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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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XV. Mit klingendem Spiel

Folgende Komödie hatte sich im Gehölz von Vincennes abgespielt.

Genau um sieben Uhr trafen sich die Kämpfer und ihre Zeugen auf dem Platze des Waffenganges mit militärischer Pünktlichkeit. Die vier Offiziere waren in Civilkleidung, um die Verschiedenheit ihrer Grade nicht zum Ausdruck zu bringen; Herr Medine hatte es so gewünscht. Sie begrüßten sich gegenseitig mit großer Feierlichkeit, wie es Gebrauch ist. Die Zeugen maßen die Waffen; der Hauptmann und Meo legten den Rock ab und behielten nur Beinkleid und Hemd an. Aber in dem Augenblick, wo sie sich anschickten die Säbel zu kreuzen, trat Medine, das Stöckchen in der Hand, auf seinen Kämpfer zu und sagte: »Herr Graf, da Sie der Angreifer sind, glaube ich, es ist Pflicht der Zeugen, Ihnen eine letzte Bemerkung vorzulegen, bevor wir weiter gehen. Man hat immer noch Zeit sich den Hals abzuschneiden, und eine Viertelstunde später würde unser Rat möglicherweise zu spät kommen. Diese Herren sind sicherlich meiner Meinung?«

»Ei, wie denn nicht? Oberst, fahren Sie fort,« sagte Boucart.

»Ich meine doch auch,« fügte Roblot hinzu.

Herr Medine fuhr fort: »Ich würde mir ein Gewissen daraus machen, Sie mit meinen Einwürfen zu stören, wenn ich nicht zwei Männer von erprobtem Mute vor mir hätte: Herr Hauptmann Bitterlin hat seine Beweise im Regiment gegeben. Und Ihnen, mein Herr, bin ich auf einem Felde begegnet, wo es heiß herging, und ich kann bezeugen, daß Sie Ihr Leben nicht geschont haben.«

Der Schwiegervater und der Schwiegersohn machten dem Redner eine leichte Verbeugung und stützten sich auf ihre Säbel, um das Ende seiner Rede zu vernehmen. Er wandte sich wieder an Meo.

»Ich weiß nicht, Herr Graf, welches Ihre Gründe sind, um die Hand einer ehrenwerten jungen Dame auszuschlagen, die Sie ohne ihre Schuld kompromittiert haben. Ich achte Ihr Geheimnis, von welcher Art es auch sei.«

»Und ich, mein Herr, habe gar kein Geheimnis zu bewahren. Was auch aus diesem Zweikampf entstehen möge, dessen Ausgang ja noch ungewiß ist, es liegt mir daran, in aller Form zu erklären, vor den Ehrenmännern, die hier versammelt sind, daß die Ehre des Fräulein Bitterlin über alle Angriffe erhaben ist, ebenso wie die Ehrenhaftigkeit ihres Vaters und das Andenken ihrer Mutter. Wenn ich dem gerechten Verlangen ihr Gatte zu werden, mich widersetzt habe, so liegt der einzige Grund meiner Weigerung in der herrischen Laune und dem befehlerischen Charakter des hier gegenwärtigen Herrn Hauptmanns. Ich fühlte, daß ich meinen freien Willen würde aufgeben müssen, wenn ich in die Familie eines so ganz in sich geschlossenen Mannes einträte.«

Ein plötzliches Zucken heimlicher Befriedigung leuchtete auf in den kleinen Augen des Hauptmanns.

