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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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XIII. Meo schlägt Emmas Hand aus

Von diesem Abend an schlief Herr Bitterlin nicht mehr. Seinen reinen, unbefleckten Namen, der einen Marschall von Frankreich hätte zieren können, und der in Ermangelung von etwas Besserem der Name eines Mannes von Grundsätzen gewesen war, diesen Namen sah er durch die Zeitungen der öffentlichen Neugier preisgegeben. Mit Schrecken bedachte er, daß die ganze Welt von ihm als einem Kartenbieger reden würde. Nach den albernen Einzelheiten, mit denen man sein Abenteuer ausgeschmückt hatte, mußte er ja eines Tages in einer Galerie berühmter Spieler erscheinen. Kaum daß er die Auslage der Bilderläden anzusehen wagte, aus Furcht, dort seinem Porträt zu begegnen. Und was würde seine Tochter sagen, wenn sie von seiner Aufführung etwas erführe? Wie würde sie noch die Achtung vor seiner väterlichen Autorität bewahren? Und der Gipfel des Mißgeschicks war, daß Herr Narni nicht aufgefunden ward, und die Bankthaler immer noch auf ihren rechtmäßigen Herrn warteten. Der Hauptmann fühlte, daß eine Centnerlast von seinem Herzen fallen würde an dem Tage, wo er seine Hände von diesem Gelde rein gewaschen hätte.

In seiner Pein fiel ihm ein, den Beistand der Polizei anzurufen. Er hatte Zeiten gekannt, wo die Beamten der öffentlichen Sicherheit sich gern in Privatangelegenheiten einmischten, und er setzte nicht voraus, daß sich seit dem Ministerium von Fouché in der Welt etwas geändert habe. Eines schönen Morgens also begab er sich in das Labyrinth der Präfektur und gegen Ende des Tages war er nach einer ansehnlichen Irrfahrt im Bureau für verlorene Sachen wie ein Wrack gestrandet. Der Beamte, der ihn empfing, konnte sich nicht enthalten zu lächeln, als er sein Verlangen vernommen hatte. »Mein Herr,« antwortete er ihm, »der Dienst, um den Sie nachsuchen, gehört nicht zu unserer Kompetenz; niemand hier wird ihn leisten, einen wie hohen Preis Sie auch immer bieten mögen. Wo kämen wir denn hin, große Götter, wenn wir ein solches Geschäft betreiben wollten. Sie wissen nicht, daß die eine Hälfte von Paris ihr Leben damit zubringt, die andere zu suchen. Die Stadt ist voll von Gläubigern, die ihre Schuldner suchen, von Liebenden, die ihre Geliebten suchen, von Eifersüchtigen, die ihre Frauen suchen, von Industriellen, die stille Teilnehmer suchen, von Spitzbuben, die Tröpfe suchen, von Beleidigern, die ihre Beleidiger suchen, um ihnen hinterrücks einen Tritt zu versetzen. Sicher wäre es uns sehr angenehm, die anständigen Leute zu bedienen, die einander suchen, indem wir ihnen Gelegenheit zum Zusammentreffen verschaffen; aber wir können nicht in den Herzen lesen und würden bei dem besten Willen von der Welt oft üble Erfolge herbeiführen. Sie fragen mich nach der Adresse eines Narni; ich will glauben, daß es nicht geschieht, um ihn zu benachteiligen. Aber wenn ein anderer Narni morgen käme und sich nach Ihrer Wohnung erkundigte, um Liebesbriefe an Ihre Frau Gemahlin zu schreiben?«

»Glücklicherweise, Herr, ist meine Frau tot, übrigens ...«

»Entschuldigen Sie, ich sprach im allgemeinen. Sagen wir also, zum Beispiel, irgend ein Narni habe die Absicht sich bei Ihnen einzufinden, um Sie Ihres Geldes zu entledigen.«

»Gäbe das doch der Himmel! Hören Sie, mein Herr, und urteilen Sie, ob meine Absichten ehrenwert sind. Ich suche Herrn Narni, um ihm die Summe von 120 000 Franken einzuhändigen.«

