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Die Spielhölle in Baden-Baden

Edmond About: Die Spielhölle in Baden-Baden - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEdmond About
titleDie Spielhölle in Baden-Baden
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
seriesReclams Universal-Bibliothek
volume4465/4466
yearum 1900
firstpub
translatorAugust Baumeister
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid9c0ab92e
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VIII. Baden-Baden

So ging die Reise vierzehn Tage lang fort, durch Seen und Berge, unter Leitung Herrn Bitterlins. Die kleine Karawane, die durch einige unbedeutende Eindringlinge sich verstärkt hatte, bewunderte abwechselnd die schönen Matten und die alten Wälder, den Sonnenaufgang und die Regengüsse, die Wasserfälle und die Gletscher. Man pflückte einige Sträuße Alpenrosen; Meo erkühnte sich sogar, einen dem Hauptmann anzubieten, der ihn mit trockenem Danke in die Tasche steckte. Gemsen traf man nicht an; auch Bärenbraten wurde nicht gegessen; der Montblanc wurde nicht bestiegen, um das Vergnügen zu haben, die obere Seite der Wolken anzuschauen, die der unteren merkwürdig ähnlich sieht. Man kehrte täglich zweimal in höchst sauberen Gasthäusern ein; man aß vortrefflich auf weißen Tischtüchern von duftendem Linnen, und man schlief in ausgezeichneten Betten. Wer das Reisen so recht genießen will, das heißt, gut leben, sich behaglich bewegen und den Abend ausruhen ohne sich über Tages ermüdet zu haben, der muß vorzugsweise in die Schweiz gehen. Das gestand sogar der Hauptmann zu, wenn er zufällig nicht in schlechter Stimmung war. Die Städte, durch welche man dabei kam, sehen sich alle so ziemlich gleich; es giebt große und kleine; einige hängen hoch über dem Rhein, andere liegen am Ufer eines blauen Sees. Man sieht darin viele neue Häuser und einige alte Kirchen, herausgeputzte Gebäude und andere von zweifelhaftem Geschmack, mannigfaltige Landschaften und rauschende Gewässer. So oft man vor einer hübschen, mit Gärten umschlossenen Villa vorbeikam, wandte Meo den Kopf und begegnete Emmas Blick. Frau Möhring verstand es noch besser; sie veranlaßte ihren Gatten, den Kopf aus dem Wagenfenster zu stecken und küßte ihn draußen. Armer Meo! er hatte nicht einmal den Trost, sich an Herrn Bitterlins Schnurrbart zu reiben.

Eines Tages jedoch streifte er sehr nahe an das geträumte Glück; es war in Schaffhausen, angesichts des Rheinfalles. Der Hauptmann, in seiner Verachtung der betretenen Wege, wagte sich zu nahe an den Rand und glitt aus. »Endlich!« dachte Meo, und sprang seinem Schwiegervater zu Hilfe, aber der Eifer trug ihn über das Ziel hinaus, über den Zweig, an dem Bitterlin sich gehalten hatte. Der Retter erlebte die Beschämung, von demjenigen gerettet zu werden, dem er hatte helfen wollen; und als er versuchte seine Erkenntlichkeit zu bezeigen, ward ihm die Antwort, er hätte verdient, ganz hinunter zu purzeln.

Als er sich nun trübselig in eine Ecke verzog und abstäubte, kam Herr Le Roy, sein treuer Bundesgenoß, heran und sagte: »Mein armer Junge, Sie sind ganz verzweifelt ungeschickt. Zwei gute Gelegenheiten zu versäumen!«

»Zwei?«

»Ja, zwei; eine gute und eine mäßige. Nummer eins: den Herrn beim Arm packen und ihn der Welt wieder schenken. Diese Gelegenheit finde ich nur mäßig, sintemal Vater Bitterlin stets nur ein unmöglicher Schwiegervater sein wird. Nummer zwei: ihn bei den Haaren packen; das war die gute Gelegenheit. Ihnen blieb die Perücke in der Hand und der Hauptmann ging kopfüber Forellen fischen, und Sie heirateten seine Tochter, die Ihnen diesen Dank sicher schuldig wäre.«