»Übrigens,« setzte Meo lebhaft hinzu, »der Herr hat mir niemals seine Tochter angetragen, und ich leugne, daß sie durch meine Schuld irgendwie bloßgestellt ist.«

»Erlauben Sie, Herr,« sagte der Hauptmann im bittersten Tone, »wir sind nicht hier um zu streiten, aber Ihr Freund Herr Le Roy hat mir selbst gestanden, daß Sie meine Tochter kompromittieren.«

Meo hielt ein wenig ein, als ob er auf eine Erwiderung sänne. Diese Pause benutzte Herr Medine und sprach: »Es kommt uns nicht zu auf Vergangenes zurückzugreifen, und ich will gern glauben, Herr Graf, daß Sie freiwillig nichts gethan haben, um dem Rufe eines tugendhaften Mädchens zu schaden. Aber zwei Dinge darf ich nicht unbemerkt vorübergehen lassen; erstlich, daß nach der Verhandlung mit Waffen, der wir heute beiwohnen, Fräulein Bitterlin so sehr kompromittiert bleibt, daß sie nur Sie noch heiraten kann; und zweitens, daß nach einem Duell, wofern Sie es unglücklicherweise dazu kommen lassen würden, das arme Mädchen nicht einmal mehr den Ausweg hätte, Ihre Frau zu werden, und sie also zu dauernder Ehelosigkeit verurteilt wäre.«

»Das ist sonnenklar,« rief Roblot.

»Donnerwetter, ja!« fügte Boucart hinzu.

»Ei nun,« fiel der Hauptmann ein, »daran wird sie nicht sterben! Es sind schon viele andere Jungfern geblieben. Aber was Sie betrifft, Herr ...«,

»Ich, Herr, werde mein Gewissen nicht mit einem solchen Vorwurf belasten. In Gegenwart dieser Herren nehme ich die Hand Ihrer Fräulein Tochter an.«

Auf diesen Theatercoup war Bitterlin nicht gefaßt, und vielleicht hätte er die Einwilligung des Italieners recht übel aufgenommen, aber die vier Offiziere fielen zugleich über ihn her und gratulierten ihm so warm, daß er davon betäubt wurde. Und am lärmendsten, am eifrigsten, am jubelndsten thaten dabei Boucart und Roblot, die man gar nicht ins Geheimnis eingeweiht hatte.

Damit der Feind keine Zeit gewönne, sich wieder zu sammeln, erhob Meo einen Einwand. Er schützte Hindernisse vor und bat um einen dreimonatlichen Aufschub. Boucart und Roblot erhoben dagegen Einsprache; die Herren Medine hielten sich für verpflichtet, ihm Vernunft zu predigen; und Bitterlin, durch die allgemeine Bewegung fortgerissen, sagte zu ihm: »Die Ehrenschulden werden nicht mit langem Wechsel bezahlt. Ich verlange, daß Ihr Vergehen in den nächsten vierundzwanzig Stunden gesühnt werde.«

Von neuem mußte nun alle Beredsamkeit aufgewandt werden, um dem Hauptmann klar zu machen, daß eine Hochzeit nicht so rasch zustande kommt, wie ein Sieg in der Schlacht. Nach einer viertelstündigen Unterredung, wobei Meo sich sehr bitten ließ, verschob man das Fest auf über vierzehn Tage.

»Aber verstehen wir uns wohl,« sagte der Schwiegervater. »Die Herren hier werden uns die Ehre geben der Vermählung beizuwohnen. Und wenn bis über vierzehn Tage Ihre Papiere nicht angekommen sind oder Ihr Hochzeitskleid nicht fertig ist, so müssen wir losschlagen, Donnerwetter!«

Meo verneigte sich wie ein Rohr im Sturmwinde.

»Von jetzt ab,« fuhr der Hauptmann fort, »verlange ich auch, daß Sie alle Tage kommen und meiner Tochter den Hof machen, um sie auf die Feier vorzubereiten.«

»Alle Tage?« fragte Meo.

»Alle Tage. Und wenn Sie es einmal versäumen, so mache ich mich auf, Sie aus Ihrer Wohnung aufzustöbern. Hier meine Hand darauf, schlagen Sie ein! Gut; abgemacht. Jetzt kommen Sie ein paar Schritte beiseite, daß ich Ihnen ein Wort ins Ohr sage! Ich habe Ihr Geld in der Tasche meines Überrockes, Sie thun mir den Gefallen es mit zu nehmen.«

Nur auf diesem Punkte war Meo unerschütterlich. Er erklärte, er würde die 120 000 Franken erst nehmen, wenn man vom Standesamt käme.

