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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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XI. Herr Silivergo

Ungeheures Beifallgeklatsch begrüßte die Niederlage der Bank und den Triumph des Hauptmanns. Aus allen Sälen strömte die Menge herbei und umdrängte ihn lärmend. Er selbst erglänzte auch eine kleine Weile in dem Strahlenkranze, der auf einer Siegerstirn prangte, aber es war nur ein vorübergehendes Aufleuchten, das rasch erlosch. Das Fieber, das ihn bis zum Ende der Partie aufrecht gehalten hatte, sank rasch auf den Nullpunkt. Die Freude am Gewinnen schwand hin wie ein Traum, und die schwarzen Gedanken zogen in sein Hirn ein gleich einem Leichengefolge. Er erinnerte sich, daß er seinen Grundsätzen untreu geworden war, vor den Augen von tausend Zeugen aus ganz Europa; daß er vier Stunden lang die Reden und Thaten seines ganzen Lebens verleugnet hatte; und daß er zwar noch der Bitterlin ohne Furcht, aber nicht mehr der Bitterlin ohne Tadel war. Sein Gewissen sagte ihm ganz unumwunden, daß all das gewonnene Geld seine verlorene Ehre kaum aufzuwiegen imstande wäre. Er geriet sogar in heftige Versuchung, die Bankbillette zu zerreißen und das Gold in alle Winde zu verstreuen, um seinem Exceß den Anstrich eines moralischen Exempels zu geben. Aber da kamen ihm die Ansprüche des Herrn Narni, deren er lange nicht mehr gedacht hatte, wieder ins Gedächtnis, und er ward mit gesteigerter Betrübnis inne, daß er seinen Ruf für die Bequemlichkeit eines Fremden geopfert habe. Darum nahm er einen Stuhl und setzte sich, düstrer im Gemüt als ein erloschenes Feuerwerk. Er packte aus, was er in den Taschen hatte und zählte auf dem Tische sorgsam die gewonnenen Summen, damit er Meo Rechenschaft ablegen könne. Nach der Berechnung zog er eine etwas vergilbte lederne Brieftasche heraus und auf dieselbe Seite, wo er vor einem Monate geschrieben hatte: Vergnügungsreise, Schweiz und Baden, erster Klasse, hunderteinundvierzig und einhalb Franken, schrieb er jetzt die ansehnliche Summe von hunderteinundzwanzigtausendzweihundertvierzig Franken! Ein alter Berichterstatter, der eben diesen Abend von Paris angekommen war, las die Summe über seine Schulter hin und beeilte sich sie zu notieren. Im selbigen Augenblick kam Herr Le Roy und begrüßte den trauernden Triumphator mit den Worten: »Nun, sind die Schafe gezählt?« Er antwortete errötend: »Ja, 121 000 und etwas darüber.«

»Beiläufig, lieber Herr Bitterlin, wie werden Sie sich von jetzt ab nennen? Sie wissen, Sie haben Ihren Namen verloren!«

Der Zeitungsreporter schrieb schleunigst auf: Bitterlin.

»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf,« fuhr Le Roy fort. »Sie sind schuld, daß ich meine Wette gewonnen habe; Alt-England hat sehr anständige Buße geleistet. Aber was sind Sie auch für ein Kerl! wie sicher und stolz Sie Ihr Haupt tragen! Ich sah Sie Ponte stechen, wie König Mithridates von Pontus.«Das Wortspiel ist deutsch nicht wieder zu geben. Ponte (spanisch) ist das Stichblatt (Carreau As) im L'hombre; das Verbum davon bedeutet das Pointieren des Spielers.

Der Hauptmann seufzte tief auf. »Ich schwöre Ihnen,« sagte er, »daß ich eben zum erstenmal in meinem Leben gespielt habe; und auch zum letztenmal. Diese 120 000 Franken sind mit einem einzigen Louisdor gewonnen, der nicht mir gehörte. Es spielt in diesem Geschäft des Schicksals Tücke. All das Geld gehört Herrn Narni: ich bringe es ihm noch heute Abend, militärisch pünktlich.«

Während Herr Le Roy und die Umstehenden O! und Ah! riefen, schrieb der beharrliche Reporter in sein Notizbuch: Ein Louisdor, eingespielt, Narni. Und darunter: Mithridates, König von Pontus. Pointieren.

