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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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XIV. Die Schlacht

Das 104. Linienregiment hatte seine Garnison in Paris. Hauptmann Bitterlin eilte nach der Kriegserklärung an seinen Schwiegersohn morgens frühzeitig in das Militärkaffeehaus der Straße Saint-Antoine und verlangte das Militärhandbuch von 1858. Meo hatte ganz ruhig geschlafen, ging in sein Lesekabinett und suchte im Militärhandbuche die Liste der Offiziere vom 104. Regiment. Beide Feinde hatten gewichtige Gründe, ihre Zeugen gerade aus diesem Regiment zu wählen. Der Hauptmann hatte dort mehrere Kameraden, und Meo einige Freunde. Beide hatten dort ein Andenken hinterlassen, ja noch mehr: eine Tradition, eine Legende. Die Masse der jungen Offiziere erheiterte sich noch zuweilen an einigen historischen Karikaturen, die auf Hauptmann Bitterlin gingen, und alle Offiziere, welche die Belagerung Roms mitgemacht hatten, erinnerten sich an die schöne Haltung des Deputierten Miranda vor dem Kriegsgericht.

Emmas Vater richtete sein Augenmerk auf zwei von der Pike auf gediente Offiziere, die in seiner Compagnie Sergeanten gewesen waren, den Leutnant Boucart und den Hauptmann Roblot; zwei brave Dickhäuter, kühn im Feuer, wohlbeschlagen in der Theorie, und die kein Wasser in ihren Absinth gossen. Er fand sie in der Gegend der Kaserne von Reuilly, an der Thür einer Schenke, wo sie sich vor dem Mittagessen den Appetit schärften. Die Herren standen auf, als er herankam, und begrüßten in ihm ein vollendetes Muster aller soldatischen Tugenden. Sie schüttelten sich mehrmals kräftig die Hände, und nachdem die Finger geknackt hatten, nahmen sie einen Imbiß. Dann kam der Kaffee nebst der gewohnten Würze, Cigarren zu drei Sous und kleine Gläser Branntwein. Als die drei Horazier dampfend dasaßen, erfrischten sie sich mit einigen Flaschen Bier. Aber bald mußte man eine Punschbowle anzünden, um den Magen zu stärken, den das Bier erkältet hatte. Das Frühstück hatte Bitterlin bezahlt; seine tapfern Kameraden wollten nicht hinter ihm zurückstehen und so wetteiferten die drei Ritter in Höflichkeit bis um fünf Uhr abends. Dann erst setzte der alte Hauptmann ihnen den Anlaß seines Besuches auseinander. Er legte die Cigarre auf den Tischrand, faßte die beiden Freunde bei der Hand, blickte ihnen tief in die Augen und sagte halblaut: »Kinder, es ist noch nicht vorbei; ich habe euch um einen Dienst zu bitten.«

»Zu Befehl!« rief Roblot.