»Nun, dann haben Sie uns ja nicht nötig. Setzen Sie ein Inserat in die Tageblätter, und Herr Narni wird, oder ich müßte mich sehr täuschen, nicht lange auf sich warten lassen. Es werden sogar mehr als einer kommen, und ich schätze Sie sehr glücklich, wenn Sie nicht einige Dutzend anrücken sehen.«

»Ei! die Sache ist nur allzu öffentlich, und die Zeitungen haben schon mehr davon geredet, als nötig wäre! Adieu, Herr, ich bemerke, daß ich für den König von Preußen hier herumgelaufen bin. Aber es freut mich sehr, gesehen zu haben, daß es in Ihrer Präfektur wie auch anderswo noch manches zu verbessern giebt.«

Als er nach Hause kam, fand er ein anonymes Billet mit folgendem Wortlaut: »Der Mann, den Sie suchen, wohnt vor Ihrer Thüre. Gehen Sie morgen früh in die Katharinenstraße Nummer 4 und Sie werden ihn im Bette antreffen.«

Meo selber zeigte sich so an, um den Gang der Ereignisse zu beschleunigen.

Andern morgens um neun Uhr lud der Hauptmann die 120 000 Franken in seine Taschen und spazierte ganz erleichtert in seinem Zimmer umher. Seit Jahren hatte ihn seine Tochter nicht so vergnügt gesehen. Er rieb sich die Hände und blieb zuweilen stehen, um die knotigen Knöchel seiner Finger einzeln knacken zu lassen. Ich glaube sogar, Gott verzeih' mir's, daß er halblaut ein Lied summte. Emma konnte diese ausgelassene Heiterkeit nicht fassen; ihr Erstaunen stieg aber aufs höchste, als er ihr unters Kinn griff und sagte: »Hast du etwas auszurichten an Herrn Narni? ich werde ihn heute Morgen besuchen.« Was sie antwortete, das wußte sie später selbst nicht mehr; ihr wurde es dunkel vor den Augen und sie bekam Sausen auf beiden Ohren. Aber der Hauptmann gab auf ihre Verlegenheit gar nicht acht; er setzte seinen Hut schief auf, schloß die Thüren mit lustigem Krach und ließ beim Herabsteigen der Treppe seinen Schlüssel bis unten am Geländer hinklappern.

Fünf Minuten darauf trat er in Meos Zimmer ohne anzuklopfen ein. Der Italiener erwartete ihn festen Fußes, obgleich lang ausgestreckt zwischen seinen schäbigen Betttüchern liegend. Seit vierzehn Tagen war er aus Baden zurück und hatte den von Aurelia vorgezeichneten Feldzugsplan vervollständigen können. Er hatte sich mit allen Mitteln für eine Entscheidungsschlacht gerüstet; sein Arsenal von Mut und List war ganz vollständig.

»Zum Henker!« schrie der Hauptmann und schwang sich rittlings auf einen Stuhl, »Sie können sich rühmen, mich in Trab gesetzt zu haben!«

»Ei? was giebt's? wer ist da?« antwortete er, seine Arme dehnend und sich die Augen reibend. Er setzte sich aufrecht ins Bett und sagte mit anscheinend unbefangener Freude: »Sie sind es, Herr Bitterlin? Welch angenehme Überraschung! Ich bin wirklich gerührt, daß Sie sich meiner erinnern!«

»Mein junger Freund, ...« begann der Hauptmann

»Danke für das gütige Wort!« unterbrach ihn der Italiener. »Ah! Sie haben mir ja auch Ihre Freundschaft nicht im ersten Augenblick geschenkt! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu drücken.«

»Schon gut, schon gut!«

»Sie haben sich immer wohl befunden seit unserm letzten Abschiede? Fräulein Bitterlin ist bei guter Gesundheit?«

