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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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X. Das Spiel

Es war Dienstag am 14. September, als Meo Fräulein Aurelia wiedergefunden hatte. An diesem und den beiden folgenden Tagen sah sich das Freundespaar so ziemlich überall, nur nicht zu Hause. Herr Silivergo, der seinen Schützling in achtungsvoller Entfernung überwachte, war von allen diesen Begegnungen mißgestimmt, aber es gefiel ihm nicht, sich seinem früheren Korrektor erkennen zu geben. Und Meo hielt es seinerseits nicht für angemessen, diesem grämlichen Patron in die Arme zu laufen. Er war jetzt unzertrennlich von Herrn Le Roy und der lustigen Bande der Ausgeplünderten. Diese Herren erhielten Geld geschickt, dann verloren sie es, dann besserten sie durch einige glückliche Schläge ihre Finanzen wieder auf und hielten Fortuna drei Tage lang in Schach. Meo wiegte sich mit ihnen auf dieser Schaukel, er gewann und verlor und lachte über beides. Man fand ihn zu seinem Vorteil verändert und schrieb die Metamorphose Fräulein Aurelia gut. Dagegen wehrte er sich freilich mit kurzem Stocke; er beschwor seine Treue und drohte, Herr Bitterlin sollte es mit ihm zu thun kriegen. Die Geschichte von seiner großen Leidenschaft machte Aufsehen; so gern erzählte er sie. Alle diese jungen Pariser wußten, daß Herr Bitterlin im Anzuge war, und die Legende malte ihn schon wie ein Fabeltier aus. Niemand speiste in der Restauration, ohne auf die Erlegung des wilden Bitterlin anzustoßen. Emma galt als ein mittelalterliches Ritterfräulein, und Meo wurde unter dem Beinamen Eginhard gefeiert. Die Frauen interessierten sich für sein Liebesglück und mehr als eine Krinoline umkreiste ihn mit wohlwollenden Blicken. Der brave Junge erblickte darin nur Begeisterung; er seufzte ganz öffentlich für seine Schöne, wies dem Scheusal von Schwiegervater die Faust und spielte in Erwartung des Feindes Trente et quarante. Er war schon so weit, daß er die Louisdors im Verkehr des Spieles wie sehr bequeme Rechenpfennige betrachtete und ihnen keine andere Bedeutung und keinen andern Wert beimaß. Fortuna, die ja die Leichtsinnigen nicht verachtet, behandelte ihn gut.

Aber der Freitag kündigte sich als ein Unglückstag an. Schon am Morgen traf Trente et quarante Fürsorge, sein Publikum zu rupfen. Ein verteufelter Zufall vereitelte alle wohldurchdachten Pläne und die unfehlbarsten Züge. Rot und Schwarz verloren abwechselnd, ohne alle Ordnung und Regel. Keine Reihenfolge in den Karten, keine mögliche Berechnung in den Plänen der Spieler. Alles ging so gut oder so schlecht, daß die Bank, die fünfzigtausend Franken aufgelegt hatte, sechzigtausend Thaler um sieben Uhr abends vor sich sah. Mister Plum und Mister Wreck, die gerade an dem Morgen angekommen waren, verbissen sich der eine auf Rot, der andere auf Schwarz, und jeder von beiden verlor zehntausend Franken. Meos neue Freunde mußten ihren Erfolg vom vorigen Tage schwer büßen; er selbst gab mit Zinsen zurück, was er in drei Tagen gewonnen hatte. Die neckische Undankbarkeit des Spieles reizte ihn so auf, daß diesen Verliebten, diesen Philosophen, diesen Gleichgültigen ebenso wie alle andern eine Art übler Laune anwandelte. Da stand er an der rechten Seite des Bankiers und warf jedesmal einen Louisdor auf Rot oder Schwarz und dann zuckte er die Achseln, wenn er den Rechen sein Geld wegziehen sah.

Eben hatte man neue Karten gemischt; er hatte eigenhändig abgenommen und ließ seinen letzten Einsatz auf Schwarz fallen, als ein wohlbekanntes Husten ihn veranlaßte den Kopf zu wenden; da stieß er gegen die Nase des Herrn Bitterlin.