Meo antwortete tief aufseufzend: »Sie machen doch über alles Ihre Witze!«

»Ich? ich behandle die Situation mit dem vollsten Ernst. Und sehen Sie! um zu beweisen, daß ich Ihnen wohl will, nehme ich Sie noch heute mit mir fort von hier.«

»Also verlassen Sie uns?«

»Jawohl; ich lasse die große Armee laufen. Die Bank da hinten hat Pech, wie es scheint; man spricht von einem Österreicher, der sie zweimal an einem Tage gesprengt hat.«

»Nun also?«

»Ei nun; ich werde einen Abstecher in die Salons dieser Schönen machen und ihr sagen: laß dich sprengen für Le Roy. Das ist ein Wortspiel.«

»Ja, was soll denn aus mir werden ohne Sie?«

»Aber, ich nehme Sie doch mit! Hören Sie mal, ich bin kein Schuljunge mehr, ich kenne das Leben und habe keine Brille nötig, um zu sehen, was an einem Menschen ist. Ihr Bitterlin ist ein Griesgram von der bösesten Sorte, die sich nie zähmen läßt. Seit vierzehn Tagen streicheln Sie ihn fortwährend und rufen: Put, put! Und was haben Sie erreicht?«

»Aber er ist ja vertraulich mit mir, er scherzt und wird grob; das ist schon etwas.«

»Alläh! kusch, kusch! sagt auch Bajazzo zu den Hunden und Stallknechten. Nach dem, wie Sie es jetzt treiben, kommen Sie in hundert Jahren nicht zum Ziele.«

»Gleichviel; ich kann aber nicht von ihr lassen; ich werde ihr bis ans Ende der Welt folgen. Und, wer weiß? am Ende wird Bitterlin sich von meiner Beharrlichkeit rühren lassen. Wenn er mich etwa nur prüfen wollte?«

»Das ist, als wenn Sie sagen, die Kanonenkugeln fliegen durch die Reihen, um die Soldaten zu prüfen. Nein; dieser Mensch ist ein Tier; wenn das Wort Ihnen anstößig ist, wollen wir nur sagen, er ist verroht. Er liebt Sie nicht, liebt seine Tochter nicht, liebt nichts auf der Welt, nicht einmal die Forellen; und wenn Sie ja etwas bei ihm erreichen wollen, so dürfen Sie ihn nicht auf der Gefühlsseite angreifen. Das ist mein letztes Wort.«

»Aber ums Himmels willen, wie würden denn Sie ihn angreifen?«

»Was zum Teufel soll ich Ihnen sagen? Ich verstehe mich nicht auf die Behandlung von Stachelschweinen. Ach! unsere Erziehung in der Pension Labadins hat viele Lücken gelassen!«

Solches waren die letzten Trostworte, die Meo von seinem Freunde zu hören bekam. Gegen Ende der Mahlzeit kündigte Herr Le Roy seine Abreise nach Baden an. Der Hauptmann antwortete freundlich: »Glückliche Reise, meine Herren!«

»Aber,« stotterte Meo, »wir reisen nicht ... Entschuldigen Sie ... Der Herr geht allein fort ... wenn Sie nämlich erlauben wollen ...«

»Was geht das uns an?« antwortete der Hauptmann. »Auf der Reise ist jeder für sich da. Der Herr hat Geschäfte, er treibt also sein Geschäft. Andere treiben gar nichts; nun, mögen sie spazieren gehen!«