Man trennte sich ohne Frühstück. Herr Roblot und der junge Herr Medine hatten Dienst. Ein Restaurateur in der Nähe, der schon zwei Hühnern den Hals umgedreht hatte, bekam das Nachsehen für seine Mordlust.

Vierzehn Tage lang blieb Bitterlin wie ein gespannter Bogen; er erzitterte bei jeder Berührung. Die Freude des Sieges und die Glückwünsche der Zeugen betäubten ihn auf dem Wege bis in die Stadt hinein. Als er die Herren an ihrer Thür abgesetzt hatte, fühlte er aber eine Leere in seinem Gehirn. Tausend widerstreitende Gedanken zogen wie auf der Parade an ihm vorüber, ohne daß er einen derselben genau ins Auge fassen und überlegen konnte.

»Nun,« dachte er, »da wäre ja meine Tochter vermählt. Der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wie das zugegangen ist. Auf alle Fälle habe ich mich gut benommen; es ist ein denkwürdiger Tag. Sie werden im Regiment gemerkt haben, daß ich kein dummer Junge bin. Emma freilich wird laut aufschreien; nun, darüber lache ich. Wenn ihre alte Liebe ihr noch im Kopfe spukt, so muß sie sie hinauswerfen. Der junge Mann ist adlig; das hatte er mir nicht gesagt. Das verfluchte Geld werde ich nun los; sie werden reiche Leute und ich brauche meine Zinsen nicht anzugreifen. Das ist noch besser, als ein Säbelhieb in den Kopf eines Laffen. Frau Gräfin Narni, geborene Bitterlin. Besser wäre noch Gräfin Bitterlin von Narni; das ist ehrenvoller für die Familie. Was hat mir denn gefehlt, um Graf des Kaiserreiches zu werden? Nur die Gelegenheit. Aus dem Burschen werde ich machen was ich will; das weiß er wohl. Habe ich ihn doch auf der Reise gehänselt! Ich bin ein Übermensch! Aber wenn er vor der Hochzeit nach Italien durchbrennen sollte! Ich werde ein Auge darauf haben müssen; denn eigentlich verliebt ist er in meine Tochter nicht. Potz Wetter! ich fände ihn im Grunde der Hölle auf. Ei, mein alter Säbel! Wir haben heute Morgen nichts ausgeführt. Ich hatte gestern Abend einen feinen Hieb ausgedacht: eins, zwei! Du kannst dich rühmen, einem grimmen Fuchs anzugehören. Also wollen wir frühstücken gehen. An der Hauptmannstafel wird heute von mir die Rede sein. Es giebt keine Gesellen von meiner Schneid mehr im 104. U. s. w. U. s. w.«

Die Anwesenheit von Agathe in seinem Hause verursachte ihm weder Überraschung noch Neugier; er hatte genug andere Sorgen. In wenig Worten bedeutete er seiner Tochter alle Vorzüge der Verbindung, die er für sie veranstaltet habe. Emma wurde abwechselnd bleich und rot; sie fürchtete eine Falle und öffnete den Mund nur, um in gewöhnlichen Redensarten ihre Unterwürfigkeit auszudrücken. Er verließ sie alsbald wieder, um Herrn Narni her zu holen, den er nach Art eines Gendarmen mit Gewalt herbeibrachte. »Hier ist Ihre Braut,« sagte er, indem er ihn ins Zimmer schob. »Sie kennen sie und sie kennt Sie. Jetzt, wenn Sie ein Ehrenmann sind, werden Sie ihr gefälligst den Hof machen, und zwar munter.«

Der erste Blick der beiden Liebenden war ein ganzes Gedicht in kürzester Form; und man würde Bände brauchen, um den vollen Inhalt zu erschöpfen. Aber der schöne Liebhaber, durch Erfahrung gewitzigt, hütete sich wohl, vor Bitterlin seine Freude auszulassen. Er wartete einen günstigen Augenblick ab, um der Geliebten das Geheimnis des so unvermuteten Glückes zu erklären. Die kleine Schlaue begriff die Dinge schon durch Andeutungen und begann ebenfalls Komödie zu spielen.