»Hauptmann,« fügte der andere bei, »auf Leben und Tod!«

»Danke. Pik ist Trumpf.«

»Bravo! Ah, er geht immer fest drauf, der Hauptmann Bitterlin.«

»He, he! Sie haben im Regiment ein famoses Andenken hinterlassen.«

»Nun hört die Sache. Es ist ein Gelbschnabel, der sich an mir verfehlt hat.«

»Und Sie werden ihn nicht verfehlen! Vorwärts marsch!«

»Ich will euch erzählen.«

Während er nun seine Anklage gegen den Italiener zusammenfassen wollte, packte ihn eine seltsame Verlegenheit. Nicht, daß er das Bewußtsein seines guten Rechtes verloren hätte; aber er wußte nicht, womit er beginnen sollte. Der Zorn, der Punsch und die Selbstachtung arbeiteten so gewaltig in ihm durcheinander, daß er bei Beginn seiner Erzählung mit offenem Munde stecken blieb. Erzählen, daß ein frecher Kerl die Hand seiner Tochter ausgeschlagen hätte, ohne daß sie ihm angeboten war – das hätte ihn ganz überflüssigerweise bloß gestellt. Das Regiment hatte von Frau Bitterlin vielerlei gesprochen; wozu sollte er noch Emmas Ruf bösen Zungen preisgeben? Ganz erfüllt von diesem Gedanken warf er sich auf die 120 000 Franken, welche Meo sich versteifte ihm zuzuschieben. Diese Frage des Zartgefühls rechtfertigte ausreichend seine kriegerischen Gedanken; und man braucht nicht mehr, besonders im Regiment, um die Klingen zu ziehen. Aber als er den Mund aufthat, um zu erzählen, was er in Baden gethan hatte, begegnete sein Blick der Nummer 104, die in Relief auf die Knöpfe des Leutnants gepreßt war. Man muß Soldat gewesen sein, um die stumme Sprache zu verstehen, welche die Ziffer auf den Knöpfen eines Rockes redet. Für den Mann, der mit Ehren gedient hat, umfaßt die Regimentsnummer den Corpsgeist, den Ruhm der Fahne, die errungenen Siege, die erfüllten Pflichten, die hergebrachten Tugenden, welche die Soldaten mit ihren abgenutzten Uniformen sich vererben. Bitterlin erinnerte sich an die guten Lehren und das schöne Beispiel, das er so lange Jahre dem 104. Regiment gegeben hatte, und er wagte nicht, zweien Offizieren dieses Regiments zu sagen, daß er ein Vermögen beim Spiel erworben habe. Mit der verzogenen Miene eines Kindes, das eine Pille verschlucken muß, sagte er: »Meine Freunde, Sie sind Ehrenmänner, ich bin Ehrenmann, mein Gegner ist auch ein Ehrenmann, obgleich er nicht die Ehre besitzt, ein Franzose zu sein, und die Angelegenheit ist der Art, daß sie sich nicht anders in Ordnung bringen läßt. Verstehen Sie?«

»Vollkommen,« antwortete Boucart.

»Einen Augenblick,« warf Hauptmann Roblot ein. »Sind wir der Beleidigte?«

»Ja.«

»Dann haben wir die Wahl der Waffen.«

»Das versteht sich von selbst. Ich wähle den Ordonnanzsäbel. Wenn man indessen auf dem Degen bestände, so könnten Sie darin nachgeben.«

»Abgemacht; und wann geht der Tanz vor sich?«

»Am besten möglichst bald.«

»Vorwärts! Auf Ihre Gesundheit, Hauptmann Bitterlin!«

»Auf die Ihrige, Hauptmann Roblot! Leutnant Boucart, auf die Ihrige!«

»Auf die Alten von der alten Garde!«

»Auf das 104.!«

»Es lebe der Kaiser!«

Man machte Rest mit der Punschbowle und die drei Helden blieben überzeugt, daß Bartolomeo Narni einen Säbelhieb über den Kopf erhalten mußte, zur Ehre des Hauptmanns Bitterlin, des 104. Regiments und des schönen Landes Frankreich. Condillac hätte das ganze Arsenal seiner Logik erschöpfen können, ohne sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Unterdessen hatte Meo die Hände nicht in den Schoß gelegt. Er hatte einen Besuch bei Herrn Georg Medine gemacht, früher Hauptmann und Referent im Kriegsgericht, jetzt Oberstleutnant im 104.

Herr Medine ist ein Offizier, wie man deren glücklicherweise viele in unserem Heere findet; ein Kriegsmann, in dem zugleich ein Weltmann steckt, der die Theorie mit der Praxis vereinigt, kalt in Angelegenheiten des Dienstes, liebenswürdig in gesellschaftlichen Beziehungen, in den kräftigen Studien des Soldaten erzogen, in der Litteratur bewandert und verfeinert durch den Umgang mit Frauen. Er hat in früher Jugend den Tornister getragen, wie Bitterlin, Roblot und Boucart; was ihn von diesen Herren unterscheidet, ist, daß er seine Mußestunden besser angewendet hat.

Er erkannte Meo auf den ersten Blick; denn man vergißt niemals das Gesicht eines Menschen, dem man einmal seinen Kopf abgefordert hat.

»Seien Sie willkommen,« sagte er und reichte ihm herzlich die Hand. »Sie machen mich um zehn Jahre jünger. Sind Sie denn Einwohner von Paris? oder welcher günstige Wind führt Sie her?«

Der Ankläger und der Angeklagte von ehemals unterhielten sich lang und breit über Rom und Italien; das Thema ist unerschöpflich. Indessen vergaß Meo nicht seine Hauptsache. Er erzählte ganz im einzelnen seine Beziehungen zu Herrn Bitterlin, seine Liebe und seine Reise, seine Anschläge und seine Hoffnungen, und dann den Streit von gestern, der alles gut machen konnte, wenn man ihn richtig ausnutzte.