»Ja. Ich bin gekommen, um von Geschäften zu reden.«

»Von Geschäften? mit mir? Da verwechseln Sie mich sicher mit jemand anders.«

»Ta, ta, ta! Dieses Mundwerk! Reden wir wenig, aber vernünftig.«

»Mein verehrter Freund, ich bin ganz Ohr.«

»Erinnern Sie sich, mich in Baden am grünen Tisch getroffen zu haben?«

Meo steckte seinen Kopf unter die Decke, wie ein auf Verbotenem ertapptes Kind. »Hören Sie mich an,« sagte er, »mein lieber Hauptmann. Ich bin kein Spieler, und wäre ich es gewesen, so hätten Ihre schönen Worte, die mir immer im Gedächtnis geblieben sind, mich gründlich von dem Fehler geheilt. Aber ich bin schwach und leicht zu verleiten. Man kann aus mir alles machen was man will; Sie wissen es ja. Hätte ich unter des Kaisers oder unter Ihrem Kommando gedient, so wäre ich vielleicht ein Held geworden; wäre ich in die Richtung von Cartouche oder Passatore geraten, so hätte ich allem Anschein nach ein übles Ende genommen. In Baden habe ich mit einer Gesellschaft von Spielern Umgang gehabt; meine Freunde waren beim Spiel vom Morgen bis zum Abend. Was geschah? ich habe mich durch das Beispiel verführen lassen. Aber Sie werden mir wenigstens die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu bestätigen, daß ich, als ich Sie in den Saal treten sah, über meine Aufführung schamrot geworden bin. Ich erinnerte mich an unser Gespräch in Schaffhausen und fürchtete eine solche väterliche Zurechtweisung, womit Ihre erwachende Freundschaft gegen mich nicht kargte. Was soll ich weiter sagen? Ich habe mich vor Ihnen verkrochen, wie die Schwäche vor der Stärke, die Thorheit vor der Vernunft, das Laster vor der Tugend!«

»Hm!« sagte der Hauptmann und kratzte sich hinter den Ohren. Dann fing er schüchtern wieder an: »Sie haben zwanzig Franken auf dem grünen Tisch vergessen.«

»Zwanzig Franken? Freilich, das ist wohl möglich. Ich war ziemlich verwirrt.«

»Ich bringe Ihnen Ihre zwanzig Franken wieder.«

»Sie, Herr Hauptmann! Das ist zu viel Güte, auf mein Wort! Aber die Strafe ist trefflich ausgedacht; ich danke Ihnen von ganzem Herzen.«

»Ich bringe Ihnen auch das Geld, das Sie damit gewonnen haben.«

»Ei, Sie scherzen allerliebst! Meine zwanzig Franken haben etwas gewonnen!«

»Sie haben 121 140 Franken gewonnen; hier sind sie!« Er machte sich eifrig daran, seine Taschen auf einen kleinen Tisch aus weißem Holze zu entleeren. Meo betrachtete diese Hantierung mit gut gespieltem Erstaunen. »Jetzt, mein junger Freund,« fuhr der Hauptmann fort, »wünsche ich Ihnen guten Abend.«

Meo ergriff ihn an seinem Rockschoße. »Einen Augenblick,« sagte er. »Haben Sie die Gewogenheit, sich näher zu erklären! Sie platzen hier, während ich schlafe, herein! Dieses Geld ...! Erzählen Sie doch, wie die Sache verlaufen ist, und beweisen Sie mir, daß ich nicht träume!«

»Nun, das ist doch sehr einfach. Ihre zwanzig Franken lagen da um zu gewinnen, nicht wahr? Sie haben großes Schwein gehabt und haben gewonnen. Habe die Ehre ...«

»Ei wie doch? so ganz von selbst? ohne sich vom Platze zu rühren? hat mein armer Louisdor eine Summe von ...! Hauptmann, Sie machen Spaß mit mir.«

»Sie sehen doch, daß ich das nicht thue.«

»Ich sehe gar nichts. War es mit Rot oder Schwarz?«

»Mit ... Schwarz, wenn ich nicht irre.«

»Mein Gott! Hauptmann, um Vergebung, daß ich Sie so lange bei Dingen festhalte, die Ihnen widerwärtig sind; aber wie oft ist denn Schwarz herausgekommen?«