Wie bei Lafontaine der Esel an dem Bache machte der Hauptmann immer einen Schritt vorwärts, so oft man ihn zurückzog. Emma und Meo manövrierten so geschickt, daß am Ende der ersten Begegnung Herr Bitterlin sie zwang sich zu küssen. »Mir kann nichts widerstehen!« sagte er und rieb sich vor Vergnügen die Hände.

Wenn Meo seinem Hange nachgegeben hätte, so würde er im Salon der Vogesenstraße den ganzen Tag zugebracht haben. Aber er beherrschte sich so gut, daß der Hauptmann die kurze Dauer seiner Besuche tadelte. »Das heißt nicht Ihr Versprechen halten,« sagte der unlenksame Schwiegervater mehrmals. »Sie verspäten sich bei der Ankunft und Sie laufen weg, als ob das Haus brennte. So beträgt man sich nicht, zum Kuckuck; wollen Sie sich über mich lustig machen?«

Er schalt auch über die kühle Haltung seiner Tochter. »Jungfer Zimpferlich,« sagte er, »Sie werden den Mann nehmen, den ich Ihnen gebe, oder werden sagen, warum nicht. Ich weiß recht gut, was Sie ärgert. Da steckt so eine Erinnerung noch im Kopfe. Sollten Sie sich je einfallen lassen, an die erste Liebe zurückzudenken, so wird es Schläge setzen nicht von Ihrem langen Herrn Gemahl, sondern vom Papa!«

Das junge Paar trieb sein Spiel so gut, daß Bitterlin vor Ungeduld großartig wurde. Den ganzen Tag trabte er vom Standesamt zur Kirche, und vom Schneider zur Näherin, um die Vorbereitungen zu beschleunigen und die Hindernisse zu beseitigen. Nachts sprang er plötzlich vom Bette auf und lief zur Katharinenstraße, um zu sehen, ob sein Schwiegersohn nicht ausgerückt wäre. Niemals hatte er so viel Eifer bei seiner eigenen Heirat entwickelt. Er that mehr als ein Verlobter, auch mehr als ein Vater; man konnte sagen, er war ein General am Tage vor der Entscheidungsschlacht.

Endlich brach der große Morgen an. Vielleicht hatte weder Emma noch Meo ihn so glühend erwartet, wie er. Nur Wenigen wurde das Glück zu teil, den Hauptmann im Siegeskranze zu bewundern; die vier Zeugen beim Duell, der Hausarzt, Herr Arthur Le Roy und Herr Silivergo machten den ganzen Hochzeitszug aus. Noch dazu war Herr Silivergo nur durch Zufall eingeladen; Meo hatte ihn auf der Straße getroffen und ihm sein Glück mitgeteilt. Der Buchdrucker hatte sich selbst zur Hochzeit geladen mit den Worten: »Ich will den schönen Tag mit Ihnen feiern als Ihr früherer Brotherr und zukünftiger Schwager. Ich heirate in einigen Wochen Ihre Verwandte, Fräulein Aurelia.«

Herr Bitterlin packte die Gäste selber in die Wagen ein; an der Treppe des Rathauses ließ er sie auch an sich vorüberziehen. In den großen Saal zog er ein, wie Alexander der Große in Babylon. Als der Standesbeamte an Herrn Narni die übliche Frage richtete: »Sind Sie gewillt, Johanna Franziska Emma Bitterlin zur Gattin zu nehmen?« so hörte man den Hauptmann halblaut murmeln: »Ich möchte es wohl sehen, ob er nicht gewillt wäre! Da bekäme er es mit mir zu thun.«

Die Feder, mit der man im Zivilstandsregister unterzeichnete, war eine schöne große Gänsefeder, die noch ihren ganzen Bart hatte und als Säbelklinge gestaltet war. Bitterlin reichte sie stolz seinem Schwiegersohn mit einem befehlenden Gestus, der einer Fechterfinte glich: »Eins, zwei, drei!« Meo lächelte, unterschrieb und fiel halb ohnmächtig auf den nächsten Sessel. Jetzt war er glücklich!