»O, was mich betrifft,« sagte der Pariser, »meine Geschäfte sind nicht verwickelt. Ich werde zehntausend Franken einem braven Manne auszahlen, der mir keinen Schuldschein giebt. So ist es in Paris Mode. Seit man Kalifornien und Australien entdeckt hat, strömt uns das Gold so massenhaft zu, daß wir es nicht mehr bergen können. Es geniert uns und langweilt uns, es macht uns die Taschen schwer und juckt uns in den Händen; wir mögen es gar nicht mehr festhalten, auf Ehre! Also was thun? man geht ins Bad nach Baden und kommt geheilt zurück.«

Bitterlin wurde ganz deutlich kirschbraun im Gesichte. »Sie sind also ein Spieler?« sagte er. »Das hätte ich eher von vielen andern Leuten geglaubt, Herr, als von Ihnen. Was mich betrifft, so habe ich jedesmal, wenn man mich zum Spiel aufforderte, geantwortet: ›Ich bin nicht so arm, daß ich Ihr Geld nötig hätte, und nicht reich genug, um Ihnen das meinige zu schenken.‹«

»Ich aber, mein Herr, besitze reiche Onkel und Tanten genug, so daß ich mir gestatten darf, mit Gleichmut zu gewinnen und zu verlieren. Das Spiel habe ich in Paris begonnen, unter den jungen Leuten der Lebewelt. Es ist da hergebracht, wenn man unter Freunden gespeist hat, bunte Karten zu biegen, um sich den Kopf zu kühlen. Dieses Sodawasser ist mir freilich teurer zu stehen gekommen, als das vom Apotheker. Ich habe abwechselnd verloren und gewonnen; aber da immer auch Damen von der Partie waren, so kam ich gewöhnlich ohne einen Pfennig nach Haus, dazu nach einer wüsten Nacht ermüdet, mit schmutzigen Fingernägeln, schwerem Kopf und blassem Gesicht. Ich schlief dann bis fünf Uhr abends und sah auf meinem Pfühl die Kartenbilder umhertanzen. Nachdem ich es so zwei bis drei Jahre getrieben hatte und dabei in sehr schlimmen Geruch gekommen war, faßte ich einen heroischen Entschluß. Mein liederlicher Hang sollte in ordnungsmäßige Wege geleitet werden. Das Spiel kostete mich im Jahre durchschnittlich fünfhundert Louisdors, ungerechnet die Gesundheit, den Ruf, die gute Laune und alle die Freunde, die sich nicht mehr sehen lassen, weil man ihnen Geld geliehen hat. Da will ich lieber zehntausend Franken auf einmal in Baden verlieren; das ist weniger anstößig, weniger aufreibend, gesünder und rascher zu Ende. Da bin ich sicher, daß die Bank keine präparierten Spielkarten aus den Rockärmeln schüttet. Ich weiß auch, daß sie mich nicht um fünfundzwanzig Louisdor anpumpt, um frühmorgens den Wagen nach Hause zu bezahlen. Gewinne ich, was rein unmöglich ist, so kann ich ohne Scheu den Großmogul spielen und brauche mir nicht vorzuwerfen, daß ich in meiner Tasche das Brot für eine ganze Familie davontrage. Die Bank ist ein unpersönliches Wesen, man kann ihr im Trente et quarante fünfzigtausend Franken abnehmen, ohne befürchten zu müssen, daß sie sich eine Kugel vor den Kopf schießt. Und wenn umgekehrt sie mir mein Geld wegholt, so wird sie damit nicht auf den Straßen in Paris prahlen und meinen Kredit schädigen, indem sie sagt, ich gehe dem Abgrund entgegen. Da haben Sie meine Gründe.«

»Wie? Herr,« entgegnete der Hauptmann, »Sie sind ein gescheiter und wohlerzogener junger Mann, ja besser erzogen, als zum Beispiel der Herr da, und Sie können doch keinen bessern Gebrauch von Ihrer Zeit und Ihrem Vermögen machen? Man wählt doch eine Laufbahn, zum Teufel! Jawohl, man ergreift eine Laufbahn!«