»Ach, da fragen Sie mich zu viel. Ich weiß es nicht mehr.«

»Die Berechnung ist in der That leicht. Wollen Sie mir einen Bleistift und ein Blatt Papier geben? Sie haben das dort auf dem Tische. Da, da ist es schon. Danke sehr.«

»Warten Sie! ich glaube mich zu erinnern, daß Schwarz vierzehnmal herausgekommen ist.«

»Sehr gut! aber wenn es vierzehnmal herausgekommen ist, so stimmt meine Rechnung nicht. Ein Louisdor, vierzehnmal hintereinander verdoppelt, giebt 327 680 Franken.«

»Halten Sie mich etwa für einen Dieb?«

»O, Herr Hauptmann! Aber da fällt mir ein; es giebt einen höchsten Satz, den die Spieler nie überschreiten dürfen. Sehen Sie, nun kommt alles in Ordnung. Wie viel ist das doch, dieser höchste Satz? ich glaube, sechstausend Franken.«

»Kann schon sein,« antwortete der Hauptmann und wischte sich die Stirne ab.

»Da! ich bin mit der Rechnung fertig. Beim neunten Schlage hatte der Louisdor ganz allein 10 240 Franken gewonnen und den Höchstsatz überschritten. Nun mußte man ihm helfen, das übrige zu gewinnen, man entlastete ihn um 4240 Franken. Welcher Ehrenmann hat das nun gethan?«

»Ja, ich. Ich war gerade da und ...«

»Sie haben ihm sehr hübsch hilfreiche Hand geleistet. Darauf also haben Sie in derselben Weise fortgefahren und bei jedem Schlage sechstausend Franken weggenommen?«

»Ich war da und meinte gut zu handeln ...«

»Sie sind der beste Mann von der Welt. Aber wissen Sie, bei sechstausend Franken Einsatz muß man achtzehn und ein drittelmal gewinnen, um auf 110 000 Franken zu kommen. Achtzehn und neun machen siebenundzwanzig; Schwarz ist also siebenundzwanzig und ein drittelmal ohne Unterbrechung herausgekommen?«

»Ich will nicht sagen ...«

»Ah, zuletzt hat Rot gewonnen?«

»Kuckuck, ja,«

»Und dann habe ich verloren?«

»Nun, gewiß.«

»Ich will gern glauben, daß sich jemand bemüht hat für mich zu zahlen?«

»Ich war gerade da und ...«

»Danke. Aber es ist unmöglich, daß ich mich hartnäckig auf Schwarz versteift habe. Sollte ich niemals auf Rot gesetzt haben?«

»Vielleicht doch.«

»Mein Geld ist auch nicht von selbst hingegangen; man hat es geschoben. Wer?«

»Ich war gerade da ...«

»Aber wenn Sie da waren, Hauptmann, wenn Sie setzten, absetzten, einzogen, das Geld anrührten, so haben doch Sie am Ende gespielt, Sie haben gewonnen, also gehört die Summe Ihnen; geben Sie mir also meine zwanzig Franken und nehmen Sie das übrige wieder mit.«

»Herr, Sie kennen meine Grundsätze. Ich verachte das Spiel, also spiele ich nicht, also gewinne ich auch nicht, also nehme ich den Gewinn nicht an, der mir Schande einbrächte. Ich habe mich allenfalls einen Augenblick vergessen und mich möglicherweise am Zuschauen bei einer Partie unterhalten und, wenn Sie es durchaus so wollen, den Zufall, der Sie bereicherte, unterstützt. Aber diese unschuldige, weil uneigennützige Unbesonnenheit würde ein schmähliches Vergehen werden, wenn ich daraus einen Vorteil zöge.«

»Herr, ich verstehe Ihre Beweggründe, das Geld zurückzuweisen, aber ich finde es mindestens überraschend, daß Sie es auf mich abzuladen suchen. Ich habe zwanzig Franken auf einem Spieltische liegen lassen, gut; aber ich habe Sie nicht gebeten, für mich zu spielen. Ich war nicht Ihr Teilhaber, ich hatte nicht einmal die Ehre, mich zu Ihren Freunden rechnen zu dürfen; was hatten wir beide denn gemein? Hätte mein Louisdor, nachdem er Ihnen einige Tausendfrankenscheine eingebracht hatte, Sie hingerissen, Ihre Hosen zu versetzen, würden Sie so liebenswürdig sein, mich der meinigen zu berauben?«

