich stehen, blickte der Magd scharf in die Augen und sprach: »Du hast also kein Vertrauen mehr zu mir? Warum redest du nicht von unserm Liebhaber?«

»Welchem Liebhaber?« sagte Agathe.

»Nun, unserm Beschützer mit dem schwarzen Bart, der gelobt hat, mich sein Leben lang zu lieben.«

»Daran denkst du noch?«

»O nein, so wenig wie er an mich denkt! Aber sag' doch, Agathe, warum haben die Männer ihre Lust daran, uns Dinge zu versprechen, die sie gleich darauf wieder vergessen? Was haben sie denn davon? Wen hoffen sie damit zu betrügen?«

»Ich weiß nicht,« antwortete Agathe; »mir hat man nie so etwas vorgesprochen. Aber ich begreife wohl, daß sich ein Mann in dich sterblich verliebt; da weiß er wohl, warum!«

»O, die Erlaubnis gebe ich ihnen allen, wenn sie nicht aufdringlicher sind als der erste!«

»Also wirklich, denkst du noch an ihn?«

»Ich würde ihn nicht auf der Straße erkennen, wenn er mir begegnete.«

Kaum hatte sie diese Worte gesagt, als alles Herzblut ihr Gesicht mit Purpur übergoß, wie um sie Lügen zu strafen; eben hatte sie Meo auf den Stufen des Eingangs der Paulskirche bemerkt. »Endlich!« dachte sie bei sich. Augenscheinlich suchte er sie, aber er sah sie noch nicht. Frauen haben einen durchdringenderen Blick als wir Männer, und so oft unsere Blicke sich kreuzen, wird der Mann immer zuerst getroffen. Emma benutzte ihren Vorteil, um das schöne Gesicht, das in ihrem Gedächtnis schon zu zerfließen begann, aufmerksam zu studieren, Sie fand es weniger rosig, aber interessanter als am ersten Tage. Doch plötzlich belebte es sich mit Farben, die Augen glänzten auf; man hatte sich gegenseitig erkannt. Der Unbekannte grüßte lebhaft und mit so strahlender Freude, daß Emma fürchtete, er möchte durch die Menge auf sie zueilen. Sie riß die dicke Agathe mit sich fort und stürzte in die Kirche wie ans rettende Ufer, während Meo, zu erregt, um einen Schritt zu thun, wie angenagelt auf seinem Platze blieb.

Die beiden Mädchen sanken nieder auf ihren Stühlen; die hinkende war ganz außer Atem. »Was fiel dir denn plötzlich ein?« sagte sie zu ihrem Fräulein.

»Du hast ihn nicht gesehen? Er stand an der Kirchenthür. Er verfolgt uns.«

»Wer?«

»Er, sage ich doch. Es giebt doch keine zwei. Wie schwerfällig bist du!«

»Ah, ich verstehe,« antwortete Agathe, die absolut nichts verstanden hatte.

Emma las ihre Messe mit ungewöhnlicher Inbrunst, Sie war keine Betschwester, sondern hatte nur dasjenige Maß von Frömmigkeit, welches man in guten Pensionaten erwirbt; aber schwache Seelen flüchten beim geringsten Anschein von Gefahr in das Gebet. Wenn meine Leser gesehen hätten, wie sie die Lippen bewegte, die Augen schloß und ihren Kopf in einer Art halber Verzückung zurückwarf, sie würden sicherlich davon erbaut gewesen sein. Während sie halblaut einen Satz des lateinischen Teiles murmelte, glänzten zwei Thränen der Rührung an ihren langen Wimpern. Köstliche Thränen, die aber die Engel nicht aufschöpften, sondern zur Erde rollen ließen, offenbar, weil sie nicht für den Himmel geflossen waren.