Die Eingeladenen beglückwünschten den Hauptmann vor dem Kirchgange; denn für Männer ist die Civiltrauung die Hauptsache. Die ergreifende Einfachheit dieses entscheidenden Aktes preßt einem Graubart oft Thränen aus, während die Rührung der Frauen erst vor dem Altar ausbricht, beim Klang der Orgel. Bitterlin antwortete auf den Glückwunsch des Herrn Le Roy: »Mein lieber Herr, die Welt wird nie erfahren, wie viel Not mir diese Sache gemacht hat. Ich habe ganze Berge auf meinen Schultern getragen! Aber die Ehre verlangte es; ich habe gewollt und habe gesiegt. Dies ist mein Austerlitz. Indessen, erlauben Sie, wir sind noch nicht zu Ende; ich muß meine Nachzügler noch etwas antreiben!«

Mit diesen Gefühlen führte er seine Leute in die Kirche. Er hörte die kurze Ansprache des Geistlichen mit gewissenhafter, ich möchte fast sagen gewaltsamer Aufmerksamkeit an. Alle Wendungen über die Pflichten der Ehegatten bekräftigte er mit energischer Handbewegung gegen seinen Schwiegersohn.

Beim Austritt aus der Kirche nahm er Narni beiseite und sagte ihm ins Ohr: »Jetzt, Herr, wenn Sie so ehrlos wären meine Tochter zu betrügen, würde ich Sie totschlagen, aber nicht mehr im ehrlichen Zweikampf, wie einen Mann, sondern einerlei wo und wie, als einen Hund!«

»Da hätten Sie ja so sehr recht!« antwortete der Schwiegersohn.

Eine reichliche, von Agathe bereitete Mahlzeit wurde in den Gemächern in der Vogesenstraße aufgetragen. Es war, was die Bürgersleute ein Déjeuner dinatoire nennen; denn die Gäste setzten sich gegen Mittag zu Tisch und standen nicht vor elf Uhr abends wieder auf. Meo genoß zum erstenmal ohne Zwang das Glück Emma zu betrachten. An seinem Glücke hätte nichts gefehlt, hätte er nicht 121 220 Franken in seiner Rocktasche mitgeschleppt. Diese Last, mit der ihn Bitterlin nach der Messe beschwert hatte, machte ihm einigermaßen zu schaffen.

Die Herren Boucart und Roblot hieben heldenmäßig bei der Mahlzeit ein; Rolands Schwerthiebe konnten kaum wunderbarer sein.

Beim Nachtisch bat Herr Silivergo, der Verschwägerte Narnis von weiblicher Seite, um die Erlaubnis, ein Sonett eigener Mache vortragen zu dürfen. Dieses schöne Stückchen italienischer Poesie wurde um so leidenschaftlicher beklatscht, als kein Mensch ein Wort davon verstanden hatte. So hat die französische Eitelkeit den fremden Litteraturen stets große Erfolge bereitet.

Herr Arthur Le Roy, der mit dem Departement der Getränke betraut war, brachte folgende Trinksprüche aus:

»Auf den Soldaten Bitterlin!« »Auf den Korporal Bitterlin!«

»Auf den Sergeanten Bitterlin!« »Auf den Leutnant Bitterlin!«

»Auf den Hauptmann Bitterlin, Ritter der Ehrenlegion!«

Der Hauptmann, der bei jedem Toast gewissenhaft sein Glas geleert hatte, wurde ganz gerührt. Aber Le Roy, der ihn unter den Tisch trinken wollte, schwur, der größte Hauptmann unserer Zeit dürfe nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Er rief ihn wieder unter die Fahne und trank nach und nach auf den Bataillonskommandeur, auf den Oberst, auf den General und sogar auf den Marschall Herzog von Bitterlin! Der arme Mann wehrte sich gegen so viel Ruhm, während er dabei wie ein Tambour trank. Die Freunde Boucart und Roblot stießen auch mit ihm an und beglückwünschten ihn zu seiner Beförderung, an der sie nicht mehr zweifelten.

