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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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II. Emma

Der Schrecken des Hauptmanns, mochte er auch etwas übertrieben sein, erscheint dennoch nicht so ganz lächerlich; das begreifen alle diejenigen, denen die Natur das undankbare Amt eines Drachens der Hesperiden zugewiesen hat. Wenn man die goldenen Äpfel hütet und selber nicht verzehrt, so bedauert man aufrichtig, daß sie so schön und so appetitlich sind. Der Fall des Ehemannes ist ganz verschiedener Art; denn erstlich sind die goldnen Äpfel für ihn da; ferner hat er die Möglichkeit, sie alle selber zu essen, wofern er einen guten Magen besitzt, und den Dieben höchstens die Schale übrig zu lassen. Die nämliche Aufgabe also, welche einen Vater oder älteren Bruder mit banger Sorge erfüllt, erscheint allen jungen Ehemännern als ein reizendes Spiel.

Vater Bitterlin, der sich für fähig gehalten hatte Sebastopol einzunehmen, wußte nicht recht, ob er imstande sein würde, Emma mit Erfolg zu verteidigen. Nicht als ob das arme Kind Miene machte sich leicht fangen zu lassen, allein sie besaß jenes unwiderstehlich liebreizende Wesen, das alle Begierden des erobernden Geschlechts in Bewegung setzt. Die Vorsteher von Museen, Bibliotheken und sonstiger öffentlicher oder privater Kunstsammlungen werden bezeugen, daß es in jeder Galerie ein Gemälde, ein Buch, eine Bronzefigur giebt, deren Bestimmung vor allen andern zu sein scheint, einmal gestohlen zu werden. Hier ist's ein zierlicher Elzevir oder ein Büchlein von Aldus, so niedlich gebunden, daß es wie eine Nuß in der Hand verschwindet. Dort ist's ein antikes Figürchen, dessen sträfliche Schönheit die Hand des Diebes mit magischer Gewalt anzieht. Ein andermal wieder lockt ein Miniaturgemälde so schimmernd, daß es nicht bloß gewerbsmäßige Gauner verführt, sondern den Tugendbold selber reizt, es unter seinem Mantel verschwinden zu lassen. Der Präsident de Biosses war mehr als ein ehrlicher Mann, da er ja dem höchsten Gerichte vorstand, dennoch wäre er beinahe ein Pflichtvergessener geworden vor einem kleinen Correggio, der ihn in einer Galerie in Rom gar so süß anlächelte. Emma schien nun wirklich prädestiniert wie der kleine Elzevir, die kleine Bronze oder der kleine Correggio; ja, dieser Correggio konnte nicht frischer, nicht samtweicher, nicht appetitlicher sein, als sie! Ihr Antlitz war überstäubt mit dem allerfeinsten Flaum, den die Natur auf die Wange der Pfirsiche und auf die Flügel der Schmetterlinge streut; ein Hauch der Jugend und Unschuld, den die erste Liebe abstreift und den die verblühten Schönheiten vergebens durch duftenden Puder zu ersetzen suchen. Sie war ein echt weibliches Weib, denn sie war blond; und unter dem Schleier ihrer langen braunen Wimpern blickten zwei große blaue Augen hervor, strahlend wie ein Sommerhimmel. Der sanfte Schnitt ihres Mundes, die Frische ihrer roten Lippen, die Weiße ihrer kleinen Zähne, die ein wenig auseinander standen wie bei den Kindern, das durchsichtig schimmernde, leise bewegte Näschen, die feinen Umrisse ihrer zierlichen Ohren, die sich im goldigen Schatten ihrer Haare versteckten, diese ganze vollkommene Harmonie ihres Antlitzes trug aber keineswegs ein engelhaftes Gepräge, sondern zeigte eher eine herausfordernde Jungfräulichkeit. Sie war nicht eine Madonna, wie Sasso Ferrato und Carlo Dolci sie träumten; nein, eine Eva, wie alle Maler sie zu malen wünschten, und alle Männer ihr begegnen möchten.

