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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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XII. Das Kaffeehaus zum müden Saumtier

Um zwei Uhr nachts war der feine Sprühregen stärker geworden und peitschte noch immer das Gesicht des Hauptmanns. Seine letzte Cigarre war erloschen; sein Vorrat an Flüchen, der vollständigste in der ganzen Stadt, neigte sich zum Ende. Aber er wollte entschieden auf Posten bleiben, bis der Italiener ihn abzulösen käme. Endlich bemerkte er am Ende der Straße eine menschliche Gestalt, der ein Lichtpunkt vorantanzte. Er zweifelte nicht, daß dieser verspätete Straßengänger der von ihm Gesuchte sei, wer sonst sollte so närrisch sein, in solchem Wetter und zu solcher Stunde in den Straßen zu laufen? So ging er denn entschlossen auf ihn los, um ihn beim Kragen zu fassen.

Das Gespenst brach in lautes Gelächter aus und rief mit schnarrender Stimme: »Sie sind es, Hauptmann von der Trente et quarante-Garde? Auf wen, zum Teufel, haben Sie es abgesehen, alter Gauner? Plündern Sie bescheidene Bürger auf offener Straße? Ich meinte, Sie arbeiteten nur im großen. Solche kleine Industrie überlassen Sie den armen Abgebrannten, wie ich einer bin. Gleichviel, ich werde erzählen können, daß mich in der Nacht ein Räuber angehalten hat, der eben 120 000 Franken gewonnen hatte.«

»Lieber Herr Le Roy,« antwortete der Hauptmann etwas verstört, »sind Sie nicht Herrn Narni begegnet? Hat er nicht mit Ihnen zu Nacht gegessen?«

»Nein, verehrter Herr; da gab es nur den Prinzen, den Herzog und zwei verteufelt harte Rebhühner, die man in starkem Rotwein erweichen mußte. Narni muß im Hotel sein; das ist sonderbar; der schläft!«

»Er ist nicht heimgekehrt; sein Schlüssel ist noch da.«

»Ah, nicht heimgekehrt! da wird er unterwegs hängen geblieben sein. Sehen Sie, Hauptmann meiner Seele, wenn ein Bursche wie wir vergißt nach Hause zu kommen, da sehen seine Eltern nicht gleich im Leichenhause nach, ob er etwa ertrunken ist.«

»Nämlich ich möchte mich nicht gern zu Bett legen, bevor ich ihm sein Geld wiedergegeben habe.«

»Was für Geld? Ist sie denn wirklich wahr, diese unwahrscheinliche Geschichte?«

»Ich lüge nie, Herr! Die ganze Summe gehört Herrn Narni.«

»Welche Ungerechtigkeit des Schicksals! Warum nicht mir? Er hat nicht gespielt und ich auch nicht. Ein andermal, Hauptmann, sollen Sie für mich gewinnen; ich werde Ihnen das Material dazu schaffen. Regnet es nicht ein wenig? Kommen Sie zu mir herauf, dort läßt sich besser warten.«

»Danke; ich werde lieber morgen wieder herkommen.«

»Nun dann gute Nacht. Ja so, Herr Bitterlin! Jetzt haben Sie nicht nötig, Ihrer Tochter Mitgift zu geben.«

»Wie verstehen Sie das, erlauben Sie?«

»Henker! die Bank bezahlt ja! Freut mich sehr für den braven Narni.«

»Ich begreife Sie nicht.«

»Ja, der Regen trübt Ihnen die Augen. Sie wissen recht gut, daß der junge Mensch närrisch verliebt ist.«

»Und in wen?«

»Nicht in Sie, ganz sicher. Suchen Sie dicht daneben, mein Guter, Denke mir, er drängte sich doch genug an die göttliche Emma.«

»Mein Herr!«

»O, ich sage nicht, daß er sie thatsächlich kompromittiert hat; indessen am Ende ...!«

»Legen Sie sich zu Bett, Herr Le Roy. Ich hoffe, daß Sie recht gut schlafen; Sie träumen schon.«