»Ach leider! mein Herr, habe ich keine Studien gemacht, daß ich Ingenieur werden könnte, oder auch Strumpfwirker oder Universitätsprofessor. Ich hätte mich können um eine Stelle in der Verwaltung bewerben, wie so viele andere, die an der Pforte der Ministerien auf der Lauer liegen; aber dieses Spiel ist noch unsicherer als die Roulette: ich danke dafür! Ich hätte auch können auf die Börse gehen; ich dachte einmal daran. Aber die Spielregeln sind dort zu schwierig. Außerdem kann man da mehr verlieren, als man besitzt, und es wäre mir nicht schmeichelhaft gewesen, meine Ehre auf diesem Teppich sitzen zu lassen. Endlich hatte ich noch das Mittel einer reichen Heirat vor mir, Fi! abscheuliche Lotterie, worin man das gewünschte Los fast nie gewinnt, oftmals dagegen ein sehr unerwünschtes zieht! Darum also, Hauptmann, lade ich Sie ein, ein Gläschen Chartreuse mit mir zu trinken auf die gute Stadt Baden und Herrn Benazet, ihren Propheten,«

»Sie werden mich entschuldigen,« sagte Bitterlin. »Meine Überzeugung ist unerschütterlich, und ich schließe mich kräftig dem edlen Gedanken des Gesetzgebers an, der die Aufhebung der Spielhöllen in Paris verfügt hat,«

»Ei, ohne Zweifel hat er wohl gethan! Wer sagt denn das Gegenteil? In Paris finden sich ganze Scharen von jungen Bediensteten, die für ihre Prinzipale, Kaufleute oder Notare, schwere Geldsäcke umhertragen. Wenn wir nun Spielsäle hätten, so würden diese oft mit leeren Händen heim kommen und Frankreich hätte nicht Galeeren genug, um sie bequem unterzubringen. Aber Baden ist 150 Meilen von Paris, es kostet Geld dahin zu reisen, wieder Geld, um zu logieren und täglich zweimal zu speisen; und wenn jemand die Mittel besitzt, diese Kosten zu tragen, so thut der grüne Teppich niemand unrecht, indem er ihm sein Geld abnimmt.«

Der Hauptmann schneuzte sich mit einiger Feierlichkeit und erwiderte: »Sie sprechen so leicht hin, mein Herr. Sie und Ihr Freund sind Vertreter einer Gesellschaft, die früher oder später an ihrer Verkehrtheit scheitern wird. Aber ein Offizier wird nicht so alt wie ich bin, um seine Lebensgrundsätze zu verleugnen. Das Spiel ist unmoralisch, so wie alle andern Mittel, ohne ehrliche Arbeit reich zu werden. Ich habe es meinen Unteroffizieren und Soldaten verboten, ich habe es mir selbst verboten und ich will meinen Namen Bitterlin auf immer verlieren, wenn ich je von dem Wege abweiche, den mir die Ehre vorgezeichnet hat. Nennen Sie mich Pedanten, so viel Sie wollen! Mit Pedanten meiner Art hat der Spartaner Lykurg einst die Welt erobert.«

»Hat der die Welt erobert?«

»Gewiß, mein Herr. Ich werde nicht den Vorzug haben, Sie in Baden wieder zu sehen. Dieser Ort war auf meinen Reiseplan eingezeichnet, aber nachdem Sie mich eben belehrt haben, was man dort für ein Leben führt, wird Baden sich drein schicken müssen, ohne mich auszukommen!«

Die kleine Frau Möhring, die nicht oft mit jemand sonst sprach, als mit ihrem Manne, erhob Einsprache gegen diesen Entschluß.