Vater Bitterlin hatte also richtig, wenngleich in derber Weise, die Schönheit seiner Tochter charakterisiert. Denn die Frauenschönheit ist ebenso verschieden in der Art, wie in dem Eindruck, den sie auf uns hervorbringt. Es giebt heldenhafte Schönheiten, die uns ritterliche Gefühle einflößen; melancholische Schönheiten, die uns zu Träumereien verlocken; seraphische Schönheiten, die uns in Mysticismus versenken und uns auf den steilsten Wegen zum Himmel emporführen; ferner giftige Schönheiten, die zum Verbrechen anreizen; hausbackene Schönheiten, die uns Drang und Verlangen einflößen, Familienväter und Stadträte zu werden; derbe ländliche Kirmesschönheiten, die uns Bierdurst einflößen; und wiederum zarte Schäfermädchen, mit denen wir nur Milch schlürfen möchten. Mit den Frauen, wie Ostade sie malt, könnten wir Tuchhändler werden; bei denen von Teniers würde man sich herausnehmen Pfeifen zu rauchen; mit Rubens Frauen würde man es nicht verschmähen, sich einen Kranz pausbäckiger Kinder zuzulegen; bei den Frauen Van Dycks möchte man am liebsten den König spielen; endlich bei denen von Watteau könnte man am besten Schaumtörtchen aus zierlichen Schalen genießen. Aber wenn man Emma Bitterlin sah, so vergaß man alles andere, wie vor gewissen Gemälden Raffaels und Tizians; man dachte nicht mehr an seine Pflichten und Bestrebungen im Himmel und auf Erden, sondern nur noch an die Liebe.

Wie war doch nur dieser Backfisch, der in der Mietskaserne in Auteuil wie eine langbeinige Spinne umherlief, so urplötzlich das begehrenswerteste Mädchen in ganz Paris geworden? Das Geheimnis solcher Verwandlungen pflegt die Natur mit eifersüchtiger Sorge zu hüten. Ein Mädchen hat eben eines schönen Morgens seine Entwicklung vollendet und steigt wie Venus aus der Muschel. Alle die vielen Ecken und Kanten an der kleinen Emma rundeten und glätteten sich in wenigen Monaten. Ihre Arme wurden voller, ihre Taille und ihre Büste formte sich, als wenn sie nach dem Gipsmodell einer schönen Statue abgegossen wäre; das Gesicht bildete sich aus. Wenn die Hände erst noch rot blieben, so war es einzig, um das Prinzip zu retten und die Farbe der Tugend zu bewahren; sie verlangten auch möglichst rasch weiß und damit die schönsten Hände von der Welt zu werden. Die ganze Veränderung trat so rasch ein, daß auch Emmas Gefährtinnen sie gewahr wurden, die sie doch alle Tage um sich sahen. Die jungen Mädchen waren ebenso erstaunt, wie der Wandrer, der nachts in eine unbekannte Gegend angekommen ist, wenn ihm die aufgehende Sonne Wälder, Felsen, Flüsse und eine reizende Landschaft zeigt, die er gar nicht geahnt hatte.

Das Mädchen merkte nun auch, daß sie schön war; es wäre doch auch wunderbar, wenn ein Mädchen nicht sofort darauf käme! Kein Spiegel war so klein, worin sie sich nicht hätte in ganzer Figur betrachten können. Im stillen verglich sie sich mit Aschenbrödel und gab die Hoffnung nicht auf, daß sie sich eines schönen Morgens in die große goldne Kutsche mit den vier mausgrauen Pferden setzen würde. Warum denn nicht? Sie lächelte ihrem kleinen Fuße zu, wenn sie an das schöne Märchen dachte. Ihre erste Bestimmung war für das Lehrfach gewesen, dieses traurige Los der Mädchen ohne Schönheit und Vermögen. Sie hatte schon geträumt, ihr Leben in Saint-Denis zu beschließen, ihre ganze Lebensreise auf die vier Mauern beschränken zu müssen. Jetzt hatte man nicht nötig, ihr Entsagung gegen die weltlichen Lüste zu predigen; sie konnte sich nun selber beweisen, daß für das Amt einer gestrengen Erzieherin ihr Gesicht viel zu weltlich war.