Herr Medine hörte ihm bis zu Ende mit lächelnder Aufmerksamkeit zu.

»Mein lieber Feind,« sagte er endlich, »Ihre Sache gehört zu denjenigen, die nur auf dem Felde der Ehre zu schlichten sind. Ich werde Ihr Zeuge überall sein; haben Sie einen zweiten?«

»Nein, ich wollte niemand besuchen, ehe ich Sie zu Rate gezogen hätte.«

»Um so besser! wir werden meinen Neffen nehmen, der eben aus der Militärschule von Saint-Cyr kommt. Ihren Bitterlin kenne ich seit lange. Er hat einen der besten Offiziere des 104. Regiments erstochen, wegen einer Albernheit; man hätte darum keine Katze peitschen mögen. Er ist ein fratzenhafter Tugendbold und giftiger Geselle. Sie haben wohlgethan, ihn gegen den Strich anzufassen; wir werden mittels einiger Gewalt mit ihm fertig werden; ich sehe schon den Haken. Gehen Sie wieder nach Hause, erwarten Sie ruhig seine Zeugen und bringen Sie mir ihre Adresse um sieben Uhr abends; ich nehme alles auf mich.«

Meo empfing diese Herren erst um sechs Uhr; sie betrugen sich vollständig passend, nur daß sie ein wenig laut sprachen.

»Meine Herren,« antwortete er ihnen, »Sie kennen die Beleidigung, wofür Sie Genugthuung verlangen?«

»Wir wissen,« entgegnete Hauptmann Roblot, »daß die Sache nicht beigelegt werden kann.«

»Haben Sie also die Güte, bei einem von Ihnen den Besuch meiner Freunde zu erwarten; sie werden die Ehre haben, um acht Uhr zu Ihnen zu kommen.«

Der Hauptmann Roblot gab seine Adresse, denn er hatte ein Zimmer zu fünfundfünfzig Franken monatlich.

Die beiden Gäste Bitterlins waren nicht wenig erstaunt, als sie genau um acht Uhr den Oberstleutnant Medine und hinter ihm seinen Neffen hereintreten sahen.

»Herr Oberst!« stotterte Boucart, »wir wußten nicht ... wir dachten nicht ... Gewiß, hätten wir gewußt ...«

»Meine Herren,« fiel Herr Medine ein, »ich bitte, vergessen wir hier unsere Rangunterschiede.«

Er fügte in einem Tone hinzu, worin die Autorität des Kommandeurs durchklang: »Es giebt hier nur vier Offiziere vom 104. Regiment, die versammelt sind, nur eine Ehrensache zu erledigen. Der Hauptmann Bitterlin, einer unserer tapfern Kameraden, ist beleidigt von Herrn Narni, Grafen von Miranda, meinem Freunde.«

Boucart und Roblot machten eine steife Verbeugung. Herr Medine fuhr fort: »Sie haben wohl gethan, für einen alten Offizier des Regiments Partei zu nehmen. Kennen Sie den Ursprung des Streites?«

»Wahrhaftig, nein!« antwortete Roblot.

»Ich kann Ihnen mit zwei Worten die Sache angeben. Herr von Miranda hat die Tochter des Hauptmanns kompromittiert und weigert sich sie zu heiraten. Der Hauptmann hat Sie gebeten, Genugthuung zu verlangen; Herr von Miranda bevollmächtigt uns, Tag, Stunde und Waffen ganz nach Ihrer Wahl anzunehmen. Sie sehen, eine ganz einfache Sache; der Zusammenstoß ist unvermeidlich,«

»Jedoch nur,« warf Boucart ein, »wofern sich Herr von Miranda nicht entschließt, Fräulein Bitterlin zu ehelichen.«

»Ich gestehe, daß in diesem Abkommen die beste Genugthuung läge; aber da keine Aussicht ist, daß mein Freund darauf eingehen wird, können wir darüber weggehen und die Bedingungen des Zweikampfes festsetzen.«

Die Zusammenkunft ward verabredet für den nächsten Tag auf sieben Uhr morgens am Eingange des Gehölzes von Vincennes. Die Herren Medine nahmen den Ordonnanzsäbel an; sie wußten recht gut, daß man nicht blank ziehen würde.