Sicher hatte er Zeit gehabt, diese Begegnung vorauszusehen und sich darauf zu rüsten. Noch vor einer Stunde hatte er zu Le Roy gesagt: »Ich werde den Hauptmann zahm machen!« Er hatte sich vorgenommen, seinem Schwiegervater die Stirn zu bieten, wo er ihm auch begegnen möge. Die Gelegenheit war sogar ausgezeichnet und die Herausforderung ungesucht, da ja Bitterlin sich stets gegen das Spiel ausgesprochen hatte. Aber als diese große Nase sich so plötzlich mitten in sein Vergnügen hineinschob, wurde er vollständig aus der Fassung gebracht. Man vergißt nicht augenblicklich den respektvollen Schrecken und den kindlichen Gehorsam von ganzen vierzehn Tagen. Die Reden des Hauptmanns über die Unsittlichkeit des Spieles kamen ihm wieder ins Gedächtnis. Die Gewohnheit des Nachgebens war stärker als alle Entschlüsse der letzten Tage und erschüttert, ja entmutigt schlich er verstohlen davon, wie ein Schüler, den der Lehrer ertappt hat.

Bitterlin war mit dem Sechsuhrzuge angekommen, ganz stramm und geschwollen von Moral. Seit Ablegung seines Glaubensbekenntnisses in Schaffhausen betrachtete er sich beinahe als einen Reformator, der mit einer freiwilligen Mission betraut ist. Er baute schon auf dem Fundament seiner Tugendhaftigkeit ein ganzes Luftschloß auf. Wie Herkules, der Bändiger der Ungeheuer, wollte er die Hydra des Spieles zerschmettern, unter dem Jubel der ehrenwerten Familien. Sein Wort und sein Beispiel sollte die Glücksspieler zu Hunderten bekehren, und die Spielpächter sogar sollten kommen und den Kultus der Million in seine Hände abschwören. Kaum, daß er sich die Zeit zum Umkleiden nahm und seine Tochter ins Zimmer einschloß. Er ließ sich den Weg zum Konversationshause zeigen und trat hinein, ebenso entschlossen, wie bei Corneille Polyeukt und Nearch in den Jupitertempel.

Der erste Heide, den er auf seinem Gange antraf, war Herr Le Roy im Kreise seiner Freunde. Der junge Mann rief ihn beim Namen und sagte: »Beeilen Sie sich mit Ihrem Spiele, damit ich meine fünfundzwanzig Louisdor gewinne!« Er antwortete, indem er sich in seiner schwarzen Halsbinde aufblähte: »Sie sollen mehr als fünfhundert Franken gewinnen, indem ich Sie lehre Ihre Leidenschaft zu bezwingen und dem Kartenspiel zu entsagen.« Er schritt weiter und hielt nur an, um vor Herrn und Frau Möhring, die Roulette spielten, mitleidig die Achseln zu zucken. Die Nachricht von seiner Ankunft hatte sich durch die Freunde von Le Roy rasch in den Sälen verbreitet. Aller Augen richteten sich auf ihn; zweihundert Personen wiesen auf ihn mit Fingern, folgten ihm nach und prüften sein Aussehen; man ging ihm entgegen, um ihn besser in der Nähe zu betrachten. Er aber ging einher im Prozessionsschritt, wandte den Kopf nach rechts und links und murmelte in den Bart: »Mir scheint, sie sind nicht gewohnt, Männer von Grundsätzen zu sehen.« Da erkannte er Meo und stellte sich hinter ihm auf, um ihm ein böses Kompliment zu machen, sobald er sich umdrehen würde. Bei der schimpflichen Flucht des armen Burschen brach er in eine Lache aus: »Faules Obst!« sagte er; »das hat nicht einmal den Mut, sein Laster zu bekennen! Sieh da! er hat seine zwanzig Franken vergessen. Zwanzig Franken auf einen Wurf! Wären zweihundert Pfund Kommißbrot!« Er kam in Versuchung, den Louisdor aufzuheben, um ihn Meo zurück zu geben, aber ein kleines Bedenken hielt ihn davon ab. Er besaß jenes plumpe Zartgefühl, das die Achtung vor fremdem Gute bis ins Lächerliche übertreibt. Übrigens nahm er sich vor zu lachen, wenn der Rechen des Croupiers das Geld einscharren und den Spieler damit strafen würde. Diese Freude hatte er aber nicht beim ersten Schlage: Schwarz gewann und Meos Louisdor bekam einen Gefährten von derselben Sorte.