»Denken Sie an meine Worte!«

»Denken Sie zuerst an Ihre Worte!«

Damit ging er nachsinnend und ganz durchnäßt fort. Als er die Gänge in seinem Hotel durchschritt, hörte er sonderbares Lärmen in einem Zimmer. Ein paar Ausgebeutelte zankten sich da drinnen, und die Ohrfeigen klatschten wie Hagelschauer. Das Überraschendste bei der Geschichte war, daß die Stimmen der Kämpfenden ganz denen vom Ehepaar Möhring glichen. »Recht so!« sagte der Hauptmann; »wenn es im Taubenhause kein Futter mehr giebt, so schlagen sich die Tauben; das ist der Gewinn von dem Spielerhandwerk, Diese beiden Dummköpfe haben verloren, und nun liegen sie sich in den Haaren. Ich, der ich gewonnen habe, hätte Lust mich selber zu prügeln!«

Seine Tochter erwartete ihn in tödlicher Unruhe; das will sagen, sie waltete ungeduldig auf Nachricht von Meo. Der Vater schalt sie, daß sie sich nicht niedergelegt hatte, und erteilte Befehl, unverzüglich zu Bett zu gehen. Die arme Kleine versuchte ihn durch große Freundlichkeit zu entwaffnen; sie reichte ihm Schlafrock und Pantoffeln, und riß ihm den Überrock ab, der ihm am Rücken festklebte. Als er trocken angezogen war, wollte sie zu seinen Füßen niederkauern und ihm wie ein Kätzchen schmeicheln, indem sie ihm gewaltsam die Hände küßte. Da sie wußte, in welcher Absicht er nach dem Essen ausgegangen war, hielt sie es für gut, seinem Wahne ein wenig zu schmeicheln, um ihn zum Plaudern zu bringen.

»Liebes Väterchen,« sagte sie, »erzähle mir doch, was du gesehen hast! Ist es schön, das Konversationshaus? Sind die Säle so goldstrahlend, wie man sagt? Gab es schöne Toiletten da? Und diese abscheulichen Spieler, was schneiden sie für Gesichter, wenn man ihnen ihr Geld abnimmt? Du hast wohl sehr lachen müssen!«

»Ja, ja,« sagte der Hauptmann, an den Nägeln kauend, »ich habe gelacht ... bedeutend viel.«

»Hat man dich bemerkt? Dir Aufmerksamkeit bewiesen? Hast du ihnen recht das Gesicht eines untadelhaften Mannes gezeigt?«

»Hm! So so!«

»Waren unsere Reisegefährten da? Sind sie angekommen? Herr Le Roy hat wohl stark gespielt? Hat er die Bank gesprengt?«

»Nein, das eben nicht .... Ich habe nichts bemerkt.«

»Er war doch da?«

»Jawohl, jawohl.«

»Er war da und spielte nicht! Weil du ihn bekehrt hast!«

»Nun vorwärts, liebe Tochter, lege dich schlafen; es ist halb Drei.«

»Laß uns noch plaudern; ich bin nicht mehr müde. Hast du das junge deutsche Paar gesehen? Die haben doch ganz sicher nicht gespielt.«

»Nein,« antwortete Bitterlin. Welches Recht hätte er wohl gehabt sie anzuklagen, wenn er sich selber nicht anklagte?

»Aber dann spielte ja niemand. Ich hoffe doch, daß Herr Narni ...? Der ist doch von deiner Schule; du hast ihn bekehrt.«

»Ein schöner Vogel, den ich da ausgebrütet habe!«

»Hat er etwa gespielt?«

»Das sage ich gerade nicht.«

»Wie dumm bin ich doch! er ist vielleicht nicht mehr hier in Baden?«

»Doch!«

»Du hast ihn gesehen?«

»Ja.«

»Du hast mit ihm gesprochen?«

»Nein.«

»So hat er dich nicht erkannt?«

»Leg dich zu Bett! Morgen können wir so viel reden, wie du willst.«

»Morgen ist schon heute. Wenn du willst, wollen wir bis acht Uhr schlafen; dann giebst du mir deinen Arm und wir machen einen langen Spaziergang in die Stadt und Umgegend.«