Als Bitterlin das Ergebnis dieser ersten Besprechung erfuhr, war sein erster Eindruck Überraschung und Unzufriedenheit. Er sah seine Tochter in den Augen des Regiments kompromittiert; er hörte schon die Offiziersfrauen höchst munter über Emmas Abenteuer schwatzen und er sah, ohne zu wissen wie, im Geiste die schlimmsten Tage seiner Ehe vor sich aufsteigen. Er hatte Zornesaufwallungen, als er nach Hause ging; mehrmals schien es ihm, als ob die Erde sich geschwinder umdrehe als gewöhnlich. Ein kleiner Trost für seine große Seele war nur die Hoffnung, Meos schönen Kopf bis auf den Grund zu spalten.

»Hund von einem Fremden!« dachte er, indem er sich die Hände heftig rieb, »wenn du den Vater entehrt und die Tochter kompromittiert hast, so soll dir das doch nicht geschenkt sein!« Meo dagegen wollte vor Vergnügen sich totlachen. Er trat aus Herrn Medines Wohnung in einem unbeschreiblichen Taumel; indessen hatte er vergessen zu Mittag zu speisen. Sein Glück schien ihm jetzt ganz sicher; er zweifelte nicht, daß der morgende Tag ihn in Emmas Besitz setzen würde. Er beging denn auch, als er die Straße Saint-Antoine entlang wanderte, allerlei Albernheiten. Wenn er einem mit Schmutz bespritzten Paare begegnete, wie sie abends auf die Tanzsäle an der Barriere gehen, rief er mit komischem Pathos aus: »Ihr glücklichen Gatten! ihr geht, wohin die Liebe euch ruft. Ich bin nicht eifersüchtig; meine Zeit wird auch kommen!«

Eine Frau, die ein Kind trug, hielt er auf, hielt sich den Kleinen vors Gesicht und fragte, wie alt er wäre.

»Ein dreiviertel Jahr,« antwortete die Arbeiterin, einigermaßen bestürzt.

»Liebes Würmchen!« rief er, »küsse mich! In zwei Jahren werde ich deinesgleichen haben! Was sage ich? Deinesgleichen? Nein, du bist abscheulich, bist schmutzig! Mein Sohn wird schön sein, wie ein junger Gott!«

Ein kleiner verlaufener Hund mit erhobenem Schweife lief ihm zwischen die Beine; da warf er ihm einen Sou hin, um sich Brot dafür zu kaufen. Drei Soldaten in Weinlaune sperrten ihm den Weg; er ging höchst freundlich auf den Scherz ein und lud sie zu seiner Hochzeit; als er aber einem harmlosen Bürger begegnete, der den Mond angaffte, regalierte er ihn mit Stockprügeln.

Den Rest der Nacht brachte er damit zu, auf seinen Möbeln umherzuturnen, während Bitterlin, in sein Zimmer eingeschlossen, vor einem Spiegel den Säbel schwang und mit dem Fuße aufstampfte, daß das ganze Haus davon erbebte.

Um sechs Uhr früh kam Agathe ihren jungen Herrn zu wecken, was aber gar nicht nötig war.

»Komm hierher,« sagte er, »vortreffliches Mädchen, du tröstender Engel, treue Gefährtin der schlimmen Tage, die ich durchgemacht habe. Jetzt sind wir am Ende unseres Elendes. Du wirst in unserem Dienste bleiben; das versteht sich, Lohn gebe ich dir nicht; du sollst in Emmas und meine Börse frei hineingreifen!«

»Aber, Herr,« rief das arme Mädchen, »was ist denn geschehen?«

»Du fragst noch, größter aller Kindsköpfe? Aber ich heirate ja Emma! Laufe zu ihr hin; da ist ihr Zimmerschlüssel. Melde ihr die große Neuigkeit. Sage ihr, daß ich sie liebe, daß unser Glück sicher steht und daß ich heute früh mich mit ihrem Vater auf Säbel schlage!«

Damit entlief er aus dem Hause wie ein Narr, der er war, sprang in eine Droschke und ließ sich nach dem Gehölz von Vincennes fahren.

Die Magd glaubte ganz im Ernste, er hätte den Kopf verloren. Sie versuchte ihm nachzulaufen, aber er war schon weit weg. Da sie von Natur nicht angelegt war, eine Droschke einzuholen, so stand sie davon ab und machte sich ganz atemlos und weinend auf den Weg nach dem Hause in der Vogesenstraße.