»Mein Gott, wie schlecht sind Sie berichtet,« sagte sie. »Ich habe einen ganzen Sommer in Baden zugebracht, ehe ich meinen lieben Fritz kennen lernte, und habe gar nichts davon gehört, daß man dort spielt. Es ist eine köstliche Gegend, frischgrün und schattig, poetisch wie eine Geßnersche Idylle. Sie finden dort die beste deutsche Gesellschaft, Hofräte, adelige Stiftsfräulein, Ritter des roten Adlerordens mit Bändern um den Hals, und sogar regierende Hoheiten, Die eine Hälfte des Lebens besteht in Spaziergängen im Schwarzwalde, Frühstücken auf dem alten Schloß, im Bären oder im Jagdhorn; die andere aus Konzerten, Pferderennen, Bällen und Schauspielen. Wir hatten französische Bühnenkünstler und Stücke, welche von den ersten dramatischen Autoren von Paris eigens für uns verfaßt waren. Ich war drei Monate dort und habe nie spielen sehen, außer in der Oper und in der Komödie.«

Als sie ihre Rede schloß, wurde sie ganz rot und küßte ihrem Gatten die Hand, um sich wieder Haltung zu geben.

»Die Dame spricht die volle Wahrheit,« erklärte Herr Le Roy. »Neun Zehntel aller Reisenden, die in Baden ihr Geld verlieren, werden durch jene Lockmittel angezogen. Die Landschaften des Schwarzwaldes – reines Lockmittel! Die deutschen Prinzen, nur Lockmittel! Die Rennen, Jagden, Schauspiele und Konzerte, lauter Köder und Lockspeisen! Ich habe bemerkt, daß alle Rasenflächen des Parks sanft hinableiten zu dem grünen Teppich des Konversationshauses. Ich bin den Hoheiten auf der Promenade nachgegangen und sie haben mich ganz unvermerkt ans Roulette hingeführt. Ich habe in roter Jacke eine Steeplechase mitgeritten, habe sogar einen Preis von zweitausend Franken gewonnen, aber ich habe mich beeilt, das Dreifache im Trente et quarante zu verlieren; so schnell wie ich den Rock gewechselt hatte, war auch mein Geld weg! Unsere Bühnenkünstler gehen dahin, um das Publikum anzulocken, aber man bittet sie falsch zu singen, um die Leute wieder an den Spieltisch zu jagen. Unsere berühmten Dramatiker schreiben Komödien für Baden, aber sie werden angewiesen, sie recht langweilig zu machen, damit das Publikum durch den Namen angezogen wird, aber vor dem Stücke wegläuft. Von Zeit zu Zeit jagt man einen Hirsch im Schwarzwalde, aber die Beute fällt immer zum Vorteil der Verwaltung aus; das Tier ist kaum niedergesunken, so haben die Jäger das Nachsehen. Für meine Person ist mir das gleichgültig; denn ich weiß genau, was ich in Baden will. Was mich dahin lockt, ist nicht der Köder, sondern der Angelhaken selber.«

»Ja,« fügte auch Herr Möhring fein und ruhig lächelnd bei. »Groß ist der Unterschied zwischen dem Lande, wo wir jetzt sind, und dem andern, wohin wir gehen. Sie wollen mir verzeihen, wenn ich mich schlecht ausdrücke, da ich ein Fremdling in Ihrer Sprache bin. Mir scheint, die Mama Schweiz ist eine dicke Amme, die uns zu essen und zu trinken giebt in einem prächtigen Wirtshause, wo in den Zimmern auf allen Tapeten Berge und Schweizerhäuschen gemalt sind. Sie nennt sich die Witwe eines berühmten Mannes, den niemand gesehen hat und dessen Existenz sogar bestritten wird; trotzdem stellt sie sein Bild überall in den Zimmern aus, mit einem Apfel in der einen Hand und der Armbrust in der andern. Man ist nicht gezwungen für wahr zu halten, was sie von dem Seligen erzählt, aber da sie eine brave Frau ist und uns gut behandelt hat, küssen wir sie beim Abschiede herzhaft ab und versprechen wieder zu kommen. Dagegen Fräulein Baden ist eine junge glänzende Erscheinung und gut gekleidet; sie reitet und jagt, tanzt und singt, und spielt ausgezeichnet die modernste Komödie; aber sie hat die Gewohnheit, ihren Freunden das Geld abzunehmen und sie mit leeren Händen heim zu schicken. Doch darum ist sie nicht minder hübsch.«