Der erste Empfang ihres Vaters überraschte sie ein wenig; sie hatte auf einen Jubelwillkomm im Hause gerechnet. Agathe ganz allein bewunderte sie unverhohlen und sagte, sie würde einen Prinzen heiraten. Leider war es nicht eben wahrscheinlich, daß die Prinzen sie in der Vogesenstraße aufsuchen würden, und Vater Bitterlin schien wenig geneigt, sie in die Gesellschaft einzuführen. Der einzige Ort, wo er sie hätte vorstellen können, war das Kaffeehaus »Zum müden Saumtier.« Der egoistische stirnrunzelnde Alte hatte so schon sein Leben mit einer chinesischen Mauer umzäunt; als er erst diesen Schatz zu bewachen bekam, dachte er nur noch an Verstärkung der Festungswerke. Er fürchtete, dieses kleine verführerische Wesen, das so zierlich und leicht zu entführen war, möchte ihm durch einen Ehrenräuber gestohlen werden; denn der Gedanke, sie irgend einem Ehrenmanne zu schenken war ihm nie in den Kopf gekommen. Mit souveräner Verachtung sah er herab auf die Politik der Engländer und aller Familienväter, sich für die Produkte ihrer Häuser Absatzgebiete zu schaffen. Ebenso geizig mit seinem Fleisch und Blut wie mit seinem Gelde, fand er es ganz natürlich, die Thaler und die Tochter für seine alten Tage aufzusparen. Seine erste Maßregel war die Kündigung der Sommerwohnung in Auteuil; er fürchtete die jungen Leute in dieser Massenpension und die Ungebundenheit des Landlebens. Er deutete der Tochter an, daß er sie niemals außer Augen lassen würde; sie durfte sich sogar ohne ihn nicht ans Fenster setzen!

Emma nahm diese Drohung wie alle strengen Befehle ihres Vaters von der guten Seite auf; junge Vögel befinden sich wohl im Käfig bis zu dem Tage, wo ihnen die Flügel gewachsen sind, man fühlt erst das Bedürfnis der Freiheit, wenn man Gebrauch davon machen will. Sie nahm ohne Murren alle Gesetze an, die Vater Bitterlin in seinem Hause zu verkündigen für gut fand. Sie ließ sich einschließen, sie willigte ein, keine Besuche zu empfangen, sie spielte die Rolle der in dem Turm eingesperrten Prinzessin, ohne zu argwöhnen, daß sie bei diesem Spiel notwendig zur alten Jungfer werden mußte. Nur eins verursachte ihr einigen Verdruß: die strenge Miene ihres Vaters; sie empfand es schwer, ein so mürrisches Wesen stets um sich zu sehen, und setzte ihre Ehre darein, ihn allmählich zu zähmen. Der Wunsch zu gefallen, der allen Frauen innewohnt, war bei ihr so sehr vorherrschend, daß, wenn sie ein Unbekannter angesehen hätte ohne zu lächeln, sie dies wie eine Niederlage empfunden haben würde. Sie war schon bei den Grazien in die Lehre gegangen, als ihr Gesicht noch um Entschuldigung bitten mußte; nach ihrer Verwandlung aber fand sie es frech, daß man sie unfreundlich anblickte, wenn man nicht blind und taub war, und noch dazu ihr eigner Vater! Sie begann daher diesen Vater in ein Netz von kleinen Aufmerksamkeiten und Schmeicheleien einzuspinnen, wodurch jeder andere als der Hauptmann sich hätte fangen lassen. Sie machte ihm beständig den Hof, sie schmeichelte ihm geflissentlich, sie überschüttete ihn mit all der Liebe, die ein junges Ding von siebzehn Jahren spenden kann, mit Liebkosungen wie ein Kätzchen und ein schnäbelndes Vögelchen. Indessen je sanfter sie den alten Kerl wiegte, desto lauter grunzte er. Die kleinen Koketterien der Tochter erinnerten Bitterlin an andere ebenso trügerische Liebkosungen, deren Aufrichtigkeit ihm nicht bewiesen war. Emma glich ihrer Mutter sogar in ihren Küssen, obgleich die arme Frau ihr darin keinen Unterricht gegeben hatte. Jede anmutige Bewegung, jedes gute Wort des Kindes erweckte die nachträgliche Eifersucht des Gatten und die verdrießliche Vorsicht des Vaters. Der Hauptmann wurde in der That schmerzlich berührt, so oft er in einer Bewegung Emmas die herausfordernde Artigkeit wiederfand, die er bei seiner Frau so tief beklagt hatte; ja, der dicken Agathe, die das gar nicht begriff, gestand er seine Besorgnis, noch einmal entehrt zu werden.