Bitterlin dachte eine Weile nach. Auf einen solchen Empfang war er nicht gefaßt gewesen. In seiner Hast, die Last, die ihn drückte, abzuwerfen, hatte er nicht vorausgesehen, daß ein armer junger Mensch eine rein gefundene Geldsumme ausschlagen würde; daß ein gefälliger und unterwürfiger Bursche ihm die Spitze bieten könnte; daß ein gewöhnlicher Geist schärfer und gründlicher überlegen würde als er selbst. Als er nun von seinem Gegner in die Enge getrieben war, griff er zu ganz persönlichen Beweismitteln von kläglicher Schwäche. »Mein junger Freund,« sagte er, »bedenken Sie, daß ich doppelt so alt bin wie Sie, daß ich in meinem ganzen Leben das Spiel gehaßt habe, und daß ich nicht mehr wagen würde mich im Spiegel anzusehen, wenn ich dort das Gesicht eines Menschen erblicken sollte, der durch die Karten reich geworden ist.«

»Mein lieber Herr,« antwortete Meo, »wenn Sie glauben, daß Spielgelder zu behalten so unangenehm ist, warum wollen Sie mir damit ein so häßliches Geschenk machen?«

»Weil sie Ihnen gehören! Werden Sie glauben, wenn ich Ihnen schwöre, daß ich auf Ehre und Gewissen nur für Sie gespielt habe?«

»Werden Sie mich Lügen strafen, wenn ich Sie erinnere, daß ich Ihnen dazu keine Vollmacht erteilt habe?«

»Ich würde mich dem Gewinnen nicht ausgesetzt haben, wenn ich geglaubt hätte, daß ein Pfennig davon mir zufließen sollte.«

»Wenn ich Ihnen eines Tages sagen wollte: ich habe einen Reisenden auf der Straße nach Saint-Denis totgeschlagen, mit einem Messer, das Ihnen gehörte; ich habe ihm alles geraubt. Auf Ehre und Gewissen, ich arbeitete nur für Sie; nehmen Sie also diese Uhr und diese Börse, sie gehören Ihnen. Meine Grundsätze verwerfen den Meuchelmord, und ich hätte niemals eine so tadelnswerte Handlung begangen, wenn ich hätte ahnen können, daß sie mir einen Pfennig einbringen würde. Da würden Sie doch wohl antworten: Schafskopf, spüle dich im Flusse ab, aber wische deine Hände nicht an meinem Rocke rein!«

»Jeder Vergleich hinkt, Herr Narni; Ihre feinen Unterscheidungen können mich in Verlegenheit bringen, aber niemals überzeugen. Das Geld hier gehört Ihnen, machen Sie damit, was Sie wollen; ich meinerseits habe meine Pflicht erfüllt und schneide Ihnen mein Kompliment.«

Mit diesen Worten sprang er an die Thüre und lief wie ein Dieb davon. Meo war nicht genügend bekleidet, um ihn zu verfolgen. Beim Überschreiten der Schwelle hätte der Hauptmann beinahe seine alte Köchin überrannt, die eben für den Haushalt eingeholt hatte; aber es blieb ihm keine Zeit sie wieder zu erkennen. Er kehrte nach Hause zurück und frühstückte für vier Mann, ohne indessen seiner Tochter die Ursache seiner Behaglichkeit anzuvertrauen. Der ganze Tag wurde dem Vergnügen gewidmet; er stieg mit Emma in einen Wagen und zeigte ihr die Verschönerungen des Vincenner Wäldchens, wobei er ihr die Geschichte des Schlosses erzählte. Man aß zu Mittag vor der Thüre eines ländlichen Restaurants unter bestaubten Bäumen, die stark nach Kaninchen rochen. Dieser kleine Exceß verlängerte sich so tief in den Abend hinein, daß Vater und Tochter nicht vor zehn Uhr zu Hause ankamen.