»Es regnet in Strömen.«

»Glücklicherweise regnet es im Konversationshause nicht; dort wollen wir den Tag zubringen. Wie herrlich! Gestehe, Papa, daß die Reise mir gut gethan hat! Ich bin hundertmal lustiger als vorher! Agathe würde mich nicht wiederkennen.«

»Ich habe dir verboten, von diesem Geschöpf mit mir zu sprechen. Nun geh endlich einmal schlafen; ich will es!«

Er schob die Tochter in das Nebenzimmer, küßte sie auf die Stirn und schloß die Thür doppelt ab. Niemals war dergleichen vorgekommen seit dem Beginn der Reise. Der Hauptmann pflegte sonst die Thür nur anzulehnen, damit Emma unter dem Schutze ihres Vaters schliefe.

Dieser Umsturz alter Gewohnheit blieb indessen nicht unbemerkt. Das junge Mädchen war durch die Liebe und die Sorge zu aufgeweckt geworden, um sich etwas entgehen zu lassen. Sie legte sich ins Bett und nahm in ihrem Gedächtnisse alle die einsilbigen Antworten durch, die sie ihrem Vater entrissen hatte, und legte sie sorgsamer aus, als wenn es ein delphisches Orakel wäre. Ihr Licht war schon seit einer Stunde ausgeblasen, aber ihr Geist arbeitete noch. Sie merkte auch, daß Bitterlin ebensowenig schlief wie sie. Die Zwischenwand der Zimmer war dünn, und man hörte den Hauptmann sich auf seinem Bette hin und her werfen, wie einen durch die Ebbe aufs Trockene gesetzten Delphin. Ein Streichholz fuhr an der Wand hin und ein schmaler Lichtstreif drang durch eine Thürspalte in Emmas Zimmer. Gleich hernach wurde ihr gespanntes Ohr von einem metallischen Ton getroffen. Sie horchte mit zusammengekniffenen Händen; das Geräusch hörte auf, kam wieder und setzte nochmals aus; dann war es wie Knittern mit Papier, darauf fing das Metallgeklingel wieder kräftiger an. Emma war nicht neugieriger als alle Evatöchter; sie stand also auf und schlich auf den nackten Füßen bis zur Thür. Zwar steckte der Schlüssel so darin, daß er das Schlüsselloch verdeckte, aber der Spalt, durch den das Licht eindrang, war breit genug, um einen Durchblick zu gestatten. Da sah Emma ihren Vater, der vor sich einen gewaltigen Haufen Geld hatte; die Masse Goldes und Banknoten ließ sie unwillkürlich erschauern. Von solchem Reichtum hatte sie keine Idee gehabt; sie begriff nicht, wie ihr Vater zu dem Besitze kam und warum er das auf der Reise mit sich schleppte, und warum er nie davon gesprochen hatte, und wie ihr diese Entdeckung so lange hatte entgehen können. Und im selben Augenblicke gedachte sie der Mittellosigkeit des armen Meo, Da schien ihr dieser Berg Gold ein neues Hindernis zwischen ihm und ihr.

Eine Bewegung des Hauptmanns jagte sie in die Flucht; sie warf sich mehr tot als lebendig in ihre Betttücher. Das Licht im andern Zimmer erlosch; der Hauptmann schnarchte; die Uhren schlugen Vier, ein mattes Licht bleichte die Vorhänge; aber Emma schlief noch nicht. Alle Hähne des Städtchens hatten schon gekräht, als sie in einen unruhigen und angstvollen Schlaf sank.