In solchen Anfällen von Menschenhaß machte er dem Kinde oft seine freundlich lächelnde Miene und die offene Herzlichkeit zum Vorwurf. Eines Abends, als sie beim Essen etwas nachdenklich war, rief er ihr zu: »Aufgepaßt! was liebäugelst du da mit der Flasche!« Ein andermal, als sie ihn küssen wollte und seinen Kopf in beide Hände nahm, stieß er sie heftig zurück und vergaß sich so weit, ihr zu sagen: »Du bist ja eine Lorette! wirst ein übles Ende nehmen!« Ohne den buchstäblichen Sinn dieser Beleidigung zu erfassen, wurde Emma in ihrem Zartgefühl empfindlich getroffen und zum erstenmal antwortete sie etwas empört: »Wie mein Ende sein wird, weiß ich nicht; aber der Anfang ist nicht sehr erfreulich.«

Die Länge der Tage war entsetzlich bei diesem engen Zusammenleben ohne Vertraulichkeit. Man stand gewohnheitsmäßig früh auf, ohne zu bedenken, daß so einige Stunden mehr auszufüllen waren. Emma zog sich gleich für den Tag an, ganz einfach, aber mit peinlicher Sauberkeit, worüber der Hauptmann murrte. Die Schwämme zum Waschen konnte er nicht leiden; er sagte ganz ernst, bei den Frauen sei die Sauberkeit die Mutter aller Laster. Nach dem Frühstück rauchte der Vater, spazierte umher, schalt, machte die Fenster auf und wieder zu, sah nach der Setzuhr und klopfte an das Barometer. Emma stickte sich einen Kragen oder sang an dem Tafelklavier, das sie von der Mutter ererbt hatte; zuweilen las sie auch. Darin sah nun Bitterlin nichts Unrechtes, sondern erlaubte ihr den Gebrauch seiner Bibliothek, die folgende Bücher enthielt:

Das ländliche Haus, Dorat, Die 37 Gesetzbücher, Siege und Eroberungen, Voltaire (in der Ausgabe von Touquet); Abbé Raynal, Theorie des Felddienstes, Populäre Medizin, Geschichte Napoleons von Norvins; Die Ruinen von Volney; Die Nachfolge Christi, in schwarzem Einbande mit dem Namenszuge von Frau Bitterlin.

Emma war weder dumm noch so gelehrt wie Georges Sand, aber ein frisches weibliches Gemüt, offen und fröhlich, dabei vernünftig und nach dem besten Lehrprogramm gebildet in dem vorzüglichsten Erziehungshause, das wir in Frankreich besitzen; darum waren die Bücher des Vaters für sie tödlich langweilig; denn sie fand darin nicht zehn Zeilen für ihren Geschmack.

Um vier Uhr nachmittags, mit militärischer Pünktlichkeit, führte Bitterlin sie spazieren, wie ein Stallknecht seine Pferde. Er führte sie auf den Königsplatz oder in den Botanischen Garten, selten auf den Boulevard Beaumarchais. Sonntags wurde ihr ein Ausflug gespendet nach Vincennes oder nach Bievres oder sonst einem ruhigen Örtchen, wo ein hübsches Mädchen nicht allzuviel von Spaziergängern begafft wird. Vater und Tochter waren stets genau um sechs Uhr wieder zu Hause und speisten allein miteinander, wie sie gefrühstückt hatten. Nach Tische traten Unthätigkeit und Langeweile wieder ihre Herrschaft an, bis die Schlafenszeit folgte. In einer dieser tödlich langweiligen Stunden erkühnte sich Emma eines Abends den Vater zu fragen, ob er sie nicht ein Gesellschaftsspiel lehren oder sie nicht einmal ins Theater führen möchte. Diese unschuldige Frage erboste den Haustyrannen, wie ein Ruf auf die Barrikaden. Er schimpfte und polterte gegen die Spielwut, sagte, das sei der Fluch der Offizierskreise; alle Schulden und alle Sünden kämen vom Spiele; ein Musteroffizier, wie er sich rühme stets gewesen zu sein, spiele nie; auch habe er in 35 Jahren nie einen Pfennig Schulden gehabt und nicht die geringste Strafe bekommen. An dem Theater fände er für seine Person kein Vergnügen und sähe darin für seine Tochter nur eine Gefahr. Emma könnte dort irgend einen jungen Burschen treffen, der so wenig Lebensart hätte, sich in sie zu vernarren und ihr den Hof zu machen; »in solchem Falle,« fügte er bei, »werde ich nicht lange fackeln, sondern den jungen Menschen nach allen Regeln einer Ehrenforderung niederhauen.«