Mit Anstrengung hatte Bitterlin die obige unklare Erklärung hervorgestoßen. Ihm war schlecht zu Mute; da er sich fortwährend den Kopf kratzte, verschob sich seine Perücke, und jedesmal, wenn er sich mit dem Taschentuche abwischte, ließ sein schweißtriefender Schnurrbart einen bläulichen Fleck darauf zurück. Während man ihn wie ein merkwürdiges Tier beschaute, irrten seine Augen im ganzen Saale umher, als ob sie dort jemand suchten. Zwischen den Zähnen murmelte er allerlei Schimpfwörter, die sich an einen Abwesenden richteten. Seine nächsten Nachbarn, aber auch Fernerstehende hörten hie und da Wörter wie: »Lump! Viehkerl! Großer Hansnarr! Dummkopf! Will dich schon bezahlen, aber du sollst auch zahlen!«

Er hob dann die Sitzung auf, aber ein unvorhergesehenes Hindernis hielt ihn noch etwas länger am Platze, als er wünschte. Die Sprengung der Bank hatte man sogar in jenem kleinen aristokratischen Cirkel vernommen, der sozusagen die Vorstadt Saint-Germain in Baden bildet. Tief hinten in einem entlegenen Zimmer, jenseits der Restaurationssäle, gaben sich sieben oder acht Witwen von großem Namen und großer Tugend dem Vergnügen hin, das Männergeschlecht durchzuhecheln, als ein Gesandtschaftsattaché ihnen die Neuigkeit zutrug. Da fuhr plötzlich der Geist der Mildthätigkeit in diese Damen; sie empfanden allzumal einen gewissen Kitzel, den Gewinner zum Nutzen der städtischen Hospitäler zu brandschatzen. Mit diesem guten Gedanken erhoben sie sich in Masse und ihre ehrwürdige Schar bewegte sich in Prozession zu Herrn Bitterlin hin. Der Hauptmann machte Augen, so groß wie Koffernägel, als er vernahm, wie eine dieser Halbhundertjährigen ihn anredete. Sie schnitt ihm ein etwas verächtliches Kompliment über sein großes Glück; sie meinte, wenn die Religion das Spiel dulde, so geschähe es unter der Bedingung, daß der Spieler seinen Gewinn mit den Armen teile; zuletzt hielt sie ihm einen Strickbeutel hin und lud ihn ein, die Brosamen von seinem Überflusse da hinein fallen zu lassen.

Der arme Hauptmann war dem Ersticken nahe. »Meine Damen,« antwortete er, »meine Damen ... ich bin nicht gewohnt öffentlich zu reden ... auch nicht zu spielen, das glauben Sie mir. Ich bin ein ehrlicher Soldat und ein ... untadeliger Familienvater. Grundsätze ... habe ich so viele, wie irgend einer, von ... welchem Geschlecht und von welcher Religion er immer sein mag. Aber das Geld gehört nicht mir; ich schwöre es bei diesem Ehrenkreuz, das ... Einerlei! Hier sind fünf Franken aus meiner Tasche; die gebe ich für mich, um nicht schimpflich dazustehen, Herr Narni wird übrigens thun, was er Lust hat ... wenn es ihm überhaupt paßt. Ich habe aufrichtig die Ehre mich Ihnen zu empfehlen!«

Er gab der Sammlerin fünf Franken, stürzte sich ohne aufzublicken in die Menge, durcheilte den Saal, mit beiden Ellbogen rudernd, und schoß wie ein Rasender hinaus auf die Suche nach Meo. Dasselbe Publikum, das ihm vor wenig Minuten Beifall geklatscht, verfolgte ihn mit ziemlich lautem Murren, aber er achtete nicht darauf. Er wandte dem Spielpalast den Rücken und schwur, man solle ihn dort nicht wieder treffen; er durchlief in einem Atem die Budenreihe gegenüber der Restauration, überschritt den Bach und warf sich in die Straßen der Stadt, ohne genau zu wissen, wohin er wollte. Nach einer Viertelstunde angestrengten Laufens bemerkte er, daß er verfolgt wurde. Ein regelmäßiges Geräusch, anscheinend das Echo seiner Schritte, begleitete ihn von hintenher. Zuweilen, wenn er bei einer Laterne vorbeikam, sah er einen Schatten ohne Ende sich bei dem seinigen auf dem Pflaster abzeichnen. Der Feind mußte die rechte Gestalt für das Laufen haben, denn bei jedem Sprung kam er ihm näher. Am Ende fühlte ihn Bitterlin sich auf den Fersen und wie ein von der Meute gejagtes Wild machte er Front. Da erkannte er einen Reisegefährten, Mister Wreck.