»Na nun? und dann?« dachte der Hauptmann. »Mein großer Schlingel wird erst beim zweiten Wurfe verlieren!« In dieser Hoffnung stützte er sich mit den Ellbogen auf den grünen Teppich. Aber der zweite Schlag war gerade wie der erste günstig für Schwarz. Der Hauptmann sah jetzt achtzig Franken vor sich.

Mit Verachtung betrachtete er dieses durch das Spiel geschändete Gold. Es waren ganz neugeprägte Stücke; das Lampenlicht spiegelte sich darin. Bei ihrem Glanze erinnerte sich der Hauptmann unwillkürlich an die vier ersten Louisdors, die er einst im Besitze gehabt hatte. Es waren vier Zwanzigfrankenstücke gewesen, goldgelb, recht alt, recht abgegriffen und sogar am Rande etwas beschnitten. Seine Mutter hatte sie aus einem Strumpfe gezogen und ihm in die Hand gedrückt an dem Tage, wo er in den Krieg zog. »Was für ein Unterschied,« dachte er, »zwischen den Rechenpfennigen der Unsittlichkeit hier und jenen ehrwürdigen Medaillen, die meine Mutter durch Arbeit und Sparsamkeit geweiht hatte!« Bei dieser Betrachtung unterbrach ihn der Goldrechen, der vier neue Louisdors heranschob. Schwarz hatte zum drittenmal gewonnen.

»Potztausend!« sagte er bei sich; »ist das ein gerechtes Schicksal? Als ich Hauptmann zweiter Klasse war, plagte ich mich einen vollen Monat, um so viel zu verdienen, wie dieser dumme Junge mit drei Kartenschlägen zusammenkratzt. Ach, die Welt ist eine nette Bude! Nun, zum Glück zählt Schwarz 39. Ja! aber sieh da 40 für Rot! Das ist ja doppelt so viel wie mein Gold, in die Tasche des Herrn Narni!«

Er stemmte jetzt beide Arme auf den Tisch, fest entschlossen da zu bleiben, bis Schwarz verloren hätte. Aber auch der fünfte und der sechste Schlag verdoppelte wieder und wieder Meos Vermögen. Der strahlende Goldhaufen vor dem Hauptmann erhob sich zu majestätischem Umfange; es waren wohlgezählte zwölfhundertachtzig Franken. Bei einer so erheblichen Summe konnte Bitterlin doch nicht umhin zu bedauern, daß Meo nicht da war, um eine Entscheidung zu treffen. Er wußte nicht, wie weit seine Zurückhaltung ihm das Recht gäbe, zwölfhundertachtzig Franken in den Schlund der Bank zurückrollen zu lassen. Nicht etwa, daß er dem jungen Fremden Anteil geschenkt hätte; es that ihm nur leid um das Geld. »Das kann ja nicht so fortgehen,« sprach er bei sich; »der Bankier wird nicht den ganzen Abend hindurch den Haufen vor mir immerfort verdoppeln; da würde er nicht auf seine Kosten kommen.« In solchen Gedanken suchte er nach Meo umher, ohne indessen die Karten aus den Augen zu verlieren, die ihn doch halbwegs zu interessieren anfingen. Zum siebentenmal kam Schwarz heraus, und ein Bankbillet im Geleite von vierzehn Louisdor vermehrte die Reichtümer des Italieners.

Das Spiel wurde ganz sonderbar; es war die erste Reihenfolge in derselben Farbe seit dem Morgen. Der unverhoffte Erfolg von Schwarz wurde in allen Sälen besprochen und man lief herbei um zu sehen, wie weit das Glück gehen würde. Bitterlins Ruf, seine seltsamen Züge, vor allem der ansehnliche Einsatz, den er auf dem grünen Tuch vor sich hatte, zogen die Blicke auf sich. Schon waren drei oder vier niedliche Dämchen gekommen um fünf Louisdor von ihm zu leihen, aber er hatte sie empfangen, wie der wilde Eber die Hunde.

Schwarz kam zum achtenmal heraus und ließ vor ihm eine Summe von fünftausendeinhundertzwanzig Franken.