Mittels Auslassungen in diesem Stile pflegte Bitterlin Geist und Herz seiner Tochter zu bilden, besonders abends nach Tische. Darum sah das arme Ding auch immer mit Schrecken den Augenblick nahen, wo der Tisch abgedeckt wurde, und sie zog das Dessert in die Länge, so oft es Walnüsse oder Haselnüsse zu knacken gab. Als eines Abends die dicke Agathe der Herrschaft gute Nacht wünschte, um sich ins Bett zu begeben, flüsterte ihr Emma ins Ohr: »Ich wage nicht zu klagen, aber ich habe zu schreckliche Langeweile; geh' und weine für mich in deiner Kammer.«

Gegen Mitte Dezember bekam der Hauptmann einen Brief in die Hände, der an seine Tochter adressiert war. Ohne Umstände brach er ihn auf und las wie folgt:

»Liebe kleine Gefallsüchtige!

»Da bin ich nun endlich vom Lande zurück; Henriette auch, Julie und Karoline auch. Die ernste Madeleine hat mir kundgegeben, sie würde morgen ankommen. Mit dir, ohne die doch nichts recht zusammengeht, wird das Sextett vollzählig sein. Mama hat bestimmt, die erste Gesellschaft der Unzertrennlichen sollte bei uns stattfinden. Das wird ein herrlicher Tag sein! Ich springe eben auf vor Freude; das ist auch die einzige Ursache des Kleckses, der da eben mitten auf diesen Brief gefallen ist. Also Montag Morgen! Bitte deinen Papa Brummbär, dich in die Straße Saint-Arnaud Nr. 4 zu schicken, ganz früh morgens; nach Tische wirst du in deine Höhle zurückbefördert. Vielleicht wollen wir tanzen, aber sicher werden wir viel schwatzen und lachen wie närrisch, und das ist die Hauptsache dabei. Wir müssen unsere Wintervergnügungen einrichten ›auf großen Maßstab‹, wie unser ehrwürdiger Litteraturprofessor zu sagen pflegte. Ich hoffe doch, daß wir uns alle Tage sehen werden bis zur Verheiratung, und auch nachher noch. Es gilt also einen Feldzugsplan aufzustellen; mein Bruder, der Offizier, der eben in die Ferien kommt, soll uns dabei helfen. Er will nicht glauben, daß du hundertmal hübscher bist als ich; diese Artillerieleutnants sind doch lächerlich ungläubig. Also auf Montag, auf Montag! Noch ein Klecks! Die Kleckserin umschließt dich mit beiden Armen.

Luise von Marannes.«      

Vater Bitterlin, der doch einst Mann und auch jung und sogar liebenswürdig gewesen war, antwortete Emmas Freundin, wie ein Bullenbeißer einem Buchfinken:

»Mein Fräulein! Ich habe den Brief erhalten, den Sie so gütig waren an meine Tochter zu adressieren, und obwohl ich mich durch die darin enthaltene Einladung sehr geehrt fühle, glaube ich weder meine Rechte zu überschreiten noch meiner Pflicht zu ermangeln, wenn ich Ihnen sage, daß Emma nur die Häuser besucht, wohin ihr Vater geht, der übrigens zu Hause sich wohler fühlt als sonst irgendwo. Sie ißt und lacht zu Hause gerade so viel, wie für ihre Gesundheit erforderlich ist, und hegt durchaus keine Heiratsgedanken, die einem jungen Mädchen gar so fern liegen müssen, wenn sie nur ein wenig auf ihren Ruf hält. Schließlich ist die Tochter des Hauptmann Bitterlin nicht dazu da, um sich von Leutnants mustern zu lassen, sollten sie auch den Vorzug genießen, einer Specialwaffe anzugehören.

Ich habe die Ehre, mein Fräulein, mich Ihren sehr ergebenen und ganz gehorsamsten Diener zu nennen.«

Einige Tage später sagte Emma beiläufig zu ihrem Vater: »Es wundert mich, daß Luise gar nicht schreibt; sie muß doch vom Lande schon zurück sein.«

Der Hauptmann erwiderte, die Stirne runzelnd: »Sie hat dir geschrieben.«

»Ei, was denn?«

»Dummheiten. Ich habe ihr gebührend geantwortet und verspreche dir, daß du nichts mehr von ihr hören wirst.«

In der That, damit war es vorbei; und drei oder vier andere derartige Schnurren des Hauptmanns isolierten seine Tochter so vollständig, als wenn sie nie in einer Mädchenpension gewesen wäre.