Der Bürger von New York streckte ihm die Hand hin und that lächelnd seinen großen Mund auf.

»Guten Abend,« sagte er, »lieber Herr Bitterlin. Sie laufen wie Toby Flag von Baltimore, von dem ich zweitausend Dollars in Cincinnati gewonnen habe. Aber wohin wollen Sie? Alle Hotels der Stadt sind auf der andern Seite; alle Hotels.«

»Ah,« antwortete der Hauptmann verblüfft; »um mir das zu sagen, haben Sie mich herumgejagt? Danke trotzdem.«

»O! ich wollte Ihnen auch mein kleines Kompliment machen. Sie spielen sehr gut; ja, wie ein Künstler gut. Ich spiele auch; viel; sehr stark.«

»Ich mache Ihnen kein Kompliment dafür, mein Herr.«

»Sie haben recht; heute habe ich verloren; aber das dicke Vieh von Engländer hat noch mehr verloren als ich. Herr Bitterlin?«

»Mein Herr?«

»Ich bewundere sehr Ihre Art zu spielen.«

»Ich spiele niemals, Herr! ... oder wenigstens ...«

»Ja, ich habe gehört, Ihre Rede ist sehr komisch gewesen, in Wahrheit. Wollen Sie mit mir nach Homburg kommen?«

»Wozu, mein Herr?«

»Um zu spielen. Ich setze hunderttausend Franken und Sie hunderttausend; wir werden die Bank sprengen. Hip!«

»Hip! Sie selber. Herr, ich wiederhole Ihnen, daß Sie sich in mir irren. Sie kennen mich nicht.«

»Ich kenne, daß Sie sehr gut spielen. Gewinnen Sie viel in einem Jahre?«

»Zum Kuckuck, Herr! ich gewinne nie, weil ich nie spiele, und ich spiele nie, weil ich ein Mann von Grundsätzen bin, mit andern Worten, ein anständiger Mensch.«

»O! in meinem Lande, Herr Bitterlin, ist der anständigste Mensch, der am meisten Geld gewinnt.«

»Dann rate ich Ihnen, sich Ihres Landes zu rühmen. Gute Nacht, Herr Wreck. Ach ja! wissen Sie etwa, wo Herr Narni logiert, der lange Geselle, der mit uns gereist ist?«

»Der junge Mensch? o, ja. Er spielt nicht so gut wie Sie, Herr Bitterlin. Er hat den ganzen Tag über verloren.«

»So, so! bedauern Sie ihn nur! Sie wissen nicht, wo er abgestiegen ist?«

»O doch! Er ist in Viktoria, wie ich.«

»Das hätten Sie mir eher sagen können; seit einer Stunde frage ich Sie danach.«

»Und ich, ich habe Sie gefragt, ob Sie mit mir die Bank in Homburg sprengen wollten. Ich möchte sie sehr gern sprengen.«

»Ei was! Herr, wissen Sie nicht besser Ihre Zeit und Ihr Vermögen anzuwenden? Das Spiel, diese Geißel der Offiziere, die Verzweiflung für die Familien ...«

»O, ich weiß; Sie haben das schon in Schaffhausen gesagt. Sehr komisch! o, sehr komisch! Das dicke Tier von Engländer hat Ihnen geglaubt und er hat fünfundzwanzig Pfund Sterling gewettet. Das war sehr gut; hip! Hier ist Hotel Viktoria.«

»Sehr verbunden. Gute Nacht wünsche ich Ihnen.«

»O! mich verlangt nicht zu schlafen. Wollen Sie eine Partie mit mir auf meinem Zimmer machen?«

»Hol' dich der Teufel!« murmelte der Hauptmann und drehte ihm den Rücken. Er ging aber gleich hinter ihm her und versicherte sich, daß Meo noch nicht zu Hause gekommen war; sein Zimmerschlüssel war noch beim Portier. So zündete Bitterlin denn eine Cigarre an und erwartete, auf der Straße spazierend, seinen Gläubiger. Ein feiner durchdringender Regen kam gerade recht, um diesen Spaziergang zu würzen; von Zeit zu Zeit blies er in seine nassen Hände. Er vergaß auch nicht ungefähr alle zehn Minuten das Zifferblatt seiner Uhr zu betrachten. Es war zu vermuten, daß Meo ruhig in der Restauration zu Abend aß; aber der Hauptmann wollte ihn lieber an seiner Thür erwarten, als ihn so weithin aufsuchen; er fürchtete sich auf dem Wege zu verirren und besonders, einer Witwe zu begegnen.