Seit frühester Kindheit hatte er nie einem solchen Wunder zugeschaut. Diese Vervielfältigung des Geldes ärgerte ihn sicherlich, aber sein Erstaunen war noch viel größer. Fünftausend Franken! Sein ganzes Jahreseinkommen in wenig Minuten durch eine Laune des Zufalls gewonnen! Mit einer gewissen Befriedigung schob er einige Goldstücke zurecht, die sich nach rechts oder links verlaufen wollten. Gewiß war er stolz, der unbeteiligte Zuschauer bei dieser Verlegenheitspartie zu sein; er beklagte im tiefsten Herzen die Unglücklichen, die um ihn her atemlos den Urteilsspruch des Schicksals verfolgten. Aber im ganzen genommen war er nicht böse, die Sache einmal in der Nähe angesehen und den Rückschlag so gewaltsamer Erregungen mitgefühlt zu haben. Er dachte sogar einen Augenblick, wenn der Spielerwahnsinn jemals entschuldbar wäre, so müßte es bei den großen Schlägen sein, die ein ganzes Vermögen einbringen oder rauben. Schon sah er in der Ferne eine Moral des Reichtums aufdämmern, ganz verschieden von der Moral der Armut, die er sechzig Jahre lang geübt hatte. Das vor seinen Augen ausgebreitete Kapital brachte sein Gehirn in unbekannte Wallungen, und seine Gedanken nahmen eine neue Färbung an. Ein Saaldiener brachte ihm einen Stuhl; er wies ihn zurück und sagte, er spiele nicht. Indessen, da der Stuhl ihm ganz leise die Waden kitzelte und er vor Erregung über die Scene in die Kniee zu sinken drohte, so setzte er sich. Der Bankier begann aufs neue die Karten auf den Tisch zu werfen und bekam bei Schwarz 31 Augen, nicht mehr. Bitterlin bemerkte die verdrießliche Miene des Angestellten, der ohne Zweifel an dem Gewinne der Bank ein Interesse hatte. Es fiel ihm ein, daß es vielleicht ein edles und ritterliches Vergnügen wäre, diese unmoralischen Unternehmungen auszuplündern und sie gerade damit zu strafen, womit sie täglich sündigten. Und als er nun zehntausendzweihundertvierzig Franken vor sich hatte, betrachtete er sich als einen Vorkämpfer der Tugend, der über den Spielteufel den Sieg errungen habe.

Diese Ereignisse, die im Leben des Hauptmanns ganz neu waren, hatten sich in weniger als einer Viertelstunde abgespielt; mehr Zeit braucht eine gut gehaltene Bank nicht, um einen Menschen zu ruinieren oder reich zu machen. Meo, obgleich von Furcht gejagt, war nicht etwa meilenweit geflohen. Die Erinnerung an Emma, seine neuerlichen großen Entschlüsse und die Notwendigkeit zu siegen oder zu sterben, führte ihn bald auf das Schlachtfeld zurück. Er war in dem Roulettesaale und strengte sich vergeblich an, Mut zu gewinnen, als ein Spieler seiner Bekanntschaft im Vorbeigehen zu ihm sagte: »Nun? so gut benutzen Sie Ihr Glück? Die Karte, welche Sie abgenommen haben, ist schon neunmal herausgekommen!« Jetzt erinnerte er sich der zwanzig Franken, die er auf dem Tische hatte liegen lassen. Obgleich er nicht entfernt ahnte, welches Glück er gehabt hatte, schlich er doch verstohlen in die Menge, die das Trente et quarante umstand, und suchte seinen Schwiegervater. Da sah er ihn gebückt wie eine brütende Henne über dem Goldhaufen und kam gerade recht, um zu hören, wie der Bankier dem Hauptmann fragte: »Wie viel zum Einsatz, mein Herr, ich bitte?«

»Ich ... weiß nicht,« antwortete der Hauptmann und wurde so rot, wie eine Schüssel voll Krebse. »Ich ... spiele nicht. Meine ... Grundsätze ...«

»Sie wissen, mein Herr,« sagte der nächste Croupier, »daß der höchste Satz sechstausend Franken beträgt.«

Alle Blicke trafen zugleich den kühnen Spieler, der über den höchsten Satz hinausgehen wollte, und Herr Bitterlin fühlte, daß er unter dem Drucke der Neugier des Publikums zusammenbrach. Er fuhr mit den Augen im Saale wild umher und hoffte Meos Gesicht zu begegnen, aber da er ihn nicht fand und sah, daß man seinen Bescheid erwartete, um die Karten zu ziehen, antwortete er mit halberstickter Stimme: »Sechstausend Franken, mein Herr. Ich ... glaube wenigstens. Ich bin es nicht ...«

Seine Hand zitterte. Er zählte sechs Bankscheine ab, setzte sie auf Schwarz und zog das übrige an sich. Bei der Berührung dieses Schatzes fühlte er einen Schwindel; ein Schwarm goldener Schmetterlinge fing an in seinem Kopfe umher zu wirbeln; er mußte sich mit beiden Händen an den Tisch anklammern und die Augen schließen. Ein Gesumse der anwesenden Menge zwang ihn bald sie wieder zu öffnen; Schwarz war zum zehntenmal herausgekommen!