Die Unterhaltung wurde allgemein, wie es so geht an Wirtstafeln, wenn einer der Gäste angefangen hat laut zu sprechen. Unter zweiundzwanzig Personen, die dort beim Rheinfall zusammen zu Mittag aßen, waren vierzehn, die Baden kannten, weil sie dort ihre Thaler gelassen hatten. Das einstimmige Urteil der kompetenten Richter war, es sei sehr leicht, nicht nach Baden zu gehen, aber sei man einmal dort, so müßte auch der Weiseste unvermeidlich seine Taschen leeren.

»Ja, ja, Herr,« sagte Möhring zu dem Hauptmann, »Sie thun recht daran, Ihren Reiseplan zu ändern. So fest Sie auch in Ihrer Absicht sind, Sie werden sich biegen, wie eine Eisenstange im Schmiedefeuer. Ich will Ihnen nicht mein eigenes Beispiel vorführen, denn jedesmal, wo ich Baden berühren mußte, habe ich im voraus meinen Anteil für die Roulette beiseite gelegt. Aber hören Sie eine Geschichte, die Ihnen vielleicht zu denken giebt. Ein Pastor aus meiner Gegend, der ehrwürdige Leuckel, ging 1854 nach Baden, um Stoff zu sammeln für eine große Predigt gegen das Spiel; er hatte seine Frau und zwei Töchter auf der Reise bei sich. Ich habe sie am dritten Tage nach ihrer Ankunft alle vier gesehen, wie sie eine Karte und eine Nadel in den Händen um einen Tisch bei Trente et quarante herumsaßen. Die kleine Familie hatte schon fünfzehnhundert Gulden verloren!«

»Und die Predigt?« fragte Le Roy.

»Ich habe sie im folgenden Winter gehört. Großartig! Herr; er rührte die ganze Zuhörerschaft zu Thränen, besonders aber seine Frau.«

»Ja, was beweist denn das?« fiel der Hauptmann heftig ein; »daß Ihr Pastor kein Mann von Grundsätzen war.« Dann dämpfte er bescheiden seine Stimme, setzte hinzu: »Ich bin ein Mann von Grundsätzen ...«

»Der Gerechte vergißt sich siebenmal täglich.«

»Im Regiment niemals, Herr. Wie sollte ich Autorität über meine Leute gewonnen haben, hätte ich nicht ein lebendiges Beispiel gegeben? Es giebt keinen besseren Prediger, als einen tadellosen Offizier, wie ich mich rühme es gewesen zu sein. Ich kenne alle Spiele und bin sogar sehr gewandt darin. Im Pikett, in der Bezigue, im Domino und im Billard bin ich der Mann, den Schlauköpfen eine Lektion zu erteilen; aber niemand kann sich rühmen gesehen zu haben, wie ich dabei etwas gewann oder verlor, und wäre es nur ein Absinth oder Kaffee mit Cognac!«

»Gut also,« sagte Le Roy; »Sie thun wohl daran, Baden zu verabscheuen. Das beste Mittel die Sünde zu meiden, ist, die Versuchung zu fliehen.«

»Welche Versuchung? Ich würde auch nicht einmal in Versuchung kommen!«

Von allen Seiten wurde dagegen Einspruch erhoben.