Emma stand ans Fenster gelehnt und bemerkte sie von weitem und gab ihr Zeichen, sie möge heraufkommen. Beide Freundinnen hielten sich umschlungen unter Schluchzen und Thränen. Eine gute Viertelstunde lang sprachen alle beide zugleich, fragten einander nur und dachten nicht daran zu antworten. Emma lebte seit ihrer Rückkehr aus Baden in einer verzauberten Welt. Die sonderbarsten Geräusche unterbrachen ihre Nachtruhe; gestern war es ein Goldstrom, der auf dem Bette ihres Vaters raschelte; heute eine Reihe dumpfer Schläge, hier und da mit dem Klirren eiserner Geräte untermischt. Die ganze Zeit war sie aufgeregt durch die unerklärlichen Launen Bitterlins: bald war er fröhlich, bald finster, bald sprach er mit Wohlwollen von dem armen Narni, bald versank er in ein Schweigen von übler Vorbedeutung. Und Meo ließ gar nichts mehr von sich hören! Und das unglückliche Mädchen wagte nicht ihren Vater danach zu fragen; so sehr fürchtete sie alles zu verderben, wenn sie ihr Geheimnis verriete! Aber all diese unbestimmte Unruhe, dieser Verdacht und dieser Zweifel erlosch auf einmal wie Fackellicht bei einem großen Brande, als die Magd das Wort Zweikampf aussprach. Mit einem Satze sprang Emma zu der Waffensammlung ihres Vaters hin; sofort sah sie, daß dort ein Säbel fehlte.

Als Ximene, die Braut des Cid, erfährt, daß ihr Vater und ihr Geliebter ihren Streit ausfechten, wendet sie der Infantin den Rücken und eilt hin, die Kämpfer zu trennen. Emma war dieser Rettungsweg verschlossen; sie wußte ja nicht, an welchem Orte der Hauptmann und Meo zusammentreffen sollten. Nur so viel begriff das arme Geschöpf, daß sie die Ursache all des Unglücks wäre, das nun kommen mußte. Ein Säbelhieb würde sie zur Witwe oder zur Waise machen, und wie auch der Ausgang sein mochte, für sie war alles aus. Der Mörder Meos könnte nicht mehr ihr Vater sein; der Mörder ihres Vaters könnte niemals ihr Gatte werden. Sie wehrte sich wie eine Verzweifelte gegen die Gewißheit ihres Unglücks und sah keinerlei Ausweg. Agathe versuchte sie zu beruhigen, konnte aber selbst nicht ruhig werden.

»Plagen Sie sich nur nicht mit unnützen Quälereien; vielleicht wird es ja gar nicht schlimm; man muß hoffen, daß die Gendarmen ihnen Einhalt thun. Eine Klinge kann springen, der Vater ist ja so ein Haudegen, wissen Sie! Ach, liebes Kind, ich weiß ja nicht mehr, was ich Ihnen sage. Niemals, ja niemals im Leben habe ich wie heute bedauert, so dumm zu sein!«

Bald sprach sie davon, die Wache holen zu wollen, bald wollte sie zur Kirche laufen und dem heiligen Martin, dem Patron der Soldaten, eine Kerze weihen. Diese Scene der Verwirrung und des Schreckens dauerte schon zwei Stunden lang, als plötzlich die Thüre aufging.

Herr Bitterlin erschien auf der Schwelle. Sein rotes Gesicht war fast violett. Er warf seinen Säbel auf das offene Klavier, und die elfenbeinernen Tasten stießen einen schrecklichen Seufzer aus. Beide Mädchen empfanden in diesen Mißtönen den Todesschrei einer verendenden Heeresmacht. Agathe fiel auf die Kniee und murmelte ein Stoßgebet. Emma sprang hoch auf und flog in die äußerste Ecke des Zimmers, von Schrecken und Schauder gejagt. Sie meinte Meos Blut an den Händen und Kleidern ihres Vaters zu sehen.

»Guten Tag, Agathe,« sagte der Hauptmann. »Es ist lange her, daß wir dich nicht gesehen haben, Mädchen. Fürchtet euch nur nicht, ich will euch nicht fressen. Es hat viel Geschichten gegeben. Emma, komm, setze dich auf meinen Schoß.«

Zitternd trat das Opferlamm näher. Ihr Vater ergriff sie bei der Hand und zog sie an sich: »Hör' einmal,« sagte er, »und keine Widerrede! Heute über vierzehn Tage verheiratest du dich mit Herrn Narni.«

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