»Am Ende,« dachte der Hauptmann, »werde ich meinen Grundsätzen gar nicht abtrünnig, da ich ja nicht für mich spiele. Ich spiele auch nicht für den jungen Mann, denn ich habe gar keine Verabredung mit ihm getroffen. Ich lasse nur sein Geld da, wo er es gesetzt hat, und nehme fort, was über die vorschriftsmäßige Summe hinausgebt. Thäte ich das nicht, so würden es die Croupiers schon besorgen.« Unterdessen ging das Spiel weiter, ohne ihm Muße zu lassen, sich mit seinem Gewissen abzufinden. Schwarz kam vierzehnmal hintereinander heraus und er hatte nur eben Zeit bei jedem Schlage sechstausend Franken einzuziehen.

Meo hielt sich hinter Mister Wreck verborgen und fühlte heftiges Herzklopfen. In Staunen und Glückseligkeit versunken, betrachtete er seine Schätze in den Händen des Hauptmanns; aber in seiner Verwirrung wußte er nicht mehr, ob er wünschen sollte zu gewinnen oder zu verlieren. Die Summe konnte so hoch anwachsen, daß das Haus Miranda wieder erstand; dann fragte es sich nur noch, ob Bitterlin seine Tochter einem Grafen geben würde. War es nicht besser, daß er den ganzen Gewinn des Abends wieder verlöre und den glücklichen Meo in Armut zurücksinken ließe? Dann durfte er ihn ja nicht länger abweisen, nachdem er ihn vor aller Augen ruiniert hätte! Aber wie es auch immer kommen mochte, Bitterlin war ja nun Meos Geschäftsteilhaber gewesen, sein Strohmann, sein Geschäftsführer, sein Gevatter und nach gewissen Theorien sein Mitschuldiger: wie herrlich! So starke Bande sind unzerreißbar; dem Mitschuldigen kann man nichts abschlagen.

Beim fünfzehnten Wurfe war Rot der Gewinner.

»Gut,« dachte Meo; »jetzt fängt der Krach an. O, vielgeliebter Hauptmann, ruiniere mich ganz und gar und richte es so ein, daß nicht ein Pfennig übrig bleibt!« Aber der Hauptmann hatte nicht entfernt diesen Gedanken. Sein erster Eindruck war Überraschung und Niedergeschlagenheit gewesen. Der Abgang dieses Geldes, das nicht ihm gehörte und das er kein Recht hatte zu verlieren, machte ihn ganz starr; in seinem Gewissen erhoben sich berghohe Bedenken. Er fragte sich, ob er nicht rechtlich verantwortlich für diesen Unglücksfall wäre, ob der Fremde nicht mit gutem Grunde von ihm sechstausend Franken beanspruchen könne. Schon öffnete er den Mund, um den Bankier zu bitten, das Geld wieder hin zu legen, unter Hinweis auf die Abwesenheit des rechtmäßigen Besitzers. Man bedenke ferner, daß eine große Aufregung bei dem Triumph von Rot entstanden war; das Geräusch von hundert Personen, die alle zugleich sprachen, war nicht dazu angethan, seine Gedanken zu klären. Er hörte die Leute in der Nähe sagen, das sei nur eine scheinbare Wendung zum Unglück, eine List der Fortuna, um die Spieler irre zu machen; Schwarz wäre noch für zehn Schläge gut; es wäre thöricht, um einer solchen Lumperei willen abzufallen. Der Gedanke, für Herrn Narni die verlorene Summe wieder zu gewinnen, drängte sich damit in die Windungen seines Gehirns, Er zählte mechanisch die Bankbillette, die er noch in der Hand hielt, wie ein General in der Schlacht seine Reserve mustert. »Wie?« sagte er bei sich selbst, »ich habe über dreißigtausend Franken mit einem Louisdor gewonnen, und sollte nicht versuchen mit dem was mir jetzt bleibt sechstausend zu gewinnen? Sechstausend Franken! eine Lumperei! Schwarz hält sich noch gut; das sagen alle. Was würde Herr Narni an meiner Stelle thun? Nun, spielen; er würde wieder gewinnen, was wir eben verloren haben, und würde nachher immer weiter vorrücken! Ich bin vernünftig und werde nur einen Schlag wagen, um die sechstausend Franken, die uns abgehen, wieder zu holen, und alsdann Gute Nacht, meine Herren!«