Emma hatte sich schon in ihren Winkel zurückgezogen und zerbrach sich den Kopf, um die Vorgänge des Tages sich zu erklären, als ein fürchterlicher Fluch das Zimmer des Hauptmanns erbeben machte. Sie lief hin; der Vater schlug ihr die Thür vor der Nase zu und schrie: »Hier nicht herein!« Und das Klingeln des Goldes und das Geknitter der Banknoten drang zum zweitenmal an ihr Ohr. Bitterlin hatte 121 220 Franken am Fußende seines Bettes gefunden.

Er steckte den Schatz wieder in seine Taschen, ließ die Tochter sich hinlegen, schloß die Thür doppelt ab, forschte den Portier aus, der aber niemand gesehen hatte, und sprang im Nu nach Meos Wohnung. Dieses Mal schlief der Italiener wirklich; man brauchte eine Viertelstunde nächtlichen Lärms, um ihn auf die Beine zu bringen.

»Mir scheint,« sagte der Hauptmann, »Sie erwarteten mich heute nicht?«

»Ich fühle mich trotzdem sehr geschmeichelt durch Ihren Besuch. Sie haben gesehen, daß ich meine zwanzig Franken zurückgenommen habe; genaue Rechnung macht gute Freundschaft.«

»Nehmen Sie sich in acht, Herr! Die Sache wird unangenehm! Wollen Sie mir erklären, auf welchem Wege dieses Geld in meine Wohnung zurückgelangt ist?«

»Ich gebe meine Kriegslisten nicht preis. Sie waren ohne Erlaubnis von mir weggegangen; ich bin ohne die Ihrige bei Ihnen eingedrungen!«

»Aber, Herr, das ist ein Spitzbubenstreich!«

»Ich gebrauche List gegen Gewalt. Gegen einen Wohlthäter, der einem das Messer an die Kehle setzt, verteidigt man sich, wie es eben geht.«

»Nun, Herr! ich werde mich in die Grenzen des Gesetzes verschanzen. Die Gerichte werden Sie zwingen, Ihr Eigentum zu behalten.«

»Die Gerichte haben mit unserer Angelegenheit nichts zu thun, insofern das Gesetz die Spielschulden gar nicht anerkennt. Wenn ich Sie auf Ersatz von 120 000 Franken verklagte, würden alle Gerichte mich abweisen; wie sollten sie mich also zwingen, das Geld anzunehmen?«

»Teufel! dann werden wir ja nie zu Ende kommen; denn ich werde nicht nachgeben!«

»Und ich auch nicht, Hauptmann; ich habe von Ihnen gelernt! Sie bestehen darauf, ich soll dies Geld annehmen; ich bestehe darauf, daß Sie es behalten; wir werden alle beide nicht zurückweichen. Sind Sie geneigt, die Hälfte der streitigen Summe auf sich zu nehmen?«

»Nein, Herr!«

»Ich auch nicht; das trifft sich wunderbar gut. Was sollen wir thun? Unter allen Vergleichen giebt es nur einen, der möglich wäre, aber davon will ich nichts wissen.«

»Welcher wäre das?«

»Ist gleichgültig für Sie, weil ich ihn nicht will.«

»Aber nochmals!«

»Es giebt viele Leute, die den Vergleich mit größtem Vergnügen annehmen würden; aber ich bin so frei, Ihnen zu erklären, daß ich ihn zurückweise.«

»Sie können nur immerhin sagen, worum es sich handelt.«

»Ich will ihn aber nicht, will ihn nicht! Eine Heirat zwischen Ihrer Tochter und mir würde dem Streit ein Ende machen und die Summe ungeteilt erhalten. Das ist ein leichtes Einvernehmen, ein ehrenvoller und sogar angenehmer Vergleich, aber ich will es nicht.«

»Donnerwetter! Herr, Sie schlagen die Hand meiner Tochter aus! Aber ich habe sie Ihnen ja gar nicht angetragen!«

»Daran haben Sie wohl gethan; denn ich schlage sie rundweg aus!«

»Und warum, darf ich bitten?«

»Darüber habe ich Ihnen keine Erläuterungen zu geben.«

»Ich verlange aber, daß Sie sich erklären. Mir scheint doch, meine Tochter ist nicht häßlich oder abstoßend, zum Teufel!«