»Nein,« wiederholte er, »ich würde nicht in Versuchung kommen, und ich will Ihnen den Beweis liefern. Ich werde meine Reise fortsetzen, als wenn nichts geschehen wäre; ich gehe nach Baden, ich halte mich einen Tag lang im Spielsaale auf mit Geld in der Tasche, und Sie sollen sehen, ob ich auch nur einen Franken daran setze!«

»Wollen Sie um etwas wetten?«

»Nein, Herr. Erstlich, weil ich Ihnen Ihr Geld stehlen würde; dann auch, weil ich ein Mann von Grundsätzen bin und wetten ja auch spielen ist.«

Der Hauptmann sprach dies so laut und so sicher, daß ein Umschwung in der allgemeinen Meinung eintrat. Sicherlich hatte Herr Le Roy die eigene Schwachheit ein wenig zu freigebig auf andere übertragen. Einem Manne ins Gesicht sagen, daß er anfangen wird zu spielen, nachdem er sich sechzig Jahre des Spiels enthalten hat, das streift an Verwegenheit. Mister Plum wettete zwanzig Pfund, daß der Hauptmann nicht spielen werde. Herr Le Roy ging die Wette ein und nahm von der Gesellschaft Abschied.

Diese Abreise beraubte Meo seines Verbündeten und lieferte ihn Herrn Bitterlin widerstandslos in die Hände. Der mürrische Alte sprach allerdings gern und vertraulich mit ihm; aber darum war er durchaus nicht zahmer geworden. Wenn der Hauptmann schon im normalen Zustande, in Paris und bei ruhigem Leben als ein giftiges Tier gelten konnte, so hatte die Reise ihn noch schlimmer gemacht. Die Bewegung und die frische Luft, die Nahrung und die ganze Lebensweise auf der Reise erzeugen im Menschen einen Überschuß von Lebenskraft, der nicht dazu angethan ist, Wölfe in Lämmer zu verwandeln. Es entsteht eine gewisse Vollblütigkeit und Spannung, dann eine zornähnliche Entfesselung der Kräfte. Die Bosheit war bei dem Hauptmann nie heftiger herausgeplatzt; die empfindlichen Saiten seines Gemüts brachen beim geringsten Anstoß in grelle, disharmonische Töne aus. Mit seiner Tochter mäßigte er sich, weil sie ihm die Spitze geboten hatte, weil er hoffte sie herum zu kriegen, und weil er die Zeugen fürchtete; Haustyrannen pflegen sich in der Öffentlichkeit etwas zu beherrschen. Aber ein unglücklicher Unbekannter, der sich herandrängte, sich ihm hingab, der seine Ohrfeigen mit Dank quittierte, der sollte die volle Wucht seiner schlechten Laune ertragen. War doch auch Meo alsbald seine Zielscheibe, sein Prügelknabe und sein ausersehenes Opfer geworden; er mißbrauchte die Sanftmut des Italieners in häßlicher Weise. Er behandelte ihn um so übler, weil Meo schön war, er aber häßlich, weil Meo groß und er selbst klein war; die kleinen Leute sind unversöhnlich, wenn man sie gewähren läßt. Die Gelassenheit des Ausländers, die Löwen und Tiger entwaffnet hätte, reizte ihn eher und er stürzte sich mit grimmiger Lust auf dieses jagdbare und blutende Wild.

Meo aber dachte niemals daran, diese Bestie zu erwürgen, was für seine gesunden Arme ein Spiel gewesen wäre; er wandelte seinen Dornenweg mit der Ergebung eines Märtyrers. Nicht nur unter vier Augen ließ er sich alles gefallen, nein, auch ganz öffentlich, vor einem Dutzend Zeugen schluckte er alle Bosheiten ruhig hinunter. Mehr als einmal ertappte er in den Augen seiner Reisegefährten mitleidsvolle Blicke, die ihm das Blut hoch auf ins Gehirn trieben; aber die Kraft seiner Liebe war so mächtig, daß ein Wink von Emma ihn über alles tröstete. Die Franzosen besitzen nicht solche Stärke, weil bei ihnen sogar in der Liebesleidenschaft die Eitelkeit sehr überwiegt.

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