Vielleicht hätte er diesen vernünftigen Entschluß befolgt, wenn er seine sechstausend Franken mit dem ersten Schlage wieder erlangt hätte. Aber der Bankier brachte ein unentschiedenes Spiel und nahm die Hälfte der Einsätze. So führte Bitterlin frische Truppen ins Feld und der erste Zusammenstoß war für ihn günstig. Bei erneuertem Angriff verlor er, gewann dann wieder, vergaß seine Vorsichtsmaßregeln und stürzte sich blindlings in das dichteste Kampfgewühl. Schon lange saß er nicht mehr auf dem Platze, und sein Stuhl, von einer energischen Bewegung zurückgetrieben, stand weit hinter ihm. Aufrecht stehend, die Hände voller Gold und Kassenscheinen, setzte er auf Rot, auf Schwarz, je nach der Eingebung des Augenblicks. Sein Gesicht war bleich geworden; der Schweiß bedeckte in kleinen Perlen seine ganze Stirn. So oft der Bankier die Karten auflegte, zählte er halblaut die Punkte mit, ohne sich um die Späße der Umstehenden zu bekümmern. Er dachte ganz laut und fluchte manchmal zwischen den Zähnen. Ich bin überzeugt, daß er kaum noch an den Italiener dachte und daß er lange aufgehört hatte, ihn mit den Augen zu suchen. Wenn Meo so unbescheiden gewesen wäre, ihm Rat zu erteilen, würde er ihn mit der Spitze des Bajonettes empfangen haben. Seine Haltung, seine Stimme und seine Bewegung, alles an ihm atmete die Leidenschaft eines Besessenen; man möchte ihn einen verzweifelten Liebenden nennen, der dem Geschicke Gewalt anthun will.

Er gewann oft und große Summen; die Tausendfrankenscheine flogen ihm in Menge zu. Er zerknitterte sie in den Händen, stopfte sie in die Taschen, legte sie haufenweis auf die Tischdecke, alles ruckweise und ohne Abmessung seiner Bewegungen, Man sah den Augenblick kommen, wo die Bank ihre letzten Hilfsquellen erschöpfte; zwei- oder dreimal in einer Stunde konnte das Publikum denken, sie würde gesprengt sein.

Lieber Leser, hast du jemals eine Gazelle gejagt? Sie ist das sanfteste, harmloseste und liebenswürdigste Tier auf Gottes Erde. Ihr sanftes Fell reizt zu Liebkosungen und wenn man ihren hübschen sinnigen Kopf und ihre schönen Augen ansieht, so scheint es als müßte man sie küssen. Es giebt wohl im ganzen Menschengeschlecht kein so entartetes Wesen, das diesem reizenden Geschöpfe übel wollte.

Und dennoch, wenn die Hunde auf die Gazelle losgelassen sind, wenn die Pferde auf ihrer Spur quer durch den brennenden Wüstensand jagen, dann spornt der keuchende Jäger sein Roß, läßt seine Peitsche sausen und betet zu allen Winden, ihm ihre Flügel zu leihen. Nichts hält ihn dann auf, weder Gebüsch noch Felsen, weder Gießbäche noch Schluchten, noch der Tod, der in den Abgründen gähnt. Er stürmt hinter dem Feinde her, er ermüdet ihn, holt ihn ein, kommt ihm näher und näher und jubelt vor Siegesfreude; er packt ihn mit den Armen, stößt ihm das Messer in die Kehle und mordet mit unsäglicher Lust ein unschuldiges Tier, das er in einem Garten liebkosen würde.

So jagte und sprengte Herr Bitterlin die Bank, trotz aller der Vernunftgründe, aus denen er das Spiel verabscheute.

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