Anderthalb Jahre verbrachte sie in dieser erdrückenden Leere, stets nur in Gesellschaft dieses grilligsten aller Männer. Trotzdem litt ihre Gesundheit nicht; sogar ihre gute Laune wurde nicht merklich verändert. Wie glücklich ist doch die Jugend! sie stößt sich ohne Schaden an allen rauhen Ecken des Lebens, wie die Kinder mit dem Kopf an jeder Tischkante, ohne Narben davon zu behalten.

Die einzige Freundin, die ihr blieb, war die dicke Agathe, deren Geist außerhalb der Küche wenig ergiebig war. Dieses schnurrige Geschöpf hegte eine andächtige Bewunderung für die Schönheit seiner Gebieterin; sie fand bei ihr Ähnlichkeiten mit all den kolorierten Heiligenbildern, die sie zwischen den Blättern ihres Gebetbuches aufhob. Wenn man ihr erlaubte, allein mit Emma auszugehen, etwa Sonntags zum Hochamt, hob sie ihr Haupt einige Zoll höher; so stolz war sie darauf. Eines Tages sagte sie auf dem Heimwege von der Kirche: »Ich weiß nicht, wie wir's einrichten werden, wenn du erst heiratest. Der Herr wird nicht wünschen, daß ich ihn verlasse, und ich werde nie ohne dich leben können. Könnte man sich doch in zwei Teile zerschneiden!«

»Glaubst du denn, daß Papa mich zu verheiraten denkt?« fragte die Kleine.

»Ei! das kommt doch ganz von selbst. Die Mädchen sind zu nichts anderm da, ausgenommen wenn man ein solches Marktbudenwunder ist wie ich.«

»Luise ist vielleicht jetzt bereits verheiratet.«

»Wohl möglich. Heute die eine, morgen die andere. Noch erst gestern, Samstags, waren mehr als sieben Trauungen in der Paulskirche.«

»Aber Papa kennt ja niemand in Paris.«

»Das scheint allerdings so; aber ich bin überzeugt, er hat seinen Plan. Frage ihn, wenn du neugierig bist; er wird dich nicht fressen.«

»Das wage ich nie, Agathe. Übrigens hat es keine Eile damit. Die Männer sind so bärbeißig!«

»O, nicht alle.«

Selbigen Tages, beim Tischabdecken, redete Agathe ihren Herrn frischweg ganz plötzlich darauf an: »Nicht wahr, Herr, Sie denken manchmal daran, unser Fräulein zu verheiraten?«

Die Antwort Bitterlins war derart, daß ich nicht wage, sie hinzuschreiben. Wenn er das arme Geschöpf nicht schlug, so geschah es nur, weil er im Sprachschatz der französischen Sprache eine Flut von Verwünschungen fand, die wie ebensoviel Hiebe trafen. Seine Schlußrede war, alle Frauenzimmer seien schamloses Volk, alle Mägde Kupplerinnen, alle fremden Männer ehrlose Schurken, und er hätte seine Tochter nicht erzogen, um einem dieser Wölfe damit ein Futter zu bieten.

Dieses Glaubensbekenntnis wurde so laut und tobend abgelegt, daß alle Hausbewohner mit Einschluß des Portiers in der sichern Überzeugung zu Bette gingen, Fräulein Bitterlin müßte als alte Jungfer sterben.

Seit diesem Tage aber bemühte sich die Trösterin Agathe, ihrer Herrin den Segen des Cölibats zu beweisen: »Hatte sie denn nicht alles, was man auf der Welt wünschen kann? einen lieben Vater, eine ergebene Magd, ein niedliches Zimmer mit blauen Vorhängen, alle Abende ein gut ausgestattetes Bett; alle Morgen den besten Milchkaffee in ganz Paris, und die Erlaubnis, den ganzen Tag zum Klavier zu singen? Das war das Paradies auf Erden, und ein Mann mehr im Hause wäre nur ein überflüssiges Möbel gewesen. Die Männer wären wahrhaftig leichte Vögel! Agathe war doch rechts und links herumgekommen ihre vierzig Jahre lang, ohne sich auf den Arm eines Mannes zu stützen, und sie befand sich viel besser dabei!«

Auf solche Gründe hatte das Kind nichts zu antworten; denn sie liebte noch nicht.

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