Während er so auf der Lauer lag und das ganze Repertoire seiner Flüche erschöpfte, stiftete sein zukünftiger Schwiegersohn in der Wohnung von Fräulein Aurelia einen Aufruhr an.

Meo hatte von der berühmten Partie sich nicht das geringste entgehen lassen. Hinter den Schultern von Mister Wreck versteckt sah er den Schwall seines Gewinstes immer höher steigen, bis der Fluß über seine Ufer trat. Er hat nachher mit seiner bekannten Aufrichtigkeit gestanden, daß während der sieben oder acht letzten Schläge das Andenken an Emma ihm nicht mehr so gegenwärtig gewesen wäre. Junge Mädchen von fünfzehn Jahren werden ihm diese viertelstündige Zerstreuung vielleicht nicht vergeben; aber ich schwöre Ihnen, verehrte Damen, daß er ebensowenig an sein Geld als an seine Geliebte dachte. Obwohl er eine ziemlich runde Summe in den Händen seines Geschäftsführers sah, beschäftigte ihn nicht der Rückkauf seines Namens, seiner Grundstücke und seiner Ahnenbilder; sein einziges Verlangen, der heißeste Wunsch seines Herzens war, den letzten Thaler der Bank springen zu sehen. Er war darin wie der Jäger; es giebt Momente, wo man sein bestes Pferd und sich selber zu Schanden reiten würde, um beim Verenden des Fuchses zugegen zu sein, nicht etwa in der Hoffnung, davon zu speisen.

Sobald das Wild am Boden lag, gönnte er sich das Schauspiel des Jagdjubels; indessen zeigte er sich dabei nicht. Er war zu zartfühlend, um dem Hauptmann auf die Schulter zu klopfen und zu sagen; »Rechnen wir jetzt!« Wozu denn einem Vermögen nachlaufen, das unfehlbar ihm selber nachlaufen wird? Er hielt Bitterlin für einen ebenso rechtschaffenen wie schwer umgänglichen Mann, und er hielt ihn für unfähig einer unanständigen Handlung so gut wie eines anmutigen Benehmens. Aber während er seines Geldes sicher war, stiegen ihm Zweifel in seiner Hauptangelegenheit auf. Die kleinen Ausrufe, die dem Munde des Hauptmanns wie Vögel von schlimmer Vorbedeutung entschlüpften, gaben ihm gerade keine Siegesgewißheit; er bezog sie auf sich, obwohl sie nicht direkt an ihn gerichtet waren. Er wagte nicht mehr anzunehmen, daß Emmas Vater bei der Ablieferung des Tagesgewinnes ihm seine Tochter noch obendrein als Geschenk geben würde, Bitterlin war eher in der Laune, ihm die 120 000 Franken an den Kopf zu werfen mit den Worten: »Dieses Kapital gehört Ihnen; Sie kostet es einen Louisdor; mich kostet es meine Ehre. Und jetzt gute Nacht!« Eine solche Abrechnung aber hätte Meos Angelegenheiten gar nicht in Ordnung gebracht. Was sollte er also in dem Falle thun? Was antworten? welche Belohnung anbieten? welchen Vergleich? welche Teilung? Der arme Junge sah sich schon mit seinem wilden Wohlthäter in den Haaren liegen.

Er zitterte davor, daß er eine Ungeschicklichkeit begehen könne; er dachte, daß beim ersten unpassenden Worte Bitterlin ihn ebenso fortsprengen würde wie die Bank. Von seinen thatkräftigen Entschlüssen war er schon meilenweit entfernt; es hätte eines Blickes von Emma bedurft, um ihm wieder Mut einzuflößen. Aber er wußte ja nicht einmal, wo sie abgestiegen war; er wußte nur, daß er noch vor Ende der Nacht mit dem Hauptmann sich würde auseinander setzen müssen.

In dieser bedrängten Lage erinnerte er sich der guten dicken Fee, die seinen Mut schon einmal wieder aufgerichtet hatte. Wie kam es, daß ihm nicht schon früher eingefallen war, Aurelia zu Rate zu ziehen? Gerade traten die alten Damen vor Herrn Bitterlin hin; Meo benutzte diesen Zwischenfall, um seinen Rückzug zu verdecken, und ging hinaus.