Plötzlich wurde sie aufgeweckt durch einen Musiklärm, von dem die Fensterscheiben des Hotels erzitterten. Im ersten Augenblick blieb ihr von Müdigkeit erschlaffter Geist in der Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit. Es kommt oft vor, daß der Schläfer, anstatt frisch die Augen zu öffnen, stecken bleibt und noch auf der Schwelle des Landes der Träume steht, wobei er das Ereignis, das seinen Schlaf gestört hat, in eine improvisierte Fabel einrahmt. Emma stellte sich vor, sie wäre in Saint-Denis, in einer Schulklasse mit ihrem Vater als Lehrer. Jede Schülerin hatte vor sich Banknoten, wie in einem Bücherbande; der Regen peitschte die Fensterscheiben und rann an dem Glase als große Goldstücke herunter. Dabei ertönten Blasinstrumente und die ganze Klasse lief nun an die Fenster. Emma sah ein Regiment vorbeimarschieren, mit der Musik an der Spitze. Der Oberst wandte sich, um ihr eine Kußhand zuzuwerfen, und sie erkannte Meos Gesicht. Danach erwachte sie völlig und hörte nun deutlich, daß das Orchester im Hofe des Hotels war. Sie sprang aus dem Bette, um Meo an der Spitze des Regiments vorbeireiten zu sehen, aber sie erblickte nur einen Haufen Musiker, die im Abzuge waren, und ihren Vater, der sie fortschickte und ihnen Geld gab.

Für den Augenblick glaubte sie noch zu träumen und kniff sich, um zu erfahren, ob sie nicht mehr schliefe. Nie seit ihrer Kindheit hatte sie ihren Vater so ärgerlich über Musik gesehen, und nie hatte sie ihn so freigebig gekannt, wie jetzt eben. Sie nahm sich vor, ihn um die Lösung dieses Rätsels zu bitten, sobald er wieder heraufkäme. Aber er ging hinter den Musikern fort und erschien vor Mittag nicht wieder. Emmas beide Thüren blieben immer verschlossen.

Der Hauptmann kam in sein Zimmer zurück; er hatte ein so wildes Aussehen, daß seine Tochter ihm nichts zu sagen wagte. Ein Kellner folgte ihm auf dem Fuße, mit dem ganzen Frühstück auf einem Brette. Noch tags zuvor hatten sie an der Wirtstafel gespeist. Emma machte beim Nachtisch die Bemerkung, das Wetter wäre schön und man könnte die Stadt besehen; aber Bitterlin antwortete trocken, das sei nicht möglich. »Wir wollen einpacken,« sagte er, »und nach Paris zurückfahren.«

Auf diesen unwiderruflichen Entscheid hatte das Mädchen nichts zu antworten. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß ihr Geheimnis verraten wäre. Sie machte ihre Pakete und empfahl sich Gottes Gnade, als sie mit dem Vater die Treppe hinabstieg. Unten am Thore bemerkte sie, daß die Dienerschaft des Hotels sich in einer Reihe aufgestellt hatte, um sie vorbeigehen zu sehen. Im Omnibus richteten die Reisenden ihre Blicke auf sie mit peinigender Zudringlichkeit. Auf dem Bahnhofe entfuhr dem Beamten bei der Paßrevision ein Ausruf, als er den Namen Bitterlin las.

Die deutschen Eisenbahnwagen brachten sie so leidlich bis zur Kehler Rheinbrücke. Der Hauptmann hatte sich während der Fahrt nicht aufgeheitert. Emma erinnerte ihn schüchtern, er habe versprochen, ihr das Straßburger Münster zu zeigen; er antwortete in einem Tone, der keine Widerrede duldete: »Daran wird jetzt gebaut.«

»Nun denn,« dachte das arme Mädchen, »er bringt mich nach Hause, um mich zu morden, ganz sicher.« Sie versuchte in Lüneville Zeit zu gewinnen; der Hauptmann hatte ja angekündigt, sie würden sich dort aufhalten. Aber er erklärte, die Gegend sei ungesund, es herrschten dort die Masern und um keinen Preis werde er sich dort aufhalten. An der Abzweigung nach Chalons sagte er, das Lager biete keine besondere Merkwürdigkeit mehr und die großen Manöver wären schon zu Ende. Emma ergab sich drein, wie Iphigenie, und sagte dem süßen Licht der Sonne Lebewohl! Sie betrat das Haus in der Vogesenstraße wie ein Grab, das sie zu verschlingen bestimmt war.

Wie groß war aber ihre Überraschung, als sie ihres Vaters Zimmer vollgeladen von frischen Blumen sah! Der Kamin, die Tische, die Betten lagen voll von großen Bouquetts. Dieser erfreuliche Luxus des Sommers gab ihren Gedanken plötzlich eine andere Richtung. Sie spottete über ihre bisherige Furcht, sie schämte sich und flog dem Vater an den Hals, um zu danken und um Verzeihung zu bitten. Aber Agamemnon wandte finster das Haupt ab, und das Opferlamm begriff, daß nur der Altar zur Opferung geschmückt war.