Alles ging gut, bis die Evangelien gelesen wurden. Da, beim ersten Verse, wurde das Mädchen von einem unbekannten Unbehagen ergriffen, das doch zugleich wohlthuend war. Das Lesen wurde ihr so schwer, als wenn ein Sonnenstrahl auf den Blättern ihres Gebetbuches herumgetanzt hätte. Sie fühlte sich geneckt von allerlei Kobolden der Liebe. Da ist einer, der in die geschlossenen Augenlider das Bild einer abwesenden Person hineinschiebt, ein andrer springt an unsern Ohren umher und flüstert immer denselben Namen; dieser da zwingt uns den Kopf nach einem umzuwenden, den wir nicht mehr sehen wollen; jener läßt den Verliebten in dem Park sich verirren und führt ihn wider Willen an die Thür zurück, die er abgeschworen hat; noch ein anderer kitzelt unsere Nase mit einer unsichtbaren Flaumfeder, die den Duft angebeteter Haarlocken ausströmt; und der schlimmste von allen schreibt mit unserer Hand die Eidschwüre auf, vor denen die Vorsicht uns warnte. Emma wurde von allen Seiten von dieser schwärmenden Menge bestürmt, und wußte nicht aus noch ein. Wie sehr sie sich auch Mühe gab, sich innerlich zu sammeln, eine geheime Erregung trieb sie in die Wirklichkeit zurück. Manchmal kam es ihr vor, als ob ein Schwarm geflügelter Kobolde sich in ihr Gehirn einschliche, wie in ein Zimmer, um alles Hausgerät aus dem Fenster zu werfen. Um keinen Preis hätte sie den Kopf umgewendet; so sehr fürchtete sie, den Fremden plötzlich sich gegenüber zu sehen. Aber sie hob ihre Augen auf und da bemerkte sie, wie Meo, hinter einem Pfeiler versteckt, sie ganz hingegeben anstaunte.

In einigen Darstellungen der Himmelfahrt Mariä aus der spanischen Schule sieht man eine Gruppe von Apostelschülern, die auf den Knieen liegend dem Wunder beiwohnen. Die himmlische Verzückung dieser gläubigen Seelen hat niemand besser als Murillo wiedergegeben. Die Glaubensinnigkeit spricht aus ihren Augen; ihre gebräunten Gesichter scheinen innerlich verzehrt durch das mystische Feuer der göttlichen Liebe. So stand Meo Narni vor der Tochter des Hauptmanns da: er war in Anbetung versunken. Ein Mädchen hätte müssen sehr wenig Geist besitzen, wenn sie sich durch diese Andacht verletzt gefühlt hätte. Fräulein Bitterlin betrachtete mehrmals sehr wohlwollend den Mann, der ihr eine so zarte Huldigung darbrachte.

Beim Austritt aus der Kirche sah sie ihn nochmals und erwiderte unbedenklich seinen Gruß, den er ihr mit dem Hute von fern zusandte. Jeden Sonntag fand sie ihn nun am selben Platze wieder. Zuweilen bemerkte sie ihn auch vor ihren Fenstern an der Ecke der Königstraße; er ging wie ein Mann in Geschäften vorüber, und Bitterlin sogar hätte nicht erraten, welches wichtige Geschäft ihn herbeiführte. Die erste Frucht dieser Begegnungen war, daß die jungen Leute sich während der ganzen Woche miteinander beschäftigten; und da alle beide geliebt zu werden verdienten, so dauerte es nicht lange, bis sie sich zusammengefunden hatten. Die Wachsamkeit des Hauptmanns und ihre eigene Schüchternheit hielten sie in weiser Entfernung voneinander; aber wenn ihre Blicke sich begegneten, war es, als ob sie sich küßten.

O, diese Herzensunschuld! ... Ich hörte einst eine geistreiche Frau aus der Dauphinée sagen, die Liebe nähre sich wie die Seidenwürmer. Ein kleines recht zartes Blatt vom Maulbeerbaum genügt völlig ihrem Appetit, so lange sie jung sind; aber sobald sie größer werden, verschlingen sie sogar die Balken auf dem Futterspeicher.

Emma fragte eines Tages ihren Vater, als er beinahe gutgelaunt war: »Liebes Papachen, werden wir nun immer so fort leben?«

Der Alte schnitt ein Gesicht und antwortete in süßsaurem Tone: »Mein liebes Töchterchen, wir werden nicht immer leben, da wir bekanntlich nicht ewig sind. Nur Geduld, mein Kind! Eines schönen Morgens wird der Totenbeschauer dir deinen Papa, den alten Scherben, schon abholen.« Emma weinte sieben Tage und sieben Nächte, wie Jephthas Tochter, und ihr Vater gab sich nicht einmal die Mühe, darauf zu achten. – Aber er schalt die dicke Agathe und erklärte ihr, er würde sie vor die Thüre setzen, wenn sie fortführe, dem Fräulein Ideen in den Kopf zu setzen.

»Jesus mein Gott, ist das möglich!« schrie das arme Geschöpf. »Ideen! Ich weiß ja nicht einmal, was das ist!«

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