Alle Betrachtungen, die er unterwegs anstellte, bestärkten sein Zutrauen in den Rat, den er einholen wollte. »Ja,« sagte er, während er sich die Hände rieb und seine Schritte beschleunigte, »ja, dieses Abenteuer, dieser Gewinn muß zu unserm Heil ausschlagen und unsere Heirat sicher stellen. Da giebt es etwas zu thun, aber was? ich weiß es nicht und Emma auch nicht. Wir sind zu sehr verliebt; wenn man liebt, so hat man keine Gedanken, Aurelia allein ist imstande, uns herauszuhelfen; sie hat Geist und sie will unser Glück. Teure Aurelia! vortreffliche Aurelia! Danke! Es lebe die gute Anrelia!«

Jeder Schritt und jedes Wort belebte ihn mehr, und so sehr, daß er laufend und jubelnd an der Thür des Gasthofes ankam. »Fräulein Aurelia?« fragte er den Portier.

»Sind oben.«

»Die Nummer, geschwind!«

»Ja, Herr,« antwortete der Deutsche, »Nummer 8, erster Stock.«

Schleunig trommelte Meo mit den Fäusten an der Thüre von Nummer 8.

Keine Antwort. Stärkeres Trommeln. Im Zimmer ließ sich ein Geräusch vom Möbelrücken hören. Meo schlug mit Händen und Füßen und schrie wie ein Tauber: »Macht auf, ich bin's!«

Eine etwas entkräftete Baßstimme antwortete auf italienisch: »Chi è?«

»Ah!« sagte Meo und ward sich plötzlich der Wirklichkeit wieder bewußt. In gemessenerem Tone und in seiner Muttersprache fuhr er fort: »Lieber Herr Silivergo, ich bin sehr froh Sie anzutreffen. Machen Sie auf! ich bin es, Bartolomeo Narni. Sie kennen mich wohl.«

»Ich kenne Sie nicht mehr,« entgegnete die grobe Stimme.

»Machen Sie trotzdem auf; es muß sein!«

»Was wollen Sie?«

»Die Signora Aurelia sehen.«

»Es ist keine Besuchszeit.«

»Welche Zeit ist es denn?«

»Mitternacht.«

»Öffnen Sie doch nur; ich muß Fräulein Aurelia sprechen.«

»Sie liegt zu Bett.«

»Das ist mir gleich.«

»Aber Herr! ...«

»Haben Sie Mitleid mit einem armen Verliebten!«

»Mein Herr! ...«

»Bitterlin ist angekommen; wir haben die Bank gesprengt; er ist wütend auf mich; ich weiß nicht, was werden soll, und wenn Sie nicht öffnen, so werde ich die Thür einstoßen.«

Er schrie so kräftig, daß das ganze Haus von dem Lärmen erwacht war. Acht oder neun Reisende standen in ihren Zimmerthüren, halb ausgezogen und den Leuchter in der Hand. Die Dienerschaft des Gasthofes lief zusammen; einer davon bemerkte auf deutsch, die Stunde sei unpassend und alle ordentlichen Leute schon zu Bette. Er kehrte sich nicht an diese Zurechtweisung und um so weniger, als er nicht ein Wort davon verstand. Der Deutsche versuchte sich durch Handbewegungen verständlich zu machen. Meo sprang wie ein Tiger auf ihn zu mit den Worten: »Ha, du Tölpel! erhebst die Hand gegen einen Miranda! ich will dich lehren, was das kostet!« Gesagt, gethan; er schleuderte den armen Teufel zehn Schritte weit über den Teppich hin. Im selben Augenblicke wurde Aurelias Thür geöffnet; und doch hatte er gar nicht mehr an die Thüre geklopft.

»Herr,« sagte Silivergo, »ich empfange Sie hier nur, um Ihrem Skandal ein Ende zu machen und weil das Fräulein mich darum gebeten hat.«

Meo konnte sich nicht enthalten, einen bewundernden Blick auf den Buchdrucker im Nachtkostüm zu werfen. Herr Silivergo der kurze, gekrümmte, dickbäuchige Mann in weißer Kleidung war bei seiner groben Stimme mit einem Jagdhorn aus massivem Silber zu vergleichen. »Treten Sie ein,« sagte der Alte zu seinem früheren Korrektor; »ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe, als ich Ihnen voraussagte, es würde ein schlimmes Ende nehmen,«

»Kommen Sie doch herein, armes Kind!« fügte Fräulein Aurelia hinzu, die sich einigermaßen in ein Nachtkleid gehüllt hatte. »Sie haben recht gethan mich aufzuwecken, wenn ich Ihnen zu etwas dienlich sein kann ... Herr Silivergo versteht davon nichts, lassen Sie ihn nur reden, Erzählen Sie mir von Ihrer Liebe! Ist sie angekommen? was sonst Neues? Ich höre zu. Edler Herr Geronimo, zünden Sie alle Lichter im Zimmer an; wir können nicht genug Licht haben.«

»Aber, meine Liebe! ...« entgegnete der Alte.