»In der That, Herr, man kann gegen die Schönheit von Fräulein Bitterlin nichts einwenden.«

»Also wäre etwas über ihre Aufführung zu sagen?«

»Nicht daß ich wüßte, Herr, und wenn ich die Hand Ihrer Fräulein Tochter ausschlage, so geschieht es nicht, weil ich an ihr persönlich etwas zu tadeln fände.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Nichts.«

»Sie haben gesagt: persönlich.«

»Ja, das ist möglich.«

»Was soll das heißen: persönlich?«

»Ja nun! persönlich!«

»Persönlich! persönlich! Also die Familie, Herr, hat kein Recht auf Ihre Achtung? Beabsichtigen Sie damit zu sagen, der Hauptmann Bitterlin verdiene nicht Ihr Schwiegervater zu sein?«

»Gott bewahre, Hauptmann! ich halte Sie für den ehrenwertesten Mann unserer Zeit.«

»Aber dann, Herr, wenn Tochter und Vater untadelhaft sind, gegen wen haben Sie was? Vielleicht gegen die Mutter?«

»Ich habe nie die Ehre gehabt, Frau Bitterlin zu sehen.«

»Schwören Sie mir, daß Sie nie von ihr haben sprechen hören.«

»Ich weiß nicht, ob der Eid notwendig ist. Ich habe von Frau Bitterlin als einer sehr schönen und eleganten Dame reden hören.«

»Elegant! warum nicht Modedame? Wer hat Ihnen das gesagt? wer?«

»Sie selber, Herr, wenn ich mich recht erinnere.«

»Es steht da oben geschrieben, daß ich nichts erfahren soll! Also, mein Herr, Sie schlagen die Hand meiner Tochter aus, weil Sie fürchten, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fällt! So ist es doch, nicht wahr?«

»Ich? Aber, Herr, ich schwöre Ihnen, daß ein solcher Gedanke mir nie in den Sinn gekommen ist.«

»Nun denn, warum sonst schlagen Sie die Hand meiner Tochter aus?«

»Darum!«

»Das ist kein Grund! Sind Sie verheiratet?«

»Nein.«

»Haben Sie Abneigung gegen die Ehe?«

»Nicht im entferntesten.«

»Dann, Herr, finde ich es unverschämt, daß Sie die Hand meiner Tochter ausschlagen!«

»Bitte sehr! Wenn ich Sie um ihre Hand gebeten hätte, würden Sie sie mir gegeben haben?«

»Ich? niemals!«

»Sie hätten sie mir also abgeschlagen?«

»Zum Kuckuck, ja!«

»Also worüber ärgern Sie sich nun?«

»Ich ärgere mich über Ihre Unverschämtheit und verlange, daß Sie Ihre Worte zurücknehmen.«

»Ich habe gesagt, daß ich Fräulein Bitterlin aufrichtig hochachte, ebenso ihren Vater und ihre Mutter; was soll ich zurücknehmen? ich bin bereit dazu.«

»Und ich, Herr, bin bereit, Ihnen die Züchtigung zu geben, die Sie verdienen.«

»Topp! Schlagen Sie ein, Hauptmann! Ich glaube, Sie haben recht. Ein Säbelhieb beweist niemals etwas, aber zuweilen bringt er alles in Ordnung. Wenn Sie mich kalt machen, nehme ich Ihr Geld und Ihre Tochter an; die 120 000 Franken sind für mein Begräbnis und auf dem Totenbette lasse ich mir Fräulein Bitterlin antrauen!«

»Keine Scherze, mein Herr! Bestehen Sie darauf, die Annahme der Summe zu verweigern, die Ihnen gehört?«

»Durchaus. Und überdies habe ich die Ehre, die Hand Ihrer Fräulein Tochter auszuschlagen.«

»Nun denn, mein Herr, Sie werden von mir Nachricht erhalten!«

»Mein Herr, ich werde sie mit Vergnügen entgegennehmen.«

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