Indessen vergingen acht Tage, ohne daß sie die Schneide eines Messers sah. Ihr Vater behandelte sie gut, wenn er ihr auch kaum zulächelte. Er frühstückte mit ihr zu Hause und führte sie zu Mittag ins Restaurant. Vielleicht wollte er kein mageres Opfertier abschlachten. Einen großen Teil des Tages schloß er sie ganz allein ein, während er seinen Geschäften nachging; und seit seiner Rückkehr war er der meistbeschäftigte Mann in ganz Paris.

Der arme Hauptmann! Das Vergnügen, die Bank gesprengt zu haben, mußte er teuer büßen. Das Morgenständchen der badischen Musiker und die Blumensträuße der Marktweiber waren noch sein geringster Gram. Meos Geld drückte ihn abscheulich; er konnte es nicht erwarten, es dem Eigentümer zurückzustellen, und der Eigentümer war nicht zu finden. Die Leute im Hotel Viktoria hatten zuerst gesagt, Meo wäre nicht heimgekommen und dann, er wäre abgereist, ohne seine Adresse zurück zu lassen. Herr Le Roy kannte die Wohnung seines neuen Freundes nicht; alle Schritte Bitterlins in Baden hatten nur zur Folge gehabt, daß man mit den Fingern auf ihn wies; auch hatte er sich wohl gehütet, Emma in einem so albernen Orte umher zu führen.

Seit seiner Rückkehr hatte er in Paris das Pflaster abgelaufen, ohne die gesuchte Adresse zu finden. Warum fragte er doch seine Tochter nicht? Aber man denkt ja nicht an alles. Er war auf den Spaziergängen, vor den Theatern, an allen öffentlichen Orten umhergewandert, in der Hoffnung seinen Mann zu treffen. Er hatte dabei sogar das Boulogner Hölzchen entdeckt, so wie Christoph Kolumbus Amerika entdeckte, als er den Seeweg nach Indien suchte. Er hatte bei der Verfolgung dieses Verliebten eine größere Thätigkeit entwickelt, als je ein Verliebter auf der Suche nach seiner Geliebten aufgeboten hat. Das Adreßbuch für die Geschäftsleute wies ihm drei Narni nach, alle drei waren Ofensetzer und Kaminkehrer; aber keiner der drei war der Narni, den er brauchte.

Während er sich so in vergeblichen Gängen abmühte, ward seine Thür belagert von jenen hungrigen Bittstellern, die dem Gelde nachspüren, wie die Hornissen dem Honig. Briefe und Gesuche gab es bei ihm allmorgendlich im Überfluß, und was für Briefe, guter Gott! was für Anliegen! Der Gründer einer Aktiengesellschaft bot ihm eine Stelle mit 200 000 Franken an gegen eine Kaution von 60 000 Franken. Ein Komthur von unbekannten Orden wollte ihm einen Großcordon verschaffen, der ganz ähnlich dem der Ehrenlegion wäre. Ein Dutzend Erfinder mit zerrissenen Schuhen machten sich anheischig sein Kapital in vierzehn Tagen zu verdreifachen. Es kam nur noch auf ihn an, die Herstellung von Kaffee aus Kürbis und von Zucker aus roten Bohnen zu genehmigen; ferner Pfeifen herzustellen, die auch als Regenschirme dienen, ein Piano, das zur Toilette umgewandelt wird, und den Tschako, der als Kochtopf dient, ein Gerät ebenso wertvoll für das Haus im Frieden, wie brauchbar zum Schutz in den Schlachten. Vergebens sann er nach, durch welches Wunder oder welchen Beirat ganz Paris auf einmal von seinem großen Vermögen vernommen hatte; bald sollte er es erfahren.