»Es giebt kein Aber!« erwiderte sie.

»Nein, kein Aber!« fiel Meo ein. Er erzählte nun lebhaft seiner alten Freundin die große Neuigkeit des Abends. Als sie erfuhr, daß die Bank zu seinen Gunsten gesprengt war, erfaßte sie ein solcher Freudentaumel, daß sie ihn auf beide Backen küßte. Der alte Buchdrucker wagte eine Bemerkung. »Schweigen Sie,« sagte sie; »Sie sind nur ein Egoist!«

»Ja, sicher,« sagte Meo, »ein Egoist! Alter, du hast niemals geliebt!« Nach diesem Ausspruch kam er auf seine Sache zurück und erwartete Aureliens Rat.

Diese dachte ein Weilchen nach und senkte ihren Kopf in ihre beiden Hände, um sich besser von der Außenwelt abzuschließen. Als sie ihr Antlitz wieder erhob, waren ihre Augen in Thränen gebadet, »Ja, mein Kind,« sagte sie, »dein Glück ist gesichert. Der Himmel muß dich lieb haben, da er solche Wunder für dich gethan hat. Aber wer sollte auch dich nicht lieben?«

»Wie? was?« sagte Herr Silivergo.

»Schweigen Sie!« antwortete sie.

Meo begnügte sich mit den Achseln zu zucken. Sie zeichnete ihm in wenig Worten einen Verhaltungsplan vor, den er mit Begeisterung aufnahm. »Keine Schwäche mehr,« sagte sie ihm zum Abschluß. »Deine Zukunft liegt in deiner Hand; dir allein kommt es zu, sie zu erkämpfen. Sei unbeugsam wie eine Eisenstange.«

»Gegen wen?« fragte Herr Silivergo.

»Das geht Sie nichts an,« erwiderte sie. »Und jetzt, lieber Meo, hast du keine Zeit zu verlieren; du mußt schleunig abreisen. Giebt es einen Nachtzug?«

»Das wird uns Herr Silivergo sagen,« antwortete Meo, »Lieber Freund, sehen Sie doch im Eisenbahn-Kursbuche nach.«

Der Alte gehorchte. Der nächste Zug ging halb zwei Uhr früh ab.

»Schnell,« sagte sie, »du hast eben noch Zeit zur Bahn zu laufen; morgen kommst du in Paris an. Dein Zimmer mußt du verbarrikadieren und ihn festen Fußes erwarten.«

»Ich habe mein Gepäck noch im Hotel,« sagte Meo.

»Laß es zurück; Herr Silivergo schickt es dir morgen nach.«

»Und meine Rechnung ist noch nicht bezahlt!«

»Herr Silivergo wird sie bezahlen.«

»Ich?« sagte der Buchdrucker.

»Ganz gewiß! Ja so! hat er denn auch Geld?«

»Nein, aber mein Billet bis Paris ist bezahlt.«

»Macht nichts; du kannst nicht ohne Geld ankommen. Herr Silivergo, leihen Sie ihm fünfhundert Franken.«

»Ich sollte ihm leihen?«

»Gott!« rief Meo, »was haben Sie für einen schwerfälligen Kopf! Fürchten Sie, daß ich Ihnen bankerott werde? Ich habe doch erst heute 120 000 Franken im Spiel gewonnen!«

»Nun, und dann haben Sie meine fünfhundert Franken nötig?«

»Haben Sie denn nichts gehört?«

»Doch!«

»Also haben Sie es nicht begriffen?«

»Nein!«

»Nun denn, sie wird es Ihnen auseinandersetzen, wenn ich fort bin. Geben Sie mir zunächst fünfhundert Franken; denn wir haben keine Zeit zu verlieren, der Zug wartet nicht!«

Meo nahm das Geld, küßte Fräulein Aurelia, küßte Herrn Silivergo, küßte den Hausknecht, den er im Hausgange mißhandelt hatte, und lief in einem Zuge, bis er atemlos am Bahnhofe ankam.

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