Man hätte ihn in Wein ersäuft, wie Clarence, wenn der Arzt nicht Halt geboten hätte. Der treffliche Doktor erschrak, als er dieses wilde Temperament in solchen Exceß fortgerissen sah. Er fragte den Hauptmann vertraulich, ob er wohl an einen Aderlaß gedacht habe; der alte Held antwortete in einem unnachahmlichen Tone: »Niemals, Herr; ich vergieße mein Blut nur vor dem Feinde.«

Er war trunken, und dennoch bewunderte Herr Medine, ein kaltblütiger Zuschauer, seine feste Konstitution. Er neigte sich gegen seinen Neffen und flüsterte diesem ins Ohr: »Schau mir einmal diesen alten Haudegen an; er ist einer der letzten Schaustücke der großen Armee; er stellt eine Rasse dar, die zwischen Moskau und Waterloo untergegangen ist. Die Frauen bringen dergleichen nicht mehr zur Welt; man könnte sagen, die Form dafür sei vernichtet. Er ist sechzig Jahre alt und hat getrunken für ein Dutzend Männer. Wie sicher sitzt er da auf seinem Stuhle! welche Festigkeit in der Kommandostimme! man würde sie eine halbe Stunde weit auf dem Schlachtfelde hören. Und nun bedenke, er gehört nur zu den verfehlten Existenzen seiner Zeit, und danach stelle dir vor, wie die andern gewesen sein müssen! Ich bin überzeugt, daß jetzt, während sein Hirn umnebelt ist, sich darin eine feste, unbewegliche Idee erhebt; sie durchdringt alle seine Bewegungen und bricht aus allen Blicken hervor, die er auf seinen Schwiegersohn wirft. Dieser Invalide hat das Gefühl eines Selbstherrschers; er freut sich daran, daß er aller Welt eine Heirat aufgezwungen habe, die doch unser Werk ist. Erführe er, daß der Graf, seine Tochter und die übrigen alle ihn genarrt haben, so würde er wie eine Bombe platzen.«

»Still!« sagte der Leutnant, »er redet Sie an.«

»Oberst,« schrie Bitterlin, »Sie sollen dem 104. Regiment sagen, daß ich immer fest auf dem Posten bin, und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, so muß das gerade durch gehen. Ich will leben, alle Henker! und auf Ihre Gesundheit.«

Der Qualm und die Hitze wurde unerträglich, ungeachtet zwei offener Fenster. Außerdem begannen die Vermählten sich mit schmachtenden Blicken anzusehen.

Wie ein altes verrostetes Räderwerk, das aber noch kräftig ist, erhob sich der Hauptmann, um seine Gäste zu verabschieden. Auf der Schwelle umarmte er sie alle und drückte ihnen die Hände, saß sie aufschrieen.

Als er dann mit Tochter und Schwiegersohn allein war, schrie er mit kräftigster Stimme: »Wechsel der Garnison! vorwärts marsch! Wartet, daß ich mein Degengehenk umnehme; die Compagnie zieht nicht ab ohne ihren Hauptmann!«

Er führte sie selbst zu Fuße bis zur Katharinenstraße. Dort hatte die dicke Agathe ihnen ihr Nest bereitet, bis Meo ein anderes fände. Der Hauptmann segnete sie militärisch unter der Hausthüre und sagte zu seinem Schwiegersohn in Form eines Tagesbefehls: »Du würdest ein arger Feigling sein, wenn du sie nicht glücklich machtest.«

Das ließ sich Meo nicht zweimal sagen.

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