Acht Tage nach seiner Ankunft ging er zufällig in das »Kaffeehaus zum müden Saumtier,« wo er sich zuweilen mit der Einnahme von Sewastopol angenehm beschäftigt hatte. Es war abends gegen zehn Uhr, um die Zeit, wo alle Stammgäste der Kneipen auf ihren Posten sind. Die Billards waren in Arbeit und die Tische vollbesetzt. Das Bier schäumte in den Schoppen und der Qualm der Pfeifen stieg zur Decke auf. Als das Profil des Hauptmanns in dem stinkenden Nebel sich abzeichnete, ertönte sein Name von zwanzig Stimmen zugleich, Löffel, Messer und Pfeifen schlugen im Takte auf die Porzellantassen und die Glasflaschen; es erhob sich ein schauerlicher Lobgesang. Die vornehmsten Stammgäste erhoben sich und brachten ihm in feierlicher Weise ihre Glückwünsche dar. Der Wirt mit einer Flasche in der Linken und einem Glase in bei Rechten, bat um die Ehre, ihm etwas anbieten zu dürfen! die Büffettdame betrachtete ihn mit gnädigen Blicken.

»Zum Henker!« schrie er und trat drei Schritte zurück, »wollt ihr mir endlich sagen, was das bedeutet?«

Die ganze Gesellschaft antwortete zu gleicher Zeit, die Bescheidenheit stände ihm sehr wohl, aber seine tapfere Aufführung, seine Uneigennützigkeit und seine Großmut würden auch wider seinen Willen in aller Welt bekannt werden auf den schwarz und weißen Flügeln der Zeitungen. Und der Wirt ging hin und holte aus seiner Schublade ein großes, etwas zerfetztes und mit Flecken bedecktes Blatt hervor. »Da lesen Sie!« sagte er. »Ich habe die Nummer in meinem Hausarchiv bewahrt. Die Herren wollten schon eine Poule spielen, um sie von dem Gelde einrahmen zu lassen; denn es ist ein Ruhm für das Kaffeehaus, einen solchen Gast zu besitzen, wie Sie.«

»Es lebe Herr Bitterlin!« schrieen drei Burschen beim Billardspiel.

Der Hauptmann warf sich auf einen Stuhl und las achselzuckend einen langen Artikel, überschrieben: Chronik aus Baden.

Der Bericht begann mit einer langen Einleitung im Zeitungsstil über das Sommerleben in Paris. Er erzählte, daß alle Pariser auf dem Lande wären, um Stockrosen, Gänseblümchen und Flieder zu pflücken; er hätte die Boulevards von der Madeleine bis zur Bastille abgesucht, ohne jemand anders zu treffen, als russische Fürsten und Lakritzenwasserhändler. »Darum,« fuhr er fort, »bin ich nach Baden gegangen, um meinen Pariser Artikel zu schreiben, während ein Redakteur der ›Nordischen Biene‹ nach Paris kam, um seinen Artikel über Petersburg anzufertigen.«

Bitterlin durchflog dann eine merkwürdig neue Auslassung über die Eisenbahnen als Ersatz für die Stellwagen und daß kraft des Gesetzes der Umdrehung der Erde, der Omnibus einst wieder an Stelle jener treten würde. Er übersprang ein halbes Hundert Zeilen dieser Philosophie, um rascher auf das ihn selbst Betreffende zu kommen:

»Baden ist eine Stadt von Pappendeckeln, die Herr Benazet vor einigen Jahren durch Theaterdekorateure der großen Oper hat herstellen lassen; er läßt sie auch in jedem Frühjahr neu anstreichen, um die Illusion zu erhalten. Die Hofseite ist großartig und zugleich patriarchalisch; die Gartenseite zeichnet sich durch angenehme Frische aus. Rings um das Konversationshaus befinden sich wirkliche Wiesen, wo ich immer erwarte Herrn Petitpas hervortreten zu sehen, wie er Madame Ferraris auf den Händen trägt. Am Tage meiner Ankunft ließ das Wetter zu wünschen übrig; beim Aussteigen glaubte ich einen großen Ölfleck zu bemerken, der durch eine umgestoßene Lampe verursacht wäre; aber am Abend, als ich ins Hotel ging, sah ich, daß ich mich geirrt hatte; es war nur Regen.

»Die Konversationssäle sind sehr belebt. Eine Auswahl der besten Gesellschaft von ganz Europa hat sich dort für den ganzen Sommer zusammen gefunden. Unter dem vergoldeten Getäfel im Rokokostil hatte ich das Vergnügen den Herzog N. zu begrüßen, dem Prinzen A. die Hand zu reichen, den berühmten Baron P. zu sehen und die fein behandschuhten Finger der göttlichen Marquise X. zu küssen.

»Meine schöne Leserin würde sehr enttäuscht sein, wenn ich nichts von den Spielsälen erzählte. Sie möge sich beruhigen; ich bin gerade recht gekommen, um dem merkwürdigsten Ereignis beizuwohnen, welches die meteorologische Geschichte von Baden seit zwanzig Jahren verzeichnet hat. Vor meinen Augen ist die Bank gesprengt worden. Bitte, erschrecken Sie nicht über dies Wort. Alle Welt befindet sich ganz wohl seit dieser Katastrophe, sogar die Bank.

»Aber dieses Wunder hat sich unter so ausnahmsweisen Bedingungen vollzogen, und ich darf wohl sagen, in so hochmoralischer Weise, daß ich die Pflicht fühle, hier darüber zu berichten. Also leihen Sie mir gütigst Ihr kleines rosiges Ohr; Sie werden sehen, daß das Spiel, das man so oft mißkennt, zuweilen seine hochmoralische Seite hat.

»Das Haus N..i, eins der achtbarsten in Paris, stand auf dem Punkte, seine Zahlungen einzustellen, mangels einer Summe von 100 000 Franken, die es am 1. September zahlen mußte.

»Der Buchführer der Herrn Na..i, ein früherer Offizier, ging zu seinen Chefs und sagte: ›Vielleicht giebt es ein Mittel Sie zu retten.‹

›Wäre es möglich?‹

›Ich glaube.‹

›So reden Sie!‹

›Nun denn: bezahlen Sie mir eine Reise nach Baden!‹

›Nach Baden?!‹

›Ja, gerade dahin. Außerdem geben Sie mir einen Louisdor aus Ihrer Kasse.‹

›Wozu?‹

›Um damit im Trente et quarante zu spielen.‹

›Einen Louisdor!‹

›Nicht mehr. Mir sagt eine Ahnung, daß ich 100 000 Franken gewinnen werde.‹

»Die Herren meinten, er wäre verrückt geworden.

»Seine Anhänglichkeit an das Geschäft rechtfertigte diese Vermutung.

»Aber er fügte im Tone der Überzeugung hinzu: ›Ich habe nie gespielt; ich muß also eine glückliche Hand haben. Überdies kann der Himmel nicht zugeben, daß das Haus N..ni mangels 100 000 Franken zu Fall komme.‹

»Sein festes Vertrauen machte auf den Geist der Herren N..i großen Eindruck.

»Man gab ihm das Reisegeld.

»Man legte einen Louisdor, den man der Kasse entnahm, dazu.

»Er reiste ab.

»Freitag den 17. kam er in Baden an und ohne im Hotel abzusteigen, eilte er ins Konversationshaus.

»Eine Stunde später war die Bank gesprengt, indem in ununterbrochener Folge Schwarz herauskam.

»Eine Stunde später begab sich der glückliche und getreue Buchführer wieder auf den Weg nach Paris, ohne gegessen und getrunken zu haben, aber mit 121 240 Franken in der Tasche.

»Man versichert, daß die Herren N..i inzwischen bedeutende Einnahmen gehabt hatten und daß sie Bitterlin gezwungen haben, die Summe zu behalten, um sich dafür Handschuhe zu kaufen.

»Der große Unbekannte heißt Bitterlin.

»Ich habe ihn am Tisch beim Trente et quarante gesehen. Er pointierte königlich, wie Mithridates, König von Pontus.

»Es ist ein alter Herr von 65 bis 70 Jahren, klein, häßlich und von gewöhnlichem Aussehen.

»Aber der Stern der Ehrenlegion glänzt auf seiner Brust.

»Er ist dessen würdig.«

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